29.08.2010

Der iPod und das iPad

Nachdem viele (ernstzunehmende!) Freundinnen mir versichert haben, sie könnten ohne ihr iPhone nicht mehr leben, erwäge ich nun, mir auch eins zuzulegen; schließlich möchte ich ja das Leben nicht verpassen.

Mit den Schwierigkeiten, nun das richtige iPhone und vor allem den richtigen Tarif zu finden, möchte ich die geneigte Leserin nicht langweilen. Wie üblich beschäftigt mich eher eine Sprachfrage, und zwar:

Warum heißt es der iPod, aber das iPad?

Warum es das iPhone heißt, ist ja klar, das kommt von das Telefon, wie der Lift von der Fahrstuhl, die Gangway von die Treppe undsoweiter. Der iPod kommt wahrscheinlich von seinem erfolgreichen Vorgänger, dem Walkman. Wir haben das Gerät natürlich Walkwoman genannt, aber auf uns hört ja keiner.

Das englische “iPad” ist wiederum von “iPod” abgeleitet - das erfolgreichste Musikabspielgerät der Welt sollte auf das neue Gerät abfärben, also wurde Familienähnlichkeit durch Namensähnlichkeit nahegelegt.

Alle i-Geräte (iPhone, iBook, iPod und iPad) sollen wohl der Konkurrenz und ihrem teuflisch erfolgreichen Benennungstrick PC (von “Personal Computer”) die Stirn bieten. Etwas spät ist es Apple eingefallen. Was ist “persönlicher” als “I” = ich?

Und siehe da - was Apple auf dem Computermarkt nicht gelungen ist, gelang ihnen auf dem Gebiet der MP3-Player und der Smartphones: Die Konkurrenz ist weit abgeschlagen.

Das Ipad tut sich allerdings noch ein bißchen schwer im Vergleich zu iPod und iPhone, und das mag an seinem Namen liegen. Die bekannte feministische Kolumnistin Ellen Goodman erklärte kürzlich in ihrer fabelhaften Kolumne “Mama Grizzly (and other setbacks)”:

Now to the Prize for Marketing Ms.-haps. What day of the month did the men at Apple come up with the name iPad? What more proof that they need more women employees?
Zu Deutsch: Und nun der Preis für Marketing-Miss-Griffe: An welchem Tag des Monats fiel den Apple-Mannen der Name iPad ein? Gibt es einen besseren Beweis dafür, dass sie mehr Frauen in ihrer Firma brauchen?

Um diese Kritik zu verstehen, muss frau wissen, dass “pad” nicht nur “Block” bedeutet wie in “Schreibblock” (writing pad), sondern auch “Monatsbinde” und “Slipeinlage” wie in “sanitary pad”.

Ich denke ja, dass die Apple-Jungs nicht so doof sind wie Ellen Goodman annimmt und sich bei iPad durchaus was gedacht haben. Der Anklang an writing pad und mouse pad gab natürlich den Ausschlag, aber die Assoziation an sanitary pad war sicher auch nicht unwillkommen, denn welcher Mann ist nicht von Menstruations- und Gebärneid geplagt, wie uneingestanden auch immer? Da bietet Apple mit seinem neuen High-Tech-Spielzeug “iPad” einen kleinen Trost an. Zwar kann der Mann (in aller Regel ;-)) nicht menstruieren, aber er hat nun auch seinen Pad!

Von daher müsste das iPad eigentlich die iPad heißen, von “die Monatsbinde”. Aber das deutschsprachige Apple-Marketing hatte wohl kein Sensorium für subtile Appelle an das männliche Unbewusste, sie dachten bei der Eindeutschung vermutlich an das Tablett (writing tablet). Und so müssen deutsche iPad-Benutzer und solche, die es werden wollen, sich mit einem Neutrum anfreunden. Es scheint ihnen schwer zu fallen.

Wir Frauen aber, die wir überhaupt an der Feminisierung der Welt arbeiten und schon unseren Nano in Nana umgetauft haben, greifen wie üblich zur Selbsthilfe und nennen das Gerät die Ipad. Von der Benutzung als Damenbinde oder Slipeinlage würde ich allerdings abraten, ist wahrscheinlich zu groß, zu schwer und auch nicht besonders saugfähig.

(Dank an Joey Horsley für den Hinweis auf Ellen Goodmans Kolumne zum 90. Jahrestag des Frauenstimmrechts in den USA)

# | Luise F. Pusch am 29.08.2010 um 02:01 PM | Druckversion

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23.08.2010

Gute Menschen und hinterhältige Personen

Es ist schon eine Weile her, da fiel mein Blick auf ein kleines Buch in Joeys Regal. “The Good Woman of Setzuan, by Bertolt Brecht”, las ich und war platt. Selbstverständlich hatte ich mir unter der Titelfigur von “Der gute Mensch von Sezuan” immer einen Mann vorgestellt, und da ich das Buch nie gelesen und das Stück nie gesehen hatte, wurde mir mein Fehler auch nie bewusst.

Das Stück variiert die alte Geschichte von Sodom und Gomorrha: Die beiden Städte sind so verdorben, dass Gott sie vom Erdboden tilgen will, es sei denn, es finden sich 50 Gerechte. Er lässt sich von Abraham herunterhandeln auf 10 Gerechte, aber auch die finden sich natürlich nicht. Nur einer, Lot, wird schließlich als gerecht befunden, weil er den Engeln in Tarnkleidung, die als Gutmenschtester angereist sind, Obdach gewährt.

Frauen haben bei dieser Aufgabenstellung keine Chance, sich als “gerecht” zu erweisen, denn sie sind nicht die Hausherren und können somit fremden Männern nicht einfach so Obdach gewähren.

Aber da sie zur Familie gehören, sollen auch Lots Frau und seine Töchter errettet werden. Zuvor hat aber Lot, der Gerechte, seine Töchter einer Horde Brutalos, die vor seinem Haus herumpöbeln, zur Besänftigung angeboten:

“Ach liebe Brüder, tut nicht so übel. Siehe, ich habe zwei Töchter, die haben noch keinen Mann erkannt. Die will ich herausgeben unter euch, und tut mit ihnen, was euch gefällt; allein diesen Männern tut nichts, denn darum sind sie unter den Schatten meines Daches eingegangen.” (1 Mose 19, 7-8).

Klare Sache: Eine Religion mit derartig guten Menschen ist nichts für Frauen.

Auch in Brechts Stück “Der gute Mensch von Sezuan” sind drei Männer (Götter in Verkleidung) unterwegs, “um in einer von Egoismus geprägten Gesellschaft gute Menschen zu finden, was sich als unmöglich erweist”, wie ich aus Wikipedia entnehme (ich habe das Werk immer noch nicht gelesen). Niemand will ihnen Unterschlupf gewähren, bis sich schließlich die arme Prostituierte Shen Te erbarmt und ihnen ein Nachtquartier bietet, wofür sie reich belohnt wird.

Wir lernen aus diesen beiden Geschichten, dass Frauen bei der Suche nach guten und gerechten Menschen eigentlich nicht ins Blickfeld rücken, nicht vorgesehen sind, dass sie aber manchmal - Überraschung! - doch das Rennen machen und sich als einzig verbleibende Würdige erweisen. Diese Überraschung verpufft in der englischen Fassung “The Good Woman of Setzuan”, weil sie gleich im Titel schon preisgegeben wird - werden muss, denn “The Good Man of Setzuan” schließt die Lesart “Frau” gänzlich aus,  dabei haben wir doch im Englischunterricht gelernt, “man” bedeute “Mensch”.

Die Männersprache stellt sich halt manchmal auch Männern in den Weg und erzwingt faule Kompromisse. 

Z.B. lässt sich der einfache deutsche Satz “Sie ist ein netter Mensch” nicht ohne weiteres ins Englische übersetzen: “She is a nice man” geht nicht; es muss stattdessen heißen: “She is a nice person”.

Es ist interessant zu untersuchen, wann wir von “Menschen” und wann von “Personen” sprechen. Personen sind diejenigen Einheiten, die je nach Gewicht und Ausdehnung in Räume und technische Geräte passen, z.B. fasst ein Theater bis zu 500 Personen, ein Fahrstuhl 6 Personen und ein Personenkraftwagen 4-5 Personen; auf die Personenwaage passt genau eine Person.

Auch wenn es nur um die Anzahl von Menschen geht oder um Rollen, reden wir von Personen: Ein Fünf-Personen-Haushalt und ein Drei-Personen-Stück.
“Eine schreckliche Person ist das!” hören wir oder “So eine unverschämte, hinterhältige Person!” Noch wissen wir ihr Geschlecht nicht hundertprozentig, aber fast immer ist eine Frau gemeint.

Menschen sind etwas Besseres als Personen, bei ihnen geht es mehr um das rein Menschliche als um Anzahl, Ausdehnung oder Gewicht. Deshalb gibt es zwar “gute Menschen” aber kaum “gute Personen”.

“Bei dem Flugzeugunglück kamen 120 Menschen ums Leben”, “das Erdbeben forderte über tausend Menschenleben”. Personenleben? Gibt es gar nicht. “Human” ist der Mensch, “a human being”. Die Menschen in Pakistan brauchen dringend “humanitäre” Hilfe. “Die Personen in Pakistan” - das klänge (merkwürdigerweise) so unpersönlich, dass die Hilfsbereitschaft der Menschen vielleicht noch geringer wäre.

Und da “Mensch” eine so viel würdigere Bezeichnung ist als “Person”, ist es auch kein Wunder, dass wir bei “Der gute Mensch von Sezuan” an einen Mann denken und bei “Was für eine hinterhältige Person!” an eine Frau.

# | Luise F. Pusch am 23.08.2010 um 03:59 AM | Druckversion

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15.08.2010

Miegel und Seidel

Eine alte Freundin ist kürzlich im Alter von 89 Jahren gestorben; sie unterstützte unseren Verein FemBio Frauenbiographieforschung als zahlendes Mitglied und auch ideell durch lebhaftes Interesse und Staunen über all die großartigen Frauen, die FemBio ausgegraben hat und im Internet bekanntmacht.

Ihre Mutter war eine bekannte Rezitatorin gewesen, und so war Helga mit den großen Balladen aufgewachsen. Zwei Jahre vor ihrem Tod gab sie für ihre zahlreichen Freundinnen und Freunde selbst noch einen Balladenabend -  eine bewundernswerte Interpretations- und Gedächtnisleistung. Zu diesem Abend kamen wir vom FemBio-Verein zu Dritt und überreichten eine Flasche Himbeergeist (sie mochte geistige Getränke). Angebunden war ein kleines Kärtchen “Von Ihren Fembio-Freundinnen”. Das Wort “Freundinnen” rührte sie so sehr, dass sie uns bald darauf das Du anbot. Wir kannten uns da schon 13 Jahre - aber sie gehörte einer anderen Generation an, die es mit dem Siezen und Duzen ernst und genau nahm.

Nun arbeite ich seit ihrem Tod an einer Biografie der Balladendichterin Agnes Miegel für die FemBio-Webseite. Mindestens zehn Bücher hat Joey für mich aus der Widener-Bibiothek der Harvard-University angeschleppt. Seit Jahrzehnten schon war keines der bestellten Bücher ausgeliehen worden - offenbar interessiert sich niemand mehr für Agnes Miegel.

Das schmerzte eben auch unsere alte Freundin Helga, und deshalb wiederholte sie des öfteren: “Ihr müsst aber bald auch mal ein Porträt von Agnes Miegel bringen!” Ich habe mich gedrückt, aus Zeitmangel und auch, weil ich von Agnes Miegel nicht mehr wusste, als dass sie umstritten ist. Da war die große Gemeinde von AnhängerInnen der “Mutter Ostpreußen”, die 1945 als 66jährige aus ihrer Heimat fliehen musste und schließlich über ein Flüchtlingslager in Dänemark nach Bad Nenndorf in Niedersachsen kam, wo sie ihren Lebensabend verbrachte. Da waren auf der anderen Seite die GegnerInnen, die dafür kämpften, dass Agnes-Miegel-Straßen und Agnes-Miegel-Schulen umbenannt wurden, weil die Miegel eine Nazidichterin gewesen sei, so hoch geschätzt von den Nazis, dass sie auf deren “Gottbegnadetenliste” landete, wie auch Furtwängler, Richard Strauß, Elisabeth Flickenschildt, Ina Seidel, Gerhart Hauptmann und viele andere.

Ich kann nicht sagen, dass ich in Werk und Leben der Dichterin bisher allzu tief eindringen konnte, und kann also nicht gut mitreden. Aber es ist mir verdächtig, dass so viele männliche Nazis nach dem Krieg ihre hohen Funktionen als Juristen, Chefärzte, Wissenschaftler, Verwaltungsbeamte weiter unbehindert und hochgeachtet ausüben konnten, während Agnes Miegel von einem Literaturbetrieb, der sich mit Gottfried Benns Nazi-Affinität nicht lange aufhielt, als Aussätzige behandelt wurde. Es erinnerte mich ungut an den Medienterror gegen Christa Wolf nach der Wende. Frauen eignen sich anscheinend besonders gut als Schuldabladeplatz.

Wie dem auch sei, ich arbeite noch daran, zu einem eigenen Urteil zu finden. Der “hohe Ton” der Miegel macht es mir nicht leicht, ich lese ihre Sachen bisher nicht allzu gerne. Sie wirken irgendwie verstaubt. Sie redet gern von “ihrem Schaffen”, wo doch schon “mein Werk” oder “meine Werke” heute zu hochtrabend klingt.

Ich bin aber bei meinen Recherchen als Frauensozialhistorikerin und feministische Linguistin fündig geworden, und das ist der eigentliche Anlass meiner heutigen Glosse. Da ist zum einen die hochinteressante “kleine Familie” der Miegel, bestehend aus zunächst zwei, dann drei Freundinnen: Agnes, Elise und Heimgart. Elise Schmidt (später Schmidt-Miegel) fand nach dem ersten Weltkrieg mit 22 Jahren zu der 40-jährigen Miegel und kümmerte sich bis zu Miegels Lebensende um sie und den gemeinsamen Haushalt. Agnes und Elise wichen nicht voneinander, weder während der Flucht noch im Flüchtlingslager. Nach dem zweiten Weltkrieg stieß die wiederum 22-jährige Heimgart von Hingst dazu und ergänzte das Frauenpaar zu einem Trio. Sie bewohnten schließlich eine bescheidene Dreizimmerwohnung in Bad Nenndorf, das auch ein Wohnzimmer hatte. Folglich verteilten sich die drei Frauen auf - vermutlich - zwei Schlafzimmer. Wie die Verteilung aussah, konnte ich bisher nicht herausfinden. Agnes nannte Elise und Heimgart “ihre Getreuen”. Die getreue Elise wurde schließlich von Agnes adoptiert - es erinnert an ähnliche Adoptionen, z.B. die von Peter Gorski durch Gustaf Gründgens.

Wie dem auch sei - die “kleine Familie” der Miegel war jedenfalls völlig anders als die normale “Kleinfamilie” ihrer Zeit und verdient sicher eine nähere Betrachtung. Sie war nahezu revolutionär und wurde dabei anscheinend als Selbstverständlichkeit gelebt, nach außen vertreten und auch akzeptiert. Drei Frauengenerationen unter einem Dach, wie Großmutter, Mutter und (erwachsenes) Kind/Tochter - nur waren die Generationen nicht verwandt, sondern “nur” befreundet.

Soweit also das ungewöhnliche Familienleben im Hause Miegel.

Nun zu den Sprachfunden. Ab 1920 arbeitete Miegel, die sich und ihre Getreuen zeitlebens und recht kümmerlich von ihrem Schreiben ernähren musste, als Berichterstatterin und schließlich Schriftleiterin für die Ostpreußische Zeitung in Königsberg. Ab 1923 schrieb sie ein wöchentliches Feuilleton “Spaziergänge einer Ostpreußin”, von denen 1985 eine Auswahl veröffentlicht wurde. Diese Ostpreußin liebte anscheinend feminine Bezeichnungen für Frauen und nimmt sich die dichterische Freiheit, von einer “Jemandin” zu sprechen und von “weißen Räbinnen” - und wer weiß, was ich sonst noch entdecke, wenn ich weiterlese.

Den interessantesten Fund machte ich aber bei meiner “Lektüre rund um die Miegel” in einem Huldigungsgedicht von Ina Seidel an ihre Freundin Agnes, kurz nachdem sie sich 1913 kennengelernt hatten.

Da heißt es:

Wer war’s, die das Brot gebrochen hat,
Mit mir unter einem Dach?
Wer war’s, die zu mir gesprochen hat -
Ich träumte und war doch wach.

Ich erinnere mich, wie wir Feministinnen stolz waren auf unsere Erfindungen und gezielten Regelverletzungen zur Feminisierung der Sprache:

Kennst du jemand, die mir helfen kann?
Hier fühlt frau sich sauwohl.
Wer hat ihren Lippenstift im Bad liegen gelassen?

Ganz offenbar fand schon Ina Seidel im Jahre 1913, also 60 Jahre vor unserer ”feministischen Sprachrevolution”, das Maskulinum für ihre neue Freundin Agnes mehr als unpassend und schrieb statt “Wer war’s, der …”, wie es korrekt gewesen wäre, einfach “Wer war’s, die…”

Es lohnt sich, den tief empfundenen Empfehlungen alter Freundinnen nachzugehen. Frau findet dann vielleicht nicht das Gemeinte, sie mag auch mit dem Urteil der alten Freundin nicht übereinstimmen, aber sie kann trotzdem aufregende Entdeckungen machen.

# | Luise F. Pusch am 15.08.2010 um 07:19 PM | Druckversion

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08.08.2010

Menstruella und Menstruator

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Neunundvierzigste Lektion.

Ich lese gerade ein faszinierendes Buch über Menstruationspolitik von Chris Bobel, Direktorin des Women’s Studies Program an der Universität von Massachusetts in Boston. Das Buch trägt den Titel New Blood: Third-Wave Feminism and the Politics of Menstruation (Rutgers University Press, 2010). Bobel erzählt darin von “menstrual activists” wie der “Roten Brigade”, die Front machen gegen die Gefahren “weiblicher Hygieneprodukte” (FemCare), als da wären: Dioxinvergiftung, Mikrowunden, Pilzinfektionen, Endometriose, toxisches Schocksyndrom sowie der endlose Abfall, den Herstellung und Entsorgung von Einmalprodukten verursachen.

Das Buch ist so neu, dass es noch nicht übersetzt wurde - ich bezweifle auch, dass es ins Deutsche übersetzt werden wird, weil es bei uns (noch?) keine Menstrual-Aktivistinnen gibt. Oder habe ich da wieder was nicht mitgekriegt? Ich lasse mich gerne aufklären.

Frauenbild

Wenn es aber übersetzt würde, bräuchte es dazu eine sehr kreative Übersetzerin. Das fängt mit dem Wort “FemCare” an. Auf meiner Lieblings-Übersetzungsseite Linguee finde ich als deutsche Entsprechung “Damenhygiene”. Wo ich grad mal dabei war, habe ich natürlich gleich nach den männlichen Pendants “Männerhygiene” und “Herrenhygiene” geforscht - aber die Wörter gibt es anscheinend nicht. Dass Männer so unreinlich sind, dass für spezifisch männliche Hygiene nicht mal ein Wort existiert, ist schon beklemmend, besonders wenn wir an den Gebärmutterhalskrebs denken, den die Papillomaviren an ihrem unhygienischen Stöpsel bei Frauen verursachen.

Die Dame verdankt der Damenhygiene-Industrie die Damenbinde. Der Herr aber trägt statt einer Herrenbinde seinen Binder. Die Sprache rund um die “weibliche Hygiene” ist voller Absurdität. Schon vor 28 Jahren musste ich in meiner allerersten Glosse feststellen: “Die Menstruation ist bei jedem ein bisschen anders” (Zitat Tamponreklame). Und vor 30 Jahren machte ich in einem Linguistikseminar eine Umfrage zu Sprache und Menstruation, mit Fragen wie:
“Welche Ausdrücke benutzt du / deine Freundin / deine Mutter für den Tampon / die Menstruation, undsoweiter?”.
Folgendes kam heraus:
Für den Tampon sagten manche “Stöpsel”, eine Schweizerin “Bölzli”.
Für die Menstruation: “Ich habe meine Tage / meine Regel / Periode / Monatsblutung.” Wir stellten dazu fest, dass diese Ausdrücke wie Sätze über Krankheiten klingen: “Ich habe Durchfall / Parkinson / meine Tage / Migräne”.  Eine sagte: “Ich blute.” Das fand sie ehrlich und klar, besser als diese weichgespülte FemCare-Sprache von den kritischen Tagen.

Meine Mutter sagte voller Selbstverachtung: “Ich habe mein Gedöns” - fast so negativ wie das englische “the curse” (der Fluch). Das Wort “Gedöns” hörte ich dann jahrzehntelang nicht mehr, bis unser damaliger Ministerpräsident, der spätere Bundeskanzler Schröder, am Tag nach seinem Amtsantritt Frauenpolitik als Gedöns bezeichnete und das niedersächsische Frauenministerium abschaffte.

Das Wort, das mich in Bobels Untersuchung am meisten faszinierte, ist “menstruator”. So werden Menschen genannt, die “menstruieren” bzw. “ihre Tage haben”. Von “to menstruate” = menstruieren. Ich gehöre nicht mehr zu diesen Menschen, auch Schwangere, viele junge Sportlerinnen und magersüchtige Frauen nicht, wohl aber viele Männer (Transmänner). Dachten wir früher schlicht und altenfeindlich “Ich blute, also bin ich Frau”, so gilt diese Gleichung heute noch weniger als früher.

Für deutsche Ohren klingt “Menstruator” nach “Terminator” und also geradezu grotesk. “Die Menstruatorin?” Auch daneben.

Brauchen wir überhaupt eine Bezeichnung für eine Frau bzw. Person, die “ihre Tage hat”?

Eine schreibende Frau ist eine Schreiberin, eine lesende Frau ist eine Leserin, ähnlich haben wir Verkäuferinnen, Käuferinnen, Fahrerinnen, Malerinnen, Boxerinnen und Managerinnen. Warum haben wir kein Wort für eine Frau, die menstruiert? “Die Menstruiererin”??? Wir können es natürlich bilden und benutzen, aber komisch ist es schon, weil abgeleitet aus “der Menstruierer”, der wenig sinnvoll wirkt, queering the binary hin oder her. Ähnlich seltsam wie “der Wöchner” und “der Lesbier”.

Nach längerem Grübeln fiel mir “Menstruella” ein, abgeleitet aus “menstruell”, wie in “prämenstruelles Syndrom” (PMS).

Obwohl entschieden postmenstruell, werde ich jetzt ganz promenstruell weiter in dem spannenden Buch lesen. Nächste Woche werde ich dann mehr über Menstruationspolitik als Schnittstelle zwischen zweiter und dritter Frauenbewegung wissen und hier eventuell kundtun.

# | Luise F. Pusch am 08.08.2010 um 02:49 AM | Druckversion

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30.07.2010

Über den Autor

FrauenbildMein Buch “Das Deutsche als Männersprache” gibt es nun schon seit 26 Jahren. Obwohl es viel gekauft wurde und wird, hat es anscheinend wenig bewirkt.  Dass die Frauensprache in diesen 26 Jahren nicht recht vorangekommen ist, erkenne ich deutlich an dem Amazon-Kurztext über mein Buch:

Kurzbeschreibung
Die feministische Linguistik entlarvt die Geschichte und Struktur der Sprachen als Männergeschichte und Männerstruktur. Die feministische Linguistik fundiert und dokumentiert die sprachkritische, sprachschöpferische und sprachpolitische Arbeit der Frauen. Speziell zum Deutschen gibt es bislang nur die wissenschaftlichen und journalistischen Arbeiten der Konstanzer Linguistin Luise F.Pusch, die hier erstmals gesammelt vorgelegt werden.

Über den Autor
Luise F. Pusch, geb. 1944, Professorin für Sprachwissenschaft und freie Publizistin.

Viele erboste Leserinnen haben mich schon auf diese coole Unverschämtheit aufmerksam gemacht, und beschwert habe ich mich auch schon bei Amazon:

Dear Amazon,
FemBio.org ist eine feministische Website und hat viele Links zu Amazon. Wir bekommen häufig Beschwerden, dass Sie bei den Angaben zu den Büchern immer schreiben: “Über den Autor”, obwohl es sich meist eindeutig um Autorinnen handelt. Das stößt potentielle Kundinnen förmlich ab. Heute schrieb mir eine Benutzerin, sie würde mein Buch “Frauengeschichten” erst dann kaufen, wenn darunter geschrieben stünde “Über die Herausgeberinnen” - denn tatsächlich sind es zwei Frauen, die das Buch herausgegeben haben.
Bitte geben Sie den Verlagen für das Einstellen ihrer Bücher zusätzliche Optionen wie “Über die Autorin / Autorinnen / Herausgeberin / Herausgeberinnen”.

Ein Herr von Amazon antwortete mir:

Guten Tag,
vielen Dank für Ihre Anfrage …..
Ich habe eine Kopie Ihrer E-Mail Im Hinblick Ihres Wunsches bezüglich des Hinweises “Über die Autorin / Autorinnen / Herausgeberin / Herausgeberinnen” an die zuständigen Kollegen weitergeleitet.
Wir hören gerne wieder von Ihnen.
Konnte ich Ihr Problem lösen?
Wenn ja, klicken Sie bitte hier:
Wenn nein, klicken Sie bitte hier:

David Winter, Amazon.de Partnerprogramm

Ich habe “nein” angeklickt und nie wieder etwas zu meinem Anliegen gehört.

Wie frau an David Winters gedrechselter Schreibe (“Kopie Ihrer E-Mail Im Hinblick Ihres Wunsches bezüglich des Hinweises” undsofort) unschwer erkennen kann, beherrscht er die deutsche Sprache nicht besonders gut. Mein Anlauf prallte vielleicht nicht nur an seiner kaltschnäuzigen Gleichgültigkeit ab.

Mein erster Verlag, der mit “Deutsch als Männersprache” noch immer recht gut verdient, hat auch niemals seine Vertragsformulare geändert, auf denen steht:

Vertrag zwischen dem Verlag und Luise F. Pusch, im folgenden “der Autor” genannt.

Als ich mich mal darüber beschwerte, wurde ein Satz eingefügt, wonach mit “Autor” auch “Autorin” gemeint sei, der Rest blieb unverändert - wir kennen das.

Mein zweiter Verlag war da entgegenkommender. In meinen Verträgen werde ich höflich als Autorin bezeichnet - das bedarf wirklich keiner Mühe und sollte heute eine Selbstverständlichkeit sein.

Weniger einfach ist eine gerechte und zugleich stimmige und elegante Lösung im folgenden Fall zu ermitteln - das Deutsche ist halt immer noch eine Männersprache. In diesem Monat hat mein Verleger ein Buch herausgegeben mit dem Titel: “Seiltanz: Der Autor und der Lektor”.
Ich war ehrlich gesagt ziemlich erschüttert. Ich bin eine Autorin dieses Verlags und habe seit drei Jahren immer nur mit meiner Lektorin zu tun. Die Verlagsankündigung beschwichtigt allzu düstere Vorahnungen mit der Formulierung:
“Deutsche Autorinnen und Autoren schreiben in diesem Band über ihre Arbeit mit dem Lektor.” Mehr hier.
Die namentliche Aufzählung der Mitwirkenden ergibt, dass auf je drei Autoren eine Autorin kommt.

Wie hätte der Verleger sein Buch denn sonst noch betiteln können? Ich hätte folgendes vorgeschlagen:

FrauenbildNicht was viele jetzt denken mögen. Nein - nicht “AutorInnen und LektorInnen”. Erstens mögen Liebhaber der deutschen Sprache das große I nicht - das ist nur was für den schnelllebigen Journalismus, nichts für die Ewigkeit, die für ein Buch erhofft wird. Außerdem soll ja eine Beziehung zwischen “Autor” und “Lektor” angedeutet werden, und sei es auch nur die Arbeitsbeziehung. Dieser Aspekt geht bei der Pluralformulierung irgendwie verloren.

Auch hätte ich einfühlsam auf kühne Vorschläge wie “Das Autor und das Lektor” verzichtet - das mögen die Sprachliebhaber erst recht nicht. Und das umfassende Femininum “Die Autorin und die Lektorin” ist zwar unbeschreiblich weiblich, kommt aber auch nicht überall gut an, obwohl alle Männer immer herzlich mitgemeint sind.
Keine radikalen Vorschläge also diesmal, sondern nur: Immer schön abwechseln, und zwar im Singular, und wir bekommen dieses:

Die Autorin und der Lektor
Oder meinetwegen auch
Der Autor und die Lektorin

Ich finde, das klingt viel interessanter als das “geschlechtsneutrale” Der Autor und der Lektor. Da ist doch Musik und erotische Spannung drin - und alle werden fragen: “Wieso denn Autorin?” Oder “Wieso denn Lektorin?” Und der Herausgeber braucht nur noch vielsagend zu lächeln und die reichlich fließenden Gelder einzustreichen.

Und zum traurigen Ende: Was soll frau davon halten, wenn Christa Wolf ein Buch mit dem Titel “Die Dimension des Autors” veröffentlicht? 1986 haben wir Feministinnen uns heftig darüber aufgeregt, dass “unsere Christa” sich diesen Fauxpas geleistet hat. Aber inzwischen ist es für reuige Einkehr vermutlich zu spät. “Die Dimension der Autorin” ist ihr vielleicht zu leibhaftig.

# | Luise F. Pusch am 30.07.2010 um 11:29 PM | Druckversion

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also available in English

23.07.2010

“The kids are all right” - but the film isn’t

Gestern waren wir mit zwei Freundinnen im Kino und haben uns den Film “The Kids are all right” angesehen. Er ist hier in den USA zur Zeit total in und wird heiß diskutiert, hat doch die Regisseurin Lisa Cholodenko erstmals das Tabu “lesbische Mütter mit Kindern von der Spermabank” angepackt. Die gesamte Presse ist des Lobes voll, das Einspielergebnis ist stattlich, mit bisher 1,8 Millionen Dollar rangiert der Film auf Platz 12. Im Februar bekam er bei den Berliner Filmfestspielen den Teddy Award, beim Sundance Film Festival soll er der meistdiskutierte Beitrag gewesen sein.

Alles sehr erfreulich für einen Lesbenfilm, wir können uns nicht erinnern, dergleichen jemals gehört zu haben. Aber: Ist das überhaupt ein Lesbenfilm, fragten wir uns verstört, als wir dem Ausgang zustrebten.

Der Film wird vermarktet als “echter Familienfilm”, aber eben ein moderner, die Familie besteht nicht aus Mom und Dad und zwei Kids sondern, wow, aus zwei Moms mit Kids. Dann stößt auf Wunsch der Kids der bis dahin anonyme Spender-Papa (“Donor-Dad”) hinzu und sorgt für Dramatik und Spannung im Alltagstrott.

Der Film versucht es allen recht zu machen, sogar den Lesben, vor allem aber den Männern, seien sie schwul oder hetero. Der massige Mann, der vor mir saß, kam aus dem Brüllen gar nicht mehr raus! Ist aber auch zum Brüllen, wie sich die beiden lesbischen Moms schwule Pornos ansehen, um sich anzutörnen. Einen rosa Dildo haben sie auch in der Schublade.

Also ich weiß nicht, vielleicht bin ich altmodisch - aber beides würde mich garantiert abtörnen. Wir verbuchten diesen eigenartigen Regieeinfall auf das Konto von Stuart Blumberg, der das Drehbuch zusammen mit Lisa Cholodenko verfasst hat. Frau lernt etwas fürs Leben aus dieser kurzen Szene, und zwar: Lesbischer Sex ist äußerst mühsam. Während sich Jules (Julianne Moore) unsichtbar unter der leicht wogenden Bettdecke an Nic (Annette Bening) abarbeitet, bis sie kurz vor dem Ersticken wieder auftaucht, guckt diese ihren Porno, verzieht aber keine Miene, anscheinend verhilft ihr beides nicht zum Orgasmus.

Dem Publikum wird das anstrengende und peinliche Sexualleben der beiden Frauen nur einmal kurz zugemutet; entschädigt wird es dafür durch reichlichen Heterosex mit dem Samenspender als unerschöpflichem Kraftzentrum. Zuerst treibt er es wild und lange mit einer schönen jungen Äthioperin, dann läßt er sich mit Jules ein, die seinem selbstgebackenen Apfelkuchen nicht widerstehen konnte und sich ihm aufdrängt. Warum die lesbische Mom Jules so versessen auf Sex mit Paul ist, weiß sie selbst nicht (wohl aber die Marketingstrategen). Es tut ihr nach mehrmaligen Leibesübungen dann auch richtig leid. Zuvor aber muß lesbe zusehen, wie sie angesichts seines erigierten Glieds (das wir nicht zu sehen kriegen) vor andächtiger Begeisterung fast in Ohnmacht fällt, während er die hysterische Huldigung milde, fast schüchtern lächelnd entgegennimmt. Die Szene - eine klassische Männerphantasie - verdanken wir vermutlich auch dem Drehbuchautor, der damit sicher entscheidend zum Kassenerfolg beigetragen hat.

Paul, der Samenspender (Mark Ruffalo), ist also ein Sympathikus - er gefiel sogar mir. Während Nic zickig und dominant ist und obendrein trinkt, und Jules vor Gier nach Paul fast außer sich gerät, zeigt er sich in jeder Situation gelassen und liebevoll - der Sympathieträger schlechthin. Nichtmal den Einbruch in die glückliche Lesbenehe kann frau ihm anlasten: wie soll ein normal gebauter Mann auch anders reagieren, wenn eine schöne Frau sich ihm schmachtend an den Hals wirft.

Unseren Heterofreundinnen gefiel der Film nicht: Zu viele Sexszenen mit dem Kerl, unecht, zu viele Klischees, zu viel blödes Männergröhlen im Publikum - das war in etwa ihr Urteil. Sie hatten schließlich mal einen ”anderen” Film sehen wollen und fanden sich stattdessen belästigt mit dem gewöhnlichen Heterosexgestrampel in Großaufnahme. Gar nicht schön!

Joey und ich waren gnädiger. Die schauspielerischen Leistungen sind durchweg exzellent, schon deswegen lohnt sich der Film durchaus. Es gibt viele lustige, bewegende, intelligente Szenen und Momente, die - so hoffen wir -  auf das Konto der Regisseurin und Drehbuchautorin gehen.

Aber die Kernbotschaft des Films, dass Lesbensex mühsam ist und Heterosex das Gelbe vom Ei, ist einfach abwegig.

Vielmehr gilt weiterhin die tiefe Erkenntnis Erma Bombecks: “I haven’t trusted polls since I read that 62% of women had affairs during their lunch hour. I’ve never met a woman in my life who would give up lunch for sex.”

Und damit meinte sie nicht Lesbensex.

(Dank an Joey Horsley für das Bombeck-Zitat!)

# | Luise F. Pusch am 23.07.2010 um 08:26 PM | Druckversion
Filmkritik
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17.07.2010

Hexenmeister und Entenmeister

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Achtundvierzigste Lektion.

Wenn Sie schon immer mal Diplomhexe oder Hexenmeister werden wollten, gibt es jetzt eine angenehme Ausbildungsstätte für Sie, entweder vor Ort in der Nähe von Klagenfurt oder hier online. Andreas Starchels Hexenschule macht’s möglich. Mit der bis zu sieben Jahre währenden anspruchsvollen Ausbildung können Sie in Österreich beruflich nicht viel anfangen, aber in Deutschland könnte es eine passende Zusatzqualifikation für HeilpraktikerInnen sein.

Ich sah letzte Woche auf BR-Alpha einen Film von Martin Betz (2007) über die Hexenschule; er hat mir gut gefallen. Der Leiter ist aufgeklärt und sympathisch und möchte altes Wissen, das er sich aus vielen alten Quellen angeeignet hat, auf der Grundlage modernen psychologischen und naturwissenschaftlichen Wissens aufbereiten und zugänglich machen. “Rituale”, so lehrt er seine Hexenschülerinnen und -schüler beispielsweise, “sind psychologische Tricks, mit denen man, durch den größeren Aufwand, bestimmte Vorstellungen besser ins Unterbewusstsein pflanzen kann.” Recht hat er; die katholische Kirche hat das besonders gut begriffen und ist auf diesem Gebiet seit Jahrhunderten erfolgreich tätig. 

Und der Hexenbesen? Der wurde weniger zum Reiten benutzt, erläutert er, sondern zum Reinigen der Ritualplätze. Und wir sehen ihn, wie er mit dem Reisigbesen sorgfältig die Wiese fegt. Der Chatroom auf der Webseite der Hexenschule heißt sinnigerweise “Besenkammer”.

Also alles in allem eine nette und lehrreiche Sache, wenn Sie dafür Zeit und Geld haben.

Wie meine geneigten LeserInnen bereits vermuten werden, interessiert mich an der Hexenschule vor allem der sprachliche Aspekt. Immerhin ist “Hexe” neben “Witwe”, “Braut” und “Geschwister” eins der ganz wenigen (genau gesagt: fünf) deutschen Wörter, bei denen das Femininum den Ursprung und Oberbegriff bildet. Wir haben neben der “Hexe” den “Hexer”, neben der “Witwe” den “Witwer”, neben der “Braut” den “Bräutigam”, und die “Geschwister” stehen für Schwestern und Brüder. Und dann gibt es noch das “Gestüt”, das auch für Hengste da ist.

In der TV-Sendung über die Hexenschule bekamen wir nur einen Schüler zu sehen und drei Schülerinnen. Die Schülerinnen sagten, sie wollten Hexe werden, der Schüler wollte dagegen Hexenmeister werden. Nicht Hexer oder Hexerich.
Das Grimmsche Wörterbuch klärte mich dann weiter auf: Eine männliche Hexe wird “Hexer” oder “Hexenmeister” genannt. So steht’s auch bei Wikipedia. 

Stellen Sie sich vor, wir würden den Enterich Entenmeister nennen, den Täuberich Taubenmeister, den Mäuserich Mäusemeister, und so weiter bis zum Gänsemeister und Krötenmeister.

Für männliche Kröten und Mäuse scheint eine derartige Sprachkosmetik überflüssig, aber die männliche Hexe findet das wohl standesgemäßer als “Hexer”, die schlichte Ableitung aus dem femininen Grundwort. Der umgekehrte Fall ist eine Degradierung, die Frauen mit jeder -in-Ableitung gewohnheitsmäßig zugemutet wird.

Vermutlich verdankt sich auch der “Wachtmeister” dem Veredelungsdrang. “Die Wache”, “die Schildwache” - alles zu feminin für einen gestandenen Mann. Aber wie schon Mary Daly uns riet: Nehmen wir doch dieses männliche Imponiergehabe als Anregung zum egozentrischen bzw. frauenzentrierten Denken:

Eine Frau und ein Mann besuchen eine Kochschule. Er wird Koch, sie wird Kochsachverständige (Kochmeisterin ist nicht so geeignet, weil von -meister abgeleitet).

Er und sie studieren an der Musikhochschule. Er wird Musiker, sie wird Musikgelehrte.

Und unsere Politiker? Sind eben Politiker, die Frauen dagegen Politikprofis, was Kraft und Löhrmann - sicher zum Bedauern unserer Ober-Politprofi Merkel - gerade sinnfällig vorgeführt haben.

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Zum Weiterlesen empfiehlt FemBio:
Joey Horsley. “Weise Frauen, Hebammen und die europäische Hexenverfolgung.” In Tönnies-Forum 3/92 1. Jg. (1992): 26-42 (PDF-Datei)
(aktualisierte, aber auf Vortragslänge gekürzte deutsche Fassung von “On the Trail of the ‘Witches’” siehe unten.)

Ritta Jo Horsley and Richard A. Horsley. “On the Trail of the ‘Witches’: Wise Women, Midwives and the European Witch Craze.”  Women in German Yearbook 3. Marianne Burkhard and Edith Waldstein, eds. University Press of America, 1986. 1-28.

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# | Luise F. Pusch am 17.07.2010 um 08:49 PM | Druckversion

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11.07.2010

Schland und die Vulvazela

Das Fußballspiel verleitet anscheinend zum Wortspiel. Vor vier Jahren schon wurde aus Heines bitterem Versepos “Deutschland - ein Wintermärchen” über unser “hölzern pedantisches Volk” ein “Sommermärchen” und schließlich Sönke Wortmanns “Deutschland - ein Sommermärchen”. Mit Recht wurde der Kuschelfilm bald umgetauft in “Im Bett mit Ballack” oder “…mit Poldi” - Madonna lässt grüßen.

In diesem Sommer nun kamen wir aus der Wortspielerei gar nicht mehr raus. Es fing an mit der australischen Fußballmannschaft, den “Socceroos”, wie Kangaroos. “Serbien muss sterbien” hieß es vor dem Spiel gegen Serbien, ein böser Spruch aus dem ersten Weltkrieg - und damals wie heute ein Eigentor.

Laut Spiegel werden “wir” nun “Integrationsweltmeister” statt Fußballweltmeister - was auch total daneben ist, denn die Mannschaft aus Schland ist trotz der Spieler mit Migrationshintergrund weder deukisch noch deukanisch.

Frauenbild“Schland”, die Kurzform für “Deutschland”, verbreitet sich derzeit rasant. Die krude Mischung aus “Schlamm” und “Schmand” scheint das deutsche Gemüt zu überzeugen und passt auch zu “Germs” (Keime), der Kurzform für “Germans”. Der Song “Schland o Schland” wurde auf Youtube über eine Million mal angeklickt, und schon gibt es eine Webseite schland.de, die Schland-T-Shirts mit den schländischen Farben Schwarz-Rot-Sonnig verkauft.

Auf die Frage, wie es zu “Schland” kommen konnte, erfährt frau, dass das Wort auf Stefan Raab zurückgeht, der schon 2002 aus dem Gebrüll in den Fußballstadien nur “Schland! Schland!” heraushören konnte.

Plausibler scheint mir die Erklärung dieses bloggenden Sprachbeobachters: “Der durchschnittliche Fußballfan ist stark alkoholisert und benutzt Geheimsprache. “Flur” steht für “Wieviel Uhr ist es?” “Eishockey?” steht für “Alles okay?” und “schland” für “Deutschland”.

Wir sollten die Anregungen der Alkis dankbar aufnehmen und andere lästige, überlange Wörter ebenfalls gesundschrumpfen bzw. gesupfen:

Bereits gut etabliert sind:

AlkoholikerInnen > Alkis
AmerikanerInnen > Amis
Auszubildende > Azubis
Deutsch-Englisch > Denglisch
Deutschtürkisch > deukisch
Hartz-IV-EmpfängerInnen > Hartzis
Öffentliche Verkehrsmittel > Öffis
Ostdeutsche > Ossis
Professionelle > Profis
ProfessorInnen > Profs
Rehabilitation > Reha
Studierende > Studis
Weblog > Blog
Westdeutsche > Wessis

 

Neuschöpfungen:

Bundespräsident > Bupräsent
BürgerInnensteig > Bürsteig > Bürste
Deutschafrikanisch > deukanisch
Evangelisch > evisch (währt am längsten)
FußballspielerInnen > Fubis
FußgängerInnen > Fugis
FußgängerInnenzone > Fugizone
GästInnenzimmer > Gäzi
Homo-Ehe > Ho-Ehe > Höhe
Katholisch > kalisch

Die überbordende “Vulvazela” fällt dagegen völlig aus dem Rahmen, aber das raumgreifende Pendant zu den verschämten Vagina-Monologen sollte hier nicht übergangen werden.

Eigene Kreationen bzw. Kreonen bitte unten im Kommentarfeld (Komfel) eintragen.

# | Luise F. Pusch am 11.07.2010 um 02:57 PM | Druckversion

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04.07.2010

BP und der Dschender-Dschungel

An zwei Tagen im Juni erlebten wir den sprachlichen Ausnahmezustand. Die Medien zeigten, dass sie doch geschlechtergerecht formulieren können.

Nie habe ich so oft das Wort “Staatsoberhaupt” gehört wie an den ersten beiden Junitagen, an denen Ursula von der Leyen als Nachfolgerin von Horst Köhler noch im Gespräch war.
“Suche nach dem Staatsoberhaupt” - so wurde vielfach getitelt. Das “Staatsoberhaupt”, grammatisch neutral, machte sich einfach besser, solange eine Frau, noch dazu eine mächtige, als Favoritin für das Bundespräsidialamt galt - das sonst nur das “Bundespräsidentenamt” oder “Amt des Bundespräsidenten” genannt wird.

Wörter wie “Person” und erst recht “Persönlichkeit” hatten Hochkonjunktur. Auch wurde andauernd gewissenhaft die Doppelform eingesetzt.

Hier ein paar Kostproben:

Für Angela Merkel (CDU) und Guido Westerwelle (FDP) gilt: Anders als Köhler soll der Nachfolger oder die Nachfolgerin parteipolitisch erfahren sein und möglichst auf breite Zustimmung stoßen.

....wollen CDU/CSU und FDP auf jeden Fall einen eigenen Personalvorschlag machen [statt: “Kandidatenvorschlag machen” oder “einen eigenen Kandidaten vorschlagen”].(dpa newsticker 1.6.2010)

“Wir glauben, dass wir jemanden [immerhin besser als “einen Mann”] mit politischer Erfahrung brauchen”, sagte Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU).  “Wir werden in den nächsten Tagen eine qualifizierte Persönlichkeit suchen.” Die Koalition stehe nicht unter Zeitdruck, wolle aber “relativ rasch” die Personalfrage [nicht: “die Kandidatenfrage”] klären.”

n-tv konnte sich noch nicht so recht an die neue Wirklichkeit gewöhnen und verhaspelte sich im Dschender-Dschungel:
Die Opposition fordert eine Persönlichkeit, der von allen unterstützt werden könnte.

Wenn ich noch an der Uni feministische Linguistik unterrichten würde, würde ich sofort eine sprachliche Analyse der Zeitungsartikel und TV-Sendungen des 1. und 2. Juni 2010 zum Thema “Neues Staatsoberhaupt gesucht” als Seminar- oder Abschlussarbeit vergeben.

Am 3. Juni war der schöne Spuk vorbei, war das geschlechtsneutrale “Staatsoberhaupt” schon wieder aus dem allgemeinen Diskurs verschwunden. Zwei Männer kämpften nun um das Amt (ab 3. Juni), Luc Jochimsen wurde von der Linken erst eine Woche später als Kandidatin aufgestellt. Und eine chancenlose Frau gegen zwei Männer, da braucht mann nun wirklich keine sprachliche Rücksicht mehr zu nehmen, wie schon ein Jahr zuvor bei der Wahl zwischen Horst Köhler und Gesine Schwan, die in Wahrheit keineswegs chancenlos war; Köhler siegte mit nur einer Stimme Mehrheit. Aber die Kandidatin hatte keine Macht. Wie auch die Sprache dazu beitrug, habe ich in der Glosse “Bundespräsident oder Bundespräsent” analysiert.

So etwas wie sprachliche Gerechtigkeit ergab sich dann erst am 30. Juni wieder, und zwar als Nebenprodukt der Twittersprache, die wie das Simsen von Abkürzungen lebt. Da ich am Wahltag in Boston war, wo sich natürlich kein Aas für die deutsche Staatsoberhaupt-Wahl interessiert, verfolgte ich den Wahl-Dreiteiler per Twitter-Live-Ticker auf Spiegel-Online. Unsäglicher Flachsinn wurde da am laufenden Band dargeboten. Ein interessantes Phänomen konnte ich trotzdem ausmachen:

Aus der “Wahl zum Bundespräsidenten” oder “Bundespräsidentenwahl” wurde die “BP-Wahl”. Ob Bundespräsidentin, Bundespräsident oder Bundespräsent - alles BP, one size fits all, kurz, bündig und garantiert geschlechtsneutral.

Und das, obwohl BP ja weiterhin vor allem für die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko steht. Aber die ölige Assoziation störte niemanden, gefiel vielleicht sogar den meisten. Die Twitternden waren überwiegend Wulff-GegnerInnen.

Was lernen wir daraus?
Erstens: Es geht. Anscheinend sogar mühelos.
Zweitens: Es geht nur, wenn eine real existierende Frau mit erheblichem Einfluss reale Chancen auf ein hohes Amt hat oder es bereits innehat, wie die Bundeskanzlerin, die seit ihrem Amtsantritt sprachlich meistens als Frau behandelt wird und damit unsere Sprache bereits sehr positiv beeinflusst hat.

Die real existierende Ärztin oder Apothekerin, die uns aus dem Blickfeld gerät, weil wir immerfort nur unseren Arzt oder Apotheker fragen sollen - solche Personen werden dagegen weiterhin folgenlos missachtet.

Was folgt daraus? Die bis dato frech ignorierte Ärztin oder Apothekerin muss ein wahrnehmbarer Machtfaktor werden, indem sie sich mit Frauen zusammentut, die gegen ihre sprachliche Ausmerzung protestieren.

# | Luise F. Pusch am 04.07.2010 um 09:32 PM | Druckversion

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26.06.2010

Gleichstellung besser andersrum: Ohne Bindestrich ist hübscher

In Österreich dürfen Lesben und Schwule sich seit Januar verpartnern, ein gemeinsamer Familienname bleibt ihnen allerdings verwehrt. Der bleibt den “richtigen” Eheleuten vorbehalten, die als Frau und Mann eine herrkömmliche Ehe eingehen.

Der kleine Unterschied ist diesmal wahrhaftig klein: Es geht um einen Bindestrich!
Für Verehelichte gilt:

§ 93 Abs. 2 ABGB:
(2) Derjenige Verlobte, der nach Abs. 1 als Ehegatte den Familiennamen des anderen als gemeinsamen Familiennamen zu führen hat, kann dem Standesbeamten gegenüber vor oder bei der Eheschließung in öffentlicher oder öffentlich beglaubigter Urkunde erklären, bei der Führung des gemeinsamen Familiennamens diesem seinen bisherigen Familiennamen unter Setzung eines Bindestrichs zwischen den beiden Namen voran- oder nachzustellen. [...]

Für bloß Verpartnerte gilt hingegen:

§ 2 Abs. 2 Zif. 7a des Namensänderungsgesetzes:
[Ein Grund für die Änderung des Familiennamens liegt vor, wenn] der Antragsteller einen Nachnamen erhalten will, der gleich lautet wie der seines eingetragenen Partners und dies gemeinsam mit der Begründung der eingetragenen Partnerschaft beantragt; damit kann auch der Antrag verbunden sein, als höchstpersönliches, nicht ableitbares Recht seinen bisherigen Nachnamen voran- oder nachzustellen;

Die maskuline Diktion der Gesetze ist grotesk und genau so hinterwäldlerisch wie ihr Inhalt - aber konzentrieren wir uns hier nun mal auf den erlaubten oder nicht erlaubten Bindestrich.

Mich erinnert die ganze Sache an eine Schlagzeile der TAZ vom 19.7.2001 - das Bundesverfassungsgericht hatte soeben eine Normenkontrollklage aus Bayern und Sachsen gegen die geplante “Lebenspartnerschaft” abgeschmettert - und die Taz titelte frech: “Homos droht der Eheknast”.

War das Lebenspartnerschaftsgesetz, das die Lesben und Schwulen mühsam erstritten hatten, denn gar nichts wert? So weit würde ich nicht gehen - aber auch ich war und bin eher für eine Gleichstellung in umgekehrter Richtung: Abschaffung der Ehe: Auch Heterosexuelle dürfen nicht heiraten.

Und den Bindestrich finde ich auch nicht besonders erstrebenswert, sondern eher provinziell. Lange Zeit war es in Deutschland für Frauen die einzige Möglichkeit, ihren Geburtsnamen beizubehalten - was bis zu dieser halbherzigen Lösung auch undenkbar war. Deshalb nannte sich Thea Nolte nach der Heirat mit Herrn Bähnisch einfach Theanolte Bähnisch - sehr kreative und eigenwillige Lösung!

Auch der Name der Frau kann als “Familienname” gewählt werden, und der Gatte darf seinen Geburtsnamen mit Bindestrich anhängen oder voranstellen. Nur geschieht das natürlich so gut wie nie: Ein Name wie “Fritz Meyer-Mansfeld, geborener Meyer” - das ist doch dem Manne nicht zuzumuten.

Über die Pionierinnen der Namensemanzipation wurde natürlich immerfort gewitzelt, am meisten wohl über Leutheusser-Schnarrenberger und Däubler-Gmelin. An “Hamm-Brücher” hingegen hatten sich die meisten schon seit den Fünfzigern gewöhnt.

Der Bindestrich verbindet die zwei Namen zu einem “Familiennamen” - ohne Bindestrich hingegen kein “Familienname”, sondern nur ein “Nachname”.

Lesben und Schwule sind empört über die Ungleichbehandlung. Aus einem Jörg Kaiser wurde nicht ein Jörg Eipper-Kaiser, sondern nur ein Jörg Eipper Kaiser - Gemeinheit! Persönlich finde ich die Lösung mit dem Mittelnamen ehrlich gesagt eleganter. Und diese ist anscheinend den Heteros und Heteras verwehrt, wenn ich das feingesponnene Kuddelmuddel-Gesetzwerk richtig verstanden habe.

Elizabeth Barrett Browning, Charlotte Perkins Gilman, Jacqueline Bouvier Kennedy Onassis, John Fitzgerald Kennedy - sind das nicht schöne klangvolle Namen? Dasselbe mit Binde- oder Minus-Strich? Nee!

Und so erwarte ich jetzt einen Antrag der Heiratswilligen auf Gleichstellung mit den Verpartnerungswilligen, auch aus ästhetischen Gründen.

(Dank an Karin Schoenpflug für die Infromationen über die Bindestrich-Kontroverse in Österreich)
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# | Luise F. Pusch am 26.06.2010 um 10:41 PM | Druckversion

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Hedwig Dohm