mannhaft

Fundstücke aus unserem sexistischen Alltag werden hier ausgestellt und erläutert.

29.07.2007

Lili Marleen oder Dürfen Frauen Männerlieder singen?

Im Tamino-Klassikforum unterhalten sich 13 Männer und eine Frau über das Thema, ob Frauen z.B. Schuberts “Winterreise”, Schumanns “Dichterliebe” oder Mahlers “Lieder eines fahrenden Gesellen” singen dürfen.

Nachdem Männer in der Oper von Monteverdi bis Gluck zahllose Frauenrollen gesungen haben (Sängerinnen und Schauspielerinnen auf öffentlichen Bühnen waren damals verpönt), ohne sich die Frage zu stellen, ob sie das “dürfen”, wirkt diese Frage auf eine Frau schon etwas seltsam - sie wird von den 13 Männern aber sehr ernsthaft erörtert.

Über hundert Jahre lang haben Sängerinnen sich m.W. an das ungeschriebene Gesetz gehalten, daß diese “Männerzyklen” “männliches Eigentum” sind. Die erste, die gegen die Regel verstieß, war Lotte Lehmann, die sich auch sonst allerlei herausnahm und die letzten 37 Jahre ihres Lebens mit einer Frau verbrachte. Auch Christa Ludwig, Brigitte Fassbaender, Janet Baker und Jessye Norman haben die “Männerlieder” einfach gesungen. Sängerinnen der allerersten Garnitur also, die sich nicht mit den “Frauenzyklen” à la “Frauenliebe und -leben” bescheiden mochten.

Was lesen wir nun aber über diese kühnen Taten im Tamino-Klassikforum?

Auch wenn ich die Winterreise einst mit Christa Ludwig im Musikverein hörte, sicher einer der besten Interpretinnen dieses Zyklus - Ich bin der Meinung das sollte nur ein Mann singen.

meinen persönlichen Geschmack trifft es nicht, wenn Schubertlieder ... von den Damen gesungen werden. .... Verbieten kann und darf man es natürlich nicht

Als ich “Trockene Blumen” von Schubert mit einer Frauenstimme gehört habe, fand ich das intuitiv sofort “unpassend”. Das gilt auch für andere Lieder aus “Die schöne Müllerin”.

Da man den Sinn der Texte doch halbwegs beachten sollte, und eine Identifikation der Interpreten mit dem Text selbstverständlich sein sollte, ist das Besingen lesbischer Liebe noch nicht so alltäglich für mich…

Die Dichterliebe von Schumann ist für mein Empfinden ein Zyklus für die hohe oder mittlere Männerstimme,Tenor oder Bariton also. Einzelne Lieder wie “Ich hab im Traum geweinet” sind schon frauentauglich...Doch der komplette Zyklus ist für einen Mann.

Es gibt sicher einige hier sogenannte “Männerlieder” die auch von Frauen sehr schön klingen aber ich muss ganz ehrlich sagen dass es mir gefühlsmässig nichts gibt! Die Winterreise von einer Frau ergreift mich einfach nicht und macht auch keinen Sinn.

vielleicht könnte frau ja singen: das männchen sprach von Liebe…

Und gerade dieses Lied (Erlkönig) finde ich ein Lied, daß nur Männer singen sollen. Ich habs sowohl Männer als Frauen singen hören. Und bei den Frauen vermisse ich etwas. Laßt mich das mal “Tiefe” nennen.

Es sei nicht verschwiegen, daß 5 Männer und auch die einzige Frau der Diskussionsrunde nichts dagegen haben, wenn Frauen „Männerlieder“ singen. „Grimgerdes Schwester“ erinnert an das menschliche Abstraktionsvermögen:

Wenn man sich durchliest, was die meisten Sängerinnen darüber sagen, wird man feststellen, dass sie abstrahieren. Es geht weniger darum, wen man da besingt, sondern darum, was man empfindet.  Aber selbst wenn da nicht abstrahiert würde - ist das ein Problem?

Da wird ihr nun aber ganz energisch widersprochen:

Abstrahieren kann der Künstler. Vielleicht. Aber kann das Publikum es auch? Denn es geht ja um die Interaktion zwischen Sänger(in) und Publikum. Es ist schon öfter in diesem Forum gesagt worden. Hier gibt es nicht den Durchschnittshörer. Was man Taminomitgliedern zumuten kann, darf man nicht Otto Normalverbraucher zumuten.

Otto Normalverbraucher? Das Publikum?
Sie haben diese Scheinfrage schon vor fast 70 Jahren, im Zweiten Weltkrieg, klar entschieden:
Das Lied „Lili Marleen“ von Hans Leip, gesungen von Lale Andersen, war das Lieblingslied der Frontsoldaten. Sie waren so süchtig danach, daß sie massenhaft protestierten, als der Soldatensender Belgrad es nicht mehr regelmäßig zum Abend sendete. Daß es ein „Männerlied“ ist (im Text sehnt sich ein Mann nach seiner Lili Marleen), scherte sie kein bißchen. Die meisten Soldaten werden sich nach einer oder ihrer Frau/Freundin gesehnt haben. Diese Sehnsucht linderte Lale Andersens Stimme.

Können Millionen irren? Noch dazu ausgerechnet Soldaten, in so einer „delikaten“ Frage?

# | Luise F. Pusch am 29.07.2007 um 12:52 AM | Druckversion
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14.07.2007

Sag mir, wo die Frauen sind - wo sind sie geblieben?

Wo die Frauen sind? Bei FemBio. Hier werden keine Frauen ausgeblendet, weil sie nicht ins Bild passen.

Im Mai feierten wir den 100. Geburtstag zweier großer US-Amerikanerinnen, Katharine Hepburn und Rachel Carson. Im Juni wäre Katharine Graham (“Mrs Watergate”) 90 geworden. Natürlich wurden und werden sie alle auf FemBio ausführlich gewürdigt. 

Auch in der Männerpresse erschienen Porträts. Freundinnen haben mir schon des öfteren dieStandard.at, die feministische Ablegerin der österreichischen Tageszeitung Der Standard ans Herz gelegt. Dort fand ich die Porträts, um die es im folgenden geht. Sie waren aus Der Standard übernommen und von Männern geschrieben (Klaus Taschwer über Rachel Carson, Michael Freund über Katharine Graham; bei Hepburn wird als Quelle APA/dpa angegeben). Die Links sind etwas inkonsistent - aber Sie werden die Porträts schon finden, zur Not in der rechten Spalte.

Die Porträts in der Männerpresse unterschieden sich von den FemBiografien in einem entscheidenden Punkt. Die intensiven Beziehungen, die Carson und Hepburn mit Frauen hatten, werden nicht erwähnt. Bei Carson stehen ihre epochalen Leistungen im Vordergrund, menschliche Beziehungen scheint sie keine gehabt zu haben. Bei Hepburn wird außer ihren Leistungen ihre Beziehung zu Spencer Tracy gewürdigt, nicht die zu Laura Harding (“Wieviel Kraft hat sie mir gegeben. Ihr verdanke ich meinen Sinn für Feinheiten. Ich fand sie hinreißend, und sie überzeugte mich, daß ich es sei.”) oder Phyllis Wilbourn, Gefährtin ihrer zweiten Lebenshälfte: “Immer da, vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Für alle Zeiten.” (K. Hepburn)

Auch bei Katharine Graham wird der Mann in ihrem Leben, Philip Graham, mit erwähnt, nicht aber, was er ihr mit seiner Arroganz antat: „Während er mich einerseits stützte und stärkte, machte er mich andererseits nieder … Allmählich hörte ich ganz auf zu sprechen, wenn wir zusammen waren.“ (K. Graham in ihrem Memoiren).

In Pakulas Film über die Watergate-Affäre, Die Unbestechlichen (All the President’s Men) (1976), mit Dustin Hoffman und Robert Redford, kommt “Mrs Watergate”, die die Aufdeckung erst ermöglichte, nicht vor. Nachdem ich Anfang 2006 Kay Grahams Memoiren gelesen hatte, sah ich mir den Film voll gespannter Vorfreude noch einmal an, um zu sehen, wie ihr Part wohl behandelt würde in dem berühmten Film. Vergebliche Hoffnung, mann fand sie nicht der Rede wert.

FrauenbildIch gebe seit 20 Jahren den frauenbiografischen Kalender Berühmte Frauen heraus. Auf dem Titel des neuen Kalenders sehen Sie die Schriftstellerin und Kritikerin Susan Sonntag - sie wäre im nächsten Jahr 75 Jahre alt geworden. Ihre langjährige Partnerin, die Fotografin Annie Leibovitz, wird in dem Kalender-Porträt natürlich nicht übergangen.

Manchmal haben auch Männer am Kalender mitgewirkt. Ein auffälliger Unterschied zwischen den Biografien, die Frauen schrieben und denen, die Männer ablieferten, war die ausschließliche Konzentration auf das Werk bei den Männern. Ich bekam den Eindruck, daß männliche Biografen das Standardmodell der Biografie großer Männer auf Frauenbiografien übertragen: Die Frau als Partnerin ist nicht der Rede wert, weder als Partnerin des Mannes noch der Frau.

Hingegen der Mann als Partner einer bedeutenden Frau - seine Erwähnung ist unerläßlich (Tracy, Philip Graham). Und wenn er der Frau geschadet hat, so bleibt das unter dem Teppich.

Das Perfide bei dieser Art Geschichtsschreibung ist, daß frau bereits bescheid wissen muß, um festzustellen, was alles unterschlagen wird. Ich habe die Briefe und Autobiografien von Graham, Hepburn und Carson gelesen und merkte sofort, daß die “Standardbiografien” in typischer, ja vorhersagbarer Weise unvollständig waren: Lesbische Beziehungen und männliche Grausamkeit gibt es nicht; Freundinschaft zwischen Frauen wird kaum je ihrer lebenswichtigen Bedeutung entsprechend gewürdigt.

Künstlich am Leben erhalten wird auf breiter Front, standardmäßig, ein Idealbild des Mannes: Er ist stark und ohne Fehl, und schon deshalb hat die Frau keine Götter neben ihm - von Göttinnen ganz zu schweigen.

Da halten wir Frauen uns doch lieber an den klugen Rat Schleiermachers:

Du sollst nicht falsch Zeugniß ablegen für die Männer; du sollst ihre Barbarey nicht beschönigen mit Worten und Werken.

Zu ergänzen wäre noch:

Du sollst auch den naheliegenden Ausweg aus der Misere nicht verschweigen, den schon viele kluge Frauen gefunden haben.

# | Luise F. Pusch am 14.07.2007 um 10:16 PM | Druckversion
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08.07.2007

Mac-TV für Macker

Mac-TV ist eine nützliche Einrichtung für alle, die ihren Mac besser verstehen und effektiver nutzen wollen. Ich habe immer nach so einer Möglichkeit gesucht, aber Video-Kurse waren mir zu teuer und Seminare obendrein zu aufwändig. So wurstelte ich jahrzehntelang mehr schlecht als recht vor mich hin.

Nun gibt Mac-TV allen Wissensdurstigen die Möglichkeit, sich kostenlos oder für wenige Cents jede Menge informative Sendungen über Hard- und Software für den Mac herunterzuladen und in Ruhe zu studieren.

Für einen langen Transatlantikflug lud ich einige dieser Filme auf meinen iPod und verbrachte damit eine vergnügliche Zeit. Die sonst endlosen Stunden vergingen diesmal wie im Fluge ….

… nicht zuletzt auch, weil Mac-TV speziell die UserIN (so heißt das ja heute) in ein Wechselbad von Zustimmung und Empörung schickt. Neben reichlicher und guter Belehrung verströmen die Mac-ker auch ein gehöriges Maß an Sexismus. Weshalb ich die Crew hier meinerseits mal etwas darüber informieren möchte, wie sie bei einem Teil ihres weiblichen Publikums rüberkommen. Vielleicht hilft es ja.

Es fängt damit an, daß sämtliche Moderatoren, die ich da bisher gesehen habe, männlich sind. Nichtmal eine einzige Alibifrau zum Zweck der Imagepflege leisten sie sich, dabei legt doch die Mac community so großen Wert auf ihr moderneres, smarteres, kurz: alternatives Image.

Ein netter Herr namens Dirk Speder erläutert in 6 instruktiven Folgen Tipps und Tricks für den Umgang mit Word. Die Funktion “Serienbrief” erklärt er anhand eines sinnigen Beispiels: “Nehmen wir an, Sie machen einen Ausflug. Jeder hat 35 EUR eingezahlt, manche aber haben mehr ausgegeben, andere wiederum weniger. Sie schicken ihnen einen Serienbrief zum Kontostand. Erstmal richten wir die Felder für die Vornamen ein, da haben wir Peter, Heinz und Josef.” Usw.

Als ich Joey später von meinen Erlebnissen mit Mac-TV erzählte, meinte sie spontan zu dieser Herrenpartie: “Die sind wahrscheinlich ins Bordell gegangen.” Allerdings waren dafür die Ausgaben etwas gering, fanden wir. Vielleicht war es ein Trip in ein Bordell mit besonders “billigen” Sexsklavinnen aus dem Osten.

Ja diese Beispiele – sie verraten viel über die geistige Möblierung ihrer Produzenten. Ich habe das schon 1983 in einem Aufsatz vorgeführt: “Sie sah zu ihm auf wie zu einem Gott: Das Duden-Bedeutungswörterbuch als Trivialroman”.* - Die Duden-Redaktion hatte nach Jahren ein Einsehen und wandelte u.a. den Satz “Ich bin von der dicken schwitzenden Frau abgerückt” ab in “Ich bin von dem dicken schwitzenden Mann abgerückt.” Originalität ist halt nicht jedermanns Sache.

Besonders ergiebig für eine Analyse aus feministischem Blickwinkel ist der Mac-TV-Chefmoderator Jörn Dyck. Bei der Erläuterung der automatischen Korrekturfunktion steuerte er folgende Idee bei: “Also das ist wahnsinnig praktisch, wenn man grad ne neue Freundin hat und schreibt ‘Liebste Sabine’, dabei heißt die jetzt Christine - zack, sofort global geändert. Müßte man eigentlich betriebssystemweit organisieren, daß auch die Emailadresse sofort geändert wird, ja, echt praktisch, ja.”

Was die lerneifrige Userin hier lernt: Wie im vorigen Beispiel rechnen die Herren nur mit männlichen Benutzern. Daß sie sich außer Männern vielleicht noch Lesben vorstellen, die ihrer “liebsten Christine” schreiben wollen, ist eher unwahrscheinlich. Nein, sie haben die Frau als Userin einfach nicht im Blick; sie kommt ihnen nur als auswechselbare Gespielin in den Sinn. Die Rotation ist dabei anscheinend so hektisch, daß der Herr leicht mal den Überblick verliert, aber die Word-Korrekturfunktion hilft ihm durchgreifend und zuverlässig. Oder, falls mann die Damen nicht gleich löschen, sondern lieber sammeln will, empfiehlt sich vielleicht ökonomische Beschickung mit Liebesworten per Serienbrief? Und effektive Verwaltung per Datenbank? Nur so als Anregung.

Zum Schluß sah ich mir noch den Lehrfilm über den “Automator” an, ebenfalls ein Mac-Programm. Die Herren hatten sich wieder ein schönes Beispiel ausgedacht. Sie hätten da eine tolle Webseite mit Bildern schöner Damen entdeckt. Die wollten sie sich jetzt mal alle automatisch runterholen, schön genießen und danach alle automatisch wieder löschen. Und sie schritten stolz ans Werk, um den anderen Mac-kern zu zeigen, wie mann’s macht.

Ich hatte nun genug von der Männerkumpanei und wandte mich wieder meiner Lektüre zu: Salka Viertels Memoiren mit dem schönen Titel “Das unbelehrbare Herz”. Das ist doch schon eher was nach dem Herzen einer Frau.

Gänzlich unbelehrbar ist mein Herz ja nicht – aber die Jungs mit ihrer schlichtsinnigen Mackerei erzeugen doch viel Widerwillen, so daß es oft Überwindung kostet, auch ihren brauchbaren Mitteilungen noch Aufmerksamkeit zu schenken.

Nachtrag: Diese Glosse löste eine lebhafte Diskussion über den Beitrag von Frauen und Männern zur Informatik aus, s.u.. Viel wichtige Informationen dazu bringt die Frauen-Informatik-Geschichte der Uni Bremen. (Dank an Anne Beck für den Hinweis).

* Zuerst erschienen in Das Deutsche als Männersprache, 1984.

# | Luise F. Pusch am 08.07.2007 um 07:38 PM | Druckversion
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24.06.2007

Das Hohelied der Liebe von Edeka

Die Liebe eifert nicht,
sie bläht sich nicht auf,
sie läßt sich nicht erbittern,
sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit,
sie freut sich aber an der Wahrheit;
sie erträgt alles, sie glaubt alles,
sie hofft alles, sie duldet alles.

So steht es im 1. Korintherbrief im Hohenlied der Liebe.

Nun hat Edeka diesem alten Lied noch eine zeitgemäße Strophe hinzugefügt:

Die Liebe kribbelt nicht,
sie brutzelt.

Frauenbild

Edeka feiert dieser Tage ihren 100. Geburtstag, und seit Wochen schon werden wir darauf eingestimmt mit ganzseitigen Anzeigen, die den Edeka-Slogan „Wir lieben Lebensmittel“ variieren. Zur Spargelsaison ging es los mit einem phallischen Spargelbild und dem Spruch:

Seit 100 Jahren geht die Liebe nicht nur unter die Haut, sondern auch unter die Erde.

Kleingedruckt dann:

Liebe hat oft mit perfektem Timing zu tun [ob sie da an Viagra denken?] Wir von EDEKA können seit 100 Jahren ein Lied davon singen – vor allem wenn’s um frischen Spargel geht.

Frauenbild

Zu verstehen ist der Zusammenhang zwischen Bild und Spruch nicht unbedingt, es geht mehr so um eine Anmutung, eine lose Assoziationsreihe: Spargel – Phallus – Liebe. Wir lieben Lebensmittel. Wir lieben Spargel. Spargel symbolisiert Liebe, oder Sex, oder was. Und SEX SELLS.

Schon in dem alten Song der Comedian Harmonists mußte das sperrige Gemüse herhalten zum selben Zweck:

Veronika, der Lenz ist da,
Die Mädchen singen tralala.
Die ganze Welt ist wie verhext,
Veronika, der Spargel wächst!

So abgedroschen die Spargelmetapher ist, es wohnt ihr doch eine tiefe Weisheit inne: Roh und aufrecht ist der Spargel ungenießbar. Bekömmlich wird er, wenn er weichgekocht und schlapp ist. Manche mögen ihn am liebsten al dente. Na denn: Guten Appetit.

# | Luise F. Pusch am 24.06.2007 um 10:17 PM | Druckversion
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21.10.2006

Edo und seine männliche Endung

Am 20. Oktober 2006 berichtet Edo Reents in der FAZ mit milder Ironie über das “Festspiel der deutschen Sprache” auf der Rudolstädter Heidecksburg, das die Kammersängerin Edda Moser organisiert hatte. Er lobt Edda Moser, die zur Begrüßung sagte, man habe sich versammelt „im Gedenken an einen kranken Freund“, und diesen Freund wolle man gesund pflegen.

Was Edo an Edda so angenehm auffiel, war folgendes: “… ein guter Anfang, weil Frauen normalerweise eher bei der Hand sind mit diesen albernen Femininum-Endungen - denn dieser Freund war und ist natürlich die deutsche Sprache, die man vor ihrem Todfeind, dem Anglizismus, schützen will.”

Mich hat es natürlich geschmerzt, daß unsere Freundin, die deutsche Sprache, hier ganz unnötig vermännlicht wurde, und die “albernen Femininum-Endungen” gefielen mir schon gar nicht. Deshalb wollte ich folgenden Kommentar an die FAZ-online schicken, die mich mit “Lieber FAZ-online-User” ansprach. Ich versuchte mich trotzdem einzuloggen, aber die Software akzeptierte mich nicht. Vielleicht, weil ich als Anrede “Frau” angeklickt hatte?

Ich werde Herrn Edo also meinen Leserinnenbrief per Snailmail schicken. Sie können ihn schon hier lesen:

Hallo Edda Reents,

in Ihrem Artikel über die sprachpflegerischen Aktivitäten Edo Mosers bekommen wir Frauen gleich anfangs einen Ihrer Seitenhiebe, an die wir uns schon gewöhnen mußten.

Wieso sind Femininum-Endungen denn albern? Und was ist mit den maskulinen Endungen? Auch albern?

Helfen sie uns nicht, die Geschlechter auseinanderzuhalten, wie es auch heute noch verlangt wird, trotz des tapferen Wilhelm Wieben, der “großen alten Dame der Tagesschau”, die Sie in Ihrem Bericht erwähnten?

Wenn Edo keine maskuline Endung hätte, könnte frau ihn glatt mit Edda verwechseln. Und umgekehrt.

Freundinlich
Luise F. Pusch
(Verfasserin der Bestsellerin “Deutsch als Männersprache”, Suhrkamp Verlag)

# | Luise F. Pusch am 21.10.2006 um 02:37 PM | Druckversion
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23.08.2006

Lücken im deutschen Wortschatz

1) Gesucht: der jugendliche Naive und der komische Alte …

Daß es für die “Wöchnerin” im deutschen Wortschatz kein männliches Pendant gibt, ist verständlich, denn bisher hat die moderne Medizin es noch nicht geschafft, daß auch der Mann mal Pause macht und in die Wochen kommt. Daß aber auch die “jugendliche Naive” und die “komische Alte” auf der deutschen Bühne und in der deutschen Sprache keine adäquaten Partner finden, bleibt erstaunlich. Denn in der kruden Wirklichkeit treffen wir doch dauernd auf den jugendlich naiven Radaubruder und die komischen alten Politiker.

Die Reihe wird unbeirrt fortgesetzt.

25.06.2006

Der Kaiser sagt Ja

Ein Kernsatz der feministischen Sprach- und Gesprächsanalyse besagt, daß Herrschaft nicht einfach vom Himmel fällt, sondern hergestellt wird und immer wieder, durch zahllose kleine Einzelhandlungen, hergestellt werden muß, um sich zu halten.

In dem unten abgebildeten Artikel aus der Neuen Westfälischen vom 23. Juni 2006 wird vorgeführt, wie es gemacht wird. Ein Lehrstück, hervorragend geeignet zu Demonstrations- und Studienzwecken in Schule und Universität, denn der Text versammelt auf kleinstem Raum fast alle sprachlichen Mittel, mit denen männliche Dominanz etabliert wird.

Frauenbild
Es geht um eine Heirat. Für diesen Vorgang hält die deutsche Sprache verschiedene Ausdrucksformeln bereit:
1. Franz heiratet Heidi oder
2. Heidi heiratet Franz oder
3a) Heidi und Franz heiraten oder
3b) Franz und Heidi heiraten
Die dritte Formulierung ist sprachlich gerecht, durch Erstnennung kann mann der Dame sogar sogar galant den Vortritt lassen.

Keine dieser Möglichkeiten wählt der Text für die Überschrift, sondern: “Der Kaiser sagt Ja” - eine eigentümliche Abwandlung der etwas altbackenen Formel “Sie gab ihm ihr Jawort”. Hier gab er also ihr sein Jawort, so als habe sie, in Umkehrung der Tradition, um seine Hand anhalten, ja geradezu darum betteln müssen, und als habe der begehrte Preisbulle schließlich ihrem Drängen nachgegeben. Von Heidi Burmester ist in der Überschrift schon gar nicht die Rede, der Kaiser tritt alleine auf und sagt alleine Ja. Ob sie Ja oder Nein oder überhapt was zu sagen hatte, erfahren wir nicht.

Auch in der Unterzeile erfahren wir nur, daß Franz Beckenbauer, der mit vollem Namen auftreten darf, “seine Heidi”, die hier nur per Vornamen vorgeführt wird wie eine Kuh (die haben auch keine Nachnamen) geheiratet hat.

Heidi Burmester wird ja in ihrem Leben vielleicht auch etwas anderes getan haben als um die Hand des Kaisers zu betteln, aber wir erfahren es nicht. Er dagegen wird uns vorgestellt - als ob wir es nicht wüßten - als “der Kaiser” und “Chef des Organisationskomitees”. Höher gehts nimmer.

Das Bild unterstreicht diese Verhältnisse noch einmal nachdrücklich: Wer hier oben und wer unten ist, wird niemandem verborgen bleiben.

# | Luise F. Pusch am 25.06.2006 um 01:58 PM | Druckversion
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24.06.2006

Jürgen Flimm über erwachsene Knaben, die Leute und ihre Mädels

Gestern wurde der Regisseur Jürgen Flimm im Deutschland-Radio zur Fußball-WM und zu seiner neuen Lucio-Silla-Inszenierung für Venedig und Salzburg befragt. Mozart komponierte die Oper mit 16 Jahren. Ob das dann ein Kinder- oder Jugendwerk sei, wollte der Interviewer wissen und bekam zur Antwort, nein nein, das sei schon sehr erwachsene Musik. Wer wird auch eine Oper, die er grade inszeniert, als kindisch abtun!

Zum Fußball meinte Flimm, Argentinien käme ins Finale, Deutschland wohl eher nicht. Und was er denn von diesem allgemeinen Fahnengeschwinge halte, diesem heiteren neuen deutschen Nationalstolz? Der sei doch gar nicht neu, meinte er, und außerdem auch nichts besonderes, schon gar nicht etwa besorgniserregend. Das sei einfach eine riesige Party, ganz wunderbar. Die Menschen hätten eben so ihre Grundbedürfnisse, dazu gehöre neben dem Essen auch das Feiern.

Die Leute hätten schon immer für ihre Helden lautstark geschwärmt. Damals hießen sie Fritz Walter, Uwe Seeler und Franz Beckenbauer, heute eben Michael Ballack und Miroslav Klose. Alles gar nicht neu. Die Leute wären schon immer laut hupend und fahnenschwingend durch ihre Städte gefahren und hätten auf den Dächern gefeiert, mit ihren Mädels.

Anscheinend zählt Jürgen Flimm “Mädels” (gemeint sind hoffentlich junge Frauen) nicht zu den Leuten. Sie sind für ihn mehr so eine Art Zubehör, das zum Feiern einfach dazugehört. Mann hat da eben so seine Grundbedürfnisse. Außer Bier braucht es auch noch Mädels.

# | Luise F. Pusch am 24.06.2006 um 05:33 PM | Druckversion
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18.06.2006

Max Kruse, der Sohn von Käthe Kruse

Ich sehe sonntagmorgens gern die halbstündige Sendung LeseZeichen vom Bayr. Fernsehen - frau erfährt auf unterhaltsame Weise, was die Konkurrenz gerade so (um)treibt.

Heute kam ein schönes Porträt des liebenswerten Max Kruse, Sohn von Käthe Kruse, der auf seiner Homepage im zweiten Absatz mitteilt: “Aufgewachsen bin ich bei meiner Mutter, der Schöpferin der Käthe Kruse Puppen.”

Ich wußte bis dahin nicht, daß dieser Max Kruse Käthe Kruses Sohn ist. Ich hatte ihre Autobiographie vor 25 Jahren gelesen und von daher nur behalten, daß sie einen Sohn namens Max hatte. Aber es gibt ja Kruses wie Sand am Meer, und viele von ihnen werden Max heißen.

Die Sendung LeseZeichen jedenfalls verriet mit keiner Silbe, daß dieser Max genau der Sohn von Käthe ist. Ich mußte das erst googeln.

Hat mann oder frau jemals einen Bericht über Jane Fonda gelesen, in dem nicht im ersten Satz darauf hingewiesen wird, daß sie die Tochter des berühmten Henry ist? Falls Sie es nicht glauben, hier ein aktuelles Beispiel über eine andere berühmte Tochter eines berühmten Mannes: “Anjelica Huston, Tochter des legendären John Huston (‚Der Malteserfalke’, 1941), ist eine der angesehensten Schauspielerinnen Hollywoods.” Es geht um ihren großartigen Film Ein Bastard aus Carolina, mit dem Vater John und Der Malteserfalke nun wirklich nichts zu tun haben.

Noch etwas hat mich sehr gewundert. Auf Wikipedia gibt es ein ausführliches Porträt zu Käthe Kruse. Als Literatur werden diverse autobiographische Werke ihres Sohnes Max angeführt. Ihre Autobiographie hingegen - doch wohl die Hauptquelle - fehlt. Um das da nachzutragen, werde ich mich nun endlich mit der Ergänzungstechnik auf Wikipedia vertraut machen!

3 Minuten später: Schon geschehen. Die Käthe-Kruse-Wiki-Seite ohne ihre Autobiographie ist history!

# | Luise F. Pusch am 18.06.2006 um 02:14 PM | Druckversion
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21.05.2006

Freudsche Fehlleistungen

In diesem Monat wird allenthalben des 150. Geburtstages von Sigmund Freud am 6. Mai gedacht. So wollen denn auch wir nicht zurückstehen und an zwei besonders merk-würdige Freudsche Fehlleistungen erinnern. Folgende Erkenntnis überkam den Jahrhundertdenker im Jahre 1933:

FrauenbildMan meint, daß die Frauen zu den Entdeckungen und Erfindungen wenig Beiträge geleistet haben, aber vielleicht haben sie doch eine Technik erfunden, die des Flechtens und Webens. Wenn dem so ist, so wäre man versucht, das unbewußte Motiv dieser Leistung zu erraten. Die Natur selbst hätte das Vorbild für diese Nachahmung gegeben, indem sie mit der Geschlechtsreife die Genitalbehaarung wachsen ließ, die das Genitale verhüllt. Der Schritt, der dann noch zu tun war, bestand darin, die Fasern aneinander haften zu machen, die am Körper in der Haut staken und nur miteinander verfilzt waren.
(aus “Die Weiblichkeit”, zitiert nach Freud-Studienausgabe Bd. 1: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse und Neue Folge. Frankfurt/M. Fischer, 3. Aufl. 1978, S. 562)

Damit nicht genug, mußte er auch noch folgende Altersweisheit zum besten geben (ebd., S. 565):

Vergessen Sie aber nicht, daß wir das Weib nur insofern beschrieben haben, als sein Wesen durch seine Sexualfunktion bestimmt wird. Dieser Einfluß geht freilich sehr weit, aber wir behalten im Auge, daß die einzelne Frau auch sonst ein menschliches Wesen sein mag.

Das ist doch sehr beruhigend! - Den Hinweis auf diese Schwachstellen verdanke ich Sibylle Duda

# | Luise F. Pusch am 21.05.2006 um 12:22 AM | Druckversion
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Hedwig Dohm