»Laut & Luise«
03.02.2012
Kaum hatte ich am 16. Januar meine Glosse „Über das Urinieren auf Leichen und Frauen“ veröffentlicht, da machten Männer mit ihrem Urin schon wieder Schlagzeilen. Die Urinale im Männerklo des neuen Rolling-Stones-Museums in Lüchow sehen aus wie weit geöffnete, grell geschminkte Frauenmünder – gierig, den „Urinsekt“ zu empfangen. Als Frauen sich über diese sexistische Entgleisung beschwerten, wie zuvor schon in New York und in Wien, wurde ihnen wie üblich „Humorlosigkeit“ vorgeworfen. Zudem betonte der Museumsbesitzer, die Urinale - sie heißen übrigens „Kisses“ - seien von einer Künstlerin gestaltet worden und wären schweineteuer gewesen.
Mich wundert vor allem, dass MÄNNER sich nicht über die Zumutung beschweren, in Frauenmünder pinkeln zu sollen. Da m.W. aber von männlicher Seite keine Proteste eingegangen sind, müssen wir schließen, dass Männer im Durchschnitt tatsächlich so frauenfeindlich sind, wie wir es schon immer befürchtet haben.
Hätte das Museum „im Scherz“ das Klopapier mit Bibelsprüchen oder Koransuren bedrucken lassen, hätte es einen Riesenaufstand gegeben. Die Papierrollen, ob künstlerisch gestaltet, schweineteuer oder was auch immer, wären umgehend verschwunden, und der Museumsbesitzer hätte eine Strafanzeige wegen Religionsbeschimpfung bekommen.
Es wäre auch mal interessant zu erfahren, wie das Publikum, insbesondere die Nutzer der künstlerischen Pissoirs, reagieren würden, wenn die Urinale als Männermünder stilisiert würden, sagen wir mit einem feschen Schnurrbart. Die Klobrillen und -schüsseln in den Damentoiletten könnten auf dieselbe Weise zu hoher Kunst werden.
Sicher hätten die Männer Humor und Kunstverstand genug, das alles witzig und künstlerisch wertvoll zu finden. Nur die Frauen, schätze ich mal, würden diese abartigen Klos meiden und sich beschweren.
Aber wer sagt denn, dass wir ALLES ohne Gegenwehr „schlucken“ müssen?! Ein kleiner Vorschlag an die Besucherinnen der Damentoiletten im Stones-Museum Lüchow: Tampons, Hygienebinden und dergleichen wandern ab sofort direkt ins Klo, nicht in das Eimerchen daneben! Dessen Inhalt wandert vielmehr auch ins Klo. Heillose Verstopfung wird nicht lange auf sich warten lassen. Wenn die Damentoiletten verstopft sind, wird die Aktion in den Herrentoiletten fortgesetzt. Dazu künstlerisch gestaltete Haftzettel auf den Klodeckel kleben: „Die Verstopfung wird aufhören, wenn die sexistischen Urinale verschwunden sind.“
Die Rolling Stones hätten sicher ihre Freude an dieser anarchischen Frauen-Kunst-Aktion.
Dieses einfache Rezept für ebenso kunstsinnigen wie durchschlagenden weiblichen Widerstand lässt sich vielfach variieren. Den Freier, der zur „Gesichtsbesamung“ ansetzt, könnte z.B. eine oral applizierte „bluttriefende Tamponade“ gehörig aus dem Konzept bringen ...
30.01.2012
In den USA ist in letzter Zeit viel von „Personhood“ die Rede - ein schwer übersetzbares Wort. Letztlich geht es dabei um Versuche der extremen Rechten, das Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren eigenen Körper komplett abzuschaffen. Die republikanischen Präsidentschaftskandidaten unterstützen diese Bestrebungen. Am 19. Januar meldete die Feminist Majority Foundation, Rick Perry, Rick Santorum, Newt Gingrich und Ron Paul hätten auf einem Forum von Personhood USA, der Dachorganisation dieser Bewegung, allesamt versprochen, die Forderung nach dem sogenannten „Personhood amendment“ zu unterstützen. Die Personhood amendments sehen vor, die Verfassungen einzelner Bundesstaten dahingehend zu „ergänzen“ (amend), dass eine befruchtete Eizelle verfassungsmäßige Persönlichkeitsrechte bekommt. Danach soll der Geltungsbereich des Gesetzes auf die Gesamtheit der Vereinigten Staaten ausgedehnt werden.
Personhood Amendments könnten nicht nur die Abtreibung verbieten, sogar in Fällen von Vergewaltigung, Inzest oder wenn das Leben der Mutter auf dem Spiel steht. Die Amendments könnten überdies jegliche Empfängnisverhütung unter Strafe stellen und schwangeren Frauen „fötusschädigende“ Krebstherapien untersagen. Kurz, die Rechte der Frauen sollen zugunsten der „Rechte der befruchteten Eizellen“ extrem beschnitten werden.
Das scheint alles unfassbar, aber die USA haben schon viel Unfassbares durchgezogen, im Guten wie im Bösen.
Dem republikanischen Establishment kommen die Eiferer der Personhood-Bewegung gerade recht: Bei den Präsidentschaftswahlen im Herbst werden die entsprechenden ballot questions (“Abstimmung über Wählerinitiativen”) die Ultrakonservativen an die Wahlurnen bringen, die der Wahl womöglich ferngeblieben wären, wenn eine moderater Kandidat wie Romney von seiner Partei nominiert wird. Und wenn die „Personen- bzw. Eierschützer“ sich denn schon mal in die Wahllokale aufgemacht haben, werden sie dort auch den republikanischen Kandidaten wählen.
Ich will auf den Personhood-Wahnsinn hier nicht näher eingehen und mich stattdessen mit linguistischen Aspekten des Themas befassen. „Personhood“ ist wie gesagt, schwer übersetzbar. Es kommen in Frage: Menschsein, Personsein, Personalität, Personenstatus. “Personschaft” (analog zu “Vaterschaft” wie in “Vaterschaftstest”) käme dem Original wohl am nächsten, klingt aber im Deutschen sehr unnatürlich.
An sich hätten die rechtsextremen Fanatiker sicher der Eizelle lieber „manhood“ statt „personhood“ zugesprochen, heißt es ja auch in der Verfassung „All men are created equal“. Aber „manhood“ bedeutet nicht mehr „Menschheit“ oder „Menschsein“, sondern „Männer“, „Mannesalter“ und „Manneskraft“.
Es geht aber bei der „personhood“-Debatte um die Frage, wann aus der “Leibesfrucht” der Mutter ein eigenständiger Mensch wird. Nach jahrhundertelangem Allgemeinverständnis fällt dieser Zeitpunkt mit der Abnabelung zusammen, wenn das Kind selbst atmet und nicht durch die Mutter. Bis dahin ist das Kind als Teil der Mutter zu betrachten, und sie hat allein das Recht, zu entscheiden, was mit diesem - zugegeben: besonderen und besonders wertvollen - Teil ihres Körpers zu geschehen hat. “Mein Bauch gehört mir!”
Ein plakativer Ausdruck wie Personhood, der schlagwortartig die ganze widerliche Bewegung zusammenfaßt und symbolisiert, fehlt bei uns und in unserer Sprache (derzeit noch). Würden auf unseren Straßen Menschenmassen aufmarschieren mit Spruchbändern, auf denen bloß „Menschsein jetzt!“, „Personsein“, „Personalität“ oder „Personenstatus jetzt“ stünde, würde das Volk sich verwundert die Augen reiben und fragen „Was ist denn mit denen los?“
Und das ist auch gut so. Manchmal hat Unübersetzbarkeit auch was Gutes. Möge das Wort und mit ihm die extrem frauenfeindliche Ideologie, die dahintersteht, uns weiterhin fremd bleiben. Die Eierschützer sollen sich lieber um ihre eigenen Eier kümmern und unsere in Ruhe lassen.
Zum Weiterlesen:
Kate Harding in “Common Dreams”
Amanda Marcotte in “AlterNet”
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24.01.2012
Vorgestern trafen wir uns mit sieben anderen Professorinnen unserer Bostoner WIG-Gruppe (Women in German) zum monatlichen Netzwerken. Wie üblich diskutierten wir erst über einen wissenschaftlichen Text, den eine von uns verfasst hatte, dann erzählten wir uns die neusten Geschichten aus unserem Leben. Sabine erzählte von ihrem 18jährigen Sohn und seiner Band AER. Neulich hätten sie im Gramercy Theater in New York ein Konzert gegeben, zu dem 600 Fans erschienen seien. 2 Millionen Hits hätte die Band schon bei YouTube, und bei iTunes machten sie mit ihren Songs ein Schweinegeld.
“Oh ja”, sagte ich, “du hattest doch neulich diese Band auch auf Deiner Facebook-Seite ‘geliked’, jetzt werde ich diesen Hinweisen endlich mal nachgehen.”
Sabine warnte, dass uns die Texte ihres Sohnes wahrscheinlich nicht gefallen würden, sie wären oft aggressiv und frauenfeindlich, wie bei Rappern eben so üblich. Und wenn sie ihren David ernsthaft daraufhin anspräche, käme er mit einem Argument, dem wenig entgegenzusetzen sei: „But Mom, the girls LOVE it“. Und sie hätte es selbst erlebt bei jenem Auftritt in New York. Die Girls außer Rand und Band vor Begeisterung, das übliche verzückte Kreischen - allerdings seien die meisten auch vom Alkohol und wer weiß was sonst noch schon ziemlich hinüber gewesen, das Komasaufen griffe ja immer mehr um sich an den High Schools und Colleges.
Wir kamen bald auf anderes zu sprechen. Erst nach dem Treffen fiel mir die Parallele ein zwischen Davids „But the girls LOVE it!“ und dem, was ich morgens in der Einleitung zu „The History of Woman Suffrage“ gelesen hatte, dem monumentalen Geschichtswerk über die erste Frauenbewegung in den USA, verfasst von den Hauptakteurinnen dieser Bewegung: Elizabeth Cady Stanton, Susan B. Anthony, Matilda Joslyn Gage und Ida Husted Harper. [Sie können sich alle 6 Bände bei Amazon/Kindle kostenlos herunterladen.]
Wie oft hören wir nicht dieses Argument, wenn wir irgendeinen patriarchalen Missstand kritisieren, sei es sexistische Sprache, sexistische Filme oder sonst irgendwas aus dem endlosen Vorrat der frauenfeindlichen Kulturproduktion. Nehmen wir das Wort „Fräulein“. Als die feministische Linguistik vor 40 Jahren das Wort als sexistisch ablehnte, hielt mann uns vor, erstens wären wir verbissen und zweitens sähen die meisten Frauen das nicht so verbissen. Überdies gefiele den meisten „Fräuleins“ diese Bezeichnung, und auf gar keinen Fall wollten sie durch die Anrede „Frau“ in der Blüte ihrer Jugend mit alten Frauen gleichgesetzt werden.
Nun, das ist inzwischen ausgestanden - die Anrede Fräulein ist weitgehend ausgestorben und keine weint ihr hinterher, nichtmal die Schweiz, wo sie sich am längsten gehalten hat.
Die besagte Einleitung zu „The History of Woman Suffrage“ nun zeigt uns, dass schon unsere feministischen Vormütter sich mit dem „Argument“ herumschlagen mussten, dass doch die meisten Frauen die Kritik und die Forderungen der Feministinnen ablehnten und ganz mit den Männern übereinstimmten, die den Kampf um Stimmrecht und Gleichberechtigung für Frauen völlig überflüssig fanden.
Es wird gesagt: „Die Frauen, die diese [frauenrechtlerischen] Forderungen stellen, sind nur wenige, und ihre Gefühle und Ansichten sind unnormal und haben kein Gewicht bei der Gesamtbeurteilung der Frage.“ Die Zahl ist größer als es scheint, denn die Angst vor öffentlichem Spott und dem Verlust privater Vergünstigungen seitens derer, die ihnen Unterkunft, Nahrung und Kleidung geben, hält viele davon zurück, ihre Meinung zu sagen und ihre Rechte einzufordern. Die Ignoranz und Gleichgültigkeit der Mehrheit der Frauen in Bezug auf ihren Status als Bürgerinnen einer Republik ist nicht verwunderlich, denn die Geschichte zeigt, dass die Massen aller unterdrückten Klassen, die in äußerstem Elend lebten, stumpf und apathisch blieben, bis die Zuversicht und Begeisterung einiger weniger durch Teilerfolge belohnt wurden.
Die Aufstände auf den Plantagen des Südens scheiterten immer an den Zweifeln und der Zwiespältigkeit der SklavInnen selbst. [...]. Die Apathie der Frau gegenüber dem Unrecht gegen ihr Geschlecht spricht nicht für den Verbleib in ihrer gegenwärtigen Lage, sondern ist das stärkste Argument dagegen. (Introduction S.17-18, übs. LFP)
Das Buch erschien 1881, und gestern, 131 Jahre später, fiel mir noch immer nicht die passende Antwort ein auf das uralte „But the girls love it!“
Wenn es mir, wie schon so oft geschehen, bei einer Veranstaltung wieder begegnet, werde ich wissen, was ich zu sagen habe:
Erstens: „Wahrscheinlich sind es in Wirklichkeit viel weniger, als Sie glauben.“
Zweitens: „Dass die Frauen so denken angesichts schreiender Ungerechtigkeit/Anpöbelungen/Demütigungen, ist nur der Beweis dafür, dass ihre Lage erbärmlich ist und sich ändern muss.”
Die Einleitung zu „The History of Woman Suffrage“ ist eine Punkt-für-Punkt-Anleitung für den schlagfertigen Umgang mit den üblichen Abfertigungen feministischer Kritik. Ich werde sie gleich weiter studieren, um sie immer parat zu haben.
Aber auch die erste deutsche Frauenbewegung wusste schon damals genau, was los war. Auguste Schmidt erkannte schon auf der ersten deutschen Frauenkonferenz im Jahre 1865: „Das Problem der Frauen liegt vor allem im Nichterkennen der eigenen Situation.“
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16.01.2012
Am Mittwoch wurde auf YouTube ein 39 Sekunden langes Video eingestellt, das zeigt, wie vier US-Marines auf tote Taliban-Kämpfer urinieren. US-Verteidigungsminister Leon Panetta und US-Außenministerin Hillary Clinton haben die abstoßende Tat sofort aufs schärfste verdammt, nachdem feststand, dass das Video keine Fälschung war.
Die Taliban selber reagierten relativ gelassen und wiesen darauf hin, dass US-Streitkräfte ihnen schon viel Schlimmeres angetan hätten. Jedenfalls sollen die laufenden Verhandlungen zwischen den USA und den Taliban nicht abgebrochen werden.
Wenn ich wählen müsste zwischen Getötet- und Bepinkeltwerden, würde ich allemal die Bepinkelung wählen. Trotzdem reagiert alle Welt auf dieses Vergehen so, als sei das Urinieren der eigentliche Skandal und nicht das Töten. Das militärische Denken hat schon seit Urzeiten das moralische Empfinden aus dem Gleichgewicht gebracht; wir haben uns daran gewöhnt. Für die Sanierung des moralischen Empfindens empfiehlt sich die Lektüre des leidenschaftlichen pazifistischen Aufschreis der 85jährigen Hedwig Dohm „Der Missbrauch des Todes“, den sie mitten im ersten Weltkrieg verfasst hat. Auf Amazon können Sie ihn sich hier kostenlos herunterladen.
Die toten Taliban merkten nichts von ihrer Schändung. Was also bezweckten die Marines mit ihrer Tat? Wollten sie ihre Kameraden beeindrucken, wie sehr sie es dem Feind gegeben hatten? Allerdings verblasst die Untat neben dem, was US-Soldaten ihren lebenden Kameradinnen antun.
Das Bepinkeln von Leichen dürfte eine relativ seltene Handlung sein, wohingegen das Urinieren auf lebende Personen weit verbreitet ist. Bei diesen Personen handelt es sich in der Regel um Frauen, Prostituierte, die in dem immer schärfer werdenden Wettbewerb schon mal was Besonderes bieten müssen und sich immer widerlichere Erniedrigungen gefallen lassen müssen. Das Urinieren auf oder in die Frau wird auf dem Bordell-Menü der sexuellen Leistungen als “Natursekt” bezeichnet. Koten heißt „Kaviar“, in Bordellanzeigen abgekürzt als „KV“. Als noch ekelhafter empfinden aber die meisten, dass sie Sperma schlucken sollen - trotz der AIDS-Gefahr heute eine fast schon routinemäßig geforderte selbstverständliche Leistung/Erniedrigung, genannt “FT = französisch total (mit Schlucken).”
Auch US-Soldaten gehen ins Bordell und gönnen sich die geilsten Menüs. Wieder in der Truppe, besorgen sie es den Kameradinnen. Am 4.1.2012 berichtete die taz über die Sexualverbrechen der US-Soldaten an ihren Kameradinnen:
Schätzungen gehen von insgesamt bis zu 19.000 Fällen im Jahr aus. 90 Prozent der Opfer sind Frauen, 69 Prozent sind zwischen 16 und 24 Jahre alt. Sehr wenige Fälle führen zu disziplinarischen Maßnahmen gegen den oder die Täter. Darüber gibt es keine genaue Zahlen, rund 8 Prozent sollen es sein.
Bei 19.000 Fällen wird den Soldatinnen auch jede Menge „Urinsekt“ und „Kaviar“ eingeflößt worden sein, von „GB = Gesichtsbesamung“ nicht zu reden. Wie wär’s also, wenn Leon Panetta mal die Proportionen zurechtrücken und bevorzugt und prompt gegen die Sexualverbrechen seiner Mannen gegen US-Soldatinnen einschreiten würde?
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09.01.2012
Obwohl in diesen Tagen Jeanne d’Arc ihren 600. Geburtstag feiert (am 6. Januar), verlagert sich ein Großteil der ihr gebührenden Aufmerksamkeit auf Friedrich den Großen, der am 24. Januar seinen 300. Geburtstag begeht. In den USA allerdings, wo ich mich gerade aufhalte, absorbieren die republikanischen Präsidentschaftskandidaten von Jon, Mitt und Newt bis Ron, Rick und Rick die gesamte Aufmerksamkeit der Medien und somit auch der MedienkonsumentInnen. Der Atem der Geschichte sollte diese Herren bald hinwegpusten, während Jeanne und Frédéric uns sicher noch lange faszinieren werden.
Jeanne und Frédéric waren beide glühende AnhängerInnen der französischen Kultur: Jeanne verteidigte sie gegen die Engländer und verlor dabei ihr Leben; Frédéric huldigte ihr, weil es damals in den deutschen Kleinstaaten üblich war, sich Frankreich zum Vorbild zu nehmen.
Und damit bin ich schon bei meinem heutigen Thema. Es geht um das seltsame Wort „Hausfranzösin“ - so der Titel eines Lustspiels (1744) von Luise Adelgunde Victorie Gottsched (auch genannt die Gottschedin). Ich stieß gestern darauf, als wir unsere Bücher über die Gottschedin und Tillie Olsen (noch eine Jubilarin) aus der Widener-Bibliothek abholten. Die Gottschedin wurde 1713 geboren, ein Jahr nach dem alten Fritz, und feiert mithin im nächsten Jahr ihren 300. Geburtstag. Und ich schreibe für den Kalender „Berühmte Frauen 2013“ eine Kurzbiographie über sie, die Ende April abgeliefert werden muss. Als erstes las ich, noch im Flugzeug, Renate Feyls vergnügliche und bissige Romanbiografie „Idylle mit Professor“ über die Gottschedin und ihren berühmten stieseligen Gatten, Gottsched eben.
Eine „Hausfranzösin“ war in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine junge Frau aus Frankreich - daher auch oft Mamsell genannt - die den Kindern ihrer „Dienstherrn“ „feine“ französische Manieren und die französische Sprache beibringen sollte. Multitasking ist also gar nichts Neues: Die Kinder wurden betreut und bekamen „nebenbei“ noch den gerade gültigen gesellschaftlichen Schliff.
Sinn und Zweck des Lustspiels „Die Hausfranzösinn“ ist es nun, die Hausfranzösin und ihren französischen Dünkel auf die Schippe zu nehmen. Aus ihren Veredlungsbemühungen an den ihr anvertrauten Kindern ist nicht viel geworden; sie sind - wie die Hausfranzösin selbst - eitle Dummköpfe, die meinen, sich wegen ihrer überlegenen französischen Kultiviertheit über die anderen, die bloß Deutsch „parlieren“, erheben zu können.
Das ist inzwischen alles ein wenig altbacken, aber die Idee, den Kindern die Sprache und Kultur eines wirtschaftlich überlegenen Landes möglichst früh zu vermitteln, ist wieder hochaktuell. Da die USA, nachdem sie das britische Weltreich abgelöst haben, (noch) die hegemoniale Kultur sind, müssen sich alle, die nicht Englisch sprechen, diese Sprache rechtzeitig aneignen, um im globalen Wettbewerb „mitreden“ zu können. Es ist lustig und erhellend zu sehen, wie noch vor 250 Jahren in Europa das Französische diese Vormachtstellung einnahm. Von Englisch war keine Rede.
Spätere Generationen werden dann möglicherweise das Chinesische als Zweitsprache parat haben müssen… Fast steht zu befürchten, dass die „Hausfranzösin“, die auch nur eine arme Bedienstete war, sich aber auf ihre überlegene „Kultur“ etwas einbilden durfte, dann durch eine billige „Hauschinesin“ ersetzt werden könnte, so wie wir heute fast alle unsere „Hauspolinnen“ haben, nur dass wir von ihnen nichts lernen wollen, weder ihre Kultur noch ihre Sprache, denn die gelten hierzulande noch immer nicht viel. Aber das kann sich ja jederzeit ändern …
Was sich aber anscheinend niemals ändert, ist, dass die undankbare Arbeit einer „Hausfranzösin“ oder „Hauspolin“ von Frauen geleistet wird.
Linguistischer Nachschlag für diejenigen, die es noch genauer wissen wollen:
Männer waren nicht „Hausfranzosen“, sondern „Hauslehrer“, damals auch „Hofmeister“ genannt. Sie waren keine Multitasker, sondern konzentrierten sich auf den zu vermittelnden Lehrstoff. Und aus der “Hausfranzösin” wurde im 19. Jahrhundert die Gouvernante. Das männliche Pendant ist “Gouverneur”.
Die Sprache liefert hier wieder ein deutliches Abbild unserer Herrenkultur.
Frauen sind oder waren „Hausmädchen“, „Hausfrau“ und „Hausfranzösin“ - dem Wortbestandteil nach „Haus“ folgt keine Qualifikations-, sondern eine Gattungs- oder Nationalitätsbezeichnung: Mädchen, Frau, Französin. Ähnlich gebaut sind „Klofrau“, „Aufwartefrau“ und „Putzfrau“. So eine Gruppenzugehörigkeit qualifiziert zu gar nichts bzw. zu allem, denken wir nur an das sprichwörtliche „Mädchen für alles“. Für Männer gibt’s stattdessen in der Regel ordentliche Berufsbezeichnungen nach dem „Haus“: Hausmeister, Hauswart, Hausdiener, Hausknecht. „Hausmann“ gibt es erst seit kurzem - und „Hausfranzose“ (oder „Hauspole“) ist unvorstellbar. Ähnlich gestrickte diskriminierende Bezeichnungen für männliche Ungelernte gehören - wie die „Hausfranzösin“ - fast alle der Vergangenheit an. In den USA gab es den “house boy”, normalerweise ein armer Asiate. Und wir haben, üblicherweise für arme Migranten, noch den „Müllmann“, den „Toilettenmann“ und den „Putzmann“. Für Rentner, die sich etwas hinzuverdienen wollen oder müssen, den “Wachmann”. Ausgestorben sind „Dienstmann“, „Gasmann“ und „Milchmann“. Nur der „Eiermann“ fristet im deutschen Schlager noch sein anzügliches Nischendasein.
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02.01.2012
Vor ein paar Wochen war in der Tagesschau von einem Stararchitekten die Rede, den Namen habe ich vergessen. Kurze Zeit, noch in derselben Tagesschau, redeten sie wieder von einem Stararchitekten, diesmal einem anderen. Den Namen habe ich auch vergessen.
Gibt es denn heutzutage nur noch Stararchitekten? Warum musste die Tagesschau, immerhin eine Sendung, die seriös sein will, diese beiden Architekten sprachlich so hochjubeln, als wären wir im Privatfernsehen und sähen „Deutschland sucht den Superstar“?
Ich dachte dann über die Berufe nach, die manchmal mit dem Etikett „Star“ beklebt werden: Da haben wir den Stardirigenten, den Starverteidiger und den Startenor. Starbässe und Starrichter gibt es hingegen nicht. Auch keine Starschriftsteller, wohl aber Star-Autoren. Unter den Köchen gibt es immer mehr Stars, aber die heißen ulkigerweise Sterneköche. Starabgeordneter oder Starmaler? Fehlanzeige. Ziemlich willkürlich zusammengewürfelter Haufen, diese Stars, scheint mir.
Starfußballer gibt es auch nicht, stattdessen haben wir in der Sparte Showbusiness Fußballstars, Filmstars, Opernstars, Musicalstars und vor allem Popstars. Im Oktober wurde Liszts 200. Geburtstag gefeiert, und immer wieder hieß es dazu, Liszt sei ein echter Popstar des 19. Jahrhunderts gewesen. Auch über Margot Käßmann sagten die Medien gerne, sie hätte Starqualitäten und sei eine Art Popstar der evangelischen Kirche. Und die katholische Kirche hatte mit Johannes Paul II. ihren eigenen Popstar oder Superstar, fast so populär wie Jesus Christ Superstar.
Auch kennen wir Politstars wie einst Joschka Fischer und Karl Theodor zu Guttenplag und heute etwa Klaus Wowereit. Von Obama hieß es auch durchgehend, er fülle riesige Stadien wie ein Popstar. Angela Merkel mag die mächtigste Frau der Welt sein, aber ein Star ist sie nicht, und sie scheint alles zu tun, um den Verdacht von Starqualitäten gar nicht erst aufkommen zu lassen. Wie denn überhaupt unter den Stardirigenten, Stararchitekten, Starverteidigern etc. etc. die Frauen rar sind. Wenn Frauen einen hohen Grad von Popularität erreichen und ein Starkult um sie betrieben wird, so nennt man sie eher Top-Models oder Diven: Operndiven wie Callas und Netrebko oder Popdiven wie Madonna und Lady Gaga. Ein Divo hingegen war nicht einmal Jesus, ansonsten gab es Divi nur im 18. Jahrhundert zur Zeit der Kastraten.
Und wo soll das alles hinaus? Nun, wir haben gerade Weihnachten hinter uns mit dem Star bzw. Stern von Bethlehem, der den drei Weisen bzw. Königen aus dem Morgenland den rechten Weg wies. Und am 6. Januar ist Dreikönigstag.
Jedenfalls durchleben wir gerade eine Jahreszeit, in der Sterne Hochkonjunktur haben und fast so prominent sind wie Stars oder Promis.
Dass so wenige Frauen als Stars deklariert werden, sollte uns heiter und zufrieden stimmen. Denn welche sparsame Hausfrau erinnert sich nicht noch an die Starfighter, deren Spezialität es war, massenweise abzustürzen und unsere Steuergelder milliardenweise in den Sand zu setzen. Außerdem weiß doch jedefrau: Sterne gibt es wie Sand am Meer. Genauer: etwa 70 Trilliarden.
18.12.2011
Mitte November hörte ich das Wort „Scheinvater“ zum ersten Mal. Es war im Zusammenhang mit einem neuen Urteil des Bundesgerichtshofs „zum Auskunftsanspruch des Scheinvaters“, damit ein „Scheinvater“ seine unter falschen Voraussetzungen geleisteten Unterhaltszahlungen vom „wahren Erzeuger“ oder „richtigen Vater“ eintreiben kann. Von der Mutter, die den „Scheinvater“ in die Lage bringt, für ein Kind zu zahlen, das nicht er gezeugt hat, war erstaunlich selten die Rede. Hat sie den armen „Scheinvater“ nicht übel betrogen? Ich war verwirrt ob des ungewöhnlich sanften Umgangs der Medien mit der betrügerischen Mutter. Es fiel kein böses Wort über sie. DAS böse Wort schien mir vielmehr die Bezeichnung „Scheinvater“ - geradezu hämisch, fand ich. Und ich verstand nicht, wieso die nun vor Gericht ziehenden „Scheinväter“ sich selber so nennen.
„Scheinvater“ hat den Beigeschmack von „unecht“, fake, wie falscher Schmuck und künstliche Blumen. Nicht der wahre Jakob und das Gegenteil von echt, oder wie es heute gern heißt, „authentisch“.
Ich konnte mir keinen Reim auf die seltsame Wortwahl machen, und Zweifel und Verwunderung nagten wochenlang an meinem linguistischen Gemüt, bis ich mich ein wenig in die Geschichte der Scheinväterei einlas. Auf vaeternotruf.de fand ich dann unter “Putativvater” des Rätsels Lösung. Dort bezeichnen nämlich leibliche Väter, denen der Zugang zu den von ihnen außerehelich gezeugten Kindern per Gericht verweigert werden konnte, die ehelichen oder rechtlichen Väter verächtlich als Scheinväter. „Scheinvater“ ist also ein Schimpfwort, genau wie ich es vermutet hatte.
Jetzt wird mir das Ganze etwas klarer. Es handelt sich um ein Gerangel zwischen Männern. Ursprünglich kämpfte der leibliche Vater gegen die Ansprüche des rechtlichen Vaters. Dann schlug der rechtliche, aber betrogene Vater gegen den leiblichen Vater zurück: Der soll ihm nun gefälligst die Unterhaltszahlungen zurückerstatten.
Sollen sich echte und unechte Väter doch weiter kabbeln und beharken, solange sie die Mütter und vor allem die Kinder nicht schädigen. Aber das wird kaum gelingen. Deshalb können wir ihnen nur den mütterlichen Rat geben: Eifern Sie ihrem großen Vorbild nach, dem Heiligen Josef, Urvater aller Scheinväter. Der verlangte keine Unterhaltszahlungen vom lieben Gott, und der liebe Gott beschimpfte Josef nicht als „Scheinvater“.
Aus weiblicher Sicht sei noch die Frage erlaubt: Ist das nicht ein echtes Scheinproblem? Sind nicht fast alle Väter Scheinväter? Allen voran der Heilige Vater und die Patres der katholischen Kirche? Aber im Ernst: Da gibt es diese „revolutionäre“ Einrichtung der „Vätermonate“: gerade mal zwei werden den guten Vätern zugemutet, und schon dies bisschen Einsatz für ihre Sprösslinge bringt die meisten Väter dermaßen aus dem Tritt und aus der Fassung, dass sie die Leistung nicht erbringen können. Im Vergleich zu dem, was Mütter für ihre Kinder leisten (neun Monate Schwangerschaft, Geburt und Stillen) und was darüberhinaus von ihnen erwartet wird (zehn Müttermonate Minimum, von dem Rest zu schweigen) ist der tatsächliche wie auch der erwartete Einsatz der Väter bis heute als lächerlich zu bezeichnen und ihre Vaterschaft einstweilen - bis sie sich emanzipiert und zu echten Vätern entwickelt haben - wahrlich eine Scheinvaterschaft.
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04.12.2011
Meine Freundinnen Anna und Gertrud schickten mir aus Wien einen merkwürdigen Sprachfund. Am 27. Januar findet zum 59. Mal der Wiener Korporationsball statt, zum letzten Mal in der Wiener Hofburg.
Dazu schreibt Die Presse, Wien:
Seit 43 Jahren gehört der Wiener Korporationsball zum Repertoire der Wiener Hofburg: Immer am letzten Freitag im Jänner treffen sich dort vor allem schlagende Couleurstudenten, darunter etwa Mitglieder der vom DÖW [Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands] als rechtsextrem eingestuften Burschenschaft Olympia, zum Tanz. Eine Veranstaltung, die sich selbst als antifaschistisch definierenden Organisationen seit jeher ein Dorn im Auge ist.
Nun tanzen die Burschenschafter bzw. schlagenden Couleurstudenten aber nicht nur miteinander, sondern es sind auch Damen zugelassen. Das entnehmen wir der Preisliste für die Eintrittskarten: Es gibt Damenkarten und Herrenkarten, die beide dasselbe kosten, nämlich 72 EUR. Also wozu dann die Unterscheidung in Damen- und Herrenkarten, wenn nicht einmal die schöne alte Regel gilt: „Frauen und Kinder die Hälfte“? Stellen Sie sich vor, Sie gingen ins Theater oder Konzert und bekämen dort je nach Geschlecht Damen- oder Herrenkarten!
Gibt diese Geschlechtertrennung bei den Karten schon Rätsel auf, so wird es bei den Studenten noch putziger. Da unterscheidet die Preisliste des WKR (Wiener Korporationsring) nämlich zwischen Damenstudenten auf der einen und Herrenstudenten auf der anderen Seite. Wieder zahlen beide Gruppen dasselbe, und zwar 30 EUR.
Von „Damenstudenten“ habe ich noch nie gehört, und meine Freundinnen Anna und Gertrud auch nicht. Nicht einmal Google kennt das Wort.
Was haben wir uns unter einem Damenstudenten vorzustellen? Ein Jurastudent studiert Jura, ein Musikstudent Musik. Demnach studiert der Damenstudent Damen und der Herrenstudent Herren? Aber wir sagen doch „Frauenstudien“ und nicht „Damenstudien“. Und zeitgemäß eher “Geschlechterforschung” bzw. “Gender Studies”.
Neben den Frauenstudien kennt unsere Sprache auch das „Damenstudio“, wo frau sich unbehelligt ihrer Fitness widmen kann. Trotzdem sind die Kundinnen eines Damenstudios keine „Damenstudenten“.
Oder ist es eher so wie mit der Damen- und der Herrentoilette? Die Damentoilette und der Damenstudent sind für Damen da, und auf der Herrentoilette kümmern sich Herrenstudenten um die Herren?
Vielleicht hat der WKR auch einfach nur Mühe mit dem neumodischen sprachlichen Gendern und will nur ausdrücken, dass die „Herrenstudenten“ Herren sind und zugleich Studenten, und die „Damenstudenten“ Damen und ebenfalls Studenten?
Diese Interpretation läge einerseits nahe, andererseits fragt frau sich, weshalb sie dann nicht einfach Studenten und Studentinnen schreiben.
Das mag mit anderen eigentümlichen Sprachgepflogenheiten der Korpsstudenten zusammenhängen. Wenn sie ausstudiert haben, heißen sie nicht etwa Ehemalige oder Alumni, sondern „Alte Herren“. Und die Korpsstudentinnen – ja, die gibt es inzwischen auch - werden nach dem Studium „Hohe Damen“. Außerhalb der schlagenden Verbindungen sind sonst eher „alte Damen“ und „hohe Herren“ gebräuchlich, aber die Burschenschafter mögen es offenbar andersrum lieber.
Ich nehme an, für diese „hohen Damen“ und „alten Herren“ sind die hochpreisigen „Damenkarten“ und „Herrenkarten“ gedacht. Und da sie so viel blechen müssen, haben sie wohl einen Anspruch auf ein wenig persönliche Aufmerksamkeit, gewährt von Damenstudenten und Herrenstudenten. Jede Dame bekommt einen Damenstudenten zugewiesen und jeder Herr seinen Herrenstudenten. Nur so ergibt die pingelige Zuweisung der Eintrittskarten nach dem Geschlecht einen Sinn: Damit alles seine paarweise Ordnung hat.
Es ergibt sich überdies ein Bild raffinierter Nachwuchsförderung: Die Alten zahlen mehr als das Doppelte und bekommen dafür netten Kontakt mit der schneidigen männlichen Jugend. Wie es mit dem Kontakt zur lieblich-weiblichen Jugend aussieht, bleibt einstweilen unklar.
Bekannt ist ja, dass schlagende Verbindungen Männerbünde sind. Frauen haben da sowieso nichts zu suchen. Sollen sie doch ihre eigenen Verbindungen gründen, und manche tun das auch. Aber es wird für einen „normalen“ Ball wahrscheinlich kaum genügend Damen geben. Es könnte also auch so sein, dass die „Damenstudenten“ Drag Queens sind: Studenten, die Damen darstellen. Dann wäre das sogar eine halbwegs passende Bezeichnung: Es sind tatsächlich nur Studenten da, aber die einen kommen als Herren und die andern als Damen.
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27.11.2011
Ich bin eine bekennende Fernseherin. Die meisten Menschen, denen ich es frischweg oder mehr nebenbei bekenne, sehen mich verwundert an oder sprechen es sogar aus: „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“
Doch, es darf. In meiner Jugend, die mich geprägt hat wie sie uns alle prägt, war das Fernsehen etwa eine so große Sache wie heute Facebook oder die Social Media überhaupt. Meine allein erziehende Mutter (früher hieß das noch „geschieden mit drei Kindern“) konnte sich weder ein Radio noch gar einen Fernseher leisten, und so mietete ich mir denn selbst einen, wenn sie mit meinen Geschwistern in die Ferien fuhr und ich die Wohnung für mich allein hatte. Tagsüber arbeitete ich in meinem Ferien-Knochenjob, abends gab es zur Belohnung Fernsehen.
Ähnlich halte ich es bis heute, eine Belohnung abends muss sein, sonst fühle ich mich vernachlässigt, aber die Belohnung soll bequem und gemütlich sein. In-Schale-Werfen und Ins-Theater-fahren oder ähnliches - das wäre keine Belohnung, sondern Stress. Und das deutsche Fernsehen bietet genug Unterhaltsames und Gehaltvolles, dass ich täglich stundenlang fernsehen könnte, ohne mir blöd vorzukommen. Sie sehen, ich bin tatsächlich eine bekennende Fernseherin.
Ich kenne außer mir nur noch zwei andere bekennende Fernseherinnen, beide etwas älter als ich und also wohl ebenfalls von der Großen Zeit des Fernsehens geprägt: Gabriele Wohmann und Erika Pluhar. Über Gabriele Wohmann schrieb ich im Frühjahr ein Porträt zu ihrem 80. Geburtstag im kommenden Jahr. Sie war mir schon immer irgendwie sympathisch, trotz ihrer oft reichlich miesen Frauengestalten. Bei den Recherchen nun wurde ich wieder an eine Wohmannsche Marotte erinnert, die ich schon früher nett und wesensverwandt gefunden hatte: Ihr regelmäßiger und ritueller Fernsehkonsum. Das abendliche Fernsehen muss sein, sonst ist der Tag nicht richtig geglückt. Es fehlt etwas Entscheidendes, das Abschalten vor der Glotze eben.
Die andere bekennende Fernseherin ist - wahrscheinlich - Erika Pluhar. Das entnehme ich ihrem jüngsten Buch „Spätes Tagebuch“, das ich mir in den letzten Tagen als Hörbuch, gelesen von der Autorin, reingezogen habe. Zwar heißt die Ich-Erzählerin und Schreiberin des Späten Tagebuchs nicht Erika Pluhar, sondern Paulina Neblo, auch ist sie nicht Schauspielerin, sondern Tänzerin und Choreografin, aber es wird von so vielen Dingen erzählt, die sich auch im Leben der Pluhar zugetragen haben (z.B. der Tod ihrer Tochter), dass der Schluss erlaubt ist, dass auch andere Mitteilungen autobiografisch sind. Wie dem auch sei, Pluhar/Neblo ist eine passionierte Fernseherin, die sich nach des Tages erschöpfender Tagebuchschreiberei abends vor das Fernsehprogramm setzt und dazu reichlich Rotwein trinkt.
Fernseherinnen scheinen also eher selten - Fernseher gibt es dafür millionen- ja milliardenfach. In jedem Haushalt gibt es mindestens einen, häufig gibt es sogar Zweit- oder Drittfernseher. Die Fernseherin ist unter Garantie ein menschliches Wesen, der Fernseher hingegen in der Regel nicht, er ist ein Gerät, ähnlich wie der Geschirrspüler, der Staubsauger, der Rasenmäher, der Rechner, der Drucker, der Korkenzieher, der Büchsenöffner, der Wasserkocher und der Handtuchhalter. In Hannover haben wir einen Geschirrspüler, in Boston bin meist ich die Geschirrspülerin.
Es ist an der Zeit, dass die feministische Linguistik auch mal zugibt, dass die Endung -in, erdacht zur Diskriminierung des weiblichen Geschlechts, ihre klaren Vorteile hat. Sie stellt immerhin sicher, dass wir nicht mit Geräten verwechselt werden - eine Kränkung, die Männern routinemäßig widerfährt.
Immer wieder lese ich Schmähreden gegen geschlechtersensible Ausdrücke wie die Studierenden (statt: die Studenten), die Teilnehmenden (statt die Teilnehmer). Gerätbezeichnungen wie Fernseher und Geschirrspüler liefern einen weiteren guten Grund für die Wahl dieser Ausdrücke: Fernsehende, Geschirrspülende und Kartoffelschälende sind eindeutig Menschen und keine Geräte. Sollen doch die Männer froh sein, dass es endlich auch für sie Ausdrücke gibt, die sie nicht wie Maschinen aussehen lassen.
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29.10.2011
Homophobische Diskurse, Dekonstruktion, Queer Theory:
Eine feministisch–linguistische Kritik
Vorbemerkung am 29.10.2011: Diesen Aufsatz habe ich 1997 auf Englisch und etwas später auf Deutsch veröffentlicht. Die deutsche Fassung wurde 1999 in meinem Buch Die Frau ist nicht der Rede wert nachgedruckt. Meine Überlegungen, die auch helfen sollten, die Sprachquerelen der Gender Theory und der Queer Theory zu beruhigen, wurden nicht rezipiert - und so tobt der Streit weiter fort und ist kürzlich auch auf meinem Blog “Laut und Luise” ausgebrochen.
Ich hatte den Unterstrich kritisiert als eine Schreibweise, die sprachlich nicht optimal geeignet ist, ihr erklärtes Ziel - Sichtbarmachen der Queer Community (LGBTI - Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Intersexual) - zu erreichen. Meine Intervention wurde von Betroffenen mehr oder weniger vehement als Bevormundung abgelehnt.
In der Debatte ging es, wie auch schon 1997 in dem (hier erstmals im Internet zugänglich gemachten) Aufsatz, um die Frage, ob z.B Lesben, afrodeutsche Frauen, afrodeutsche Lesben und andere marginalisierte Gruppen von Frauen sich in der Kategorie “Frau” wiederfinden können oder nicht. Da ich mich 1997 mit genau dieser Frage befasst habe, könnte die Lektüre dieses Aufsatzes bei der Klärung helfen.
Wirklich ein Sprachproblem haben - außer den Frauen - m.E. die Intersexuellen und alle anderen, die sich geschlechtsmäßig nicht festlegen können oder wollen. Ihnen wird in unserer patriarchalen, hetero- und cissexistischen Kultur nur die Wahl zwischen weiblich und männlich angeboten, auf allen Ebenen, vom Personalausweis bis zur Grammatik, d.h. zur Zwangsentscheidung zwischen Berufsbezeichnungen wie “Anwalt” und “Anwältin”. Sie haben m.E. eine bessere Lösung als den Unterstrich verdient. Die Sprachgemeinschaft sollte sich gemeinsam eine umfassende Lösung sämtlicher Probleme rund um Sprache und Geschlecht ausdenken. Wichtig ist vor allem die Depriviligierung des Maskulinums, d.h. die Änderung der Bezeichnungen für Männer. Das geschieht vielleicht am elegantesten durch die Abschaffung der Endung -in: Die, der und das Student. Wörter wie “Arzt”, die immer männlich waren, können plötzlich auch feminin sein: Die Arzt. Oder das Genus wird ganz abgeschafft (Methode Behlert).
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Das Thema “Sprache und Homophobie” als Forschungsgegenstand in Deutschland und in den USA: Allgemeine und persönliche Bemerkungen
Die Probleme von Lesben und Schwulen waren immer auch Sprach- und Kommunikationsprobleme. Aber Sprach- und KommunikationswissenschaftlerInnen haben sich aus Berührungsangst lange kaum um diesen Forschungsgegenstand gekümmert. Ich wollte im Jahr 1980 meine Antrittsvorlesung an der Universität Konstanz über das Thema “Verschweigen, Leugnen, Verschleiern: Sprache und Homosexualität” halten. Ich hatte auch viele Ideen dazu, aber ich habe mich schließlich doch nicht getraut. Das Aufgreifen dieses Themas hätte damals und an jenem Ort beruflichen Selbstmord bedeutet.
Inzwischen haben wir die “gay nineties”, und die Kulturszene der USA erlebt geradezu eine Explosion von Arbeiten zur Homosexualität unter dem Etikett Queer Theory. “Mein” früher ängstlich gemiedenes Thema ist nicht nur “gesellschaftsfähig” geworden, sondern sozusagen mega-in. Über Homosexualität zu theoretisieren bedeutet, an der Spitze der postmodernen kritischen Theorie mitzumarschieren, zumindest in den USA. (Die deutsche Männer–Universität dagegen ist, so weit ich weiß, noch immer weitgehend ignorant, nachdem sie bereits die Explosion der feministischen Theorie während der letzten zwanzig Jahre getrost verschlafen hat.)
Buchtitel wie: Queer Words, Queer Images: Communication and the Construction of Homosexuality (Ringer 1994), Queerly Phrased: Language, Gender, and Sexuality (Hall & Livia 1997), Beyond the Lavender Lexicon: Authenticity, Imagination and Appropriation in Lesbian and Gay Languages (Leap 1995) - um nur einige zu nennen - belegen das breite Spektrum der Fragestellungen und machen die ungeheure Produktivität auf einem Gebiet deutlich, das bis vor wenigen Jahren nicht einmal existierte, weil lesbische und schwule LinguistInnen und Linguisten durch das hochtoxische homophobe Universitätsklima erfolgreich zum Schweigen gebracht worden waren.
Wir leben im Zeitalter von Aids; das Leben ist zu kurz und zu kostbar, um es im Versteck zu verbringen. Allenthalben haben sich Schwule organisiert und - angesichts der Untätigkeit der Regierungen - zunehmend radikalisiert. Sie haben nichts mehr zu verlieren, wenn sie aus dem “Closet” herauskommen, um endlich auch ihre BürgerInnenrechte zu fordern wie alle anderen diskriminierten Gruppen: “Lesben und Schwule sind die letzte verbliebene Gruppierung, gegen die öffentlich zurschaugestellte Diskriminierung in Ordnung ist, von der High School bis zum U.S. Senat. Wir sind eine Gruppe, deren Recht zu lieben wie wir wollen in der Hälfte der Staaten der Union kriminalisiert wird, und unsere Regierung diskriminiert uns ganz offiziell”, schreibt Larry Gross in Contested Closets: The Politics and Ethics of Outing (1993: 172f).
Um meine eigene Geschichte kurz zu Ende zu erzählen: Beruflichen Selbstmord habe ich damals dann doch noch begangen durch mein Engagement in der feministischen Linguistik. Also kann ich nun getrost noch einen Schritt weitergehen und mich dem öffentlichen Nachdenken über die vielschichtigen Zusammenhänge zwischen Homophobie, Queer Theory und meinem Fachgebiet Linguistik widmen.
Foucault, Halperin und Sedgwick über den homophobischen Diskurs und was dagegen zu tun ist
Warum Foucault lesen - und wie?
Ich hatte - von dem her, was ich über Foucault gelesen hatte - schon immer das Gefühl, daß seine Arbeiten überaus wichtig für die Queer Theory sind, das heißt - und so würde ich es genannt haben, bevor Queer Theory entstand - für den Versuch, meine Situation wenigstens theoretisch “in den Griff zu bekommen”, die Art von Leben, die ich zu leben gezwungen wurde, wenigstens intellektuell zu “meistern”. Aber ich war unfähig, Foucault zu lesen; ich konnte in seine hermetisch–verworrene Schreibweise einfach nicht eindringen, konnte nicht verstehen, was er mir vielleicht Wichtiges zu sagen hatte. Foucault-Lektüre machte mich entweder ärgerlich, oder sie langweilte und deprimierte mich.
Daher bin ich hocherfreut, daß ich einen glühenden Anhänger, ja (selbsternannten) Hagiographen Foucaults gefunden habe, der die wichtigsten Ideen des Theoretikers darüber, wie mit Homophobie umzugehen sei, zu einem lesbaren Text für die gewöhnliche LeserIn destilliert hat. Die Rede ist von David Halperin und seiner Studie Saint Foucault (1995).
Zunächst werde ich Halperin übersetzend zitieren - in einiger Ausführlichkeit, wie ich zugeben muß - um Ihnen einen Eindruck von Foucaults Ideen zu diesem Thema zu geben. Halperins Ausführungen zusammenzufassen, hätte nicht viel gebracht, weil er selbst ja Foucault schon zusammenfaßt. Danach möchte ich einige dieser Ideen aus linguistischer Sicht kritisieren.
Halperin referiert Foucaults Ideen zum homophobischen Diskurs wie folgt:
...Foucaults Untersuchung ... der politischen Ökonomie des sexuellen Diskurses ... ermöglicht es uns, einige wirksame Strategien zu entwickeln, wie den diskursiven Operationen des zeitgenössischen homophobischen Diskurses entgegen-zutreten und zu widerstehen sei. ... Foucault ... lehrt uns, einen Diskurs strategisch zu analysieren, nicht hinsichtlich dessen, was gesagt wird, sondern hinsichtlich dessen, was der Diskurs tut und wie er funktioniert. (30)
Der Effekt der politischen Herangehensweise an den Diskurs à la Foucault ist es, den Focus zu verlagern ...von Fragen der Wahrheit zur Frage der Macht. Diese Verlagerung hat sich für die Analyse des homophobischen Diskurses als äußerst nützlich erwiesen. Sie hat sich als wesentlich erwiesen auch für das größere Projekt der Delegitimierung heterosexistischer Anmaßung und der Stärkung schwuler Praktiken des Wissens und der Gemeinschaft. (31)
...wir haben uns zu wehren ... gegen universelle und vielfältige Strategien der Homophobie, die den öffentlichen wie den privaten Diskurs bestimmen, das gesamte Feld der kulturellen Repräsentation durchdringen und ... überall sind. Die Diskurse der Homophobie ...können durch rationale Argumente nicht widerlegt werden…; ihnen kann nur Widerstand entgegensetzt werden. Weil nämlich homophobische Diskurse nicht reduzierbar sind auf eine Menge von Aussagen mit einem bestimmten Wahrheitsgehalt, die rational überprüft werden können. Homophobische Diskurse fungieren vielmehr als Teil einer allgemeineren und systematischen Strategie der Delegitimierung. Wenn ihnen Widerstand entgegengesetzt werden soll, so muß es strategischer Widerstand sein. Das heißt, die eine Strategie muß mittels einer anderen Strategie bekämpft werden. (32f.)
Homophobische Diskurse setzen sich zusammen aus potentiell unendlich vielen untereinander austauschbaren Aussagen, so daß, wann immer eine der Aussagen falsifiziert oder disqualifiziert worden ist, eine andere hübsch und effektiv an ihre Stelle treten kann, selbst wenn sie der ursprünglichen Aussage exakt widerspricht. (33)
Homophobische Diskurse sind also inkohärent, aber ihre Inkohärenz macht sie nicht etwa wirkungslos - sie stärkt sie vielmehr. Tatsächlich operieren homophobische Diskurse strategisch mittels logischer Widersprüche. Die logischen Widersprüche, die den homophobischen Diskurs ausmachen, erzeugen eine Reihe von Doppelbindungen, die - inkohärent, aber nichtsdestoweniger effektiv und systematisch - dazu dienen, das Leben von Lesben und Schwulen zu beschädigen. (34)
Halperin illustriert dann diese letztere Behauptung mit den gängigen Definitionen der Homosexualität als entweder einer “unabänderlichen Eigenschaft” oder eines “Verbrechens” und mit Sedgwicks Analyse des homosexuellen Verstecks (closet) als eines “unmöglichen, widersprüchlichen Ortes” (34). Laut Sedgwick ist es ebenso unmöglich, im Versteck zu sein wie außerhalb des Verstecks zu sein, und das Herauskommen (coming out) ist immer sowohl zu früh als auch zu spät (34f).
Halperin fährt fort:
So wie ‘der/die Homosexuelle’ vom homophobischen Diskurs konstruiert wird, handelt es sich in der Tat um eine unmöglich widersprüchliche Kreatur. Denn ‘der/die Homosexuelle’ ist gleichzeitig
(1) sozial unangepaßt
(2) ein unnatürliches Monster, ein Freak
(3) einE moralischeR VersagerIn
(4) sexuell pervers.
Nun ist es natürlich nicht möglich, all diese Dinge auf einmal zu sein, jedenfalls im Rahmen einer nachkantischen Ethik. Zum Beispiel kann eineR nicht krank und tadelnswert zugleich bezüglich desselben Defektes sein - aber das macht nichts: solche Attribute mögen sich nach logischen Regeln gegenseitig ausschließen. Nach praktischen, d.h. politischen Regeln sind sie vollkommen kompatibel. Sie schließen sich nicht nur gegenseitig nicht aus, sondern sie verstärken sich gegenseitig auch noch. Sie wirken zusammen und erzeugen, wieder und immer wieder denselben Effekt: die Ablehnung ‘der Homosexuellen’. (46).
Kritik
a) Diese schrecklichen Dichotomien (engl.: binarisms) ...
Ich stimme Halperins auf Foucault gestütztem Rat von Herzen zu, daß Lesben und Schwule nicht zu viel Zeit damit verschwenden sollten, gegen homophobische oder heterosexistische Rede zu argumentieren. In der Regel lohnt sich das wirklich nicht. Statt gegen HomophobikerInnen zu argumentieren, sollten wir die Zeit dafür nutzen, uns selbst und unsere Gemeinschaft zu stärken.
Ich stimme Halperin jedoch nicht zu hinsichtlich seiner Analyse des Wortes/Konzeptes “homosexuell” - wie ich überhaupt mit den meisten sprachlichen Analysen des post-strukturalistischen akademischen Feminismus und der Queer Theory in den USA nicht einverstanden bin und ihre sprachlichen Sorgen und Streitigkeiten meist überflüssig, weil unbegründet finde.
Der akademische Feminismus der USA verdankt vieles dem französischen Feminismus von Theoretikerinnen wie Kristeva, Irigaray, Cixous, Wittig. Der französische Feminismus verdankt vieles dem Strukturalismus, Poststrukturalismus und Dekonstruktionismus (Lévy–Strauss, Barthes, Lacan, Derrida). Beide Schulen gehen zurück auf Ideen de Saussures und einiger anderer Linguisten/Strukturalisten wie Jakobson und Trubetzkoy, ohne sie unbedingt verstanden zu haben. Sie haben sich einfach einige Werkzeuge der europäischen strukturalistischen Linguistik ausgeliehen (z.B. aus der Phonologie die Begriffe ‘Markiertheit’ und ‘Unmarkiertheit’) und benutzten sie für Aufgaben, für die sie nie gedacht waren. Wenn ich als Linguistin all diese hochtheoretischen Elaborate lese, habe ich nicht selten den Eindruck, einer Blinddarmoperation beizuwohnen, durchgeführt von einem beherzten Team von PsychologInnen, HistorikerInnen, AnthropologInnen, LiteraturwissenschaftlerInnen und PhilosophInnen, die bedeutungsvoll mit einem Operationsbesteck herumhantieren, das eigentlich für Gehirnchirurgie gedacht war.
Ich denke, es ist an der Zeit, daß die feministische Linguistik eine professionelle Kritik dieser Art Rhetorik und dieses mystifizierenden Jargons vorlegt. Hören Sie sich mal diese Kostprobe einer “linguistischen Analyse” an, dargebracht von Halperin (einem Professor der Literaturwissenschaft am Massachusetts Institute of Technology, dem berühmten MIT):
Die Dichotomie ‘heterosexuell/homosexuell’ ist selbst ein Produkt der Homophobie, genau wie die Dichotomie ‘Mann/Frau’ ein Produkt des Sexismus ist. Jede besteht aus zwei Termen, wobei der erste jeweils unmarkiert und unproblematisiert ist, der zweite dagegen markiert und problematisiert: er bezeichnet eine Kategorie von Personen, die etwas unterscheidet von normalen, unmarkierten Leuten. Der markierte (oder queer) Term fungiert letztlich nicht als ein Mittel zur Bezeichnung einer realen oder bestimmten Klasse von Personen, sondern als ein Mittel, den unmarkierten Term zu begrenzen und zu definieren - durch Negation und Opposition.
Obwohl der unmarkierte Term eine Art Präzedenz oder Priorität über den markierten Term beansprucht, folgt aus der Logik der Supplementarität die Abhängigkeit des unmarkierten Terms vom markierten: Der unmarkierte Term braucht den markier-ten, um sich selbst als unmarkiert hervorzubringen. ... ‘Homosexuell’ ist wie ‘Frau’ kein Name, der sich auf einen natürlichen Gegenstand bezieht; es ist eine diskursive und homophobische Konstruktion, die als Gegenstand fehlidentifiziert wurde unter dem erkenntnistheoretischen Regime des Realismus. (45)
Mir scheint, der größte Fehler dieser Art des Räsonierens, die einen Großteil der heutigen hochmodernen gender studies und queer studies durchzieht, ist die Konzentration auf linguistische Mikro- oder aber Makrostrukturen unter Auslassung jeglichen “linguistischen Bindegewebes” dazwischen, wie etwa der Gegenstandsbereiche der Grammatik, Pragmatik und Semantik. Tausende von Seiten wurden verfaßt über den Inhalt bzw. die Definition isolierter Wörter wie woman, man, sex, gender, heterosexual, homosexual, lesbian, gay, queer - oder über verschiedene Arten von Diskursen, wie etwa den homophobischen Diskurs, wobei Diskurs auf praktisch unabsehbare Massen von Texten und Äußerungen referiert. All diese analytische Arbeit über Wörter und Textmassen wird unternommen ohne irgendeinen Bezug auf die moderne feministische Linguistik oder auch nur auf die moderne linguistische Theorie. Sogenannte “Binärismen” (Dichotomien wie ‘Frau/Mann’ oder ‘homosexuell/ heterosexuell’) werden aufgefaßt als Produkte der Hölle und müssen mittels Dekonstruktion unschädlich gemacht werden.
Die feministische Linguistik hat sich mit diesen Binärismen seit bald 30 Jahren ausführlich beschäftigt und z.B. gezeigt, daß die beiden “binären” Wortpaare woman/ man und homosexual/heterosexual, obwohl sie einiges gemeinsam haben, doch für eine feministische Sprachpolitik zwei sehr unterschiedliche Probleme darstellen.
Erstens: Markiert im technischen Sinn ist nur woman in Bezug auf man, weil man ‘Mann’ nicht nur als der Oppositionsterm zu woman fungieren kann, sondern zugleich als übergeordneter oder generischer Term [in der Bedeutung ‘Mensch’]. Auf der einen Seite haben wir Ausdrücke wie “When a man loves a woman” auf der anderen Sätze wie “All men are equal”, die Frauen einschließen sollen.
Der Term heterosexual dagegen wird niemals als generischer Term für Homo- und Heterosexuelle verwendet. Wenn nun beide “Binärismen” in denselben Topf geworfen werden, nur weil Homosexuelle und Frauen unterdrückte Gruppen sind und sowohl Homophobie als auch Sexismus unterdrückerische Ideologien oder Einstellungen sind, so muß das Konfusion erzeugen. Wenn man behauptet, daß homosexual der markierte Term ist, wie läßt sich dann die Tatsache erklären, daß homosexuelle Frauen in Bezug auf homosexuelle Männer “markiert” sind: Die Wörter gay und homosexual sind selber unmarkiert, d.h. generisch verwendbar, können auf Männer und Frauen referieren, nicht aber das Wort lesbian. Wir haben es hier mit ziemlich verschwommenem Denken zu tun.
Außerdem muß, um die Binärismen erfolgreich zu bekämpfen, ein Sprachgebrauch etabliert werden, der den generischen Term seiner “Unmarkiertheit” beraubt. Genau das haben Feministinnen getan, indem wir Richtlinien gegen sexistischen Sprachgebrauch entwickelt und durchgesetzt haben, so daß heute das alte “generische” oder “unmarkierte” Maskulinum durch eine neutralere Ausdrucksweise ersetzt wird, meistens die Doppelform (Studentinnen und Studenten statt bloß Studenten wie ehedem; he or she anstelle von he
).
Im Deutschen ist diese sprachtherapeutische Arbeit sehr viel schwieriger als im Englischen, aber insgesamt haben wir doch erfolgreich dafür gesorgt, daß das Maskulinum nunmehr fast so markiert ist wie das Femininum (vgl. Pusch 1984 und 1990; Hellinger 1985; Fuchs & Müller 1993; Samel 1995). Das Resultat unserer Bemühungen wird zusammengefaßt in dem handlichen Slogan: “Das Maskulinum ist nicht mehr das, was es einmal war” - was bedeutet: Es hat seine Unmarkiertheit verloren, die Möglichkeit, als generischer Term für beide Geschlechter stehen zu können. Der maskuline Term wird automatisch markiert, wenn er zusammen mit dem femininen Term benutzt wird.
Zweitens: Das Problem mit dem “Binärismus” ‘Homo- und Heterosexualität’ hat nichts mit Markiertheit zu tun, sondern mit Prototypizität. Heterosexualität ist die prototypische Sexualität, und männliche Homosexualität ist die prototypische Homosexualität. Die Kategorien ‘homosexuell’, ‘heterosexuell’, ‘gay’ und ‘lesbisch’ wie auch ‘Mann’ und ‘Frau’ sind radiale Kategorien im Sinne von Lakoff (1987), genau wie die Kategorie ‘Mutter’, die er ausführlich analysiert, um den Begriff ‘radiale Kategorie’ zu erklären. Typisch für radiale Kategorien ist, daß sie eine oder mehrere zentrale Subkategorien haben sowie nichtzentrale Erweiterungen, meist Varianten der zentralen Subkategorie. Die Beziehungen zwischen der oder den zentralen Subkategorie(n) und ihren nichtzentralen Varianten sind meist nicht logisch, sondern pragmatisch motiviert.
b) Wörter und Identität
Eine Konsultation der Theorien von Rosch und Lakoff über Prototypen–Effekte in der Sprache hätte die erbitterten “Identitäts–Debatten” zwischen “Minderheits-Frauen” (Afro-Amerikanerinnen, Chicana–Frauen, Latina–Frauen, asiatisch-amerikanischen Frauen) und weißen US-amerikanischen Feministinnen der Mittelschicht leicht beruhigen können, Debatten, die um die Frage kreisten, worauf genau sich der Ausdruck Frau eigentlich beziehe. Weißen Feministinnen, die den Begriff ‘Frau’ benutzten, ist sicherlich vorzuwerfen, daß sie die Perspektive ihrer eigenen Schicht und Rasse verallgemeinert haben und nicht genügend an Frauen anderer Schichten und Ethnien gedacht haben - ein typischer Prototypen-Effekt. Männer haben die Angewohnheit, sich selbst als Repräsentanten der Gattung Mensch zu betrachten - ein anderer Prototypen–Effekt, den die feministische Linguistik ziemlich erfolgreich bekämpft hat. Wir erreichten dies durch - auch und vor allem sprachliche - Sichtbarmachung der Frauen und durch erhöhtes politisches Engagement. Prototypen–Effekte in der Sprache haben zu tun mit Häufigkeit des Vorkommens und Sichtbarkeit. In Nordeuropa ist der Apfel das prototypische Obst, in Südeuropa ist es die Apfelsine, noch weiter südlich die Banane.
Die meisten - meines Erachtens völlig unnötigen - Sprachquerelen der Gender Theory und der Queer Theory liegen daran, daß ihre Begriffsanalysen auf Aristoteles’ klassischer Kategorienlehre fußen und somit davon ausgehen, daß alle Mitglieder einer Kategorie eine Reihe von definierenden Eigenschaften gemeinsam haben. Wenn eine Entität eine der definierenden Eigenschaften nicht besitzt, kann sie nach dieser Lehre kein Mitglied der betreffenden Kategorie sein. Wenn Heterosexualität eine definierende Eigenschaft der Kategorie ‘Frau’ ist, dann gilt, per definitionem, der berühmte Satz von Monique Wittig: “Lesben sind keine Frauen” (Wittig 1992:32).
Wenn eine an die Richtigkeit der klassischen Kategorienlehre glaubt - wie es die meisten anscheinend tun - dann muß sie in der Tat verzweifeln, wenn sie sich in und von bestimmten Diskursen systematisch ausgeschlossen sieht:
• als Frau ausgeschlossen aus der Menschheit im patriarchalen Diskurs
• als starke, unabhängige Frau ausgeschlossen aus der Klasse der Frauen im patriarchalen Diskurs (vgl. Beauvoir)
• als Afro–Amerikanerin ausgeschlossen aus der Klasse der Frauen im feministischen Diskurs in den USA der 70er und 80er Jahre
• als Lesbe oder Schwuler ausgeschlossen aus der Menschheit im heterosexistischen Diskurs
• als Lesbe, die Lippenstift benutzt oder S/M praktiziert, ausgeschlossen aus der der Klasse der Lesben im lesbisch–feministischen Diskurs
Eine solcherart ausgeschlossene Person oder Gruppe wird die Wörter und Kategorien ablehnen, die sie auszuschließen scheinen, weil sie an die Alles–oder-nichts-Bedingungen der Kategorienmitgliedschaft glaubt, wie die klassische Kategorienlehre sie vertritt.
Linguistisch bewiesen ist jedoch, daß Kategorien keineswegs einen gemeinsamen Kern, eine Essenz, zu haben brauchen. Vielmehr haben sie eher eine Familienähnlichkeits-Struktur. Diese von Wittgenstein inspirierte Konzeptualisierung der Kategorien als eher “verschwommen” (fuzzy), besagt, daß Kategorien für gewöhnlich Eigenschaften gemeinsam haben, daß aber diese Eigenschaften nicht unbedingt notwendig oder hinreichend sind für Mitgliedschaft in der Kategorie. Zum Beispiel fliegen die meisten Vögel und bauen Nester, aber der Vogel Strauß tut weder das eine noch das andere. Nicht alle Mitglieder der Kategorie sind gleich repräsentativ für die Kategorie. Zum Beispiel denken die meisten Leute, daß ein Spatz ein besseres Beispiel für einen Vogel ist als eine Ente. Ein weiteres Problem ist, daß für viele Begriffe nicht einmal ExpertInnen in der Lage sind, definierende Eigenschaften anzugeben.
c) “Inkohärenz” und “Widersprüchlichkeit” sind normale Eigenschaften von Begriffen
Wenn Gender-TheoretikerInnen und Queer -TheoretikerInnen diese Erkenntnisse sowie Lakoffs grundlegende Theorie der Kategorisierung in natürlichen Sprachen berücksichtigt hätten, hätten sich die Sprachdebatten wahrscheinlich vermeiden lassen. Die Voraussetzungen, auf denen sie basieren, sind einfach falsch. Wenn zum Beispiel gezeigt werden kann, daß der Begriff ‘Mutter’ genauso ‘inkohärent’ und ‘widersprüchlich’ ist wie der Begriff ‘homosexuell’. dann erscheint es nur noch wenig sinnvoll, die Inkohärenz der Homophobie zur Last zu legen, wie Halperin und Sedgwick es tun. “Inkohärenz” und “Widersprüchlichkeit” sind einfach normale Eigenschaften von Kategorien in natürlichen Sprachen. Der Begriff ‘Mutter’ wird typischerweise konzeptualisiert als ‘eine Frau, die ein Kind geboren hat’, aber wir haben auch das Wort Stiefmutter - eine Stiefmutter hat per definitionem das Kind nicht geboren, dessen Stiefmutter sie ist. Sie ist vielmehr die Ehefrau des Vaters. Nach Lakoff ist ‘Mutter’ ein Begriff, der sich auf ein komplexes Modell gründet, das mehrere individuelle kognitive Modelle vereint, die zusammen ein Cluster–Modell bilden. Die Modelle in dem Cluster sind: Das Geburtsmodell, das genetische Modell, das Fürsorgemodell, das Heiratsmodell und das Abstammungsmodell (Lakoff 1987:74). Die Stiefmutter ist Mutter nach dem Heiratsmodell.
Wenn wir Lakoffs Theorie der idealisierten kognitiven Modelle (ICMs) auf die Sprachprobleme der feministischen und queer Theorie der letzten Zeit anwenden, werden die Dinge sehr einfach und eignen sich nicht mehr so hübsch für hochgesto-chenes Herumtheoretisieren. Der Begriff ‘Homosexualität’ gehört demnach zu einem Cluster, das sich aus den folgenden ICMs zusammensetzt:
• Das Modell der Objektbeziehungen: Homosexuelle sind Menschen, deren sexuelle Orientierung auf Personen des eigenen Geschlechts gerichtet ist
• Das “transsexuelle” Modell der Sexualwissenschaft des 19. Jahrhunderts: Homosexuelle sind Menschen, die im Körper des “entgegengesetzten” Geschlechts gefangen sind
• Das psychotherapeutische Modell, das in den USA bis 1974 offiziell gültig war: Homosexuelle sind Menschen, die an einer Perversion des Geschlechtstriebs leiden
• Das christlich-fundamentalistische Modell: Homosexuelle sind Menschen im Sumpf eines sündigen und perversen Geschlechtslebens
• Das kriminologische Modell (gültig in Deutschland bis 1969): Ein homosexueller Mann ist jemand, der kriminelle sexuelle Akte begeht
• Das lesbisch–feministische Modell: Eine Lesbe ist eine Frau, die weiß, was sich gehört und nicht mit dem Feind schläft
• Das Modell der Queer Theory: Eine “queer person” ist eine Person, die “quer steht zum Normalen, zum Legitimen und Dominanten” (Halperin 1995:62)
Es ist wichtig zu verstehen, daß die Koexistenz von ICMs, die einander widersprechen, kein hinterhältiges Charakteristikum des homophobischen Diskurses ist, sondern vielmehr eine typische Eigenschaft von Wörtern natürlicher Sprachen.
Wie können wir Homophobie effektiv bekämpfen: Foucaultsche Strategien und ein bescheidener feministischer Vorschlag
Halperins und Foucaults Vorschläge
Gegen Ende seiner Zusammenfassung der Foucaultschen Ideen über Homophobie fragt Halperin: “Wenn nun also Macht überall ist ... welche Art antihomophobischer Strategien ermöglicht dann der Apparat der Homophobie?” Und er benennt drei Hauptstrategien, die Foucault vorgeschlagen hat (1995: 48-52):
1: Kreative Aneignung und Resignifikation (wie wenn z.B. eine schwule Disco Hypothalamus genannt wird, nachdem Wissenschaftler das “schwule Gen” im Hypothalamus lokalisiert haben).
2. Aneignung und Theatralisierung (Beispiel: Als Newsweek eine “Lesbennummer” mit dem Slogan herausbrachte “Was sind die Grenzen der Toleranz?” konterte die Bay Times in San Francisco mit einer “Heteronummer”, geschmückt mit demselben Slogan).
3. Vorführung (exposition) und Demystifizierung: “Wenn, wie Foucault feststellt, ‘der Erfolg der Macht proportional ist zu ihrer Fähigkeit, ihre eigenen Mechanismen zu verbergen’ dann mag die Vorführung dieser Mechanismen etwas dazu beitragen, ihre Machenschaften zu frustrieren. Genau das war ja die Aufgabe, die Foucault sich als Wissenschaftler gestellt hatte.” Halperin schließt mit den Worten: “Eine Methode, die Homophobie zu bekämpfen, wäre demnach die Vorführung der Mechanismen des homophobischen Diskurses, so wie ich es hier versucht habe (...)” (1995:52).
Ein bescheidener Vorschlag, ausgehend von bewährten feministisch-linguistischen Strategien
Als Feministinnen und feministische Linguistinnen haben wir alle drei genannten Strategien, besonders die Vorführung und die Demystifizierung, von Anfang an erfolgreich angewandt; das ist aber Foucault und Halperin natürlich nicht weiter aufgefallen.
Wie ich aber in meiner Kritik zu zeigen versucht habe, sind manche der “Mechanismen des homophobischen Diskurses”, die Halperin identifiziert zu haben glaubt, nichts weiter als normale Eigenschaften natürlicher Sprachen. Wenn dies so ist, wenn die sogenannten Binärismen nicht wirklich Teufelszeug sind, und wenn die widersprüchlichen und inkohärenten Begriffe nicht hinterhältig–homophobischen Ursprungs sind, wo und wer ist dann der Feind, und wie können wir ihm beikommen?
Ich meine, daß wir es bezüglich des homophobischen Diskurses mit exakt zwei Feinden zu tun haben, nämlich:
1) Die durchgehende Annahme der Heterosexualität, prägnanter gesagt: die heterosexistische Anmaßung
2) die weitverbreitete Verleumdung der Homosexualität
Der Kampf gegen diese beiden Feinde hat, wie leicht zu erkennen ist, große Ähnlichkeit mit dem feministischen Programm, Frauen sichtbar und stark zu machen und läßt sich wie folgt umreißen:
Lesben und Schwule sichtbar machen und stärken.
Die feministische Linguistik hat den patriarchalen Diskurs erfolgreich geschwächt durch eine große Palette von Maßnahmen, von der Durchsetzung neuer Gebrauchsnormen bis zu guter alter Aufklärung gegen sexistische, heterosexistische und homophobische Ideologien. Ein wichtiger Teil der Aufklärungsarbeit geschah mit Hilfe von Richtlinien gegen sexistischen Sprachgebrauch. Wir haben nunmehr auch ausführliche Richtlinien gegen heterosexistischen Sprachgebrauch - eine der denkbar schärfsten Waffen gegen Homophobie. Die Richtlinien wurden formuliert vom Committee on Lesbian and Gay Concerns der American Psychological Association und wurden im September 1991 in der Fachzeitschrift American Psychologist veröffentlicht (S. 973-4), online hier. Ich ersuche Sie dringend, die Richtlinien zu befolgen und zu verbreiten.
Schlußbemerkung:
Es hat mir Spaß gemacht, zu zeigen, daß bestimmte Spielarten der Gender Theory und der noch schickeren Queer Theory, die sich in ihrer Begrifflichkeit gern bei der Linguistik bedienen, linguistisch nicht ganz auf der Höhe sind. Wenn mit dem hochtrabenden Jargon dann auch noch gutwillige Mitmenschen eingeschüchtert werden, wie es allenthalben geschieht, wird es Zeit, daß wir altmodischeren Feministinnen diese neuste Abart des akademischen Imponiergehabes, das auch an der deutschen Männer-Universität immer mehr an Boden und Ansehen gewinnt, auf den Teppich zurückholen. Eine Theorie, die wie die feministische und auch die Queer Theory erklärtermaßen für die Befreiung unterdrückter Gruppen eintritt, sollte dies doch in einer Sprache tun, die möglichst vielen der Betroffenen zugänglich ist. Sonst wird sie unglaubwürdig und gerät in Verdacht, sich durch ausgrenzende Hochgestochenheit (Stichwort “Herrschaftssprache”) der Männerbastion Universität anzudienen.
Eines meiner Ziele beim Verfassen dieses Vortrags war es, all denen, denen der beschriebene Jargon zum Halse heraushängt, handfeste Gründe zu nennen, weshalb sie sich darüber nicht allzu sehr grämen sollten. Wenn sie die betreffenden Elaborate nicht lesen wollen oder können, verpassen sie wahrscheinlich nicht gar so viel. Wie ich für den Spezialfall “erfolgreiche Bekämpfung des homophobischen Diskurses” gezeigt habe, brauchen wir dazu keine Queer Theory und keine Gender Theory. Die altbewährten feministischen Strategien tun es auch. Allerdings wurden diese nicht von Männern entworfen oder abgesegnet und genießen deshalb kein akademisches Ansehen. Aber darauf kommt es ja letztlich auch nicht an, oder?
Literatur:
Foucault, Michel. 1978. The History of Sexuality, vol. I: An Introduction. Übs. aus d. Frz. Robert Hurley. New York. Pantheon Books.
Goffman, Erving. 1963. Stigma: Notes on the Management of Spoiled Identity. Englewood Cliffs, NJ. Prentice-Hall.
Gross, Larry. 1993. Contested Closets: The Politics and Ethics of Outing. Minneapolis; London. The University of Minneapolis Press.
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