26.07.2014

B natural: Parallelen zwischen Gender- und Musiktheorie

Die Welt ist zur Zeit dermaßen aus den Fugen, gesundheitsschädlich und lebensbedrohend, dass ich mich wieder mehr der Musik zugewandt habe. Eine alte Liebe, schon seit der Kindheit. Leider blieb die Liebe ziemlich unerwidert.

Vor einigen Monaten erbte ich ein Bechstein-Klavier von meiner Mutter. Es hat einen wunderbaren Klang. Ich ließ es stimmen, kramte ein paar alte Stücke hervor, die ich vor bald vierzig Jahren mal gespielt habe, und legte los. Es kam nicht viel dabei heraus; trotzdem machte mir die Musik und der Klang des Klaviers Freude.

Dann entdeckte ich die Kombination Internet plus iPad als Klavierlehrerin. Besser gesagt: Klavierlehrer - zur Zeit bekomme ich Video-Unterricht von zwei Herren. Beide kann ich sehr empfehlen; ich schreibe demnächst vielleicht mal Genaueres über sie.

Von Shawn Cheek, einem 38jährigen Texaner mit absolutem Gehör und drei kleinen Jungs, die durch seine Lektionen wuseln, lerne ich z.Zt. das Vom-Blatt-Spielen in 132 Lektionen, heute absolvierte ich Lektion 25. Nebenbei bekommt frau auch allerlei Musiktheorie verpasst.

Gleichzeitig beschäftige ich mich, wie immer, mit feministischen Themen, speziell feministischer Sprachkritik, die derzeit in Österreich massiv angegriffen wird, so dass ich dauernd die entsprechenden Links von erbosten bis entsetzten Freundinnen bekomme, die sich über den Schwachsinn aus Österreich nicht beruhigen können. Nun hat der österreichische Frauenring bei change.org eine Unterschriftensammlung gestartet, in dem es u.a. heißt:

Der Textentwurf der ÖNORM A 1080 oder der derzeit im Umlauf befindliche ‚Offene Brief’ zum Thema „Sprachliche Gleichbehandlung“ stellen alle Leitbilder für geschlechtsneutrales und geschlechtergerechtes Formulieren in Frage. Die genannte ÖNORM etwa will ganz genau eine Form auswählen und sagen: Diese und keine andere ist erlaubt.

Bitte unterschreibt diese Petition und sagt es weiter.

Ich folgte dieser Debatte hier im weit entfernten Boston nur mit halbem Ohr, während ich die verbleibenden anderthalb Ohren der Musik und dem Klavierunterricht widmete. Immerhin hatte ich mich schon vor über zwei Jahren ausführlich zur österreichischen Töchterhymne (einem der Steine des Anstoßes) geäußert.

Ganz früher mal hatte ich auch vorgeschlagen, wenn die Söhne denn nicht genehm seien und die „Töchter und Söhne“ die Nationalhymne aus dem Takt bringen - wie wäre es dann mit „Heimat bist du großer Töne“ (statt: „großer Söhne“)?

Und damit bin ich bei meinem heutigen Thema angekommen. Ich finde die musikalische Begrifflichkeit und die Notenschrift faszinierend als Modell zur Veranschaulichung einiger Probleme, die wir mit der Männersprache haben.

Sie alle kennen die C-Dur Tonleiter; sie besteht aus den sogenannten Stammtönen CDEFGAHC. Auf dem Klavier „bewohnen“ sie die weißen Tasten. Die Stammtöne haben Varianten, die einen Halbtonschritt tiefer oder höher liegen und auf dem Klavier mehrheitlich die schwarzen Tasten bewohnen: Dass es Varianten sind, erkennen wir auch an ihren Namen: Die Varianten des Stammtons G heißen Ges und Gis, von D Des und Dis. Auf Englisch G flat und G sharp etc. In der Notenschrift erkennen wir die Varianten an einem vorangestellten b oder Kreuz (#). Die Vorzeichen gelten immer für das ganze Stück; taucht innerhalb eines Taktes ein Vorzeichen auf, gilt es nur für diesen Takt. Auf Englisch heißt das Dreigespann aus Ges, Stammton-G und Gis „G flat, G natural und G sharp“. Die deutsche Note H heißt auf Englisch „B natural“.

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Für heute reicht das an Musiktheorie. Die interessante Parallele für die Gendertheorie liegt in der Tatsache, dass die Stammtöne zwei Varianten haben, die jeweils penibel gekennzeichnet werden, im Deutschen mit den Endungen -es oder -is. Während in den Männersprachen, wie wir aus leidvoller Erfahrung wissen, nur die weibliche Variante gekennzeichnet wird, im Deutschen meist mit der Endung „-in“. Die männliche Variante der menschlichen Spezies wird hingegen nicht gekennzeichnet. Sie fällt mit der Stammform zusammen. In der Musik würde ein derartiger begrifflicher Kuddelmuddel Kakophonie statt Harmonie erzeugen und ist daher nicht erlaubt.

In der Sprache ist der Kuddelmuddel dagegen üblich und erwünscht, weil er den Herrschaftsanspruch der Männer über das „andere Geschlecht“ klar zum Ausdruck bringt.

Eine weitere interessante Parallele zwischen Gender- und Musiktheorie sehe ich in den Bezeichnungen „natural“ bzw. „Stamm-”.

Aus der Biologie kennen wir die Stammzellen, die sich zu jeder beliebigen Zelle entwickeln können. Die Sprachwissenschaft redet von Wortstämmen, an die die Endungen angehängt werden. Nehmen wir als Beispiel den lateinischen Stamm domin- (hochgestellte Person) Mit einem angehängten -a wird es zu domina, mit einem -us bekommen wir dominus. Was alsdann unsere Herrenkultur aus den Bedeutungen gemacht hat, nämlich einerseits Gott den Herrn („dominus vobiscum“), andererseits die Domina im Bordell, das war zu erwarten und steht auf einem anderen Blatt.

Die „Stammtöne“ in der Musik, die „Stammzellen“ in der Biologie und die „Wortstämme“ in der Sprache bezeichnen also Ursprüngliches, das veränderbar, variierbar ist. Die abgeleiteten Formen behalten ursprüngliche Eigenschaften und bekommen neue hinzu. Dieses Muster erinnert mich an die Gendertheorie à la Judith Butler und an die Queertheorie: Die Geschlechter sind nur eine (fast künstliche, ja überflüssige) Zutat, wichtiger ist das Ursprüngliche an ihnen, das beiden Geschlechtern Gemeinsame: B flat und B sharp sind, das verrät schon ihr Name, nicht so ursprünglich wie B natural.

Es gibt noch sehr viel mehr Parallelen zwischen Musik- und Gendertheorie. Darüber vielleicht später mal mehr. Jetzt gehe ich ans Klavier und übe noch ein bißchen. Jeden Tag mindestens eine halbe Stunde, sonst wird das wieder nix.

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# | Luise F. Pusch am 26.07.2014 um 10:57 PM • Laut & LuiseGenderMusikQueer7 KommentarePermalink

06.07.2014

Unsere Männerfußball-WM: Notizen einer Minifan über das „Rooten“

Ich verstehe nichts von Fußball und meide den Rummel um diesen Sport so gut es eben geht. Ich habe viel Verständnis dafür, dass die Menschen Ablenkung von dem allgegenwärtigen Elend und Entsetzen in der Welt suchen. Nur suche ich die Ablenkung eben woanders. Zur Zeit übe ich wieder mehr Klavier. Aufreibend genug, die eigene Unfähigkeit so direkt zu erleben. Manchmal gibt es auch Trost, wenn nach viel Frust und Stümperei mal etwas gelingt.

Aber wenn die deutsche Mannschaft spielt, schaue ich mir das an, auch ohne Sachverstand, einfach weil es spannend ist. Die meisten meiner Freundinnen interessieren sich für Männerfußball noch weniger als ich und fragen ungläubig: „Was?! Du und Männerfußball? Hätte ich nie gedacht! Und was bitte findest du daran spannend?“

Nun ja, ich bin eben nicht nur Feministin, sondern auch Deutsche. Und als Deutsche finde ich es spannend, ob die deutsche Mannschaft gewinnt oder nicht. Es ist genauso platt wie es klingt. Wenn sie nicht gewinnt, bekümmert mich das nicht weiter. Nur dass es dann eben keine spannende Fortsetzung gibt, ist schade. Aber die Millionen trauernder deutscher Megafans tun mir nicht besonders leid, ihre Gefühlswelt ist mir fremd. Nun gibt es ja am Dienstag eine Fortsetzung der Spannung: Deutschland gegen Brasilien, das wird schon schiefgehen. Aber wenn schon - es gibt dann trotzdem noch ein bisschen Spannung beim Spiel um den dritten Platz. Wenn nicht, gibt es noch einmal Hochspannung im Finale.

„I’m rooting for the German team“, wie es auf Englisch so nett heißt. Warum? Früher habe ich nicht darüber nachgedacht. Von der WM in Bern 1954 habe ich kaum was mitgekriegt, aber an Stockholm 1958, wo erstmals Brasilien auftrumpfte, erinnere ich mich gut. Wir durften am Radio mitfiebern, wenn wir den Hausputz erledigt hatten, und dass wir als deutsche Kinder für die deutsche Mannschaft waren, war ja wohl selbstverständlich. Und dabei ist es geblieben.

Joey ist nicht mit Fußball (soccer) aufgewachsen und interessiert sich deshalb noch weniger als ich dafür. Aber sie schaut getreulich mit mir die Spiele der deutschen Mannschaft. Als in der Vorrunde Deutschland gegen die USA spielte bzw. die USA gegen Deutschland, rootete jede für „ihr“ Team, und am Ende freuten wir uns, dass beide weiterkamen.

FrauenbildUnsere über uns wohnenden FreundInnen Inga und Etienne, sie Deutsche, er mit doppelter Staatsangehörigkeit, hängten eine französische Fahne aus dem Fenster. Im Haus uns gegenüber hing erst eine einsame deutsche Fahne vom Balkon. Dann eine französische vom Balkon darüber. Dann eine zweite deutsche Fahne aus dem Fenster neben dem „deutschen“ Balkon. Joey hat das bunte Treiben für die Familie in Boston fotografisch festgehalten.

Dann sind noch solche Spiele interessant, an denen Mannschaften aus Ländern beteiligt sind, die unseren FreundInnen am Herzen liegen. Unsere Freundin Juanita kommt aus Chile. Ihretwegen schauten wir die zweite Halbzeit des Spiels Brasilien gegen Chile, wo die armen Spieler in der Verlängerung reihenweise Muskelkrämpfe bekamen und sich am Boden wälzten. Und dann noch Elfmeterschießen. Unerträglich spannend. Juanita erzählte hinterher, ja, sie habe geweint.

„Für wen bin ich? Ich bin ein sportlicher Analphabet, aber sentimental. Also für Frankreich, die haben es derzeit schwerer.“ Schreibt Nils Minkmar von der FAZ. Er hat wie Etienne einen deutschen und einen französischen Pass. Dass er für Brasilien oder die Niederlande sein könnte, diese Idee ist wohl so abwegig, dass niemand darauf kommt. Das Rooten bei der Fußball-WM hat eben vor allem mit der Nationalität zu tun. Im Halbfinale stehen zwei südamerikanische zwei europäischen Mannschaften gegenüber. „Roote“ ich aber als Europäerin auch ein wenig für unsere niederländischen Nachbarn? Vorerst eigentlich nicht. Dazu muss Europa wohl noch mehr zusammenwachsen.

Unsere Friseurin kommt aus Kroatien. „Kroatien war doch auch mit bei der WM“, sagte ich zu ihr.  „Ja, war“, sagte sie lakonisch. „Und dann auch Bosnien-Herzegowina“, fuhr ich fort. „Ja, war auch“ lachte sie und damit war das Thema für sie erledigt. Aber sie war bestens informiert.

Mein oberflächliches Interesse an diesem Weltereignis hat sicher auch damit zu tun, dass daran nur Männer beteiligt sind. Für die roote ich eigentlich eher selten. Trotzdem gefällt mir die deutsche Mannschaft. Manuel Neuer im Tor ist einfach cool. Hübsch anzuschauen sind auch Özil und Klose, und Müller lustig. Und dass der Kapitän Lahm heißt und noch dazu der Kleinste von allen ist, finde ich, gerade als Deutsche, erfrischend.
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# | Luise F. Pusch am 06.07.2014 um 10:33 PM • 13 KommentarePermalink

15.06.2014

Geklonte Blondinen für die junge, dynamische Leserschaft mit hohem Männeranteil

Es hat eine Weile gedauert, genauer gesagt sogar ein paar Monate, bis ich es gemerkt habe: dass die Frauen auf dem Titelblatt der Programmzeitschrift „TVdirekt“ alle gleich aussehen. Ich kam nicht drauf, weil die Frauen auf den Titeln solcher Zeitschriften eigentlich immer gleich aussehen, weshalb ich sie normalerweise gar nicht mehr bewusst wahrnehme oder gar ansehe.

Aber das „Sie sehen alle gleich aus“ (nämlich jung und sexy) lässt sich offenbar doch noch steigern, bis zur perfekten Austauschbarkeit. Die Titelschönheit bei TVdirekt ist Teil des Corporate Design, das sich dem Käufer durch ständige Behämmerung ins Unterbewusste eingräbt. Er erkennt es, solcherart perfekt konditioniert, schließlich schon von weitem und kann seine TVdirekt aus dem Meer der Programmzeitschriften, die alle gleich aussehen und auch gleich heißen, doch blindlings erkennen und herausfischen.

Die Rezeptur für eine Titelschönheit von TVdirekt sieht so aus:

• Sie trägt einen roten Bikini oder Badeanzug. Es ist immer dasselbe Rot und entspricht exakt der Farbe der anderen roten Elemente auf dem Cover.
• Sie hat strahlendweiße Zähne und schenkt dem Betrachter ein strahlendes Lächeln. Das Weiss der Zähne entspricht exakt den anderen weißen Elementen auf dem Cover.
• Sie hat lange blonde Haare, die sie mit Mittelscheitel und offen trägt.
• Sie hat einen üppigen Busen und ein offenherziges Dekolleté.
• Sie erscheint vor einem himmelblauen Hintergrund, der auf jedem Cover gleich ist.

Sehen Sie selbst, ob Sie irgendwelche Unterschiede erkennen können:

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Dem Manne ist die Frau bekanntlich unheimlich; sie ist das unbekannte Wesen. Schon Freud konnte es nicht ergründen und fragte verstört: „Was will das Weib?“ Während der Mann, das bekannte Unwesen, für jede Frau nur allzu leicht durchschaubar ist.

Mit ihren schlichten, auf die wesentlichen Merkmale Lächeln, Busen und lange blonde Haare reduzierten Frauenbildern gibt die TVdirekt dem Leser wertvolle Orientierung. Er bekommt von der Frau nur das zu sehen, was er sehen will.

Der Gong Verlag erläutert und bewirbt sein Produkt wie folgt:

TVdirekt zählt zu den meistgekauften 14-tägig erscheinenden Programmzeitschriften in Deutschland. Das liegt am äußerst günstigen Preis-/Leistungsverhältnis sowie der hohen Spielfilmkompetenz.
Eine klare, übersichtliche Programmstruktur aller wichtigen Fernsehsender für volle zwei Wochen erhält der Leser für nur 1 €. Alle im Programm enthaltenen Spielfilme werden extra aufgeführt und kompetent bewertet.
Reportagen, News und Hintergrundinformationen zu Kino, DVD, Internet, Reisen, Lifestyle, Fitness und Finanzen machen TVdirekt für eine junge, dynamische Leserschaft mit hohem Männeranteil besonders interessant. Quelle: hier

Als undynamische alte Frau liege ich wohl fernab der Zielgruppe von tvdirekt. Für mich haben sie deshalb tatsächlich eine andere Programmzeitschrift entwickelt. Passenderweise heißt sie auch noch „TV für mich“:

TV für mich bietet zwei Hefte in einem: Auf der einen Seite ist TV für mich beratende, serviceorientierte Frauenzeitschrift, andererseits auch eine Programmzeitschrift speziell für die weibliche Leserschaft. Das Layout ist großzügig mit vielen Bildern und einer modernen Aufmachung.
Der Mantelteil ist die beste Mischung aus Service und Beratung: Mode und Beauty, Kochen und Backen, Gesundheit und Diät, aktuelle Stars & Sternchen und umfangreicher Ratgeber.
Das komplette TV-Programm für 14 Tage gibt spezifische Fernsehtipps für Frauen aus den Rubriken Packende Spannung, Große Gefühle, Bewegende Schicksale, Traumhafte Erde und Nützliche Ratgeber. Quelle: hier

FrauenbildSuper! Beratung zu Mode und Beauty, Kochen und Backen - ohne sie käme ich nicht zurecht. Und Packende Spannung - das trifft meinen Geschmack ganz genau. Für Große Gefühle und Bewegende Schicksale habe ich auch viel übrig. Unsere Traumhafte Erde wollte ich schon immer besser kennenlernen und Nützliche Ratgeber braucht wohl jede Frau. Allerdings: Nützliche Ratgeberinnen wären noch nützlicher.

Diese tolle Zeitschrift habe ich nur durch meine Recherchen für diese Glosse gefunden. Und die Titelschönheit auf dem Cover ist auch angenehm dezent, sie schiebt mir keinen in Rot locker verhüllten Busen unter die Nase. Wie gut, dass es jetzt Programmzeitschriften für Sie und Ihn gibt. Ich finde allerdings, dass die TV für mich nur zehn Cent kosten dürfte, weil höchstens ein Zehntel des TV-Programms für Frauen gedacht ist. Zwei Seiten reichen dafür locker aus.
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# | Luise F. Pusch am 15.06.2014 um 05:33 PM • Permalink

08.06.2014

The P!nk solution: Mit Ausrufungszeichen für gerechte Sprache

Inzwischen sprechen mich die Frauen schon auf der Straße an, was ich denn von diesem Unterstrich hielte, den „neuerdings sogar unsere Frauenbeauftragte favorisiert“. Die Frauen sind sichtlich verärgert, sie wollen nicht, dass der von der Queer Community erfundene Unterstrich das von der Frauenbewegung in Jahrzehnten mühsam erkämpfte und durchgesetzte Binnen-I so mir nichts, dir nichts verdrängt. Den sogenannten Gender-Stern lehnen sie aus demselben Grund ab.

Die US-amerikanische Sängerin und Songschreiberin Pink hat mich auf eine Idee gebracht, wie wir das Problem lösen und einen eleganten Kompromiss finden können. In einem meiner früheren Beiträge zu dem Thema hatte ich vorgeschlagen, statt des großen I ein kleines i zu schreiben und es mit einem Gender-Stern statt mit einem I-Punkt, auch I-Tüpfelchen genannt, zu versehen.

Der Nachteil dieses Vorschlags ist nur, dass er auf unseren gängigen Computertastaturen nicht realisierbar ist. Das Sternchen gelingt nur handschriftlich, wie früher die Herzchen, die wir als Mädchen statt der I-Tüpfelchen in unseren Briefen an die beste Freundin malten.

Die Sängerin Pink schreibt ihren Namen lieber mit einem Ausrufungszeichen anstelle des kleinen i: P!nk.

Dieses Ausrufungszeichen mitten im Wort sollten wir übernehmen und es wie das Binnen-I verwenden. Dazu erklären wir frischweg:

Das Ausrufungszeichen im Wort ist eine Fusion aus großem I und Unterstrich bzw. Genderstern (die ja beide dieselbe Funktion haben, nämlich auch Angehörige der Queer Community sprachlich sichtbar zu machen). Das Ausrufungszeichen soll unser gemeinsames Bemühen um Geschlechtergerechtigkeit unterstreichen, es ersichtlich mit einem Ausrufungszeichen versehen.

Außerdem setzt es sich aus denselben Elementen wie das kleine i zusammen, das i wurde nur auf den Kopf gestellt. Das Ausrufungszeichen ist sozusagen ein kleines i, nur andersrum.

Also, liebe Leser!nnen, nur Mut. W!r kriegen das schon hin, einerseits die feministischen Errungenschaften zu pflegen und andererseits auch neuen Ideen Raum zu geben.

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# | Luise F. Pusch am 08.06.2014 um 03:07 PM • Permalink

01.06.2014

Incelkoller: Aus dem Wörterbuch des Frauenfeinds

Ich bin froh, dass die Frauen sich zur Zeit auf breiter Front gegen männliche Anmaßung, Übergriffe und Gewalt wehren - auf Twitter unter #YesAllWomen, auf Tumblr unter „When women refuse“, und wer weiß wo noch. Wir lassen uns von dem „Argument“ „nicht alle Männer“, das jede Diskussion im Keim ersticken soll, nicht mehr mundtot machen.

Die Debatte über Männergewalt gegen Frauen flammt in diesem Blog regelmäßig auf, und immer findet sich einer, eine oder mehrere, die sofort schreien „nicht alle Männer sind so“. Das beste Argument, das ich dagegen gefunden habe, geht so:

Bei Gefahr für Leib und Leben gilt allgemein das Prinzip der Verallgemeinerung: Jeder und jede, die in ein Flugzeug steigt, wird als TerroristIn eingestuft und behandelt, bis per Scanner etc. das Gegenteil einigermaßen bewiesen ist. Wenn bei EINEM Exemplar einer Autoserie Fehler festgestellt worden sind, werden Millionen Autos vom Markt genommen. Erstmal die Gefahr bannen, die Ursachenforschung und statistische Verteilung kriegen wir später. Das Auswärtige Amt spricht fortlaufend Warnungen gegen bestimmte Länder aus, die wir besser nicht besuchen sollten, zur Zeit gegen Libyen, Südsudan, Kamerun, Palästina, Nigeria, Somalia, Tschad und 16 weitere - dabei sind deren EinwohnerInnen doch überwiegend ganz lieb und friedlich.
Dass diese Regeln im Fall der nachweislichen Urheber der Gewalttaten gegen Frauen nicht angewandt werden, dass vor Männern nicht gewarnt wird, liegt daran, dass Männer an der Macht sind.
So kann jede Frau nur für sich selbst entscheiden, wie weit sie sich der männlichen Gefahr, der sie gesellschaftlich und öffentlich nicht entrinnen kann, auch noch in ihrem Privatleben aussetzen will. Meine eigene Lösung: Ich verkehre nach Möglichkeit nur mit Männern, die feministisch aufgeklärt sind und sich aktiv gegen die Gewalt von Männern gegen Frauen einsetzen. Dieser „Scanner“ funktioniert ganz gut, auf jeden Fall mindert er den Stress.

Nun aber zum eigentlichen Thema dieses Blogs: Sprache. Die göttliche Kreativität der Männer bescherte uns viele neue Wörter, die die meisten von uns noch nie gehört haben. Mir gänzlich unbekannt waren bisher folgende Kreationen:
• manosphere bzw. Mannosphäre
• incel
• pick-up artist bzw. PUA

Über die „manosphere“ veröffentlichte Caitlin Dewey kürzlich einen Artikel in der Washington Post. Er beginnt wie folgt:

Elliot Rodger … may have identified himself … as an “incel,” or involuntary virgin; as an aspirational, if frustrated, pick-up artist; and as an adherent of the so-called “manosphere” — that corner of the Internet where boys will be boys, girls will be objects, and critics will be “feminists,” “misandrists” or “enemies.”
If you’re not familiar with these terms, you’re not alone: The manosphere and its various components tend to only make mainstream news over tragedies… . But to thousands of men across the Internet — including, apparently, Rodger — they’re home.

Was bedeutet „incel“? INvoluntary CELibate. Ein Incel lebt zölibatär, aber nicht aus freien Stücken. Die Incels haben “keine abbekommen”. Diesen Ausdruck kannten wir bisher nur in einer anderen Form: „Sie hat keinen abbekommen“, anders ausgedrückt, sie ist ein Mauerblümchen, und wenn der Zustand chronisch wird, eine alte Jungfer. Männliches Gegenstück: Alter Junker. Er wurde, ob freiwillig oder nicht, noch nicht von einer Frau entjunkert. Vgl. meine Glosse über die Entjunkerung.

Das Phänomen „incel“ gab es früher nicht: Männer bekamen immer eine ab, weil Frauen ohne das Geld, die Macht, den Status, den “Schutz” von Männern in der Männerwelt (Mannosphäre) nicht überleben konnten. Jetzt können wir auch ohne Mann zurechtkommen (müssen es sogar oft) und deshalb bekommen nicht alle Männer automatisch eine ab.

Da in vielen Ländern, besonders in Asien, weibliche Föten gezielt abgetrieben werden, fehlen inzwischen an die hundert Millionen Frauen. Macht einen Männerüberschuß von hundert Millionen Incels oder alten Junkern.

Neu ist, dass die Männer, die keine abbekommen haben, darüber nicht verstockt schweigen, sondern als Incels ihre missliche Lage öffentlich beklagen und in Männerforen Hilfe suchen. Diese Technik der Problembearbeitung haben sie von den Consciousness-Raising-Groups der Zweiten Frauenbewegung übernommen.
Hilfe zu dem alten Thema „Wie mache ich erfolgreich eine Frau an, wie kriege ich sie rum?“ liefern sogenannte PUA-Foren. Selbsternannte PUAs (pick-up artist = AnmachKünstler, früher: Frauenliebling, Frauenschwarm) erteilen Ratschläge, wie der Incel doch noch eine Frau aufgabeln (pick up) und rumkriegen kann.

Aber wehe, es klappt nicht wie versprochen. Dann wird der Incel sauer und kann zum PUA-Hasser mutieren. So einer war Elliott Rodger. Aber er hasste nicht nur PUAs, deren heiße Tipps ihm nicht geholfen hatten, sondern auch erfolgreiche Rivalen und vor allem Frauen, die sich erdreistet hatten, seiner künstlerischen Anmache nicht zu erliegen. Erfolgreiche PUAs und Frauen wurden Opfer seines tödlichen Rachefeldzugs.

Thema der unzähligen Tweets mit dem Hashtag #YesAllWomen sind Alltagsgeschichten von Frauen, gegen die Männer ausfallend bis gewalttätig wurden. Ja, alle Frauen können jederzeit zu Opfern von Männern werden, das wird unter diesem Hashtag überwältigend dokumentiert.

„When women refuse“ auf Tumblr sammelt dagegen in Zeitungen dokumentierte Geschichten von männlicher Gewalt gegen Frauen, wenn diese gewagt hatten, die Avancen der Männer zurückzuweisen. Ein nicht abreißender Strom von Dokumenten unaussprechlichen Grauens.

Zurückweisung ist nicht erlaubt und wird mit psychischer und/oder physischer Gewalt oder gar mit dem Tod bestraft.

In der Femisphäre, wie wir das Gegenstück zur Mannosphäre taufen könnten, laufen Beispiele männlicher Verblendung unter dem Schlagwort „entitlement“ (Anspruch). „Du sollst Gott fürchten und lieben“ - so erläutert Luther uns das zweite Gebot. Männer haben ein Recht, einen Anspruch auf Liebe und Ehrerbietung der Frauen, genau wie der liebe Gott.
Und die, die sich dagegen auflehnt und nicht pariert und ihre eigenen Ideen hat, bekommt den Zorn Gottes bzw. seines Stellvertreters zu spüren. 
Amen.

Wiederholen wir die neuen Vokabeln:

• manosphere: Mannosphäre
• femisphere: Femisphäre
• incel: Mauerblümchen, Einzeller, alter Junker, unfug (unfreiwillig ungeliebt)
• pick-up artist, PUA: Anmachkünstler (da brauchen wir noch was besseres)
• men’s rights activist, MRA: Männerrechtler, Maskulinist
• male sense of entitlement: männliches Anspruchsdenken

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Dank an Lila Hess für den Hinweis auf den Artikel in der Washington Post.
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# | Luise F. Pusch am 01.06.2014 um 09:23 PM • Permalink

24.05.2014

Die Kunst des Weglassens: Eine furchtbare Kurzbiografie über Stefan Zweig

Vor ein paar Wochen lieh ich mir aus unserer Stadtbibliothek ein Hörbuch aus, Brief einer Unbekannten von Stefan Zweig. Zwei CDs, gelesen von Leslie Malton und Felix von Manteuffel, erschienen 2009 bei Hörbuch Hamburg. Mehr hier.

Auf dem CD-Umschlag finde ich folgende Kurzbiografie zu Stefan Zweig:

Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien geboren. Noch während seiner Studienzeit veröffentlichte er mehrere Texte. Mit den „Vier Geschichten aus Kinderland“ Erstes Erlebnis wurde er 1911 erstmals einem breiteren Publikum bekannt. Zum aktiven Militärdienst untauglich, wurde er im Ersten Weltkrieg ins Kriegspressequartier versetzt, bis er 1917 als Kriegsgegner für die Neue Freie Presse nach Zürich gehen konnte. Von 1919 bis 1934 lebte er in Salzburg, wo ein Großteil seiner berühmten Biographien, Erzählungen und Essays - Marie Antoinette, Baumeister der Welt, Amok - entstand. 1934 zog er sich nach London zurück. Die Geschichte als Spiegel der Zeit verdeutlichen umfangreiche Essays: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam und Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt. Zunehmend ruheloser geworden, ging er 1940 zunächst für einige Monate nach New York und übersiedelte im August 1941 nach Brasilien. Seine Autobiographie Die Welt von gestern und die Schachnovelle vollendete er noch, die Biographie Balzacs 1942 blieb Fragment, als er am 23. Februar 1942 mit seiner Frau „aus freiem Willen und mit klaren Sinnen“ aus dem Leben schied.

Ich war ratlos, perplex und empört, als ich das las. Kein Wort darüber, dass Zweig Jude war - woraus dann der Rest seiner Lebensgeschichte sich leicht erklärt.

„1934 zog er sich nach London zurück“? -  Nein, er floh vor dem Nationalsozialismus.

„Zunehmend ruheloser geworden…“ - ja warum nur? Wir erfahren es nicht.

„…ging er 1940 zunächst für einige Monate nach New York und übersiedelte im August 1941 nach Brasilien“?? -  Weder „ging“ er noch „übersiedelte“ er - der korrekte Begriff ist „emigrierte“. Zweig selber spricht von den „langen Jahren heimatlosen Wanderns, die seine Kräfte erschöpften“.

Zum Schluss wird irreführend, weil ohne Kontext, ein Zitat aus Zweigs erschütterndem Abschiedsbrief präsentiert: Er sei „aus freiem Willen und mit klaren Sinnen“ aus dem Leben geschieden.

Wahr ist, dass Zweig, zunehmend depressiv wegen des Verlusts all dessen, was ihm das Leben lebenswert machte, sich das Leben aus abgründiger Verzweiflung nahm, „nachdem die Welt meiner eigenen Sprache für mich untergegangen ist und meine geistige Heimat Europa sich selber vernichtet.“

Die Frauenbewegung hat den Begriff des „Sexismus durch Weglassen“ geprägt, wenn etwa in Männerbiografien routinemäßig der Anteil der Ehefrauen und der Geliebten am Werk der Geistesriesen weggelassen wird. Paradebeispiele sind Brecht und Rodin.

Was „Hörbuch Hamburg“ hier mit Stefan Zweig anstellt, ist „Antisemitismus durch Weglassen“. „Er zog sich nach London zurück, wurde ruhelos, ging nach New York und dann nach Brasilien, wo er schließlich freiwillig aus dem Leben schied.“ Warum? Diese Frage kann der Text nicht beantworten, weil er sie nicht stellt. Vielmehr scheint er zu sagen: Stefan Zweig benahm sich recht seltsam - warum, ist nicht der Rede wert. Und seine Frau schon gar nicht.

Wie kommt heutzutage, im Jahre 2009, ein solcher Text zustande? Hat die Hörbuch-Hamburg-Redaktion einem Azubi aus einem anderen Kulturkreis den Auftrag erteilt, einen Klappentext aus den greifbaren Quellen zusammenzuschnipseln? Und sich dann nicht weiter darum gekümmert? Das wäre kein beruhigender, aber noch der harmloseste Befund.

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# | Luise F. Pusch am 24.05.2014 um 05:59 PM • Permalink

18.05.2014

Conchita Wurst und die Sprache

Am 10. Mai geriet ich beim Zappen in den Eurovision Song Contest. 12 Songs waren schon vergangen, 15 sollten noch kommen, und tatsächlich hielt ich durch bis zum Schluss und vergab dann meine Stimme an Sängerinnen aus Slowenien, Aserbeidschan und Österreich, obwohl ich Conchita Wursts „Rise like a Phoenix“ gar nicht live erlebt hatte, sondern nur die kurzen Ausschnitte, die während der Abstimmzeit als Gedächtnishilfe abgespielt wurden. Aber ich dachte, sie verdient schon allein wegen ihres Muts, als Frau mit einem Vollbart aufzutreten, sei er nun echt oder aufgemalt, jede Unterstützung.

Es stellte sich bald heraus, dass ich mich doppelt geirrt hatte: Erstens brauchte die strahlende Gewinnerin meine Unterstützung nicht, und zweitens war sie keine Frau. Dass sie in Wirklichkeit Tom Neuwirth heißt und ein schwuler Travestiekünstler ist, erfuhr ich erst, als ich nach der Sendung Wikipedia befragte. Bis dahin dachte ich, vor allem wegen der überzeugend weiblichen Stimme, Conchita Wurst wäre eine Frau, die sich einen Bart angeklebt hat, um richtig schön zu provozieren, was im Showbiz bekanntlich schon die halbe Miete ist. 2006 war das letzte Mal, dass ich einen ESC durchstand; es gewann die finnische Gruppe Lordi mit dem Song „Hard Rock Halleluja“. Ich erinnere mich nur noch an abscheuliche Monsterkostüme und einen Höllenlärm - damals offenbar genau die richtige Siegesmixtur. Da ging es diesmal damenhafter und gepflegter zu.

Ob Thomas Neuwirth etwas mit Olga Neuwirth, der bedeutenden österreichischen Komponistin, zu tun hat, konnte ich bisher nicht herausfinden. Vom Alter her könnte die 1968 Geborene knapp seine Mutter sein, und musikalisch und rebellisch sind sie beide, das käme auch hin. Andererseits las ich irgendwo, dass Tom Neuwirths Eltern eine Gastwirtschaft haben.

Es wird wohl so sein, dass Österreich nun zwei international berühmte Musikerinnen hat, die zufällig denselben Namen tragen - wie schön!

Frauen mit Bart sind ja keine Seltenheit, je älter wir werden, umso nachhaltiger sprießt er - nur mögen die meisten sich damit nicht sehen lassen und entfernen die ungeliebten Haare im Gesicht sorgfältig. Auch Mann-zu-Frau-Transsexuelle haben endlosen Ärger mit der verhassten Gesichtsbehaarung und unterziehen sich peinvollster Epilation. Ich hoffe, dass Conchita Wurst hier stilbildend oder wenigstens entkrampfend wirkt. Ihre Botschaft: „Ihr könnt tun was ihr wollt und aussehen wie ihr wollt, solange ihr niemanden verletzt“. Bis jetzt haben die Frauen mit Bart sich immer nur selbst verletzt…

Wie die jesusähnlich gestylte Conchita die ESC-Gemeinde im Sturm eroberte, war ein denkwürdiges und erhebendes Ereignis. Ich war geradezu ergriffen. Das hätte ich Europa, das z.Zt. immer mehr nach rechts abdriftet, nie zugetraut. Ein wirklicher Durchbruch ist dieser Frau mit dem Bart gelungen, die es ersichtlich selbst kaum fassen konnte, als aus so vielen Ländern wieder und wieder gemeldet wurde: „Und 12 Punkte (die Höchstwertung) geben wir an Österreich!“ Es waren auch 1969 in der New Yorker Christopher Street die Drag Queens, die verachteststen der Verachteten, die den Stein ins Rollen brachten.

Trotz des Riesenfortschritts in Sachen Gerechtigkeit und Respekt (das Wort „Toleranz“ mag ich nicht) für Schwule, Transpersonen und Frauen mit Bart hätte ich das Thema hier wohl nicht aufgegriffen, wenn es nicht auch spannende sprachliche Aspekte hätte.

Conchita Wurst erzählt, den Nachnamen hätte sie sich ausgewählt, um zu signalisieren, dass das Geschlecht und das Aussehen wurst seien. Und den Vornamen habe ihr eine kubanische Freundin geflüstert. Sehr passend für eine Drag Queen, diese Kombi aus „kleine Muschel / Muschi“ (Conchita) und Wurst. Ins Gastronomische übersetzt wird fast eine Paella daraus…

Trotz dieser hübschen Zweideutigkeiten möchte wohl niemand im Ernst mit Nachnamen Wurst heißen. Auch da hat Tom Neuwirth Mut zur Hässlichkeit bewiesen und sich zielsicher volle Aufmerksamkeit verschafft.

Während in den vergangenen Monaten und Wochen die sprachpolitischen Lager sich eifrig stritten, ob das Maskulinum (wie bisher) oder das Femininum (seit Leipzig) für beide Geschlechter stehen können solle, erleben wir jetzt, wie die Leute und die Medien willig den Vorgaben Neuwirths folgen und für ihn und seine „Kunstfigur“ bzw. sein Alter Ego Conchita Wurst mal das Femininum, mal das Maskulinum benutzen. Und zwar offenbar völlig mühelos. Für/Seit Thomas Neuwirth bzw. Conchita Wurst gilt nicht mehr das Entweder-Oder, sondern das Sowohl-Als auch. Und zwar mit Nachdruck:

weder Name noch Aussehen sind ein schwerer Schicksalsschlag, sondern frei gewählt. Im privaten Leben heißt die Sängerin Thomas Neuwirth. Als solcher tritt er bei der ORF-Castingshow “Starmania” 2007 zum ersten Mal auf. Quelle: hier

Das Thema Toleranz, unter das Conchita Wurst ihre Performance gestellt habe, ist nach den Worten des Kardinals “ein reales, ein großes Thema”. Menschen wie er müssten viel Spott, Gemeinheit und Intoleranz erfahren.  Quelle: hier

Wenn wir diese Wurstigkeit auf den allgemeinen Sprachgebrauch übertragen, heißt das, dass wir für beide Geschlechter sowohl das Femininum als auch das Maskulinum verwenden können. Ist ja eh völlig wurscht. Na denn. Sag ich doch. Alle Menschen werden Schwestern. „Und ich bin die Oberschwester“, rief mein schwuler Freund Jürgen triumphierend, als er den Titel meines Buches 1990 zum ersten Mal hörte.

Neuwirth & Wurst haben wahrscheinlich mehr für die Aufweichung und Überwindung rigider Geschlechtsnormen erreicht als ganze Bibliotheken gendertheoretischer Werke. Am Anfang war die Tat. 
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# | Luise F. Pusch am 18.05.2014 um 09:49 PM • Permalink

10.05.2014

Männer erzeugen Stress

Letzte Woche veröffentlichte Helke Sander ihren offenen Brief an die Tagesschau, in dem sie forderte, mann möge bei der Berichterstattung über die Ukraine nicht andauernd „Schlägereien und Schießereien zwischen Männern, die sich plötzlich für Politik interessieren“ zeigen, sondern, als aktiven Beitrag zur Deeskalation, „nur noch um friedliche Konfliktlösung bemühte einheimische Frauen, damit man überhaupt mal mitbekommt, dass es sie in der Ukraine tatsächlich auch gibt.“ Helke Sander bekam dafür viel spontane Zustimmmung, besonders von Frauen. Ein Mann aber schrieb:

Ich unterstütze den Antrag prinzipiell auch und finde die Idee der deeskalierenden Medienberichte hervorragend!
Trotzdem möchte ich anmerken, dass der Brief grenzwertig an der Sicht dran ist, dass Frauen die besseren Menschen sind und “die Frauen” keine Gewalt und keinen Krieg wollen.

Etwa um dieselbe Zeit wurde genau diese - als “Biologismus” oder “Essentialismus” verpönte - Idee von Männern der Wissenschaft bestätigt:

Prof. Jeffrey Mogil, Biologe an der McGill University in Montreal, fand heraus, dass Labormäuse auf die Anwesenheit von Männern mit starkem Stress reagieren. Der Stress-Level war exakt so hoch wie nach 15 Minuten Eingezwängtsein in einer engen Röhre oder nach 3 Minuten Schwimmen in kaltem Wasser - beides verabscheuen Mäuse gründlich. Wenn hingegen Frauen die Versuche durchführten, blieben die Tiere friedlich. Die Stress-Erzeugung blieb gleich, wenn statt der Männer nur ihre getragenen T-Shirts im Labor verblieben. Ursache der unfreiwilligen Stress-Erzeugung, so Mogil, waren männliche Pheromone (Botenstoffe), Bestandteile des Achselschweißes, die nur männliche Säugetiere oder besser gesagt Saugetiere (denn das männliche Tier säugt nicht, es saugt nur) produzieren. Es waren allerdings nicht nur Männer, die bei den Labormäusen Angst auslösten, sondern auch andere männliche Sauger, z.B. Kater, Eber oder Mäuseriche, also männliche Artgenossen.

„Woran liegt es denn, dass Männlichkeit diesen Stress erzeugt?“ fragte der Interviewer den Forscher.

„Nun, das liegt einfach daran, dass Mäuse gelernt haben, dass männliche Tiere mit viel höherer Wahrscheinlichkeit aggressiv sind - was auch stimmt, natürlich. Bei den meisten Säugetieren neigt nur das Männchen dazu, Territorien zu besetzen und zu kämpfen, um sie zu behalten. Weibliche Säugetiere tun das einfach nicht.“ (Hier zum Nachhören)

Stimmt, natürlich! Hat der Mann denn noch nie was von Biologismus und Essentialismus gehört? Wenn ja, schert er sich nicht drum und vertraut seinen Erfahrungen. Helke Sander lag mit ihrem Vorschlag also richtig. Männer und andere Saugetiere sind aggressiver und schlagen besonders dann los, wenn es um die Wahrung territorialen Besitzes geht. So sind sie nun mal gestrickt. Die Leute von der Tagesschau haben das nur noch nicht geschnallt. Da können sie von den Labormäusen viel lernen. Denen sitzt dieses Wissen noch in den Knochen, und kein Biologismusvorwurf wird es ihnen jemals ausreden. Die Mäuse reagieren geschockt und beruhigen sich erst nach etwa 45 Minuten, vorausgesetzt, die Männer haben bis dahin keine Aggressionen gezeigt. Aber wie wir wissen, schaffen nicht viele Männer diese 45 Minuten. Und wenn, dann werden ihre Artgenossen es ihnen schon austreiben. Laborleiter Mogil berichtete, dass diejenigen männlichen Laboranten, die bei den Mäusen am wenigsten Stress auslösten und sich den Traumwerten der Frauen annäherten, von ihren “männlicheren” Kollegen ausgelacht wurden. Übrigens: Laborantinnen werden von Männern auch gerne als “Labormäuse” bezeichnet.

In diesem Sinne: Eine möglichst stressfreie Zeit! Wie es geht, wissen Sie ja jetzt.
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Dank an Joey Horsley für den Hinweis auf die Science-Friday-Sendung vom 2.5 2014.

Hier ein paar Links zum Nachlesen:

http://sciencefriday.com/segment/05/02/2014/male-researchers-may-increase-stress-in-lab-mice.html

http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-17510-2014-04-30.html

http://www.sueddeutsche.de/wissen/verzerrung-bei-tierversuchen-maenner-machen-maeuse-nervoes-1.1945966
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# | Luise F. Pusch am 10.05.2014 um 07:41 PM • Permalink

04.05.2014

Sprachliche Diskriminierung hat viele Gesichter - welches ist das schlimmste? Teil 2

Die sprachliche Diskriminierung der Frau, auch sprachlicher Sexismus genannt, ist die einzige sprachliche Diskriminierung, die sich tief in der Grammatik eingenistet hat - und deshalb ist sie am schwierigsten zu bekämpfen. Um dieser Diskriminierung Frau zu werden, müssen wir ans Eingemachte, an die Grammatik eben. Herrische Redewendungen wie „einer Sache Herr werden“ umzuwandeln in „einer Sache Frau werden“ - das genügt nicht, es kratzt nur am Wortschatz, d.h. bleibt (ziemlich) an der Oberfläche.

Es gibt im Deutschen nur einen grammatischen Prozess, der in etwa mit der sog. Movierung (Femininableitung aus einem Maskulinum) vergleichbar ist, und das ist die Diminutivbildung, die Ableitung einer Verkleinerungsform aus einem Wort, das - relativ zum Diminutiv - die Normalgröße bezeichnet. Frauen stellen mit Unmut fest, dass entsprechend das Maskulinum - relativ zum daraus abgeleiteten Femininum - das „Normalgeschlecht“ bezeichnet:

Bauer > Bäuerin
Bauer > Bäuerchen
Bier > Bierchen
Brot > Brötchen
Buch > Büchlein
Frau > Fräulein, Frauchen
Kartoffel > Kartöffelchen
Kleid > Kleidchen
Lied > Liedchen, Liedlein, Liedel.
Magd > Mägdlein > Mädchen
Mann > Männchen, Männlein
Stuhl > Stühlchen
Teller > Tellerchen

Wenn eine Mutter ihr Kind zur Bäckerin schickt mit dem Auftrag: „Bring ein Brot und drei Brötchen mit“, wäre sie wohl erstaunt, wenn das Kind ihr 4 Brote anschleppen würde. Das hindert die Mutter allerdings nicht, von den „Freunden“ und „Lehrern“ des Kindes zu reden, auch wenn es überwiegend Freundinnen und Lehrerinnen sind. So funktioniert die deutsche Sprache eben. Frauen haben sprachlich halt weniger Rechte als Brötchen ….

Seit etwa 40 Jahren kämpfen Frauen in vielen Ländern gegen ihre sprachliche Benachteiligung und Unsichtbarmachung, festgeschrieben in der Grammatikregel: „Eine Gruppe von Personen ist eine männliche Gruppe, wenn sie mindestens einen Mann enthält oder enthalten könnte.“ (1)

Radikalfeministinnen haben die Regel in den 1980er Jahren einfach umgekehrt: „Eine Gruppe von Personen ist eine weibliche Gruppe, wenn sie mindestens eine Frau enthält oder enthalten könnte.“

Wir haben uns, m.a.W., sprachpolitisch die Männer zum Vorbild genommen, die mit ihrem Anspruch auf die Normalform ja enorm erfolgreich waren. Die zugrundeliegende Machtmechanik hat Lewis Carroll genial auf den Punkt gebracht:

„Wenn ich ein Wort benutze”, sagte Humpty Dumpty herablassend, “dann hat es genau die Bedeutung, die ich wähle - nicht mehr und nicht weniger.” “Die Frage ist”, sagte Alice, “ob du die Wörter dazu bringen kannst, dass sie so viel Verschiedenes bedeuten.” “Die Frage ist”, sagte Humpty Dumpty, “wer der Herr ist [im Original: which is to be the master] - das ist alles.” (Lewis Carroll, Alice hinter den Spiegeln (m.H.))

Die Umkehrung, das generische Femininum, hat im letzten Jahr breite Unterstützung durch die Universitäten Leipzig und Potsdam erhalten. So was hat natürlich Signalwirkung. Andere Institutionen werden nachziehen und die „lästigen Doppelformen“ ebenfalls hinter sich lassen, jedenfalls für eine Weile (Stichwort: Rotationsprinzip).

Aus der Transgender und Genderqueer Community kam der Vorschlag, zwischen den Wortstamm und die Feminin-Endung einen sog. Gender Gap bzw. Unterstrich, alternativ ein Sternchen, einzubauen, damit die bisher in dem herrschenden System der Zweigeschlechtigkeit Unterdrückten Transpersonen wenigstens einen symbolischen Ort für sich haben: Lehrer_innen oder Lehrer*innen.

Damit sind wir Frauen optisch allerdings wieder genau da gelandet, von wo wir seit Beginn der feministischen Sprachkritik im deutschsprachigen Raum wegstrebten: auf dem Abstellgleis der Feminin-Endung:

Ob Abtrennung durch Klammern, Schrägstrich, Bindestrich, Unterstrich oder Genderstern - Lehrer(in), Lehrer/in, Lehrer-in, Lehrer_in, Lehrer*in - für Frauen wird durch diese Mannipulationen nichts erreicht: Uns vermitteln diese Schreibweisen, eine wie die andere, die Botschaft: Die Frau ist zweite Wahl. Dem Normalgeschlecht gebührt der Wortstamm, dem abweichenden Geschlecht die abgeleitete Form. Je weiter dabei das äußere Kennzeichen des Abgeleitetseins, die feminine Endung, vom Wortstamm entfernt wird durch Zwischenschaltung weiterer, wenn auch gutgemeinter, Elemente - umso mehr wird der Status der weiblichen Zweitrangigkeit betont.

Deswegen war ja das Binnen-I eine so willkommene Erfindung: Es ist von der besten Lösung des Problems, dem generischen Femininum, „nur einen winzigen Klecks Druckerinnenschwärze entfernt“ (wie ich 1986 schrieb) (2)

Deswegen plädiere ich weiter für das Binnen-I oder, noch lieber, für das generische Femininum.

Inzwischen habe ich mein im ersten Teil dieser Glosse angekündigtes „Artikelchen über die wichtigsten derzeit kursierenden geschlechtersensiblen Schreibweisen“ fertiggestellt; es erscheint voraussichtlich in der nächsten EMMA. Ich habe dort eine neue Schreibweise vorgeschlagen, mit der eigentlich alle beteiligten Gruppen (Frauen, Transgender, Männer) zufrieden sein könnten: die optische Vereinigung von generischem Femininum, Binnen-I und Genderstern. Interessierte können dann dort nachschauen, wie diese Lösung aussieht und sprachtheoretisch begründet wird.

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(1) Vgl. Hierzu meinen Artikel „Der Piloterich: Ein Beitrag der außerirdischen Linguistik“ (1979), in Pusch, Luise F. 1984. Das Deutsche als Männersprache: Aufsätze und Glossen zur feministischen Linguistik. Frankfurt/M. edition suhrkamp 1217. S. 43-45.
(2) Vgl. Pusch, Luise F. 1990 [1986]. “Alle Menschen werden Schwestern: Überlegungen zum umfassenden Femininum”, in: Pusch, Luise F. 1990.  Alle Menschen werden Schwestern: Feministische Sprachkritik. Frankfurt/M. edition suhrkamp 1565. S. 85-103
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# | Luise F. Pusch am 04.05.2014 um 07:20 PM • Permalink

27.04.2014

Sprachliche Diskriminierung hat viele Gesichter - welches ist das schlimmste? Teil 1

In der vergangenen Woche entrüsteten sich die Männermedien wieder mal über die feministische Sprachkritik und die sprachkritischen Anregungen der Gender-queer Community. Der SPIEGEL 17/2013 veröffentlichte am 22.4. einen Artikel von Ralf Neukirch, betitelt „Sein Name ist Sie“, und in der BILD-Zeitung empörte sich am 21.4. Hans-Jörg Vehlewald:  „Mitarbeita“ „Doktox“ - So soll unsere Sprache entmännlicht werden“, Untertitel: „Wer denkt sich sowas aus?“

Ja wer nur? Ganz normale Mitmenschen wie du und ich. Die BILD-LeserInnen, von Vehlewald schön aufgehetzt, zweifeln allerdings in ihren Kommentaren entweder am Verstand der SprachkritikerInnen oder sie halten sie für KifferInnen - und das Kiffen an den Unis nähme überhand und sollte verboten werden.

Eigentlich bin ich es leid, auf solche Schmähschriften zu reagieren, aber diesmal waren mir die Elaborate des Spiegel und der BILD-Zeitung sogar willkommen. Zufällig arbeite ich gerade an einem Artikelchen über die wichtigsten derzeit kursierenden geschlechtersensiblen Schreibweisen, als da sind: Generisches Femininum, Binnen-I, Unterstrich und Genderstern. Und durch die BILD-Zeitung fand ich immerhin, wenn auch auf Umwegen, die neuste Veröffentlichung zum Thema - und Ursache des BILD-Unmuts, den 54 Seiten starken Sprachleitfaden HU Berlin 2014 - hier zum Herunterladen. Den Link suchen wir bei BILD allerdings vergeblich, BILD verlinkt anscheinend nur zu BILD-Artikeln. 

Der Leitfaden wurde veröffentlicht von der AG feministisch sprachhandeln; verantwortlich zeichnen Anna Damm, Evelyn Hayn, Lann Hornscheidt und Sonja Weeber.

Leitfäden werden seit den Anfängen der feministischen Sprachkritik veröffentlicht, zuerst waren da die “Guidelines for non-sexist language”, die wir für das Deutsche adaptierten. 1980 veröffentlichten Ingrid Guentherodt, Marlis Hellinger, Senta Trömel-Plötz und ich die ersten deutschsprachigen „Richtlinien zur Vermeidung sexistischen Sprachgebrauchs“ in der Zeitschrift Linguistische Berichte.

Ob „Guidelines“, „Richtlinien“ oder „Leitfaden“ - diesen Namen haftet etwas Dirigistisches an. Und das war auch beabsichtigt. Wir lehnten die sexistische Sprache ab und wollten nicht nur „Anregungen geben“ und „Vorschläge machen“, wie es besser zu machen wäre. Nein, wir wollten, dass unsere Vorschläge möglichst zu Vorschriften würden. Und im Laufe der Zeit wurden sie es auch. Die Amtssprache wurde dahingehend geändert, dass Frauen genannt werden sollten, wenn Frauen gemeint waren. Wir wollten nicht mehr im Maskulinum „mitgemeint“ bzw. begraben sein.

Die neue Broschüre aus Berlin hat einen anderen Charakter. Zwar wird sie in der online-Adresse „sprachleitfaden“ genannt, aber dies Wort kommt im Titel gar nicht vor. Dort heißt es vielmehr „Anregungen“: „Anregungen zum Nachschlagen, Schreiben-Sprechen-Gebärden, Argumentieren, Inspirieren, Ausprobieren, Nachdenken, Umsetzen, Lesen_Zuhören, antidiskriminierenden Sprachhandeln.“

Die ersten Richtlinien konzentrierten sich auf eine Diskriminierung, die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, kurz Sexismus genannt. Von dieser Diskriminierung sind fast ausschließlich Frauen betroffen.

Die „Anregungen zum antidiskriminierenden Sprachhandeln“ wollen weit mehr. Im Nachwort (S. 53) findet sich folgende Erklärung:

Die AG versteht sich als feministisch, was für uns heißt, gegen viele, miteinander verbundene strukturelle Diskriminierungen aktiv zu handeln. Zu diesen Diskriminierungen gehören:
• Sexismus/Genderismus
• Ableismus (die Herstellung von und Diskriminierung über beHinderung)
• Rassismus
• Klassismus
• Migratismus (die Herstellung von und Diskriminierung über Migration)

“Ageism“ (Diskriminierung aufgrund des Alters) und „looksism“ (Diskriminierung aufgrund des Aussehens) fehlen seltsamerweise in dieser Aufzählung, obwohl sie vor allem Frauen treffen. Sicher sind die Verfasserinnen der Broschüre alle jung und schön.

Ableismus (von engl. „able“ (fähig) als Gegenstück zu „disabled“ (behindert)), Rassismus, Klassismus und Migratismus sind Arten von Diskriminierung, die sich u.a. auch der Sprache bedienen. Sie unterscheiden sich allerdings grundsätzlich von Sexismus/Genderismus, weil sie sich nicht in der Grammatik niedergeschlagen haben, dem tiefsten und dem Bewusstsein unzugänglichsten Teil der Sprachstruktur. Um Ableismus, Rassismus, Klassismus und Migratismus zu bekämpfen, muss ich nicht die Grammatik ändern, sondern „nur“ bestimmte Sprechweisen und Elemente des Wortschatzes. Ich muss achtsam und respektvoll sein und meine Privilegien und stillschweigenden Voraussetzungen dauernd überprüfen. Als Beispiel nennt die Broschüre: „In der Aufforderung ‚alle lesen bitte diesen Text zum nächsten Mal‘ ist beispielsweise vorausgesetzt, dass ‚alle’ lesen können.“  Über dieses Beispiel kann sich Vehlewald (der BILD-Mann) nicht beruhigen: “UND DAS AN EINER UNIVERSITÄT!?” zetert er in Großbuchstaben. Wenn eine die Broschüre nicht kennt, kann dieses aus dem Kontext gerissene Zitat tatsächlich Verwunderung auslösen. Gemeint ist aber wohl, dass es an der Uni auch blinde Studierende gibt, die mit einer so gedankenlosen Formulierung ausgeschlossen werden, falls der Text nicht auch in Brailleschrift verteilt wurde.

Die Broschüre ist lesenswert und regt zum Nachdenken an. In der Abteilung „Sexismus/Genderismus“ enthält sie allerdings Anregungen, denen ich nicht folgen werde. Warum, das verrate ich in der nächsten Woche.

Dank an Anne Beck für die Links zum „Spiegel“ und zu „Bild“.

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# | Luise F. Pusch am 27.04.2014 um 07:14 PM • Permalink

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Hedwig Dohm