23.08.2015

My Heart belongs to Addyi

Anfang der Woche hörte ich zum ersten Mal von Addyi, der neuen „Lustpille“ für Frauen, die gerade von der US-amerikanischen Arzneimittelbhörde FDA zugelassen wurde und im Oktober auf den Markt kommen soll. Judy Woodruff von der PBS NewsHour sprach es wie „Addie“ aus.

Frauen im gebärfähigen Alter, die keine Lust auf Sex haben und es pro Monat nur auf 2,7 befriedigende sexuelle Begegnungen bringen, können diese Zahl nun auf 4,4 „steigern“, wenn sie bereit sind, besorgniserregende gesundheitliche Risiken auf sich zu nehmen, keinen Alkohol mehr zu trinken, die Lustpille jeden Tag einzuwerfen und dafür pro Monat 400 Dollar hinzublättern. Ältere, alte und weniger betuchte Frauen werden also leer ausgehen - wahrscheinlich ist das aber nur zu ihrem Besten.

Welche Frau, die noch ihre fünf Sinne beisammen hat, möchte wohl regelmäßig ein solches Monstrum von Pille einnehmen: minimale und nicht gesicherte Wirkung bei hohem Risiko und hohem Preis? Das Preis-Leistungs-Verhältnis scheint auf den Kopf gestellt, und doch verspricht mann sich Riesengewinne. Kaum war die Nachricht von der Zulassung raus, wurde die kleine Herstellerfirma Sprout von der Big-Pharma-Firma Valeant für eine Milliarde Dollar aufgekauft.

Ich hörte neulich, dass der Film „The Devil Inside“, der als der schlechteste Film aller Zeiten gilt, zugleich prozentual den höchsten Gewinn abwarf. Wie das zu erklären ist? Erstklassiges Marketing!

Nach dieser Methode wird wahrscheinlich auch Addyi ihre KäuferInnen finden und Valeant bald ein Vielfaches seinen Einsatzes erwirtschaften.

Noch ein Wort zu dem angeblichen Sieg für die Gleichberechtigung, der durch Addyi errungen wurde. Während die Forschung Männer mit Viagra beglückte, hat sie die Frauen mit ihrer Lustlosigkeit alleingelassen, sollen „Frauenorganisationen“ gemäkelt haben. Die Gruppe „Even the Score“, die am lautesten gebrüllt hatte und jetzt ihre Webseite mit dem Banner „Thank you, FDA“ schmückt, wird u.a. gesponsert von den Firmen Sprout (Herstellerin von Addyi) und Trimel (arbeitet ebenfalls an der chemischen Bearbeitung der weiblichen Lust). Das berichtete am 19. August der englische Guardian. Wie gesagt: Erstklassiges Marketing!

Bleibt uns also nur noch, dem betrüblichen mutmaßlichen Lauf der Dinge kopfschüttelnd zuzuschauen und ein paar Betrachtungen zu Namen und Design von „Addyi“ beizusteuern. Addyi ist rosa und Viagra hellblau - wie sinnig! Zur niedlichen Farbe passt der niedliche Klang: „Addyi“ klinge „cute“, schrieb eine der wenigen Kommentatorinnen, die sich überhaupt mit dem Namen befassten. Die Schreibung mit der Endung „yi“ ist so ungewöhnlich, dass die Firma Aussprachehilfe gibt - das hilft aber vor allem, das Gespräch über „Addyi“ anzukurbeln und den Namen im Gedächtnis zu verankern. Eben „erstklassiges Marketing“.

Was seltsamerweise noch nirgends kommentiert wurde, ist hingegen die auffällige Tatsache, dass „Addyi“ sich auf „Daddy“ reimt. Das wäre doch die einfachste Aussprachehilfe gewesen. Da sie peinlichst gemieden wird, dürfen wir dahinter wohl einen tieferen Grund vermuten. Und ich vermute folgendes:

„Addyi“ wurde nicht für die Frau entwickelt, sondern für den bejahrten Mann, der ihr Daddy sein könnte - das darf aber natürlich nur unbewusst anklingen. Daddy hat sicher genügend Knete, um für ein bisschen mehr Erfolg im Bett eine beträchtliche Summe zu bezahlen. Die Zielgruppe - Frauen im gebärfähigen Alter - ist auch genau diejenige, für die Daddy sich interessert. Ob ältere Frauen Lust haben oder nicht, ist Daddy piepegal. Und um es ihm recht zu machen, werden sich sicher viele Frauen auf diesen Scheiß einlassen, wie auch auf all den übrigen teuren und gesundheitsschädlichen Mist, den sie im Interesse des Herrn auf sich zu nehmen gewohnt sind, von den High Heels, die ihre Füße verkrüppeln, über operative Verengung ihrer Vagina, Brustverkleinerung oder -vergrößerung bis hin zu Fettabsaugung, Bulimie und Anorexie, weil das Gewicht nicht Daddys Vorstellungen von Attraktivität entspricht.

Vor 17 Jahren schrieb ich zur Markteinführung von Viagra:

Viagra reimt sich im Englischen auf Niagara [“Naiägra” mit Betonung auf dem ä]. Nun haben die Niagarafälle zwar naturgemäß und wie der Name schon sagt eine eher fallende als steigende Tendenz, aber zweifellos sind sie ein gewaltiges Naturschauspiel tosender Fluten, es schäumt und spritzt, daß es eine Freude ist. Außerdem sind die Niagarafälle beliebt für Hochzeitsfeiern, Flitterwochen und ähnlich erektionsfreudige Seifenopern. Das ist es wohl, was die Namengeber im Sinn hatten.

Auf den eigentlichen Sinn von Addyi können wir uns noch leichter einen Reim machen:

Addyi ist für Daddy.
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# | Luise F. Pusch am 23.08.2015 um 06:29 PM • 6 KommentarePermalink

16.08.2015

Neues zum Frauenübermannungsgesetz

Es gibt viele deutsche Gesetze mit unförmigen Namen, über die das Ausland sich köstlich amüsiert, z.B. das Streitkräftepersonalstruktur-Anpassungsgesetz (13 Silben, 45 Buchstaben) oder das Sicherheitsverwaltungs-Anpassungsgesetz (11 Silben, 40 Buchstaben).

Die feministische Linguistik hat schon vor Jahrzehnten ein anderes Anpassungsgesetz ausgemacht, das bisher jedoch sein Unwesen namenlos trieb. Ich finde, es sollte dringend namentlich dingfest gemacht werden und schlage folgende Bezeichnung vor:

Männersprachfrauenanpassungsgesetz (MSFAG: 10 Silben, 34 Buchstaben). Eine kürzere, ausdrucksstarke Version wäre „Frauenübermannungsgesetz“ oder noch kürzer „Übermannungsgesetz“.

Dieses Gesetz sieht vor, dass Frauen sich der Männersprache anzupassen haben und nicht umgekehrt. Es wirkt allenthalben, besonders aufdringlich bei der Eheschließung: Bis 1976 hatte die Frau den Namen des Mannes zu übernehmen und wurde damit automatisch zur Geborenen. Danach wurde diese Regel nach und nach gelockert, aber bis heute lassen sich noch ca. 80 Prozent der Frauen übermannen, 20 Prozent behalten ihren Namen. Nur 5 Prozent der Männer übernehmen den Namen ihrer Frau (wahrscheinlich, wenn er Schulze heißt und sie Prinzessin von Sachsen). Des weiteren ist das Gesetz wirksam bei der Benennung gemischtgeschlechtlicher Gruppen und bei der Benennung von Personen, deren Geschlecht (noch) nicht bekannt ist: Übermannung, wohin frau blickt: „Wer wird Millionär?“ „Wer wird der nächste Bundespräsident?“ Diese Fälle von Übermannung werden auch gern verharmlosend „generisches Maskulinum“ genannt. 

Ich habe schon viele Glossen über weitere Fälle sprachlicher Übermannung geschrieben. Hier eine minimale Auswahl:

Sie singt Tenor im Kirchenchor oder Das Frauenstimmrecht

Der Haushaltsführende

Leidige Väter

Ein anderes Wort für „alleinerziehend“

Die Epigone oder Frauen in der Kunst

Vorgestern lernte ich ein weiteres Beispiel für das Männersprachfrauenanpassungsgesetz kennen: Den „Barbershop-Gesang“. Unsere Freundinnen Ann und Jean waren zu Besuch. Ann erzählte ausführlich von ihrem Chor, einem der vielen „Barbershop Chöre“. Es ist dies eine US-amerikanische Spezialität, entstanden gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Ein Barbershop Chorus war ursprünglich ein Männer-Gesangsquartett, inzwischen gibt es aber auch größere und ganz große Barbershop-Chöre. Und Frauen, obwohl sie selten zum Barbier gehen, haben sich den schönen Zeitvertreib des kunstvollen gemeinsamen A-cappella-Singens bei den Männern abgeschaut und beteiligen sich auch eifrig an den nationalen und internationalen Wettbewerben.

Für mich war das eine völlig unbekannte Welt, ich hörte Ann gebannt zu und fragte zwischendurch auch, welche Stimme sie denn singe - Alt, Mezzo oder Sopran? Sie sagte, sie hätte eine Altstimme, aber in ihrem Barbershop Chor singe sie im Bass. Unmöglich, lachten wir.

Sie erklärte, die strengen, durch die Tradition festgelegten Regeln des Barbershop-Singens sähen die vier Stimmen Bass, Bariton, Lead und Tenor vor. Und so sängen denn auch die weiblichen Chöre „Bass“, „Bariton“, „Lead“ und „Tenor“ - natürlich jeweils etwa eine Quinte höher als die Männer. Aber die Stimmbezeichnungen der männlichen Barbershop-Chöre habe frau beibehalten.

Ich stelle fest: Klarer Fall von MSFAG. Nicht viel besser als die berüchtigte “Manndeckung” im Frauenfußball.

Dass altehrwürdige weibliche Berufsbezeichnungen umgehend übermannt werden, sobald ein paar Männer sich herbeilassen, den Beruf zu ergreifen, hat schon Generationen von Frauen erbost, besonders angesichts absurder Missbildungen wie “Amtmännin”, “Landsmännin”,  “Frauenfußballmannschaft” und anderer Zumutungen für das weibliche Selbstbewusstsein und Sprachempfinden. Die Hebamme wurde zum angeblich geschlechtsneutralen „Geburtshelfer“, die Kindergärtnerin zum Erzieher, die Krankenschwester zum Krankenpfleger. Vergeblich verlangen die Frauen nach dem „Hebammer“ oder „Hebammerich“, dem „Kindergärtner“ und dem „Krankenbruder“.

Vielleicht doch nicht ganz vergeblich. Über das Russische erfuhr ich neulich folgendes:

Im Russischen gibt es die медсестра (medsestra = Krankenschwester, sestra = Schwester) und den медбрат (medbrat = Krankenbruder, brat = Bruder). Den Bruder haben wir früher aber noch nicht gelernt, der ist neu ;-)

Da scheint es also im Russischen Ansätze zu einem Frauensprach-Männeranpassungsgesetz zu geben. Oder kürzer: Sprachgerechtigkeit. Brava, Mütterchen Russland!
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Dank an Almut Nitzsche für die Info über das Russische.

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# | Luise F. Pusch am 16.08.2015 um 09:09 PM • 7 KommentarePermalink

also available in English

26.07.2015

Wider den Sexismus im Paarlauf

Der Paarlauf ist eine Disziplin der Sportart Eiskunstlauf, bei der die Programme von einem Paar, also einer Dame und einem Herrn, ausgeführt werden.
Paare zeigen synchron Einzellaufelemente und spezielle Paarlaufelemente wie geworfene Sprünge, Hebungen, Paarlaufpirouetten, Spiralen und Todesspiralen. (Wikipedia).

Diese Ausführungen der trefflichen Wikipedia sind sprachlich wieder mal sehr interessant:

Erstens hält Wikipedia es für angebracht, uns zu erläutern, was hier mit „Paar“ genau gemeint ist. Schließlich gibt es heutzutage alle möglichen Arten von Paaren, bis hin zu gleichgeschlechtlichen Ehepaaren, eine Erscheinung des 21. Jahrhunderts, die rasant um sich greift, sogar bis ins katholische Irland und in die evangelikal unterwanderten USA. Damit verglichen ist der Paarlauf eine Bastion der Rückständigkeit - und daran muss Wikipedia uns durch die umständliche Definition von „Paar“ erinnern.

Zweitens die „Paarlaufelemente“: geworfene Sprünge - wer wird da geworfen und wer wirft? Hebungen - wer hebt, wer schwebt? Todesspiralen - wer wird da absichtlich der Todesgefahr preisgegeben? Wikipedia verliert darüber kein Wort. Sie setzt hier wohl voraus, dass alle es wissen: Geworfen wird im klassischen Paarlauf die Frau. Wie im richtigen Leben. Sie ist es auch, die vom Herrn erhoben wird und deren Haare in der Todesspirale am Boden schleifen.

Neulich brachte die Tagesschau ein Interview mit dem mehrfachen deutschen Medaillengewinner im Paarlauf, Robin Szolkowy, der inzwischen den deutschen Paarlauf-Nachwuchs trainiert. Er gab Auskunft über die Voraussetzungen für diesen Beruf: Die Mädchen können nicht klein genug sein und die Jungen nicht groß und kräftig genug, da die Mädchen ja gestemmt werden müssten.

FrauenbildAuf dem Bild sehen sie Buster Keaton mit seiner Spielkameradin. Beide stinksauer, weil sie nicht zum Paarlauf zugelassen wurden.

Recht haben sie! Der Paarlauf ist wohl die sexistischste Sportdisziplin überhaupt und gehört reformiert. Und: Die überfälligen, unten erläuterten Neuregelungen sollten umgehend auf andere sexistisch organisierte Sportarten wie Eistanz und Gesellschaftstanz übertragen werden.

1. Im Zeitalter der gleichgeschlechtlichen Ehe sollten auch zwei Damen und zwei Herren ein Eislaufpaar bilden können. Gerne kann das dann auch ein besonders kleiner mit einem besonders großen Herrn sein oder eine besonders große Dame mit einer besonders kleinen.

2. Dass sich immer eine winzige Dame mit einem riesigen Herrn paaren muss, ist auch widerlich diskriminierend und schon lange nicht mehr zeitgemäß. Große, starke Damen, die eine unbezähmbare Leidenschaft für Paarlauf entwickeln, dürfen nicht einfach ausgeschlossen werden. Sie paaren sich am besten mit kleinen Herren, die nun endlich auch ihrer Berufung folgen können und nicht als Jockeys auf dem Pferderücken ein denkbar eislauffernes Dasein fristen müssen. Wie viele kleine Herren träumen nicht davon, von großen Damen hochgehoben und schwungvoll weggeworfen zu werden und sich in der Todesspirale vor ihnen am Boden zu winden!
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# | Luise F. Pusch am 26.07.2015 um 04:05 PM • 10 KommentarePermalink

13.07.2015

Kutte, Kopftuch, Tschador - Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Was haben Mönche mit Rockerbanden gemeinsam? Bisher dachte ich: Nicht viel - aber wie ich letzte Woche erfuhr, tragen die beiden so unterschiedlichen Communities gleichnamige Kleidung, nämlich Kutten. Die Mönchskutte hat eine lange Geschichte, die ins Mittelalter zurückreicht, die Rocker-Kutte gibt es erst seit ein paar Jahrzehnten. Über die Wurzeln (Etymologie) des Wortes „Kutte“ gibt Heinrich Tischner erschöpfende Auskunft. Ich erfuhr auf seiner eindrucksvollen Sprach-Seite, dass „Kutte“ auch mit „Tschador“ und „Schal“ verwandt ist.

In die Nachrichten kam die Kutte letzte Woche, als der Bundesgerichtshof das bis dahin geltende Kuttenverbot für die Bandidos aufhob. Bis dahin galt deren Kutte als “Kennzeichen einer verbotenen Vereinigung“ und „Mittel der Einschüchterung“.  Mönche dagegen hatten noch nie unter einem Kuttenverbot zu leiden.

Obwohl ich weder von Mönchen noch von Rockern viel Ahnung habe - Männerbünde jeglicher Art stehen mir ziemlich fern - machte ich mir so meine Gedanken zum Kuttenverbot und seiner Aufhebung. Erinnert die Sache doch auffällig an die Aufhebung des Kopftuchverbots. Bei oberflächlichem Hinsehen könnte frau meinen, das Kopftuchverbot hätte einige Frauen in ihrer Freiheit eingeschränkt und das Kuttenverbot einige Männer, und nun können Frauen wie Männer sich wieder kleiden wie sie wollen, alles in Butter. In Wirklichkeit dienten beide Verbote - in unterschiedlicher Weise - weiblichen Interessen, die Aufhebungen dagegen männlichen.

Obwohl Mönche und Biker auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam zu haben scheinen - Mönche streben ein heiligmäßiges Leben an und Rocker eher das Gegenteil - hat doch die Kutte bei beiden eine ganz ähnliche Funktion, nämlich die einer Uniform. Die Kutte soll die Zugehörigkeit zur Gruppe der Mönche bzw. der Rocker nach außen kenntlich machen und nach innen Kohäsion stiften.

Uniformen sind und waren immer überwiegend Männersache. Für Rocker-Clubs - Hells Angels, Bandidos, Gremium MC und wie sie alle heißen - sind weibliche Mitglieder undenkbar, die Mönchsorden erlauben ebenfalls keine. Die Unterschiede zwischen den Kutten, markiert durch Farben, Schnitt, Abzeichen (Patches) etc. zeigen an, welcher Gruppe der Kutten- oder Uniformträger angehört und welchen Rang er in seiner Gruppe hat, sei es die Rockerbande, der Mönchsorden, das Militär oder sonst ein Männerbund.

Die Kirche kennt natürlich auch weibliche Orden, und die haben auch ihre spezifischen Uniformen. Diese heißen aber nicht Kutte, sondern Habit oder Tracht.

Und was ist nun mit dem Kopftuch oder -schal (Hijab), dem Niqab, dem Tschador und der Burka - jenen Uniformen, die viele Musliminnen tragen oder tragen müssen? Sie machen deren Zugehörigkeit zur islamischen Glaubensgemeinschaft nach außen kenntlich. Insofern sind sie der Mönchskutte oder der Nonnentracht nicht unähnlich und erinnern ja auch äußerlich ein wenig daran. Dennoch besteht zwischen der Nonnentracht und dem Kopftuch (Hijab) oder gar dem Tschador, dem Niqab und der Burka der Musliminnen ein bedeutsamer Unterschied: Kopftuch, Tschador, Niqab und Burka bezeugen die überwiegend nicht selbstgewählte Religionszugehörigkeit, nicht die selbstgewählte Zugehörigkeit zu einem Orden. Außerdem gibt es auf männlicher Seite kein Pendant wie die Mönchskutte katholischer Orden. Die Vorschrift, einen Bart zu tragen, ist mit der Vorschrift, unter einer Burka oder einem Niqab gesichtslos zu werden, nicht vergleichbar.

In ihre Religion wird frau in der Regel hineingeboren. Die oftmals extrem hinderlichen verhüllenden Gewänder wie Niqab, Tschador oder Burka werden den Musliminnen von ihren Glaubensbrüdern vorgeschrieben. Frauen, soweit sie ihre kleinen Töchter frühzeitig entsprechend verkleiden, sind nur die Vollzugsbeamtinnen der von Männern erdachten und verhängten Kleiderordnung.

Insofern sind Tschador, Niqab und Burka eher mit Häftlingskleidung vergleichbar. Es überwiegt nicht der Aspekt des stolzen Bekennens einer selbstgewählten Identität, sondern der der Identitätsauslöschung und der Kenntlichmachung einer aufgezwungenen Identität. Eine Ausnahme sind natürlich diejenigen Frauen, die als Erwachsene dem Islam beigetreten sind und die Kleidervorschriften für Frauen freiwillig befolgen. In den übrigen Fällen dient die von außen aufgesetzte Kenntlichmachung nicht den Interessen der Häftlinge oder der Frauen in Einheitskleidung, sondern denen ihrer Aufseher. Einzige Ausnahme: Schul-Uniformen, die eine sinnvolle Maßnahme gegen den Zwang zu Markenklamotten unter Jugendlichen sein können.


# | Luise F. Pusch am 13.07.2015 um 06:39 PM • 12 KommentarePermalink

13.06.2015

Herrenlose Damenunterwäsche gesichtet

Die Deutschen gelten bekanntlich als steif und humorlos. Zum Glück hilft uns unsere deutsche Männersprache, reichlich unfreiwilligen Humor zu produzieren. In dieser Hinsicht sind wir wahrscheinlich Weltmeister. So meldeten bspw. die Stuttgarter Nachrichten am 3. Juni:

Herrenlose Damendessous
Ein Rätsel um herrenlose Damenunterwäsche beschäftigt die Polizei im Main-Tauber-Kreis. Die Beamten entdeckten am Dienstag jede Menge gebrauchte Dessous an einer Kreisstraße bei Bad Mergentheim. Die Ermittler zählten 31 BHs und fünf Slips.
„Also normal ist das nicht“, sagte ein Sprecher. Schon in den vergangenen Wochen war in der Gegend Unterwäsche im Wald und am Fahrbahnrand aufgetaucht.

Ein Foto, das die Ermittler zeigt, wie sie die genaue Anzahl der BHs und Slips ermitteln, ist leider nicht beigefügt. Auch das Auftauchen der Unterwäsche im Wald wurde leider optisch nicht zur Anschauung gebracht.

Um mehr zu erfahren, googelte ich „herrenlose Damenunterwäsche“. Das Haller Tagblatt hatte noch Interessantes beizusteuern, nämlich:

Warum der mysteriöse Wäscheausleger die Slips verteilt, blieb unklar. Die Polizei will einen Diebstahl etwa von einer Wäscheleine nicht ausschließen. Wer seine Höschen oder BHs vermisst, soll sich bei der Polizei melden.

„Wer seine Höschen oder BHs vermisst, soll sich bei der Polizei melden“  - was für ein Satz! Leider war der Titel meiner Glosse schon vergeben, sonst hätte ich diese Perle deutschen Humors als Überschrift gewählt.

Der „mysteriöse Wäscheausleger“ wird auch „Dessous-Verteiler“ genannt. Und über die Unterwäsche war noch zu erfahren, dass sie gebraucht war. Ob sie vielleicht zu der Spezies „duftende Unterwäsche“ gehörte, fragte ich mich. Nein, eine andere Zeitung meldete, die Wäsche sei gebraucht, aber gewaschen gewesen.

Das ziehe sich nun seit etwa zwei Jahren hin, sagte ein Polizeisprecher am Mittwoch. Da es anfangs nur einzelne Kleidungsstücke gewesen seien, seien manche der Vorfälle nicht erfasst worden. Die Dessous lagen unter anderem auf Straßen oder Hecken in der Stadt. So viel Damenunterwäsche wie dieses Mal, sei aber noch nicht gefunden worden, sagte der Sprecher. (Quelle: hier)

Es handele sich wohl um jemand, der die Dessous aus irgendeinem Grund zur Schau stellen will. Die Ordnungshüter schließen nicht aus, dass die Wäsche gestohlen wurde. Die BHs und Slips haben verschiedene Größen. (Quelle: hier)

Auf jeden Fall bringt „der Wäscheverteiler“ mit „seiner Auslegeware“ die Beamten ganz schön zum Grübeln. Bemerkenswert! Aber unsere Männersprache bringt sie zuverlässig auf die falsche Fährte!

Ich denke, wir haben es mit einer Gruppe (die BHs haben verschiedene Größen) von Frauen (die Slips sind gewaschen) zu tun. Sie haben sich der Land Art verschrieben: „Unser Wald / Fahrbahnrand soll schöner (weiblicher) werden“. Vielleicht auch der Konzeptkunst, wenn wir den Grübeleffekt und die sprachliche Kreativität in Betracht ziehen, die die Kunstwerke freisetzten.

Leider hat aber die Polizei die Absicht der Künstlerinnen nicht erfasst und die Kunstwerke mutwillig zerstört, indem sie die Unterwäsche aus ihrem mit Bedacht gewählten Umfeld entfernte: «Die Wäsche wurde eingesammelt und liegt in einem Sack auf der Dienststelle.» (Quelle: hier).

Nicht nur humorlos, diese Deutschen, sondern auch ohne jeglichen Kunstverstand.

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Dank an Sigrid und Peter Schild für den Ausschnitt aus den Stuttgarter Nachrichten.

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# | Luise F. Pusch am 13.06.2015 um 03:53 PM • 14 KommentarePermalink

06.06.2015

Fragen über Fragen

Kein Platz für die wichtigen Fragen bei „Wer wird Millionär?“

Vergangenen Montag wurden bei „Wer wird Millionär?“ wieder Promis gegrillt. Wie mir aus gut unterrichteten Kreisen geflüstert wurde, gab’s diesmal sogar für Feministinnen was zu sehen. Überzeugen Sie sich selbst. Zuerst hatte Anke Engelke mit einer Frage zu kämpfen, die direkt von feministischer Sprachkritik inspiriert schien:

In welcher Berufsgruppe lag der Anteil männlicher Beschäftigter in den letzten Jahren bei knapp unter 5 Prozent:
A) Kassierer
B) Kita-Betreuer
C) Friseure
D) Apotheker

Engelke beantwortete die Frage schließlich korrekt mit „Kita-Betreuer“. Was niemanden interessierte war die Frage: Wenn es doch über 95% Frauen sind - warum heißen die dann nicht „Betreuerinnen“?

Geschenkt. Wir wollen hier nicht kleinlich werden. Oder größenwahnsinnig. Es gibt nun mal Fragen, auf die niemand kommt. Meist sind das die feministischen.

Nur Engelke, die einzige Frau unter den Promis, schaffte es über die 125-Euro-Frage hinaus, sogar bis zur Eine-Million-Euro-Frage. Die lautete:

Was hat die gebürtige Düsseldorferin Luise Rainer, die 2014 im Alter von 104 Jahren gestorben ist, zweimal hintereinander gewonnen?
A. Den Chemie-Nobelpreis
B. Die Miss-World-Wahl
C. Den Schauspiel-Oskar
D. Das Wimbledon-Tennistournier

Engelke vermutete, es sei die Miss-World-Wahl, irgendwas Obskures Anfang der dreißiger Jahre. Alles andere hätte sie ja wohl schon irgendwann mal hören und also jetzt wissen müssen. Falsch! Hätte Engelke mich als Expertin angerufen, hätte ich ihr locker zu einer weiteren halben Million verhelfen können. Na, vielleicht nächstes Mal! Ich helfe in dem Laden allerdings erst dann aus, wenn er sich „Wer wird Millionärin?“ nennt.

Jauch und Engelke krausten die Stirnen um die Wette. Jauch: „Wenn die eins von den Sachen gewonnen hat, hätt ich’s wissen müssen. Ich hab den Namen noch NIE gehört.“

Schließlich las er ungläubig die Antwort auf seinem Bildschirm und verkündete dann: „Die hat tatsächlich zweimal hintereinander den Oscar gewonnen, und zwar als beste Hauptdarstellerin, einmal in einem Musical, und einmal hat sie eine chinesische Bäuerin gespielt.“

Auch das Publikum hatte noch nie von Luise Rainer gehört. Sehr seltsam. Immerhin ist sie die einzige Deutsche, die jemals den Oscar für die beste weibliche Hauptrolle gewonnen hat, und das gleich zweimal, 1936 für „The Great Ziegfeld“ und 1937 für „The Good Earth“ nach dem Roman von Pearl S. Buck. Warum schmückt sich Deutschland nicht mit ihr, wie mit Max Schmeling, der 1936 Joe Louis besiegte, den berühmtesten Boxer der Welt, der als unschlagbar galt?

Wikipedia über Schmeling: „gilt bis heute als einer der populärsten Sportler Deutschlands.“

Für Luise Rainer dagegen dürfte das Gegenteil gelten: „bis heute eine der (in Deutschland) unbekanntesten deutschen Schauspielerinnen von Weltruf“.

Engelke und Jauch nahmen es kopfschüttelnd hin, dass sie es nicht gewusst hatten, und das Publikum auch nicht. Niemand überlegte auch nur kurz, woran das wohl liegen mochte. Mich aber interessierte diese Frage, und ich beantwortete sie mir mit: „Es sind die dreißiger Jahre, die Nazis sind an der Macht, vermutlich war Luise Rainer Jüdin. Schmeling dagegen nicht. Rainers Erfolg in den USA wird vor den Deutschen verborgen, während Schmelings gleichzeitiger Erfolg an die große Glocke gehängt wird. Und die Glocke tönt weiter, bis heute.“ Meine Vermutung wurde durch eine kurze Recherche im Internet bestätigt.

Schmelings Sieg „wurde von der NS-Propaganda politisch missbraucht als ‘Beweis für die Überlegenheit der arischen Rasse’. In den Kinos wurde auf Weisung Hitlers der Kampf unter dem Titel ‘Max Schmelings Sieg – ein deutscher Sieg’ vorgeführt.“ (Wikipedia)

Rainers Sieg, sogar der Doppelsieg, wurde hingegen totgeschwiegen. Zu peinlich einfach, dass es ausgerechnet eine Jüdin zu diesem internationalen Triumph gebracht hatte. Wie bei der jüdischen Hochspringerin Gretel Bergmann musste verhindert werden, dass eine jüdische Deutsche die „arische“ deutsche Frau demütigt.

Jauch, seine KandidatInnen, sein Publikum und auch die Journalisten, die über sein Quiz berichteten, wissen bis heute über eine der erfolgreichsten deutschen Schauspielerinnen nur das, was Hitler und Goebbels dem deutschen Volke vor 80 Jahren zu wissen gestatteten: Nichts. Und da sie noch nicht einmal neugierig sind und nachbohren, wieso Luise Rainers Triumph ihnen und allen anderen bis heute so völlig entgehen konnte, werden sie auch so bald nicht schlauer werden. Es sei denn, sie lesen diese Glosse.

PS: Gretel Bergmann, die im April 101 Jahre alt wurde, und Luise Rainer, die 104 Jahre alt wurde, lebten beide rund achtmal länger als das Tausendjährige Reich. Ätsch!
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(Dank an Andrea Schweers für den Hinweis auf die „Kita-Betreuer-Frage“. Sie hat dazu selbst einen Kommentar geschrieben.)
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Interview mit Luise Rainer zu ihrem 100. Geburtstag (Englisch)

Zum Tod von Luise Rainer, Dez. 2014
(Dank an Anne Beck für die Links)
Ausführlicher biogr. Artikel über Rainer (Wikipedia, Englisch) Besonders interessant in unserem Zusammenhang die Querelen um den Boulevard der Stars in Berlin. Auch Luise Rainer war für einen Stern vorgeschlagen worden, wurde aber von der Jury abgelehnt und schließlich doch aufgenommen. So kam die emigrierte Jüdin doch noch zu einem Stern. Welch bittere Ironie auch in dieser unrühmlich absolvierten späten Anerkennung.
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# | Luise F. Pusch am 06.06.2015 um 08:54 AM • Permalink

01.06.2015

Goethes Christiane und Luthers Käthe

Noch ein Beitrag zum Goethe–Jahr (1999)

In diesem Jahr 1999 feiern wir – und wie!  - Goethes 250. Geburtstag. Kaum genesen von den Feiern zu seinem 150. Todestag 1982 müssen wir schon wieder ein ganzes Goethejahr verkraften.
Anfang des Jahres, am 31. Januar, feierten wir den 500. Geburtstag Katharina von Boras, der sog. Lutherin. Für sie wurde natürlich kein ganzes Jahr zum Feiern einberaumt. Eine Sondermarke der deutschen Bundespost, ein paar Reden, Feiern und Symposien um den Jubeltag herum, damit hatte es sich.

Ganze FeierJAHRE gibt es ja überhaupt nur für die ganz Großen: 1997 hatten wir das Schubertjahr, 1991 das Mozartjahr, 1985 das Bach- und Händeljahr, 1983 das Lutherjahr.
Mir ist keine Frau bekannt, der mann in ähnlicher Weise ein ganzes Jubeljahr zugebilligt hätte. Stattdessen hat uns die UNO 1975 die “Dekade der Frau” eingerichtet, die jeweils verlängert wird, weil sich an der miesen Lage der Frau eh so schnell nix ändert. Womit ich wieder beim Ausgangsthema “Goethes Christiane und Luthers Käthe” bin.

Obwohl nämlich die Geburtsjahre unserer 99er JubilarInnen Katharina von Bora und Johann Wolfgang von Goethe zweieinhalb Jahrhunderte auseinanderliegen, spielte sich das Frauenleben in der Familie Luther doch fast genau so ab wie in der Familie Goethe. Wie sich die Bilder noch nach Jahrhunderten gleichen, möchte frau verzweifelt ausrufen: Der Mann kümmerte sich um seine Werke und die Weltangelegenheiten, die Frau kümmerte sich um “den Rest” – umsorgte den Gatten und seine zahlreichen Gäste, gebar die Kinder (Christiane deren fünf, nur eines überlebte) und zog sie groß und leistete schier Übermenschliches in der umsichtigen Verwaltung sehr weitläufiger Haushalte, mit Ländereien, Gemüseanbau etc. etc. (bei Katharina kam noch Viehzucht und Bierbrauerei hinzu).

Die Parallelen zwischen den beiden Frauen sind geradezu unheimlich: Beide, Katharina und Christiane, waren 16 Jahre jünger als ihre Ehegatten, die sie mit 23 Jahren kennen- und liebenlernten. Beide mußten um dieser “unerhörten” Liebe willen Schmach erdulden: Katharina war eine entlaufene Nonne, die einen Ex–Mönch heiratete; Christiane lebte 18 Jahre in wilder Ehe mit Goethen, bevor der Geheimrat 1806 geruhte, sie zu ehelichen. Ganz Weimar zerriß sich das Maul über sie. Katharina starb mit 53, Christiane mit 51.

Obwohl die beiden Frauen also ziemlich ähnlich gelebt haben, ist ihr Bild in der Geschichte doch ein ganz unterschiedliches. Katharina von Bora wurde stilisiert zum Urbild der deutschen Ehefrau, speziell Pfarrfrau. Christiane Vulpius hingegen – du meine Güte! Was für eine zutiefst peinliche Verirrung des Dichterfürsten!

“Ein schönes Stück Fleisch, gründlich ungebildet” (Thomas Mann), “eine geistige Null” (Romain Rolland), “die bekannte Sexualpartnerin des alternden Olympiers” (Musil). Ihre Zeitgenossen nannten sie “Goethes Mätresse”, “Hure”, “Goethes Kreatürchen”, seine “dicke Hälfte”, “Goethes Magd” (Wieland), ihre offizielle Bezeichnung in Weimar war 18 Jahre lang: “die von Goethesche Haushälterin”. Die ZeitgenossINNEN waren womöglich noch giftiger: Charlotte von Schiller nannte sie “ein rundes Nichts”, Bettine von Arnim “eine Blutwurst, die toll geworden ist”.

Und womit hat sie diese Häme verdient?

Da ist erstens die wilde Ehe – für die sie nun wirklich nichts kann. Und zweitens interessierte sie sich zwar für Goethen, aber nicht für seine Werke.
Wir lernen daraus: Die Frau des großen Mannes soll dem Gatten eine geistige Gefährtin sein, das hat er schließlich verdient. Aber sie soll ihm nicht den Rang streitig machen, sondern ihm als gute Mutter seiner Kinder, tüchtige Haushälterin und lieber Bettschatz das Leben behaglich machen. Ist sie keine geistige Gefährtin, dann ist sie eben nur ein Stück Fleisch, auch wenn sie alle anderen Anforderungen perfekt erfüllt.

Deswegen verdient Luthers Käthe eine Sondermarke, aber Goethes Christiane nicht. (Nachtrag am 1. Juni 2015, Christiane von Goethes 250. Geburtstag, der keiner Sondermarke wert war: Wahrscheinlich müssen wir, wie bei Katharina von Bora, bis zum 500. Geburtstag warten. Aber im Jahre 2265 gibt es wahrscheinlich keine Menschen mehr, geschweige denn Briefmarken. Aber im Juli gibt’s immerhin eine schöne Sondermarke zum 75. von Pina Bausch).

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# | Luise F. Pusch am 01.06.2015 um 05:06 PM • Permalink

18.04.2015

Aufräumen nach dem Shitstorm, 2. Teil: Dürfen Frauen um Frauen trauern?

Fast gleichzeitig mit den Menschen im Flug U49525 starb eine fast gleich große Menge von Menschen durch Selbstmordattentate im Yemen (20.3.) und in Garissa, Kenia (2.4.). Wir alle waren betroffen und aufgewühlt wie immer bei solchen Schreckensnachrichten - aber die Betroffenheit hielt sich, verglichen mit der über Flug U49525, doch in Grenzen, gerade auch in den Medien. Warum? Ich vermute, weil diese Katastrophen nicht so viel mit UNSERER Identität zu tun hatten. Ja, wir sind alle Menschen und als solche betroffen, wenn andere Menschen sterben. Vor allem, wenn es so viele Menschen auf einmal sind. Aber wenn viele Deutsche auf einmal sterben, die mit unserer deutschen Lufthansa flogen, dann geht uns das näher, weil es uns näher ist.

Bei der Berichterstattung über den Flug U49525 wurde immer wieder eine Gruppe besonders hervorgehoben: Die Schulklasse aus Haltern und ihre beiden „Lehrer“. Irgendwann, ziemlich spät, wurde korrigiert: Es waren Lehrerinnen. Weiterhin wurde aber nur von „Schülern“ geredet. Ich dachte mir, das können nicht alles Schüler gewesen sein, sicher waren auch Schülerinnen darunter, besonders, da es sich um eine Sprachklasse handelte. Ich recherchierte im Internet und fand schließlich eine Namensliste der getöteten Schülerinnen und Schüler in der New York Times. Und dann eine weitere Namensliste in einer Traueranzeige aus Haltern.

Ich war selbst erstaunt, dass diese „16 Schüler“ - eine Formulierung, die ich bis dahin ausschließlich gelesen hatte - in Wahrheit 14 Schülerinnen und 2 Schüler waren. Wie schon seit 35 Jahren der Kritik am sog. generischen Maskulinum fragte ich mich: Was wäre im umgekehrten Fall - wenn also diese jungen Menschen in den Medien fortwährend als „Schülerinnen“ bezeichnet worden wären? Ich bin sicher, das wäre allgemein als höchst unpassend, ja als Verhöhnung der beiden männlichen Opfer verurteilt worden.

Ein Vorwurf, der mir dann während des Shitstorms dauernd gemacht wurde, lautete: “Wie kann man nur bei einer solchen Katastrophe weibliche und männliche Opfer auseinanderhalten wollen? Es waren Menschen, MENSCHEN, die gestorben sind - warum begreifen Sie das nicht in Ihrem feministischen Wahn?” Einige formulierten es drastischer: „Ob Schülerin oder Schüler, ist doch egal. Tot ist tot.“ Diese Kritiker übersehen und übergehen den Unterschied zwischen neutralen Ausdrücken wie „Opfer“, einigermaßen neutralen Ausdrücken wie „Menschen“ und pseudoneutralen „generischen Maskulina“ wie „Lehrer“ und „Schüler“. Generische Maskulina sind nicht neutral, sondern erzeugen in unseren Köpfen männliche Bilder. Sie erschweren, ja verdrängen den Gedanken an Frauen.

Zur Erinnerung: Ich hatte in meiner Glosse geschrieben:

Die Lufthansa sucht verzweifelt nach Massnahmen, um Katastrophen wie die mutmaßlich durch ihren Germanwings-Co-Piloten verursachte in Zukunft auszuschließen oder wenigstens unwahrscheinlicher zu machen. Auf das Nächstliegende - Frauenquote im Cockpit erhöhen - kommt niemand. Wieso nicht? Es wird derselbe blinde Fleck sein, der aus den beiden getöteten Lehrerinnen aus Haltern „Lehrer“ und aus den 14 getöteten Mädchen und zwei Jungen „16 Schüler“ macht.

Dass Frauen die Lösung sein könnten, fiel niemandem ein, genau so wenig, wie mal danach zu fragen, wie viele Mädchen denn unter den getöteten „16 Schülern“ aus Haltern waren.

Als feministische Linguistin stelle ich die Frage nach sprachlich unterschlagenen Frauen routinemäßig, ob bei „Malern aus Haiti“ oder „russischen Dissidenten“. Wie oft habe ich nach der Veröffentlichung meiner Glosse gehört, dass die LeserInnen zutiefst verstört waren, weil unter der Formulierung „16 Schüler“ 14 Schülerinnen begraben waren, für deren wahre Identität sich niemand interessiert hatte. Nicht einmal gefragt oder nachgedacht zu haben, bedrückte tatsächlich sehr viele. Andere fingen an, erstmals über die Wirkung der deutschen Männersprache auf ihre Vorstellungen nachzudenken.

Auf die Frage „Haben Sie denn jeglichen Anstand verloren, nach Schülerinnen und Schülern zu unterscheiden?“ antwortete ich mit einer Gegenfrage: „Warum werden wir immer sorgfältig und fortlaufend darüber unterrichtet, wie viele Deutsche unter den Opfern waren?“

Erst hörten wir: 67, dann 75, dann 72. Da wird also ein Informationsbedürfnis vorausgesetzt und bedient, das vor allem an der Nationalität interessiert ist. Darüber hat sich NIEMAND aufgeregt und empört nachgefragt: Finden Sie etwa deutsche Opfer schlimmer als spanische oder japanische?

Eine Information, die wir besonders bei Terroropfern regelmäßig geliefert bekommen, lautet etwa so: „Dem Terroranschlag fielen 160 Menschen zum Opfer, darunter viele Frauen und Kinder.“ Bei Flugzeugunglücken oder Schiffsunglücken bekommen wir diese Info in der Regel nicht. Was also bezweckt diese Information im Kontext Terroranschlag? Sie suggeriert, dass die rücksichtslose Tötung „unschuldiger“, „wehrloser“ Frauen und Kinder besonders widerwärtig ist. Wir sollen folgern: Die Terroristen sind wirklich Monster.

Ich fand diese Art der selektiven Information über Alter und Geschlecht der Opfer schon immer fragwürdig. Waren die getöteten Männer in diesem Kaufhaus oder bei jener Sportveranstaltung nicht genau so wehrlos und unschuldig wie die Frauen? Ist ihr Leben weniger wert als das der Frauen und Kinder? Konnten sie ruhig getötet werden?? Nein! Aber genau das suggerieren solche Sätze.

Bei der Trauerveranstaltung im Bundestag sprach Norbert Lammert, fast tränenerstickt, von den „vielen jungen Menschen“, die getötet wurden. Gemeint waren die „16 Schüler“ aus Haltern - und niemand warf ihm in der Folge vor, die nicht mehr so jungen Menschen seien ihm wohl „total egal“ gewesen. Welcher „Jugendwahn“ mochte denn den alten Mann plötzlich befallen haben? Nein, man verstand, dass es ihn schmerzte, dass die jungen Menschen so früh ihr Leben verlieren mussten.

Dies alles sind also Spezifikationen der Opfer, die erlaubt sind. Die Frage nach den Schülerinnen unter den „16 Schülern“ war dagegen nicht erlaubt. Das war vielmehr fanatischer Feminismus. Will mann uns wirklich vorschreiben, dass wir, als Frauen, nach toten Lehrerinnen und Schülerinnen nicht einmal fragen dürfen?

Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr erinnert mich dieses herrische Verbot an andere Regulierungen unserer Gefühle für Frauen. Über die Geburt eines Mädchens durften wir uns jahrhundertelang (in vielen Ländern bis heute) nicht freuen. Weil ein Mädchen in mancher Herren Ländern so viel weniger wert ist als ein Junge, werden weibliche Föten gezielt abgetrieben. In Asien fehlen 100 Millionen Frauen. (1) Der Frauenmangel führt dort inzwischen zu Frauenraub in großem Stil. Empathie mit Angehörigen des eigenen Geschlechts wird den Frauen, die ihresgleichen abtreiben müssen, gezielt ausgetrieben. Sonst könnten sie das nicht tun.

Im Geschichtsunterricht haben wir gelernt, was für eine Schmach es für die Königin war, wenn sie schon wieder eine Tochter statt des ersehnten Thronerben geboren hatte. Als Paradebeispiel können die Frauen Heinrichs VIII. gelten. Wenn eine Frau also ihresgleichen gebar, war das lange Zeit ein Grund, sie als Versagerin zu beschimpfen. Für Frauen selbst ein Grund, sich zu schämen. Der Frauen- und somit Selbsthass wurde den Frauen anerzogen.

Ich arbeite gerade an einer Kurzbiographie über Charlotte Brontë; im nächsten Jahr feiern wir ihren 200. Geburtstag. Ihr Vater war im Jahre 1848 über den Tod seines trunk- und drogensüchtigen einzigen Sohnes so untröstlich, dass er kaum bemerkte, wie gleichzeitig seine Töchter Emily und Anne der Schwindsucht erlagen. Emily und Anne Brontë hatten Weltliteratur geschrieben, genau wie Charlotte, aber das zählte nicht. Der Sohn stand dem Herzen des Vaters nun mal näher. Ohne seine drei Töchter wäre Patrick Brontë längst vergessen.

Vor 32 Jahren veröffentlichte ich eine Analyse der Beispielsätze des Duden-Bedeutungswörterbuchs. Titel: „Sie sah zu ihm auf wie zu einem Gott: Das Duden-Bedeutungswörterbuch als Trivialroman“. (2) Der Befund, der mich am meisten erschütterte, war, dass NIEMALS zwei Frauen zusammen in einem Satz vorkamen. Männer interagierten miteinander im Guten wie im Bösen, Frauen kümmerten sich um die Kinder, den Gatten und den Haushalt - NIEMALS hatten sie mit anderen Frauen auch nur das Geringste zu schaffen. Er zeigte ihm Ansichtskarten von Berlin hieß ein Satz. „Sie zeigte ihr Ansichtskarten von Berlin“ - so etwas gab es nicht! Die Beispielsätze des Duden waren ein Querschnitt aus dem deutschsprachigen Schrifttum der vorangegangenen 150 Jahre und somit extrem aussagekräftig.

Die großen Trauernden in der Kunst sind Frauen - sie klagen in der Regel um tote Krieger, ihre eigenen Söhne. Antigone trauert um ihren Bruder Polyneikes. Und die allergrößte Trauernde, der Inbegriff der trauernden Frau, ist natürlich Maria. Sie trauert um ihren toten Sohn Jesus. Die Pietà-Statuen, auf denen uns die in unserer Herrenkultur für Frauen erlaubte Trauer vorgeführt wird, gehen in die Tausende, wenn nicht Hunderttausende.

Es scheint, dass die Gefühle und Interessen der Frauen um den Mann kreisen sollen. Wir sollen keine Götter haben neben ihm. Schweift die Frau ab und interessiert sich für ihresgleichen, so wird das übel vermerkt. Oder mit Hass verfolgt. Aber die Sprache ist schon mal vorsorglich so angelegt, dass wir nicht so schnell vom rechten Pfade abweichen: In unserer Männersprache wird jede weibliche Gruppe sprachlich zu einer männlichen Gruppe, sowie nur ein einziger Mann oder Junge hinzukommt. Wie z.B. bei den “16 Schülern“ aus Haltern.

Ich las neulich Charlotte Links Buch Sechs Jahre über den Tod ihrer Schwester, der sie völlig aus der Bahn warf. Ein erschütterndes, lesenswertes und ungewöhnliches Buch. Trauert da doch tatsächlich eine Frau um eine andere Frau!

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(1) Ockrent, Christine. Hg. 2007. Das Schwarzbuch zur Lage der Frauen: Eine Bestandsaufnahme [=Le livre noir de la condition des femmes]. Koordination von Sandrine Treiner. Mit einem Vorw. von Maybrit Illner. Aus dem Franz. von Enrico Heinemann. München; Zürich. Pendo.
(2) Nachdruck in: Pusch, Luise F. 1984. Das Deutsche als Männersprache: Aufsätze und Glossen zur feministischen Linguistik. Frankfurt/M. edition suhrkamp 1217. S. 135-144.
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# | Luise F. Pusch am 18.04.2015 um 09:46 AM • Permalink

11.04.2015

Aufräumen nach dem Shitstorm, 1. Teil

Am 30. März bekam ich von einem Herrn D.D. folgende Mail:

Was fällt dir alten Schlampe eigentlich ein so eine SCHEISSE zu schreiben???????????????? Du dreckige Fotze hast noch weniger Gehirn als der Dreck unterm Fingernagel… Wenn ich dich sehen sollte würde ich dir sofort in deine hässliche Fresse treten und dich mit dem Kopf auf den Bordstein schlagen du Missgeburt. Hoffe du krepierst elendig vor dich hin oder wirst von einem LKW überfahren du Arschgeburt. Du bist es nicht wert in unserer Gesellschaft zu leben.

Meine Glosse „Frauenquote fürs Cockpit“ hat im Internet einen Shitstorm ausgelöst, der mich völlig unvorbereitet traf. Er begann am Samstag, 28. März, gegen Mittag und dauerte etwa 10 Tage. Nachrichten wie die von D.D. kamen im Sekundentakt herangeflutet, über Twitter, Facebook, Emails, Kommentare unter der Glosse und Zeitungsartikel in Online- und Printausgaben. Die Zeitungsartikel waren allerdings nicht so krude wie D.D. Auf Twitter hieß es dagegen gern “Wann stirbst du endlich?”, “Bitte geh sterben!” oder auch “Die ist schon alt, das Problem wird sich bald auf biologischem Wege lösen.” Viele Männer meinten auch, ich wäre “untervögelt” und gehörte mal ordentlich durchgevögelt.

Mir wurden verschiedene Vorwürfe gemacht, die frei erfunden waren. Z.B. dass ich „mediengeil“ sei und hier eine Katastrophe schlimmsten Ausmaßes für meine eigenen, egoistischen Zwecke missbrauchen würde. Tatsache ist, dass ich einen Beitrag zur Verhinderung des nächsten Amokfluges leisten wollte und - wie die Airlines - fand, Eile sei geboten.

Mein Bekanntheitsgrad ist mir egal bis lästig. Ich bin eher medienscheu und arbeite schon immer lieber an meinem Schreibtisch als in der Öffentlichkeit oder im TV aufzutreten. Deshalb ist diese Unterstellung besonders grotesk, genau wie viele andere, die in der Debatte vorgebracht wurden. Um mich nicht dauernd selbst zu erklären und zu entschuldigen, zitiere ich Anja Krüger. Sie schrieb in der taz online einen der beiden fairen Kommentare der deutschen Presselandschaft, die restlichen 49, die mir zu Gesicht kamen, sind hämisch, verzerrend und bösartig. Sie sagt: „Luise F. Pusch hat es gewagt, angesichts der vom Kopiloten zum Absturz gebrachten Germanwings-Maschine die Geschlechterfrage zu stellen“. Privat äußerten sich viele weit deutlicher. Die Leiterin einer Frauenberatungsstelle und ihre Kolleginnen fassten es so zusammen: „Halte durch - es ist doch wie immer, wenn es die Chance gibt, gegen Frauen vorzugehen!“ Die Chance ergab sich diesmal dadurch, dass der immer sprungbereite und inzwischen gut organisierte Hass auf Feministinnen unter dem Vorwand der moralischen Entrüstung über „mediengeile und menschenverachtende Ausschlachtung einer Katastrophe“ und „fanatischen Männerhass“ zur Hetzjagd blasen konnte und viele sonst neutrale Gemüter sich zum Mithetzen anstacheln ließen. Deren Wut und Schmerz über das unfassbare Verbrechen brauchten ein Ziel, und da der eigentlich Schuldige tot war, stellte ich wohl einen willkommenen Ersatz dar.

Bekannt wurde meine Glosse vor allem durch die Übernahme in die Emma-Online. Alice Schwarzer verfasste zu meinem Text folgenden Vorspann:

Amoktrips sind Männersache. Und die Lufthansa hat 94 Prozent männliche Piloten. Das sollte sie ändern, meint Luise Pusch. 14 der 16 im Airbus zerschellten “Schüler” sind Schülerinnen und die zwei “Lehrer” sind Lehrerinnen. Die Opfer sind überwiegend Frauen, die Täter sind männlich. - (Ursprünglicher Vorspann von Alice Schwarzer)

Auf Emma.de wurde dieser Vorspann inzwischen abgeändert, auf der Facebook-Seite von Emma steht noch die Urfassung.

Fünf Sätze, die nicht von mir sind, mir aber im Shitstorm und in den Medien dauernd vorgeworfen wurden. Ich vermute, dass die meisten Shitstürmer nicht mehr als diesen Vorspann oder ein Zitat daraus gelesen haben. Das Wort „Amoktrips“ wäre mir angesichts der Katastrophe nicht eingefallen, es ist zu flapsig. Das sagen viele, und Antonia Baum von der FAZ stützt ihre Anklage besonders auf dieses Wort - nach 10 Tagen Shitstorm war sie eine der letzten, die sich von dem Empörungstrip noch mitreißen ließen. Warum hat sie nicht besser recherchiert, bevor sie loslegte?

Mir wurde schon einmal etwas vorgeworfen, was die Schweizer Boulevardzeitung Blick einfach erfunden hatte. Sie empörte sich, ich hätte die Abschaffung der Wörter „Vater“ und „Mutter“ verlangt und gefordert, dass in Zukunft nur noch „das Elter“ gesagt würde. Wie es zu dieser Lüge kam, habe ich hier nachgezeichnet. Das Traurige an der Geschichte ist nur, dass unzählige Zeitungen, ohne jemals bei mir anzufragen, diese freie Erfindung einfach nachgebetet haben und nun glaubten, mich wegen dieser „abartigen Idee“ der Öffentlichkeit zum Fraß vorwerfen zu müssen.

Der Satz „Die Opfer sind überwiegend Frauen, die Täter sind männlich“ ist, bezogen auf die Flugzeugkatastrophe, einfach Blödsinn. Hier hat ein Mann 149 Frauen, Männer und Kinder umgebracht, die ihm, einschließlich ihres Geschlechts, völlig egal waren. Alice Schwarzer hat diesen Satz aus anderen Diskussionszusammenhängen (bes. Amokläufe) genommen und in den falschen Kontext verpflanzt. Das geschah sicher nicht aus bösem Willen, sondern aus Eile. Die Konsequenzen aber muss hauptsächlich ich tragen, für etwas, das ich nicht gesagt habe und nicht gesagt hätte.

Der Shitstorm ist für mich vor allem ein Anlass, über ihn nachzudenken. In der nächsten Woche widme ich mich der Frage, welche Opfer in der Berichterstattung spezifiziert werden dürfen und welche nicht. Wir wurden fortlaufend über die Anzahl der deutschen Opfer informiert. Aber mein Interesse an der Anzahl der weiblichen Opfer unter den “16 Schülern” aus Haltern empfanden viele als unerträglich. Warum?

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Anmerkung der Redaktion zu den Kommentaren:
Hetze gegen Luise F. Pusch oder Alice Schwarzer wird hier nicht freigeschaltet.
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# | Luise F. Pusch am 11.04.2015 um 10:32 AM • Permalink

also available in English

27.03.2015

Frauenquote fürs Cockpit

Die Fluggesellschaften reagierten schnell: Ab sofort soll auch bei uns die “Zwei-Personen-„ bzw. „Vier-Augen-Regel“ für das Cockpit gelten. Im Gespräch sind auch regelmäßige psychologische Tests für Piloten. Das meldeten heute die Nachrichten. Gleichzeitig meldeten sie: „Der Bundesrat verabschiedete am Freitag in Berlin das Gesetz, nach dem in Zukunft knapp ein Drittel der Plätze in den Aufsichtsräten von Großkonzernen von Frauen besetzt werden müssen.“ (Handelsblatt). Zu den Großkonzernen gehört auch die Lufthansa.

Ich möchte einen Vorschlag machen. Die Lufthansa sollte sich nicht nur für ihren Aufsichtsrat, sondern auch für ihre Cockpits eine Frauenquote verordnen. Höchste Zeit ist es allemal, denn zur Zeit gibt es bei der Lufthansa nur 6 Prozent Pilotinnen.

Die Selbstmordquote, so hörte ich bei meinem Radio- und TV-Marathon seit der Katastrophe in den französischen Alpen, ist bei Männern viermal so hoch wie bei Frauen. Die Lufthansa könnte also das Risiko, dass ihre Piloten das Flugzeug zu Selbstmord und vielfachem Mord missbrauchen, mit jeder Frau, die sie zur Pilotin ausbilden, ganz erheblich reduzieren.

Amokläufe und sog. Familienauslöschungen, die gern zu „erweitertem Selbstmord“ und „Mitnahme-Selbstmord“ verharmlost werden, sind Verbrechen, die nahezu ausschließlich von Männern begangen werden. Für Amokflüge, die offenbar häufiger vorkommen, als der Öffentlichkeit bewusst ist, gilt dasselbe.

Die Lufthansa sucht verzweifelt nach Massnahmen, um Katastrophen wie die mutmaßlich durch ihren Germanwings-Co-Piloten verursachte in Zukunft auszuschließen oder wenigstens unwahrscheinlicher zu machen. Auf das Nächstliegende - Frauenquote im Cockpit erhöhen - kommt niemand. Wieso nicht? Es wird derselbe blinde Fleck sein, der aus den beiden getöteten Lehrerinnen aus Haltern „Lehrer“ und aus den 14 getöteten Mädchen und zwei Jungen „16 Schüler“ macht.

Auch ganz unabhängig von Vorbeugungsmaßnahmen gegen weitere Katastrophen in der Luftfahrt ist die Erhöhung der Frauenquote im Cockpit richtig und längst überfällig. Die Lufthansa mit ihren 6% Frauen ist ja fast so schlimm wie die katholische Kirche.

Nachtrag am 30.3.2015, 20:58 Uhr
Die FemBio-Redaktion hat zunächst versucht, die Kommentare zu filtern, sich dann aber aus aufklärerischen und dokumentarischen Gründen dagegen entschieden und dafür beschlossen, die Kommentarfunktion am 1. April 2015 abzuschalten, um nicht vom Unflat gänzlich erdrückt zu werden. Der bis dahin angefallene Unflat wird dann auch wieder entfernt. Luise F. Pusch behält sich vor, sich in späteren Glossen aus diesem reichen Belegmaterial für männliches Denken zu bedienen.
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# | Luise F. Pusch am 27.03.2015 um 02:27 PM • Permalink

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Hedwig Dohm