08.02.2016

Fragen an FemBio. 1. Teil: Wie gehen Sie mit Transgender-Personen um?

Gestern bekam ich folgende Email:

Sehr geehrte Frau Pusch, sehr geehrte Damen,
wir sind drei Studentinnen die im Rahmen eines Universitäts Seminares (Feministische Theorien und Praxen des Auto/Biographischen) eine Seminararbeit zu Fembio schreiben.
Wir schreiben Ihnen mit der Bitte uns einige Fragen bzg Fembio zu beantworten. Wir hoffen, Sie finden die Zeit uns zu antworten.
Danke im Voraus!
Folgende Fragen haben wir uns gestellt: (Hauptsächlich zur Auswahl der Damen).

- Nach welchen Kriterien genau wählen Sie die Frauen für Fembio aus? Nach welcher Leistung? Muss bei den Frauen irgendeine Form beruflicher Praxis vorhanden sein? Wie “finden” Sie die Frauen? Wie gehen Sie mit Transgender-Personen um?

Ich muss Ihnen, Frau Pusch, noch sagen, ich bin eine große Fan von Ihnen und Ihrer Arbeit. Ich liebe Ihre Texte, ich lese sie alle. Und ich bin so froh und dankbar, dass es Frauen wie Sie gibt. Danke für Ihre großartige Arbeit!!

Die Lobeshymne am Schluss der Anfrage hat mich natürlich sehr gefreut. Zuerst dachte ich allerdings, vielleicht schreibt sie das nur, um mich geneigter zu stimmen für eine Antwort (die immerhin einige Arbeit verursacht). Aber die Formulierung „ich bin eine große Fan von Ihnen“ beweist, dass sie meine Texte tatsächlich liest, denn in diesen Texten plädiere ich regelmäßig für die Feminisierung von Personenbezeichnungen wie Nerd, Fan, Geek, DJ, die wir aus dem Englischen übernommen haben. Frauen, die meine Texte nicht kennen, würden schreiben „Ich bin ein großer Fan von ihnen“ und damit zeigen, dass es mit ihrer Begeisterung nicht weit her ist.

Zugegeben, die „Damen“ haben mich dann doch wieder zweifeln lassen. Nicht ohne Grund ist die Frauenbewegung keine „Damenbewegung“!

Egal. Ich werde die Fragen hier öffentlich beantworten, weil sie mir so oder ähnlich schon öfter gestellt wurden. Für die nächsten Anfragen kann ich dann einfach auf diesen Text verweisen.

Ich beginne mit der Antwort auf die Frage nach den Transgender-Personen, weil ich vermute, dass jüngere Feministinnen sich dafür besonders interessieren.

Männer, die früher einmal Frauen waren (Transmänner), werden aus der Online-Datenbank gelöscht, offline aber nicht (aus privatem historischem Interesse). So geschehen etwa mit Julian Schutting (vormals Jutta) und Patrick Califia (vormals Pat). Ich gehe davon aus, dass es im Sinne der Transmänner ist, nicht in einem Verzeichnis von Frauen genannt zu werden. Dasselbe gilt für Transgender-Personen, die sich als “non binary” verstehen und keinem Geschlecht zugeordnet werden wollen.

Radclyffe Hall (1880-1943), die von vielen „John“ genannt wurde und sich heute, so vermuten manche, zum Transmann umwandeln lassen würde, ist auf FemBio mit einer Biographie vertreten, die ich zu ihrem 50. Todestag für den Kalender 1993 geschrieben habe. Eine lange Liste mit FemBiografien von Frauen, die in Frauenbeziehungen lebten, findet sich hier.  Heute würden sich manche dieser Frauen vielleicht als Transgender-Personen einordnen.

Die derzeit wohl bekanntesten Transfrauen Caitlyn Jenner (vormals Bruce) und Chelsea Manning (vormals Bradley) sind auf Fembio bisher weder mit einem Dateieintrag noch mit einer Biografie vertreten. Das ist allerdings nichts Ungewöhnliches. Von den Hunderten Transmännern und Transfrauen, die in der englischsprachigen Wikipedia aufgelistet sind, befinden sich nur vier Transfrauen in der FemBio-Datenbank. Und zwar: Die dänische Malerin Lili Elbe (1882-1931), die intersexuell war, als Einar Mogens Wegener aufwuchs und sich 1930/31 einer geschlechtsangleichenden Operation unterzog. Ihr Schicksal wurde kürzlich von Tom Hooper verfilmt („The Danish Girl“). Zweitens Christine Jorgensen (1926-1989), die erste Transsexuelle, die sich einer Geschlechtsumwandlung unterzog und 1967 ihre Autobiographie veröffentlichte. Und schließlich die englische Historikerin Jan Morris (*1926), deren Memoiren unter dem Titel “Conundrum” 1974 Aufsehen erregten, und die australische Soziologin und Gender-Theoretikerin Raewyn Connell (*1944). Alle vier sollen bald mit einer FemBiographie gewürdigt werden.

Und warum nur vier? Auch das ist nichts Ungewöhnliches: Von den Tausenden Frauen, die in Wikipedia gewürdigt werden, sind nur 9.300 in der FemBio-Datenbank aufgeführt und nur 1150 bei FemBio mit einem Porträt vertreten. Wikipedia ist ein weltumspannendes Projekt mit Tausenden freiwilliger MitarbeiterInnen; FemBio ist im Vergleich dazu ein sehr kleines (aber sehr feines) Projekt. Hauptvorzug gegenüber Wikipedia: Die feministische Perspektive!

Und warum gerade diese Transfrauen? Eindeutig ist da eine Bevorzugung historischer, schreibender und feministischer Transfrauen zu erkennen. Die Vorliebe für historische berühmte Frauen und für Feministinnen war von Anfang an typisch für mein Kalenderprojekt “Berühmte Frauen” (1988ff.) und daher auch für das Folgeprojekt FemBio. Die Entscheidung, auch lebende berühmte Frauen im Kalender zu feiern, geht auf den Suhrkamp Verlag zurück, der damit ein größeres Publikum ansprechen wollte. Ursprünglich aber wollte ich mit dem Kalender vor allem an zu Unrecht vergessene oder unbekannte Frauen erinnern. Auch deshalb gibt es noch keine FemBiographien zu Caitlyn Jenner und Chelsea Manning: Unbekannt sind sie nicht gerade. Aber eine Würdigung aus feministischer Perspektive haben sie schon verdient. Allerdings gibt es die bereits, verfasst von Elinor Burkett. Sehr lesenswert!

Die noch offen gebliebenen Fragen an Fembio beantworte ich in meiner nächsten Glosse.

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# | Luise F. Pusch am 08.02.2016 um 04:23 PM • 5 KommentarePermalink

01.02.2016

Endorsements für Hillary

Am vergangenen Montag (25.1.16) gab die Redaktion des Boston Globe (größte Tageszeitung Neuenglands und eine der angesehensten Zeitungen der USA) ihr Endorsement für Hillary Clinton bekannt (eine Erklärung des Wortes “Endorsement” findet sich am Ende dieser Glosse).

Wir freuten uns sehr über die Wahlempfehlung, denn vor acht Jahren hatte uns der Globe schwer enttäuscht mit seinem Endorsement für Obama. Massachusetts entschied sich in den Vorwahlen dann trotzig für Hillary - aber genützt hat es ja nichts.

Joey las mir den Text vor, während ich das Frühstücksgeschirr abwusch. Anschließend stellte sie fest: Das Wort „woman“ kommt in dem Text nicht vor. Auch nicht die Wörter „women“ oder „female“.

Tags darauf gab die Organisation Feminist Majority Foundation ihr Endorsement für Hillary Clinton bekannt. Der Text ist etwa halb so lang wie der des Boston Globe, dafür kam aber das Wort „women“ 18 mal darin vor.

Was mag den Boston Globe bewogen haben, das auffälligste Merkmal dieser Präsidentschaftskandidatur, nämlich dass Hillary Clinton eine Frau und (ganz anders zum Beispiel als Angela Merkel, der Göttin sei’s geklagt) sogar eine engagierte Feministin ist, unerwähnt zu lassen?

Wollen sie ihr damit einen Gefallen tun und sie behandeln wie alle anderen Kandidaten, deren Geschlecht ja auch meist kein Thema ist? Weil männliche Präsidentschaftskandidaten leider die Norm sind und das Stinknormale, auch wenn es noch so stinkt, normalerweise kein Thema ist?

Wollen sie erst gar nicht den Gedanken aufkommen lassen, dass Hillary für Frauen eintreten und dadurch eventuell Männer benachteiligen könnte? Das könnte Hillary männliche Wählerstimmen kosten. Und zu so unerwünschten Konsequenzen der Thematisierung von Frauen (und ihren Rechten) möchte der Boston Globe nicht beitragen?

Beim Endorsement des Boston Globe für Obama vor acht Jahren fehlten die Wörter „black“ und „African-American“. Schließlich sollte das ja ein Präsident für ALLE AmerikanerInnen sein, nicht nur für die Schwarzen oder für die, die ein Zeichen gegen die Rassendiskriminierung setzen wollten.

Aber es gab zahlreiche Synonyme aus dem heiklen Wortfeld, das zwar nur indirekt angesprochen wurde, aber keinesweg unter den Tisch fiel. Das wichtigste dieser Wörter war „race“, andere waren „multi-ethnic“, „diversity“, „roots“. Für Hillary wäre entsprechend mindestens das Wort „gender“ erwartbar gewesen. Aber sogar das fehlt!

Ich finde keine stimmige Erklärung für das “frauenfreie”, widersprüchliche Hillary-Endorsement des Boston Globe. Vielleicht war der Text ein mühsam erstrittener Kompromiss verschiedener Fraktionen innerhalb der Redaktion. Inzwischen hat auch die New York Times sich offiziell für Hillary engagiert und zeigt uns, dass es auch anders geht. Unter den zahlreichen Wörtern kam an sehr prominenter Stelle das Wort „woman“ vor: “Hillary Clinton would be the first woman nominated by a major party”. Und dann noch siebenmal das Wort „women“ im weiteren Text.

Die New York Times ist weitaus bedeutender und einflussreicher als der Boston Globe. Unbestritten ist sie die wichtigste und meistgelesene Tageszeitung nicht nur der USA, sondern der westlichen Welt. Der Boston Globe kann da keineswegs mithalten.

Aber natürlich hat er viel Einfluss in Neuengland und somit auch in New Hampshire, dessen Vorwahlen (am 9. Februar) von vielen als tonangebend, wenn nicht für den weiteren Verlauf der Vorwahlen als entscheidend angesehen werden. Was das Ergebnis betrifft, bin ich aus verschiedenen Gründen zuversichtlich, und immerhin hat der regional bedeutende Globe dem Wahlvolk der Democrats und Independents von New Hampshire ans Herz gelegt, Hillary zu wählen - wenn auch auf verdruckste, äußerst kuriose Weise.

Noch eine Bemerkung zu den Wörtern „to endorse“ und „Endorsement“. Sie stammen aus der Welt des Marketing und sind in Deutschland so ungebräuchlich wie sie in den USA alltäglich sind. „To endorse“ bedeutet ursprünglich, sich für ein Produkt einzusetzen und mit dem eigenen (möglichst guten und prominenten Namen) dafür zu werben. Eine überzeugende deutsche Entsprechung gibt es m.W. nicht, weshalb im deutschen Sport- und Musikmarketing denn auch meist einfach von Endorsement, Endorsern, etc. gesprochen wird. Wenn Thomas Gottschalk von Haribo-Gummibärchen schwärmt und die deutsche Männer-Nationalelf in Adidas-Klamotten aufspielt, so haben wir es mit (sehr lukrativen!) Endorsements zu tun. Die USA sind das Mutterland des Marketing - auch dies Wort scheint unübersetzbar - und sind diesbezüglich nicht zimperlich. PolitikerInnen werden gekauft, folglich sind sie Waren und werden beworben wie andere Waren auch. Hillary Clintons demokratischer Rivale Bernie Sanders verkauft sich zwar als Ausnahme, aber verkaufen muss auch er sich. In Europa fremdeln wir noch und haben die Praxis mitsamt den Ausdrücken für Menschen bisher noch nicht übernommen. Bisher hat m.W. noch niemand Angela Merkel endorsiert bzw. ein Endorsement für sie ausgesprochen. Aber die Wahlen sind ja auch noch ein Weilchen hin. Wenn es soweit ist, werden hoffentlich viele Zeitungen, Institutionen und Promi-Frauen sie endorsieren - damit dieses unwiderstehliche Szenario Wirklichkeit wird:

Die dann nur noch zweitmächtigste Frau der Welt, Angela Merkel, bringt zusammen mit der mächtigsten Frau bzw. Persönlichkeit, Hillary Clinton, der Chefin des IWF Christine Lagarde und der Chefin der Fed (US-Notenbank) Janet Yellen die Welt mit weiblicher Klugheit, Empathie, Umsicht sowie Vernetzungs- und Verhandlungskunst endlich auf Vorderfrau!

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# | Luise F. Pusch am 01.02.2016 um 01:13 AM • 9 KommentarePermalink

20.12.2015

Sterben ist gesund: Gedanken zur Geburt des Herrn

In diesen Tagen feiern wir wieder mal die Geburt Jesu. Sie ist eines der christlichen Mysterien, denn Maria, die Mutter des Jesuskindes, war bei seiner Geburt noch Jungfrau. Vater des Kindes war nicht Marias Ehemann Josef, sondern Gott selber, vertreten durch den Heiligen Geist. So steht es geschrieben im Lukas-Evangelium.

Maria wird nicht etwa gefragt, ob sie das Jesuskind austragen und gebären will. Die Zumutung wird ihr vielmehr als „Gnade“ durch den Erzengel Gabriel „verkündet“, und die Christenheit feiert auch dieses Ereignis jedes Jahr als „Mariae Verkündigung“, chronologisch korrekt genau neun Monate vor dem Geburtstermin, am 25. März.

Lukas-Evangelium, Kapitel 1:
28 Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! 29 Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? 30 Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. 31 Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. (Quelle hier)

Was bleibt Maria übrig als sich zu fügen? Begeisterung über die „Gnade“, die ihr widerfährt, ist nicht überliefert. Vielmehr erklärt sie in Vers 38 „gottergeben“: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“

Zeus, der Göttervater, vergewaltigte und schwängerte seine irdischen Opfer noch selber, und ließ sich nicht durch einen Heiligen Geist vertreten. Auch machte er sich nicht die Mühe, seine Untaten durch einen Untergebenen vorher zu „verkündigen“. Vielmehr überrumpelte und überlistete er die Objekte seiner Begierde in der Regel, indem er verschiedene Gestalten annahm. Zu Leda kam er als Schwan, zu Danae als Goldregen, zu Kallisto als Artemis, Europa entführte er als Stier.

Das christliche Europa ist also benannt nach einer von Zeus vergewaltigten Frau, und das Christentum selbst gründet ebenfalls auf einer Vergewaltigung, wenn sie auch als „göttliche Gnade“ verbrämt wird.

Gott oder die Götter selbst als Vergewaltiger - eine bessere und perfidere Rechtfertigung männlicher Schandtaten ist kaum denkbar. Dass Vergewaltigung noch immer epidemisch ist, mag auch daran liegen, dass sie in die Gründungsmythen (nicht nur) unserer Kultur so tief eingeschrieben ist. 

Mit der Aufklärung trat für viele „die Natur“ an die Stelle der männlichen Götter oder des männlichen Gottes. Obwohl weiblich, meint es „die Natur“ mit den Frauen auch nicht gerade gut. Die Frau ist dazu da, Kinder zu kriegen, so will es schließlich die Natur. Oder Gott. Oder, noch schlimmer: Alle beide!

An diese Zusammenhänge wurde ich erinnert, als ich vor einigen Wochen Thomas Manns erstaunliche Erzählung „Tristan“ las (ich werde in der nächsten Glosse genauer auf sie eingehen). Er schrieb sie 27jährig im Herbst 1902. Thomas Mann, der fast ausschließlich über Männer und Knaben geschrieben hat, sie lagen ihm nun mal mehr, bewies als junger Schwuler im Versteck eine außerordentliche Sensibilität für die Folter des Gebärzwangs, den gewissenlose Hetero-Männer (mit Namen wie Klöterjahn) den Frauen auferlegen. In seiner Erzählung, die ein flammendes Plädoyer gegen den dumpfen Zeugungstrieb der Klöterjahne und für Verhütung und Geburtenkontrolle ist, lässt er eine „Pastorin Höhlenrauch“ herumgeistern:

„Eine fünfzigjährige Dame, die Pastorin Höhlenrauch, die neunzehn Kinder zur Welt gebracht hat und absolut keines Gedankens mehr fähig ist, gelangt dennoch nicht zum Frieden, sondern irrt, von einer blöden Unrast getrieben, seit einem Jahre bereits am Arm ihrer Privatpflegerin starr und stumm, ziellos und unheimlich durch das ganze Haus.“

Die arme „Pastorin“ ist nicht umsonst Pastorin (heute würden wir sagen: Pfarrfrau), denn die protestantischen Pfarrer trieben den Gebärzwang auf die Spitze. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich stamme aus einer evangelischen Pfarr- und Missonarsfamilie. Meine Urgroßmutter, Pfarrfrau, starb 1890 im Alter von 45 Jahren nach der Geburt von sechzehn Kindern, von denen nur acht überlebten. Ein Schicksal ganz ähnlich dem der unglücklichen Pastorin Höhlenrauch (lies: Höllenrauch, denn was sie lebt, ist die Hölle).

Die zeugungsfreudigen Pfarrherren wurden angefeuert von keinem Geringeren als Martin Luther, der befand: „schwach und ungesund die unfruchtbar weyber sind, die aber fruchtbar sind, sind gesünder, reinlicher und lustiger. Ob sie sich aber auch müde und zuletzt todt tragen, lass nur tod tragen, sie sind drumb da. Es ist besser, kurtz gesund, denn lange ungesund leben.“

Um es mit Luther kurz und knapp zu sagen: Sterben ist gesund. Jedenfalls für Frauen.

Und was meinen nun die Frauen dazu? Seit sie überhaupt etwas meinen dürfen, reagieren sie kompromisslos: Je emanzipierter die Frauen sind, umso mehr sinkt die Zahl der Geburten. Nix da mit „Magd des Herrn“!

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# | Luise F. Pusch am 20.12.2015 um 03:37 PM • 7 KommentarePermalink

08.11.2015

Integration, Macht und Schluckbeschwerden

Vorbemerkung: Diese Glosse schrieb ich im November 2006 im Auftrag einer Schweizer Frauenorganisation, die sich um die Integration von Vertriebenen kümmert.
Heute ist das Thema noch weit aktueller als damals. Deshalb veröffentliche ich den Text hier noch einmal. Er erschien zuerst in meinem Buch Die Eier des Staatsoberhaupts und andere Glossen,  (Wallstein Verlag Göttingen, S. 97-99)

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“Heute morgen habe ich erst ein leckeres Frühstück und danach meine Blutdruckpille in mich integriert.” Nein, so sagen wir das nicht: Das Frühstück habe ich gegessen oder mir einverleibt, die Pille geschluckt.

Dennoch: Da laut Duden “Integration” u.a. die “Eingliederung in ein größeres Ganzes” bedeutet, habe ich sicher sowohl mein Frühstück als auch die Pille in das größere Ganze namens Luise integriert. Ich selbst habe mich bei diesem Prozess kaum verändert, wohl aber Frühstück und Pille, und zwar bis zur Unkenntlichkeit.

Zu der Vereinigung der beiden deutschen Staaten nach 1989 sagten viele enttäuschte Ossis, die BRD hätte die DDR geschluckt. Zumindest was den Namen betrifft, haben sie recht: Das neue “integrierte” Gebilde heisst wie der mächtigere der beiden vorigen Teilstaaten: BRD.

Integration ist oft nur ein Geschlucktwerden des Kleineren durch das Größere. Aber “Integration” klingt abstrakter und friedlicher. Je nach Grösse und Zusammensetzung kann das Geschluckte dem Grösseren Schluck- oder Magenbeschwerden verursachen. Manchmal überfrisst sich das Grössere und erholt sich nicht wieder. Fortlaufend geschieht dies zum Schaden aller in der Wirtschaft – ein Musterbeispiel war ENRON.

Musterbeispiele im Sinne des Schluck-Modells der Integration sind auch das traditionelle Eherecht und die traditionelle Männersprache: In der Ehe nach altem Recht wurden Mann und Frau “eine Person” – und diese Person war der Mann: Im 19. Jahrhundert wurde die Frau durch die Ehe zum Besitz des Mannes; sie “schenkte” ihm Kinder, die rechtlich ebenfalls ihm gehörten. Die Sprache machte dies noch einmal deutlich: Unter dem Namen des Eheherrn wurden alle Familienmitglieder zu einem Ganzen zusammengefasst, integriert.

Und eine Gruppe von Frauen wurde symbolisch zu einer Männergruppe, sowie ein einziger Mann hinzukam. Sie kennen das oft zitierte Beispiel: “99 Schweizerinnen und ein Schweizer sind zusammen 100 Schweizer”. Gegen diese Art von Integration protestieren Frauen weltweit seit Jahrzehnten und bestehen auf Differenzierung statt Schluck-Integration.

Angesichts wachsender Zahlen von Schutzsuchenden wird die Frage “Welches Modell können wir dem Schluckmodell entgegensetzen?” immer dringlicher. Naheliegende Antwort: Nicht Gleichschaltung, sondern Lob der Vielfalt. Vielfalt ist Reichtum, ist normal und willkommen.

Ein berühmtes Schweizer Buch aus den siebziger Jahren beginnt mit dem Satz: “Ich bin jung, reich und gebildet - und ich bin unglücklich, krank und allein.” (Fritz Zorn, Mars). Der Autor gehört also nicht nur der Gruppe der Bevorzugten, sondern gleichzeitig der Gruppe der Benachteiligten an. Ich habe diesen Satz nie vergessen und verwende ihn in Diskussionen über die Ungerechtigkeit der Welt gern als Beispiel.

Wir alle haben so viele Eigenschaften. Und mit jeder dieser Eigenschaften gehören wir einer Gruppe von Menschen mit denselben Eigenschaften an. Die Zugewanderten mögen eine andere Sprache sprechen als ich, aber viele sind ältere Menschen wie ich, sind Frauen, Mieterinnen, Übergewichtige, Feministinnen, Nichtmotorisierte, Musikliebhaberinnen wie ich. Oder sie sind Männer, jung, magenkrank, untergewichtig, alleinstehend, arbeitslos, fußballbesessen, Hip-Hop-Fans und Schachspieler wie du. Durch diese Vielfalt von Eigenschaften, die wir mit vielen oder allen (z.B. das Menschsein, die Verletzlich- und die Sterblichkeit) anderen teilen, sind wir alle bereits völlig und bestens vernetzt und integriert, wir müssen es uns nur viel eindringlicher bewusst machen.

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# | Luise F. Pusch am 08.11.2015 um 08:46 PM • Permalink

17.10.2015

Wenn der Flüchtling eine Frau ist

Das „Flüchtlingsproblem“ läuft unter falscher Flagge - es ist eines der vielen Probleme, die wir mit Rechtsextremen haben. Solche fehlidentifizierten Probleme sind nichts Neues. Das meistdiskutierte war die sogenannte „Frauenfrage“, die natürlich eine Männerfrage war.

Rein sprachlich gesehen sind aber die „Flüchtlinge“ durchaus ein Problem, denn das Wort „Flüchtling“ ist - wie alle deutschen Wörter, die mit „-ling“ enden - ein Maskulinum, zu dem sich kein Femininum bilden lässt. Bei „Pfifferling“, „Jüngling“, “Engerling”, „Bratling“, “Schmetterling” und „Fäustling“ stört uns das nicht weiter, bei „Wüstling“, „Lüstling“ und “Feigling” erst recht nicht, aber bei “Liebling” wünschen wir uns schon manchmal was Weiblicheres, und bei „Flüchtling“, „Lehrling“, „Täufling“ und „Säugling“ wird es echt zum Problem. Diese maskulinen Bezeichnungen verdrängen Mädchen und Frauen aus unserem Bewusstsein; sie lassen in unseren Köpfen automatisch Bilder von Jungen oder Männern entstehen.

Der „Säugling“ wird heute meistens „Baby“ genannt. Prima Lösung!

Kürzlich bekam ich über Facebook folgende Anfrage:

Liebe Frau Pusch, ich bin eigentlich schon recht kreativ, was den Umgang mit gerechter Sprache angeht. Aber hier stoße ich an meine Grenzen: Was ist die weibliche Form von “Täufling”?

Ich schrieb zurück:

Normalerweise würde ich frech für „die Täufling“ plädieren nach der Devise „Wir machen unsere Sprache selber: die Welt gehört feminisiert.“ Allerdings klingt „die Täufling“ wie „die Teufelin“, und im christlichen Milieu kämen da sicher sofort die falschen Assoziationen für die arme kleine Täufling auf. Vielleicht „Taufkind“ in Anlehnung an „Geburtstagskind“? Ich werde weiter nachdenken.

Wenn es nur das Problem mit „dem Täufling“ wäre. Aber da ist eben das viel größere und aktuellere Problem mit „dem Flüchtling“ und den sogenannten „weiblichen Flüchtlingen“, auch „Flüchtlingsfrauen“ genannt oder „Frauenflüchtlinge“ (in der Schweiz).

Der Blogger Sascha Lobo schlug neulich in Maybrit Illners Talkshow vor, statt von „Flüchtlingen“ von „Vertriebenen“ zu sprechen, was der bayrische Innenminister sofort als Beleidigung zurückwies. Offenbar meinte er, die deutschen Flüchtlinge, die nach dem Krieg aus ihrer Heimat vertrieben wurden und im mächtigen, staatlich geförderten „Bund der Vertriebenen“ organisiert sind, seien etwas Besseres als die nichtdeutschen Flüchtlinge, die derzeit in Scharen nach Deutschland kommen. Pfui, kann frau da nur sagen.

Lobos Vorschlag hatte noch zusätzlich den Vorteil, dass „die Vertriebenen“ geschlechtsneutral ist und Frauen als gleichberechtigt behandelt, jedenfalls grammatisch. Aber natürlich nur im Plural. Im Singular herrscht wie gehabt das generische Maskulinum: „Vertriebener [!] ist, wer als deutscher [!] Staatsangehöriger [!] oder deutscher [!] Volkszugehöriger [!] seinen [!] Wohnsitz in den ehemals unter fremder Verwaltung stehenden deutschen Ostgebieten … verloren hat. (§1 Bundesvertriebenengesetz (BVFG), zitiert nach Wikipedia).

Dennoch - dieses „Flüchtlingsproblem“ hätten wir mit Hilfe von Sascha Lobo schon mal ansatzweise gelöst.

Sollten die deutschen Vertriebenenverbände gegen die Bedeutungserweiterung ihrer gesetzlich definierten Bezeichnung protestieren, könnten wir statt „Vertriebene“ auch „Geflüchtete“ oder „Geflohene“ sagen. Oder einfach „Willkommene“, nachdem sie den Deutschen doch zu einer nie für möglich gehaltenen „Willkommenskultur“ verholfen haben.

Ebenfalls ansatzweise gelöst, und zwar schon lange, ist das „Lehrlingsproblem“. Die Lehrlinge heißen jetzt „Auszubildende“, was wenigstens im Plural schön geschlechtsneutral ist.

Nun noch einmal zum Täufling. „Der Täufling soll Lena heißen“ - wie hässlich klingt das denn?! Gesucht wird eine weibliche oder zumindest geschlechtsneutrale Bezeichnung.

Bei Wikipedia lese ich: “Das griechische Wort für taufen im Neuen Testament ist baptízein (βαπτίζειν) und bedeutet so viel wie ein- oder untertauchen.”

Da hätten wir also schon eine Lösung: Aus allzu maskulin getönten Täuflingen werden - nach dem gelungenen Vorbild der „Auszubildenden“ - geschlechtsneutrale „Einzutauchende“: „Die Einzutauchende heißt Lena, der Einzutauchende Markus“. Und wenn sie fertig eingetunkt sind, ist Lena eine „Eingetauchte“ und Markus ein „Eingetauchter“.

Klingt alles zu sehr nach Dunkin Donuts? Dann ist vielleicht doch das „Taufkind“ noch die beste Lösung.

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Nachtrag am 20.10.15: Rolf Löchel, FemBiograf (vgl. Tori Amos und Clara Viebig) und Experte in Sachen Feminismus und Literatur, schickte uns noch folgenden Hinweis zur uralten Geschichte von Frauen, die vor patriarchaler Gewalt fliehen:
“Dann dachte ich nach der Lektüre Ihrer Glosse noch über “Schutzflehende” nach, was zwar wegen des “Flehens” nicht so schön klingt, aber den Vorteil hätte, der deutsche Titel von Aischylos’ Tragödie “Hiketides” zu sein. Und eben deshalb gefällt es mir so gut. Denn die Hiketides/Schutzflehenden des Aischylos sind 50 Frauen, die vor einer Zwangsverheiratung aus ihrer Heimat nach Argos fliehen und um Asyl bitten. Aber vermutlich würde kaum jemand bei dem Ausdruck “Schutzflehende” die 50 Frauen der Tragödie und ihren geschlechtsspezifischen Grund zur Flucht assoziieren.”

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# | Luise F. Pusch am 17.10.2015 um 06:54 PM • Permalink

27.09.2015

Seid umschlungen, Millionen: Mangelnde Willkommenskultur als Verlustgeschäft

Es war einmal ein Syrer aus Homs namens Abdulfattah Jamali, der studierte in Wisconsin und verliebte sich in eine Katholikin mit deutschen Wurzeln namens Joanne Carol Schieble. Sie wurde schwanger. Ihr Vater drohte, den Kontakt mit ihr abzubrechen, falls sie den Muslim heiraten würde. Ein uneheliches Kind war in den fünfziger Jahren eine solche Schande, dass Schieble keinen anderen Ausweg sah, als ihr Kind gleich nach der Geburt zur Adoption freizugeben. Es war ihr wichtig, dass ihr Sohn bei einem gebildeten Ehepaar aufwuchs. Das ausgewählte Ehepaar wollte dann aber doch lieber eine Tochter, und so wurde das Kind schließlich von einer ArbeiterInnenfamilie adoptiert, die der leiblichen Mutter zuvor versprechen musste, den Jungen später aufs College zu schicken.

Schiebles störrischer Vater starb sechs Monate nach der Adoption, und so konnte die US-amerikanische Katholikin doch noch ihren syrischen Muslim heiraten. Sie bekamen noch eine Tochter, Mona Simpson, heute Englischprofessorin und Schriftstellerin.

Wir sehen: Die deutschen und syrischen Wurzeln vertrugen sich gut und produzierten tüchtigen, erfolgreichen Nachwuchs. Hätte Schiebles Vater mehr Willkommenskultur walten lassen, gehörten seine Angehörigen und Nachkommen jetzt zur reichsten Familie der Welt. Sein verstoßener Enkel, von dem Ehepaar Jobs liebevoll großgezogen, war Steve Jobs. Er gründete u.a. Apple, die Firma mit dem welthöchsten Börsenwert.

Übrigens war auch der mächtigste Mann der Welt, Barack Obama, der Sohn eines schwarzen Migranten aus Kenya und einer weißen US-Amerikanerin, der Anthropologin Anne Dunham.

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Steve_Jobs

https://en.wikipedia.org/wiki/Steve_Jobs

https://en.wikipedia.org/wiki/Mona_Simpson

Walter Isaacson. 2011. Steve Jobs. Simon & Schuster.

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# | Luise F. Pusch am 27.09.2015 um 10:39 AM • Permalink

23.08.2015

My Heart belongs to Addyi

Anfang der Woche hörte ich zum ersten Mal von Addyi, der neuen „Lustpille“ für Frauen, die gerade von der US-amerikanischen Arzneimittelbhörde FDA zugelassen wurde und im Oktober auf den Markt kommen soll. Judy Woodruff von der PBS NewsHour sprach es wie „Addie“ aus.

Frauen im gebärfähigen Alter, die keine Lust auf Sex haben und es pro Monat nur auf 2,7 befriedigende sexuelle Begegnungen bringen, können diese Zahl nun auf 4,4 „steigern“, wenn sie bereit sind, besorgniserregende gesundheitliche Risiken auf sich zu nehmen, keinen Alkohol mehr zu trinken, die Lustpille jeden Tag einzuwerfen und dafür pro Monat 400 Dollar hinzublättern. Ältere, alte und weniger betuchte Frauen werden also leer ausgehen - wahrscheinlich ist das aber nur zu ihrem Besten.

Welche Frau, die noch ihre fünf Sinne beisammen hat, möchte wohl regelmäßig ein solches Monstrum von Pille einnehmen: minimale und nicht gesicherte Wirkung bei hohem Risiko und hohem Preis? Das Preis-Leistungs-Verhältnis scheint auf den Kopf gestellt, und doch verspricht mann sich Riesengewinne. Kaum war die Nachricht von der Zulassung raus, wurde die kleine Herstellerfirma Sprout von der Big-Pharma-Firma Valeant für eine Milliarde Dollar aufgekauft.

Ich hörte neulich, dass der Film „The Devil Inside“, der als der schlechteste Film aller Zeiten gilt, zugleich prozentual den höchsten Gewinn abwarf. Wie das zu erklären ist? Erstklassiges Marketing!

Nach dieser Methode wird wahrscheinlich auch Addyi ihre KäuferInnen finden und Valeant bald ein Vielfaches seinen Einsatzes erwirtschaften.

Noch ein Wort zu dem angeblichen Sieg für die Gleichberechtigung, der durch Addyi errungen wurde. Während die Forschung Männer mit Viagra beglückte, hat sie die Frauen mit ihrer Lustlosigkeit alleingelassen, sollen „Frauenorganisationen“ gemäkelt haben. Die Gruppe „Even the Score“, die am lautesten gebrüllt hatte und jetzt ihre Webseite mit dem Banner „Thank you, FDA“ schmückt, wird u.a. gesponsert von den Firmen Sprout (Herstellerin von Addyi) und Trimel (arbeitet ebenfalls an der chemischen Bearbeitung der weiblichen Lust). Das berichtete am 19. August der englische Guardian. Wie gesagt: Erstklassiges Marketing!

Bleibt uns also nur noch, dem betrüblichen mutmaßlichen Lauf der Dinge kopfschüttelnd zuzuschauen und ein paar Betrachtungen zu Namen und Design von „Addyi“ beizusteuern. Addyi ist rosa und Viagra hellblau - wie sinnig! Zur niedlichen Farbe passt der niedliche Klang: „Addyi“ klinge „cute“, schrieb eine der wenigen Kommentatorinnen, die sich überhaupt mit dem Namen befassten. Die Schreibung mit der Endung „yi“ ist so ungewöhnlich, dass die Firma Aussprachehilfe gibt - das hilft aber vor allem, das Gespräch über „Addyi“ anzukurbeln und den Namen im Gedächtnis zu verankern. Eben „erstklassiges Marketing“.

Was seltsamerweise noch nirgends kommentiert wurde, ist hingegen die auffällige Tatsache, dass „Addyi“ sich auf „Daddy“ reimt. Das wäre doch die einfachste Aussprachehilfe gewesen. Da sie peinlichst gemieden wird, dürfen wir dahinter wohl einen tieferen Grund vermuten. Und ich vermute folgendes:

„Addyi“ wurde nicht für die Frau entwickelt, sondern für den bejahrten Mann, der ihr Daddy sein könnte - das darf aber natürlich nur unbewusst anklingen. Daddy hat sicher genügend Knete, um für ein bisschen mehr Erfolg im Bett eine beträchtliche Summe zu bezahlen. Die Zielgruppe - Frauen im gebärfähigen Alter - ist auch genau diejenige, für die Daddy sich interessert. Ob ältere Frauen Lust haben oder nicht, ist Daddy piepegal. Und um es ihm recht zu machen, werden sich sicher viele Frauen auf diesen Scheiß einlassen, wie auch auf all den übrigen teuren und gesundheitsschädlichen Mist, den sie im Interesse des Herrn auf sich zu nehmen gewohnt sind, von den High Heels, die ihre Füße verkrüppeln, über operative Verengung ihrer Vagina, Brustverkleinerung oder -vergrößerung bis hin zu Fettabsaugung, Bulimie und Anorexie, weil das Gewicht nicht Daddys Vorstellungen von Attraktivität entspricht.

Vor 17 Jahren schrieb ich zur Markteinführung von Viagra:

Viagra reimt sich im Englischen auf Niagara [“Naiägra” mit Betonung auf dem ä]. Nun haben die Niagarafälle zwar naturgemäß und wie der Name schon sagt eine eher fallende als steigende Tendenz, aber zweifellos sind sie ein gewaltiges Naturschauspiel tosender Fluten, es schäumt und spritzt, daß es eine Freude ist. Außerdem sind die Niagarafälle beliebt für Hochzeitsfeiern, Flitterwochen und ähnlich erektionsfreudige Seifenopern. Das ist es wohl, was die Namengeber im Sinn hatten.

Auf den eigentlichen Sinn von Addyi können wir uns noch leichter einen Reim machen:

Addyi ist für Daddy.
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# | Luise F. Pusch am 23.08.2015 um 06:29 PM • Permalink

16.08.2015

Neues zum Frauenübermannungsgesetz

Es gibt viele deutsche Gesetze mit unförmigen Namen, über die das Ausland sich köstlich amüsiert, z.B. das Streitkräftepersonalstruktur-Anpassungsgesetz (13 Silben, 45 Buchstaben) oder das Sicherheitsverwaltungs-Anpassungsgesetz (11 Silben, 40 Buchstaben).

Die feministische Linguistik hat schon vor Jahrzehnten ein anderes Anpassungsgesetz ausgemacht, das bisher jedoch sein Unwesen namenlos trieb. Ich finde, es sollte dringend namentlich dingfest gemacht werden und schlage folgende Bezeichnung vor:

Männersprachfrauenanpassungsgesetz (MSFAG: 10 Silben, 34 Buchstaben). Eine kürzere, ausdrucksstarke Version wäre „Frauenübermannungsgesetz“ oder noch kürzer „Übermannungsgesetz“.

Dieses Gesetz sieht vor, dass Frauen sich der Männersprache anzupassen haben und nicht umgekehrt. Es wirkt allenthalben, besonders aufdringlich bei der Eheschließung: Bis 1976 hatte die Frau den Namen des Mannes zu übernehmen und wurde damit automatisch zur Geborenen. Danach wurde diese Regel nach und nach gelockert, aber bis heute lassen sich noch ca. 80 Prozent der Frauen übermannen, 20 Prozent behalten ihren Namen. Nur 5 Prozent der Männer übernehmen den Namen ihrer Frau (wahrscheinlich, wenn er Schulze heißt und sie Prinzessin von Sachsen). Des weiteren ist das Gesetz wirksam bei der Benennung gemischtgeschlechtlicher Gruppen und bei der Benennung von Personen, deren Geschlecht (noch) nicht bekannt ist: Übermannung, wohin frau blickt: „Wer wird Millionär?“ „Wer wird der nächste Bundespräsident?“ Diese Fälle von Übermannung werden auch gern verharmlosend „generisches Maskulinum“ genannt. 

Ich habe schon viele Glossen über weitere Fälle sprachlicher Übermannung geschrieben. Hier eine minimale Auswahl:

Sie singt Tenor im Kirchenchor oder Das Frauenstimmrecht

Der Haushaltsführende

Leidige Väter

Ein anderes Wort für „alleinerziehend“

Die Epigone oder Frauen in der Kunst

Vorgestern lernte ich ein weiteres Beispiel für das Männersprachfrauenanpassungsgesetz kennen: Den „Barbershop-Gesang“. Unsere Freundinnen Ann und Jean waren zu Besuch. Ann erzählte ausführlich von ihrem Chor, einem der vielen „Barbershop Chöre“. Es ist dies eine US-amerikanische Spezialität, entstanden gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Ein Barbershop Chorus war ursprünglich ein Männer-Gesangsquartett, inzwischen gibt es aber auch größere und ganz große Barbershop-Chöre. Und Frauen, obwohl sie selten zum Barbier gehen, haben sich den schönen Zeitvertreib des kunstvollen gemeinsamen A-cappella-Singens bei den Männern abgeschaut und beteiligen sich auch eifrig an den nationalen und internationalen Wettbewerben.

Für mich war das eine völlig unbekannte Welt, ich hörte Ann gebannt zu und fragte zwischendurch auch, welche Stimme sie denn singe - Alt, Mezzo oder Sopran? Sie sagte, sie hätte eine Altstimme, aber in ihrem Barbershop Chor singe sie im Bass. Unmöglich, lachten wir.

Sie erklärte, die strengen, durch die Tradition festgelegten Regeln des Barbershop-Singens sähen die vier Stimmen Bass, Bariton, Lead und Tenor vor. Und so sängen denn auch die weiblichen Chöre „Bass“, „Bariton“, „Lead“ und „Tenor“ - natürlich jeweils etwa eine Quinte höher als die Männer. Aber die Stimmbezeichnungen der männlichen Barbershop-Chöre habe frau beibehalten.

Ich stelle fest: Klarer Fall von MSFAG. Nicht viel besser als die berüchtigte “Manndeckung” im Frauenfußball.

Dass altehrwürdige weibliche Berufsbezeichnungen umgehend übermannt werden, sobald ein paar Männer sich herbeilassen, den Beruf zu ergreifen, hat schon Generationen von Frauen erbost, besonders angesichts absurder Missbildungen wie “Amtmännin”, “Landsmännin”,  “Frauenfußballmannschaft” und anderer Zumutungen für das weibliche Selbstbewusstsein und Sprachempfinden. Die Hebamme wurde zum angeblich geschlechtsneutralen „Geburtshelfer“, die Kindergärtnerin zum Erzieher, die Krankenschwester zum Krankenpfleger. Vergeblich verlangen die Frauen nach dem „Hebammer“ oder „Hebammerich“, dem „Kindergärtner“ und dem „Krankenbruder“.

Vielleicht doch nicht ganz vergeblich. Über das Russische erfuhr ich neulich folgendes:

Im Russischen gibt es die медсестра (medsestra = Krankenschwester, sestra = Schwester) und den медбрат (medbrat = Krankenbruder, brat = Bruder). Den Bruder haben wir früher aber noch nicht gelernt, der ist neu ;-)

Da scheint es also im Russischen Ansätze zu einem Frauensprach-Männeranpassungsgesetz zu geben. Oder kürzer: Sprachgerechtigkeit. Brava, Mütterchen Russland!
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Dank an Almut Nitzsche für die Info über das Russische.

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# | Luise F. Pusch am 16.08.2015 um 09:09 PM • Permalink

also available in English

26.07.2015

Wider den Sexismus im Paarlauf

Der Paarlauf ist eine Disziplin der Sportart Eiskunstlauf, bei der die Programme von einem Paar, also einer Dame und einem Herrn, ausgeführt werden.
Paare zeigen synchron Einzellaufelemente und spezielle Paarlaufelemente wie geworfene Sprünge, Hebungen, Paarlaufpirouetten, Spiralen und Todesspiralen. (Wikipedia).

Diese Ausführungen der trefflichen Wikipedia sind sprachlich wieder mal sehr interessant:

Erstens hält Wikipedia es für angebracht, uns zu erläutern, was hier mit „Paar“ genau gemeint ist. Schließlich gibt es heutzutage alle möglichen Arten von Paaren, bis hin zu gleichgeschlechtlichen Ehepaaren, eine Erscheinung des 21. Jahrhunderts, die rasant um sich greift, sogar bis ins katholische Irland und in die evangelikal unterwanderten USA. Damit verglichen ist der Paarlauf eine Bastion der Rückständigkeit - und daran muss Wikipedia uns durch die umständliche Definition von „Paar“ erinnern.

Zweitens die „Paarlaufelemente“: geworfene Sprünge - wer wird da geworfen und wer wirft? Hebungen - wer hebt, wer schwebt? Todesspiralen - wer wird da absichtlich der Todesgefahr preisgegeben? Wikipedia verliert darüber kein Wort. Sie setzt hier wohl voraus, dass alle es wissen: Geworfen wird im klassischen Paarlauf die Frau. Wie im richtigen Leben. Sie ist es auch, die vom Herrn erhoben wird und deren Haare in der Todesspirale am Boden schleifen.

Neulich brachte die Tagesschau ein Interview mit dem mehrfachen deutschen Medaillengewinner im Paarlauf, Robin Szolkowy, der inzwischen den deutschen Paarlauf-Nachwuchs trainiert. Er gab Auskunft über die Voraussetzungen für diesen Beruf: Die Mädchen können nicht klein genug sein und die Jungen nicht groß und kräftig genug, da die Mädchen ja gestemmt werden müssten.

FrauenbildAuf dem Bild sehen sie Buster Keaton mit seiner Spielkameradin. Beide stinksauer, weil sie nicht zum Paarlauf zugelassen wurden.

Recht haben sie! Der Paarlauf ist wohl die sexistischste Sportdisziplin überhaupt und gehört reformiert. Und: Die überfälligen, unten erläuterten Neuregelungen sollten umgehend auf andere sexistisch organisierte Sportarten wie Eistanz und Gesellschaftstanz übertragen werden.

1. Im Zeitalter der gleichgeschlechtlichen Ehe sollten auch zwei Damen und zwei Herren ein Eislaufpaar bilden können. Gerne kann das dann auch ein besonders kleiner mit einem besonders großen Herrn sein oder eine besonders große Dame mit einer besonders kleinen.

2. Dass sich immer eine winzige Dame mit einem riesigen Herrn paaren muss, ist auch widerlich diskriminierend und schon lange nicht mehr zeitgemäß. Große, starke Damen, die eine unbezähmbare Leidenschaft für Paarlauf entwickeln, dürfen nicht einfach ausgeschlossen werden. Sie paaren sich am besten mit kleinen Herren, die nun endlich auch ihrer Berufung folgen können und nicht als Jockeys auf dem Pferderücken ein denkbar eislauffernes Dasein fristen müssen. Wie viele kleine Herren träumen nicht davon, von großen Damen hochgehoben und schwungvoll weggeworfen zu werden und sich in der Todesspirale vor ihnen am Boden zu winden!
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# | Luise F. Pusch am 26.07.2015 um 04:05 PM • Permalink

13.07.2015

Kutte, Kopftuch, Tschador - Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Was haben Mönche mit Rockerbanden gemeinsam? Bisher dachte ich: Nicht viel - aber wie ich letzte Woche erfuhr, tragen die beiden so unterschiedlichen Communities gleichnamige Kleidung, nämlich Kutten. Die Mönchskutte hat eine lange Geschichte, die ins Mittelalter zurückreicht, die Rocker-Kutte gibt es erst seit ein paar Jahrzehnten. Über die Wurzeln (Etymologie) des Wortes „Kutte“ gibt Heinrich Tischner erschöpfende Auskunft. Ich erfuhr auf seiner eindrucksvollen Sprach-Seite, dass „Kutte“ auch mit „Tschador“ und „Schal“ verwandt ist.

In die Nachrichten kam die Kutte letzte Woche, als der Bundesgerichtshof das bis dahin geltende Kuttenverbot für die Bandidos aufhob. Bis dahin galt deren Kutte als “Kennzeichen einer verbotenen Vereinigung“ und „Mittel der Einschüchterung“.  Mönche dagegen hatten noch nie unter einem Kuttenverbot zu leiden.

Obwohl ich weder von Mönchen noch von Rockern viel Ahnung habe - Männerbünde jeglicher Art stehen mir ziemlich fern - machte ich mir so meine Gedanken zum Kuttenverbot und seiner Aufhebung. Erinnert die Sache doch auffällig an die Aufhebung des Kopftuchverbots. Bei oberflächlichem Hinsehen könnte frau meinen, das Kopftuchverbot hätte einige Frauen in ihrer Freiheit eingeschränkt und das Kuttenverbot einige Männer, und nun können Frauen wie Männer sich wieder kleiden wie sie wollen, alles in Butter. In Wirklichkeit dienten beide Verbote - in unterschiedlicher Weise - weiblichen Interessen, die Aufhebungen dagegen männlichen.

Obwohl Mönche und Biker auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam zu haben scheinen - Mönche streben ein heiligmäßiges Leben an und Rocker eher das Gegenteil - hat doch die Kutte bei beiden eine ganz ähnliche Funktion, nämlich die einer Uniform. Die Kutte soll die Zugehörigkeit zur Gruppe der Mönche bzw. der Rocker nach außen kenntlich machen und nach innen Kohäsion stiften.

Uniformen sind und waren immer überwiegend Männersache. Für Rocker-Clubs - Hells Angels, Bandidos, Gremium MC und wie sie alle heißen - sind weibliche Mitglieder undenkbar, die Mönchsorden erlauben ebenfalls keine. Die Unterschiede zwischen den Kutten, markiert durch Farben, Schnitt, Abzeichen (Patches) etc. zeigen an, welcher Gruppe der Kutten- oder Uniformträger angehört und welchen Rang er in seiner Gruppe hat, sei es die Rockerbande, der Mönchsorden, das Militär oder sonst ein Männerbund.

Die Kirche kennt natürlich auch weibliche Orden, und die haben auch ihre spezifischen Uniformen. Diese heißen aber nicht Kutte, sondern Habit oder Tracht.

Und was ist nun mit dem Kopftuch oder -schal (Hijab), dem Niqab, dem Tschador und der Burka - jenen Uniformen, die viele Musliminnen tragen oder tragen müssen? Sie machen deren Zugehörigkeit zur islamischen Glaubensgemeinschaft nach außen kenntlich. Insofern sind sie der Mönchskutte oder der Nonnentracht nicht unähnlich und erinnern ja auch äußerlich ein wenig daran. Dennoch besteht zwischen der Nonnentracht und dem Kopftuch (Hijab) oder gar dem Tschador, dem Niqab und der Burka der Musliminnen ein bedeutsamer Unterschied: Kopftuch, Tschador, Niqab und Burka bezeugen die überwiegend nicht selbstgewählte Religionszugehörigkeit, nicht die selbstgewählte Zugehörigkeit zu einem Orden. Außerdem gibt es auf männlicher Seite kein Pendant wie die Mönchskutte katholischer Orden. Die Vorschrift, einen Bart zu tragen, ist mit der Vorschrift, unter einer Burka oder einem Niqab gesichtslos zu werden, nicht vergleichbar.

In ihre Religion wird frau in der Regel hineingeboren. Die oftmals extrem hinderlichen verhüllenden Gewänder wie Niqab, Tschador oder Burka werden den Musliminnen von ihren Glaubensbrüdern vorgeschrieben. Frauen, soweit sie ihre kleinen Töchter frühzeitig entsprechend verkleiden, sind nur die Vollzugsbeamtinnen der von Männern erdachten und verhängten Kleiderordnung.

Insofern sind Tschador, Niqab und Burka eher mit Häftlingskleidung vergleichbar. Es überwiegt nicht der Aspekt des stolzen Bekennens einer selbstgewählten Identität, sondern der der Identitätsauslöschung und der Kenntlichmachung einer aufgezwungenen Identität. Eine Ausnahme sind natürlich diejenigen Frauen, die als Erwachsene dem Islam beigetreten sind und die Kleidervorschriften für Frauen freiwillig befolgen. In den übrigen Fällen dient die von außen aufgesetzte Kenntlichmachung nicht den Interessen der Häftlinge oder der Frauen in Einheitskleidung, sondern denen ihrer Aufseher. Einzige Ausnahme: Schul-Uniformen, die eine sinnvolle Maßnahme gegen den Zwang zu Markenklamotten unter Jugendlichen sein können.


# | Luise F. Pusch am 13.07.2015 um 06:39 PM • Permalink

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Hedwig Dohm