18.04.2015

Aufräumen nach dem Shitstorm, 2. Teil: Dürfen Frauen um Frauen trauern?

Fast gleichzeitig mit den Menschen im Flug U49525 starb eine fast gleich große Menge von Menschen durch Selbstmordattentate im Yemen (20.3.) und in Garissa, Kenia (2.4.). Wir alle waren betroffen und aufgewühlt wie immer bei solchen Schreckensnachrichten - aber die Betroffenheit hielt sich, verglichen mit der über Flug U49525, doch in Grenzen, gerade auch in den Medien. Warum? Ich vermute, weil diese Katastrophen nicht so viel mit UNSERER Identität zu tun hatten. Ja, wir sind alle Menschen und als solche betroffen, wenn andere Menschen sterben. Vor allem, wenn es so viele Menschen auf einmal sind. Aber wenn viele Deutsche auf einmal sterben, die mit unserer deutschen Lufthansa flogen, dann geht uns das näher, weil es uns näher ist.

Bei der Berichterstattung über den Flug U49525 wurde immer wieder eine Gruppe besonders hervorgehoben: Die Schulklasse aus Haltern und ihre beiden „Lehrer“. Irgendwann, ziemlich spät, wurde korrigiert: Es waren Lehrerinnen. Weiterhin wurde aber nur von „Schülern“ geredet. Ich dachte mir, das können nicht alles Schüler gewesen sein, sicher waren auch Schülerinnen darunter, besonders, da es sich um eine Sprachklasse handelte. Ich recherchierte im Internet und fand schließlich eine Namensliste der getöteten Schülerinnen und Schüler in der New York Times. Und dann eine weitere Namensliste in einer Traueranzeige aus Haltern.

Ich war selbst erstaunt, dass diese „16 Schüler“ - eine Formulierung, die ich bis dahin ausschließlich gelesen hatte - in Wahrheit 14 Schülerinnen und 2 Schüler waren. Wie schon seit 35 Jahren der Kritik am sog. generischen Maskulinum fragte ich mich: Was wäre im umgekehrten Fall - wenn also diese jungen Menschen in den Medien fortwährend als „Schülerinnen“ bezeichnet worden wären? Ich bin sicher, das wäre allgemein als höchst unpassend, ja als Verhöhnung der beiden männlichen Opfer verurteilt worden.

Ein Vorwurf, der mir dann während des Shitstorms dauernd gemacht wurde, lautete: “Wie kann man nur bei einer solchen Katastrophe weibliche und männliche Opfer auseinanderhalten wollen? Es waren Menschen, MENSCHEN, die gestorben sind - warum begreifen Sie das nicht in Ihrem feministischen Wahn?” Einige formulierten es drastischer: „Ob Schülerin oder Schüler, ist doch egal. Tot ist tot.“ Diese Kritiker übersehen und übergehen den Unterschied zwischen neutralen Ausdrücken wie „Opfer“, einigermaßen neutralen Ausdrücken wie „Menschen“ und pseudoneutralen „generischen Maskulina“ wie „Lehrer“ und „Schüler“. Generische Maskulina sind nicht neutral, sondern erzeugen in unseren Köpfen männliche Bilder. Sie erschweren, ja verdrängen den Gedanken an Frauen.

Zur Erinnerung: Ich hatte in meiner Glosse geschrieben:

Die Lufthansa sucht verzweifelt nach Massnahmen, um Katastrophen wie die mutmaßlich durch ihren Germanwings-Co-Piloten verursachte in Zukunft auszuschließen oder wenigstens unwahrscheinlicher zu machen. Auf das Nächstliegende - Frauenquote im Cockpit erhöhen - kommt niemand. Wieso nicht? Es wird derselbe blinde Fleck sein, der aus den beiden getöteten Lehrerinnen aus Haltern „Lehrer“ und aus den 14 getöteten Mädchen und zwei Jungen „16 Schüler“ macht.

Dass Frauen die Lösung sein könnten, fiel niemandem ein, genau so wenig, wie mal danach zu fragen, wie viele Mädchen denn unter den getöteten „16 Schülern“ aus Haltern waren.

Als feministische Linguistin stelle ich die Frage nach sprachlich unterschlagenen Frauen routinemäßig, ob bei „Malern aus Haiti“ oder „russischen Dissidenten“. Wie oft habe ich nach der Veröffentlichung meiner Glosse gehört, dass die LeserInnen zutiefst verstört waren, weil unter der Formulierung „16 Schüler“ 14 Schülerinnen begraben waren, für deren wahre Identität sich niemand interessiert hatte. Nicht einmal gefragt oder nachgedacht zu haben, bedrückte tatsächlich sehr viele. Andere fingen an, erstmals über die Wirkung der deutschen Männersprache auf ihre Vorstellungen nachzudenken.

Auf die Frage „Haben Sie denn jeglichen Anstand verloren, nach Schülerinnen und Schülern zu unterscheiden?“ antwortete ich mit einer Gegenfrage: „Warum werden wir immer sorgfältig und fortlaufend darüber unterrichtet, wie viele Deutsche unter den Opfern waren?“

Erst hörten wir: 67, dann 75, dann 72. Da wird also ein Informationsbedürfnis vorausgesetzt und bedient, das vor allem an der Nationalität interessiert ist. Darüber hat sich NIEMAND aufgeregt und empört nachgefragt: Finden Sie etwa deutsche Opfer schlimmer als spanische oder japanische?

Eine Information, die wir besonders bei Terroropfern regelmäßig geliefert bekommen, lautet etwa so: „Dem Terroranschlag fielen 160 Menschen zum Opfer, darunter viele Frauen und Kinder.“ Bei Flugzeugunglücken oder Schiffsunglücken bekommen wir diese Info in der Regel nicht. Was also bezweckt diese Information im Kontext Terroranschlag? Sie suggeriert, dass die rücksichtslose Tötung „unschuldiger“, „wehrloser“ Frauen und Kinder besonders widerwärtig ist. Wir sollen folgern: Die Terroristen sind wirklich Monster.

Ich fand diese Art der selektiven Information über Alter und Geschlecht der Opfer schon immer fragwürdig. Waren die getöteten Männer in diesem Kaufhaus oder bei jener Sportveranstaltung nicht genau so wehrlos und unschuldig wie die Frauen? Ist ihr Leben weniger wert als das der Frauen und Kinder? Konnten sie ruhig getötet werden?? Nein! Aber genau das suggerieren solche Sätze.

Bei der Trauerveranstaltung im Bundestag sprach Norbert Lammert, fast tränenerstickt, von den „vielen jungen Menschen“, die getötet wurden. Gemeint waren die „16 Schüler“ aus Haltern - und niemand warf ihm in der Folge vor, die nicht mehr so jungen Menschen seien ihm wohl „total egal“ gewesen. Welcher „Jugendwahn“ mochte denn den alten Mann plötzlich befallen haben? Nein, man verstand, dass es ihn schmerzte, dass die jungen Menschen so früh ihr Leben verlieren mussten.

Dies alles sind also Spezifikationen der Opfer, die erlaubt sind. Die Frage nach den Schülerinnen unter den „16 Schülern“ war dagegen nicht erlaubt. Das war vielmehr fanatischer Feminismus. Will mann uns wirklich vorschreiben, dass wir, als Frauen, nach toten Lehrerinnen und Schülerinnen nicht einmal fragen dürfen?

Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr erinnert mich dieses herrische Verbot an andere Regulierungen unserer Gefühle für Frauen. Über die Geburt eines Mädchens durften wir uns jahrhundertelang (in vielen Ländern bis heute) nicht freuen. Weil ein Mädchen in mancher Herren Ländern so viel weniger wert ist als ein Junge, werden weibliche Föten gezielt abgetrieben. In Asien fehlen 100 Millionen Frauen. (1) Der Frauenmangel führt dort inzwischen zu Frauenraub in großem Stil. Empathie mit Angehörigen des eigenen Geschlechts wird den Frauen, die ihresgleichen abtreiben müssen, gezielt ausgetrieben. Sonst könnten sie das nicht tun.

Im Geschichtsunterricht haben wir gelernt, was für eine Schmach es für die Königin war, wenn sie schon wieder eine Tochter statt des ersehnten Thronerben geboren hatte. Als Paradebeispiel können die Frauen Heinrichs VIII. gelten. Wenn eine Frau also ihresgleichen gebar, war das lange Zeit ein Grund, sie als Versagerin zu beschimpfen. Für Frauen selbst ein Grund, sich zu schämen. Der Frauen- und somit Selbsthass wurde den Frauen anerzogen.

Ich arbeite gerade an einer Kurzbiographie über Charlotte Brontë; im nächsten Jahr feiern wir ihren 200. Geburtstag. Ihr Vater war im Jahre 1848 über den Tod seines trunk- und drogensüchtigen einzigen Sohnes so untröstlich, dass er kaum bemerkte, wie gleichzeitig seine Töchter Emily und Anne der Schwindsucht erlagen. Emily und Anne Brontë hatten Weltliteratur geschrieben, genau wie Charlotte, aber das zählte nicht. Der Sohn stand dem Herzen des Vaters nun mal näher. Ohne seine drei Töchter wäre Patrick Brontë längst vergessen.

Vor 32 Jahren veröffentlichte ich eine Analyse der Beispielsätze des Duden-Bedeutungswörterbuchs. Titel: „Sie sah zu ihm auf wie zu einem Gott: Das Duden-Bedeutungswörterbuch als Trivialroman“. (2) Der Befund, der mich am meisten erschütterte, war, dass NIEMALS zwei Frauen zusammen in einem Satz vorkamen. Männer interagierten miteinander im Guten wie im Bösen, Frauen kümmerten sich um die Kinder, den Gatten und den Haushalt - NIEMALS hatten sie mit anderen Frauen auch nur das Geringste zu schaffen. Er zeigte ihm Ansichtskarten von Berlin hieß ein Satz. „Sie zeigte ihr Ansichtskarten von Berlin“ - so etwas gab es nicht! Die Beispielsätze des Duden waren ein Querschnitt aus dem deutschsprachigen Schrifttum der vorangegangenen 150 Jahre und somit extrem aussagekräftig.

Die großen Trauernden in der Kunst sind Frauen - sie klagen in der Regel um tote Krieger, ihre eigenen Söhne. Antigone trauert um ihren Bruder Polyneikes. Und die allergrößte Trauernde, der Inbegriff der trauernden Frau, ist natürlich Maria. Sie trauert um ihren toten Sohn Jesus. Die Pietà-Statuen, auf denen uns die in unserer Herrenkultur für Frauen erlaubte Trauer vorgeführt wird, gehen in die Tausende, wenn nicht Hunderttausende.

Es scheint, dass die Gefühle und Interessen der Frauen um den Mann kreisen sollen. Wir sollen keine Götter haben neben ihm. Schweift die Frau ab und interessiert sich für ihresgleichen, so wird das übel vermerkt. Oder mit Hass verfolgt. Aber die Sprache ist schon mal vorsorglich so angelegt, dass wir nicht so schnell vom rechten Pfade abweichen: In unserer Männersprache wird jede weibliche Gruppe sprachlich zu einer männlichen Gruppe, sowie nur ein einziger Mann oder Junge hinzukommt. Wie z.B. bei den “16 Schülern“ aus Haltern.

Ich las neulich Charlotte Links Buch Sechs Jahre über den Tod ihrer Schwester, der sie völlig aus der Bahn warf. Ein erschütterndes, lesenswertes und ungewöhnliches Buch. Trauert da doch tatsächlich eine Frau um eine andere Frau!

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(1) Ockrent, Christine. Hg. 2007. Das Schwarzbuch zur Lage der Frauen: Eine Bestandsaufnahme [=Le livre noir de la condition des femmes]. Koordination von Sandrine Treiner. Mit einem Vorw. von Maybrit Illner. Aus dem Franz. von Enrico Heinemann. München; Zürich. Pendo.
(2) Nachdruck in: Pusch, Luise F. 1984. Das Deutsche als Männersprache: Aufsätze und Glossen zur feministischen Linguistik. Frankfurt/M. edition suhrkamp 1217. S. 135-144.
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# | Luise F. Pusch am 18.04.2015 um 09:46 AM • 21 KommentarePermalink

11.04.2015

Aufräumen nach dem Shitstorm, 1. Teil

Am 30. März bekam ich von einem Herrn D.D. folgende Mail:

Was fällt dir alten Schlampe eigentlich ein so eine SCHEISSE zu schreiben???????????????? Du dreckige Fotze hast noch weniger Gehirn als der Dreck unterm Fingernagel… Wenn ich dich sehen sollte würde ich dir sofort in deine hässliche Fresse treten und dich mit dem Kopf auf den Bordstein schlagen du Missgeburt. Hoffe du krepierst elendig vor dich hin oder wirst von einem LKW überfahren du Arschgeburt. Du bist es nicht wert in unserer Gesellschaft zu leben.

Meine Glosse „Frauenquote fürs Cockpit“ hat im Internet einen Shitstorm ausgelöst, der mich völlig unvorbereitet traf. Er begann am Samstag, 28. März, gegen Mittag und dauerte etwa 10 Tage. Nachrichten wie die von D.D. kamen im Sekundentakt herangeflutet, über Twitter, Facebook, Emails, Kommentare unter der Glosse und Zeitungsartikel in Online- und Printausgaben. Die Zeitungsartikel waren allerdings nicht so krude wie D.D. Auf Twitter hieß es dagegen gern “Wann stirbst du endlich?”, “Bitte geh sterben!” oder auch “Die ist schon alt, das Problem wird sich bald auf biologischem Wege lösen.” Viele Männer meinten auch, ich wäre “untervögelt” und gehörte mal ordentlich durchgevögelt.

Mir wurden verschiedene Vorwürfe gemacht, die frei erfunden waren. Z.B. dass ich „mediengeil“ sei und hier eine Katastrophe schlimmsten Ausmaßes für meine eigenen, egoistischen Zwecke missbrauchen würde. Tatsache ist, dass ich einen Beitrag zur Verhinderung des nächsten Amokfluges leisten wollte und - wie die Airlines - fand, Eile sei geboten.

Mein Bekanntheitsgrad ist mir egal bis lästig. Ich bin eher medienscheu und arbeite schon immer lieber an meinem Schreibtisch als in der Öffentlichkeit oder im TV aufzutreten. Deshalb ist diese Unterstellung besonders grotesk, genau wie viele andere, die in der Debatte vorgebracht wurden. Um mich nicht dauernd selbst zu erklären und zu entschuldigen, zitiere ich Anja Krüger. Sie schrieb in der taz online einen der beiden fairen Kommentare der deutschen Presselandschaft, die restlichen 49, die mir zu Gesicht kamen, sind hämisch, verzerrend und bösartig. Sie sagt: „Luise F. Pusch hat es gewagt, angesichts der vom Kopiloten zum Absturz gebrachten Germanwings-Maschine die Geschlechterfrage zu stellen“. Privat äußerten sich viele weit deutlicher. Die Leiterin einer Frauenberatungsstelle und ihre Kolleginnen fassten es so zusammen: „Halte durch - es ist doch wie immer, wenn es die Chance gibt, gegen Frauen vorzugehen!“ Die Chance ergab sich diesmal dadurch, dass der immer sprungbereite und inzwischen gut organisierte Hass auf Feministinnen unter dem Vorwand der moralischen Entrüstung über „mediengeile und menschenverachtende Ausschlachtung einer Katastrophe“ und „fanatischen Männerhass“ zur Hetzjagd blasen konnte und viele sonst neutrale Gemüter sich zum Mithetzen anstacheln ließen. Deren Wut und Schmerz über das unfassbare Verbrechen brauchten ein Ziel, und da der eigentlich Schuldige tot war, stellte ich wohl einen willkommenen Ersatz dar.

Bekannt wurde meine Glosse vor allem durch die Übernahme in die Emma-Online. Alice Schwarzer verfasste zu meinem Text folgenden Vorspann:

Amoktrips sind Männersache. Und die Lufthansa hat 94 Prozent männliche Piloten. Das sollte sie ändern, meint Luise Pusch. 14 der 16 im Airbus zerschellten “Schüler” sind Schülerinnen und die zwei “Lehrer” sind Lehrerinnen. Die Opfer sind überwiegend Frauen, die Täter sind männlich. - (Ursprünglicher Vorspann von Alice Schwarzer)

Auf Emma.de wurde dieser Vorspann inzwischen abgeändert, auf der Facebook-Seite von Emma steht noch die Urfassung.

Fünf Sätze, die nicht von mir sind, mir aber im Shitstorm und in den Medien dauernd vorgeworfen wurden. Ich vermute, dass die meisten Shitstürmer nicht mehr als diesen Vorspann oder ein Zitat daraus gelesen haben. Das Wort „Amoktrips“ wäre mir angesichts der Katastrophe nicht eingefallen, es ist zu flapsig. Das sagen viele, und Antonia Baum von der FAZ stützt ihre Anklage besonders auf dieses Wort - nach 10 Tagen Shitstorm war sie eine der letzten, die sich von dem Empörungstrip noch mitreißen ließen. Warum hat sie nicht besser recherchiert, bevor sie loslegte?

Mir wurde schon einmal etwas vorgeworfen, was die Schweizer Boulevardzeitung Blick einfach erfunden hatte. Sie empörte sich, ich hätte die Abschaffung der Wörter „Vater“ und „Mutter“ verlangt und gefordert, dass in Zukunft nur noch „das Elter“ gesagt würde. Wie es zu dieser Lüge kam, habe ich hier nachgezeichnet. Das Traurige an der Geschichte ist nur, dass unzählige Zeitungen, ohne jemals bei mir anzufragen, diese freie Erfindung einfach nachgebetet haben und nun glaubten, mich wegen dieser „abartigen Idee“ der Öffentlichkeit zum Fraß vorwerfen zu müssen.

Der Satz „Die Opfer sind überwiegend Frauen, die Täter sind männlich“ ist, bezogen auf die Flugzeugkatastrophe, einfach Blödsinn. Hier hat ein Mann 149 Frauen, Männer und Kinder umgebracht, die ihm, einschließlich ihres Geschlechts, völlig egal waren. Alice Schwarzer hat diesen Satz aus anderen Diskussionszusammenhängen (bes. Amokläufe) genommen und in den falschen Kontext verpflanzt. Das geschah sicher nicht aus bösem Willen, sondern aus Eile. Die Konsequenzen aber muss hauptsächlich ich tragen, für etwas, das ich nicht gesagt habe und nicht gesagt hätte.

Der Shitstorm ist für mich vor allem ein Anlass, über ihn nachzudenken. In der nächsten Woche widme ich mich der Frage, welche Opfer in der Berichterstattung spezifiziert werden dürfen und welche nicht. Wir wurden fortlaufend über die Anzahl der deutschen Opfer informiert. Aber mein Interesse an der Anzahl der weiblichen Opfer unter den “16 Schülern” aus Haltern empfanden viele als unerträglich. Warum?

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Anmerkung der Redaktion zu den Kommentaren:
Hetze gegen Luise F. Pusch oder Alice Schwarzer wird hier nicht freigeschaltet.
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# | Luise F. Pusch am 11.04.2015 um 10:32 AM • 63 KommentarePermalink

also available in English

27.03.2015

Frauenquote fürs Cockpit

Die Fluggesellschaften reagierten schnell: Ab sofort soll auch bei uns die “Zwei-Personen-„ bzw. „Vier-Augen-Regel“ für das Cockpit gelten. Im Gespräch sind auch regelmäßige psychologische Tests für Piloten. Das meldeten heute die Nachrichten. Gleichzeitig meldeten sie: „Der Bundesrat verabschiedete am Freitag in Berlin das Gesetz, nach dem in Zukunft knapp ein Drittel der Plätze in den Aufsichtsräten von Großkonzernen von Frauen besetzt werden müssen.“ (Handelsblatt). Zu den Großkonzernen gehört auch die Lufthansa.

Ich möchte einen Vorschlag machen. Die Lufthansa sollte sich nicht nur für ihren Aufsichtsrat, sondern auch für ihre Cockpits eine Frauenquote verordnen. Höchste Zeit ist es allemal, denn zur Zeit gibt es bei der Lufthansa nur 6 Prozent Pilotinnen.

Die Selbstmordquote, so hörte ich bei meinem Radio- und TV-Marathon seit der Katastrophe in den französischen Alpen, ist bei Männern viermal so hoch wie bei Frauen. Die Lufthansa könnte also das Risiko, dass ihre Piloten das Flugzeug zu Selbstmord und vielfachem Mord missbrauchen, mit jeder Frau, die sie zur Pilotin ausbilden, ganz erheblich reduzieren.

Amokläufe und sog. Familienauslöschungen, die gern zu „erweitertem Selbstmord“ und „Mitnahme-Selbstmord“ verharmlost werden, sind Verbrechen, die nahezu ausschließlich von Männern begangen werden. Für Amokflüge, die offenbar häufiger vorkommen, als der Öffentlichkeit bewusst ist, gilt dasselbe.

Die Lufthansa sucht verzweifelt nach Massnahmen, um Katastrophen wie die mutmaßlich durch ihren Germanwings-Co-Piloten verursachte in Zukunft auszuschließen oder wenigstens unwahrscheinlicher zu machen. Auf das Nächstliegende - Frauenquote im Cockpit erhöhen - kommt niemand. Wieso nicht? Es wird derselbe blinde Fleck sein, der aus den beiden getöteten Lehrerinnen aus Haltern „Lehrer“ und aus den 14 getöteten Mädchen und zwei Jungen „16 Schüler“ macht.

Auch ganz unabhängig von Vorbeugungsmaßnahmen gegen weitere Katastrophen in der Luftfahrt ist die Erhöhung der Frauenquote im Cockpit richtig und längst überfällig. Die Lufthansa mit ihren 6% Frauen ist ja fast so schlimm wie die katholische Kirche.

Nachtrag am 30.3.2015, 20:58 Uhr
Die FemBio-Redaktion hat zunächst versucht, die Kommentare zu filtern, sich dann aber aus aufklärerischen und dokumentarischen Gründen dagegen entschieden und dafür beschlossen, die Kommentarfunktion am 1. April 2015 abzuschalten, um nicht vom Unflat gänzlich erdrückt zu werden. Der bis dahin angefallene Unflat wird dann auch wieder entfernt. Luise F. Pusch behält sich vor, sich in späteren Glossen aus diesem reichen Belegmaterial für männliches Denken zu bedienen.
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# | Luise F. Pusch am 27.03.2015 um 02:27 PM • Permalink

22.03.2015

Der Stinkephallus

Letzte Woche schwappten die deutschen Medien über von dem „Fingergate“ mit Varoufakis, Jauch und Böhmermann. Ja, alles Männer, und die obszöne Geste, um die es dabei ging, der sogenannte Stinkefinger, ist auch männlich durch und durch. Die Erregung war so groß, dass sogar die New York Times, der deutsche Angelegenheiten üblicherweise scheißegal sind, davon amüsiert Notiz nahm und ihr einen langen, verwunderten Artikel widmete.

Aber weshalb sollte uns das Geplänkel hier interessieren, in diesem feministischen Blog?

Weil der „Stinkefinger“ nicht nur eine obszöne Geste ist, sondern vor allem eine sexistische. Dieser Aspekt wird, wie gewohnt, im Interesse männlicher Imagepolitik von den Medien ausgeklammert. Um diese Abseite dürfen wir Frauen uns kümmern. Wenn wir es nicht tun, bleibt die Beleidigung und Verhöhnung der Frau unwidersprochen und kann munter so weitergehen.

Der Stinkefinger, so belehrt uns Wikipedia, ist eine uralte Geste, schon die alten Griechen und Römer benutzten sie als aggressiven Ausdruck der Verachtung. Der ausgestreckte Mittelfinger symbolisiert den Phallus. Die englischsprachige Wikipedia erläutert weiter: „[the gesture] is roughly equivalent in meaning to “fuck off”, “fuck you”, “shove it up your ass”, “up yours” or “go fuck yourself.”” Die Bedeutung des „shove it up your ass“, des „Arschfickens“, wird oft noch dadurch unterstrichen, dass die Hand mit dem ausgestreckten Mittelfinger ruckartig von unten nach oben gestoßen wird.

Und wieso heißt diese Geste bei uns „Stinkefinger“? Wir Deutschen, erläutert Wikipedia unter Berufung auf den Linguisten Hans-Martin Gauger, beziehen uns weniger „auf den Bereich des Sexuellen als auf den der Exkremente und Analität, aus dem die deutsche Sprache die meisten ihrer Schimpfwörter nimmt.“ Die öbszöne und sexistische Geste ist damit sowohl anal als auch genital aufgeladen - ein echter Double Whammy, zwei Fliegen mit einer Klappe. Oder sogar drei: In unserer Herrenkultur ist Feminisierung für den Mann die ultimative Beleidigung. Ein Mann, dem der „Stinkefinger“ gezeigt wird, wird dadurch zur Frau und zum Sexualobjekt des Aggressors degradiert. Die gleichzeitige Androhung der Vergewaltigung ist ebenfalls extrem aggressiv, aber nicht der Kern der Demütigung.

Die Beleidigung funktioniert so nur in einer sexistischen Gesellschaft, in der der Mann der Herr und die Frau zweit- bis letztrangig ist. Kein Mann möchte per „Stinkefinger“ zur Frau „reduziert werden“.

Da hat also der griechische Finanzminister - lange bevor er diesen Posten bekam - in einer öffentlichen Rede dem ungeliebten Deutschland „den Stinkefinger gezeigt“. Gemeint waren sicher in erster Linie die Kanzlerin und ihr Finanzminister. Und was sagt Mutti nun dazu? Gar nichts, so viel ich weiß. Sie hat Wichtigeres zu tun, als sich über eine Jahre zurückliegende pubertäre und sexistische Geste eines griechischen Muttifickers öffentlich aufzuregen.

Die abgewählte griechische Regierung bestand aus 21 Männern und einer Frau. Die neue griechische Regierung besteht aus 15 Männern. Mit dieser Geschlechterverteilung steht das Macho-Kabinett in Europa wohl allein da. Die deutsche Regierung besteht aus 6 Frauen und 10 Männern - nicht paritätisch, aber dafür ist eine Frau Kanzlerin. Frauen sind bekannt als Haushaltsexpertinnen. Vielleicht liegt die griechische Misere auch daran, dass die griechischen Regierungen Frauen verachten und auf ihre Kompetenz verzichten.

Den beiden betont lässig auftretenden, supervirilen, von griechischer Sonne gebräunten griechischen Göttern Tsipras und Varoufakis stehen auf deutscher Seite ein alter Mann im Rollstuhl und eine bieder wirkende Frau in den Sechzigern gegenüber, beide bleich und übernächtigt aussehend wegen der Spirenzchen der griechischen Medienlieblinge. Hinsichtlich Sexiness sind Tsipras und Varoufuckis ihnen um Lichtjahre voraus. Und das dürfte Merkel und Schäuble scheißegal sein und am Arsch vorbeigehen, genau wie der Stinkephallus. Denn eins ist sicher: It’s the economy, stupid!
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# | Luise F. Pusch am 22.03.2015 um 11:22 AM • 27 KommentarePermalink

01.03.2015

Biodeutsche

In letzter Zeit höre ich regelmäßig den Podcast „Fragen an den Autor“ des SR2, der diesen wie folgt anpreist: „Die traditionsreichste Sachbuchsendung im deutschen Sprachraum stellt seit über 33 Jahren jeweils ein Buch eines Autors eine Stunde lang im Gespräch vor.“ Vielleicht weil die Sendung so alte Wurzeln hat, ist sie nach wie vor nicht nur im Titel, sondern auch im Inhalt sehr männlich geprägt. Unter den letzten 12 „Autoren“ war nur eine Autorin, nämlich Anne Katharina Zschocke mit ihrem spannenden Buch über Darmbakterien. Wenn frau von dem Männerauflauf allmählich genug hat, kann sie zurückgreifen auf den Podcast des Archivs der Sendung, betitelt „Klassiker aus ‚Fragen an den Autor’“. Dort sind derzeit 300 Sendungen greifbar, und es findet sich hin und wieder auch eine mit einer Autorin, z.B. konnte ich schon Iris Radisch über die Familie hören und Maja Maike Nowak über Hunde.

Darmbakterien, Familie, Hunde - neben dem breiten Themenspektrum, mit dem die Männer aufwarten, wie NSA, Snowden, Putinversteher, Bittere Pillen, Klimawandel, Nahost, Arktis, Japan, Arbeitswahn usw. - nehmen sich die Interessen der Frauen ja recht häuslich aus. Ich selbst hätte in meinen Sachbüchern auch spannende Themen anzubieten, Männersprache, Wahnsinnsfrauen, Frauenpaare usw., aber ich wurde in den vergangenen 39 Jahren vom SR noch nie zum Gespräch eingeladen. Macht nix, ich empfehle die Podcasts trotzdem: Sehr lebendig und informativ. Ich habe bei meiner Hausarbeit zuhörend schon sehr viel gelernt. [Nachtrag: Ich habe mich geirrt. Schon 1986, vor bald 30 Jahren, wurde ich für die Sendereihe zum Gespräch über “Deutsch als Männersprache” eingeladen. Die Sendung ist nun archiviert als “Klassiker von ‘Fragen an den Autor’” und kann als Podcast heruntergeladen werden.]

Eingeladen war im Dezember auch Heinz Buschkowsky, der Bezirksbürgermeister des Brennpunkts Berlin-Neukölln, zu seinem Buch „Die andere Gesellschaft“. Und damit komme ich zum eigentlichen Thema meiner heutigen Glosse: Buschkowsky sprach wiederholt von „Biodeutschen“ - das Wort hatte ich noch nie gehört. Er meinte damit wohl mich und meinesgleichen, also Deutsche mit deutschen Wurzeln bzw. Deutsche ohne Migrationshintergrund. Ich wollte mich bei Wikipedia informieren und erfuhr, dass der Artikel „Biodeutscher“ wegen interner Differenzen gelöscht wurde. An dessen Stelle war ein kurzer Satz im Artikel „Migrationshintergrund“ getreten: „Synonym zum Begriff des Menschen mit Migrationshintergrund wird der des Allochthonen gebraucht. Antonym zu diesen Begriffen ist die Bezeichnung Autochthoner. In Bezug auf Deutschland ist für Menschen ohne Migrationshintergrund auch (meist scherzhaft) von Biodeutschen die Rede.“

„Allochthon“ und „Autochthon“ - das klingt ja mächtig griechisch und kommt derzeit vielleicht nicht so gut an. „Bio“ hat zwar auch griechische Wurzeln, aber das stört niemand mehr.

Nachdem ich den Wiki-Artikel „Migrationshintergrund“ gelesen hatte, kamen mir Zweifel, ob ich wirklich echt biodeutsch bin, denn die Eltern meines Vaters sind aus Polen eingewandert. Die Definition ist nicht nur kompliziert, sondern auch undurchsichtig und widersprüchlich. Ich hatte keine Lust, da tiefer einzusteigen.

Offenbar finden viele die Bezeichnung „biodeutsch“ diskriminierend, obwohl doch Biogemüse als edler gilt als einfaches Gemüse und auch teurer ist. Aber diejenigen, die die Bezeichnung „biodeutsch“ für sich ablehnen, wollen halt nicht mit Gemüse gleichgesetzt werden, und sei es auch das edlere, teurere und gesündere.

Als Gründerin von FemBio.org (eine Abkürzung von Feministische Biographieforschung) werde ich auch oft von Witzbolden gefragt, ob unser Frauenbiographieportal ein Bioladen sei. Geschenkt.

„Biodeutsch“, so las ich auch, sei erstmals von Cem Özdemir benutzt worden, und es sei eine diskriminierende Bezeichnung, die gern von Deutschen mit Migrationshintergrund benutzt werde, um sich von den Deutschen ohne Migrationshintergrund abzugrenzen.

Ich vermute ja, dass die Wortschöpfung „biodeutsch“ nicht unbedingt feindselig gemeint war. Es zeugt nur von einer anderen Perspektive. Die Deutschen mit Migrationshintergrund setzen sich selbst als Zentrum und Bezugspunkt und benennen die Andersartigen. Sowas sind wir Biodeutschen nicht gewöhnt. Normalerweise sind wir es, die die „Zugewanderten“ und wie die Bezeichnungen alle heißen mögen, kategorisieren und zwecks Abgrenzung benennen.

Bei Hubert Fichte las ich zum ersten Mal das Wort „Solide“. Als „Solide“ bezeichneten Prostituierte solche Frauen, die keine Prostituierten, sondern „solide“ waren. Auch eine relativ positive Bezeichnung. Nur mögen wir halt nicht von „denen“ überhaupt kategorisiert werden, noch dazu als „Nicht-Prostituierte“. Das Kategorisieren ist unser Privileg bzw. allgemein gesprochen das Privileg derjenigen, die sich als Norm begreifen. Die Norm wird nicht extra benannt, schrieb ich schon in meiner Uraltglosse „Damenwahl“ vor 100 Jahren. Das Pendant, die „Herrenwahl“ findet zwar bei Tanzveranstaltungen laufend statt, hat aber - da die Norm - keinen eigenen Namen. Ähnlich funktionieren die „Herrenhandtasche“ und die „Herrentorte“. Die Homosexuellen wurden schon immer ausgegrenzt, kategorisiert und benannt. Die Heterosexuellen sehen sich erst seit kurzem in dieser Situation.

Etwas weniger volkstümlich behandeln Philosophie, Psychologie und Soziologie das Thema „Otherness“:

When used as a verb it means to distinguish then label then identify as belonging to a category and then exclude those who do not fit a societal norm. In geographic terms “to other” means to place outside of the center, somewhere along the margins where the societal norm does not reside.

Für den Mann ist die Frau „das andere Geschlecht“, wie schon Simone de Beauvoir feststellte. Die neu benamsten Biodeutschen verhalten sich diesbezüglich zu den Deutschen mit Migrationshintergrund wie Männer zu Frauen. Die sprachliche Ausgrenzung und „Andersbehandlung“ der Frauen durch die Männer ist das Thema der feministischen Linguistik.
Womit wir wieder beim Anfang angekommen wären, bei den “Fragen an den Autor“, die schon im Titel keinen Gedanken an Frauen aufkommen lassen und dann das Geschäft jahrzehntelang auch genauso frauenvergessen durchziehen.

Apropos frauenvergessen: Unter den Deutschen mit Migrationshintergrund und den Biodeutschen gibt es anscheinend auch keine Frauen, wie uns folgendes Titelbild nahelegt:
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Wir sehen, das Thema geht uns Frauen sowieso nix an. Ich bitte um Entschuldigung, dass ich damit unsere Zeit vergeudet habe.
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# | Luise F. Pusch am 01.03.2015 um 09:32 PM • 4 KommentarePermalink

23.02.2015

Manslamming, Mansplaining, Manspreading und andere Flegeleien

US-Amerikanerinnen haben in den letzten Monaten drei nützliche Wörter und damit zugleich ein noch nützlicheres Wortbildungsmuster kreiert: Manslamming, Mansplaining, Manspreading.
Frauenbild
Manslamming bezeichnet folgenden sattsam bekannten Vorgang: Du gehst irgendwo entlang und ein Mann kommt dir entgegen. Eine/r muss ausweichen. Meist bist du das. Gehst du wie der Mann stur geradeaus, kommt es zum Zusammenstoß. Der Mann ist perplex, weil eine Frau es gewagt hat, ihm ernsthaft in die Quere zu kommen. Die unter Männern verbreitete Unart, entgegenkommenden Frauen nicht auszuweichen, wird seit einiger Zeit erstmals namhaft gemacht, und zwar mit Manslamming.

Mansplaining bezeichnet eine typisch männliche Kombination von Überheblichkeit und Unwissenheit (“overconfidence and cluelessness” (Rebecca Solnit)) oder anders ausgedrückt „etwas erklären ohne Berücksichtigung der Tatsache, dass das Gegenüber (meist eine Frau) von der Sache mehr versteht als der Erklärer” (Lily Rothman, The Atlantic).

Am meisten Aufsehen erregt hat die Bezeichnung „Manspreading“ für männliches Beinespreizen, allgemeiner ausgedrückt, männliches Sich-Breitmachen. Besonders in überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln ist diese Flegelei gänzlich unangebracht und stößt inzwischen sogar bei Männern auf harsche Kritik. Die New Yorker U-Bahn startete im Dezember eine entsprechende Plakataktion. Wenn Sie auf diesen Tumblr-Link klicken, finden Sie zahlreiche Bilder von “manspreaders”. Ebenso auf Twitter unter dem Hashtag “#manspreading”.

Das Eigenwillige und Regelwidrige bei diesen Neologismen ist, dass - anders als etwa bei dem bekannten manslaughter „Totschlag“- „man“ hier jeweils Subjekt- und nicht Objektfunktion hat und überdies “Mann” und nicht “Mensch” bedeuten soll.

Wie schon bei meiner letzten Glosse über boyhood und passend zum Internationalen Tag der Muttersprache (21. 2.) ergibt sich für Deutsche die Frage: Wie übersetzt frau das denn? Das „man(s)“ erinnert an unser „manns-„ wie in „mannshoch“ und „Mannsbild“. Für meine Übersetzungsvorschläge habe ich mich an diesem einheimischen Muster orientiert und es erweitert:
Manslamming -> Mannsknallen / Mannsrammen
Mansplaining -> Mannsklärung
Manspreading, manspreader -> Mannspreizung / MannbreitungMannspreizer / Mannbreiter.

Alle drei Wörter gibt es im Deutschen noch nicht, es sind Neologismen wie die englischen Originale. Ich hatte von manspreading, manslamming und mansplaining zuvor noch nie gehört und meine US-amerikanische Familie auch nicht. Vielleicht fallen den LeserInnen dieses Blogs noch andere, bessere Übersetzungen ein. Bitte alle Geistesblitze unten in das Kommentarfeld eintragen. Und gleich auch alle weiteren Wortschöpfungen auf Manns-, die uns bisher noch gefehlt haben, mitsamt Definitionen. Hier ein paar Anregungen:

Mannskochen = nach dem Kochen die Küche als Schlachtfeld hinterlassen
Mannsputzen = die Ecken beim Putzen elegant übergehen
Mannsgehalt = doppelt so viel Geld wie die Frau für dieselbe Arbeit
Mannskaufen = beim Einkauf kaum auf die Preise achten, denn Mannszeit ist mehr wert als das, was Frauen durch Preisvergleiche einsparen

Weitere Kandidaten:
Mannstream
Gender Mannstreaming
Mannstrum, Mannster
Mannko
Manntra
Mannskript
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Die Wörter Manslamming, Mansplaining (beide schon in der englischen Wikipedia) und Manspreading mögen neu sein, aber es sind nur griffige Namen für Phänomene, die die feministische Linguistik (in ihren Abteilungen Gesprächs- und Körpersprachanalyse) schon vor 40 Jahren beschrieben hat.

Über Mansplaining bzw. Mannsklärungen hat Senta Trömel-Plötz sich ausführlich geäußert. Was das Manspreading betrifft, so ist die Künstlerin Marianne Wex mit ihrem fundamentalen Werk “Weibliche” und “männliche” Körpersprache als Folge patriarchalischer Machtverhältnisse. Mit 2037 Fotografien die Erste, die sich damit gründlich auseinandergesetzt und es tausendfach mit Fotos belegt hat. Eine gute Auswahl findet sich hier. Sie diagnostizierte das Mannspreizen in all seinen Varianten. In den USA wird Wex gerade wiederentdeckt. Bei Emma.de findet sich ein bebilderter Auszug aus diesem revolutionären Werk vom Dezember 1977.

In der Einleitung zu dem Beitrag, den sie für meinen Sammelband Feminismus: Inspektion der Herrenkultur (Suhrkamp 1983) schrieb, zitiert Marianne Wex Verena Stefan:

der herr der welt sitzt mir in der u-bahn gegenüber, vier männer auf einer bank, die für fünf menschen platz bietet, mit klaffenden beinen, wattierten schultern, die gespreizten hände auf den Knien. rechts und links von mir breit stehende männerbeine. ich sitze eng an mich gedrückt mit zusammengepressten Knien, die beine sind geschlossen zu halten, sie sind nur zu öffnen bei einem wildfremden mann, der gynäkologe heißt und bei dem mann, bei dem frau im selben bett liegt. die übrige zeit sind sie geschlossen zu halten. die entsprechenden muskeln sind den ganzen tag anzuspannen. ich schließe die augen. diese unterdrückerische haltung wegwerfen, so tun, als ob ich unbehellligt mit lockeren beinen sitzen könnte.

Marianne Wex kommentiert: “diese Sätze von verena stefan, geschrieben in ihrem buch häutungen, 1974, empfinde ich immer noch als besonders beeindruckende beschreibung patriarchalischer körpersprache, als symbol der situation von uns frauen im hinblick auf den uns von männern zugewiesenen lebensraum.”

Schön und wohltuend, wenn an die Erkenntnisse und die Vorarbeit anderer Frauen erinnert wird. In der ganzen Manspreading-Debatte, auch der deutschsprachigen, vermisse ich den Hinweis auf Marianne Wex und Verena Stefan (beider Werke liegen auch auf Englisch vor). Obwohl das Thema “Manspreading und andere Flegeleien” nach feministischer Zeitrechnung “soo einen Bart” hat, sehe ich es auch als willkommene Gelegenheit, sich an die feministischen Pionierinnen Stefan, Trömel-Plötz und Wex und an unsere Wurzeln zu erinnern.
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Dank an Helke Sander, die mich auf die Kampagne gegen Manspreader aufmerksam gemacht hat.
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# | Luise F. Pusch am 23.02.2015 um 06:28 PM • 30 KommentarePermalink

09.02.2015

Übersetzungsvorschläge für „Boyhood“

Mannomann! Seit Ende Januar stecken wir hier in Boston knietief im Schnee - ach was knietief, er liegt mannshoch. Nicht nur die Gullys sind zugeschneit, auch die Mannlöcher (manholes).
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Vorgestern sah ich im TV Charlie Rose im Gespräch mit Ethan Hawke, der für seine Vater-Rolle in „Boyhood“ als bester Nebendarsteller für den Oscar nominiert wurde. Die Sendung kam wie gerufen für meine Glosse über „Boyhood“. Der Film von Richard Linklater ist für insgesamt 6 Oscars nominiert und hat bei den Golden Globe Awards schon den Preis für „Best Drama“ und soeben bei den British Film Awards (BAFTA) den Preis für Regie und den besten Film bekommen.

Wir hätten uns den viel gepriesenen Film letztes Jahr ja schon mal ansehen können, hatten aber keine Lust. „Boyhood“ liegt uns gender- und altersmäßig nicht besonders nahe und hängt uns als Dauerthema unserer Herrenkultur sowieso zum Hals heraus. „Boyhood“, „Manhood“,  „brotherhood of man“ - wo ist schon groß der Unterschied, Mann?

In Deutschland und Frankreich läuft der Film unter seinem Originaltitel, und dies wohl nicht (nur) weil die deutsche wie die französische Popkultur stark amerikanisiert sind und ein englischer Titel sich normalerweise besser vermarktet.

Nein, „Boyhood“ ist einfach schlecht übersetzbar. Und das macht den Titel linguistisch interessant. Auch aus der Perspektive der feministischen Linguistik.

Ethan Hawke erzählte, Linklater hätte ihm Tolstois autobiografische Erzählung „Childhood, Boyhood, Youth“ (детство, отрочество, юность / Detstvo, otročestvo, junost’) zu lesen gegeben - das wunderbare Buch hätte sie beide sehr inspiriert.

Auf Französisch heißt Tolstois Erstling Enfance, adolescence, jeunesse. Frühere Übersetzungen ins Deutsche trugen bis in die 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts Titel wie Kindheit, Knabenjahre (oder -alter), Jünglingsjahre. Seit den dreißiger Jahren sind die „Knaben“ und die „Jünglinge“ aus der Mode; sie waren für Hitler vielleicht zu weich und gemütvoll, er bevorzugte „Hitlerjungen“ - „hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder“ usw. Mit den „Knaben“ und „Jünglingen“ verschwanden auch „Knabenzeit“, „Knabenjahre“ und „Jünglingsjahre“. Tolstois Buch heißt seither schlicht Kindheit und Jugend.

Die „Jungen“ bzw. „Jungs“ sind uns bis heute geblieben. „Boyhood“ könnte also theoretisch mit „Jungenzeit“ oder „Jungenjahre“ übersetzt werden - aber das Wort gibt es anscheinend nicht. Google zeigt keine Ergebnisse, auch nicht der Duden. (Was der Duden dagegen unter „Mädchenjahre“ meldet, ist zu schön, um es zu verschweigen: “Bedeutung: ‘jemandes Zeit als Mädchen’. Klingt nach „Jugend eines Transmanns“. Den Film „Mädchenjahre einer Königin“ habe ich aber ganz anders in Erinnerung.)

„Boyhood“ könnte auch übersetzt werden mit „Kindheit eines Jungen“ - aber das klingt nicht so allgemeingültig wie „Boyhood“. Edgar Reitz nannte seinen Vielteiler „Heimat“ und nicht „Meine Heimat“, um auszudrücken, dass er Heimat an sich und als solche meinte. Und Linklaters „Boyhood“-Film soll wohl ebenso exemplarisch für alle „Boyhoods“ dieser Welt stehen.

Und warum konnte der Film auf Deutsch nicht einfach „Jugend“ heißen, kurz und knackig? Schließlich wuselt in dem Film ja auch noch ein Mädchen herum, Linklaters eigene Tochter Lorelei. Die wird nun durch „Boyhood“ völlig ausgeblendet, genau wie das Elternpaar des „boys“. Aber auch wenn die Fokussierung auf den Jungen Absicht war, wäre „Jugend“ als deutscher Titel noch recht passend, denn zu Beginn des Film ist der jugendliche Held 6 und am Ende 18 Jahre alt - und damit schon jahrelang eher ein Jugendlicher als ein Boy. Und was die in „Jugend“ normalerweise mitgemeinten Mädchen betrifft, so sind wir schon daran gewöhnt, dass sie gerne ausgeblendet werden: Vor 70, 80 Jahren verbrachten nichtjüdische deutsche Mädels ihre Girlhood im Bund deutscher Mädel (BdM), nichtjüdische deutsche Jungs ihre Boyhood aber nicht im BDJ - einen „Bund deutscher Jungs“ gab es nicht. Die „Jugend“, bzw. was Hitler darunter verstand, kam in die Hitlerjugend und von dort an die Front.

Oh boy - manchmal ist es von Vorteil, nicht mitgemeint zu sein, Mädels.

Zum Weiterlesen: Judy Bermans kluger Artikel “What If ‘Boyhood’ Were ‘Girlhood’? A Thought Experiment
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# | Luise F. Pusch am 09.02.2015 um 03:07 AM • Permalink

25.01.2015

„Sexualisierte“ oder „sexuelle Gewalt“?

Ich weiß schon gar nicht mehr, wann mir andere Feministinnen beibrachten, den Ausdruck „sexuelle Gewalt“ nicht mehr zu benutzen. Er sei irreführend, denn die sog. sexuelle Gewalt hätte in der Regel mit Sexualität wenig bis gar nichts zu tun. Es handle sich vielmehr um Gewalt, die sich der Sexualität nur als Mittel bediene. Das eigentliche Ziel der sexualisierten Gewalt sei die Herstellung oder Aufrechterhaltung männlicher Macht und weiblicher Ohnmacht.

Ich widme diese Glosse Susan Brownmiller zu ihrem 80. Geburtstag am 15. Februar. Sie hat das feministische Denken über Vergewaltigung mit ihrem Standardwerk „Against Our Will“ [Gegen unseren Willen] von 1975 geprägt wie keine andere. 5 Jahre lang studierte sie in den Archiven, vor allem Berichte über „atrocities“ (Gräueltaten) in Zeiten des Kriegs, der Sklaverei und der Unterwerfung fremder Völker. In der Regel handelte es sich bei den „Gräueltaten“ um Vergewaltigungen. Vergewaltigung wurde systematisch eingesetzt, um die Gegenseite, nicht zuletzt die männliche, zu demütigen, zu demoralisieren und gefügig zu machen. Diese Erkenntnis führte dann zu der neuen feministischen Sprachregelung. Brownmiller erkannte aber noch etwas anderes: „Rape is a conscious process of intimidation by which all men keep all women in a state of fear.“ (Vergewaltigung ist ein bewusster Prozess der Einschüchterung, mit dem alle Männer alle Frauen in einem Zustand der Angst halten.) Vollzug ist oft gar nicht nötig, es genügt die Androhung sexueller Gewalt.

Hätte ich im letzten Satz auch sagen können: „Es genügt die Androhung sexualisierter Gewalt“? Nein. Womit gedroht werden muss, wenn das Ziel erreicht werden soll, ist sexuelle Gewalt. Ohne Wenn und Aber.

Brauchen wir demnach beide Ausdrücke?

Bewusste Feministinnen wie die Frauen von Terre des Femmes reden von „sexualisierter Gewalt“, das unaufgeklärte Volk kümmert sich nicht um feministische Begrifflichkeit; es kennt nur „sexuelle Gewalt“:
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Die blaue Linie zeigt die Häufigkeit von “sexuelle Gewalt”, die rote die Häufigkeit von “sexualisierte Gewalt” im Google NGram Viewer. Sie können dem NGram Viewer hier ihre eigenen Fragen stellen.

Es gibt aber auch Feministinnen, die sich dem volkstümlichen Sprachgebrauch bewusst oder auch weniger bewusst anschließen: Das feministische Online-Magazin querelles.net bspw. spricht hier nur von sexueller Gewalt.

Bewusst problematisiert Rolf Löchel, wohl der beste Kenner feministischer Literatur in deutscher Sprache, den herrschenden feministischen Sprachgebrauch:

[Über den Ausdruck „Sexualisierte Gewalt“: Eine] Sprachregelung, die zwar in einigen feministischen Kreisen bevorzugt wird, jedoch zumeist irreführend und verharmlosend ist, da das sexuelle Moment dieser Form von Gewalt … in aller Regel wesentlich ist. Und zwar sowohl auf Seiten des Vergewaltigers wie auf derjenigen der Vergewaltigten. Denn die Angriffsziele des sexuellen Gewaltaktes einer Vergewaltigung sind die Sexualität der Frau, ihre Libido und ihre sexuelle Identität. Letzteres wird bei den berüchtigten ‚korrigierenden Vergewaltigungen‘ von Lesben etwa in Südafrika besonders deutlich. Denn die lesbischen Frauen sollen durch die Vergewaltigung wieder ‚auf den rechten Weg der Heterosexualität gebracht’ werden.
Auch die Absicht von Vergewaltigern, sich ihre Befriedigung gewaltsam zu erzwingen, ist genuin sexuell. Dass einige der Täter ihre sexuelle Befriedigung erlangen, indem sie die Frau durch die Vergewaltigung und während der Vergewaltigung erniedrigen, demütigen und Macht über sie ausüben (ein Argument, das auch von Wizorek angeführt wird, um zu begründen, dass es sich hierbei eben nicht um sexuelle, sondern um sexualisierte Gewalt handelt) mag durchaus sein, steht dem Fakt, dass es dabei zentral um Sexualität geht und es sich somit um sexuelle Gewalt handelt, aber keineswegs entgegen. Quelle: hier.

Und nun? Was sollen wir sagen?

Vielleicht können ein paar linguistische Überlegungen weiterhelfen.

Die Endung „-isieren“ macht aus einem Adjektiv ein kausatives Verb, das einen Vorgang beschreibt, der den Zustand herbeiführt, den das Adjektiv bezeichnet. Dazu ein paar Beispiele:

trivialisieren = trivial machen
banalisieren = banal machen
homogenisieren = homogen machen
privatisieren = privat machen
digitalisieren = digital machen
sexualisieren = sexuell machen

„Sexualisierte Gewalt“ bedeutet also, wenn wir das Wort so verstehen wie andere Wörter auf „-isieren“: sexuell gemachte Gewalt. Und sexuell gemachte Gewalt ist dasselbe wie sexuelle Gewalt - oder? „Sexualisierte Gewalt“ bedeutet lediglich, dass die Gewalt zunächst nicht sexuell war, durch „Sexualisierung“ aber schließlich doch sexuell wurde. Denn etwas, was bereits sexuell ist, kann nicht sexualisiert werden, genau wie homogenisierte Milch nicht mehr homogenisiert werden kann.

Die wichtige Erkenntnis Brownmillers und anderer feministischer Gewaltforscherinnen, dass sexuelle Gewalt dem Mann nicht nur zum Lustgewinn dient, vielleicht nicht einmal vordringlich der sexuellen Lust, sondern der Unterwerfung und Demütigung - wird also in dem doch recht streng vorgeschriebenen Ausdruck „sexualisierte Gewalt“ nicht besonders klar zum Ausdruck gebracht. Besser wäre es m.E., von Sexualterror zu sprechen. Terror wird ausgeübt, um die Gegenseite in einem Zustand der Angst zu halten. Klingt das nicht fast genau so wie die oben zitierte Haupterkenntnis von Susan Brownmiller: “Vergewaltigung ist ein Mittel, mit dem alle Männer alle Frauen in einem Zustand der Angst halten”?

Von „Sexualterror“ zu sprechen statt von „sexualisierter Gewalt“ hätte noch einen weiteren Vorteil: Beim Kampf gegen den Terror stehen die Täter, ihre Festnahme und Verfolgung im Zentrum der Debatte, außerdem umfassende Verfolgungs- und Vergeltungsmaßnahmen gegen sie. Nicht so beim alltäglichen Terror des Mannes gegen die Frau (bekannt unter den irreführenden Bezeichnungen „häusliche Gewalt“, „sexueller Missbrauch“ und „sexuelle Gewalt“), bei dem die Medien sich lieber auf die Opfer konzentrieren.

Es wird Zeit, den sexuellen Terror beim Namen zu nennen und die Sexualterroristen unerschrocken ins Visier zu nehmen.

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# | Luise F. Pusch am 25.01.2015 um 10:06 PM • Permalink

11.01.2015

Über “Meinungsfreiheit”, “free speech” und “liberté d’expression”

Nach den islamistischen Mordattacken in Paris treten Menschen und Medien weltweit für „liberté d’expression“, „freedom of expression“ / „free speech“ und „Meinungsfreiheit“ ein.

In Boston höre und lese ich pausenlos von „freedom of expression“ und „free speech“. Wie kommt es, frage ich mich, dass nur die Deutschen von „Meinungsfreiheit“ reden, wo alle anderen die freie Äußerung/Expression, den freien Ausdruck (der Meinung), die freie Rede betonen.

Hat es vielleicht mit deutscher Obrigkeitshörigkeit und deutschem Duckmäusertum zu tun? Eine bestimmte, auch abweichende Meinung zu haben, ist schließlich kein Problem. Erst wenn wir abweichende Meinungen äußern, kann es brenzlig werden.

Meinungsfreiheit - geschenkt. Wir alle können die geächtetsten oder gesellschaftschädlichsten Meinungen hegen, so lange wir sie nicht ausagieren, ist alles in Ordnung. Da gehen also die Deutschen massenhaft auf die Straße für ein Recht, das eigentlich keines ist? Das Recht, eine eigene Meinung zu haben, ist wie das Recht, zu atmen. Es muss nicht im Grundgesetz verankert werden, denn die eigene Meinung als solche ist privat und nicht kontrollierbar. Erst wenn sie geäußert wird, kann es u.U. Ärger geben. Die Meinung, dass Hitler ein Verbrecher war, hatten zu seinen Lebzeiten viele Deutsche. Aber nur diejenigen, die diese Meinung äußerten, kamen in Lebensgefahr.

Schauen wir uns das Gesetz über unsere „Meinungsfreiheit“ mal genauer an: Artikel 5 (1) unseres Grundgesetzes lautet: 

Jeder [sic] hat das Recht, seine [sic] Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

Wir sehen, Artikel 5,1 des Grundgesetzes behandelt das “Recht auf freie Meinungsäußerung”. Anders ausgedrückt, das “Recht auf Meinungsäußerungsfreiheit”, abgekürzt zu “Recht auf Meinungsfreiheit”.

„Meinungsäußerungsfreiheit“ ist eines dieser langen zusammengesetzten Wörter des Deutschen, die Anderssprachige in der Regel unaussprechbar, unlesbar und unmöglich finden. Deswegen, um diesen KritikerInnen und uns selbst einen Gefallen zu tun, haben wir es gekürzt zu „Meinungsfreiheit“. Die Sprachwissenschaft spricht hier von „Ellipse“.

Warum haben wir es nicht zu „Äußerungsfreiheit“ oder „Ausdrucksfreiheit“ gekürzt, wie das Englische und Französische? In diesen Sprachen fehlt ja auch ein Teil, nur ein anderer als im Deutschen. Es fehlt dort die Bezeichnung dessen, was frei geäußert werden darf: freedom of expression [of opinion], liberté d’expression [de l’opinion]. Auch ziemlich lange Ausdrücke, und auch sie wurden gekürzt, halt nur anders.

Es scheint zunächst, dass das Deutsche auf den wichtigeren Teil verzichtet hat. Nicht das Haben einer Meinung ist gefährlich, sondern das Äußern kann gefährlich werden. Und deshalb muss das Recht darauf vom Staat gewährleistet werden.

Andererseits scheint mir die deutsche Lösung präziser, wenn ich z.B. an Edward Snowden denke. Hätte er nur eine Meinung geäußert, wäre ja alles in Butter gewesen. Wen - außer fundamentalistische AnhängerInnen patriarchaler Religionen wie Christentum, Islam oder Judentum - kratzt schon eine bloße Meinung? Ein dickes Fell angesichts der abstoßendsten Meinungen über uns mussten besonders wir Frauen uns zulegen. Aber was Snowden öffentlich gemacht hat, waren Staatsgeheimnisse, also Tatsachen, die sein Staat lieber geheimhalten wollte. Und schon war Schluss mit „freedom of expression“ oder „free speech“. Es dürfen eben nur Meinungen frei geäußert werden. Und das teilt nur der deutsche Ausdruck mit, während das Englische und Französische hier nicht nur elliptisch, sondern irreführend sind.
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# | Luise F. Pusch am 11.01.2015 um 10:49 PM • Permalink

05.01.2015

Auf der Suche nach Ingeborg Wurster- Eine Femmage

Am 14. Dezember hörte ich eine Zeitzeichen-Sendung über den Chemiker Carl Wurster. Anlass war sein 40. Todestag. Carl Wurster, Jahrgang 1900, war von 1953 bis 1965 Vorstandsvorsitzender der BASF, danach bis zu seinem Tod 1974 Aufsichtsratsvorsitzender. Zu seinem 60. Geburtstag meldete die ZEIT ehrfurchtsvoll:

Die Naturwissenschaftlich-Mathematische Fakultät der Universität Heidelberg ernannte Dr. Wurster 1952 zum Honorar-Professor. Dieser akademischen Ehrung folgte kurz darauf die Ehrendoktorwürde der Universität Tübingen und die Würde eines Dr.-Ing. e. h. der TH München. Prof. Wurster ist Ehrensenator der Universitäten Mainz, Heidelberg und der TH Karlsruhe. Dem Präsidium des Verbandes der chemischen Industrie gehört Professor Wurster seit Jahren an.

Weniger ehrfurchtsvoll ging allerdings die Zeitzeichensendung mit dem Vielgeehrten um, denn Wurster war auch in der Nazi-Zeit ein hohes Tier bei IG Farben: 1938-1945 Vorstandsmitglied der IG, Direktor der BASF und Aufsichtsratsmitglied der deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung (Degesch), die das Zyklon B herstellte, das zum Massenmord in den Gaskammern der Vernichtungslager benutzt wurde.

Wurster will nichts davon gewusst haben und wurde in dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess 1947-1948 freigesprochen. Der Fortsetzung seiner bis dahin schon steilen Karriere in immer schwindelndere Höhen stand nichts mehr im Wege.
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Ich hatte bei dem ja nicht so häufigen Namen „Wurster“ aufgemerkt, weil er mich an Ingeborg Wurster (1931-1999) erinnerte, die erste weibliche Moderatorin des heute-Journals (1979-84). Damals eines der ganz wenigen weiblichen Gesichter im deutschen Fernseh-Journalismus. Eine einsame Pionierin. Zuvor war sie seit 1966 für das ZDF als Auslandskorrespondentin in Washington, New York und Brüssel gewesen. Für Feministinnen war sie jahrzehntelang der einzige Lichtblick im deutschen Fernsehen.

Aber es wird nicht viel über sie geredet. Es gibt keine Biografie über diese Pionierin. Und anders als andere Pionierinnen des deutschen Fernsehens, etwa ihre Zeitgenossinnen Fides Krause-Brewer, Carola Stern, Wibke Bruhns und Dagmar Berghoff, hat sie auch keine Autobiografie verfasst, die sie weithin bekannt gemacht hätte.

Hatte Ingeborg Wurster vielleicht irgend etwas mit dem äußerst tüchtigen Ehrenmann und mutmaßlichen Monster Carl Wurster zu tun? Zeitlich und örtlich käme es hin, Ingeborg Wurster wurde 1931 in Heidelberg geboren - 20 km von Ludwigshafen entfernt.

Aber bei Wikipedia und auch bei Munzinger heißt es lakonisch oder geheimniskrämerisch, sie sei “Tochter eines Werkmeisters“.

Ein gewisser Rainer H. Thierfelder schreibt 2008 in seinen Memoiren Zeit meines Lebens: Menschen, Ereignisse und Gedanken zur eigenen Biographie:

Erst mit dem Wechsel in die Obertertia erhielt ich altersdadäquate Gesellschaft durch die gereiften Söhne zweier damals prominenter Wirtschaftsmanager, die gerade wieder „kleben geblieben“ waren: Karl Wurster - sein Vater war Vorstandsvorsitzender oder - wie man damals sagte - „Generaldirektor“ der BASF in dem gegenüberliegenden Ludwigshafen, seine Schwester die später sehr bekannt gewordene Fernsehjournalistin Ingeborg Wurster - und Karl Lortz, Sohn des späteren Vorstandsvorsitzenden von Volkswagen […]. Gefunden hier.

Demnach war Ingeborg Wurster also nicht „Tochter eines Werkmeisters“, sondern ihr Vater war Generaldirektor des größten Chemie-Unternehmens der Welt. Und dass sie das wegen des Massenmords mit Zyklon B nicht an die große Glocke hängen mochte, ist verständlich.

Aber wie vertrauenswürdig ist Rainer H. Thierfelder? Seine Schulzeit liegt Jahrzehnte zurück - vielleicht erinnert er sich gar nicht mehr richtig? In den Internet-Auskünften über Carl Wurster ist jedenfalls immer nur von zwei Töchtern die Rede, nie von einem Sohn.

FrauenbildEs wird Zeit, dass mal eine gründlich recherchiert und eine Biografie über Ingeborg Wurster schreibt, die interessanteste und wichtigste weibliche Fernsehschaffende in der BRD der sechziger bis achtziger Jahre. Im Vergleich zu ihrer Leistung, neben der die Leistungen „der ersten deutschen Nachrichtensprecherin (1971)“ (Wibke Bruhns) und der „ersten Tagesschausprecherin (1976)“ (Dagmar Berghoff) eher mäßig wirken, ist sie erstaunlich unbekannt und unterbewertet. Sie tat wenig für ihre Publicity, und das mag an der Gefahr gelegen haben, mit diesem Vater assoziiert zu werden. Außerdem war sie vermutlich Feministin - immerhin drehte sie schon 1971 für das ZDF den 30-Min-Beitrag „Schwestern, auf zum Streite - Frauenbewegung in Amerika“. Überdies hatte sie eine eher intellektuelle, sportlich-herbe Ausstrahlung und war unverheiratet. Sie erinnerte ein wenig an Erika Mann. Kurz, für Lesben, die damals alle im Versteck ausharren mussten, hatte sie eindeutig die Anmutung einer „Schwester“.

Wenn meine Mutmaßungen zutreffen, war sie eine von jenen, die weit „unter Wert verkauft werden“, weil sie sich selbst „nicht verkaufen konnten“: es war einfach zu gefährlich, über das rein Professionelle hinaus noch irgendetwas „rauszulassen“. Aber wir Heutigen sollten die Camouflage durchschauen und unsere Heldinnen in ihrer „Hall of Fame“ tüchtig feiern. Wir brauchen sie.

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# | Luise F. Pusch am 05.01.2015 um 03:03 AM • 3 KommentarePermalink

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Hedwig Dohm