22.03.2015

Der Stinkephallus

Letzte Woche schwappten die deutschen Medien über von dem „Fingergate“ mit Varoufakis, Jauch und Böhmermann. Ja, alles Männer, und die obszöne Geste, um die es dabei ging, der sogenannte Stinkefinger, ist auch männlich durch und durch. Die Erregung war so groß, dass sogar die New York Times, der deutsche Angelegenheiten üblicherweise scheißegal sind, davon amüsiert Notiz nahm und ihr einen langen, verwunderten Artikel widmete.

Aber weshalb sollte uns das Geplänkel hier interessieren, in diesem feministischen Blog?

Weil der „Stinkefinger“ nicht nur eine obszöne Geste ist, sondern vor allem eine sexistische. Dieser Aspekt wird, wie gewohnt, im Interesse männlicher Imagepolitik von den Medien ausgeklammert. Um diese Abseite dürfen wir Frauen uns kümmern. Wenn wir es nicht tun, bleibt die Beleidigung und Verhöhnung der Frau unwidersprochen und kann munter so weitergehen.

Der Stinkefinger, so belehrt uns Wikipedia, ist eine uralte Geste, schon die alten Griechen und Römer benutzten sie als aggressiven Ausdruck der Verachtung. Der ausgestreckte Mittelfinger symbolisiert den Phallus. Die englischsprachige Wikipedia erläutert weiter: „[the gesture] is roughly equivalent in meaning to “fuck off”, “fuck you”, “shove it up your ass”, “up yours” or “go fuck yourself.”” Die Bedeutung des „shove it up your ass“, des „Arschfickens“, wird oft noch dadurch unterstrichen, dass die Hand mit dem ausgestreckten Mittelfinger ruckartig von unten nach oben gestoßen wird.

Und wieso heißt diese Geste bei uns „Stinkefinger“? Wir Deutschen, erläutert Wikipedia unter Berufung auf den Linguisten Hans-Martin Gauger, beziehen uns weniger „auf den Bereich des Sexuellen als auf den der Exkremente und Analität, aus dem die deutsche Sprache die meisten ihrer Schimpfwörter nimmt.“ Die öbszöne und sexistische Geste ist damit sowohl anal als auch genital aufgeladen - ein echter Double Whammy, zwei Fliegen mit einer Klappe. Oder sogar drei: In unserer Herrenkultur ist Feminisierung für den Mann die ultimative Beleidigung. Ein Mann, dem der „Stinkefinger“ gezeigt wird, wird dadurch zur Frau und zum Sexualobjekt des Aggressors degradiert. Die gleichzeitige Androhung der Vergewaltigung ist ebenfalls extrem aggressiv, aber nicht der Kern der Demütigung.

Die Beleidigung funktioniert so nur in einer sexistischen Gesellschaft, in der der Mann der Herr und die Frau zweit- bis letztrangig ist. Kein Mann möchte per „Stinkefinger“ zur Frau „reduziert werden“.

Da hat also der griechische Finanzminister - lange bevor er diesen Posten bekam - in einer öffentlichen Rede dem ungeliebten Deutschland „den Stinkefinger gezeigt“. Gemeint waren sicher in erster Linie die Kanzlerin und ihr Finanzminister. Und was sagt Mutti nun dazu? Gar nichts, so viel ich weiß. Sie hat Wichtigeres zu tun, als sich über eine Jahre zurückliegende pubertäre und sexistische Geste eines griechischen Muttifickers öffentlich aufzuregen.

Die abgewählte griechische Regierung bestand aus 21 Männern und einer Frau. Die neue griechische Regierung besteht aus 15 Männern. Mit dieser Geschlechterverteilung steht das Macho-Kabinett in Europa wohl allein da. Die deutsche Regierung besteht aus 6 Frauen und 10 Männern - nicht paritätisch, aber dafür ist eine Frau Kanzlerin. Frauen sind bekannt als Haushaltsexpertinnen. Vielleicht liegt die griechische Misere auch daran, dass die griechischen Regierungen Frauen verachten und auf ihre Kompetenz verzichten.

Den beiden betont lässig auftretenden, supervirilen, von griechischer Sonne gebräunten griechischen Göttern Tsipras und Varoufakis stehen auf deutscher Seite ein alter Mann im Rollstuhl und eine bieder wirkende Frau in den Sechzigern gegenüber, beide bleich und übernächtigt aussehend wegen der Spirenzchen der griechischen Medienlieblinge. Hinsichtlich Sexiness sind Tsipras und Varoufuckis ihnen um Lichtjahre voraus. Und das dürfte Merkel und Schäuble scheißegal sein und am Arsch vorbeigehen, genau wie der Stinkephallus. Denn eins ist sicher: It’s the economy, stupid!
•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••

Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:

FrauenbildFrauenbildFrauenbildFrauenbildFrauenbild


# | Luise F. Pusch am 22.03.2015 um 11:22 AM • 27 KommentarePermalink

01.03.2015

Biodeutsche

In letzter Zeit höre ich regelmäßig den Podcast „Fragen an den Autor“ des SR2, der diesen wie folgt anpreist: „Die traditionsreichste Sachbuchsendung im deutschen Sprachraum stellt seit über 33 Jahren jeweils ein Buch eines Autors eine Stunde lang im Gespräch vor.“ Vielleicht weil die Sendung so alte Wurzeln hat, ist sie nach wie vor nicht nur im Titel, sondern auch im Inhalt sehr männlich geprägt. Unter den letzten 12 „Autoren“ war nur eine Autorin, nämlich Anne Katharina Zschocke mit ihrem spannenden Buch über Darmbakterien. Wenn frau von dem Männerauflauf allmählich genug hat, kann sie zurückgreifen auf den Podcast des Archivs der Sendung, betitelt „Klassiker aus ‚Fragen an den Autor’“. Dort sind derzeit 300 Sendungen greifbar, und es findet sich hin und wieder auch eine mit einer Autorin, z.B. konnte ich schon Iris Radisch über die Familie hören und Maja Maike Nowak über Hunde.

Darmbakterien, Familie, Hunde - neben dem breiten Themenspektrum, mit dem die Männer aufwarten, wie NSA, Snowden, Putinversteher, Bittere Pillen, Klimawandel, Nahost, Arktis, Japan, Arbeitswahn usw. - nehmen sich die Interessen der Frauen ja recht häuslich aus. Ich selbst hätte in meinen Sachbüchern auch spannende Themen anzubieten, Männersprache, Wahnsinnsfrauen, Frauenpaare usw., aber ich wurde in den vergangenen 39 Jahren vom SR noch nie zum Gespräch eingeladen. Macht nix, ich empfehle die Podcasts trotzdem: Sehr lebendig und informativ. Ich habe bei meiner Hausarbeit zuhörend schon sehr viel gelernt. [Nachtrag: Ich habe mich geirrt. Schon 1986, vor bald 30 Jahren, wurde ich für die Sendereihe zum Gespräch über “Deutsch als Männersprache” eingeladen. Die Sendung ist nun archiviert als “Klassiker von ‘Fragen an den Autor’” und kann als Podcast heruntergeladen werden.]

Eingeladen war im Dezember auch Heinz Buschkowsky, der Bezirksbürgermeister des Brennpunkts Berlin-Neukölln, zu seinem Buch „Die andere Gesellschaft“. Und damit komme ich zum eigentlichen Thema meiner heutigen Glosse: Buschkowsky sprach wiederholt von „Biodeutschen“ - das Wort hatte ich noch nie gehört. Er meinte damit wohl mich und meinesgleichen, also Deutsche mit deutschen Wurzeln bzw. Deutsche ohne Migrationshintergrund. Ich wollte mich bei Wikipedia informieren und erfuhr, dass der Artikel „Biodeutscher“ wegen interner Differenzen gelöscht wurde. An dessen Stelle war ein kurzer Satz im Artikel „Migrationshintergrund“ getreten: „Synonym zum Begriff des Menschen mit Migrationshintergrund wird der des Allochthonen gebraucht. Antonym zu diesen Begriffen ist die Bezeichnung Autochthoner. In Bezug auf Deutschland ist für Menschen ohne Migrationshintergrund auch (meist scherzhaft) von Biodeutschen die Rede.“

„Allochthon“ und „Autochthon“ - das klingt ja mächtig griechisch und kommt derzeit vielleicht nicht so gut an. „Bio“ hat zwar auch griechische Wurzeln, aber das stört niemand mehr.

Nachdem ich den Wiki-Artikel „Migrationshintergrund“ gelesen hatte, kamen mir Zweifel, ob ich wirklich echt biodeutsch bin, denn die Eltern meines Vaters sind aus Polen eingewandert. Die Definition ist nicht nur kompliziert, sondern auch undurchsichtig und widersprüchlich. Ich hatte keine Lust, da tiefer einzusteigen.

Offenbar finden viele die Bezeichnung „biodeutsch“ diskriminierend, obwohl doch Biogemüse als edler gilt als einfaches Gemüse und auch teurer ist. Aber diejenigen, die die Bezeichnung „biodeutsch“ für sich ablehnen, wollen halt nicht mit Gemüse gleichgesetzt werden, und sei es auch das edlere, teurere und gesündere.

Als Gründerin von FemBio.org (eine Abkürzung von Feministische Biographieforschung) werde ich auch oft von Witzbolden gefragt, ob unser Frauenbiographieportal ein Bioladen sei. Geschenkt.

„Biodeutsch“, so las ich auch, sei erstmals von Cem Özdemir benutzt worden, und es sei eine diskriminierende Bezeichnung, die gern von Deutschen mit Migrationshintergrund benutzt werde, um sich von den Deutschen ohne Migrationshintergrund abzugrenzen.

Ich vermute ja, dass die Wortschöpfung „biodeutsch“ nicht unbedingt feindselig gemeint war. Es zeugt nur von einer anderen Perspektive. Die Deutschen mit Migrationshintergrund setzen sich selbst als Zentrum und Bezugspunkt und benennen die Andersartigen. Sowas sind wir Biodeutschen nicht gewöhnt. Normalerweise sind wir es, die die „Zugewanderten“ und wie die Bezeichnungen alle heißen mögen, kategorisieren und zwecks Abgrenzung benennen.

Bei Hubert Fichte las ich zum ersten Mal das Wort „Solide“. Als „Solide“ bezeichneten Prostituierte solche Frauen, die keine Prostituierten, sondern „solide“ waren. Auch eine relativ positive Bezeichnung. Nur mögen wir halt nicht von „denen“ überhaupt kategorisiert werden, noch dazu als „Nicht-Prostituierte“. Das Kategorisieren ist unser Privileg bzw. allgemein gesprochen das Privileg derjenigen, die sich als Norm begreifen. Die Norm wird nicht extra benannt, schrieb ich schon in meiner Uraltglosse „Damenwahl“ vor 100 Jahren. Das Pendant, die „Herrenwahl“ findet zwar bei Tanzveranstaltungen laufend statt, hat aber - da die Norm - keinen eigenen Namen. Ähnlich funktionieren die „Herrenhandtasche“ und die „Herrentorte“. Die Homosexuellen wurden schon immer ausgegrenzt, kategorisiert und benannt. Die Heterosexuellen sehen sich erst seit kurzem in dieser Situation.

Etwas weniger volkstümlich behandeln Philosophie, Psychologie und Soziologie das Thema „Otherness“:

When used as a verb it means to distinguish then label then identify as belonging to a category and then exclude those who do not fit a societal norm. In geographic terms “to other” means to place outside of the center, somewhere along the margins where the societal norm does not reside.

Für den Mann ist die Frau „das andere Geschlecht“, wie schon Simone de Beauvoir feststellte. Die neu benamsten Biodeutschen verhalten sich diesbezüglich zu den Deutschen mit Migrationshintergrund wie Männer zu Frauen. Die sprachliche Ausgrenzung und „Andersbehandlung“ der Frauen durch die Männer ist das Thema der feministischen Linguistik.
Womit wir wieder beim Anfang angekommen wären, bei den “Fragen an den Autor“, die schon im Titel keinen Gedanken an Frauen aufkommen lassen und dann das Geschäft jahrzehntelang auch genauso frauenvergessen durchziehen.

Apropos frauenvergessen: Unter den Deutschen mit Migrationshintergrund und den Biodeutschen gibt es anscheinend auch keine Frauen, wie uns folgendes Titelbild nahelegt:
Frauenbild
Wir sehen, das Thema geht uns Frauen sowieso nix an. Ich bitte um Entschuldigung, dass ich damit unsere Zeit vergeudet habe.
•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••

Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:

FrauenbildFrauenbildFrauenbildFrauenbildFrauenbild


# | Luise F. Pusch am 01.03.2015 um 09:32 PM • 3 KommentarePermalink

23.02.2015

Manslamming, Mansplaining, Manspreading und andere Flegeleien

US-Amerikanerinnen haben in den letzten Monaten drei nützliche Wörter und damit zugleich ein noch nützlicheres Wortbildungsmuster kreiert: Manslamming, Mansplaining, Manspreading.
Frauenbild
Manslamming bezeichnet folgenden sattsam bekannten Vorgang: Du gehst irgendwo entlang und ein Mann kommt dir entgegen. Eine/r muss ausweichen. Meist bist du das. Gehst du wie der Mann stur geradeaus, kommt es zum Zusammenstoß. Der Mann ist perplex, weil eine Frau es gewagt hat, ihm ernsthaft in die Quere zu kommen. Die unter Männern verbreitete Unart, entgegenkommenden Frauen nicht auszuweichen, wird seit einiger Zeit erstmals namhaft gemacht, und zwar mit Manslamming.

Mansplaining bezeichnet eine typisch männliche Kombination von Überheblichkeit und Unwissenheit (“overconfidence and cluelessness” (Rebecca Solnit)) oder anders ausgedrückt „etwas erklären ohne Berücksichtigung der Tatsache, dass das Gegenüber (meist eine Frau) von der Sache mehr versteht als der Erklärer” (Lily Rothman, The Atlantic).

Am meisten Aufsehen erregt hat die Bezeichnung „Manspreading“ für männliches Beinespreizen, allgemeiner ausgedrückt, männliches Sich-Breitmachen. Besonders in überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln ist diese Flegelei gänzlich unangebracht und stößt inzwischen sogar bei Männern auf harsche Kritik. Die New Yorker U-Bahn startete im Dezember eine entsprechende Plakataktion. Wenn Sie auf diesen Tumblr-Link klicken, finden Sie zahlreiche Bilder von “manspreaders”. Ebenso auf Twitter unter dem Hashtag “#manspreading”.

Das Eigenwillige und Regelwidrige bei diesen Neologismen ist, dass - anders als etwa bei dem bekannten manslaughter „Totschlag“- „man“ hier jeweils Subjekt- und nicht Objektfunktion hat und überdies “Mann” und nicht “Mensch” bedeuten soll.

Wie schon bei meiner letzten Glosse über boyhood und passend zum Internationalen Tag der Muttersprache (21. 2.) ergibt sich für Deutsche die Frage: Wie übersetzt frau das denn? Das „man(s)“ erinnert an unser „manns-„ wie in „mannshoch“ und „Mannsbild“. Für meine Übersetzungsvorschläge habe ich mich an diesem einheimischen Muster orientiert und es erweitert:
Manslamming -> Mannsknallen / Mannsrammen
Mansplaining -> Mannsklärung
Manspreading, manspreader -> Mannspreizung / MannbreitungMannspreizer / Mannbreiter.

Alle drei Wörter gibt es im Deutschen noch nicht, es sind Neologismen wie die englischen Originale. Ich hatte von manspreading, manslamming und mansplaining zuvor noch nie gehört und meine US-amerikanische Familie auch nicht. Vielleicht fallen den LeserInnen dieses Blogs noch andere, bessere Übersetzungen ein. Bitte alle Geistesblitze unten in das Kommentarfeld eintragen. Und gleich auch alle weiteren Wortschöpfungen auf Manns-, die uns bisher noch gefehlt haben, mitsamt Definitionen. Hier ein paar Anregungen:

Mannskochen = nach dem Kochen die Küche als Schlachtfeld hinterlassen
Mannsputzen = die Ecken beim Putzen elegant übergehen
Mannsgehalt = doppelt so viel Geld wie die Frau für dieselbe Arbeit
Mannskaufen = beim Einkauf kaum auf die Preise achten, denn Mannszeit ist mehr wert als das, was Frauen durch Preisvergleiche einsparen

Weitere Kandidaten:
Mannstream
Gender Mannstreaming
Mannstrum, Mannster
Mannko
Manntra
Mannskript
—————
Die Wörter Manslamming, Mansplaining (beide schon in der englischen Wikipedia) und Manspreading mögen neu sein, aber es sind nur griffige Namen für Phänomene, die die feministische Linguistik (in ihren Abteilungen Gesprächs- und Körpersprachanalyse) schon vor 40 Jahren beschrieben hat.

Über Mansplaining bzw. Mannsklärungen hat Senta Trömel-Plötz sich ausführlich geäußert. Was das Manspreading betrifft, so ist die Künstlerin Marianne Wex mit ihrem fundamentalen Werk “Weibliche” und “männliche” Körpersprache als Folge patriarchalischer Machtverhältnisse. Mit 2037 Fotografien die Erste, die sich damit gründlich auseinandergesetzt und es tausendfach mit Fotos belegt hat. Eine gute Auswahl findet sich hier. Sie diagnostizierte das Mannspreizen in all seinen Varianten. In den USA wird Wex gerade wiederentdeckt. Bei Emma.de findet sich ein bebilderter Auszug aus diesem revolutionären Werk vom Dezember 1977.

In der Einleitung zu dem Beitrag, den sie für meinen Sammelband Feminismus: Inspektion der Herrenkultur (Suhrkamp 1983) schrieb, zitiert Marianne Wex Verena Stefan:

der herr der welt sitzt mir in der u-bahn gegenüber, vier männer auf einer bank, die für fünf menschen platz bietet, mit klaffenden beinen, wattierten schultern, die gespreizten hände auf den Knien. rechts und links von mir breit stehende männerbeine. ich sitze eng an mich gedrückt mit zusammengepressten Knien, die beine sind geschlossen zu halten, sie sind nur zu öffnen bei einem wildfremden mann, der gynäkologe heißt und bei dem mann, bei dem frau im selben bett liegt. die übrige zeit sind sie geschlossen zu halten. die entsprechenden muskeln sind den ganzen tag anzuspannen. ich schließe die augen. diese unterdrückerische haltung wegwerfen, so tun, als ob ich unbehellligt mit lockeren beinen sitzen könnte.

Marianne Wex kommentiert: “diese Sätze von verena stefan, geschrieben in ihrem buch häutungen, 1974, empfinde ich immer noch als besonders beeindruckende beschreibung patriarchalischer körpersprache, als symbol der situation von uns frauen im hinblick auf den uns von männern zugewiesenen lebensraum.”

Schön und wohltuend, wenn an die Erkenntnisse und die Vorarbeit anderer Frauen erinnert wird. In der ganzen Manspreading-Debatte, auch der deutschsprachigen, vermisse ich den Hinweis auf Marianne Wex und Verena Stefan (beider Werke liegen auch auf Englisch vor). Obwohl das Thema “Manspreading und andere Flegeleien” nach feministischer Zeitrechnung “soo einen Bart” hat, sehe ich es auch als willkommene Gelegenheit, sich an die feministischen Pionierinnen Stefan, Trömel-Plötz und Wex und an unsere Wurzeln zu erinnern.
——————
Dank an Helke Sander, die mich auf die Kampagne gegen Manspreader aufmerksam gemacht hat.
•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••

Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:

FrauenbildFrauenbildFrauenbildFrauenbildFrauenbild


# | Luise F. Pusch am 23.02.2015 um 06:28 PM • 24 KommentarePermalink

09.02.2015

Übersetzungsvorschläge für „Boyhood“

Mannomann! Seit Ende Januar stecken wir hier in Boston knietief im Schnee - ach was knietief, er liegt mannshoch. Nicht nur die Gullys sind zugeschneit, auch die Mannlöcher (manholes).
Frauenbild
—————-
Vorgestern sah ich im TV Charlie Rose im Gespräch mit Ethan Hawke, der für seine Vater-Rolle in „Boyhood“ als bester Nebendarsteller für den Oscar nominiert wurde. Die Sendung kam wie gerufen für meine Glosse über „Boyhood“. Der Film von Richard Linklater ist für insgesamt 6 Oscars nominiert und hat bei den Golden Globe Awards schon den Preis für „Best Drama“ und soeben bei den British Film Awards (BAFTA) den Preis für Regie und den besten Film bekommen.

Wir hätten uns den viel gepriesenen Film letztes Jahr ja schon mal ansehen können, hatten aber keine Lust. „Boyhood“ liegt uns gender- und altersmäßig nicht besonders nahe und hängt uns als Dauerthema unserer Herrenkultur sowieso zum Hals heraus. „Boyhood“, „Manhood“,  „brotherhood of man“ - wo ist schon groß der Unterschied, Mann?

In Deutschland und Frankreich läuft der Film unter seinem Originaltitel, und dies wohl nicht (nur) weil die deutsche wie die französische Popkultur stark amerikanisiert sind und ein englischer Titel sich normalerweise besser vermarktet.

Nein, „Boyhood“ ist einfach schlecht übersetzbar. Und das macht den Titel linguistisch interessant. Auch aus der Perspektive der feministischen Linguistik.

Ethan Hawke erzählte, Linklater hätte ihm Tolstois autobiografische Erzählung „Childhood, Boyhood, Youth“ (детство, отрочество, юность / Detstvo, otročestvo, junost’) zu lesen gegeben - das wunderbare Buch hätte sie beide sehr inspiriert.

Auf Französisch heißt Tolstois Erstling Enfance, adolescence, jeunesse. Frühere Übersetzungen ins Deutsche trugen bis in die 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts Titel wie Kindheit, Knabenjahre (oder -alter), Jünglingsjahre. Seit den dreißiger Jahren sind die „Knaben“ und die „Jünglinge“ aus der Mode; sie waren für Hitler vielleicht zu weich und gemütvoll, er bevorzugte „Hitlerjungen“ - „hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder“ usw. Mit den „Knaben“ und „Jünglingen“ verschwanden auch „Knabenzeit“, „Knabenjahre“ und „Jünglingsjahre“. Tolstois Buch heißt seither schlicht Kindheit und Jugend.

Die „Jungen“ bzw. „Jungs“ sind uns bis heute geblieben. „Boyhood“ könnte also theoretisch mit „Jungenzeit“ oder „Jungenjahre“ übersetzt werden - aber das Wort gibt es anscheinend nicht. Google zeigt keine Ergebnisse, auch nicht der Duden. (Was der Duden dagegen unter „Mädchenjahre“ meldet, ist zu schön, um es zu verschweigen: “Bedeutung: ‘jemandes Zeit als Mädchen’. Klingt nach „Jugend eines Transmanns“. Den Film „Mädchenjahre einer Königin“ habe ich aber ganz anders in Erinnerung.)

„Boyhood“ könnte auch übersetzt werden mit „Kindheit eines Jungen“ - aber das klingt nicht so allgemeingültig wie „Boyhood“. Edgar Reitz nannte seinen Vielteiler „Heimat“ und nicht „Meine Heimat“, um auszudrücken, dass er Heimat an sich und als solche meinte. Und Linklaters „Boyhood“-Film soll wohl ebenso exemplarisch für alle „Boyhoods“ dieser Welt stehen.

Und warum konnte der Film auf Deutsch nicht einfach „Jugend“ heißen, kurz und knackig? Schließlich wuselt in dem Film ja auch noch ein Mädchen herum, Linklaters eigene Tochter Lorelei. Die wird nun durch „Boyhood“ völlig ausgeblendet, genau wie das Elternpaar des „boys“. Aber auch wenn die Fokussierung auf den Jungen Absicht war, wäre „Jugend“ als deutscher Titel noch recht passend, denn zu Beginn des Film ist der jugendliche Held 6 und am Ende 18 Jahre alt - und damit schon jahrelang eher ein Jugendlicher als ein Boy. Und was die in „Jugend“ normalerweise mitgemeinten Mädchen betrifft, so sind wir schon daran gewöhnt, dass sie gerne ausgeblendet werden: Vor 70, 80 Jahren verbrachten nichtjüdische deutsche Mädels ihre Girlhood im Bund deutscher Mädel (BdM), nichtjüdische deutsche Jungs ihre Boyhood aber nicht im BDJ - einen „Bund deutscher Jungs“ gab es nicht. Die „Jugend“, bzw. was Hitler darunter verstand, kam in die Hitlerjugend und von dort an die Front.

Oh boy - manchmal ist es von Vorteil, nicht mitgemeint zu sein, Mädels.

Zum Weiterlesen: Judy Bermans kluger Artikel “What If ‘Boyhood’ Were ‘Girlhood’? A Thought Experiment
•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••

Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:

FrauenbildFrauenbildFrauenbildFrauenbildFrauenbild


# | Luise F. Pusch am 09.02.2015 um 03:07 AM • 7 KommentarePermalink

25.01.2015

„Sexualisierte“ oder „sexuelle Gewalt“?

Ich weiß schon gar nicht mehr, wann mir andere Feministinnen beibrachten, den Ausdruck „sexuelle Gewalt“ nicht mehr zu benutzen. Er sei irreführend, denn die sog. sexuelle Gewalt hätte in der Regel mit Sexualität wenig bis gar nichts zu tun. Es handle sich vielmehr um Gewalt, die sich der Sexualität nur als Mittel bediene. Das eigentliche Ziel der sexualisierten Gewalt sei die Herstellung oder Aufrechterhaltung männlicher Macht und weiblicher Ohnmacht.

Ich widme diese Glosse Susan Brownmiller zu ihrem 80. Geburtstag am 15. Februar. Sie hat das feministische Denken über Vergewaltigung mit ihrem Standardwerk „Against Our Will“ [Gegen unseren Willen] von 1975 geprägt wie keine andere. 5 Jahre lang studierte sie in den Archiven, vor allem Berichte über „atrocities“ (Gräueltaten) in Zeiten des Kriegs, der Sklaverei und der Unterwerfung fremder Völker. In der Regel handelte es sich bei den „Gräueltaten“ um Vergewaltigungen. Vergewaltigung wurde systematisch eingesetzt, um die Gegenseite, nicht zuletzt die männliche, zu demütigen, zu demoralisieren und gefügig zu machen. Diese Erkenntnis führte dann zu der neuen feministischen Sprachregelung. Brownmiller erkannte aber noch etwas anderes: „Rape is a conscious process of intimidation by which all men keep all women in a state of fear.“ (Vergewaltigung ist ein bewusster Prozess der Einschüchterung, mit dem alle Männer alle Frauen in einem Zustand der Angst halten.) Vollzug ist oft gar nicht nötig, es genügt die Androhung sexueller Gewalt.

Hätte ich im letzten Satz auch sagen können: „Es genügt die Androhung sexualisierter Gewalt“? Nein. Womit gedroht werden muss, wenn das Ziel erreicht werden soll, ist sexuelle Gewalt. Ohne Wenn und Aber.

Brauchen wir demnach beide Ausdrücke?

Bewusste Feministinnen wie die Frauen von Terre des Femmes reden von „sexualisierter Gewalt“, das unaufgeklärte Volk kümmert sich nicht um feministische Begrifflichkeit; es kennt nur „sexuelle Gewalt“:
Frauenbild

Die blaue Linie zeigt die Häufigkeit von “sexuelle Gewalt”, die rote die Häufigkeit von “sexualisierte Gewalt” im Google NGram Viewer. Sie können dem NGram Viewer hier ihre eigenen Fragen stellen.

Es gibt aber auch Feministinnen, die sich dem volkstümlichen Sprachgebrauch bewusst oder auch weniger bewusst anschließen: Das feministische Online-Magazin querelles.net bspw. spricht hier nur von sexueller Gewalt.

Bewusst problematisiert Rolf Löchel, wohl der beste Kenner feministischer Literatur in deutscher Sprache, den herrschenden feministischen Sprachgebrauch:

[Über den Ausdruck „Sexualisierte Gewalt“: Eine] Sprachregelung, die zwar in einigen feministischen Kreisen bevorzugt wird, jedoch zumeist irreführend und verharmlosend ist, da das sexuelle Moment dieser Form von Gewalt … in aller Regel wesentlich ist. Und zwar sowohl auf Seiten des Vergewaltigers wie auf derjenigen der Vergewaltigten. Denn die Angriffsziele des sexuellen Gewaltaktes einer Vergewaltigung sind die Sexualität der Frau, ihre Libido und ihre sexuelle Identität. Letzteres wird bei den berüchtigten ‚korrigierenden Vergewaltigungen‘ von Lesben etwa in Südafrika besonders deutlich. Denn die lesbischen Frauen sollen durch die Vergewaltigung wieder ‚auf den rechten Weg der Heterosexualität gebracht’ werden.
Auch die Absicht von Vergewaltigern, sich ihre Befriedigung gewaltsam zu erzwingen, ist genuin sexuell. Dass einige der Täter ihre sexuelle Befriedigung erlangen, indem sie die Frau durch die Vergewaltigung und während der Vergewaltigung erniedrigen, demütigen und Macht über sie ausüben (ein Argument, das auch von Wizorek angeführt wird, um zu begründen, dass es sich hierbei eben nicht um sexuelle, sondern um sexualisierte Gewalt handelt) mag durchaus sein, steht dem Fakt, dass es dabei zentral um Sexualität geht und es sich somit um sexuelle Gewalt handelt, aber keineswegs entgegen. Quelle: hier.

Und nun? Was sollen wir sagen?

Vielleicht können ein paar linguistische Überlegungen weiterhelfen.

Die Endung „-isieren“ macht aus einem Adjektiv ein kausatives Verb, das einen Vorgang beschreibt, der den Zustand herbeiführt, den das Adjektiv bezeichnet. Dazu ein paar Beispiele:

trivialisieren = trivial machen
banalisieren = banal machen
homogenisieren = homogen machen
privatisieren = privat machen
digitalisieren = digital machen
sexualisieren = sexuell machen

„Sexualisierte Gewalt“ bedeutet also, wenn wir das Wort so verstehen wie andere Wörter auf „-isieren“: sexuell gemachte Gewalt. Und sexuell gemachte Gewalt ist dasselbe wie sexuelle Gewalt - oder? „Sexualisierte Gewalt“ bedeutet lediglich, dass die Gewalt zunächst nicht sexuell war, durch „Sexualisierung“ aber schließlich doch sexuell wurde. Denn etwas, was bereits sexuell ist, kann nicht sexualisiert werden, genau wie homogenisierte Milch nicht mehr homogenisiert werden kann.

Die wichtige Erkenntnis Brownmillers und anderer feministischer Gewaltforscherinnen, dass sexuelle Gewalt dem Mann nicht nur zum Lustgewinn dient, vielleicht nicht einmal vordringlich der sexuellen Lust, sondern der Unterwerfung und Demütigung - wird also in dem doch recht streng vorgeschriebenen Ausdruck „sexualisierte Gewalt“ nicht besonders klar zum Ausdruck gebracht. Besser wäre es m.E., von Sexualterror zu sprechen. Terror wird ausgeübt, um die Gegenseite in einem Zustand der Angst zu halten. Klingt das nicht fast genau so wie die oben zitierte Haupterkenntnis von Susan Brownmiller: “Vergewaltigung ist ein Mittel, mit dem alle Männer alle Frauen in einem Zustand der Angst halten”?

Von „Sexualterror“ zu sprechen statt von „sexualisierter Gewalt“ hätte noch einen weiteren Vorteil: Beim Kampf gegen den Terror stehen die Täter, ihre Festnahme und Verfolgung im Zentrum der Debatte, außerdem umfassende Verfolgungs- und Vergeltungsmaßnahmen gegen sie. Nicht so beim alltäglichen Terror des Mannes gegen die Frau (bekannt unter den irreführenden Bezeichnungen „häusliche Gewalt“, „sexueller Missbrauch“ und „sexuelle Gewalt“), bei dem die Medien sich lieber auf die Opfer konzentrieren.

Es wird Zeit, den sexuellen Terror beim Namen zu nennen und die Sexualterroristen unerschrocken ins Visier zu nehmen.

•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••

Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:

FrauenbildFrauenbildFrauenbildFrauenbildFrauenbild


# | Luise F. Pusch am 25.01.2015 um 10:06 PM • Permalink

11.01.2015

Über “Meinungsfreiheit”, “free speech” und “liberté d’expression”

Nach den islamistischen Mordattacken in Paris treten Menschen und Medien weltweit für „liberté d’expression“, „freedom of expression“ / „free speech“ und „Meinungsfreiheit“ ein.

In Boston höre und lese ich pausenlos von „freedom of expression“ und „free speech“. Wie kommt es, frage ich mich, dass nur die Deutschen von „Meinungsfreiheit“ reden, wo alle anderen die freie Äußerung/Expression, den freien Ausdruck (der Meinung), die freie Rede betonen.

Hat es vielleicht mit deutscher Obrigkeitshörigkeit und deutschem Duckmäusertum zu tun? Eine bestimmte, auch abweichende Meinung zu haben, ist schließlich kein Problem. Erst wenn wir abweichende Meinungen äußern, kann es brenzlig werden.

Meinungsfreiheit - geschenkt. Wir alle können die geächtetsten oder gesellschaftschädlichsten Meinungen hegen, so lange wir sie nicht ausagieren, ist alles in Ordnung. Da gehen also die Deutschen massenhaft auf die Straße für ein Recht, das eigentlich keines ist? Das Recht, eine eigene Meinung zu haben, ist wie das Recht, zu atmen. Es muss nicht im Grundgesetz verankert werden, denn die eigene Meinung als solche ist privat und nicht kontrollierbar. Erst wenn sie geäußert wird, kann es u.U. Ärger geben. Die Meinung, dass Hitler ein Verbrecher war, hatten zu seinen Lebzeiten viele Deutsche. Aber nur diejenigen, die diese Meinung äußerten, kamen in Lebensgefahr.

Schauen wir uns das Gesetz über unsere „Meinungsfreiheit“ mal genauer an: Artikel 5 (1) unseres Grundgesetzes lautet: 

Jeder [sic] hat das Recht, seine [sic] Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

Wir sehen, Artikel 5,1 des Grundgesetzes behandelt das “Recht auf freie Meinungsäußerung”. Anders ausgedrückt, das “Recht auf Meinungsäußerungsfreiheit”, abgekürzt zu “Recht auf Meinungsfreiheit”.

„Meinungsäußerungsfreiheit“ ist eines dieser langen zusammengesetzten Wörter des Deutschen, die Anderssprachige in der Regel unaussprechbar, unlesbar und unmöglich finden. Deswegen, um diesen KritikerInnen und uns selbst einen Gefallen zu tun, haben wir es gekürzt zu „Meinungsfreiheit“. Die Sprachwissenschaft spricht hier von „Ellipse“.

Warum haben wir es nicht zu „Äußerungsfreiheit“ oder „Ausdrucksfreiheit“ gekürzt, wie das Englische und Französische? In diesen Sprachen fehlt ja auch ein Teil, nur ein anderer als im Deutschen. Es fehlt dort die Bezeichnung dessen, was frei geäußert werden darf: freedom of expression [of opinion], liberté d’expression [de l’opinion]. Auch ziemlich lange Ausdrücke, und auch sie wurden gekürzt, halt nur anders.

Es scheint zunächst, dass das Deutsche auf den wichtigeren Teil verzichtet hat. Nicht das Haben einer Meinung ist gefährlich, sondern das Äußern kann gefährlich werden. Und deshalb muss das Recht darauf vom Staat gewährleistet werden.

Andererseits scheint mir die deutsche Lösung präziser, wenn ich z.B. an Edward Snowden denke. Hätte er nur eine Meinung geäußert, wäre ja alles in Butter gewesen. Wen - außer fundamentalistische AnhängerInnen patriarchaler Religionen wie Christentum, Islam oder Judentum - kratzt schon eine bloße Meinung? Ein dickes Fell angesichts der abstoßendsten Meinungen über uns mussten besonders wir Frauen uns zulegen. Aber was Snowden öffentlich gemacht hat, waren Staatsgeheimnisse, also Tatsachen, die sein Staat lieber geheimhalten wollte. Und schon war Schluss mit „freedom of expression“ oder „free speech“. Es dürfen eben nur Meinungen frei geäußert werden. Und das teilt nur der deutsche Ausdruck mit, während das Englische und Französische hier nicht nur elliptisch, sondern irreführend sind.
•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••

Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:

FrauenbildFrauenbildFrauenbildFrauenbildFrauenbild


# | Luise F. Pusch am 11.01.2015 um 10:49 PM • Permalink

05.01.2015

Auf der Suche nach Ingeborg Wurster- Eine Femmage

Am 14. Dezember hörte ich eine Zeitzeichen-Sendung über den Chemiker Carl Wurster. Anlass war sein 40. Todestag. Carl Wurster, Jahrgang 1900, war von 1953 bis 1965 Vorstandsvorsitzender der BASF, danach bis zu seinem Tod 1974 Aufsichtsratsvorsitzender. Zu seinem 60. Geburtstag meldete die ZEIT ehrfurchtsvoll:

Die Naturwissenschaftlich-Mathematische Fakultät der Universität Heidelberg ernannte Dr. Wurster 1952 zum Honorar-Professor. Dieser akademischen Ehrung folgte kurz darauf die Ehrendoktorwürde der Universität Tübingen und die Würde eines Dr.-Ing. e. h. der TH München. Prof. Wurster ist Ehrensenator der Universitäten Mainz, Heidelberg und der TH Karlsruhe. Dem Präsidium des Verbandes der chemischen Industrie gehört Professor Wurster seit Jahren an.

Weniger ehrfurchtsvoll ging allerdings die Zeitzeichensendung mit dem Vielgeehrten um, denn Wurster war auch in der Nazi-Zeit ein hohes Tier bei IG Farben: 1938-1945 Vorstandsmitglied der IG, Direktor der BASF und Aufsichtsratsmitglied der deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung (Degesch), die das Zyklon B herstellte, das zum Massenmord in den Gaskammern der Vernichtungslager benutzt wurde.

Wurster will nichts davon gewusst haben und wurde in dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess 1947-1948 freigesprochen. Der Fortsetzung seiner bis dahin schon steilen Karriere in immer schwindelndere Höhen stand nichts mehr im Wege.
———
Ich hatte bei dem ja nicht so häufigen Namen „Wurster“ aufgemerkt, weil er mich an Ingeborg Wurster (1931-1999) erinnerte, die erste weibliche Moderatorin des heute-Journals (1979-84). Damals eines der ganz wenigen weiblichen Gesichter im deutschen Fernseh-Journalismus. Eine einsame Pionierin. Zuvor war sie seit 1966 für das ZDF als Auslandskorrespondentin in Washington, New York und Brüssel gewesen. Für Feministinnen war sie jahrzehntelang der einzige Lichtblick im deutschen Fernsehen.

Aber es wird nicht viel über sie geredet. Es gibt keine Biografie über diese Pionierin. Und anders als andere Pionierinnen des deutschen Fernsehens, etwa ihre Zeitgenossinnen Fides Krause-Brewer, Carola Stern, Wibke Bruhns und Dagmar Berghoff, hat sie auch keine Autobiografie verfasst, die sie weithin bekannt gemacht hätte.

Hatte Ingeborg Wurster vielleicht irgend etwas mit dem äußerst tüchtigen Ehrenmann und mutmaßlichen Monster Carl Wurster zu tun? Zeitlich und örtlich käme es hin, Ingeborg Wurster wurde 1931 in Heidelberg geboren - 20 km von Ludwigshafen entfernt.

Aber bei Wikipedia und auch bei Munzinger heißt es lakonisch oder geheimniskrämerisch, sie sei “Tochter eines Werkmeisters“.

Ein gewisser Rainer H. Thierfelder schreibt 2008 in seinen Memoiren Zeit meines Lebens: Menschen, Ereignisse und Gedanken zur eigenen Biographie:

Erst mit dem Wechsel in die Obertertia erhielt ich altersdadäquate Gesellschaft durch die gereiften Söhne zweier damals prominenter Wirtschaftsmanager, die gerade wieder „kleben geblieben“ waren: Karl Wurster - sein Vater war Vorstandsvorsitzender oder - wie man damals sagte - „Generaldirektor“ der BASF in dem gegenüberliegenden Ludwigshafen, seine Schwester die später sehr bekannt gewordene Fernsehjournalistin Ingeborg Wurster - und Karl Lortz, Sohn des späteren Vorstandsvorsitzenden von Volkswagen […]. Gefunden hier.

Demnach war Ingeborg Wurster also nicht „Tochter eines Werkmeisters“, sondern ihr Vater war Generaldirektor des größten Chemie-Unternehmens der Welt. Und dass sie das wegen des Massenmords mit Zyklon B nicht an die große Glocke hängen mochte, ist verständlich.

Aber wie vertrauenswürdig ist Rainer H. Thierfelder? Seine Schulzeit liegt Jahrzehnte zurück - vielleicht erinnert er sich gar nicht mehr richtig? In den Internet-Auskünften über Carl Wurster ist jedenfalls immer nur von zwei Töchtern die Rede, nie von einem Sohn.

FrauenbildEs wird Zeit, dass mal eine gründlich recherchiert und eine Biografie über Ingeborg Wurster schreibt, die interessanteste und wichtigste weibliche Fernsehschaffende in der BRD der sechziger bis achtziger Jahre. Im Vergleich zu ihrer Leistung, neben der die Leistungen „der ersten deutschen Nachrichtensprecherin (1971)“ (Wibke Bruhns) und der „ersten Tagesschausprecherin (1976)“ (Dagmar Berghoff) eher mäßig wirken, ist sie erstaunlich unbekannt und unterbewertet. Sie tat wenig für ihre Publicity, und das mag an der Gefahr gelegen haben, mit diesem Vater assoziiert zu werden. Außerdem war sie vermutlich Feministin - immerhin drehte sie schon 1971 für das ZDF den 30-Min-Beitrag „Schwestern, auf zum Streite - Frauenbewegung in Amerika“. Überdies hatte sie eine eher intellektuelle, sportlich-herbe Ausstrahlung und war unverheiratet. Sie erinnerte ein wenig an Erika Mann. Kurz, für Lesben, die damals alle im Versteck ausharren mussten, hatte sie eindeutig die Anmutung einer „Schwester“.

Wenn meine Mutmaßungen zutreffen, war sie eine von jenen, die weit „unter Wert verkauft werden“, weil sie sich selbst „nicht verkaufen konnten“: es war einfach zu gefährlich, über das rein Professionelle hinaus noch irgendetwas „rauszulassen“. Aber wir Heutigen sollten die Camouflage durchschauen und unsere Heldinnen in ihrer „Hall of Fame“ tüchtig feiern. Wir brauchen sie.

•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••

Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:

FrauenbildFrauenbildFrauenbildFrauenbildFrauenbild


# | Luise F. Pusch am 05.01.2015 um 03:03 AM • 3 KommentarePermalink

21.12.2014

Lieber Plusfahrer als Überfahrer

Letzten Donnerstag erklärte mir ein gesprächiger Taxifahrer, er sei übrigens Plusfahrer. Was das denn sei, wollte ich wissen. „Na wenn Damen gefahren werden, dann benehmen sich nicht alle Fahrer richtig. Besonders wenn es jüngere Damen sind. Da gibt es manchmal so Jungspunde, wissen Sie…“ Ich nickte wissend. Ja solche Fahrer kenne ich zur Genüge. Aber mit alten Damen benehmen sie sich keineswegs besser. Ein Fahrer in Dresden, der uns vom Bahnhof ins Hotel bringen sollte, meinte dazu launig: „Ach ich dachte, Sie wollten zu Betreutes Wohnen.“ Während ich mich missmutig an weitere Zumutungen erinnerte, fuhr der Fahrer fort: „Und deshalb gibt es die Plusfahrer, die sind besonders qualifiziert, dass sie mit den Damen richtig umgehen, höflich und respektvoll und nicht unverschämt oder zudringlich oder so.“

Ich war völlig platt. Von Plusfahrern hatte ich noch nie gehört. Ich erzählte dem Fahrer, mit den meisten Taxifahrern hätte ich ja gute Erfahrungen gemacht, aber für längere Fahrten, über Land zum Beispiel, würde ich doch immer explizit nach einer Fahrerin verlangen. Und nun bewies mein Fahrer, dass er tatsächlich ein Plusfahrer war. Er brauste nicht auf, wie ich es von Männern gewohnt bin, mit einer Bemerkung wie „Es gibt aber auch unausstehliche Taxifahrerinnen!“, sondern meinte nur: „Ja, aber gerade nachts, wenn es vielleicht für Frauen am gefährlichsten ist, arbeiten nicht viele Taxifahrerinnen. Da können Sie dann, wenn grade keine Frau parat ist, einen Plusfahrer bestellen.“ Mach ich, versicherte ich ihm. Wir waren angekommen, ich gab ihm ein Plus-Trinkgeld und stieg aus.

Am nächsten Morgen, bei nüchternem Tageslicht besehen, konnte ich noch immer nicht glauben, was ich gehört hatte. Plusfahrer, tatsächlich? Brauchen Männer eine Zusatzqualifikation, um sich gegenüber Damen richtig zu benehmen? Nicht, dass ich die Notwendigkeit nicht 100prozentig bestätigen könnte. Aber dass ein Taxiunternehmen diese Notwendigkeit einsieht und tatsächlich etwas tut, um dem Übel abzuhelfen, das kam mir vor wie im Märchen. Ich suchte im Internet nach „Plusfahrer“ - Fehlanzeige. Ich sah auf der Quittung nach. Sie war ausgestellt von Hallo Taxi 3811, Hannovers größtem Taxiunternehmen. Ich rief an und erkundigte mich nach ihren “Plusfahrern”. Doch ja, die gäbe es. Schon seit 4, 5 Jahren. Nein, sie wären nicht teurer als normale Fahrer. Ich müsste das nur bei der Bestellung dazu sagen. Ich fragte noch, wer denn die Sache mit den Plusfahrern beschlossen hätte und ob das eine bundesweite Einrichtung sei. Das hätte die Geschäftsleitung so beschlossen, sagte der Mann in der Zentrale. Bundesweit? Nicht dass er wüsste.

Da bietet Hallo Taxi 3811 also einen Superservice an - aber sie halten ihn verschämt geheim. Niemand weiß davon. Wenn sie es an die große Glocke hängen würden, würden sie damit ja zugeben, dass ihre normalen Taxifahrer Machos und Sexisten sind. Heikle Sache. Der normale Mann als Minusmann und Marketingproblem. Auch sprachlich musste die erstaunliche Firma enorme Findigkeit aufbieten. Bei Nietzsche wäre der Plusfahrer ein “Überfahrer” geworden, aber dass das ein Eigentor wäre, haben sie sicher sofort gemerkt. Und außerdem klänge da auch noch die verhasste Konkurrenz “Uber” an.

Also, liebe privilegierte Taxikundinnen aus dem Großraum Hannover: Beim nächsten Mal einen Plusfahrer bestellen. Aber nur, wenn keine Fahrerin frei ist. Denn bei Frauen ist das Plus schon eingebaut, wie wir wissen.

„Plus“ bedeutet in der Sprache von „Hallo Taxi 3811“ also „nicht sexistisch“. Eigentlich eine praktische Lösung. Sprechen wir also demnächst nicht mehr von “nicht-sexistischer Sprache”, “geschechtergerechtem” bzw. “gendersensiblem Deutsch” oder so - Plusdeutsch ist kürzer. Das deutsche Gesundheitswesen braucht dringend mehr Plusärzte und Pluspfleger. Pluskellner, Plusschaffner, Plusverkäufer und Pluspriester wären auch ein Segen. Sicher fallen Ihnen noch jede Menge andere Bedarfsfelder für Plus ein.

Bleibt mir nur noch, Ihnen und uns ein ordentliches Plusweihnachten zu wünschen. Und danach ein Plusjahr, wir haben es verdient!
•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••

Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:

FrauenbildFrauenbildFrauenbildFrauenbildFrauenbild


# | Luise F. Pusch am 21.12.2014 um 02:01 PM • 5 KommentarePermalink

08.12.2014

Feministische Anmerkungen zur „Schönen Magelone“

Neulich hörte ich Tiecks Novelle „Die schöne Magelone“ in einer Rundfunkaufnahme, die ich per Phonostar mitgeschnitten hatte. Ich hatte gehofft, damit wunderbar einschlafen zu können. Wirklich ist die Novelle, zumindest bis zur Hälfte, schön einschläfernd: blumig, gefühlvoll und undramatisch. Aber ich hatte Halsschmerzen, und so hörte ich denn gepeinigt das ganze Märchen am Stück - und fing danach mit dem nächsten Hörbuch an.

Tieck entnahm den Stoff, der der Sagentradition der Provence entstammt und letztlich auf Tausendundeine Nacht zurückgeht, einer deutschen Übersetzung aus dem 16. Jahrhundert. Der 24-Jährige versuchte 1797 „eine Wiederbelebung … des alten Stoffes aus dem Geiste der Romantik“ (Kindlers Literatur-Lexikon)

Mit vollem Titel heißt die Novelle „(Wundersame) Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence“. Wir lernen: Sie ist schön, und er ist von Adel - wie es sich für ein Märchen gehört.

Sie wird an erster Stelle genannt, allerdings nur mit ihrem Vornamen, er steht an letzter Stelle, dafür mit Titel und ganzem Namen. Das Prinzip „Ladies first“ wird also auch hier befolgt, allerdings kostet es Magelone den Titel und vollen Namen. Ja hat Magelone denn überhaupt einen Titel? Und ob - sie ist sogar die Ranghöhere, eine Prinzessin, Tochter des Königs Magelon von Neapel (und sicher auch seiner Ehefrau, aber von der ist nie die Rede).

Zum Inhalt: Peter und Magelone verlieben sich ineinander, er schenkt ihr drei Ringe, die seine Mutter ihm für seine Zukünftige mitgab, Magelone birgt diese an ihrem schönen Busen. Als sie einen anderen heiraten soll, flieht das Paar. In einem Wald ruhen sie sich aus, sie legt das Lockenköpfchen in seinen Schoß und schläft ein. Er öffnet ihr das Mieder, ist entzückt von ihrem Busen und findet das rote „Zindel“ (ein Stück Stoff) mit den 3 Ringen. Ein Rabe stiehlt das Zindel und fliegt damit fort. Peter hinterher, er wirft Steine nach dem Raben, trifft ihn aber nicht. Der Rabe fliegt aufs Meer hinaus, Peter steigt in einen Kahn und folgt ihm. Die Strömung trägt ihn weit hinaus, er findet nicht zurück, wird von einem „mit Heiden und Mohren besetzten Schiff“ gerettet und einem Sultan geschenkt. Die Tochter des Sultans verliebt sich in ihn, aber er denkt nur an Magelonen (die schöne Deklination der Namen übernehme ich von Tieck) und flieht mit einem Kahn über das Meer. Diesmal greift ihn ein Christenschiff auf, und nach langem Umherirren findet er schließlich Magelonen wieder, und ihr Glück kennt keine Grenzen mehr.

FrauenbildIn meiner Jugend legte ich mir den Brahmsschen Liederzyklus „Die schöne Magelone“ zu, in der vielgepriesenen Aufnahme mit Fischer-Dieskau und Richter. Der Zyklus gefiel mir nicht besonders; ich habe ihn mir nicht oft angehört. Bei Brahms ist Graf Peter völlig aus dem Titel verschwunden, der Zyklus heißt nur noch „Die schöne Magelone“. Und diese Kurzform wird inzwischen auch für Tiecks Novelle benutzt.

So gekürzt wird allerdings der Titel vollends zum Etikettenschwindel. Denn die Novelle wie auch der Liederzyklus handeln fast ausschließlich von Petern. Die Novelle enthält inklusive „Vorbericht“ 18 Gedichte, meist Lieder bzw. Romanzen, die Peter zur Laute singt. Auch Magelone singt zwei Lieder, und eines singt Salima, die Tochter des Sultans. Hat also bereits Tieck der schönen Magelone vergleichsweise wenige Worte zugestanden, so wird die weibliche Stimme („the female voice“ der modernen Gendertheorie) bei Brahms vollständig eliminiert. Lieber lässt er den Sänger tapfer singen „Geliebter, wo zaudert dein irrender Fuß?“ - als dass er dieses Lied Magelonens einer Frau überließe.

Weshalb die Geschichte „Die schöne Magelone“ und nicht „Der schöne Peter“ heißt, ist also nicht recht einzusehen.

Bei Tieck ist Magelone zwar kein Sexobjekt, aber Objekt ist sie zweifellos, eine Art Übungsgerät. Sie dient Petern zu Training und Entfaltung seiner „männlichen“ Anteile wie Entschluß- und Kampfkraft und seiner „weiblichen Anteile“ wie Empfindungsfähigkeit und Seelentiefe, Voraussetzungen seiner Dicht- und Gesangskunst. Der romantische Jüngling und edle Ritter Peter ist nämlich ein androgyner „Kugelmensch“ im Platonschen Sinne. Er braucht keine „weibliche Ergänzung“; er ist selber weiblich - und männlich zugleich. Wir erfahren es gleich im ersten Satz:

In der Provence herrschte vor langer Zeit ein Graf, der einen überaus schönen und herrlichen Sohn hatte, welcher als die Freude des Vaters und der Mutter erwuchs. Er war groß und stark, und glänzende blonde Haare flossen um seinen Nacken und beschatteten sein zartes jugendliches Gesicht; dabei war er in aller Waffenübung wohlerfahren, keiner führte im Lande und auch außerhalb die Lanze und das Schwert so wie er, so daß ihn Jung und Alt, Groß und Klein, Adel und Unadel bewunderte.

Peter ist nicht nur schön und blondgelockt, sondern auch stark und mutig. Im Turnier ist er unschlagbar, zugleich aber ist er schüchtern und weint viel, und wenn Sehnsucht und/oder Liebe ihn übermannen, greift er frisch zur Laute und singt. Wenn alle Männer so wären, brauchte es keine Frauenbewegung mehr. Es brauchte nicht einmal Frauen.

Ich glaube, die Geschichte heißt „Die schöne Magelone“, damit wir nicht merken, dass sie eigentlich nur von Petern handelt. Auch der Minnesang, den Tieck mit seiner Novelle wohl auch „wiederbeleben“ will, diente nur scheinbar der Anbetung edler und unerreichbarer Frauen. Die realen Frauen interessierten nicht, sie waren nur ein Vorwand für kulturellen Wettstreit unter Männern. Aufgabe der Frau ist es, sich besingen zu lassen - und nicht, selbst zu singen. Sänge sie selbst, käme der Minnesänger aus dem Konzept, müsste ihr zuhören und sich mit ihr auseinandersetzen, statt von ihr zu träumen und seine Gedanken über sie in das Kunstwerk zu ergießen, mit dem er dann unter seinesgleichen Eindruck schinden kann. Eine selbst singende Frau wäre für den Minnesänger nur eines: zeitraubend.

Hätte ich das alles schon in meiner Jugend durchschaut, hätte ich mir die Brahms-Magelone, die ganz schön teuer war, gar nicht erst gekauft. Besser selber singen, als den (in)brünstigen Gesängen der Männer über uns andächtig zu lauschen.
•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••

Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:

FrauenbildFrauenbildFrauenbildFrauenbildFrauenbild


# | Luise F. Pusch am 08.12.2014 um 08:58 PM • 5 KommentarePermalink

09.11.2014

Männerfreie Zone (fast): Die neue Regierung von Rheinland-Pfalz

Am Mittwochabend berichtete das heute-Journal, Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, habe ihr Kabinett umgebildet. Um Schadensbegrenzung in Sachen Nürburgring-Skandal bemüht, habe sie vier Minister ausgewechselt. Ich war schon fast im Halbschlaf, da weckte mich die muntere, nicht enden wollende Prozession von Frauen wieder auf, die da den Bildschirm füllte: offenbar das neue Kabinett Dreyer. Ein Kabinett nur aus Frauen - sowas hatte es doch noch nie gegeben. Die Moderatorin verlor über diese Ungeheuerlichkeit allerdings kein Wort. Sie tat, als sei das völlig normal.

Frauenbild

Am nächsten Tag hatte ich das unbesungene Wunder fast schon wieder vergessen, aber am Freitag fiel es mir wieder ein, und ich beschloss, der Sache nachzugehen und googelte „Kabinettsumbildung Dreyer“. Ja, hieß es jeweils dröge, sie habe ihr Kabinett umgebildet, wegen des Skandals um den Nürburgring. Der andere Skandal, dass sie die Stirn gehabt hatte, ihren Landeskindern ein Kabinett aus 8 Frauen und 2 Männern zuzumuten, blieb hingegen weitgehend unkommentiert.

Früher benutzte man für Kabinettsumbildungen gern den frz. Ausdruck „Revirement“. Da es dabei IMMER um die Ablösung von Männern durch andere Männer ging, war ich bis heute davon überzeugt, das „vir“ in dem Wort „Revirement“ sei das lateinische vir „Mann“, und es handle sich bei einem Revirement folglich um eine „Umbemannung“. Nun aber belehrt mich der Duden online wie folgt:

Revirement:
Umbesetzung von Ämtern, besonders Staatsämtern
Beispiele
• im Außenministerium hat ein Revirement stattgefunden
• ein Revirement vornehmen
Herkunft
französisch revirement = Umschwung, zu: virer = wenden, über das Vulgärlateinische zu lateinisch vibrare “vibrieren”

Sollen wir dem Duden das glauben? Mich hat er nicht überzeugt.

Bleiben wir noch einen Moment bei „vir“. Es steckt auch in viril „männlich“, und - für unser Thema aufschlußreicher - in Triumvirat „Dreimännerkollegium“, das wir aus der römischen Geschichte kennen. Rund zweitausend Jahre später erschien das erste „Feminat“ auf der Bildfläche, eine Analogiebildung zu „Triumvirat“. Im April 1984 wählten die Grünen im Bundestag einen Fraktionsvorstand, der nur aus Frauen bestand und in den Medien umgehend als „Feminat“ bezeichnet wurde, um nicht zu sagen, verschrien war. Fünf Jahre später gab es das zweite Feminat: „Mit acht Senatorinnen und fünf Senatoren sowie dem Regierenden Bürgermeister war der [Berliner] Senat Momper die erste deutsche Landesregierung mit Frauenmehrheit.“

Ich erinnere mich noch gut an die Häme und den Aufruhr in den Medien um diese beiden „Feminate“. Was also ist davon zu halten, dass das neue Feminat Malu Dreyers so gar niemanden hinter dem Ofen hervorlockt und niemand mehr das Schimpfwort „Feminat“ dagegen bemüht? Liegt es vielleicht daran, dass die rheinland-pfälzische Regierung auch schon vor der Kabinettsumbildung ziemlich frauenlastig war mit sechs Frauen und vier Männern? Aber jetzt sind es acht Frauen und nur noch zwei Männer, und wenn das so weiter geht, sind die Männer bald ganz verschwunden. Wieso machen sie dagegen nicht mobil wie ehedem?

Malu Dreyers neues Kabinett ist eine große Errungenschaft für Frauen. Weibliche Erfolge werden von Männern - die in unseren Medien weiterhin das Sagen haben - üblicherweise nicht gefeiert, sondern entweder bekämpft oder ignoriert. Das Ignorieren wird immer dann gewählt, wenn das Bekämpfen aussichtslos scheint. Als feministische Linguistin erlebe ich beide Reaktionsweisen seit 35 Jahren. Zuerst wurden unsere sprachkritischen Forderungen mit allen Mitteln bekämpft. Sowie wir trotzdem Erfolge verzeichnen konnten, hieß es, wir rennten mit unserer Kritik offene Türen ein, das „Gendern“ sei doch inzwischen selbstverständlich.

Aus diesen Erfahrungen schließe ich, dass mann Aufregung über Malu Dreyers Frauenkabinett nicht für opportun hält. Mann ergibt sich in sein Schicksal, in Rheinland-Pfalz von Frauen regiert zu werden - welche Schande! Und eine Schande wird am besten totgeschwiegen.

Wir Frauen haben allerdings keinen Grund, diese Strategie nachzumachen und ebenfalls zu schweigen. Wir sollten Malu Dreyers Coup als Vorbild für weitere hübsche Kabinettsbereinigungen ordentlich feiern und die frohe Kunde überall herumposaunen.
•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••

Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:

FrauenbildFrauenbildFrauenbildFrauenbildFrauenbild


# | Luise F. Pusch am 09.11.2014 um 07:43 PM • 13 KommentarePermalink

Seite 1 von 27  1 2 3 >  Letzte »

Seitenanfang

Hedwig Dohm