27.06.2009

Sel’ge Base

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Dreiunddreißigste Lektion.

Eine Base ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Ännchens berühmte Arie aus dem Freischütz beginnt mit den Worten:

Einst träumte meiner sel’gen Base…

Das ist noch nichtmal 200 Jahre her, und schon sind fast alle Wörter Ännchens nicht mehr in Gebrauch. Heute müsste sie stattdessen singen:

Meine verstorbene Tante hat mal geträumt …

Früher bedeutete Base “Schwester des Vaters” (Muhme war die Schwester der Mutter, so genau nahm man das damals). Dann übernahm Muhme auch die Funktion der “Base”, und die “Base” verjüngte sich zu “Tochter eines Geschwisters der Eltern”. Dann kam die Base aus der Mode und musste der Cousine weichen.

Es träumt uns auch nichts mehr, sondern wir träumen selber, und die Seligen sind für uns nur noch Verstorbene.

Noch in den 50-er Jahren wurde ich von meiner Tante angehalten, ich sollte statt der “undeutschen” Bezeichnungen “Cousin” und “Cousine” besser “Vetter” und “Base” sagen. Zum Glück verlangte sie nicht, mit “Muhme” angeredet zu werden. “Vetter” wäre ja noch angegangen, aber “Base”, das klang mir doch furchtbar verschroben. In ihrer Familie hatte ich neben den fünf Vettern nur eine “Base”, und so kam das Problem nicht so oft in den Blick…

Heute sehe ich den Rat meiner seligen Tante wieder mit anderen, eher feministischen Augen. “Base” hat gegenüber “Cousine” den Vorzug, dass es ein eigenständiges Wort ist, nicht aus einem Maskulinum (Cousin) abgeleitet. Eine Tante möchte ja auch nicht Onkelin genannt werden, und schon gar nicht will der Onkel Tanterich heißen. Und weshalb ein “Vetter” akzeptabler sein soll als eine “Base” ist auch nicht einzusehen.

*****
Die verachtete und längst vergessene Base begegnet mir plötzlich auf Schritt und Tritt, überall sind Reklametafeln aufgestellt, in denen für sie geworben wird:

Frauenbild

Base ist eine Marke des deutschen Mobilfunknetzbetreibers E-Plus, die zur Zeit so aggressiv beworben wird, dass sie sogar mir auffiel.

Die 5 Männer, die als Geschäftsführer von Base firmieren, werden vermutlich an alles andere gedacht haben als ausgerechnet an Base wie Cousine. Die Base alten Stils ist ihnen vermutlich so fremd, dass ihnen die Übereinstimmung nichtmal eingefallen ist. Auf ihrer Webseite jedenfalls befindet sich eine Schaltfläche, auf der steht “Mein Base”.

Warum haben sie ihre Firma nicht Tante genannt? Da es sich um ein Telekommunikationsunternehmen handelt, wäre doch “Klatschtante” genau so stimmig gewesen wie “Klatschbase”.

FrauenbildNein - genau wie die Flat-Rate, auf die Base so stolz ist, orientiert sich auch Base am Englischen und soll vermutlich englisch ausgesprochen werden und nicht treudeutsch - treudoof. Base wie Database und Basics undsoweiter.

Und was ist mit den Raketenbasen und Militärbasen? Am besten abschaffen, mögen auch sie schleunigst zu sel’gen Basen werden. Solange das nicht geplant ist, sollten wir Klatschbasen uns diesen Missbrauch einer altehrwürdigen weiblichen Verwandtschaftsbezeichnung verbitten. Ab sofort heißt es “Raketen-” und “Militärvettern”.

# | Luise F. Pusch am 27.06.2009 um 11:13 PM | Druckversion

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20.06.2009

Šarka

Sie sind auf der Suche nach einem schönen Namen für Ihre Tochter? Wie wäre es mit Šarka (gesprochen Scharka)?

1names.de meldet: “Šarka ist auf Platz 111 der beliebtesten weiblichen Vornamen von insgesamt 21397 weiblichen Namen. Für den Namen wurden bereits 250 Stimmen abgegeben.”

Und ein Thomas gesteht auf derselben Seite: “Meine Freundin hat diesen Namen. Er gefiel mir vom ersten Augenblick an, es war Liebe auf den ersten Blick.”

So erging es auch dem Helden Ctirad mit Šarka, und er zahlte dafür mit dem Leben. Denn die Šarka der tschechischen Sage vom “Mädchenkrieg” war eine listenreiche und unerbittliche Rächerin.

Aber der Reihe nach:

Im Mai saß ich wegen einer hartnäckigen Erkältung mit einem Tuch über dem Kopf am Tisch und inhalierte die heißen Dämpfe der Kamille. Zur Unterhaltung hatte ich mir Smetanas “Ma Vlast” (deutsch unschön übersetzt mit “Mein Vaterland”) aufgelegt, eine 25 Jahre alte Aufnahme mit Kubelik, mitgeschnitten aus dem TV.

Fernsehen mit einem Tuch überm Kopf? Natürlich - bei so alten Orchester-Aufnahmen gibt es ja nichts Schönes zu sehen, keine einzige Frau spielt da mit!

Smetana ist 1884 gestorben; 1984 brachten sie zum 100. Todestag diese Aufnahme mit dem Sinfonieorchester des Bayrischen Rundfunks. 25 Jahre später, zum 125. Todestag am 12. Mai, haben sie sie wieder hervorgekramt.

1984 fühlte man sich noch dem Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens verpflichtet. Der Zyklus “Ma Vlast” ist Programm-Musik, und das Programm wurde jeweils getreulich verlesen. Heute gälte das das wohl als zu “wortlastig”.

Die ersten beiden Sätze, Vyšehrad und Die Moldau, waren schon majestätisch bzw. poetisch vorbeigerauscht, da belehrte mich der Sprecher über den dritten Satz, “Šarka” betitelt. Er benutzte Smetanas eigene Erläuterungen:

In dieser Komposition ist nicht die Gegend festgehalten, sondern die Handlung, die Sage von der Maid Šarka, die in leidenschaftlichem Zorn über die Untreue des Geliebten dem ganzen männlichen Geschlecht bittere Rache schwört. Aus der Ferne dringt Waffenlärm. Ctirad ist mit seinen Knappen im Anmarsch, um die streitbaren Mädchen zu bezwingen und zu bestrafen. Er vernimmt schon von weitem das (nur listig vorgeschützte) Klagen einer Maid, erblickt Šarka an einen Baum gebunden und ist von ihrer Schönheit bezaubert. Er entbrennt in heißer Leidenschaft zu ihr und befreit sie. Šarka versetzt mit einem bereitgehaltenen Trunke Ctirad und die Knappen in Rausch und zuletzt in tiefen Schlaf. Auf ein gegebenes Hornsignal, das die Gefährtinnen Šarkas in der Ferne erwidern, stürzen diese aus dem Wald und richten ein Blutbad an. Ein schauerliches Gemetzel, blindes Wüten der ihre Rache stillenden Šarka beschließt das Stück.

Die Vortragsbezeichnung des Schlusses von “Šarka” lautet “frenetico”.

Nachdem ich das mitreißend komponierte und dirigierte Blutbad überstanden hatte, kam ich mit rot erhitztem Kopf unter meinem Handtuch hervor und musste mich erstmal fassen. Wieso hatte ich denn von dieser Sage und dem Šarka-Satz aus “Ma Vlast” noch nie etwas gehört? Vyšehrad, Die Moldau, Aus Böhmens Hain und Flur, ja sogar Tábor und Blanik kannte ich, die beiden letzten allerdings eher nur dem Namen nach - aber Šarka war mir gänzlich neu. Und das ist sicher kein Zufall, denn es ist ein unverblümt, ja geradezu lustvoll männerfeindliches Stück, das der männliche Kulturbetrieb wohl lieber unter Verschluss hält und unter den Teppich kehrt.

Ich besitze etliche sogenannte Konzertführer. In denen schlug ich nun nach und fand, dass über “Šarka” meist mit tadelndem Unterton berichtet wird:

Die blutrünstige Fabel lag Smetana nicht sonderlich. Die Begebenheiten lassen sich aus der Musik zwar bei gutem Willen “heraushören”, aber man bleibt innerlich unbeteiligt (Reclams Konzertführer, 11. Auflage, 1978).

Mann bleibt sicher nicht so unbeteiligt wie er tut, und frau fräut sich bestimmt, dass die Maid Šarka den Spieß mal umdreht. Und überhaupt habe ich anderswo gelesen, dass Smetana den Stoff sehr wohl mochte und dies Stück ihm sehr am Herzen lag!

… Hornrufe erklingen. Es ist der Ruf Šarkas an die Amazonen. Sie überwältigen die Ritter … und bringen ihnen in ihrem Wahn ein schmähliches Ende. (Harenberg Konzertführer, 1998)

Wieso Wahn? Das lief doch alles präzise nach Plan ab.

Auch Tim Ashley vom Guardian diagnostiziert Wahnsinn bei Šarka, “der psychotischen Amazonenkriegerin”.

Die haben wohl eher Kleists Penthesilea im Sinn, die ihren Geliebten Achill im Wahn zerfleischte.

Übrigens: Wirklich wahnsinnig wurde Smetana, und Kleist, seelisch auch nicht sehr gesund, beging Selbstmord. Ob das etwas zu tun hat mit ihrem untypischen Einsatz für Amazonen? Wie die arg fremdelnde Rezeption beweist, hat die Herrenkultur auf sowas null Bock.

# | Luise F. Pusch am 20.06.2009 um 03:34 PM | Druckversion

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13.06.2009

Das Hemdchen

Eine Neuheit aus dem Bereich Damenunterwäsche ist anzukündigen. Regelmäßig schickt mir die Firma Tchibo ihre aufregenden Infos; vor kurzem bekam ich diese Mitteilung:

Die Sprache der Verführung

Liebe Frau Pusch,
diese neue Wäsche-Kollektion spricht für sich! Tolle Basics, transparente Wäsche, wilde Animal Prints, Bodyforming- und Seamless-Wäsche in drei klassischen Farben zeigen ihre ganze Schönheit in all ihren atemberaubenden Facetten.
Ihr Tchibo.de-Team >zum Shop

Ich hätte erwartet, dass die “tollen Basics” etc. MEINE Schönheit in all ihren atemberaubenden Facetten zeigen sollten, aber die Unhöflinge von Tchibo hatten das “ihre” klein geschrieben. Also meinten sie wohl nur die atemberaubende Schönheit ihrer Tchibo-Dessous.
Dennoch konnte ich der Sprache der Verführung nicht widerstehen und klickte mich in den Shop.

Dort sah ich sie: Die HEMDCHEN! Erst ein “Hemdchen, schwarz”:
Frauenbild

Darunter, liegend, eine schöne Dame im “Hemdchen, weiß”. Ich klickte auf den Text “Hemdchen, weiß” und fand neben allerlei Infos in der schon oben vorgeführten heißen Tchibo-Sprache den nüchternen Hinweis: Ähnliche Produkte finden Sie unter folgenden Begriffen: “Unterhemd” “Top”.   

“Unterhemd” - wie prosaisch! Trotzdem klickte ich auf “Unterhemd” - und fand sie -  die ganze glorreiche Parade der Hemdchen. Ein Klick, und Sie können sie auch bewundern.

Meine vergleichenden Studien ergaben: Ein “Unterhemd” reicht bis zum Beinansatz, ein “Hemdchen” nur knapp über den Bauchnabel. Ein Hemdchen lässt das ganze Höschen sehen, möglichst ein ganz heißes Höschen natürlich.

Das, was wir früher “Hemdchen” nannten, nämlich ein Unterhemd für Babys und Kinder, heißt hier “Kinder-Unterhemd”.

Ein Hemdchen macht die Frau zum Baby, zur Kindfrau. “Kindmann”? Gibt es nicht. Stattdessen haben wir den Sohnemann. “Tochterfrau?” Gibt es nicht.

Die Lücken in unserem Wortschatz zeigen froh die Richtung an: Der Sohnemann soll sich schon als Hemdenmatz stark fühlen wie ein Mann, das Töchterchen aber soll am besten ewig Kind bleiben und noch als erwachsene Frau im “Hemdchen” ihre “atemberaubende Schönheit” zu Markte tragen.

# | Luise F. Pusch am 13.06.2009 um 01:01 PM | Druckversion

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07.06.2009

Deutsche Meister

Ende März berichtete der “Hochschwarzwald-Kurier” über die “Internationale Deutsche Meisterschaft der Bartträger” in Schluchsee.

Ja ist denn das Barttragen eine Sportart? Da wäre ja sogar eine Meisterschaft der Langschläfer sinnvoller: Wer am längsten schlafen kann, wird Meister. Gleich kommt uns der Tod in den Sinn, ewig währt am längsten. Der Tod ist ja auch ein Meister - aus Deutschland, dem Land der Meister und Gartenzwerge. Tatsächlich sehen die Bartträger des Vollbartclubs Groß-Schluchsee, die sich für die Meisterschaft stolz ablichten ließen, aus wie eine Riege Gartenzwerge.

Die Zeitung behandelt das haarige Thema als liebenswerte Skurrilität und zitiert aus dem launigen Grußwort des Vollbartvereinsvorsitzenden: “Auch in Zukunft werden wir die Leitlinien unseres Vereins: Pflege der Geselligkeit, das Heranführen der männlichen Jugend zur sinnvollen Gestaltung der Gesichtsbehaarung und zur Pflege des Bartes ohne Schädlinge, streng befolgen.”

Darum möchten wir Damen aber auch herzlich bitten.

Alles gut und schön, aber warum nur sagen sie “Meisterschaft”, statt “Wettbewerb” wie in “Schönheitswettbewerb”? “Meister” und “Meisterin” verwenden wir heute überwiegend für Sport und Handwerk. Mann wird erst Deutscher Meister im Weitsprung und dann Friseurmeister. Frau wird Deutsche Tennismeisterin und dann Maurermeisterin. Erst muss hierzulande gefälligst was geleistet werden, dann gibt’s eventuell den MeisterInnentitel. Was aber leisten Bartträger? Wenn er nichts dagegen unternimmt, ist jeder Mann ein Bartträger. Daraus eine Meisterschaft abzuleiten, wirkt im Land der Tüchtigkeit geradezu subversiv.

Deutsche “Schönheitsköniginnen” und “-könige”, die ebenfalls nichts Nennenswertes leisten, sondern nur die Geschenke vorführen, die Mutter Natur ihnen beschert hat, werden “Miss Deutschland” und “Mister Deutschland” genannt. Auch ziemlich blöd, aber nicht so blöd wie “SchönheitsmeisterIn”.

Wir haben auch keine deutschen Cellomeister oder Klaviermeisterinnen. Nichtmal unsere Anne-Sophie Mutter nennt sich Geigenmeisterin, obwohl sie dauernd Meisterklassen gibt. Violinweltmeisterin - das klänge für eine Anne-Sophie Mutter wahrscheinlich einfach zu popelig, zu sehr nach Sport. Sie macht schließlich Kunst.

Wie wäre es mit einer Meisterschaft der Haarträger, Brillenträger, Prothesenträger? - Das Maskulinum ist beabsichtigt: Selbst der so weiblich dominierte Schönheitswettbewerb ist ja eine Erfindung der Männer. Es heißt, Frauen seien weniger konkurrenzfreudig als Männer. Liegt es vielleicht daran, dass die Frau es in sich hat, während der Mann es außen hat?

Es ist ja bekannt, dass Penisträger auch gern hinsichtlich Leistungskraft und besonders Größe des Organs miteinander wetteifern. Im Kindesalter geschieht es noch ganz offen. Wer hat den längsten und wer kann am weitesten pinkeln? Die Mädchen jedenfalls nicht. Und das ist schon mal wohltuend für das zarte männliche Ego.

FrauenbildDer erwachsene Mann muss auf diese prickelnde Konkurrenz in der Öffentlichkeit aus Schicklichkeitsgründen verzichten. Die meisten weichen auf andere Gebiete aus, um sich und den Konkurrenten ihre Potenz zu beweisen. Kindlichere Gemüter abstrahieren nur ein klein wenig, die Verschiebung (im Freudschen Sinne) ist noch sehr durchsichtig. Statt der Länge und Pracht des Penis wird eben die Länge des Bartes gemessen, die Pracht des Haarwuchses verglichen und gegebenenfalls bewundert. Googeln Sie mal nach “Bartträger” - Sie werden sich wundern.

Es ist für einen Mann zwar keine Leistung, sich einen Bart stehen zu lassen - aber wir begreifen allmählich: Der Bart steht für etwas anderes, für das Organ, mit dem - nach männlicher Auffassung - die Leistung schlechthin vollbracht wird, sozusagen der Vater aller Leistungen.

Wenn Goethe seinen Penis “Meister” nennt und sein alter ego “Wilhelm Meister” - dann ist auch eine Meisterschaft der Bartträger geradezu naheliegend.

(Dank an Theresia Sauter-Baillet für den Hinweis auf den Artikel über die “Deutsche Meisterschaft der Bartträger” im Hochschwarzwald-Kurier vom 25.3.2009, S. 11!)

# | Luise F. Pusch am 07.06.2009 um 11:22 AM | Druckversion

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30.05.2009

Pfingsten: Ausgießung der heiligen Geistkraft oder Verzückte Zungen

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Zweiunddreißigste Lektion.

Heute meldete die dpa:

Nur etwas mehr als die Hälfte der Deutschen kennt die Bedeutung des Pfingstfestes. Das ist das Ergebnis einer Umfrage für die «Bild am Sonntag». Demnach wissen 49 Prozent nicht, dass an den beiden Feiertagen der «Ausgießung des Heiligen Geistes» und der Gründung der Kirche gedacht wird.

Was hingegen die dpa und “Bild am Sonntag” nicht wissen:  “Der Heilige Geist” ist aus der Mode, heute reden wir stattdessen von der “Heiligen Geistkraft” (Bibel in gerechter Sprache). Andere sagen wohl auch “Heilige Geistin”. Gemeinsam ist den Neufassungen, dass sie die Weiblichkeit des Originals, des hebräischen (ruach) wie des griechischen (sophia), in der deutschen Übersetzung wiedergeben wollen. Schließlich ist eine rein männliche Hl. Dreifaltigkeit nicht mehr zeitgemäß; außerdem wird die Heilige Geistkraft durch eine Taube symbolisiert und nicht durch einen Täuberich!

Das eigentümliche Wort Pfingsten leitet sich von griech. πεντηκοστή [ἡμέρα] (pentekostē [hēmera]) her und bedeutet „der fünfzigste Tag“. Am 50. Tag nach Pessach / Christi Auferstehung waren die Jünger und Jüngerinnen versammelt - und erlebten also die “Ausgießung der heiligen Geistkraft”: Flammen züngelten über ihren Häuptern, und plötzlich konnten sie “in Zungen reden”, so dass auch Anderssprachige sie verstehen konnten. Bei Luther liest sich “das Pfingstwunder” so (Apostelgeschichte 2, 1-6):

Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an “einem” Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen. Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.

Frauen gab es damals anscheinend noch nicht. Und das Wunder hielt auch nicht lange an, sonst bräuchten wir nicht so viele Bibelübersetzungen. Auf bibleserver.com gibt es allein acht (!) verschiedene Bibelübersetzungen in deutscher Sprache, 4 in englischer, außerdem Übersetzungen in 30 andere Sprachen.

All diesen Übersetzungen gemeinsam ist das eifrige Bemühen, die Frauen auszumerzen.

Und so fehlt denn auch bei bibleserver.com die schöne neue Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache, in der der obige Passus wie folgt aussieht:

Als der 50. Tag, der Tag des Wochenfestes, gekommen war, waren sie alle beisammen. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Tosen wie von einem Wind, der heftig daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie sich aufhielten. Es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich zerteilten, und auf jede und jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Da wurden sie alle von heiliger Geistkraft erfüllt und begannen in anderen Sprachen zu reden; wie die Geistkraft es ihnen eingab, redeten sie frei heraus. Unter den Jüdinnen und Juden, die in Jerusalem wohnten, gab es fromme Menschen aus jedem Volk unter dem Himmel. Als nun dieses Geräusch aufkam, lief die Bevölkerung zusammen und geriet in Verwirrung, denn sie alle hörten sie in der eigenen Landessprache reden.

***
Was fällt der frauenbewegten Frau sonst noch zu Pfingsten ein? Das Lesbenpfingsttreffen, eine ehrwürdige Einrichtung, die es schon in den 20er Jahren gab. 1992 wurde sie der nichtchristlichen Mehrheit zuliebe in Lesbenfrühlingstreffen (LFT) umbenannt. Vom Pfingstwunder des Zungenredens können trotzdem die meisten Lesben auch beim LFT schöne gefühlvolle Lieder singen.

# | Luise F. Pusch am 30.05.2009 um 07:21 PM | Druckversion

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24.05.2009

Bundespräsident oder Bundespräsent?

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Einunddreißigste Lektion.

Im Vorfeld der gestrigen Wahl des Bundespräsidenten konnte frau unter Laborbedingungen studieren, dass eine Bundespräsidentin zumindest sprachlich gar nicht vorgesehen ist. Alle redeten nur von der Bundespräsidentenwahl und vom Amt des Bundespräsidenten - als handele es sich um die Wiederwahl des Präsidenten, nicht um eine Wahl zwischen einer Kandidatin und einem Kandidaten.

Es gibt im Deutschen keine einfache, elegante Art, die Frau ins Bild zu bringen. Wer sich gerecht ausdrücken und nichts präjudizieren wollte, musste zum “Staatsoberhaupt” oder zur Verdoppelung greifen: “Heute wird die Bundespräsidentin bzw. der Bundespräsident gewählt”.

“Bundespräsident” soll ja eine geschlechtsneutrale Bezeichnung sein, behaupten viele Leute. Aber was lese ich auf der Homepage des Bundespräsidenten, www.bundespraesident.de?:

Das Amt des Bundespräsidenten
Ein ganzer Abschnitt ist im Grundgesetz dem Amt des Bundespräsidenten gewidmet - die Aufgaben des “ersten Mannes im Staate” im In- und Ausland gehen aber über das verfassungsrechtlich Normierte weit hinaus.


Hab ich’s mir doch gedacht. Bitte den Bundespräsi reichlich mit Protestmails beschicken!

Besser als auf bundespraesident.de sieht es erwartungsgemäß bei bundeskanzlerin.de aus:

Der Bundespräsident schlägt nach Gesprächen mit den Bundestagsfraktionen eine Kandidatin oder einen Kandidaten für das Amt des Bundeskanzlers vor. (Im Grundgesetz ist nur die männliche Form genannt, natürlich ist damit immer auch eine Bundeskanzlerin gemeint.)

***
Ich nutzte die 3-stündige ARD-Sendung zur Wahl des Staatsoberhaupts (diese Bezeichnung hatte die ARD natürlich nicht gewählt) als Sprachlabor, um zu testen, wie weit die Deutschen mit dem Projekt “Gerechte Sprache” inzwischen gediehen sind. Das ARD-Team bestand aus 2 Frauen und mindestens 6 Männern - noch nicht sehr gerecht. Nach sorgfältiger Auswertung der Sprache und Sprüche der KommentatorInnen, InterviewerInnen und der Befragten ergibt sich folgendes Bild:

Erfreulich ist, dass die “Mütter und Väter des Grundgesetzes”, die am Verfassungstag 23. Mai natürlich auch immer wieder bemüht wurden, sich durchgesetzt haben. Noch vor 25 Jahren hatte der damalige Vorsitzende des Schriftstellerverbandes [sic], Dieter Lattmann, das Reden von “Müttern des Grundgesetzes” oder “Männern und Frauen des 20. Juli” als “Geschichtsfälschung” getadelt.

Auch war - anders als noch bei den letzten US-Präsidentschaftswahlen - nur noch selten von “Wahlmännern” die Rede, vielmehr sagten die meisten brav “Wahlleute” oder “Wahlmänner und -frauen”, leider fast immer in dieser Reihenfolge.

Thomas Kreutzmann hinkte allerdings dem Trend hinterher. Über die hochschwangere Wahlfrau Jasmin Tabatabai sagte er: “Kommt das Baby, kommt ein Ersatz-Wahlmann.”

Draußen vor dem Reichstagsgebäude befragte Reporter Frank Jahn das Volk: “Na, und wer ist Ihr Favorit?” Auf diese Suggestivfrage mit gleich zwei Maskulina wagte denn auch fast niemand mehr, “Gesine Schwan!” zu sagen.

Am klarsten hatte Jürgen Trittin erkannt, worum es eigentlich ging: “Ich finde, nach 60 Jahren Bundesrepublik wäre das doch schon mal ein guter Anfang, wir bräuchten ja, um Gleichstand herzustellen, 60 Jahre nur noch Präsidentinnen.”

Ottfried Fischer erklärte: “Ich erwarte mir von Gesine Schwan … den Hohenschwangau für Köhler”. Und Uschi Eid von den Grünen verkündete fröhlich: “Wir haben gute Kandidatinnen!”

Öfter mal hörte ich den Ausdruck “weibliche Doppelspitze”, mit besorgtem Unterton vorgetragen, als sei das eine Doppelaxt. All die Jahre von 1949 bis 2005 hatten wir männliche Doppelspitzen, und niemand hat sie bemängelt, benannt oder auch nur bemerkt.

Fazit: Bis wir nicht durch Zufall eine Bundespräsidentin bekommen, werden wir wohl auch keine angemessene Sprache, geschweige denn ein angemessenes Problembewusstsein erleben.

Und was ist das Problem?

Wie gesagt, das Problem ist eine Sprache, die uns, wenn wir politisch schon mal die Wahl zwischen einer Frau und einem Mann haben, suggeriert, dass eine Frau unpassend ist: “Wer sollte der nächste Bundespräsident werden?” Auf so eine Frage mit drei Maskulina fällt nur noch hardcore-FeministInnen eine Frau ein. Im Rechtswesen sind Suggestivfragen/-formulierungen (engl. “leading/loaded questions”) in vielen Fällen verboten - warum sollte das ausgerechnet bei der Wahl für das höchste Amt im Staate anders sein?!

Deshalb schlage ich statt “Bundespräsident” die Bezeichnung “Bundespräsent” vor. Nach dem Muster “Unität - Intellelle aussteigen!” Ich hatte ein wenig experimentiert mit anderen Möglichkeiten wie die/der/das Bundespräsident (kurz Bundespräsi oder BP). Hat aber den Nachteil, dass der Genitiv des Neutrums genau so aussieht wie der Genitiv von der Bundespräsident: Wieder hätten wir häßliche Formulierungen wie “Wahl/Amt des Bundespräsidenten”. Da klingt doch “Wahl des Bundespräsents” schon viel freundlicher, vor allem frauenfreundlicher. Wir Frauen haben auch mal ein Präsent verdient und können gar nicht präsent genug sein.

Eben höre ich, dass Litauen sich letzte Woche ein Rettungspräsent gegönnt hat: Dalia Grybauskaite darf als neue Staatspräsidentin und erste Frau in diesem Amt den Karren aus dem Finanzsumpf ziehen, genau wie ihre isländische Kollegin Johanna Sigurdardottir.

# | Luise F. Pusch am 24.05.2009 um 07:09 PM | Druckversion

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09.05.2009

Die unbemannte Leichtigkeit des Seins: Iris Radisch über Judith Hermann

Unser TV-Dinner nehmen wir meist zu den heute-Nachrichten plus Kulturzeit ein. Vorgestern moderierte die coole Andrea Meier. U.a. ging es um Judith Hermanns neues Buch Alice, zu dem als Expertin Iris Radisch interviewt wurde. Radisch resümierte zunächst vergnügt, dieser “Erzählkranz” sei “wirklich ein großes Männersterben”, und auf die abschließende Frage “Nehmen Sie denn dieser Figur Alice die 40 Jahre ab?” erläuterte sie:

“In den beiden früheren Büchern waren das ja immer Frauen, die eigentlich so vor dem Leben standen, die sind noch nicht richtig rübergesprungen und haben noch nicht teilgenommen, die schnupperten an allem nur, aber im Grunde hatten sie keine Männer, hatten keine Familie, die standen wirklich eben wie die schönen Engel davor, in ner gewissen Weise Jungfern. Und jetzt haben wir es, fast übergangslos, mit Witwen zu tun, und diese Witwen sind dann wieder -  also eigentlich auch wieder so ne Art Jungfern, indem sie eben auch außen vor sind, männerlos, eigentlich auch allen Lebensballast loswerden wollen, es ist so ne Leichtigkeit des Seins, die eben einerseits vor dem Leben, in der Jungfernschaft, und dann in der Witwenschaft nochmal da ist. Das ist eben schon so, diese Zuschauerrolle, dieses Engelsgleiche, dies Sich-nicht-Einlassen, Sich-nicht-Berührenlassen vom Leben, das ist das Thema, das hält sie durch, und da diese Heldinnen nun älter geworden sind, haben sie ihre Männer auch schon wieder hinter sich. Vorher hatten sie erst gar keine, aber das Ergebnis ist irgendwie das Gleiche.”

Meier: “Iris Radisch, ich danke Ihnen ganz herzlich für dieses Gespräch.”

Radisch: “Ja vielen Dank, gerne. War mir ein Vergnügen.”

Wie lieb sie miteinander umgehen! Unter Männern verläuft das Abschiedsritual meist ruck-zuck und zack-zack.

“Darüber muss ich eine Glosse schreiben”, sagte ich zu Joey. “Das Leben, so behauptet Radisch, verdient diesen Namen nur mit Männern. Ohne Männer, ob als ‘Jungfer’ oder Witwe, ist es kein Leben, sondern ‘außen vor’. Ist das zu fassen?”

Joey blieb ganz gelassen. “Ich habe da ganz was anderes rausgehört: Die Leichtigkeit des Seins gibt es nur ohne Männer. Männer sind Lebensballast.”

“Ok”, sagte ich, “ich nehme die Sendung nachher noch mal auf, die Kulturzeit wird ja dreimal wiederholt. Dann sehe ich mir das noch mal genauer an.”

Ich tat es; das Protokoll lesen Sie oben.

Mir scheint, wir haben beide recht. Radisch meint, das Leben ohne Männer sei zwar nicht das eigentliche, wirkliche, wahre und richtige Leben, dafür aber leichter.

Jetzt braucht sie nur noch den einen kleinen Denkschritt zu machen: Wieso, bitteschön, soll denn das leichtere Leben nicht das eigentliche Leben sein?

# | Luise F. Pusch am 09.05.2009 um 10:41 AM | Druckversion

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03.05.2009

Auf den Spuren Fontanes und Tucholskys im Ruppiner Land

Vom 24. bis 28. April verbrachten wir ein verlängertes Wochenende im Ruppiner Land und in Berlin. Freitag bis Sonntag wohnten wir in einem Hotel am Beetzer See in der Nähe von Kremmen. Kremmen erinnerte mich an Hohen Kremmen aus Fontanes “Effi Briest”, auch sah ich auf der Karte, dass es nicht weit von Fontanes Geburtsort Neuruppin entfernt liegt. Also packte ich eine handliche Auswahl von Fontanes “Wanderungen durch die Mark Brandenburg” ein. Darin fand ich folgende Ausführungen über Mathilde von Rohrs literarischen Salon:

So waren die Abende bei Fräulein von Rohr, deren ich … zahllose verlebte. Der Charakter war immer derselbe, immer sechs, acht Personen, immer Mustertee, immer “Götterspeise”, immer Dichtungen vor einem Publikum, das durch deren Vortrag grenzenlos gelangweilt wurde. Nur Fräulein von Rohr strahlte.

Nach diesem liebevollen Spott kommt aber des Dichters echte Begeisterung für das adelige “Fräulein” (sie ist 9 Jahre älter als er) zum Ausdruck:

Sie war … ein wahres Anekdotenbuch und eine brillante Erzählerin alter Geschichten aus Mark Brandenburg, besonders in Bezug auf adlige Familien aus Havelland, Prignitz und Ruppin. Den Stoff zu meinem kleinen Roman “Schach von Wuthenow” habe ich mit allen Details von ihr erhalten.
Die mit ihr … verplauderten Stunden zählen zu meinen glücklichsten.

******
Auch Rheinsberg war ganz in der Nähe. Auf diesen geschichts- und literaturträchtigen Ort hatten wir uns mit Hilfe des gleichnamigen Films von Kurt Hoffmann aus den 60er Jahren einstimmen wollen, in den Hauptrollen Cornelia Froboess und Christian Wolff.

Der Film war so unsäglich, dass Joey vorzeitig entfloh. Ich entschuldigte mich: “Kurt Hoffmann hat sonst ganz nette Filme gemacht, er galt als einer der besten deutschen Lustspielregisseure, armes Deutschland. Naja - Lubitsch haben die Nazis eben aus dem Land geekelt.”

Ebenfalls aus dem Land geekelt, und in den Tod getrieben, haben sie Tucholsky. Sicher war doch seine Erzählung besser als der Film? Leider fast gar nicht, musste ich nachts im Hotel feststellen, als ich sie wegen Schlaflosigkeit komplett per Ipod hörte, schön gelesen von Helene Grass, aber das machte das angestrengt humorvolle Buch nicht besser. Es handelt von einem verliebten Pärchen aus Berlin, sie studiert Medizin, er arbeitet in einem Verlag oder bei einer Zeitung. Sie blödeln die ganze Zeit herum - nein, die Claire blödelt, und Wolf oder Wölfchen, wie sie ihn nennt, macht brav alle ihre Eskapaden mit, um sie baldmöglichst ins Bett zu kriegen. Kapriziös und kess sei sie, voller Übermut und Esprit, heißt es. Bei Wikipedia lese ich dazu: 

Mit “Rheinsberg – ein Bilderbuch für Verliebte” veröffentlichte Tucholsky 1912 eine Erzählung, in der er einen für die damalige Zeit ungewohnt frischen, verspielt-erotischen Ton anschlug.

Die frische Verspieltheit hört sich ungefähr so an:

»Wölfchen, eß man Suppens mitm Messer?«
»Wa –?«
»Na, ich hab mal einen gesehen, der hat mitm Messer geessen.«
»Suppe?«
»Neieinn ... « Aber da kam eine alte Dame an ihrem Tisch vorübergeschlurcht, schielte krumm und murmelte etwas von »unerhört« und »Person« und so.
»Wölfchen, die meint mir. Konnste ihr nicht gefordert gehabt habs? – Söh mal, ich bin doch ‘ne Feine, nich wahr? oder glaubsu, ich bin eine Prostitierte? Nei–n. Ich ja nich. Ich nich. Hä?«

Für eine heutige Leserin ist das alles unerträglich maniriert und verstaubt. Die “verspielte” Claire ist einfach eine alberne Turteltaube.

Und der junge Tucholsky, der dieses Zerrbild holder Weiblichkeit in die Welt gesetzt hat, nervt uns obendrein mit folgender Erkenntnis über den Zusammenhang zwischen Dichtung und Liebe:

Was war, von oben betrachtet, ein Liebender? – Ein Narr. Wenn sich ihm das geliebte Herz eröffnete, schwieg er, satt und zufrieden. Ganze Literaturen wären nicht, riegelten die Mädchen ihre Türen auf ... Ein Amoroso war zu befriedigen, gebt ihm das Weib, das er begehrt, und der tönende Mund schweigt.

Wir lernen nebenbei, dass “ganze Literaturen” nur von (brünftigen) Heteromännern produziert werden, denn es ist ja nicht anzunehmen, dass Tucho auch an Lesben gedacht hat, die sich frustriert in Literatur ergießen, wann immer “die Mädchen ihnen ihre Türen” nicht aufriegeln.

Da war der alte Fontane mit seinem Loblied auf Mathilde von Rohr schon ein gutes Stück weiter als Tucholsky. Wir ließen Rheinsberg links liegen und fuhren stattdessen nach Neuruppin…

******
Unser Mietauto war am Berliner Hauptbahnhof wieder abzuliefern, und wir hatten große Mühe, den Eingang zur Tiefgarage zu finden. Die nervenzerrende Suche wurde aber gemildert durch die schönen Namen der Straßen, durch die wir kurvten: “Ella-Trebe-Straße, Rahel-Hirsch-Straße, Clara-Jaschke-Straße” las ich Joey begeistert vor, die davon im Verkehrsgetümmel durchaus nichts hören wollte.

Zu Hause studierten wir dann in Ruhe die Straßennamen der wundersamen Gegend um den Berliner Hauptbahnhof und konnten es nicht glauben: 
Adele Schreiber-Krieger-Straße
Alice-Berend-Straße
Berta Benz-Straße
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Die Geschichte und auch diese kleine Geschichte bewegt sich in Wellen. Erst der nette Fontane, dann abwärts mit Tucholsky, dann wieder aufwärts mit - dem Berliner Hauptbahnhof, wer hätte das gedacht.

 

# | Luise F. Pusch am 03.05.2009 um 03:27 PM | Druckversion

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19.04.2009

Der Mann als Sicherheitsrisiko, Teil 3

[Für die, die Teil 1 und 2 dieser Abhandlung nicht gelesen haben: Es geht - ausgelöst durch den Frauen- und Mädchenmord in Winnenden - um Antworten auf häufige Fragen und Vorwürfe in der Debatte um die epidemische Gewalt von Männern gegen Frauen, die immer brutaler wird. Wer oder was ist schuld? Was können wir tun?
Das sind natürlich Fragen gewaltigen Ausmaßes; ihre Erörterung bedarf vieler DenkerInnen und könnte Bände füllen. Dennoch brauchen wir für Argumentationszwecke oft schnell eine kurze, überzeugende Antwort. Dafür sind diese Vorschläge gedacht. (Zum schnellen Auffinden: Die Kurzfassung der Antworten ist jeweils fettgedruckt.)]

4. “Es gibt doch so viele Männer, die jede Gewalt ablehnen. Die stoßt Ihr mit eurer ungerechten, pauschalen Anklage nur vor den Kopf. Das Problem der Männergewalt können Frauen nur mit Männern gemeinsam lösen. Versöhnen statt spalten!”

Ein Plädoyer für mehr Ausgewogenheit!

Talkshows lieben Ausgewogenheit: Wird die evangelische Kirche eingeladen, so auch die katholische, gerne auch ein Jude, neuerdings immer öfter auch ein Muslim. Wird die CDU eingeladen, so auch Vertreter der anderen Parteien. Frauen? Fehlanzeige. Dass Frauen meist fehlen, von Ausgewogenheit also keine Rede sein kann, fällt den Organisatoren und den meisten ZuschauerInnen in unserer ausgewogenen Herrenkultur oft nicht einmal auf.

Dieser Punkt ist entscheidend für die zwei Ansichten unseres Problems. Die einen sehen da etwas, was für die anderen so normal ist, dass es ihnen nicht auffällt. Werden sie darauf hingewiesen, sagen sie gern: “Nun sei doch nicht so verbissen!” Oder: “Versöhnen statt spalten!”

Nicht so üblich ist es, wegen der Ausgewogenheit zusammen mit Schwulen auch Neonazis zur Talkshow einzuladen. Dass Schwule nicht mit Neonazis über ihr Existenzrecht diskutieren wollen, können wir ihnen kaum verdenken. Die Aufforderung “Versöhnen statt spalten!” ist hier unangebracht. Mit einem Gegner, der meine Vernichtung propagiert, gibt es keine Versöhnung.

Wir sehen, “Ausgewogenheit” gilt nur unter der Annahme eines übergeordneten verbindenden Wertekonsenses. Die Vertreter der Kirchen und Parteien, so hoffen wir, treten nicht nur alle tapfer für die Menschenrechte ein, sondern bestellen sich nach der Talkshow auch keine Zwangsprostituierte ins Hotel…

Diejenigen, die in der Debatte um die Männergewalt gegen Frauen für mehr Ausgewogenheit plädieren, sehen beide Parteien unter demselben Wertekonsens. Für sie sind die Täter immer “die anderen”, irgendwelche wildgewordenen Elemente, die gemeinsam in Schach gehalten werden müssen. Diejenigen, die die Diskussion aufkündigen bzw. ablehnen, sehen keine gemeinsame Basis mehr, sie denken z.B. eher an die täglich 1,2 Millionen Bordellbesuche “stinknormaler” deutscher Männer. Für sie sind zudem alle Männer, ob sie es wollen oder nicht, Teil des verantwortlichen Tätersystems. Ähnlich wie der gesamte Adel in der französischen Revolution als Unterdrücker angeklagt war, obwohl er für seine adlige Geburt nichts konnte und die einzelne Adlige vielleicht sogar zeitlebens segensreich gewirkt hatte.

Für beide Positionen gibt es gute Gründe, und ich denke, wir brauchen auch beide, um voranzukommen. Ein Politiker wie Obama braucht die zornige und kompromisslose Basis, um in der Rassenpolitik voranzukommen und wichtige Forderungen mit ihrer Rückendeckung durchsetzen zu können. Wäre Obama aber von vornherein zornig und kompromisslos, “spaltend statt versöhnlich” aufgetreten, wäre er nicht Präsident geworden. Auch Hillary Clinton hat während des Wahlkampfs selten über Frauenrechte geredet, um für Männer wählbar zu bleiben.

**********

Während der Nazizeit gab es nur im Ausland Konsens über die Naziverbrechen. In Nazideutschland wurden diejenigen, die die Verbrechen der Nazis als solche bezeichneten, geköpft.

Was nun die Männerherrschaft betrifft, so gibt es leider kein “Ausland”. Es gibt nur “inländische” Widerstandskämpferinnen, wenige - und noch viel weniger Widerstandskämpfer. Sie leben gefährlich. Daher ist die Forderung an Männer nach Widerstand gegen die Gewaltverbrechen ihrer Geschlechtsgenossen nicht einmal unter Frauen weit verbreitet.

Es stimmt - es gibt Männer, die jede Gewalt ablehnen. Dabei ist allerdings fraglich, ob sie einen “harmlosen Bordellbesuch” überhaupt als Gewalt einordnen. Und wenn sie angesichts der Klagen von Frauen beleidigt reagieren, haben sie noch nicht viel begriffen. Denn, wie die große Schweizer feministische Theoretikerin Iris von Roten schon 1958 (sinngemäß) feststellte: “Jeder Mann ist Mitglied des herrschenden Kollektivs - ob er will oder nicht.”

Mit anderen Worten: Es herrscht hier strukturelle Männergewalt, und sie wird von vielen Männern als Aufforderung gesehen, ihr Herrenrecht auszuüben, sei es zu Hause, im Bordell oder im Beruf.

Was ich von einem “gewaltfreien” Mann erwarte, ist aktives Engagement gegen Männergewalt, also Widerstand. Männer, die sich “nur” passiv verhalten oder gar auf Proteste der Frauen beleidigt reagieren, sind bestenfalls “Mitläufer”. Mit so einem würde ich zwar (ungern) auf einer Talkshow oder in meinem Blog reden, aber privat nur, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt.

# | Luise F. Pusch am 19.04.2009 um 03:41 PM | Druckversion

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11.04.2009

Der Mann als Sicherheitsrisiko, Teil 2

Für die, die den ersten Teil dieser Abhandlung nicht gelesen haben: Es geht - ausgelöst durch den Frauen- und Mädchenmord in Winnenden - um Antworten auf häufige Fragen und Vorwürfe in der Debatte um die epidemische Gewalt von Männern gegen Frauen, die immer brutaler wird. Wer oder was ist schuld? Was können wir tun?

Das sind natürlich Fragen gewaltigen Ausmaßes; ihre Erörterung bedarf vieler DenkerInnen und könnte Bände füllen. Dennoch brauchen wir für Argumentationszwecke oft schnell eine kurze, überzeugende Antwort. Dafür sind diese Vorschläge gedacht. (Zum schnellen Auffinden: Die Kurzfassung der Antworten ist jeweils fettgedruckt.)

3. “Wer erzieht denn die kleinen Sprößlinge, na? Wer verstümmelt denn den kleinen Mädchen die Genitalien? Frauen!”

Diese Fragen suggerieren, dass Frauen
a) den Weiblichkeits- und den Männlichkeitswahn wenn nicht gar selbst produzieren, so doch alleinverantwortlich an die nächste Generation vermitteln.
b) selbst schuld sind an der Genitalverstümmelung von Frauen (und ähnlichen Gräueltaten, wie den Mitgiftmorden und der Witwenverbrennung in Indien, der selektiven Abtreibung weiblicher Föten in China und Indien, (früher) dem Füßeeinbinden in China).

Einen Hinweis auf die Antwort finden wir in dem FAQ-File zur Pornographiedebatte: Einer der Vorwürfe lautete “Wenn die Pornodarstellerinnen nicht mitmachen würden, gäbe es das ganze Problem nicht.” Die Antwort darauf: “Es stimmt, manche Frauen verdienen ein wenig in der Pornoindustrie. Aber wir wollen doch nicht vergessen, dass der Profit in der Pornoindustrie überwiegend an die Produzenten und die Verteiler geht. Wenn wir unseren Ärger auf die Darstellerinnen lenken, ist das so, wie wenn wir die MindestlohnempfängerInnen bei McDonald für die Schäden verantwortlich machen, die die Fast-Food-Industrie verursacht.”

Hier half also die alte Frage “Cui bono?” (Wem nützt es? Wer profitiert davon?), um die eigentlich Schuldigen, die Drahtzieher hinter den Kulissen, zu identifizieren.

Nützt der Weiblichkeitswahn, wonach die Frau passiv ist und der Mann aktiv, die Frau für den “Innendienst”, die Pflege des Haushalts, des Mannes und der Kinder zuständig ist und der Mann für den “Außendienst”, den Broterwerb und den Schutz seiner Angehörigen bis hin zur Verteidigung mit der Waffe oder im Krieg - nützt diese Lehre den Frauen?

Wohl kaum, denn seit die Frauen überhaupt die Wahl haben, stimmen sie massenhaft dagegen: Sie wählen die Berufstätigkeit und lassen sich scheiden in einem bis vor kurzem ungekannten Ausmaß (zwei Drittel der Scheidungen werden von Frauen eingereicht), und sie bekommen umso weniger Kinder, je besser sie ausgebildet sind. Die Männer hingegen bleiben dem Männlichkeitswahn weitgehend verhaftet: Sie reißen sich keineswegs um Hausarbeit und Kindererziehung, und die Jungmänner markieren weiterhin den starken Mann und versuchen, ihre Probleme durch Gewalt zu lösen.

Die Geschlechterhierarchie und die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, kurz Weiblichkeits- und Männlichkeitswahn, nützen eher den Männern, und dementsprechend ist eher der Mann dafür verantwortlich.

Zugleich bin ich mit Margaret Mead (Sex and temperament in three primitive societies, 1935) und Simone de Beauvoir (Le deuxième sexe, 1949) davon überzeugt, dass wir nicht als Frauen und Männer geboren, sondern dazu gemacht werden. Nur: Wer oder was macht uns dazu?

Meads Antwort: Die Kultur, in der wir aufwachsen. Wir übernehmen ihre Regeln genau so “bewußtlos” wie die Sprache unserer Umgebung - und werden diese Prägung nicht mehr los. Frauen und Männer versuchen das zu werden, was ihre Kultur, die Gesellschaft, in der sie aufwachsen, von ihnen erwartet.

Was Mead über den Einfluss des Geschlechts auf das menschliche Verhalten herausfand, sagt sie am besten selbst:

Wir haben ... die jeweils typischen Männer und Frauen bei drei primitiven Völkern untersucht. Wir haben festgestellt, dass bei den Arapesh Männer und Frauen eine Persönlichkeit entwickeln, die wir ... unter dem Elternaspekt mütterlich und unter dem Aspekt der Sexualität weiblich nennen würden. Männer und Frauen werden dazu erzogen, hilfreich, friedfertig und verständnisvoll gegenüber den Bedürfnissen anderer Menschen zu sein. Die Sexualität ist weder für Männer noch für Frauen eine treibende Kraft. In deutlichem Gegensatz hierzu haben wir bei den Mundugumor den Typus rücksichtsloser, aggressiver, stark sexueller Männer und Frauen vorgefunden, bei dem mütterliche Neigungen kaum vorhanden sind. Männer wie Frauen näherten sich einem Persönlichkeitstyp, der in unserer Kultur nur von undisziplinierten, äusserst gewalttätigen Männern verkörpert wird. (...) Bei den Tchambuli fanden wir die Haltung der Geschlechter in unserer eigenen Kultur geradezu auf den Kopf gestellt, da die Frau der herrschende, sachliche und lenkende, der Mann der weniger verantwortliche und gefühlsmässig abhängige Teil ist. (...) (Es besteht also) überhaupt kein Grund mehr, derartige Verhaltensweisen für geschlechtsbedingt zu halten. (...) Die Formung so gegensätzlicher Typen ist nur durch die Wirkung einer Fleisch und Blut gewordenen Kultur zu erklären…
Mead schließt ihr Fazit mit dem berühmten, immer wieder zitierten Satz: “Wir werden zu der Folgerung gezwungen, dass die menschliche Natur ausserordentlich formbar ist…” (Mead, “Leben in der Südsee” 1965: 533f)

Die Kultur wird von vielen Kräften geformt, weiblichen wie männlichen. Aber es ist klar, dass diejenigen, die in einer Kultur das Sagen haben, die Kultur maßgeblich formen und für sie in erster Linie verantwortlich sind. In unserer Kultur sind das die Politik, die Kirchen, die Wirtschaft, die Justiz, das Militär, die Wissenschaft, nicht zuletzt das Kapital. Vielleicht habe ich die eine oder andere Institution vergessen, das macht nichts. Auffällig ist vor allem eins: In all diesen Machteliten unserer Kultur kommen Frauen fast gar nicht vor.

Frauenbild

Obwohl Frauen also in unserer Männerkultur nur wenig Einfluss haben, versuchen doch viele, ihre Kinder demokratisch und partnerschaftlich zu erziehen und müssen ohnmächtig erleben, wie sie trotzdem zu kleinen Machos oder Modepuppen werden, um den Erwartungen unserer Kultur zu entsprechen. Oder, wie Undine im FemBio-Blog es so anschaulich schildert:

Die Mütter erziehen also die Kleinen? Kann ich nicht bestätigen. Die Väter, auch wenn sie sich beim Windelwechseln selten blicken lassen, tun doch ziemlich viel für ihre und anderer Leute Kinder: dümmliche Kinderfilme produzieren zum Beispiel, dümmliches Kinderspielzeug, dümmliche ‘Erwachsenen’-Filme, ständiges Wiederkäuen von einfach lächerlichen Klischees, bis die lieben kleinen es schließlich glauben und für gegeben hinnehmen ... Es gibt kaum ein Entkommen, Fernsehen abschaffen ist da nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Bitte, nicht die erzieht das Kind, die ihm das Essen mit Messer und Gabel beibringt. Der erzieht das Kind, der die Umwelt formt, in der dieses Kind dann groß wird. Mütter können da im besten Falle Schadensbegrenzung erreichen - dass das liebe Kleine nämlich trotz der geballten Ladung Gewalt und Kriminalität, die es täglich bereits schon auf dem Spielplatz serviert bekommt, eben kein durchgeknallter Erwachsener wird. Dass soviele Mütter bei dieser Schadensbegrenzung scheitern, sollte ihnen nicht zum Vorwurf gemacht werden…

Ich fasse zusammen: Frauen und Männer werden zu dem, was ihre Kultur von ihnen erwartet. Die Kultur bestimmen und formen weitgehend diejenigen, die die Macht haben. Bei uns sind das zu 95 Prozent Männer. Mütter können höchstens versuchen gegenzusteuern.

Kommen wir nun zum zweiten Teil der Eingangsfrage: “Wer verstümmelt denn den kleinen Mädchen die Genitalien? Frauen!”

Obwohl die Antwort sich aus dem eben Gesagten herleiten lässt, möchte ich doch gesondert auf diese entsetzliche, oft lebenslange Folter eingehen, der Millionen von Frauen in Afrika unterworfen sind.

Zu den unaussprechlichen Gräueln im Krieg im Kongo gehören die Vergewaltigungen, zu denen Soldaten männliche Verwandte von Frauen mit Waffengewalt zwingen. Weigert sich der Bruder, wird er erschossen. Manche lassen sich erschießen, manche folgen dem sadistischen Befehl und vergewaltigen ihre Schwester, Tochter oder Mutter - und werden danach zusammen mit ihrem Opfer ermordet.

Solche “Alibi-Folterer” (Mary Daly) würde wohl niemand schuldig sprechen. Schuld sind vielmehr diejenigen, die die Verbrechen mit vorgehaltener Waffe erzwungen haben.

Zur Genitalverstümmelung stellt Mary Daly in Gyn/Ökologie* fest: “Der Gedanke, daß solche Prozeduren oder auch nur Teile davon von Frauen erdacht sein könnten, ist nur denkbar in der Vorstellungswelt der Phallokratie, denn in Wirklichkeit ist es undenkbar.” (S. 186).

Diese Einschätzung leuchtet sofort ein, wenn wir folgendes erfahren:

Ein Teil der Prozedur besteht darin, dass eine der Frauen, die die Infibulation durchführen, den Bräutigam vor der Heirat besucht. Zweck dieses Besuches ist es, die genauen Maße seines ‘Gliedes’ zu bekommen. Danach geschieht folgendes: ‘Nach den Maßen macht sie eine Art Phallus aus Ton oder Holz, und mit dessen Hilfe schneidet sie die Narbe bis zu einer gewissen Länge auf und lässt das in einen Lumpen gewickelte Instrument in der Wunde, um zu verhindern, dass die Ränder wieder zusammenwachsen.” (Daly S. 186; sie zitiert Montagu). Daly kommentiert: “So bekommt der Herr seine Braut maßgeschneidert, damit sie zu seinem ‘Glied’ paßt. … Das ganze Ritual ist auf den Mann bezogen. Die Männer sind es, die diese weibliche Kastration verlangen, und in ihrer Gesellschaft ist für eine Frau Voraussetzung zum Überleben, dass sie eheliches Besitztum ist. Die scheinbar aktive Rolle der Frauen, die selbst verstümmelt sind, ist in Wirklichkeit rein passiv und instrumental. … Diese weiblichen Alibi-Folterknechte werden von den Männern benutzt, um die (männliche) treibende Kraft hinter der Genitalverstümmelung zu verschleiern.

Dass den Männern die Verschleierung gelingt, sehen wir an der Frage, die zum Ausgangspunkt dieser Überlegungen wurde: “Wer verstümmelt denn den kleinen Mädchen die Genitalien? Frauen!”

Und nicht nur das “Dem-Opfer-die-Schuld-geben” (Blaming the victim) gelingt den Männern. Sie erzeugen gemäß dem Prinzip “Teile und herrsche” mit dieser Qual, deren wahre Verursacher den Mädchen verborgen bleiben, auch einen elementaren Hass der Mädchen auf Frauen, also letztlich auf sich selbst:
“Diese Verwendung von Frauen schwächt die Schwesterlichkeit, nachdem sie bereits die Macht des Selbst blockiert hat.” (Daly 186-7)

**********
Ich schreibe dies am Karfreitag 2009. Der Leidensweg Christi wird beweint und besungen auf allen Kanälen. Eine urige Arie aus der Matthäuspassion will mir nicht aus dem Sinn:

Buß und Reu, Buß und Reu
Knirscht das Sünderherz entzwei.

Von Sünderinnen ist da keine Rede. Immerhin wird dem Sünder ein Herz attestiert. Aber von Buße, Reue und Zerknirschung über uns zugefügte Leiden hören wir Frauen fast nie etwas.

Diese enttäuschende Bilanz führt uns direkt zum dritten Teil. Darin geht es nächste Woche um folgenden Vorwurf:

4. Es gibt doch so viele Männer, die jede Gewalt ablehnen. Die stoßt Ihr mit eurer ungerechten, pauschalen Anklage nur vor den Kopf. Das Problem der Männergewalt können Frauen nur mit Männern gemeinsam lösen. Versöhnen statt spalten!

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*Daly, Mary. 1981 [1978]. Gyn/ökologie: Eine Meta-Ethik des radikalen Feminismus [= Gyn/ecology: The Meta-Ethics of Radical Feminism]. Aus dem am. Englisch von Erika Wisselinck. München. Frauenoffensive.

Mead, Margaret. 1965. Leben in der Südsee: Jugend u. Sexualität in primitiven Gesellschaften [=From the South Seas]. Aus d. am. Englisch v. Gitta Carnegie. Enthält die dt. Übers. folgender Werke: Coming of age in Samoa (1928); Growing up in New Guinea (1930); Sex and temperament in three primitive societies (1935). München. Szczesny.

Montagu, M.F. Ashley. 1945. “Infibulation and Defibulation in the Old and New Worlds”, in American Anthropologist, n.S. 47, 1945, S. 465F. Zitiert nach Daly S. 186.

# | Luise F. Pusch am 11.04.2009 um 02:12 PM | Druckversion

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Hedwig Dohm