Therese Wiesert

geboren am 2. Dezember 1893 in Saarbrücken
gestorben am 18. Juli 1990 in Bad Münstereifel, beigesetzt auf dem Bergfriedhof in Heidelberg

deutsche Fürsorgeschwester – gradlinig auch in der Diktatur
20. Todestag am 18. Juli 2010


BiografieZitateLiteratur & Quellen


Biografie

Therese Wiesert entstammt einer Architektenfamilie aus Saarbrücken. Nach einem Auslandsaufenthalt als „Haustochter“ in England beginnt sie ihre Ausbildung als Kinderkrankenschwester in der Luisen-Heilanstalt in Heidelberg. Deren Leiter Professor Ernst Moro empfiehlt sie an die Stadt Heidelberg, und seit dem Kriegsjahr 1916 ist sie hier als Fürsorgeschwester tätig. Sie wird im Jahr 1921 als erste städtische Fürsorgerin verbeamtet. Ihre Hauptaufgabengebiete sind Mütterberatung und Säuglingspflege vor allem in den einfachsten Quartieren der Altstadt. Dort trifft sie auf den für sein Eintreten für verfolgte Juden bekannten Pfarrer Hermann Maas, der oft die gleichen Familien seelsorgerisch betreut, um die sie sich als Fürsorgerin kümmert. In seinem Pfarrhaus geht sie als „Tante Resi“ über viele Jahre ein und aus.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und mit Beginn des Kirchenkampfes arbeiteten Pfarrer Maas und Therese Wiesert in der Heidelberger „Bekenntnisgemeinschaft“, die sich gegen die NS-orientierte Glaubensbewegung der „Deutschen Christen“ stellte, eng zusammen. Frau Wiesert, die nie einer Partei beigetreten ist, verlangte in einem Brief vom 29.11.1933 an den Heidelberger Theologen und lokalen Leiter der Bekennenden Kirche Professor Renatus Hupfeld, den in Heidelberg im Ruhestand lebenden Pfarrer Dr. Ernst Lehmann in den „Pfarrernotbund“ aufzunehmen. Hupfeld hatte nämlich Lehmann und anderen NS-Gegnern nahegelegt, „auf die Aufnahme in die Bekenntnisgemeinschaft zu verzichten, weil sie politisch belastet sind und daher die Gemeinschaft in einen falschen Verdacht bringen könnten.“ Lehmann war jüdischer Abstammung und Religiöser Sozialist und hatte sehr früh eine Flugschrift mit einer scharfen Kritik am Nationalsozialismus („Deutschland – wohin?“) veröffentlicht. In dieser vorauseilenden Zurückweisung von Pfarrer Lehmann durch Hupfeld sah Therese Wiesert einen Schritt zur Anpassung an die nunmehr herrschende politische Linie sogar bei Theologen und war „auf´s Tiefste beunruhigt“.

Parallel zur Auseinandersetzung in der badischen und in der Heidelberger Bekennenden Kirche hatte Therese Wiesert ab 1933 auch Konflikte an ihrem Arbeitsplatz im Heidelberger Rathaus (Prinz Carl) durchzustehen. Das Rathaus wurde nach der NS-Machtübernahme in großer personeller Kontinuität weitergeführt, nachdem Oberbürgermeister Carl Neinhaus sowie sein Stellvertreter und der Personalamtschef noch 1933 in die NSDAP eingetreten waren und sich damit selbst gleichgeschaltet hatten. Der erste Konflikt ging darauf zurück, dass Therese Wiesert wegen „Nichterzeigung des Deutschen Grußes“ (Dezember 1933) denunziert und zu einer Vernehmung vor den Oberbürgermeister und den Personalamtschef zitiert worden war.

Der zweite Konflikt – ebenfalls durch eine Denunziation angestoßen – führte zu einem Disziplinarverfahren und zu ihrer Entlassung. Im Zeichen der Nürnberger Gesetze, 1935, war beim Personalamt der Stadt eine Anzeige eingegangen: Frau Wiesert unterhalte eine „enge Freundschaft“ mit den beiden „nicht-arischen“ Professoren-Familien Fraenkel und Heinsheimer. Bei ihrer Vernehmung blieb Frau Wiesert ihrer Einstellung treu und war bereit, die Konsequenzen auf sich zu nehmen. Sie legte dar, „daß sie nach reiflicher Überlegung den Verkehr, der schon über zehn Jahre bestehe, nicht abbrechen könne. Eine andere Stellung könne sie nach ihrem christlichen Gewissen nicht einnehmen.“ Daraufhin wurde die Fürsorgeschwester aus dem Dienst entlassen und verlor zugleich ihren Anspruch auf Dienst- und Ruhegehalt. Als Begründung wurde genannt, durch ihren Kontakt zu jenen Familien setze sie sich „in Widerspruch zu den Grundsätzen der nationalsozialistischen Staatsführung“.

Frau Wiesert legte gegen ihre Entlassung formell Beschwerde ein. Dann klagte sie vor dem Verwaltungsgerichtshof in Karlsruhe. Hier wurde ihr im Mai 1936 fast auf ganzer Linie Recht gegeben: ihre Entlassung durch den Oberbürgermeister musste aufgehoben werden. Bei der Verhandlung in Karlsruhe stellte sich sogar heraus, dass es noch gar keine rechtsverbindliche Regelung darüber gab, inwieweit Beamte Kontakte zu Juden unterhalten durften. Der OB hatte im Sinne der Isolierungspolitik des Regimes gegenüber den Juden gehandelt, sogar vorauseilend.

Auch während dieser Auseinandersetzungen mit der Stadtspitze führte Therese Wiesert ihre Zusammenarbeit mit Pfarrer Hermann Maas weiter. Dieser hatte in engem Kontakt mit dem „Büro Grüber“ in Berlin auch in Heidelberg eine „Hilfsstelle für christliche Nichtarier“ aufgebaut und diese durch weitreichende Verbindungen zu ökumenischen Stellen im Ausland ergänzt: sein Hauptanliegen war dabei, Emigrationsmöglichkeiten und Rettungswege für getaufte und ungetaufte Juden zu erschließen. Therese Wiesert unterstützte Maas z.B. dadurch, dass sie seine Briefe, die nicht in die Hände der Gestapo fallen sollten, bei Reisen nach London mitnahm: so einen Brief vom 19.3.1936 für den 14jährigen Sohn Gerhard der jüdischen Familie Fisch aus Heidelberg.

FrauenbildAls Frau Wiesert nach dem Krieg die Aufhebung der Disziplinarmaßnahmen „im Wege der Gnade“ angeboten wurde, lehnte sie ab. Sie wollte nicht im Nachhinein die nationalsozialistische Rechtsauffassung bestätigen. Ihre Englisch-Kenntnisse waren jetzt wieder besonders gefragt: es ging um die Fälle von Adoption deutscher Kinder durch in Heidelberg wohnende amerikanische Familien. Diesen Bereich sollte sie sogar noch über ihre Pensionierung hinaus weiter betreuen. In dem erwähnten Brief nach London charakterisierte Hermann Maas die Überbringerin als „sehr tüchtig, gütig und tapfer“. Man sollte hinzufügen, dass sie auch „gradlinig“ blieb, als so viele - und gerade ihre Vorgesetzten - sich opportunistisch anpassten. Neinhaus wurde nach zwei Entnazifizierungsverfahren –  jetzt als CDU-Kandidat - im Jahre 1952 als OB wiedergewählt und stieg weiter auf zum Präsidenten des Landtags Baden-Württemberg; 1967 wurde er in Heidelberg mit der Ehrenbürgerschaft ausgezeichnet. Frau Wiesert wurde im Jahr 1959 als „Fürsorgeoberinspektorin“ verabschiedet.   

 

 

Albrecht Rissler und Frank Moraw

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Zitate

„Ich habe den Kirchenkampf von Anfang an mit größtem Interesse und innerer Anteilnahme verfolgt und habe die Kraft der Bekenntnisgemeinschaft darin gesehen, dass sie ihren Kampf bisher abseits von aller Politik rein um des Bekenntnisses willen geführt hat.“ (Therese Wiesert an Professor Renatus Hupfeld am 29.11.1934)

„Bei der von mir geforderten Entscheidung habe ich mich auf mein christliches Gewissen berufen. Es erscheint mir notwendig, hier noch einmal ausdrücklich zu betonen, dass meine Einstellung aus tiefster innerer Überzeugung kommt und dass ich mich als evangelischer Christ gebunden fühle an das, was Schrift und Bekenntnis von den Gliedern der Kirche fordern.“ (Therese Wiesert am 30.9.1935 in ihrer Beschwerde gegen ihre Entlassung durch Oberbürgermeister Dr. Carl Neinhaus) 

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Literatur & Quellen

Stadtarchiv Heidelberg
Privatarchiv Albrecht Rissler, Heidelberg

Blum, Peter (Hg.), Geschichte der Juden in Heidelberg. Heidelberg 1996
Hermann Maas-Stiftung Heidelberg (Hg.), Claudia Pepperl. Hermann Maas und sein Eintreten für verfolgte Juden im Dritten Reich. Heidelberg 1991
Kirchberg, Christian. Der Badische Verwaltungsgerichtshof im Dritten Reich. Berlin 1982
Moraw, Frank. “Heidelberg im Zeichen der Nürnberger Rassengesetze”. In: Heidelberg. Jahrbuch zur Geschichte der Stadt 1996 Jg.1

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Hedwig Dohm