Vera Muchina

geboren am 19. Juni 1889 in Riga
gestorben am 6. Oktober 1953 in Moskau
russische Bildhauerin
50. Todestag am 6. Oktober 2003


Auf der Pariser Weltausstellung 1937 wurde der sowjetische Pavillon gekrönt von der monumentalen Stahlskulptur “Arbeiter und Kolchosbäuerin”. Das heroisch anmutende Paar, das - mit Hammer und Sichel bewehrt - den Himmel stürmt, galt seitdem als nationales Symbol des neuen Sowjetstaates. Schöpferin des Werkes war eine Frau: die Bildhauerin Vera Muchina.
Sie gehörte zur russischen weiblichen Avantgarde vor dem ersten Weltkrieg und kam, wie die meisten Frauen dieser Künstlerinnengeneration, aus einer großbürgerlichen Familie. Muchina studierte in Moskau, wo die gleichaltrige hochbegabte Malerin Lubow Popowa ihre Studienkollegin war und eine ihrer besten Freundinnen wurde. In ihren Erinnerungen schrieb Muchina: “Ljubow Popowa spielte für meine Entwicklung eine wichtige Rolle, ich begann Dinge zu durchschauen und lernte durch sie die VertreterInnen der neuen russischen Malerei und den Kubismus kennen.”
Wie fast alle russischen Künstlerinnen der Zeit ging auch Muchina nach Paris, wurde Schülerin bei Bourdelle, einem Assistenten Rodins, und kam nach der Auseinandersetzung mit dem Kubismus, dem Besuch von Anatomievorlesungen und dem Studium der antiken Skulpturen des Louvre zu immer klareren eigenen Formen. Anschließend reiste sie mit Popowa und Iza Burmejster durch Frankreich und Italien, kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs kehrten sie nach Rußland zurück.
Beflügelt durch die Ideen der Revolution, beteiligte sich Muchina gemeinsam mit der Bildhauerin Lebedeva an Wettbewerben für öffentliche Denkmäler im Rahmen des von Lenin entworfenen “Plans der monumentalen Propaganda”; die junge BildhauerInnengeneration wurde aufgefordert, neue Werke zu schaffen für “Helden der Revolution aus Vergangenheit und Gegenwart.” Eine der ersten Arbeiten Muchinas trägt den Titel “Die Flamme der Revolution” (1919). Doch die Lebens- und Arbeitsbedingungen der KünstlerInnen waren katastrophal, das Arbeitsmaterial so schlecht, daß die Werke bei Regen und Frost zerfielen, oft blieben nur kleine Studienentwürfe erhalten.
Muchina arbeitete auch auf anderen Gebieten der Gestaltung, häufig zusammen mit anderen Künstlerinnen, z.B. für Bühnenbild und Film mit Alexandra Exter und im Bereich Mode und Bekleidung mit Nadeshda Lamanova. Mitte der zwanziger Jahre kehrte sie zur Skulptur zurück, ihre Themen waren jetzt der weibliche Akt und die Porträtbüste.
In dieser Zeit begann der Exodus der russischen KünstlerInnen ins westliche Ausland; die meisten waren nicht mehr gewillt, die zunehmende Bevormundung und Kontrolle durch den sowjetischen Staatsapparat hinzunehmen. Andere gingen in die innere Emigration, viele endeten im Arbeitslager. Doch Muchina – hoch gelobt von Anatoli Lunatscharski, dem Volkskommissar für das Bildungswesen – konnte weiterarbeiten, erhielt in den dreißiger und vierziger Jahren viele öffentliche Aufträge und Ausstellungsmöglichkeiten im In- und Ausland. Viele ihrer Werke sind ideologisch-patriotisch orientiert, gleiten aber selten in öden sozialistischen Realismus ab, sondern bewahren sich eine kraftvolle Eigenständigkeit.
Auch so gesehen war ihre Rolle als Frau und Bildhauerin in ihrer Zeit und ihrem Land einmalig.

(aus Pusch/Gretter, Berühmte Frauen: 300 Portraits, Bd 3, in Vorbereitung)

Renate Rochner

Jablonskaja, Mjuda N. 1990. Russische Künstlerinnen. Bergisch Gladbach. Gustav Lübbe Verlag.
Muchina, Vera I. 1958. Wera Muchina. Einl. D. E. Arkin; übs. Kurt Küpper. Dresden. VEB Verl. d. Kunst.

Fembiografie empfehlen       Druckversion

Seitenanfang

Hedwig Dohm