09.11.2014

Männerfreie Zone (fast): Die neue Regierung von Rheinland-Pfalz

Am Mittwochabend berichtete das heute-Journal, Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, habe ihr Kabinett umgebildet. Um Schadensbegrenzung in Sachen Nürburgring-Skandal bemüht, habe sie vier Minister ausgewechselt. Ich war schon fast im Halbschlaf, da weckte mich die muntere, nicht enden wollende Prozession von Frauen wieder auf, die da den Bildschirm füllte: offenbar das neue Kabinett Dreyer. Ein Kabinett nur aus Frauen - sowas hatte es doch noch nie gegeben. Die Moderatorin verlor über diese Ungeheuerlichkeit allerdings kein Wort. Sie tat, als sei das völlig normal.

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Am nächsten Tag hatte ich das unbesungene Wunder fast schon wieder vergessen, aber am Freitag fiel es mir wieder ein, und ich beschloss, der Sache nachzugehen und googelte „Kabinettsumbildung Dreyer“. Ja, hieß es jeweils dröge, sie habe ihr Kabinett umgebildet, wegen des Skandals um den Nürburgring. Der andere Skandal, dass sie die Stirn gehabt hatte, ihren Landeskindern ein Kabinett aus 8 Frauen und 2 Männern zuzumuten, blieb hingegen weitgehend unkommentiert.

Früher benutzte man für Kabinettsumbildungen gern den frz. Ausdruck „Revirement“. Da es dabei IMMER um die Ablösung von Männern durch andere Männer ging, war ich bis heute davon überzeugt, das „vir“ in dem Wort „Revirement“ sei das lateinische vir „Mann“, und es handle sich bei einem Revirement folglich um eine „Umbemannung“. Nun aber belehrt mich der Duden online wie folgt:

Revirement:
Umbesetzung von Ämtern, besonders Staatsämtern
Beispiele
• im Außenministerium hat ein Revirement stattgefunden
• ein Revirement vornehmen
Herkunft
französisch revirement = Umschwung, zu: virer = wenden, über das Vulgärlateinische zu lateinisch vibrare “vibrieren”

Sollen wir dem Duden das glauben? Mich hat er nicht überzeugt.

Bleiben wir noch einen Moment bei „vir“. Es steckt auch in viril „männlich“, und - für unser Thema aufschlußreicher - in Triumvirat „Dreimännerkollegium“, das wir aus der römischen Geschichte kennen. Rund zweitausend Jahre später erschien das erste „Feminat“ auf der Bildfläche, eine Analogiebildung zu „Triumvirat“. Im April 1984 wählten die Grünen im Bundestag einen Fraktionsvorstand, der nur aus Frauen bestand und in den Medien umgehend als „Feminat“ bezeichnet wurde, um nicht zu sagen, verschrien war. Fünf Jahre später gab es das zweite Feminat: „Mit acht Senatorinnen und fünf Senatoren sowie dem Regierenden Bürgermeister war der [Berliner] Senat Momper die erste deutsche Landesregierung mit Frauenmehrheit.“

Ich erinnere mich noch gut an die Häme und den Aufruhr in den Medien um diese beiden „Feminate“. Was also ist davon zu halten, dass das neue Feminat Malu Dreyers so gar niemanden hinter dem Ofen hervorlockt und niemand mehr das Schimpfwort „Feminat“ dagegen bemüht? Liegt es vielleicht daran, dass die rheinland-pfälzische Regierung auch schon vor der Kabinettsumbildung ziemlich frauenlastig war mit sechs Frauen und vier Männern? Aber jetzt sind es acht Frauen und nur noch zwei Männer, und wenn das so weiter geht, sind die Männer bald ganz verschwunden. Wieso machen sie dagegen nicht mobil wie ehedem?

Malu Dreyers neues Kabinett ist eine große Errungenschaft für Frauen. Weibliche Erfolge werden von Männern - die in unseren Medien weiterhin das Sagen haben - üblicherweise nicht gefeiert, sondern entweder bekämpft oder ignoriert. Das Ignorieren wird immer dann gewählt, wenn das Bekämpfen aussichtslos scheint. Als feministische Linguistin erlebe ich beide Reaktionsweisen seit 35 Jahren. Zuerst wurden unsere sprachkritischen Forderungen mit allen Mitteln bekämpft. Sowie wir trotzdem Erfolge verzeichnen konnten, hieß es, wir rennten mit unserer Kritik offene Türen ein, das „Gendern“ sei doch inzwischen selbstverständlich.

Aus diesen Erfahrungen schließe ich, dass mann Aufregung über Malu Dreyers Frauenkabinett nicht für opportun hält. Mann ergibt sich in sein Schicksal, in Rheinland-Pfalz von Frauen regiert zu werden - welche Schande! Und eine Schande wird am besten totgeschwiegen.

Wir Frauen haben allerdings keinen Grund, diese Strategie nachzumachen und ebenfalls zu schweigen. Wir sollten Malu Dreyers Coup als Vorbild für weitere hübsche Kabinettsbereinigungen ordentlich feiern und die frohe Kunde überall herumposaunen.
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# | Luise F. Pusch am 09.11.2014 um 07:43 PM • 10 KommentarePermalink

26.10.2014

Social freezing: Was ist sozial am Eier-Einfrieren?

„Laut und Luise“ ist ein feministischer Blog mit linguistischem Einschlag - und umgekehrt. Seit etwa zehn Tagen geistert ein neuer Ausdruck durch die deutschen Medien und bewegt die Gemüter: Social freezing. Er verdient sowohl feministische als auch linguistische Beachtung und eignet sich deshalb für meinen Blog wie selten etwas.

„Social freezing“ sagt die deutsche Wikipedia, „bezeichnet das vorsorgliche Einfrieren von unbefruchteten Eizellen ohne medizinischen Grund.“ Facebook und demnächst auch Apple wollen ihren weiblichen Mitarbeiterinnen das Einfrieren ihrer noch jugendfrischen Eier finanzieren, damit sie sich nicht mit vorzeitigem Kinderkriegen die Karriere verderben und Schwangerschaften bis zu einem Zeitpunkt ihrer Wahl hinausschieben können.

Die langwierige und unangenehme Prozedur kostet rund 20.000 Dollar. Ob auch die Facebook- und Apple-Putzfrauen in den Genuss dieser Großzügigkeit kommen oder nur das hochqualifizierte „kreative“ weibliche Tech-Personal, konnte ich nicht herausfinden. Aber es darf bezweifelt werden, denn Facebook und Apple interessieren sich fürs Geschäft, nicht für Wohltätigkeit. Mit sozialem Wohnungsbau und anderen Sozialmaßnahmen hat social freezing nichts zu tun, im Gegenteil.

Die deutschen Stellungnahmen zum „social freezing“ waren geteilt. Die einen begrüßten, dass Frauen jetzt eine Option mehr für das Timing ihres Kinderwunschs haben, die anderen - zu denen auch ich mich zähle - fanden, es gäbe bessere und dringlichere Methoden der Frauenkarriereförderung, z.B. ausreichende Kinderbetreuung in den Betrieben, finanzielle und sonstige Anreize für Väter, sich an der Kinderbetreuung paritätisch zu beteiligen. Etwa so: „Facebook und Apple stellen nur solche Männer ein, die als Väter die Hälfte der Kinderbetreuung übernehmen.“

Oder so ähnlich. Die norwegische Schriftstellerin Gerd Brantenberg hat es bereits in den 70-er Jahren des vorigen Jahrhunderts vorgedacht. Ihre klassische Satire „Die Töchter Egalias“ beginnt mit dem bemerkenswerten Satz: „Schließlich sind es noch immer die Männer, die die Kinder bekommen“. Und zwar bekommen sie sie zur Aufzucht, denn im strengen Matriarchat Egalias hat die Frau mit Schwangerschaft und Gebären schon genug für das Wohl und den Fortbestand der Gesellschaft geleistet. Die Väter sind durch die Kinder ans Haus gebunden und müssen es trotzdem irgendwie schaffen, die Säuglinge den Müttern, die sich um die Staats- und Geldgeschäfte kümmern, rechtzeitig zu den Stillzeiten an die Brust zu legen. Kein Wunder, dass die Söhne Egalias ständig am Rande des Nervenzusammenbruchs sind.

Kommen wir nun von der Sache zum Wort. Es war weniger die öffentliche Debatte als vielmehr der seltsame Ausdruck „social freezing“, der mich stutzig machte. Er wirkt wie ein Oxymoron, ein Widerspruch in sich, denn „sozial“ assoziieren wir mit „warm, fürsorglich“ und „gefrieren“ mit „kalt, abweisend“.

Um dem Ausdruck auf den Grund zu gehen, recherchierte ich eine halbe Stunde lang im Internet nach „social freezing“. Auf anglo-amerikanischen Seiten fand ich den Ausdruck bis heute nicht. Dort heißt es vielmehr durchgehend „egg freezing for social reasons“, also „Einfrieren von Eiern aus sozialen (im Gegensatz zu medizinischen) Gründen”. Manchmal wird es verkürzt zu „social egg freezing“ aber niemals zu „social freezing“. Dieser merkwürdige Ausdruck findet sich nur in den deutschen Medien, und zwar völlig unhinterfragt.  Wer ihn - möglicherweise versehentlich - in die Welt gesetzt hat, konnte ich nicht eruieren. Ziemlich wahrscheinlich aber ist, dass in der Folge alle anderen von ihm, ihr oder voneinander abgeschrieben haben, so dass sich der sonderbare Ausdruck in Windeseile verbreiten konnte. Ein gutes Beispiel dafür, wie dubiose Nachrichten sich heute als verbindliche Norm durchsetzen können.

Wenn egg-freezing zu freezing verkürzt wird, so folgt man damit einem Abkürzungs- und Verschleierungstrieb, der auf dem Gebiet der weiblichen Fortpflanzung besonders aktiv ist. Aus „Abtreibung der Leibesfrucht /des Fötus“ wird „Abtreibung“, aus „Abbruch der Schwangerschaft“ wird „Abbruch“. Zum Vergleich: „Abbruch des Studiums“ ist nicht einfach „Abbruch“. „Social freezing“ geht aber noch einen Schritt weiter. Es ist, wie wenn die Medien plötzlich von „sozialer Abtreibung“ oder „ethischer Abtreibung“ reden würden statt von „Abtreibung aus sozialen bzw. ethischen Gründen“.

Bleibt abschließend nur noch eine Frage zu klären: Wenn das Einfrieren der Eier so sozial ist - warum werden Männer dann davon ausgeschlossen? Vielleicht bringt „natural freezing“ einen Ausgleich. Manchmal nämlich lässt Mutter Natur es so kalt werden, dass die Männer sich die Eier abfrieren. Der Winter naht - bald ist es wieder so weit.

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# | Luise F. Pusch am 26.10.2014 um 11:41 AM • 7 KommentarePermalink

05.10.2014

Was fehlte beim Festakt und in der Merkelrede zum Nationalfeiertag?

Der Festakt zum Tag der deutschen Einheit fand diesmal in Hannover statt. Im Kuppelsaal der Stadthalle, nicht weit von meiner Wohnung, hatte sich die gesamte deutsche Politprominenz versammelt. Als Hannover-Fan habe ich mir die Sache im TV angeschaut - so hoher Besuch in unserer Stadt kommt ja nicht oft vor.

Die männliche Politprominenz erschien überwiegend komplett mit Gattin: Schröder und Schröder-Köpf, Voßkuhle und Gattin, Bouffier und Gattin, Weil und Kerkow-Weil, Schäuble und Gattin, Genscher und Gattin. Gaucks und Daniela Schadts Händchenhalten begeisterte offenbar die Kameraleute und Bildregie so sehr, dass es uns dauernd in Großaufnahme gezeigt wurde. Inniges Einverständnis zwischen dem Ossi und der Wessi als optische Versinnbildlichung der deutschen Einheit.

Merkel, von der Leyen, Schwesig, Lieberknecht und Süßmuth saßen da ohne Gatten. Wie sollen wir dieses Strukturgesetz - keine der Politikerinnen mit Gatten, die meisten der Politiker mit Gattin -  interpretieren? Überließen die ritterlichen Gatten wichtigeren Persönlichkeiten ihre Plätze? Immerhin möchten viele einen Platz in der ersten Reihe, und die Zahl der Plätze ist begrenzt. Oder wollen die eher unwichtigen Gatten prominenter Frauen in der Öffentlichkeit nicht als männliche Anhängsel erkannt werden? Ich vermute Letzteres. Die weiblichen Anhängsel der prominenten Gatten sind hingegen gewohnt, das Bild des Gatten in der Öffentlichkeit zu komplettieren. Einer wie Christian Wulff, dem seine Gattin abhanden kam, gilt doch als eher traurige Figur. In unserer Herrenkultur wird eine Frau “an seiner Seite“ erhöht. Für den Anhängsel-Mann gilt das Gegenteil, er fühlt sich erniedrigt neben seiner ranghöheren Gattin, deshalb macht er sich dünne.

Nicht dass die Gatten der Politikerinnen groß vermisst worden wären. Alles war schön festlich und fröhlich. Wir Deutschen durften mal stolz sein. Eine friedliche Revolution, das ist doch was! Fast so gut wie die Fußballweltmeisterschaft, auf die wir auch verhalten stolz sein dürfen.

Was ist sonst noch zu vermerkeln?

Ach ja, die Rede von Merkel. Sie war 25 Minuten lang und eindeutig das Hauptstück der Veranstaltung. Joey und mir hat sie sehr gut gefallen (Schröder offenbar weniger, er sah mäkelig drein und findet anscheinend noch immer, dass „die das ja gar nicht kann“). Die „mächtigste Frau der Welt“ (Forbes Magazine) war klug, liebenswürdig, bescheiden und überzeugend. Joey, die uns um Merkel beneidet, meinte, im Vergleich mit Obama mache sie eindeutig die bessere Figur. Aber er wird allseits als brillanter Rhetoriker gepriesen.

In einem Punkt aber hat die Kanzlerin uns wieder, wie schon so oft, gründlich enttäuscht. Sie verurteilte mit klaren Worten Extremismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, die die Menschen in unserem Land bedrohen. Mit keiner Silbe erwähnte sie die Frauenfeindlichkeit in Deutschland, in Europa und in aller Welt, die um ein Vielfaches bedrohlicher ist als Extremismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit zusammengenommen. In England sterben täglich drei Frauen durch ihre Partner, in Spanien sollen es täglich sieben sein. In Deutschland waren es im Jahre 2011 drei pro Woche. Quelle: hier.

Der NSU ermordete in 6 Jahren zehn Personen. Deutsche Partnerinnenmörder sind da effektiver; sie schaffen dieselbe Anzahl in 3 Wochen. Trotzdem findet die Kanzlerin dafür nicht ein einziges Wort des Abscheus, der Sorge, des Trostes und der Entschlossenheit, der Dauer-Katastrophe mit allen Mitteln entgegenzutreten.

Von daher vermute ich, dass ihre schöne Rede von einem Mann verfasst wurde. Aber sie hatte ja die Möglichkeit, seinen Entwurf um das Wesentliche zu ergänzen - und hat es nicht getan.

Was haben die Politikerinnengatten und die Partnerinnenmörder miteinander gemeinsam? Ihr eklatantes Fehlen beim Festakt bzw. in der Merkelrede ist kein Thema in den Medien und fällt niemandem auf - außer vielleicht ein paar Feministinnen. Das Fehlen und das Schweigen zeigen, dass das Patriarchat sich keine Sorgen zu machen braucht, seine Gesetze werden befolgt: Die Frau hat an seiner Seite zu sein und nicht umgekehrt. Wird sie berühmt, mag er sich mit dieser Schmach jedenfalls nicht sehen lassen. Gehorcht die Frau nicht, erschlägt er sie schon mal, aber das ist nicht der Rede wert, selbst wenn es massenhaft geschieht. 
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# | Luise F. Pusch am 05.10.2014 um 05:01 PM • 3 KommentarePermalink

29.09.2014

Die Sprache der Eroberinnen: Ganz neue Erkenntnisse zur deutschen Sprachgeschichte

FrauenbildAm vergangenen Wochenende war ich auf Vortragsreise und verbrachte deshalb sieben Stunden im Zug. Die lange Fahrzeit verkürzte ich mir mit einem sehr anregenden und vergnüglichen Buch: Kristin Kopfs „Das kleine Etymologicum: Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Sprache“, soeben erschienen bei Klett-Cotta zum Preis von 19.95 EUR.

„Kristin Kopf, geboren 1984“, verrät uns der Klappentext, „forscht und lehrt an der Universität Mainz im Bereich historische Sprachwissenschaft.“

Ach Mainz — dort musste ich im Januar 1972 die Hauptprüfung für mein Rigorosum bei Professor Broder Carstensen (Anglistik) überstehen. Sie verlief gnädig, Carstensens Assistentin, Marlis Hellinger, war mir eine freundliche Stütze. Hellinger, eine Pionierin der feministischen Linguistik, wurde bald darauf Professorin und dann Dekanin der Philosophischen Fakultät der Uni Hannover. In dieser Funktion versuchte sie einen neuen Briefkopf für ihr offizielles Briefpapier durchzusetzen. Sie fand, dort sollte statt „Der Dekan der philosophischen Fakultät“ doch besser „Die Dekanin …“ stehen. Die Bitte wurde mit der Begründung abgewiesen, es handle sich bei „Dekan“ um eine Organbezeichnung. Haben wir gelacht über dieses wichtige Organ! Wir nannten es in der Folge nur noch “der Dekan”.

Ihr Doktorvater, eben Broder Carstensen, hatte ihr zuvor schon mitgeteilt, er werde sie weiterhin mit „Fräulein“ anreden - Professorin und Dekanin hin oder her, wie er sie anrede, das entscheide immer noch er!

Was lese ich nun zu der Anrede „Fräulein“ bei Kristin Kopf: „Bis vor wenigen Jahrzehnten war das deutsche Anredesystem von einer skurrilen Asymmetrie geprägt. Männer wurden immer als Herr angesprochen, bei Frauen aber unterschied man zwischen dem unverheirateten Fräulein und der verheirateten Frau. … Heute ist der Bedeutungswandel abgeschlossen, und das Wort [Fräulein] findet fast nur noch scherzhafte Verwendung.“ (S. 206)

Cool! „Skurril“, „scherzhafte Verwendung“ sind wahrhaftig die passenden Ausdrücke für diesen Problembereich, aber unser guter Doktorvater hatte für solche Erkenntnisse so gar kein Organ…

„Sie ist Mitbetreiberin von http://www.sprachlog.de, dem erfolgreichsten deutschen Sprachblog….“, lese ich weiter über Kristin Kopf.

Den Sprachlog habe ich seit einigen Monaten abonniert und kann ihn wärmstens empfehlen. Durch ihn erfuhr ich schon im Frühsommer vom baldigen Erscheinen des Buchs und habe es gleich in meiner Buchhandlung vorbestellt, weil mir Kopfs Beiträge im Blog, kenntnisreich und mit Charme serviert, gut gefielen.

„Geboren 1984“ - Kristin Kopf erschien also im selben Jahr wie mein Buch „Das Deutsche als Männersprache“, und es hat mich sehr gefreut festzustellen, wie souverän Kopf heute mit der deutschen Männersprache kurzen Prozess macht.

Zwar vermisste ich in dem Buch die neusten Erkenntnisse zur Geschichte der Movierung (Ableitung femininer Personenbezeichnungen aus Maskulina) im Deutschen, das kommt vielleicht in einem zweiten Band. Dafür hat aber die Autorin sich eine originelle Lösung ausgedacht, wie der sprachlichen Unsichtbarkeit der Frauen praktisch abzuhelfen sei. Diese Lösung machte für mich die Lektüre ihres Buchs zu einem besonderen Vergnügen. Kopf kündigt sie gleich auf S. 11 folgendermaßen an:

Bei generischer Verwendung von Personenbezeichnungen (wenn keine konkreten Individuen gemeint sind) wird in diesem Buch die weibliche oder die männliche Form gebraucht. Die Zuweisung erfolgt per Zufall, über eine randomisierte Liste. Gemeint sind aber immer alle Menschen, egal, welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlen (oder ob sie das überhaupt tun). Auch die Fälle, in denen unklar war, ob beide Geschlechter gemeint sind, wurden großzügig den generischen Bezeichnungen zugeschlagen. Sie werden im folgenden also auf Vorfahrinnen, Griechinnen, Lexikografinnen… stoßen, die alle Nicht-Frauen mitmeinen und auf Ahnen, Goten und Sprachwissenschaftler, die die Nicht-Männer einschließen.

Ich grüble noch, welches Genus Kristin Kopf für ihre Neuschöpfungen Nicht-Frau und Nicht-Mann vorgesehen haben mag (der Nicht-Frau oder die Nicht-Frau??).

Während wir uns also von Kopfs klugen und leicht verständlichen Erläuterungen auch sehr komplexer sprachgeschichtlicher und grammatischer Sachverhalte fesseln und fortbilden lassen, überrascht sie uns immer wieder mit gänzlich ungewohnten Mitteilungen über Frauen und mitgemeinte Nicht-Frauen wie diese:

Zur Zeit der Völkerwanderung … siedelten germanische Völker im Römischen Reich. Im späteren Italien waren das die Langobardinnen, … in Südengland die Angeln und die Sächsinnen, … und in der Gegend um Worms ließen sich die Burgunderinnen nieder … (S. 99)
Die Vandalinnen zogen weiter, die Fränkinnen blieben und drückten dem Land … seinen späteren Namen auf: Frankreich … (S. 99f)
… Die Langobardinnen gaben ihre Sprache zunehmend zugunsten des Italienischen auf. (S.177)
Im Deutschen bezeichnet Guerilla heute einzelne Partisaninnen oder Partisanengruppen. (S.186)
Allerdings sprechen nicht alle Inderinnen Hindi… (S. 231)
Die Keltinnen kennen wir aus Geschichtsbüchern oder Asterixbänden … (S. 233) (Anmerkung: Nein: Aus Geschichtsbüchern oder Asterixbänden kennen wir natürlich nur die Kelten. Umso schöner, den Keltinnen hier endlich auch mal zu begegnen.)
Schließlich kamen die Römerinnen mit ihrer Expansionspolitik. (S. 234)
Die keltischen Dialekte … kamen in engen Kontakt mit der Sprache der Eroberinnen. (S. 235)
Von Beginn an sprachen es [das Afrikaans] nicht nur die europäischen Kolonialistinnen … (S. 237)

Zum Schluß sei noch der trockene Humor der Autorin gewürdigt, der das ganze Buch durchwärmt und der für linguistische Prosa nicht eben typisch ist. Eine Kostprobe: „Von der engen Beziehung zwischen den „Liquiden“ l und r zeugen die (nicht miteinander verwandten) Sprachen Chinesisch, Koreanisch und Japanisch, die nur einen der beiden Laute zu besitzen scheinen - die Witze darüber sind Region.“

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# | Luise F. Pusch am 29.09.2014 um 04:13 PM • 6 KommentarePermalink

14.09.2014

Der Familienauslöscher

Die Woman’s Hour der BBC ist eine feministische Radioserie, die täglich ab 10 Uhr morgens 45 Minuten lang den BritInnen die neusten Nachrichten aus der Sicht von Frauen liefert. Ja, so etwas gibt es - und das schon seit bald 70 Jahren (1947)! Inzwischen wird die Perle auch als Podcast angeboten, und eine Frau, die Englisch kann und sie nicht regelmäßig hört, ist selber schuld.

Am 5. September brachte Woman’s Hour einen Beitrag über „family annihilators“, also Menschen, die ihre ganze Familie umbringen. Meistens sind es Familienväter, die ihre Frau und ihre Kinder umbringen und zum Schluss (oft) sich selbst.

Ich hatte die Bezeichnung „family annihilator“ noch nie gehört. Früher wurden die „family annihilators“ meist als Amokläufer bezeichnet; sie bildeten keine eigene Kategorie. Nun aber hat sich die Kriminologie dieser Spezies angenommen und festgestellt, dass es sich um einen Typus eigener Art handelt, der entsprechend einer eigenen Bezeichnung bedarf. Der Hauptunterschied ist wohl der, dass der Amokläufer ausrastet, während der „Familienannihilator“ planvoll versucht, seine Familie wieder unter Kontrolle zu bekommen, indem er sie ausradiert.

„What else is new?“ fragte ich mich verdrossen, während ich mir das anhörte und überlegte, wie der Ausdruck wohl ins Deutsche zu übersetzen wäre. Denn wir Deutschen verdanken unserer elenden Vergangenheit ein besonders reichhaltiges Vokabular in Sachen Menschenvernichtung und haben die Qual der Wahl. „Annihilator“ gehört allerdings nicht zu den Optionen, und „Terminator“ würde wohl als zu verspielt abgelehnt. Aber „Vernichter“ könnte gehen. Oder besser Vertilger? Ausrotter? Auslöscher?

Vielleicht hatte sich bereits jemand des Problems angenommen? Ich googelte “Familienvernichter” und bekam nur Alternativvorschläge: „Familienversichert“ und “Familienversicherung”. Mit der Eingabe „Familienvernichtung“ wurde ich dann fündig, aber ganz anders, als ich gedacht hatte. Unter „Familienvernichtung“ versteht die rechte Szene - ns-rastatt.net oder wgvdl.com (=Wieviel „Gleichberechtigung“ verträgt das Land?) - Aufklärung über Homosexualität: „Fächerübergreifende Familienvernichtung in Berliner Schulen - Homoförderung schon für die Kleinsten“. Oder Befürwortung der Gleichberechtigung: „Familienvernichtung die Nächste: … Frauen in die Karriere, Kinder auf die Deponien“.

Ich suchte also weiter.
„Familie ausgerottet” brachte 9.190 Funde.
„Familie vernichtet” brachte 6.090 Funde.
„Familie ausgelöscht“ brachte 52.400 Funde.

“Familienauslöscher” scheint die akzeptierte Übersetzung. „Ausrotten“, „vernichten“ und „vertilgen“ sind Ausdrücke, die für Unkraut, Ungeziefer, lästige Haustiere wie Mäuse und Ratten verwendet werden, weshalb die Nazis sie auch gegen die jüdische Bevölkeung einsetzten, die sie auf diese Weise mit „Ungeziefer“ gleichsetzten, von dem der „Volkskörper“ natürlich „befreit“ werden musste.

Wohl um heute derartige Anklänge zu vermeiden, wählte man die Übersetzung „Familienauslöscher“. Dazu dieser deutsche Bericht über die britische Studie, auf die die „Woman’s Hour“ sich bezog. Und hier die Studie selbst. Für alle, die ganz genau wissen wollen, wie der Familienauslöscher tickt.

Den ausgelöschten Frauen und Kindern dürfte es egal sein, ob sie ausgelöscht, vernichtet, vertilgt oder ausgerottet wurden. Wichtiger als das nachträgliche sprachliche Zartgefühl ist wohl die Vorbeugung. Und da hilft vor allem die Erkenntnis, dass der Familienauslöschung oft die sogenannte „Gewalt in der Familie“ vorangeht. Diese findet meist im Verborgenen statt, weil absurderweise nicht der Gewalttäter sich ihrer schämt, sondern die Frau. Viele Frauen-Notrufe kämpfen seit Jahrzehnten gegen diese ungehemmte und ungestrafte familiäre Männergewalt. Auf ziemlich verlorenem Posten, denn die Öffentlichkeit interessiert sich kaum für das Thema. Das könnte sich gerade ändern, nachdem wieder mal ein Promi zugeschlagen hat und dabei gefilmt wurde. Die Brutalität des gefeierten US-amerikanischen Football-Stars Ray Rice gegen seine Verlobte (inzwischen: seine Frau) löste in den USA massive Proteste aus. Und jetzt weltweiten Protest gegen familiäre Männergewalt in den Twitterkampagnen #WhyIstayed und #WhyIleft, in denen Frauen endlich öffentlich machen, was angehende Familienauslöscher ihnen zu Kontrollzwecken schon mal antun, bevor sie zum terminalen Schlag ausholen. Mehr dazu hier.
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# | Luise F. Pusch am 14.09.2014 um 03:50 PM • 5 KommentarePermalink

24.08.2014

Die Göttin geht, Godus kommt

In den letzten Tagen bekam ich zwei Mails mit göttlicher Thematik. Die erste lud mich ein, Gott zu spielen, die zweite forderte mich auf, die Göttin zu retten. Die Göttin soll nämlich abgeschafft werden, bzw. sie wurde bereits abmontiert:
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Da gab es seit fünf Jahren ein schönes Schild an der Autobahn ins Land Tirol mit der Aufschrift „Grüß Göttin“. Dies Schild wurde kürzlich entfernt, deshalb läuft eine Petition mit dem Ziel, die Göttin wieder auf ihren angestammten Platz zu schaffen. Ich habe eben die Petition unterschrieben. (1)

FrauenbildDie andere göttliche Botschaft kam von iTunes’ App Store. Ich fand darin das nebenstehende Bild:

Godus?? Ist „God“ nicht schon männlich genug? Ich klickte mich durch zur Beschreibung des Godus-Spiels und erlebte mein blaues Wunder:


Beschreibung
DU stehst kurz davor, GOTT zu SPIELEN und über eine lebendige, atmende Welt zu herrschen. Das ist so EINFACH, wie es ATEMBERAUBEND ist. Fühle wahre Macht in der schönsten, charmantesten und greifbarsten Welt, die du je in den Händen gehalten hast.
• Mit deinen Berührungen kannst du jeden Zentimeter der Landschaft formen und gestalten und sie so zu deinem einzigartigen Werk machen.
• Werde geliebt und verehrt von winzigen und ergebenen Anhängern. Sieh zu, wie sie in einer vollständig simulierten Welt leben, lernen und wachsen.
• Wirke Wunder voller Schönheit und Zerstörung: Forme Flüsse und lass Wälder wachsen oder wirf Meteore und lass Brände wüten.

Will ich vielleicht über eine lebendige Welt herrschen? Eigentlich nicht.
Will ich von winzigen und ergebenen Anhängern geliebt werden? Iwo.
Will ich Wunder voller Zerstörung wirken, Meteore werfen und Brände wüten lassen? Auf keinen Fall!

Also diese Anleitung zum Größenwahnsinn ist nichts für mich. Ich will höchstens besser klavierspielen können. Wir haben die Zeit des magischen Denkens (2-5. Lebensjahr) überwunden, sind mit Mühe erwachsen geworden, und nun dies?

Die armen Zurückgebliebenen, die mit „Godus“ Gott spielen wollen, werden bald unsanft darauf gestoßen werden, wer wirklich das Sagen hat. Die Macher von „Godus“ verbreiten das Spiel gratis, aber nur, um süchtige Spieler heranzuzüchten: ihre eigenen „winzigen und ergebenen Anhänger“. Nach etwa 5 Spielstunden verlangsamt sich das Spiel unerträglich, und um weiterspielen zu können, müssen die „winzigen Anhänger“ immer mehr In-App-Käufe von virtuellen Edelsteinen tätigen, für die allerdings sehr substantielle Summen verlangt werden.

„Allmächtige!“ möchte frau zornig ausrufen, „Gewähre den Jungs ein wenig weibliche Vernunft!“

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(1) Nachtrag am 12.9.2014: Die Göttin darf noch eine Weile bleiben. Unser Protest hat gewirkt.

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# | Luise F. Pusch am 24.08.2014 um 11:57 PM • Permalink

18.08.2014

Frauen in Männerkleidung oder Der Boyfriend Blazer

Letzte Woche stieß ich im Internet zufällig auf den „boyfriend blazer“. Eine Befragung unter sieben Freundinnen ergab, dass sechs noch nie davon gehört hatten. Falls Ihr auch noch nicht wisst, was Boyfriend Blazers, Jackets, Shirts oder Jeans sind, hier eine Erklärung von einer Modeseite:

Boyfriend Blazer
Damen Boyfriend Blazer sind der absolute Trend. Jetzt wird nicht mehr nur Damen Boyfriend Jeans ganz locker getragen. Denn wer den lässigen Style, der aussieht, als hätte man die Kleidung direkt aus dem Schrank des Freundes genommen, sollte auf Boyfriend Blazer für Damen nicht verzichten. Diesen trägt man allerdings am besten zur Damen Leggings, da es einfach gut aussieht, wenn der Damen Boyfriend Blazer locker über die enge Leggings für Damen hängt. Jetzt sehen Sie auf jeden Fall aus, wie die großen Stars, die den roten Teppich auf den Fashion-Weeks füllen. Mit einer Oversized Bag zum Damen Boyfriend Blazer perfektionieren Sie Ihren Look und mit einem großen Medaillon setzen Sie ein weiteres optisches Highlight. Perfekt durchgestylt kann der nächste Stadt-Bummel, mit der besten Freundin oder, wie gesagt, die nächste Fashion Week mit Ihrem tollen Boyfriend Blazer für Damen und eleganten Highheel-Pumps von Tamaris beginnen. Suchen Sie sich jetzt Ihr neues Modell heraus und liegen Sie ganz vorn im Trend. (Gefunden hier: http://mode.ladenzeile.de/damenmode-blazer-boyfriend-blazer/)


Dieser Text ist in vieler Hinsicht (unfreiwillig) komisch, aber darum geht es mir jetzt nicht. Was ich an „boyfriend“ in der Modesprache so faszinierend finde, ist seine aufschlussreiche (um nicht zu sagen raffinierte) Funktion in der langen Skandalgeschichte der „Frauen in Männerkleidung“:

Jeanne d’Arc kam auf den Scheiterhaufen, weil sie, so die Anklage u.a., “das Gewand des weiblichen Geschlechts ablegend, was dem göttlichen Gebot zuwiderläuft, Gott ein Gräuel ist und von allen Gesetzen missbilligt und verboten ist, Männertrachten angelegt hat und Waffen trägt.”

George Sand ist bis heute berühmt, weil sie sich erkühnt hatte, Männerkleidung zu tragen. Sie schreibt in ihrer Geschichte meines Lebens: “Ich wollte soweit Mann sein, dass ich in Bereiche und Milieus eindringen konnte, die mir als Frau verschlossen waren.”

Die französische Tiermalerin Rosa Bonheur musste sich polizeiliche Erlaubnis einholen, um bei der Ausübung ihres Berufs Männerkleidung zu tragen: “spätestens seit ihrer Arbeit auf dem Pferdemarkt besaß sie eine offizielle, von der Pariser Polizeipräfektur ausgestellte, alle sechs Monate zu verlängernde Genehmigung, ‘sich als Mann zu kleiden’, aus ‘gesundheitlichen Gründen’ und mit Ausnahme von ‘öffentlichen Versammlungen, Bällen und kulturellen Veranstaltungen’. So entging sie drohender Verhaftung, denn die ‘Travestierung’ in der Öffentlichkeit war seit Inkrafttreten des Code Napoléon für Frauen wie Männer verboten.” (Andrea Schweers)

Dank der Umwälzung aller Sitten und Werte durch den ersten Weltkrieg traten in den zwanziger Jahren „Damen mit gewissen Neigungen“ öffentlich im Smoking auf, besonders in den Freundinnenklubs in Berlin. Marlene Dietrich machte den Damen-Smoking endgültig salonfähig, auch Katharine Hepburn trug gern saloppe Hosenanzüge und machte damit Schule.

In den 50-er Jahren war in der Mode wieder eindeutige Weiblichkeit vorgeschrieben; für mich als Teenager war das Tragen von Hosen problematisch bis undenkbar. Anfang der 60-er Jahre lockerten sich die Sitten - aber Männer-Jeans, solche die den Reissverschluss vorn hatten statt an der Seite (wo kein Mann ihn gebrauchen kann), waren noch absolut tabu. Das wiederum änderte sich ab Mitte der Sechziger durch die verschiedenen Befreiungsbewegungen jener Jahre. Die Frauen trugen Hosen, und das war ok. Sie mussten sie nicht aus dem Schrank ihres Boyfriends ausleihen und auch nicht so tun, sondern kauften sich die Sachen selber.

Die alte Gleichung „Männerkleidung gleich Mannweib (oder gar Lesbe)“, droht allerdings immer im Hintergrund, weshalb Frauen mit Hosenanzug weiblichen Schmuck zur Schau tragen und sich farbige Tüchlein um den Hals schlingen. Einfach einen Herrenanzug samt Hemd und Krawatte zu tragen, das trauen sich nur die Drag Kings, und dafür ernten sie dann auch die entsprechende Ächtung oder Bewunderung, je nachdem.

Zur Behebung der verkaufsschädigenden Mannweib-Lesben-Assoziation hat die Modebranche das Bestimmungswort „boyfriend“ erfunden. Es signalisiert: Das verdächtige Kleidungsstück wurde vom Boyfriend ausgeliehen, und also ist mit der Trägerin alles in Ordnung, sogar in allerbester Hetero-Ordnung. Nicht nur liegt sie mit diesem „lässigen Style ganz vorn im Trend“,  sondern tut auch noch ebenso lässig kund, dass sie einen Boyfriend hat. Nichts da mit „Lesbe“ oder „Mannweib“, sowas denken nur solche altbackenen Leute, die aber auch gar keine Ahnung von Mode haben. Um aber auch diesen Zurückgebliebenen auf die Sprünge zu helfen, trägt die Dame zu ihrem Boyfriend Blazer die „eleganten Highheel-Pumps von Tamaris“. Die sind vielleicht aus der Schuhsammlung ihrer Freundin entliehen, aber das muss nicht extra verkündet werden, denn Highheel-Pumps von Tamaris an den Füssen einer Dame sind todschick und nicht fragwürdig. An den Füssen eines Herrn hingegen würden sie auch als „Girlfriend Highheel-Pumps“ nicht durchgehen. Die Geschichte der Männer in Frauenkleidung steckt eben noch in den Kinderschuhen, sie haben da allerlei aufzuholen. Sie könnten ja, ganz vorsichtig, mit „boyfriend blazers“ anfangen. Egal, ob aus dem Schrank der girlfriend oder des boyfriends.

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# | Luise F. Pusch am 18.08.2014 um 12:14 AM • Permalink

also available in English

10.08.2014

Wenn Mamma gemolken wird: Sexismus in den Zeichensprachen

Unser Enkelsohn, 13 Monate alt, kann erst ein paar Silben sprechen, diese dafür aber umso gebieterischer. In plötzlicher, höchster Erregung, mit durchdringender Lautstärke und im Kommandoton ruft der sanfte Junge „Dat!“ oder „Ait!“ oder „Mammammam!“

„More“ (mehr) kann er noch nicht sagen, aber zeigen. Seine Mutter erzählte, dass er von seiner Babysitter schon einige Zeichen der Babyzeichensprache (Baby Sign Language bzw. BSL ) gelernt habe. Wenn er an die Mutterbrust wolle, mache er das Zeichen für „Milch“. Es leitet sich vom Kühemelken ab: Die kleine Faust schließt und öffnet sich abwechselnd, macht also eine Melkbewegung.

Der kleine Junge weiß nicht, wie eine Kuh gemolken wird, wohl aber wissen es die großen Jungs, die das Zeichen für „Milch“ erdacht und es auf Muttermilch übertragen haben. Mamma wird gemolken, wie eine Kuh.

Ich fand das nicht besonders lustig. Zwar sollten wir uns ja als Geschöpfe von Mutter Natur nicht über die Tiere erheben, aber diese Gleichsetzung von stillenden Müttern mit Milchvieh missfiel allen Frauen in unserer Familie gründlich.

Misstrauisch geworden, schaute ich mir ein paar weitere Zeichen der Babysprache, der American Sign Language (ASL) und der ISL (International Sign Language) an. Das Zeichen für “Mutter” in der BSL wie in der ASL ist: Daumen am Kinn im rechten Winkel, die Hand gestreckt und die anderen vier Finger gespreizt. Das Zeichen für “Vater” ist identisch, nur eine Etage höher angesiedelt, nämlich an der Stirn, da wo der männliche Intellekt vermutet wird. Das Zeichen für „Großvater“ ist von dem für „Vater“ abgeleitet, denn, so die sinnige Erklärung, „der Großvater ist ja der Vater des Vaters“. Oder der Vater der Mutter, aber diese Variante fiel den Zeichenentwicklern und Interpreten wohl nicht ein.

Und entsprechend gestaltet sich das Zeichen für „Großmutter“: Es wird von dem für „Mutter“ abgeleitet und wird wieder an der unteren Gesichtshälfte angesetzt. Die Baby Sign Language Webseite meint, das Zeichen könne gerne auch für ältere Frauen allgemein verwendet werden.

Beim “Großvater”-Zeichen fehlt dieser Hinweis. Ältere Männer allgemein gibt es nämlich nicht, sondern es sind Industriebosse, Politiker oder Dirigenten, usw. Auf jeden Fall sind das nicht unbesehen alles Opas.

Das Schema „oben - unten“ organisiert jedes hierarchische System, sei es nun feudalistisch, kapitalistisch, patriarchalisch, sonstwas, alles zusammen oder von allem etwas. Die Herrschenden sind oben, die Beherrschten unten. In der American Sign Language werden die Geschlechter genau nach diesem Prinzip unterschieden: Die obere Gesichtshälfte, da wo das Kontrollzentrum Gehirn sitzt, gehört den männlichen Begriffen, die untere den weiblichen. Auf Youtube macht uns das ein Mann ganz deutlich und findet offensichtlich nichts dabei. Der Info-Text dazu lautet:

Learn how to tell the difference between male and female signs in American Sign Language (ASL). The top half of your face is used for male signs such as MAN, BOY, FATHER, SON, UNCLE, etc. while the bottom half of your face is used for female signs such as WOMAN, GIRL, MOTHER, DAUGHTER, AUNT, etc. Additional gender signs are included in this video. Enjoy!

Angewidert von der sexistischen Struktur auch dieser Sprachen, suchte ich Trost bei der ISL (International Sign Language). Das Zeichen für „Mann“ sieht ähnlich aus wie ein strammer militärischer Gruß, die Hand zackig und in untadeliger Form an die Stirn gelegt. Das Zeichen für “Frau” ist ein leichtes Zupfen am Ohrläppchen (da, wo bei der Frau der Ohrring baumelt), oder die Andeutung einer Halbkugel in Höhe des Busens.

Dass es auch anders geht, zeigt die Britische Zeichensprache. Dort ist das Zeichen für „Mann“ eine Bewegung, die einen Bart andeutet. Einen Bart hat zwar nicht jeder Mann, aber der Körperteil, der allen Männern gemeinsam ist, ist denn vielleicht doch zu weit unten angesiedelt. Und außerdem passt eine so krude Gleichsetzung nur für Frauen und ihren Euter - äh, Busen.
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# | Luise F. Pusch am 10.08.2014 um 08:41 PM • Permalink

03.08.2014

Delethalisierung im Alltag

Die anglo-amerikanische Flugzeug- und Autoindustrie hat uns ein neues Wort beschert: to delethalize “to make nonlethal” „nicht/weniger tödlich machen“.

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Auf Deutsch delethalisieren oder deletalisieren. Aber auf Deutsch gibt es das Wort noch nicht. Google meldet: Fehlanzeige.

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Aber es wird es bald geben, da bin ich mir sicher.

Die Flugzeugindustrie arbeitet mit Hochdruck daran, die Sitzbezüge weiter zu delethalisieren, also weniger brennbar zu machen.

Die Autoindustrie ist dabei, die Innenräume der Autos allseitig mit Airbags auszustaffieren und somit immer mehr zu delethalisieren. Kindersicherung haben sie alle schon längst. Babys und Kleinkinder dürfen nur in Kindersitzen im Auto transportiert werden. Demnächst bekommen wir die totale Delethalisierung, wenn die lethale Komponente Mensch aus dem Transportwesen ausgeschaltet wird und intelligente Computer und Sensoren die Steuerung übernehmen.

Vor hundert Jahren begann der erste Weltkrieg, vor 75 Jahren der zweite. Sogar die Kriege werden heute delethalisiert. Neuerdings liefern die USA gerne “non-lethal military aid” in die Kriegsgebiete, z.B. nach Syrien und in die Ukraine. Sie werden es nicht glauben angesichts der Gräuel in Gaza, in der Ukraine, in Syrien, Nigeria, Afghanistan, im Kongo und im Irak und überall sonst, wo gerade Terror und Krieg herrscht. Aber die beiden Weltkriege mit rund 17 Millionen bzw. mit 55-60 Millionen Toten übertrafen die heutigen Kriege an Lethalität um ein Vielfaches.

Das Wort delethalisieren entstand aus einem kühlen Blick auf die Tatsachen (wer macht sich schon klar, dass ein Sitzkissen tödlich sein kann?). Deshalb werden wir es in der Werbesprache nicht finden - dazu ist es einfach zu ehrlich und zu düster - sondern derzeit vor allem in der Fachsprache des Design. Autos sind nicht nur Verkehrsmittel oder Statussymbole, sondern potentiell tödlich, genau wie Flugzeuge. Das Leben überhaupt ist tödlich. Den einen trifft es früher, die andere später. Was können wir tun, damit es uns erst später trifft? Richtig: Vorbeugen! Delethalisieren!

Die Kleidung für uns Alte wird auch delethalisiert. Unterhosen werden delethalisiert, d.h mit Polstern ausgestattet, um Stürze abzumildern. Im Winter werden die Straßen enteist bzw. delethalisiert.

Während die Nahrungsindustrie unsere Nahrung immer perfekter lethalisiert und uns übergewichtig und zuckerkrank macht, arbeiten wir selber tapfer daran, die Nahrung wieder zu delethalisieren - mit dem löblichen Nebeneffekt, dass auch unser Umgang mit dem sogenannten Nutzvieh ein wenig delethalisiert wird.

Unsere Wohnungen sollten, besonders für Alte, durchgreifend delethalisiert werden: Keine Teppiche, auf denen frau ausrutschen kann, keine Treppen, auf denen sie stürzen kann, Anti-Rutsch-Matten in die Dusche und/oder Badewanne. Ich sehe einen neuen Beruf entstehen: Delethalisierungsexpertin.

Je älter wir werden, umso mehr Delethalisierung brauchen wir, das ist mal klar.

Und: Je weiblicher wir sind, auch umso mehr. Für Kinder und Alte ist es mehr die Umwelt allgemein, die höchst lethal ist, in jugendlichem bis mittlerem Alter ist es oft der Partner, der lethal auf die Frau einwirkt. Solange Männer als solche nicht gründlich delethalisiert werden, obliegt es der Frau, ihre Nahrung und Umwelt selbst umfassend zu delethalisieren, d.h. auf Zucker, Alkohol, Nikotin, harte Drogen, tierische Fette, auf den Partner und rutschige Teppiche weitgehend zu verzichten.

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# | Luise F. Pusch am 03.08.2014 um 11:22 PM • Laut & LuiseMänner!MilitärSelbsthilfePermalink

26.07.2014

B natural: Parallelen zwischen Gender- und Musiktheorie

Die Welt ist zur Zeit dermaßen aus den Fugen, gesundheitsschädlich und lebensbedrohend, dass ich mich wieder mehr der Musik zugewandt habe. Eine alte Liebe, schon seit der Kindheit. Leider blieb die Liebe ziemlich unerwidert.

Vor einigen Monaten erbte ich ein Bechstein-Klavier von meiner Mutter. Es hat einen wunderbaren Klang. Ich ließ es stimmen, kramte ein paar alte Stücke hervor, die ich vor bald vierzig Jahren mal gespielt habe, und legte los. Es kam nicht viel dabei heraus; trotzdem machte mir die Musik und der Klang des Klaviers Freude.

Dann entdeckte ich die Kombination Internet plus iPad als Klavierlehrerin. Besser gesagt: Klavierlehrer - zur Zeit bekomme ich Video-Unterricht von zwei Herren. Beide kann ich sehr empfehlen; ich schreibe demnächst vielleicht mal Genaueres über sie.

Von Shawn Cheek, einem 38jährigen Texaner mit absolutem Gehör und drei kleinen Jungs, die durch seine Lektionen wuseln, lerne ich z.Zt. das Vom-Blatt-Spielen in 132 Lektionen, heute absolvierte ich Lektion 25. Nebenbei bekommt frau auch allerlei Musiktheorie verpasst.

Gleichzeitig beschäftige ich mich, wie immer, mit feministischen Themen, speziell feministischer Sprachkritik, die derzeit in Österreich massiv angegriffen wird, so dass ich dauernd die entsprechenden Links von erbosten bis entsetzten Freundinnen bekomme, die sich über den Schwachsinn aus Österreich nicht beruhigen können. Nun hat der österreichische Frauenring bei change.org eine Unterschriftensammlung gestartet, in dem es u.a. heißt:

Der Textentwurf der ÖNORM A 1080 oder der derzeit im Umlauf befindliche ‚Offene Brief’ zum Thema „Sprachliche Gleichbehandlung“ stellen alle Leitbilder für geschlechtsneutrales und geschlechtergerechtes Formulieren in Frage. Die genannte ÖNORM etwa will ganz genau eine Form auswählen und sagen: Diese und keine andere ist erlaubt.

Bitte unterschreibt diese Petition und sagt es weiter.

Ich folgte dieser Debatte hier im weit entfernten Boston nur mit halbem Ohr, während ich die verbleibenden anderthalb Ohren der Musik und dem Klavierunterricht widmete. Immerhin hatte ich mich schon vor über zwei Jahren ausführlich zur österreichischen Töchterhymne (einem der Steine des Anstoßes) geäußert.

Ganz früher mal hatte ich auch vorgeschlagen, wenn die Söhne denn nicht genehm seien und die „Töchter und Söhne“ die Nationalhymne aus dem Takt bringen - wie wäre es dann mit „Heimat bist du großer Töne“ (statt: „großer Söhne“)?

Und damit bin ich bei meinem heutigen Thema angekommen. Ich finde die musikalische Begrifflichkeit und die Notenschrift faszinierend als Modell zur Veranschaulichung einiger Probleme, die wir mit der Männersprache haben.

Sie alle kennen die C-Dur Tonleiter; sie besteht aus den sogenannten Stammtönen CDEFGAHC. Auf dem Klavier „bewohnen“ sie die weißen Tasten. Die Stammtöne haben Varianten, die einen Halbtonschritt tiefer oder höher liegen und auf dem Klavier mehrheitlich die schwarzen Tasten bewohnen: Dass es Varianten sind, erkennen wir auch an ihren Namen: Die Varianten des Stammtons G heißen Ges und Gis, von D Des und Dis. Auf Englisch G flat und G sharp etc. In der Notenschrift erkennen wir die Varianten an einem vorangestellten b oder Kreuz (#). Die Vorzeichen gelten immer für das ganze Stück; taucht innerhalb eines Taktes ein Vorzeichen auf, gilt es nur für diesen Takt. Auf Englisch heißt das Dreigespann aus Ges, Stammton-G und Gis „G flat, G natural und G sharp“. Die deutsche Note H heißt auf Englisch „B natural“.

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Für heute reicht das an Musiktheorie. Die interessante Parallele für die Gendertheorie liegt in der Tatsache, dass die Stammtöne zwei Varianten haben, die jeweils penibel gekennzeichnet werden, im Deutschen mit den Endungen -es oder -is. Während in den Männersprachen, wie wir aus leidvoller Erfahrung wissen, nur die weibliche Variante gekennzeichnet wird, im Deutschen meist mit der Endung „-in“. Die männliche Variante der menschlichen Spezies wird hingegen nicht gekennzeichnet. Sie fällt mit der Stammform zusammen. In der Musik würde ein derartiger begrifflicher Kuddelmuddel Kakophonie statt Harmonie erzeugen und ist daher nicht erlaubt.

In der Sprache ist der Kuddelmuddel dagegen üblich und erwünscht, weil er den Herrschaftsanspruch der Männer über das „andere Geschlecht“ klar zum Ausdruck bringt.

Eine weitere interessante Parallele zwischen Gender- und Musiktheorie sehe ich in den Bezeichnungen „natural“ bzw. „Stamm-”.

Aus der Biologie kennen wir die Stammzellen, die sich zu jeder beliebigen Zelle entwickeln können. Die Sprachwissenschaft redet von Wortstämmen, an die die Endungen angehängt werden. Nehmen wir als Beispiel den lateinischen Stamm domin- (hochgestellte Person) Mit einem angehängten -a wird es zu domina, mit einem -us bekommen wir dominus. Was alsdann unsere Herrenkultur aus den Bedeutungen gemacht hat, nämlich einerseits Gott den Herrn („dominus vobiscum“), andererseits die Domina im Bordell, das war zu erwarten und steht auf einem anderen Blatt.

Die „Stammtöne“ in der Musik, die „Stammzellen“ in der Biologie und die „Wortstämme“ in der Sprache bezeichnen also Ursprüngliches, das veränderbar, variierbar ist. Die abgeleiteten Formen behalten ursprüngliche Eigenschaften und bekommen neue hinzu. Dieses Muster erinnert mich an die Gendertheorie à la Judith Butler und an die Queertheorie: Die Geschlechter sind nur eine (fast künstliche, ja überflüssige) Zutat, wichtiger ist das Ursprüngliche an ihnen, das beiden Geschlechtern Gemeinsame: B flat und B sharp sind, das verrät schon ihr Name, nicht so ursprünglich wie B natural.

Es gibt noch sehr viel mehr Parallelen zwischen Musik- und Gendertheorie. Darüber vielleicht später mal mehr. Jetzt gehe ich ans Klavier und übe noch ein bißchen. Jeden Tag mindestens eine halbe Stunde, sonst wird das wieder nix.

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# | Luise F. Pusch am 26.07.2014 um 10:57 PM • Laut & LuiseGenderMusikQueerPermalink

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Hedwig Dohm