24.08.2014

Die Göttin geht, Godus kommt

In den letzten Tagen bekam ich zwei Mails mit göttlicher Thematik. Die erste lud mich ein, Gott zu spielen, die zweite forderte mich auf, die Göttin zu retten. Die Göttin soll nämlich abgeschafft werden, bzw. sie wurde bereits abmontiert:
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Da gab es seit fünf Jahren ein schönes Schild an der Autobahn ins Land Tirol mit der Aufschrift „Grüß Göttin“. Dies Schild wurde kürzlich entfernt, deshalb läuft eine Petition mit dem Ziel, die Göttin wieder auf ihren angestammten Platz zu schaffen. Ich habe eben die Petition unterschrieben.

FrauenbildDie andere göttliche Botschaft kam von iTunes’ App Store. Ich fand darin das nebenstehende Bild:

Godus?? Ist „God“ nicht schon männlich genug? Ich klickte mich durch zur Beschreibung des Godus-Spiels und erlebte mein blaues Wunder:


Beschreibung
DU stehst kurz davor, GOTT zu SPIELEN und über eine lebendige, atmende Welt zu herrschen. Das ist so EINFACH, wie es ATEMBERAUBEND ist. Fühle wahre Macht in der schönsten, charmantesten und greifbarsten Welt, die du je in den Händen gehalten hast.
• Mit deinen Berührungen kannst du jeden Zentimeter der Landschaft formen und gestalten und sie so zu deinem einzigartigen Werk machen.
• Werde geliebt und verehrt von winzigen und ergebenen Anhängern. Sieh zu, wie sie in einer vollständig simulierten Welt leben, lernen und wachsen.
• Wirke Wunder voller Schönheit und Zerstörung: Forme Flüsse und lass Wälder wachsen oder wirf Meteore und lass Brände wüten.

Will ich vielleicht über eine lebendige Welt herrschen? Eigentlich nicht.
Will ich von winzigen und ergebenen Anhängern geliebt werden? Iwo.
Will ich Wunder voller Zerstörung wirken, Meteore werfen und Brände wüten lassen? Auf keinen Fall!

Also diese Anleitung zum Größenwahnsinn ist nichts für mich. Ich will höchstens besser klavierspielen können. Wir haben die Zeit des magischen Denkens (2-5. Lebensjahr) überwunden, sind mit Mühe erwachsen geworden, und nun dies?

Die armen Zurückgebliebenen, die mit „Godus“ Gott spielen wollen, werden bald unsanft darauf gestoßen werden, wer wirklich das Sagen hat. Die Macher von „Godus“ verbreiten das Spiel gratis, aber nur, um süchtige Spieler heranzuzüchten: ihre eigenen „winzigen und ergebenen Anhänger“. Nach etwa 5 Spielstunden verlangsamt sich das Spiel unerträglich, und um weiterspielen zu können, müssen die „winzigen Anhänger“ immer mehr In-App-Käufe von virtuellen Edelsteinen tätigen, für die allerdings sehr substantielle Summen verlangt werden.

„Allmächtige!“ möchte frau zornig ausrufen, „Gewähre den Jungs ein wenig weibliche Vernunft!“

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# | Luise F. Pusch am 24.08.2014 um 11:57 PM • 4 KommentarePermalink

18.08.2014

Frauen in Männerkleidung oder Der Boyfriend Blazer

Letzte Woche stieß ich im Internet zufällig auf den „boyfriend blazer“. Eine Befragung unter sieben Freundinnen ergab, dass sechs noch nie davon gehört hatten. Falls Ihr auch noch nicht wisst, was Boyfriend Blazers, Jackets, Shirts oder Jeans sind, hier eine Erklärung von einer Modeseite:

Boyfriend Blazer
Damen Boyfriend Blazer sind der absolute Trend. Jetzt wird nicht mehr nur Damen Boyfriend Jeans ganz locker getragen. Denn wer den lässigen Style, der aussieht, als hätte man die Kleidung direkt aus dem Schrank des Freundes genommen, sollte auf Boyfriend Blazer für Damen nicht verzichten. Diesen trägt man allerdings am besten zur Damen Leggings, da es einfach gut aussieht, wenn der Damen Boyfriend Blazer locker über die enge Leggings für Damen hängt. Jetzt sehen Sie auf jeden Fall aus, wie die großen Stars, die den roten Teppich auf den Fashion-Weeks füllen. Mit einer Oversized Bag zum Damen Boyfriend Blazer perfektionieren Sie Ihren Look und mit einem großen Medaillon setzen Sie ein weiteres optisches Highlight. Perfekt durchgestylt kann der nächste Stadt-Bummel, mit der besten Freundin oder, wie gesagt, die nächste Fashion Week mit Ihrem tollen Boyfriend Blazer für Damen und eleganten Highheel-Pumps von Tamaris beginnen. Suchen Sie sich jetzt Ihr neues Modell heraus und liegen Sie ganz vorn im Trend. (Gefunden hier: http://mode.ladenzeile.de/damenmode-blazer-boyfriend-blazer/)


Dieser Text ist in vieler Hinsicht (unfreiwillig) komisch, aber darum geht es mir jetzt nicht. Was ich an „boyfriend“ in der Modesprache so faszinierend finde, ist seine aufschlussreiche (um nicht zu sagen raffinierte) Funktion in der langen Skandalgeschichte der „Frauen in Männerkleidung“:

Jeanne d’Arc kam auf den Scheiterhaufen, weil sie, so die Anklage u.a., “das Gewand des weiblichen Geschlechts ablegend, was dem göttlichen Gebot zuwiderläuft, Gott ein Gräuel ist und von allen Gesetzen missbilligt und verboten ist, Männertrachten angelegt hat und Waffen trägt.”

George Sand ist bis heute berühmt, weil sie sich erkühnt hatte, Männerkleidung zu tragen. Sie schreibt in ihrer Geschichte meines Lebens: “Ich wollte soweit Mann sein, dass ich in Bereiche und Milieus eindringen konnte, die mir als Frau verschlossen waren.”

Die französische Tiermalerin Rosa Bonheur musste sich polizeiliche Erlaubnis einholen, um bei der Ausübung ihres Berufs Männerkleidung zu tragen: “spätestens seit ihrer Arbeit auf dem Pferdemarkt besaß sie eine offizielle, von der Pariser Polizeipräfektur ausgestellte, alle sechs Monate zu verlängernde Genehmigung, ‘sich als Mann zu kleiden’, aus ‘gesundheitlichen Gründen’ und mit Ausnahme von ‘öffentlichen Versammlungen, Bällen und kulturellen Veranstaltungen’. So entging sie drohender Verhaftung, denn die ‘Travestierung’ in der Öffentlichkeit war seit Inkrafttreten des Code Napoléon für Frauen wie Männer verboten.” (Andrea Schweers)

Dank der Umwälzung aller Sitten und Werte durch den ersten Weltkrieg traten in den zwanziger Jahren „Damen mit gewissen Neigungen“ öffentlich im Smoking auf, besonders in den Freundinnenklubs in Berlin. Marlene Dietrich machte den Damen-Smoking endgültig salonfähig, auch Katharine Hepburn trug gern saloppe Hosenanzüge und machte damit Schule.

In den 50-er Jahren war in der Mode wieder eindeutige Weiblichkeit vorgeschrieben; für mich als Teenager war das Tragen von Hosen problematisch bis undenkbar. Anfang der 60-er Jahre lockerten sich die Sitten - aber Männer-Jeans, solche die den Reissverschluss vorn hatten statt an der Seite (wo kein Mann ihn gebrauchen kann), waren noch absolut tabu. Das wiederum änderte sich ab Mitte der Sechziger durch die verschiedenen Befreiungsbewegungen jener Jahre. Die Frauen trugen Hosen, und das war ok. Sie mussten sie nicht aus dem Schrank ihres Boyfriends ausleihen und auch nicht so tun, sondern kauften sich die Sachen selber.

Die alte Gleichung „Männerkleidung gleich Mannweib (oder gar Lesbe)“, droht allerdings immer im Hintergrund, weshalb Frauen mit Hosenanzug weiblichen Schmuck zur Schau tragen und sich farbige Tüchlein um den Hals schlingen. Einfach einen Herrenanzug samt Hemd und Krawatte zu tragen, das trauen sich nur die Drag Kings, und dafür ernten sie dann auch die entsprechende Ächtung oder Bewunderung, je nachdem.

Zur Behebung der verkaufsschädigenden Mannweib-Lesben-Assoziation hat die Modebranche das Bestimmungswort „boyfriend“ erfunden. Es signalisiert: Das verdächtige Kleidungsstück wurde vom Boyfriend ausgeliehen, und also ist mit der Trägerin alles in Ordnung, sogar in allerbester Hetero-Ordnung. Nicht nur liegt sie mit diesem „lässigen Style ganz vorn im Trend“,  sondern tut auch noch ebenso lässig kund, dass sie einen Boyfriend hat. Nichts da mit „Lesbe“ oder „Mannweib“, sowas denken nur solche altbackenen Leute, die aber auch gar keine Ahnung von Mode haben. Um aber auch diesen Zurückgebliebenen auf die Sprünge zu helfen, trägt die Dame zu ihrem Boyfriend Blazer die „eleganten Highheel-Pumps von Tamaris“. Die sind vielleicht aus der Schuhsammlung ihrer Freundin entliehen, aber das muss nicht extra verkündet werden, denn Highheel-Pumps von Tamaris an den Füssen einer Dame sind todschick und nicht fragwürdig. An den Füssen eines Herrn hingegen würden sie auch als „Girlfriend Highheel-Pumps“ nicht durchgehen. Die Geschichte der Männer in Frauenkleidung steckt eben noch in den Kinderschuhen, sie haben da allerlei aufzuholen. Sie könnten ja, ganz vorsichtig, mit „boyfriend blazers“ anfangen. Egal, ob aus dem Schrank der girlfriend oder des boyfriends.

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# | Luise F. Pusch am 18.08.2014 um 12:14 AM • 3 KommentarePermalink

also available in English

10.08.2014

Wenn Mamma gemolken wird: Sexismus in den Zeichensprachen

Unser Enkelsohn, 13 Monate alt, kann erst ein paar Silben sprechen, diese dafür aber umso gebieterischer. In plötzlicher, höchster Erregung, mit durchdringender Lautstärke und im Kommandoton ruft der sanfte Junge „Dat!“ oder „Ait!“ oder „Mammammam!“

„More“ (mehr) kann er noch nicht sagen, aber zeigen. Seine Mutter erzählte, dass er von seiner Babysitter schon einige Zeichen der Babyzeichensprache (Baby Sign Language bzw. BSL ) gelernt habe. Wenn er an die Mutterbrust wolle, mache er das Zeichen für „Milch“. Es leitet sich vom Kühemelken ab: Die kleine Faust schließt und öffnet sich abwechselnd, macht also eine Melkbewegung.

Der kleine Junge weiß nicht, wie eine Kuh gemolken wird, wohl aber wissen es die großen Jungs, die das Zeichen für „Milch“ erdacht und es auf Muttermilch übertragen haben. Mamma wird gemolken, wie eine Kuh.

Ich fand das nicht besonders lustig. Zwar sollten wir uns ja als Geschöpfe von Mutter Natur nicht über die Tiere erheben, aber diese Gleichsetzung von stillenden Müttern mit Milchvieh missfiel allen Frauen in unserer Familie gründlich.

Misstrauisch geworden, schaute ich mir ein paar weitere Zeichen der Babysprache, der American Sign Language (ASL) und der ISL (International Sign Language) an. Das Zeichen für “Mutter” in der BSL wie in der ASL ist: Daumen am Kinn im rechten Winkel, die Hand gestreckt und die anderen vier Finger gespreizt. Das Zeichen für “Vater” ist identisch, nur eine Etage höher angesiedelt, nämlich an der Stirn, da wo der männliche Intellekt vermutet wird. Das Zeichen für „Großvater“ ist von dem für „Vater“ abgeleitet, denn, so die sinnige Erklärung, „der Großvater ist ja der Vater des Vaters“. Oder der Vater der Mutter, aber diese Variante fiel den Zeichenentwicklern und Interpreten wohl nicht ein.

Und entsprechend gestaltet sich das Zeichen für „Großmutter“: Es wird von dem für „Mutter“ abgeleitet und wird wieder an der unteren Gesichtshälfte angesetzt. Die Baby Sign Language Webseite meint, das Zeichen könne gerne auch für ältere Frauen allgemein verwendet werden.

Beim “Großvater”-Zeichen fehlt dieser Hinweis. Ältere Männer allgemein gibt es nämlich nicht, sondern es sind Industriebosse, Politiker oder Dirigenten, usw. Auf jeden Fall sind das nicht unbesehen alles Opas.

Das Schema „oben - unten“ organisiert jedes hierarchische System, sei es nun feudalistisch, kapitalistisch, patriarchalisch, sonstwas, alles zusammen oder von allem etwas. Die Herrschenden sind oben, die Beherrschten unten. In der American Sign Language werden die Geschlechter genau nach diesem Prinzip unterschieden: Die obere Gesichtshälfte, da wo das Kontrollzentrum Gehirn sitzt, gehört den männlichen Begriffen, die untere den weiblichen. Auf Youtube macht uns das ein Mann ganz deutlich und findet offensichtlich nichts dabei. Der Info-Text dazu lautet:

Learn how to tell the difference between male and female signs in American Sign Language (ASL). The top half of your face is used for male signs such as MAN, BOY, FATHER, SON, UNCLE, etc. while the bottom half of your face is used for female signs such as WOMAN, GIRL, MOTHER, DAUGHTER, AUNT, etc. Additional gender signs are included in this video. Enjoy!

Angewidert von der sexistischen Struktur auch dieser Sprachen, suchte ich Trost bei der ISL (International Sign Language). Das Zeichen für „Mann“ sieht ähnlich aus wie ein strammer militärischer Gruß, die Hand zackig und in untadeliger Form an die Stirn gelegt. Das Zeichen für “Frau” ist ein leichtes Zupfen am Ohrläppchen (da, wo bei der Frau der Ohrring baumelt), oder die Andeutung einer Halbkugel in Höhe des Busens.

Dass es auch anders geht, zeigt die Britische Zeichensprache. Dort ist das Zeichen für „Mann“ eine Bewegung, die einen Bart andeutet. Einen Bart hat zwar nicht jeder Mann, aber der Körperteil, der allen Männern gemeinsam ist, ist denn vielleicht doch zu weit unten angesiedelt. Und außerdem passt eine so krude Gleichsetzung nur für Frauen und ihren Euter - äh, Busen.
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# | Luise F. Pusch am 10.08.2014 um 08:41 PM • 28 KommentarePermalink

03.08.2014

Delethalisierung im Alltag

Die anglo-amerikanische Flugzeug- und Autoindustrie hat uns ein neues Wort beschert: to delethalize “to make nonlethal” „nicht/weniger tödlich machen“.

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Auf Deutsch delethalisieren oder deletalisieren. Aber auf Deutsch gibt es das Wort noch nicht. Google meldet: Fehlanzeige.

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Aber es wird es bald geben, da bin ich mir sicher.

Die Flugzeugindustrie arbeitet mit Hochdruck daran, die Sitzbezüge weiter zu delethalisieren, also weniger brennbar zu machen.

Die Autoindustrie ist dabei, die Innenräume der Autos allseitig mit Airbags auszustaffieren und somit immer mehr zu delethalisieren. Kindersicherung haben sie alle schon längst. Babys und Kleinkinder dürfen nur in Kindersitzen im Auto transportiert werden. Demnächst bekommen wir die totale Delethalisierung, wenn die lethale Komponente Mensch aus dem Transportwesen ausgeschaltet wird und intelligente Computer und Sensoren die Steuerung übernehmen.

Vor hundert Jahren begann der erste Weltkrieg, vor 75 Jahren der zweite. Sogar die Kriege werden heute delethalisiert. Neuerdings liefern die USA gerne “non-lethal military aid” in die Kriegsgebiete, z.B. nach Syrien und in die Ukraine. Sie werden es nicht glauben angesichts der Gräuel in Gaza, in der Ukraine, in Syrien, Nigeria, Afghanistan, im Kongo und im Irak und überall sonst, wo gerade Terror und Krieg herrscht. Aber die beiden Weltkriege mit rund 17 Millionen bzw. mit 55-60 Millionen Toten übertrafen die heutigen Kriege an Lethalität um ein Vielfaches.

Das Wort delethalisieren entstand aus einem kühlen Blick auf die Tatsachen (wer macht sich schon klar, dass ein Sitzkissen tödlich sein kann?). Deshalb werden wir es in der Werbesprache nicht finden - dazu ist es einfach zu ehrlich und zu düster - sondern derzeit vor allem in der Fachsprache des Design. Autos sind nicht nur Verkehrsmittel oder Statussymbole, sondern potentiell tödlich, genau wie Flugzeuge. Das Leben überhaupt ist tödlich. Den einen trifft es früher, die andere später. Was können wir tun, damit es uns erst später trifft? Richtig: Vorbeugen! Delethalisieren!

Die Kleidung für uns Alte wird auch delethalisiert. Unterhosen werden delethalisiert, d.h mit Polstern ausgestattet, um Stürze abzumildern. Im Winter werden die Straßen enteist bzw. delethalisiert.

Während die Nahrungsindustrie unsere Nahrung immer perfekter lethalisiert und uns übergewichtig und zuckerkrank macht, arbeiten wir selber tapfer daran, die Nahrung wieder zu delethalisieren - mit dem löblichen Nebeneffekt, dass auch unser Umgang mit dem sogenannten Nutzvieh ein wenig delethalisiert wird.

Unsere Wohnungen sollten, besonders für Alte, durchgreifend delethalisiert werden: Keine Teppiche, auf denen frau ausrutschen kann, keine Treppen, auf denen sie stürzen kann, Anti-Rutsch-Matten in die Dusche und/oder Badewanne. Ich sehe einen neuen Beruf entstehen: Delethalisierungsexpertin.

Je älter wir werden, umso mehr Delethalisierung brauchen wir, das ist mal klar.

Und: Je weiblicher wir sind, auch umso mehr. Für Kinder und Alte ist es mehr die Umwelt allgemein, die höchst lethal ist, in jugendlichem bis mittlerem Alter ist es oft der Partner, der lethal auf die Frau einwirkt. Solange Männer als solche nicht gründlich delethalisiert werden, obliegt es der Frau, ihre Nahrung und Umwelt selbst umfassend zu delethalisieren, d.h. auf Zucker, Alkohol, Nikotin, harte Drogen, tierische Fette, auf den Partner und rutschige Teppiche weitgehend zu verzichten.

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# | Luise F. Pusch am 03.08.2014 um 11:22 PM • Laut & LuiseMänner!MilitärSelbsthilfe2 KommentarePermalink

26.07.2014

B natural: Parallelen zwischen Gender- und Musiktheorie

Die Welt ist zur Zeit dermaßen aus den Fugen, gesundheitsschädlich und lebensbedrohend, dass ich mich wieder mehr der Musik zugewandt habe. Eine alte Liebe, schon seit der Kindheit. Leider blieb die Liebe ziemlich unerwidert.

Vor einigen Monaten erbte ich ein Bechstein-Klavier von meiner Mutter. Es hat einen wunderbaren Klang. Ich ließ es stimmen, kramte ein paar alte Stücke hervor, die ich vor bald vierzig Jahren mal gespielt habe, und legte los. Es kam nicht viel dabei heraus; trotzdem machte mir die Musik und der Klang des Klaviers Freude.

Dann entdeckte ich die Kombination Internet plus iPad als Klavierlehrerin. Besser gesagt: Klavierlehrer - zur Zeit bekomme ich Video-Unterricht von zwei Herren. Beide kann ich sehr empfehlen; ich schreibe demnächst vielleicht mal Genaueres über sie.

Von Shawn Cheek, einem 38jährigen Texaner mit absolutem Gehör und drei kleinen Jungs, die durch seine Lektionen wuseln, lerne ich z.Zt. das Vom-Blatt-Spielen in 132 Lektionen, heute absolvierte ich Lektion 25. Nebenbei bekommt frau auch allerlei Musiktheorie verpasst.

Gleichzeitig beschäftige ich mich, wie immer, mit feministischen Themen, speziell feministischer Sprachkritik, die derzeit in Österreich massiv angegriffen wird, so dass ich dauernd die entsprechenden Links von erbosten bis entsetzten Freundinnen bekomme, die sich über den Schwachsinn aus Österreich nicht beruhigen können. Nun hat der österreichische Frauenring bei change.org eine Unterschriftensammlung gestartet, in dem es u.a. heißt:

Der Textentwurf der ÖNORM A 1080 oder der derzeit im Umlauf befindliche ‚Offene Brief’ zum Thema „Sprachliche Gleichbehandlung“ stellen alle Leitbilder für geschlechtsneutrales und geschlechtergerechtes Formulieren in Frage. Die genannte ÖNORM etwa will ganz genau eine Form auswählen und sagen: Diese und keine andere ist erlaubt.

Bitte unterschreibt diese Petition und sagt es weiter.

Ich folgte dieser Debatte hier im weit entfernten Boston nur mit halbem Ohr, während ich die verbleibenden anderthalb Ohren der Musik und dem Klavierunterricht widmete. Immerhin hatte ich mich schon vor über zwei Jahren ausführlich zur österreichischen Töchterhymne (einem der Steine des Anstoßes) geäußert.

Ganz früher mal hatte ich auch vorgeschlagen, wenn die Söhne denn nicht genehm seien und die „Töchter und Söhne“ die Nationalhymne aus dem Takt bringen - wie wäre es dann mit „Heimat bist du großer Töne“ (statt: „großer Söhne“)?

Und damit bin ich bei meinem heutigen Thema angekommen. Ich finde die musikalische Begrifflichkeit und die Notenschrift faszinierend als Modell zur Veranschaulichung einiger Probleme, die wir mit der Männersprache haben.

Sie alle kennen die C-Dur Tonleiter; sie besteht aus den sogenannten Stammtönen CDEFGAHC. Auf dem Klavier „bewohnen“ sie die weißen Tasten. Die Stammtöne haben Varianten, die einen Halbtonschritt tiefer oder höher liegen und auf dem Klavier mehrheitlich die schwarzen Tasten bewohnen: Dass es Varianten sind, erkennen wir auch an ihren Namen: Die Varianten des Stammtons G heißen Ges und Gis, von D Des und Dis. Auf Englisch G flat und G sharp etc. In der Notenschrift erkennen wir die Varianten an einem vorangestellten b oder Kreuz (#). Die Vorzeichen gelten immer für das ganze Stück; taucht innerhalb eines Taktes ein Vorzeichen auf, gilt es nur für diesen Takt. Auf Englisch heißt das Dreigespann aus Ges, Stammton-G und Gis „G flat, G natural und G sharp“. Die deutsche Note H heißt auf Englisch „B natural“.

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Für heute reicht das an Musiktheorie. Die interessante Parallele für die Gendertheorie liegt in der Tatsache, dass die Stammtöne zwei Varianten haben, die jeweils penibel gekennzeichnet werden, im Deutschen mit den Endungen -es oder -is. Während in den Männersprachen, wie wir aus leidvoller Erfahrung wissen, nur die weibliche Variante gekennzeichnet wird, im Deutschen meist mit der Endung „-in“. Die männliche Variante der menschlichen Spezies wird hingegen nicht gekennzeichnet. Sie fällt mit der Stammform zusammen. In der Musik würde ein derartiger begrifflicher Kuddelmuddel Kakophonie statt Harmonie erzeugen und ist daher nicht erlaubt.

In der Sprache ist der Kuddelmuddel dagegen üblich und erwünscht, weil er den Herrschaftsanspruch der Männer über das „andere Geschlecht“ klar zum Ausdruck bringt.

Eine weitere interessante Parallele zwischen Gender- und Musiktheorie sehe ich in den Bezeichnungen „natural“ bzw. „Stamm-”.

Aus der Biologie kennen wir die Stammzellen, die sich zu jeder beliebigen Zelle entwickeln können. Die Sprachwissenschaft redet von Wortstämmen, an die die Endungen angehängt werden. Nehmen wir als Beispiel den lateinischen Stamm domin- (hochgestellte Person) Mit einem angehängten -a wird es zu domina, mit einem -us bekommen wir dominus. Was alsdann unsere Herrenkultur aus den Bedeutungen gemacht hat, nämlich einerseits Gott den Herrn („dominus vobiscum“), andererseits die Domina im Bordell, das war zu erwarten und steht auf einem anderen Blatt.

Die „Stammtöne“ in der Musik, die „Stammzellen“ in der Biologie und die „Wortstämme“ in der Sprache bezeichnen also Ursprüngliches, das veränderbar, variierbar ist. Die abgeleiteten Formen behalten ursprüngliche Eigenschaften und bekommen neue hinzu. Dieses Muster erinnert mich an die Gendertheorie à la Judith Butler und an die Queertheorie: Die Geschlechter sind nur eine (fast künstliche, ja überflüssige) Zutat, wichtiger ist das Ursprüngliche an ihnen, das beiden Geschlechtern Gemeinsame: B flat und B sharp sind, das verrät schon ihr Name, nicht so ursprünglich wie B natural.

Es gibt noch sehr viel mehr Parallelen zwischen Musik- und Gendertheorie. Darüber vielleicht später mal mehr. Jetzt gehe ich ans Klavier und übe noch ein bißchen. Jeden Tag mindestens eine halbe Stunde, sonst wird das wieder nix.

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# | Luise F. Pusch am 26.07.2014 um 10:57 PM • Laut & LuiseGenderMusikQueerPermalink

06.07.2014

Unsere Männerfußball-WM: Notizen einer Minifan über das „Rooten“

Ich verstehe nichts von Fußball und meide den Rummel um diesen Sport so gut es eben geht. Ich habe viel Verständnis dafür, dass die Menschen Ablenkung von dem allgegenwärtigen Elend und Entsetzen in der Welt suchen. Nur suche ich die Ablenkung eben woanders. Zur Zeit übe ich wieder mehr Klavier. Aufreibend genug, die eigene Unfähigkeit so direkt zu erleben. Manchmal gibt es auch Trost, wenn nach viel Frust und Stümperei mal etwas gelingt.

Aber wenn die deutsche Mannschaft spielt, schaue ich mir das an, auch ohne Sachverstand, einfach weil es spannend ist. Die meisten meiner Freundinnen interessieren sich für Männerfußball noch weniger als ich und fragen ungläubig: „Was?! Du und Männerfußball? Hätte ich nie gedacht! Und was bitte findest du daran spannend?“

Nun ja, ich bin eben nicht nur Feministin, sondern auch Deutsche. Und als Deutsche finde ich es spannend, ob die deutsche Mannschaft gewinnt oder nicht. Es ist genauso platt wie es klingt. Wenn sie nicht gewinnt, bekümmert mich das nicht weiter. Nur dass es dann eben keine spannende Fortsetzung gibt, ist schade. Aber die Millionen trauernder deutscher Megafans tun mir nicht besonders leid, ihre Gefühlswelt ist mir fremd. Nun gibt es ja am Dienstag eine Fortsetzung der Spannung: Deutschland gegen Brasilien, das wird schon schiefgehen. Aber wenn schon - es gibt dann trotzdem noch ein bisschen Spannung beim Spiel um den dritten Platz. Wenn nicht, gibt es noch einmal Hochspannung im Finale.

„I’m rooting for the German team“, wie es auf Englisch so nett heißt. Warum? Früher habe ich nicht darüber nachgedacht. Von der WM in Bern 1954 habe ich kaum was mitgekriegt, aber an Stockholm 1958, wo erstmals Brasilien auftrumpfte, erinnere ich mich gut. Wir durften am Radio mitfiebern, wenn wir den Hausputz erledigt hatten, und dass wir als deutsche Kinder für die deutsche Mannschaft waren, war ja wohl selbstverständlich. Und dabei ist es geblieben.

Joey ist nicht mit Fußball (soccer) aufgewachsen und interessiert sich deshalb noch weniger als ich dafür. Aber sie schaut getreulich mit mir die Spiele der deutschen Mannschaft. Als in der Vorrunde Deutschland gegen die USA spielte bzw. die USA gegen Deutschland, rootete jede für „ihr“ Team, und am Ende freuten wir uns, dass beide weiterkamen.

FrauenbildUnsere über uns wohnenden FreundInnen Inga und Etienne, sie Deutsche, er mit doppelter Staatsangehörigkeit, hängten eine französische Fahne aus dem Fenster. Im Haus uns gegenüber hing erst eine einsame deutsche Fahne vom Balkon. Dann eine französische vom Balkon darüber. Dann eine zweite deutsche Fahne aus dem Fenster neben dem „deutschen“ Balkon. Joey hat das bunte Treiben für die Familie in Boston fotografisch festgehalten.

Dann sind noch solche Spiele interessant, an denen Mannschaften aus Ländern beteiligt sind, die unseren FreundInnen am Herzen liegen. Unsere Freundin Juanita kommt aus Chile. Ihretwegen schauten wir die zweite Halbzeit des Spiels Brasilien gegen Chile, wo die armen Spieler in der Verlängerung reihenweise Muskelkrämpfe bekamen und sich am Boden wälzten. Und dann noch Elfmeterschießen. Unerträglich spannend. Juanita erzählte hinterher, ja, sie habe geweint.

„Für wen bin ich? Ich bin ein sportlicher Analphabet, aber sentimental. Also für Frankreich, die haben es derzeit schwerer.“ Schreibt Nils Minkmar von der FAZ. Er hat wie Etienne einen deutschen und einen französischen Pass. Dass er für Brasilien oder die Niederlande sein könnte, diese Idee ist wohl so abwegig, dass niemand darauf kommt. Das Rooten bei der Fußball-WM hat eben vor allem mit der Nationalität zu tun. Im Halbfinale stehen zwei südamerikanische zwei europäischen Mannschaften gegenüber. „Roote“ ich aber als Europäerin auch ein wenig für unsere niederländischen Nachbarn? Vorerst eigentlich nicht. Dazu muss Europa wohl noch mehr zusammenwachsen.

Unsere Friseurin kommt aus Kroatien. „Kroatien war doch auch mit bei der WM“, sagte ich zu ihr.  „Ja, war“, sagte sie lakonisch. „Und dann auch Bosnien-Herzegowina“, fuhr ich fort. „Ja, war auch“ lachte sie und damit war das Thema für sie erledigt. Aber sie war bestens informiert.

Mein oberflächliches Interesse an diesem Weltereignis hat sicher auch damit zu tun, dass daran nur Männer beteiligt sind. Für die roote ich eigentlich eher selten. Trotzdem gefällt mir die deutsche Mannschaft. Manuel Neuer im Tor ist einfach cool. Hübsch anzuschauen sind auch Özil und Klose, und Müller lustig. Und dass der Kapitän Lahm heißt und noch dazu der Kleinste von allen ist, finde ich, gerade als Deutsche, erfrischend.
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# | Luise F. Pusch am 06.07.2014 um 10:33 PM • Permalink

15.06.2014

Geklonte Blondinen für die junge, dynamische Leserschaft mit hohem Männeranteil

Es hat eine Weile gedauert, genauer gesagt sogar ein paar Monate, bis ich es gemerkt habe: dass die Frauen auf dem Titelblatt der Programmzeitschrift „TVdirekt“ alle gleich aussehen. Ich kam nicht drauf, weil die Frauen auf den Titeln solcher Zeitschriften eigentlich immer gleich aussehen, weshalb ich sie normalerweise gar nicht mehr bewusst wahrnehme oder gar ansehe.

Aber das „Sie sehen alle gleich aus“ (nämlich jung und sexy) lässt sich offenbar doch noch steigern, bis zur perfekten Austauschbarkeit. Die Titelschönheit bei TVdirekt ist Teil des Corporate Design, das sich dem Käufer durch ständige Behämmerung ins Unterbewusste eingräbt. Er erkennt es, solcherart perfekt konditioniert, schließlich schon von weitem und kann seine TVdirekt aus dem Meer der Programmzeitschriften, die alle gleich aussehen und auch gleich heißen, doch blindlings erkennen und herausfischen.

Die Rezeptur für eine Titelschönheit von TVdirekt sieht so aus:

• Sie trägt einen roten Bikini oder Badeanzug. Es ist immer dasselbe Rot und entspricht exakt der Farbe der anderen roten Elemente auf dem Cover.
• Sie hat strahlendweiße Zähne und schenkt dem Betrachter ein strahlendes Lächeln. Das Weiss der Zähne entspricht exakt den anderen weißen Elementen auf dem Cover.
• Sie hat lange blonde Haare, die sie mit Mittelscheitel und offen trägt.
• Sie hat einen üppigen Busen und ein offenherziges Dekolleté.
• Sie erscheint vor einem himmelblauen Hintergrund, der auf jedem Cover gleich ist.

Sehen Sie selbst, ob Sie irgendwelche Unterschiede erkennen können:

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Dem Manne ist die Frau bekanntlich unheimlich; sie ist das unbekannte Wesen. Schon Freud konnte es nicht ergründen und fragte verstört: „Was will das Weib?“ Während der Mann, das bekannte Unwesen, für jede Frau nur allzu leicht durchschaubar ist.

Mit ihren schlichten, auf die wesentlichen Merkmale Lächeln, Busen und lange blonde Haare reduzierten Frauenbildern gibt die TVdirekt dem Leser wertvolle Orientierung. Er bekommt von der Frau nur das zu sehen, was er sehen will.

Der Gong Verlag erläutert und bewirbt sein Produkt wie folgt:

TVdirekt zählt zu den meistgekauften 14-tägig erscheinenden Programmzeitschriften in Deutschland. Das liegt am äußerst günstigen Preis-/Leistungsverhältnis sowie der hohen Spielfilmkompetenz.
Eine klare, übersichtliche Programmstruktur aller wichtigen Fernsehsender für volle zwei Wochen erhält der Leser für nur 1 €. Alle im Programm enthaltenen Spielfilme werden extra aufgeführt und kompetent bewertet.
Reportagen, News und Hintergrundinformationen zu Kino, DVD, Internet, Reisen, Lifestyle, Fitness und Finanzen machen TVdirekt für eine junge, dynamische Leserschaft mit hohem Männeranteil besonders interessant. Quelle: hier

Als undynamische alte Frau liege ich wohl fernab der Zielgruppe von tvdirekt. Für mich haben sie deshalb tatsächlich eine andere Programmzeitschrift entwickelt. Passenderweise heißt sie auch noch „TV für mich“:

TV für mich bietet zwei Hefte in einem: Auf der einen Seite ist TV für mich beratende, serviceorientierte Frauenzeitschrift, andererseits auch eine Programmzeitschrift speziell für die weibliche Leserschaft. Das Layout ist großzügig mit vielen Bildern und einer modernen Aufmachung.
Der Mantelteil ist die beste Mischung aus Service und Beratung: Mode und Beauty, Kochen und Backen, Gesundheit und Diät, aktuelle Stars & Sternchen und umfangreicher Ratgeber.
Das komplette TV-Programm für 14 Tage gibt spezifische Fernsehtipps für Frauen aus den Rubriken Packende Spannung, Große Gefühle, Bewegende Schicksale, Traumhafte Erde und Nützliche Ratgeber. Quelle: hier

FrauenbildSuper! Beratung zu Mode und Beauty, Kochen und Backen - ohne sie käme ich nicht zurecht. Und Packende Spannung - das trifft meinen Geschmack ganz genau. Für Große Gefühle und Bewegende Schicksale habe ich auch viel übrig. Unsere Traumhafte Erde wollte ich schon immer besser kennenlernen und Nützliche Ratgeber braucht wohl jede Frau. Allerdings: Nützliche Ratgeberinnen wären noch nützlicher.

Diese tolle Zeitschrift habe ich nur durch meine Recherchen für diese Glosse gefunden. Und die Titelschönheit auf dem Cover ist auch angenehm dezent, sie schiebt mir keinen in Rot locker verhüllten Busen unter die Nase. Wie gut, dass es jetzt Programmzeitschriften für Sie und Ihn gibt. Ich finde allerdings, dass die TV für mich nur zehn Cent kosten dürfte, weil höchstens ein Zehntel des TV-Programms für Frauen gedacht ist. Zwei Seiten reichen dafür locker aus.
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# | Luise F. Pusch am 15.06.2014 um 05:33 PM • Permalink

08.06.2014

The P!nk solution: Mit Ausrufungszeichen für gerechte Sprache

Inzwischen sprechen mich die Frauen schon auf der Straße an, was ich denn von diesem Unterstrich hielte, den „neuerdings sogar unsere Frauenbeauftragte favorisiert“. Die Frauen sind sichtlich verärgert, sie wollen nicht, dass der von der Queer Community erfundene Unterstrich das von der Frauenbewegung in Jahrzehnten mühsam erkämpfte und durchgesetzte Binnen-I so mir nichts, dir nichts verdrängt. Den sogenannten Gender-Stern lehnen sie aus demselben Grund ab.

Die US-amerikanische Sängerin und Songschreiberin Pink hat mich auf eine Idee gebracht, wie wir das Problem lösen und einen eleganten Kompromiss finden können. In einem meiner früheren Beiträge zu dem Thema hatte ich vorgeschlagen, statt des großen I ein kleines i zu schreiben und es mit einem Gender-Stern statt mit einem I-Punkt, auch I-Tüpfelchen genannt, zu versehen.

Der Nachteil dieses Vorschlags ist nur, dass er auf unseren gängigen Computertastaturen nicht realisierbar ist. Das Sternchen gelingt nur handschriftlich, wie früher die Herzchen, die wir als Mädchen statt der I-Tüpfelchen in unseren Briefen an die beste Freundin malten.

Die Sängerin Pink schreibt ihren Namen lieber mit einem Ausrufungszeichen anstelle des kleinen i: P!nk.

Dieses Ausrufungszeichen mitten im Wort sollten wir übernehmen und es wie das Binnen-I verwenden. Dazu erklären wir frischweg:

Das Ausrufungszeichen im Wort ist eine Fusion aus großem I und Unterstrich bzw. Genderstern (die ja beide dieselbe Funktion haben, nämlich auch Angehörige der Queer Community sprachlich sichtbar zu machen). Das Ausrufungszeichen soll unser gemeinsames Bemühen um Geschlechtergerechtigkeit unterstreichen, es ersichtlich mit einem Ausrufungszeichen versehen.

Außerdem setzt es sich aus denselben Elementen wie das kleine i zusammen, das i wurde nur auf den Kopf gestellt. Das Ausrufungszeichen ist sozusagen ein kleines i, nur andersrum.

Also, liebe Leser!nnen, nur Mut. W!r kriegen das schon hin, einerseits die feministischen Errungenschaften zu pflegen und andererseits auch neuen Ideen Raum zu geben.

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# | Luise F. Pusch am 08.06.2014 um 03:07 PM • Permalink

01.06.2014

Incelkoller: Aus dem Wörterbuch des Frauenfeinds

Ich bin froh, dass die Frauen sich zur Zeit auf breiter Front gegen männliche Anmaßung, Übergriffe und Gewalt wehren - auf Twitter unter #YesAllWomen, auf Tumblr unter „When women refuse“, und wer weiß wo noch. Wir lassen uns von dem „Argument“ „nicht alle Männer“, das jede Diskussion im Keim ersticken soll, nicht mehr mundtot machen.

Die Debatte über Männergewalt gegen Frauen flammt in diesem Blog regelmäßig auf, und immer findet sich einer, eine oder mehrere, die sofort schreien „nicht alle Männer sind so“. Das beste Argument, das ich dagegen gefunden habe, geht so:

Bei Gefahr für Leib und Leben gilt allgemein das Prinzip der Verallgemeinerung: Jeder und jede, die in ein Flugzeug steigt, wird als TerroristIn eingestuft und behandelt, bis per Scanner etc. das Gegenteil einigermaßen bewiesen ist. Wenn bei EINEM Exemplar einer Autoserie Fehler festgestellt worden sind, werden Millionen Autos vom Markt genommen. Erstmal die Gefahr bannen, die Ursachenforschung und statistische Verteilung kriegen wir später. Das Auswärtige Amt spricht fortlaufend Warnungen gegen bestimmte Länder aus, die wir besser nicht besuchen sollten, zur Zeit gegen Libyen, Südsudan, Kamerun, Palästina, Nigeria, Somalia, Tschad und 16 weitere - dabei sind deren EinwohnerInnen doch überwiegend ganz lieb und friedlich.
Dass diese Regeln im Fall der nachweislichen Urheber der Gewalttaten gegen Frauen nicht angewandt werden, dass vor Männern nicht gewarnt wird, liegt daran, dass Männer an der Macht sind.
So kann jede Frau nur für sich selbst entscheiden, wie weit sie sich der männlichen Gefahr, der sie gesellschaftlich und öffentlich nicht entrinnen kann, auch noch in ihrem Privatleben aussetzen will. Meine eigene Lösung: Ich verkehre nach Möglichkeit nur mit Männern, die feministisch aufgeklärt sind und sich aktiv gegen die Gewalt von Männern gegen Frauen einsetzen. Dieser „Scanner“ funktioniert ganz gut, auf jeden Fall mindert er den Stress.

Nun aber zum eigentlichen Thema dieses Blogs: Sprache. Die göttliche Kreativität der Männer bescherte uns viele neue Wörter, die die meisten von uns noch nie gehört haben. Mir gänzlich unbekannt waren bisher folgende Kreationen:
• manosphere bzw. Mannosphäre
• incel
• pick-up artist bzw. PUA

Über die „manosphere“ veröffentlichte Caitlin Dewey kürzlich einen Artikel in der Washington Post. Er beginnt wie folgt:

Elliot Rodger … may have identified himself … as an “incel,” or involuntary virgin; as an aspirational, if frustrated, pick-up artist; and as an adherent of the so-called “manosphere” — that corner of the Internet where boys will be boys, girls will be objects, and critics will be “feminists,” “misandrists” or “enemies.”
If you’re not familiar with these terms, you’re not alone: The manosphere and its various components tend to only make mainstream news over tragedies… . But to thousands of men across the Internet — including, apparently, Rodger — they’re home.

Was bedeutet „incel“? INvoluntary CELibate. Ein Incel lebt zölibatär, aber nicht aus freien Stücken. Die Incels haben “keine abbekommen”. Diesen Ausdruck kannten wir bisher nur in einer anderen Form: „Sie hat keinen abbekommen“, anders ausgedrückt, sie ist ein Mauerblümchen, und wenn der Zustand chronisch wird, eine alte Jungfer. Männliches Gegenstück: Alter Junker. Er wurde, ob freiwillig oder nicht, noch nicht von einer Frau entjunkert. Vgl. meine Glosse über die Entjunkerung.

Das Phänomen „incel“ gab es früher nicht: Männer bekamen immer eine ab, weil Frauen ohne das Geld, die Macht, den Status, den “Schutz” von Männern in der Männerwelt (Mannosphäre) nicht überleben konnten. Jetzt können wir auch ohne Mann zurechtkommen (müssen es sogar oft) und deshalb bekommen nicht alle Männer automatisch eine ab.

Da in vielen Ländern, besonders in Asien, weibliche Föten gezielt abgetrieben werden, fehlen inzwischen an die hundert Millionen Frauen. Macht einen Männerüberschuß von hundert Millionen Incels oder alten Junkern.

Neu ist, dass die Männer, die keine abbekommen haben, darüber nicht verstockt schweigen, sondern als Incels ihre missliche Lage öffentlich beklagen und in Männerforen Hilfe suchen. Diese Technik der Problembearbeitung haben sie von den Consciousness-Raising-Groups der Zweiten Frauenbewegung übernommen.
Hilfe zu dem alten Thema „Wie mache ich erfolgreich eine Frau an, wie kriege ich sie rum?“ liefern sogenannte PUA-Foren. Selbsternannte PUAs (pick-up artist = AnmachKünstler, früher: Frauenliebling, Frauenschwarm) erteilen Ratschläge, wie der Incel doch noch eine Frau aufgabeln (pick up) und rumkriegen kann.

Aber wehe, es klappt nicht wie versprochen. Dann wird der Incel sauer und kann zum PUA-Hasser mutieren. So einer war Elliott Rodger. Aber er hasste nicht nur PUAs, deren heiße Tipps ihm nicht geholfen hatten, sondern auch erfolgreiche Rivalen und vor allem Frauen, die sich erdreistet hatten, seiner künstlerischen Anmache nicht zu erliegen. Erfolgreiche PUAs und Frauen wurden Opfer seines tödlichen Rachefeldzugs.

Thema der unzähligen Tweets mit dem Hashtag #YesAllWomen sind Alltagsgeschichten von Frauen, gegen die Männer ausfallend bis gewalttätig wurden. Ja, alle Frauen können jederzeit zu Opfern von Männern werden, das wird unter diesem Hashtag überwältigend dokumentiert.

„When women refuse“ auf Tumblr sammelt dagegen in Zeitungen dokumentierte Geschichten von männlicher Gewalt gegen Frauen, wenn diese gewagt hatten, die Avancen der Männer zurückzuweisen. Ein nicht abreißender Strom von Dokumenten unaussprechlichen Grauens.

Zurückweisung ist nicht erlaubt und wird mit psychischer und/oder physischer Gewalt oder gar mit dem Tod bestraft.

In der Femisphäre, wie wir das Gegenstück zur Mannosphäre taufen könnten, laufen Beispiele männlicher Verblendung unter dem Schlagwort „entitlement“ (Anspruch). „Du sollst Gott fürchten und lieben“ - so erläutert Luther uns das zweite Gebot. Männer haben ein Recht, einen Anspruch auf Liebe und Ehrerbietung der Frauen, genau wie der liebe Gott.
Und die, die sich dagegen auflehnt und nicht pariert und ihre eigenen Ideen hat, bekommt den Zorn Gottes bzw. seines Stellvertreters zu spüren. 
Amen.

Wiederholen wir die neuen Vokabeln:

• manosphere: Mannosphäre
• femisphere: Femisphäre
• incel: Mauerblümchen, Einzeller, alter Junker, unfug (unfreiwillig ungeliebt)
• pick-up artist, PUA: Anmachkünstler (da brauchen wir noch was besseres)
• men’s rights activist, MRA: Männerrechtler, Maskulinist
• male sense of entitlement: männliches Anspruchsdenken

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Dank an Lila Hess für den Hinweis auf den Artikel in der Washington Post.
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# | Luise F. Pusch am 01.06.2014 um 09:23 PM • Permalink

24.05.2014

Die Kunst des Weglassens: Eine furchtbare Kurzbiografie über Stefan Zweig

Vor ein paar Wochen lieh ich mir aus unserer Stadtbibliothek ein Hörbuch aus, Brief einer Unbekannten von Stefan Zweig. Zwei CDs, gelesen von Leslie Malton und Felix von Manteuffel, erschienen 2009 bei Hörbuch Hamburg. Mehr hier.

Auf dem CD-Umschlag finde ich folgende Kurzbiografie zu Stefan Zweig:

Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien geboren. Noch während seiner Studienzeit veröffentlichte er mehrere Texte. Mit den „Vier Geschichten aus Kinderland“ Erstes Erlebnis wurde er 1911 erstmals einem breiteren Publikum bekannt. Zum aktiven Militärdienst untauglich, wurde er im Ersten Weltkrieg ins Kriegspressequartier versetzt, bis er 1917 als Kriegsgegner für die Neue Freie Presse nach Zürich gehen konnte. Von 1919 bis 1934 lebte er in Salzburg, wo ein Großteil seiner berühmten Biographien, Erzählungen und Essays - Marie Antoinette, Baumeister der Welt, Amok - entstand. 1934 zog er sich nach London zurück. Die Geschichte als Spiegel der Zeit verdeutlichen umfangreiche Essays: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam und Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt. Zunehmend ruheloser geworden, ging er 1940 zunächst für einige Monate nach New York und übersiedelte im August 1941 nach Brasilien. Seine Autobiographie Die Welt von gestern und die Schachnovelle vollendete er noch, die Biographie Balzacs 1942 blieb Fragment, als er am 23. Februar 1942 mit seiner Frau „aus freiem Willen und mit klaren Sinnen“ aus dem Leben schied.

Ich war ratlos, perplex und empört, als ich das las. Kein Wort darüber, dass Zweig Jude war - woraus dann der Rest seiner Lebensgeschichte sich leicht erklärt.

„1934 zog er sich nach London zurück“? -  Nein, er floh vor dem Nationalsozialismus.

„Zunehmend ruheloser geworden…“ - ja warum nur? Wir erfahren es nicht.

„…ging er 1940 zunächst für einige Monate nach New York und übersiedelte im August 1941 nach Brasilien“?? -  Weder „ging“ er noch „übersiedelte“ er - der korrekte Begriff ist „emigrierte“. Zweig selber spricht von den „langen Jahren heimatlosen Wanderns, die seine Kräfte erschöpften“.

Zum Schluss wird irreführend, weil ohne Kontext, ein Zitat aus Zweigs erschütterndem Abschiedsbrief präsentiert: Er sei „aus freiem Willen und mit klaren Sinnen“ aus dem Leben geschieden.

Wahr ist, dass Zweig, zunehmend depressiv wegen des Verlusts all dessen, was ihm das Leben lebenswert machte, sich das Leben aus abgründiger Verzweiflung nahm, „nachdem die Welt meiner eigenen Sprache für mich untergegangen ist und meine geistige Heimat Europa sich selber vernichtet.“

Die Frauenbewegung hat den Begriff des „Sexismus durch Weglassen“ geprägt, wenn etwa in Männerbiografien routinemäßig der Anteil der Ehefrauen und der Geliebten am Werk der Geistesriesen weggelassen wird. Paradebeispiele sind Brecht und Rodin.

Was „Hörbuch Hamburg“ hier mit Stefan Zweig anstellt, ist „Antisemitismus durch Weglassen“. „Er zog sich nach London zurück, wurde ruhelos, ging nach New York und dann nach Brasilien, wo er schließlich freiwillig aus dem Leben schied.“ Warum? Diese Frage kann der Text nicht beantworten, weil er sie nicht stellt. Vielmehr scheint er zu sagen: Stefan Zweig benahm sich recht seltsam - warum, ist nicht der Rede wert. Und seine Frau schon gar nicht.

Wie kommt heutzutage, im Jahre 2009, ein solcher Text zustande? Hat die Hörbuch-Hamburg-Redaktion einem Azubi aus einem anderen Kulturkreis den Auftrag erteilt, einen Klappentext aus den greifbaren Quellen zusammenzuschnipseln? Und sich dann nicht weiter darum gekümmert? Das wäre kein beruhigender, aber noch der harmloseste Befund.

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# | Luise F. Pusch am 24.05.2014 um 05:59 PM • Permalink

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Hedwig Dohm