»Laut & Luise«
07.02.2010
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Dreiundvierzigste Lektion.
Letzte Woche habe ich während der Hausarbeit und vor dem Einschlafen Egon Friedells Kulturgeschichte der Neuzeit (1927-31) in Auszügen gehört. Faszinierend! Hier gibt es die Hörfassung des kompletten Mammutwerks mitsamt Kommentar zum Runterladen.
Ich will heute nur zwei Dinge herausgreifen, die mich seither beschäftigen. Zum einen schreibt Friedell nicht “der” oder “das Barock”, wie wir das gewöhnt sind, sondern “die Barocke”:
S. 550: … ist die französische Barocke keine reine Barocke
S. 551: Alle dieser Varianten finden sich in der Barocke zu einem gewissen Grade vereinigt.
S. 561: … als ob die Barocke, die in Leibniz kulminiert, einfach die Tendenzen der Renaissance fortsetzen würde*
Ich habe bis jetzt nicht herausbekommen, ob das eine Redeweise ist, die mit Nachdruck geächtet wurde, denn schließlich ist sie uns heute völlig ungewohnt - oder ein Austriazismus. Auf letztere Idee brachten mich meine Recherchen im Internet, wo ich einen Artikel von Alfred Polgar fand, der noch im Jahre 1950 folgendes von sich gibt: “Friedell war eine Figur der österreichischen Barocke, verpflanzt ins 20. Jahrhundert.**
Vielleicht können Leserinnen mir Auskunft geben, wie es zu “die Barocke” kommt und ob das irgendwo noch heute gesagt wird. Ich finde natürlich, dass wir den hübschen Ausdruck wiederbeleben sollten. Kann gar nicht genug Feminina geben. Und mit der Barocke werden ja sowieso überwiegend üppige ”barocke” Frauen assoziiert, wie Rubens, jener Inbegriff der Barocke, sie so gern malte.
Mein zweiter Friedell-Fund ist folgende Stelle:
Zur Reinigung der Sprache von den zahlreichen spanischen, italienischen und französischen Brocken wurden zwei große literarische Vereine gegründet: 1617 die Fruchtbringende Gesellschaft oder der Palmenorden, 1644 die Pegnitzschäfer oder der gekrönte Blumenorden […]. Aber der Purismus, den diese Reformer so eifrig betrieben, war nichts als gewendete Kauderwelscherei. Der rabiateste von ihnen, Philipp von Zesen, begnügte sich nicht damit, alle Fremdwörter zu exkommunizieren, sondern wollte auch den griechischen Göttern nicht ihre ehrlichen Namen lassen, indem er Pallas in Kluginne, Venus in Lustinne, Vulkan in Glutfang verdeutschte, und duldete nicht einmal gute deutsche Lehnwörter, indem er Fenster in Tageleuchter, Natur in Zeugemutter und sogar Kloster in Jungfernzwinger übersetzte: eine besonders grausame Maßregel, durch die die ohnehin schon durch ihre Lehnwortbenennung kompromittierten Mönche auf die Straße gesetzt werden. (S. 433f.)
Auch aus dieser Passage können wir einige nette Ausdücke in unsere Sprache übernehmen. Zeugemutter statt oder neben Natur finde ich apart, zumal ja heutzutage das Zeugen irreführenderweise meist dem Manne allein zugerechnet wird.
Von Kluginne und Lustinne können wir das Wortbildungsprinzip übernehmen: Wir hätten dann neben dem Wüstling, Schönling, Lüstling die Wüstinne, Lustinne, Schöninne - ob wir sie so dringend brauchen, ist eine andere Frage. Aber gut sowas für den Bedarfsfall in Reichweite zu halten.
Der eigentliche Grund aber, weshalb ich Friedell so ausführlich zitiert habe, ist sein Tadel für den “Kloster”-Ersatz “Jungfernzwinger”. Nicht dass da Jungfern in einem Zwinger gehalten werden, regt ihn auf, sondern dass die armen Mönche sprachlich übergangen, “auf die Straße gesetzt” wurden.
Werden nicht Frauen durch das sogenannte generische Maskulinum pausenlos auf die Straße gesetzt? Dafür hat natürlich auch ein Friedell keinerlei Bewusstsein, wie denn überhaupt in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit Frauen fast gar nicht vorkommen.
Ein faszinierendes Werk, wie gesagt. Aber nicht nur aus den Gründen, für die es berühmt ist.
Und der “rabiate” Philipp von Zesen? Das scheint ein einfallsreicher Herr gewesen zu sein, mit dem wir Feminaristinnen uns mal etwas gründlicher befassen sollten.
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*Zitiert nach Friedell, Egon. 1984 [1927-32]. Kulturgeschichte der Neuzeit: Die Krisis der europäischen Seele von der schwarzen Pest bis zum 1. Weltkrieg. Ungekürzte Sonderausgabe in einem Band. München. Beck.
**Aus “Der grosse Dilettant. Egon Friedell und seine Kulturgeschichte der Neuzeit - Der Mann und das Werk.” Der Monat 16/1950, S.410-419)
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31.01.2010
Als wir uns noch richtige Briefe schrieben statt Mails, konnten wir das Briefpapier für allerlei Zusatzbotschaften nutzen. Helke Sander schrieb ihre Briefe manchmal auf der Rückseite der Fotokopie eines Artikels über Mao und Kissinger: Alle sollten wissen, was diese beiden Herren über Frauen dachten, was Politiker über Frauen denken. Beim Aufräumen fiel mir so ein Brief wieder in die Hände.
Heute gibt es andere Methoden zur Verbreitung von Wissen, deshalb schreibe ich diese Glosse. Frau findet die Original-Artikel zwar leicht im Internet - aber welche von uns kommt schon darauf, die drei Suchworte “Mao”, “Kissinger” sowie “Frauen” bzw. “women” zu googeln? Ich tat es nun - und wurde sofort fündig:
Ekkehard Krippendorf beschrieb die unglaubliche Episode in seiner “Kritik der Außenpolitik” (2000), die “Welt” und die “Presse” berichteten acht Jahre später wieder darüber. Und das englischsprachige Internet ist sowieso voll davon. Ich zitiere jetzt aber aus dem Artikel aus der “Süddeutschen”, den Helke mir vor 10 Jahren schickte (das genaue Erscheinungsdatum konnte ich nicht eruieren):
Mao: Sie wissen, dass China ein sehr armes Land ist. Wir haben nicht viel. Was wir im Überfluss haben, sind Frauen. (Gelächter).
Kissinger: Auf die haben wir keine Quoten oder Zölle.
Mao: Also wenn Sie sie haben wollen, dann können wir Ihnen ein paar geben, ein paar Zig-Tausend. (Gelächter). […] Laßt sie zu Euch kommen. Sie werden Katastrophen anrichten. So könnt Ihr uns Lasten abnehmen. (Gelächter).
Mao: Wollt Ihr unsere chinesischen Frauen? Wir können Euch zehn Millionen geben.
Kissinger: Der Vorsitzende verbessert sein Angebot.
Mao: Wir können sie Euer Land mit Katastrophen überschwemmen lassen und so Euren Interessen schaden. Bei uns gibt es zu viele Frauen. Sie gebären Kinder, und wir haben doch zu viele Kinder.
Kissinger: Das ist ein neuartiger Vorschlag, und wir müssen ihn prüfen.
Mao: Ihr könntet ein Komitee einrichten, um diese Frage zu untersuchen. So löst Ihr Besuch in China die Bevölkerungsfrage.
Kissinger: Wir sind natürlich bereit, sie anzunehmen.
Mao und Kissinger einigen sich nach dem Gespräch, das Protokoll des Treffens zu veröffentlichen, aber “Das mit den Frauen wird gestrichen”.
Heute, 37 Jahre später, herrscht wegen gezielter Abtreibung weiblicher Föten in China ein verheerender Frauenmangel bzw. Männerüberschuss. Der Frauenhandel blüht, massenweise werden Frauen aus angrenzenden Ländern entführt.
Seit der bis dahin geheimgehaltene Text 1999 veröffentlicht wurde, haben viele Menschen ihn kommentiert. Kein einziges Wort habe ich aber über den auffälligsten Aspekt gelesen: Dass Maos Verachtung der eigenen weiblichen Bevölkerung auf einem fundamentalen Denkfehler beruht. Auch chinesische Frauen würden keine Kinder bekommen, wenn sie nicht zuvor geschwängert würden, von Männern, oft gewaltsam. Ein Mann kann endlos viele Kinder zeugen, eine Frau nur vergleichsweise wenige gebären.
Mao hätte den USA also nahezu die gesamte männliche Bevölkerung andienen müssen, sich selber eingeschlossen. Erst so wäre sichergestellt, dass in China weniger Kinder geboren werden.
Kissinger und Mao mögen entgegengesetzten politischen Systemen angehört haben, hinsichtlich ihrer Frauenverachtung aber unterschieden sie sich nur wenig. Eben waschechte Mitglieder des old boys’ network.
Manche schreiben, Kissinger habe Maos krudem Vorschlag nicht widersprochen, weil er Diplomat war. Ein Diplomat verhält sich diplomatisch und platzt nicht gleich mit der eigenen Meinung heraus.
Rund 40 Jahre vor diesem denkwürdigen Dialog bot ein anderer Diktator den USA Mitglieder einer anderen Bevölkerungsgruppe, darunter auch Heinrich Alfred Kissinger aus Fürth, zur massenweisen Übernahme an, weil er sie zu den Schädlingen zählte. Ob der mit 15 Jahren vor den Nazis geflohene Kissinger nicht doch widersprochen hätte, wenn Mao ihm 10 Millionen Juden angeboten hätte, weil die in seinem Land nur Schaden anrichteten?
Aber soweit wäre es wohl gar nicht erst gekommen, denn Mao hätte selbstverständlich auf die Gefühle seines hohen Gastes Rücksicht genommen. Mann ist ja kein Unmensch.
24.01.2010
Während eines Umzugs fällt einer allerlei wieder in die Hände. Ich fand vorgestern eine Audio-Cassette wieder, einen Mitschnitt der schönen Sendereihe “Zwischentöne” vom September 2004, Sabine Küchler im Gespräch mit Maria Frisé, früher Feuilleton-Redakteurin bei der FAZ. Sie hatte gerade ihre Erinnerungen unter dem Titel “Meine schlesische Familie und ich” herausgebracht, und Küchler fragte sie:
Sie haben den Weg zurück in die eigene Kindheit schon einmal eingeschlagen, in einem andern Buch. Vor 14 Jahren, glaube ich, erschien ein schmaler Band mit dem Titel “Eine schlesische Kindheit”, ein Buch, das damals in einer sehr deutlich literarischen Perspektive erzählt wurde, in der dritten Person, aus der Sicht eines kleinen, dann heranwachsenden Mädchens. Und hätte es in diesem Buch nicht Familienfotos gegeben und ein knappes Nachwort von Ihnen, so wäre man vielleicht gar nicht so sicher gewesen, dass diese schlesische Kindheit, von der dort erzählt wird, IHRE Kindheit ist. Wie war das jetzt, was hat Sie heute in die Lage versetzt, von diesem “er”, dem kleinen Mädchen damals, ja, so ungeschminkt heute “ich” sagen zu können? Was ist da passiert?
Maria Frisé:
Also das war ein Kunstgriff, dass ich in die Person meiner zehnjährigen oder zwölfjährigen Kindheit zurückschlüpfte. […] Aber dieses Kind war für mich schon ‘n bißchen fremd, und nur die Form, aus der kindlichen Perspektive etwas zu schreiben - in der Literatur gibt’s das ja sehr häufig - hat mich sehr gereizt, und ich hab ja auch für dieses Buch zwei Literaturpreise gekriegt.
Literaturpreise hin oder her - da reden zwei gestandene Literatur-Fachfrauen miteinander über Erzählformen und -perspektiven, und es fällt weder der einen noch der anderen etwas auf. “… von diesem er, dem kleinen Mädchen damals…”, da hätte doch der einen die Zunge verdorren müssen und der anderen das Gehör.
Aber sie benutzen lediglich brav - und anscheinend bewusstlos - die alten Fachbegriffe einer patriarchalen Literaturwissenschaft, die nur den Ich-Erzähler kennt und die Er-Form im Gegensatz zur Ich-Form. Ein Literatur-Kurs der Fern-Uni Hagen von heute belehrt uns:
Der Erzähler spricht entweder von sich oder von anderen. Dementsprechend wird das erste Verhältnis als Ich-Form, das zweite als Er-Form bezeichnet.
(Komplett nachzulesen (wenn Sie sich das antun wollen) in aller Mannhaftigkeit hier.)
Und wenn “der Erzähler” mal ausnahmsweise was über Frauen erzählen möchte? Ist ja sogar den Allergrößten durchaus schon mal unterlaufen, denken wir nur an Fontanes Effi Briest, Flauberts Madame Bovary oder Tolstojs Anna Karenina. Benutzen die vielleicht die Er-Form für ihre Heldinnen? Das wäre ja schon recht putzig, und sie ließen es denn auch.
Na und erst die Erzählerinnen, die in der Sie-Form über andere Frauen schreiben. Und die Erzählerinnen, die von sich in der dritten Person sprechen, z.B. Maria Frisé in “Eine schlesische Kindheit” oder Christa Wolf in “Kindheitsmuster”. Sie alle benutzen nicht “die Er-Form”, sondern sinnigerweise die Sie-Form.
Wir sehen hier Schillers alten Spruch von der “bösen Tat, die fortzeugend Böses muss gebären” wieder einmal bestätigt:
Hätte mann neben dem Erzähler, dem Ich-Erzähler etc. auch schon mal eine Erzählerin ins Auge gefasst, so wäre wohl der Klops mit der Er-Form nicht passiert. “Der Erzähler” - das kann mann einigen von uns noch immer als geschlechtsneutral verkaufen - aber nicht die Er-Form.
Denn einen solchen Romananfang werden Sie nicht finden: “Die Marquise ging um fünf Uhr aus; er war mit seiner Freundin zum Tee verabredet.”
16.01.2010
Nicht, was Sie jetzt wieder denken. Hier geht es ganz nüchtern um grammatische Artikel wie der, die, das.
Der, die, das - in dieser Reihenfolge werden bei uns die Artikel aufgezählt. Warum eigentlich? Warum sagen wir nicht die, das, der nach dem Titanic-Prinzip (“Frauen und Kinder zuerst”)? Oder alphabetisch das, der, die?
Wir sagen auch: er, sie, es
Oder: männlich, weiblich, sächlich
Oder: Maskulinum, Femininum, Neutrum
Die Reihenfolge bildet eine Rangfolge ab: Der Mann rangiert höher als die Frau, die Frau höher als ein Tier oder Ding. Unsere Grammatik stuft die Frau vom Rang her als Mittelding zwischen Mensch und Tier/Ding ein.
Immerhin! Wir wollen nicht undankbar sein oder maßlos. Aber das Tier auf derselben Stufe wie das Ding - da müsste doch der Tierschutz einschreiten!
An diese Ordnung der Dinge wurde ich wieder erinnert, als ich neulich eine Sendung mit dem Titel “Die Single” aus der interessanten Reihe über “Die Dinge des Lebens” sah.
Ich schaute übrigens nur aus feministisch-linguistischem Interesse zu, denn ich hatte mich, etwas naiv, gefragt, wieso “die Single” zu den “Dingen” des Lebens zählt. Bei “Single” dachte ich mehr an “alleinstehende Person”, an Sätze wie: “Sie ist eine überzeugte Single; ihr Bruder auch.”
Aber so läuft das ja nicht in der deutschen Männersprache. Im Duden erfahre ich, dass Single zu jenen seltenen Substantiven gehört, die im Deutschen mit allen drei Artikeln (bzw. Genera) verknüpfbar sind:
das Single “Einzelspiel (im Tennis o. ä.)”
die Single “kleine Schallplatte”
der Single ”alleinstehender Mensch”
Die Sendung handelte denn auch von der “kleinen Schallplatte”, einem inzwischen zum Kultobjekt aufgestiegenen “Ding des Lebens” aus den 50er und 60er Jahren, für das ich mich nie besonders interessiert habe.
Nun werdet Ihr sagen, was regt sie sich wieder auf, schließlich heißt es doch
der Mensch - ergo der Single,
die Schallplatte - ergo die Single
das Spiel - ergo das Single.
Es stimmt, die Artikel für aus dem Englischen übernommene Wörter richten sich oft nach dem Artikel sinnverwandter deutscher Wörter, anders wäre die Übernahme von the girl als das Girl statt die Girl kaum zu verstehen.
Aber mit demselben Recht hätte es heißen können:
die Person, ergo die Single: Udo ist eine alleinstehende Person, ergo eine Single.
Schluss jetzt mit dem langweiligen Grammatikunterricht. Was ich eigentlich sagen und hier nur mal wieder mit einem neuen Beispiel illustrieren wollte:
Lassen Sie sich nicht stören, wenn “die Single” schon für was anderes gebraucht und “besetzt” ist.
Es heißt:
Meine Freundin ist eine hochbezahlte Manager und überzeugte Single. Ihre Tochter, eine Teenager, ist eine begeisterte Fan von Dusty Springfield, Aretha Franklin und Melissa Etheridge, von denen sie jede Menge CDs besitzt und auch etliche Original-Singles.
10.01.2010
Das Jahr fing gar nicht gut an. Erst starb Freya von Moltke am 1. Januar, zwei Tage später dann Mary Daly. Die beiden wohnten nicht weit voneinander entfernt, die eine in Vermont, die andere in Massachusetts, Neuengland. Beide waren Widerstandskämpferinnen und hatten komplexe Beziehungen zu Deutschland. Moltke und ihr Mann gehörten zur Verschwörung des 20. Juli; Helmuth Graf von Moltke wurde von den Nazis hingerichtet. Daly widerstand dem Patriarchat in all seinen Erscheinungsformen, ganz besonders seiner Extremform, der katholischen Kirche. Sie hatte in der Schweiz studiert und gelehrt, und ihre treusten Anhängerinnen hatte sie vermutlich in Deutschland, nicht zuletzt dank der Vermittlung ihrer Übersetzerin, der feministischen Philosophin Erika Wisselinck.
Während Freya von Moltkes Tod hier breite Resonanz auslöste und sogar in der Tagesschau gemeldet wurde, hörten wir über Mary Dalys Tod zunächst kein offizielles Wort, es kursierten nur entsetzte Emails unter Feministinnen: “Hast du schon gehört?”, “Kannst du das bestätigen?” Da ich nirgends eine Bestätigung las - etwa eine Meldung im Boston Globe oder in der New York Times, schließlich war Mary Daly eine Denkerin von internationaler Statur - lebte ich noch 2 Tage in der Hoffnung, jemand, ein mieser Patriarch vielleicht, hätte sich einen üblen Scherz erlaubt. Aber dann kamen schließlich doch die Nachrufe, und ihr Tod wurde traurige Gewissheit.
Warum bekommt der Tod der einen Widerstandskämpferin so unmittelbare und große Aufmerksamkeit, der Tod der anderen aber nur so zögerliche und widerwillige?
Da gibt es eine ganz einfache Antwort: Das Regime, dem Daly zeitlebens heroischen Widerstand leistete, ist noch an der Macht. Es mochte und mag diese unbequeme, kämpferische Denkerin nicht und würde sie am liebsten ignorieren, auch die Tote noch totschweigen. Wären die Nazis noch an der Macht, gäbe es auch kein Aufhebens von Freya von Moltkes Tod. Daraus folgt im Umkehrschluss, dass eine Feministin, die von der herrschenden Kultur gefeiert wird, sich fragen muss, ob ihr Widerstand noch Biss hat. Und zweitens folgt daraus, dass die überlebenden Widerständigen im eigenen Interesse die Erinnerung an ihre lieben Verstorbenen wachhalten sollten, bis das Regime überwunden ist. Danach läuft die Sache mit dem gebührenden Gedenken an die einstmals so Unbeliebten ganz natürlich und reibungslos.
Mary Daly wird aber nicht nur in ihren Werken weiterleben, sondern wer weiß wo sonst noch. Vor knapp 5 Jahren erzählte sie fröhlich in einem Interview, sie hätte in letzter Zeit öfter Besuch von Matilda. Damit meinte sie Matilda Joslyn Gage, radikale Feministin und Autorin von Women, Church and State (1893). Wenn Mary Daly uns Matilda nicht 1978 in Gyn/Ecology wieder nahegebracht hätte, wäre sie heute ganz vergessen, denn mit ihr, die übrigens das Wort patriarchy geprägt hat, verfuhr das Patriarchat genau so wie mit Mary Daly. Ich stelle mir vor, dass Mary Matildas freundliche Besuche jetzt erwidert, was sie ja bisher nicht konnte, und dass die zwei gemeinsam Pläne schmieden, wie frau diese Welt endlich auf Vorderfrau bringen könnte. Denn, so Daly: “The world needs to become enGAGEd.”
Genau. Und dazu brauchen wir auch Our Daly Bread.
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Zum 80. Geburtstag von Mary Daly am 16. Oktober 2008 habe ich eine FemBiographie geschrieben, in der ich ihr Leben und Werk würdige. Über ihre Wortspiele habe ich 1987 einen Aufsatz aus feministisch-linguistischer Sicht geschrieben (Quelle s. dort).
02.01.2010
Jedes Jahr am Neujahrsmorgen spielen die Wiener Philharmoniker im Goldenen Saal des Musikvereins ihr Neujahrskonzert, überwiegend mit Wälzern und Polken der Strauß-Dynastie. Die Eintrittskarten sind sündhaft teuer und obendrein auf Jahre ausverkauft, aber auf dem Bildschirm gibt’s das Ganze kostenlos, und so schauen jedes Mal viele Millionen Menschen “aus aller Herren Ländern” zu, diesmal sollen es 72 Herrenländer gewesen sein.
Das Konzert wird auch überwiegend von Herren bestritten, aber heuer konnte Kulturmoderatorin Barbara Rett vom ORF melden: “Man sieht viele junge Gesichter, ein richtiger Generationswechsel hat da im Orchester stattgefunden. Auch einige Damen sind hinzugekommen, sehr erfreulich.”
Ich habe insgesamt zwei Damen ausgemacht, junge natürlich, vielleicht waren es auch drei.
Ab einem gewissen Alter feiern die Leute ihren Geburtstag nicht mehr so ausgiebig, sie lassen ihn lieber sang- und klanglos verstreichen - schon wieder ein Jahr älter. Nicht so bei Neujahr - das begrüßen wir alle, Alt und Jung, gerne mit Getöse. So auch die Wiener Philharmoniker. Ich ließ mich von der schwungvollen Musik und den schönen Blumen verzaubern, wie Millionen andere auch. In der Pause bekamen wir einen 15-minütigen Film namens “Inside” gezeigt, sozusagen ein “Making of” des Neujahrskonzerts. Da waren dann mehr Frauen zu sehen - wie sie den Musikvereinssaal reinigten, wie sie Tausende von Blumen anschleppten und hübsch arrangierten, und wie sie in den Schneiderinnenateliers nach den Vorgaben des “Modezars” Valentino die Kostüme für die Balletteinlagen fertigten. 250 Frauen-Arbeitsstunden hatte allein das Kostüm der Ballerina in “Valentino-Rot” gefordert! (Valentino, O-Ton: “Valentino is well known for red, of course I put the first ballerina in red.) Für sich selbst bevorzugt der Modezar dagegen klassisch-dezentes Grau, Beige und Weiß.
Er und sein Lebensgefährte Giametti traten damit im Partnerlook auf, passend zu den im Privatjet mitgeführten fünf Möpsen und zu Giamettis weißem und Valentinos aschblondem Haar.
Wir bekamen also optisch und musikalisch was geboten, es war ein Fest für Auge und Ohr.
Zum Nachdenken bekamen wir auch was geboten. Warum, fragte ich mich, wird der rüstige Dirigent Prêtre dauernd für seine 85 Jahre gelobt, der ebenso rüstige Modeschöpfer Valentino aber überhaupt nicht? Immerhin wird er auch bald 85, sind nur noch 7 Jahre hin. Auch er macht weiterhin Furore in seinem Beruf, hat sich schön liften und bräunen lassen und schreitet jugendlich federnd dahin. Das wäre doch auch mal ein kleines Lob wert gewesen. Oder wenigstens eine Erwähnung. Aber nichts, rein gar nichts erfuhren wir über Valentinos vorgerücktes Alter.
Altern, so scheint es, ist in Valentinos Branche die Peinlichkeit schlechthin, am besten verliert man darüber kein Wort. Der Chef ist seiner eigenen Botschaft zum Opfer gefallen und macht mit in seinem eigenen Zirkus. Faltige Haut hat er an seine Möpse delegiert.

Chronologie: Frauen bei den Wiener Philharmonikern 1997-2006 (dank an Anne Beck für den Hinweis)
29.12.2009
Als Anfang Dezember die Nachricht über die Gleichstellung lediger Väter mit verheirateten Vätern durch die Medien ging, wunderte ich mich vor allem über diesen Ausdruck “ledige Väter”. Früher gab es doch nur ledige Mütter, und die Väter dazu blieben sprachlich unsichtbar. Im Zuge der Frauenbewegung organisierten sich die damals noch brutal geächteten “ledigen Mütter”, nannten sich fortan “alleinerziehend” statt “ledig” und gründeten den Verband alleinerziehender Mütter. Bald begehrten auch Männer Einlass (ähnlich wie beim Hausfrauenbund) und schwupps hieß der Verband “Verband alleinerziehender Mütter und Väter”, VAMV. Das neue Wort betonte den Aspekt des Erziehens und Betreuens im Alleingang und vernachlässigte den Aspekt des “Zivilstands”. Alleinerziehend können Geschiedene, Verwitwete, Unverheiratete, Getrenntlebende, Sitzengelassene und auch Verheiratete sein.
Nun kommt das erledigte Wort “ledig” also wieder und verbindet sich mit “Vater” zu einer fragwürdigen neuen Einheit - wie kommt das? Auch früher schon gab es ja zu jeder “ledigen Mutter” auch einen Vater ihres “unehelichen” Kindes. Bloß war der Vater meist nicht ledig, sondern verheiratet und hielt es schon deshalb für wenig ratsam, lautstark irgendwelche väterlichen Rechte geltend zu machen. Er hatte mit der ledigen Mutter ein uneheliches oder außereheliches Kind gezeugt und sie dann “mit ihrem Kind sitzengelassen”.
Warum es sitzen- und nicht stehen- oder liegenlassen heißt, wäre auch mal interessant zu ergründen. Ich denke mir, weil das Kind, wie das Jesuskind bei der Jungfrau Maria, meist auf dem Schoß sitzend dargestellt wird, was eine runde, optisch ansprechende Anmutung von Zusammenhalt, Geborgenheit und Wärme ergibt. “Mutter und Kind” eben. Wenn Mutter steht oder geht oder liegt, ist es nichts mit dieser Art Schoß, den gibt es nur im Sitzen.
Das Jesuskind ist Gottes uneheliches und Marias außereheliches Kind. Das sind göttliche, übermenschliche Verhältnisse. Bei den Menschen ist es in der Regel genau umgekehrt. Ihr Kind ist unehelich, und dasselbe Kind ist, von ihm aus betrachtet, außerehelich. Seine außerehelichen Kinder wurden erst vor kurzem mit seinen ehelichen gleichgestellt, z.B. im Erbrecht. Für die Mutter aber macht diese Unterscheidung in Kinder erster und zweiter Klasse in der Regel keinen Sinn, schließlich verlangen alle ihre Kinder extremen körperlichen Einsatz (Schwangerschaft, Geburt, Stillen), bevor sie auch nur Piep sagen können. Mutter kann einem Kind zwar “das Leben schenken”, zu vererben hat sie aber meist nicht viel.
Wenn die Frau durch außerehelichen Geschlechtsverkehr ein Kind bekommt, ist das Kind weder “unehelich” noch “außerehelich”, sondern es gilt als ehelich, sofern die Mutter nichts anderes vermeldet. Gesteht die Mutter ihren “Fehltritt”, kann der “gehörnte Ehemann” das “Kuckuckskind” als seines anerkennen oder sich scheiden lassen. Interessant, diese Tiermetaphern. In Goethes Drama heißt die uneheliche oder außereheliche Tochter noch “natürliche Tochter”. Und in der Tat hat Mutter Natur keinen Bedarf für die Ehe - die “Fortpflanzung” funktioniert sogar ohne diese besonders gut.
Nun zum Vater des “Kuckuckskindes” - ist es sein uneheliches Kind? Nur wenn er ledig ist, sonst eher sein außereheliches Kind. Der Vater ist mal kurz aus seiner Ehe ausgetreten. Die Ehe ist ihm wie ein Gehege, und er geht schon mal gerne außerhalb etwas wildern.
Das war früher die Ordnung der Dinge, die Sorge für das Kind überließ mann gern der Mutter - und fairerweise dann auch das Sorgerecht.
Seit aber Frauen für ihren Unterhalt nicht mehr auf Ehemänner angewiesen sind und selbst über die Anzahl ihrer Kinder entscheiden können, werden sowohl Kinder als auch ehewillige Frauen immer seltener und daher kostbarer. Und deshalb beanspruchen die neuen “ledigen Väter” ihren fairen Anteil vom Mutter-Kuchen.
Mag der verheiratete Vater dem ledigen Vater gleichgestellt werden, das sollen die Männer unter sich ausmachen. Sie sollen auch die Frage klären, wie mit dem verheirateten Vater zweiter Klasse zu verfahren ist - dem, der verheiratet ist, aber nicht mit der Mutter seines Kindes. Wichtig ist, dass die Mutter ihre Vorrechte behält. Denn sie sitzt da mit dem Kind auf dem Schoß, aus dem es kam. Der Vater, ob ledig oder nicht, hat hingegen keinen Schoß, mit dem er gebären könnte, wohl aber einen, auf dem ein Kind sitzen kann. Nur hat er dort meist lieber seinen Laptop. Oder beim Lapdance ein “leichtes Mädchen”.
Auf die eigentliche sozialpolitische und rechtliche Problematik des Themas - Stichwort “Vaterrechtsbewegung” - bin ich hier gar nicht eingegangen, da gibt es viel kompetentere Frauen, z.B. meine Freundin Anita Heiliger. Sie kennt sich aus, und sie wird immer zorniger. Besorgen Sie sich ihre Bücher und/oder gehen Sie auf Heiligers Webseite zu den Downloads und lesen Sie ihre Analysen zum Sorge- und Umgangsrecht, z.B “In Nomine Patris. Die Interessen und Praxen der Vaterrechtsbewegung (2008)” und “Vater um jeden Preis? (2008)”
19.12.2009
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Zweiundvierzigste Lektion.
Vor kurzem schrieb mir meine Freundin Eva: “Hast Du noch keinen Kindle für die Reisen? Du bist doch sonst so fortschrittlich, was Technik betrifft!”
Ich schrieb zurück: “Warum sagen wir eigentlich ‘der Kindle’? Jedenfalls - das Kindel ist mir noch nicht fortschrittlich genug, weil es noch keinen Zugriff auf deutsche Bücher und Zeitschriften hat. Wenn sie das geschafft haben, werde ich wohl zuschlagen.”
Ich habe eben das Christkindl beauftragt, Joey zum Fest eine Kindle vorbeizubringen, sie ist Amerikanerin und gehört damit zur ersten Zielgruppe dieses Lesegeräts bzw. e-Book-Readers. Außerdem klagt sie oft über die vielen Bücher, mit denen ich nicht nur meine Wohnung, sondern auch ihr Haus vollstopfe. Mit der neuen Kindle kann sie schon mal entschlossen gegensteuern, und ich werde mit einem eigenen Kindel, das auch Deutsch kann, dann ebenfalls meine Neigung bekämpfen, das Haus mit Büchern zu vermüllen.
Sie merken, ich bin im Umzugsstress, und die Frage, welche Bücher mitziehen sollen und welche nicht, bricht mir das Herz. Mit einem Kindel wäre das alles gar kein Problem mehr: Alle Bücher ziehen überallhin mit, denn sie beanspruchen keinen Platz und wiegen fast gar nichts.
Nochmal zum Christkind - auch da ist die Frage nach dem Geschlecht irgendwie ungeklärt. Auf Abbildungen sieht es aus wie ein Mädchen, aber das Jesuskind war ja doch wohl eher ein Junge.
Die Verweiblichung hängt sicher mit der Kindlichkeit zusammen. Auch das Münchner Kindl fing ja mal als gestandener Mönch im Wappen von München an und hat sich über die Jahre zu einem stattlichen Mädel entwickelt, weil das Volk die Mönchskutte als Kleid interpretierte. Und Jungs tragen schließlich keine Kleider.
Viele von uns kennen aus dem Familienalbum diese Bilder von VorfahrInnen um die Wende zum 20. Jahrhundert, auf denen Mädchen und Jungen dieselben hübschen Kleidchen tragen.
Die Jungen wurden nicht als Mädchen verkleidet, sondern beide Geschlechter trugen Kindlkleidung bzw. Windlkleidung. Wenn die Kleinen noch in die Windeln machten, war das Windelwechseln einfacher, wenn sie darüber ein Kleidchen trugen. Hosen bekamen die Jungs, wenn sie sauber waren.
Und die Mädchen? Sie blieben in der Kinderkleidung stecken bis ins hohe Alter, weil der Mann die Frau erstens eher kindlich und zweitens am liebsten rundum leicht zugänglich mag.
Die Kanzlerin, Hillary und andere mächtige Frauen haben das erkannt und tragen grundsätzlich keine Windelkleidung. Das handliche Kindel tragen sie in der Hosentasche oder im Jackett.
05.12.2009
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Einundvierzigste Lektion.
Morgen ist schon wieder Nikolaus, und die FeministInnen unter den Müttern und Vätern fragen sich, wie sie den Männerrummel um dieses Fest ein wenig feminisieren können, damit die Kleinen ein gendermäßig ausgewogenes Weltbild entwickeln.
Früher bekam ich regelmäßig Mails von Müttern, die die “Heilige Nikoläusin” feierten und den Kleinen nicht nur “Stutenkerle”, sondern auch “Stutenfrauen” buken. Die zwittrige Bezeichnung “Stutenkerl” kommt daher, dass der Stutenkerl ein Hefegebäck ist und Hefe und Hefegebäck in manchen Gegenden “Stute” oder “Stuten” heißen.
Ziemlich zwittrig ist auch “Santa Claus”. Ein erster und entscheidender Schritt in die richtige Richtung ist da schon geschafft, denn “Santa” passt eigentlich nur zu Frauen.* Wir kennen Santa Maria, Santa Margherita, Santa Lucia, Santa Monica, Santa Barbara usw. Aber Santa Claus?? Eigentlich müsste er San Claus heißen, wie San Francisco nach dem Heiligen (“San”) Franziskus oder San Diego nach dem Heiligen Diego de Alcalá oder Sant Iago (Santiago) nach dem Heiligen Jakob, der kürzlich - nachdem Hape Kerkeling auf dem Sankt-Jakobs-Weg nach Santiago de Compostela dann mal weg war - ein strahlendes Comeback hatte.
Entsprechend ihrer Transgender-Natur sollte Santa Claus abwechselnd als Frau oder als Mann auftreten, mit Rudolph oder Ruth, dem rotnäsigen Rentier.
Und die Heilige Nikoläusin? Finde ich nicht sehr gelungen. Viel besser und naheliegender ist doch “Die Heilige Nikolaus”. Viele Kinder haben heute ja eh genug leidvolle Erfahrungen mit Läusen, und es kann nicht schaden, ihnen die Tierchen in freundlicherem Gewande nahezubrigen.
Alle Geschichten um den Nikolaustag mit Knecht Ruprecht und seiner Rute, Rudolph, dem Rentier undsoweiter sind ja sowieso reine Erfindung, bloß wir Frauen haben dazu nicht genügend beigetragen. Höchste Zeit, dass wir unsere eigenen Mythen basteln.
Wie wäre es für den Anfang mit dieser Version:
Die Heilige Nikolaus ist eine besonders liebe und machtvolle Laus, die fürstinlich durch die Lande reist im Rauschebart des Heiligen Nikolaus: Er ist nach ihr benannt und eigentlich nur ihr Transportvehikel. Sie leitet und lenkt ihn, und wenn er nicht spurt und den Kindern nicht genug Geschenke bringt oder ihnen gar mit der Rute kommen will, beißt sie ihn mal kräftig.
Heilige Nikolaus, gutes Tier! Wie konnten wir nur so lange ohne dich leben!
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* Für diejenigen, denen die Transgendernatur von Santa Claus nicht einleuchtet: “Santa Claus” soll sich vom niederländischen “Sinterklaas” herleiten.
29.11.2009
Vor einer Woche hat sich der Deutsche Hausfrauenbund umbenannt und teilt dazu mit:
Nach über 90 Jahren orientiert sich der Deutsche Hausfrauen-Bund (DHB) neu. Seit dem 23.9.2009 heißt der Verband nun »DHB – Netzwerk Haushalt, Berufsverband der Haushaltsführenden e.V.«.
Die Begründung ist geradezu klassisch:
Die veränderten Familienstrukturen, die stärkere Einbindung der Väter in die Kindererziehung und die Hausarbeit waren ein Anlass zur Namensänderung. Frauen und Männer empfinden sich als Haushaltsführende, der Begriff Hausfrau ist geschlechtsspezifisch. Der DHB verzeichnet jedoch seit Jahren eine steigende Zahl von männlichen Mitgliedern. (meine Hervorhebungen)
Mit anderen Worten: Die paar Männer finden es genierlich, Mitglieder des Hausfrauenbundes zu sein. Ich selbst bin Mitglied des Berufsverbands “Women in German” (Studierende und Lehrende des Fachs Germanistik), dem auch etliche Männer angehören. So viel ich weiß, sind sie als echte Feministen stolz auf diese Bezeichnung, sehen sich sozusagen als “Frauen ehrenhalber”.
“Hausfrau” ist nett und kurz und knapp - etwas, was die feministische Sprachkritik ja angeblich zu untergraben sucht mit ihren dämlichen Doppelformen à la Bürgerinnen und Bürger oder ihren komischen geschlechtsneutralen Partizipien à la Studierende statt Studenten.
Nun aber bekommen wir statt der handlichen Hausfrau das Wortungetüm Haushaltsführende/r aufgebrummt. Es ist mit 18 Buchstaben fast doppelt so lang wie Hausfrau und mit der kaum aussprechbaren Konsonantenfolge l-t-s-f ein extra fieser Zungenbrecher.
“Berufsverband der Haushaltsführenden” besteht aus zehn Silben und hat 37 Buchstaben. “Hausfrauenbund” hat 4 Silben und besteht aus 16 Buchstaben.
Und das alles nur, weil die paar Hausmänner die Bezeichnung Hausfrau nicht vertragen? Und schon wird der altehrwürdige Verband weich in den Knien und gibt nach?
Die Frauenbewegung hat die Bezeichnung Hausmann als männliches Pendant für Hausfrau durchgesetzt. Nach den bewährten Beispielen
Ehemann - Ehefrau - Eheleute
Fachmann - Fachfrau - Fachleute
Geschäftsmann - Geschäftsfrau - Geschäftsleute
Gewährsmann - Gewährsfrau - Gewährsleute
Kaufmann - Kauffrau - Kaufleute
Obmann - Obfrau - Obleute
Ombudsmann - Ombudsfrau - Ombudsleute
Putzmann - Putzfrau - Putzleute
Vertrauensmann - Vertrauensfrau - Vertrauensleute
hätte also als zweitbeste Lösung des Scheinproblems die Bezeichnung Hausleute nahegelegen: Deutscher Hausleutebund. Klar und knapp, noch knapper als Hausfrauenbund. Die eleganteste Lösung wäre natürlich die Null-Lösung, Beibehaltung des traditionsreichen Namens, wobei die paar Hausmänner sich herzlich mitgemeint fühlen dürfen - so wie sonst immer wir Frauen.
Wir haben keinen Einblick in den Prozess der Namensfindung im Deutschen Hausfrauenbund. Ich denke mir, es war so:
Zum einen gibt es maulende Männer, die sich in der Bezeichnung “Hausfrau” nicht wiederfinden wollen - während wir Frauen bis heute eine kaufmännische Ausbildung machen müssen, Bauherren und Patentanten sind und alle möglichen Patronate und Schirmherrschaften übernehmen.
Zum andern die Klage der Frauen über den niedrigen bis überhaupt fragwürdigen Status ihres “Berufs”, dem alle Charakteristika eines Berufs fehlen, vom Gehalt über geregelte Arbeits- und Urlaubszeiten bis hin zu Kranken- und Rentenversicherung. Statt nun den undankbaren “Beruf” endlich abzuschaffen, wird Wortkosmetik betrieben wie damals bei der Putzfrau, die erst zur Raumpflegerin wurde und dann - weitgehend unter männlicher Regie - zur Gebäudereinigerin, die ein kostspieliges Produkt herstellt, nämlich Sauberkeit. Das sind dann aber schon überwiegend Männer, zu deren guter Bezahlung eine Bezeichnung wie Putze oder Putzerich einfach nicht passt. Denn männliche Beteiligung bringt einem Beruf Würde und Status und verlangt nach einer entsprechenden würdevollen Bezeichnung.
Eben so etwas wie Haushaltsführende/r. Kann gar nicht lang und getragen genug sein. Haushaltsführender ist mit 18 Buchstaben schon fast so lang und silbenreich wie Obersturmbannführer.
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Noch mehr zum Thema in meiner (langen) Glosse “Hausfrau und Haustier: Das Sprachbild der Haus- und Familienarbeit”, abgedruckt in Die Eier des Staatsoberhaupts und andere Glossen. Wallstein Verlag Göttingen 2008. S. 66-72.
[Dank an Anne Beck für den Hinweis auf den neuen Namen des Hausfrauenbunds.]
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