12.04.2014

Hiermit erkläre ich Sie zu Frau und Frau

Seit zwei Wochen dürfen in England und Wales lesbische und schwule Paare heiraten. Hetero- und homosexuelle Paare sind rechtlich vollkommen gleichgestellt. Über zwei frisch vermählte Herren meldete die Zeit aus diesem Anlass: “Das Paar ist seit sieben Jahren zusammen – und nun offiziell ‘Mann und Mann’”. Die Formel klingt komisch, und das ist wohl auch beabsichtigt. Auf Englisch sind sie nicht „man and man“, sondern „husband and husband“. Zwei miteinander verheiratete Frauen sind „wife and wife“. Auch das klingt recht ungewohnt.

Auf Deutsch wären die beiden vielleicht „Mann und Mann“ - aber bei uns sind Homo- und Heterosexuelle noch nicht gleichgestellt. Lesbische Frauen und schwule Männer können vorerst nur eine eingetragene Lebenspartnerschaft miteinander eingehen. Sie können sich, so ein anderer häßlicher Ausdruck, „verpartnern lassen“. Die Formel, die die Standesbeamtin dann ausspricht, lautet: „Hiermit erkläre ich Sie zu Lebenspartnern“. “‘Das ist wohl die beste Formulierung’, erklärt Andreas Unterforsthuber von der städtischen Stelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen (KGL), ‘obwohl auch möglich wäre zu sagen: Hiermit erkläre ich Sie zu Mann und Mann oder zu Frau und Frau.’” (Quelle: Süddeutsche)

Ich hoffe doch, dass die StandesbeamtInnen genügend Sprachgefühl besitzen, zwei Frauen zu LebenspartnerINNEN zu erklären. Aber selbstverständlich ist das nicht, wie Berit und Angelika kürzlich bei ihrer Verpartnerung erleben durften. Der Standesbeamte war jung und eifrig - und sprach die ganze Zeit im Maskulinum über sie. Sie ertrugen es mit Nachsicht.

In der Sendung „Woman’s Hour“ vom 28. März erörterte Jenni Murray mit „Betroffenen“ die neue Terminologie, die das neue Gesetz mit sich bringt.

Linguistisch war das alles hochinteressant. Zwei frisch verheiratete Lesben erzählten, sie wären in Kanada legal verheiratet gewesen. Aber in England wurde ihre Ehe nicht anerkannt, nach englischem Recht lebten sie nur in einer „civil partnership“. In Kanada nannten sie einander „my wife“, in England aus Protest „my ex-wife“. Nun kann also wieder „my wife“ gesagt werden, und darüber waren sie glücklich. Jenni Murray fragte: „Aber ist nicht die Bezeichnung wife patriarchal belastet? Steht nicht wife für Unterordnung und Unterwürfigkeit schlechthin?“ „Ach was“, meinten die beiden, sie liebten diesen Ausdruck und könnten nicht genug davon kriegen. Und zwischen zwei Frauen wäre das ja auch ein ganz anderer Umgang, der sicher bald auf „wife“ abfärben würde. Und außerdem wäre es soo praktisch! Keine langatmigen Coming-Out-Verrenkungen mehr, sondern alle bekämen kurz und bündig zu hören „May I introduce - my wife“, und damit herrsche Klarheit.

Den einen gefällt an der „neuen Terminologie“ die Möglichkeit des Überraschungsschlags, den anderen genau das Gegenteil. Ihnen hilft die neue Sprachregelung, gegenüber Leuten, die es nichts angeht, gemütlich im Closet zu verbleiben. So zeigte sich eine der neu verheirateten Lesben erfreut darüber, dass sie nun auf die Frage nach ihrem Zivilstand einfach sagen könnte „I’m married“ und nicht zu einem Coming out gezwungen werde wie bisher mit der Auskunft „I’m in a civil partnership“.

So bietet denn die neue Terminologie den Findigen für jedes Bedürfnis etwas. Schade, dass Christa Reinig (1926-2008) das nicht mehr erleben durfte. Sie schrieb schon 1979 in ihrer wunderbaren Gedichtsammlung Müßiggang ist aller Liebe Anfang:

Meine frau ist krank, sag ich
Achherrje! sagt die nachbarin
und denkt putzfrau.

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# | Luise F. Pusch am 12.04.2014 um 07:08 PM • 13 KommentarePermalink

05.04.2014

Ein anderes Wort für “alleinerziehend”

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Sechzigste Lektion.

Im März las ich an der Uni Leipzig aus meinem neuen Buch „Gerecht und Geschlecht“. In der anschließenden Diskussion fragte mich eine Zuhörerin nach meiner Meinung über das Wort „Alleinerziehende“, es hätte so negative Assoziationen. Ihr Verein SHIA (Selbsthilfe für Alleinerziehende) sei verzweifelt auf der Suche nach einer besseren Bezeichnung. Ich hatte mir dazu noch kaum Gedanken gemacht und konnte nur beisteuern, dass der Verband ja ursprünglich „Verband lediger Mütter“ hieß. Erst später nannten sich die „ledigen Mütter“ um in „alleinstehende“ und schließlich in „alleinerziehende Mütter“. Und schließlich haben sich die Männer hineingedrängt und noch dazu verlangt, sie gefälligst im Verbandsnamen zu berücksichtigen. Ich erinnere mich noch gut an die heftigen Debatten in der Frauenbewegung pro und kontra Zulassung „alleinerziehender Väter“. Auch dass der Verbandsname durch die herrische 10-Prozent-Minderheit der Männer noch länger wurde, missfiel gründlich.  „Verband lediger Mütter“ war wenigstens kurz und griffig gewesen. Inzwischen läuft der Verband auch unter dem Namen VAMV, aber was das bedeutet, wissen wohl nur die Mitglieder selber.

Die Geschichte der Bezeichnungen von „ledige Mütter“ über „alleinstehende Mütter“ zu „alleinerziehende Mütter“ ist ein klassisches Beispiel für das, was die Linguistin Muriel R. Schulz schon 1975 als „The Semantic Derogation of Woman“ (Die semantische Beeinträchtigung der Frau) diagnostizierte: Damit ist die fatale Tendenz weiblicher Bezeichnungen gemeint, semantisch „abzurutschen“, durch Männer immer negativer aufgeladen zu werden, bis schließlich eine neue Bezeichnung her muß. Die Entwicklung von „Weib“ über „Frau“ zu „Dame“ ist das bekannteste deutsche Beispiel für diese Tendenz.

Nun also soll ein neues Wort für „Alleinerziehende/r“ gefunden werden. Wäre eine reuige Rückkehr zu „ledig“ denkbar? 1967, als Luise Schöffel ihren Verband gründete, blickte die Gesellschaft noch verächtlich auf „ledige Mütter“ herab, aber das hat sich in den letzten 50 Jahren ja völlig geändert. „Ledig“ trifft heute allerdings nicht mehr das, was „alleinerziehend“ bedeutet. Viele Paare heiraten nicht, kümmern sich aber gemeinschaftlich um die Kinder und sind also nicht „alleinerziehend“.

„Ledig“ kennen wir sonst nur noch in der festen Wortverbindung „aller Sorgen ledig“ (die ledige Mutter hat zwar jede Menge Sorgen, aber die Sorge mit dem Ehemann hat sie nicht). Stattdessen sagen wir auch „sorgenfrei“, und „frei“ hat ja nur die allerbesten Konnotationen in unserer freiheitsliebenden Gesellschaft, bis hin zu den freilaufenden Hühnern. „Verband freilaufender Mütter und Väter“? Ich gebe zu, dass mir der Ausdruck gut gefällt, aber da bin ich wahrscheinlich die Einzige. Ich galt schon in der Schule als skurril.

Hier mein letztes Angebot: „Verband der Familienoberhäupter“. Ist kurz und hat sehr gehobene Konnotationen, die allerhöchsten sozusagen, denken wir nur an das nah verwandte „Staatsoberhaupt“. Das Wort mag uns etwas patriarchal vorkommen, aber gerade weil die patriarchale Institution des automatisch männlich gedachten Familienoberhaupts abgeschafft ist, ist das Wort wieder frei verfügbar geworden und kann sich in einem neuen Kontext neu bewähren.

Das Familienoberhaupt ist per definitionem allein und somit auch alleinerziehend, es hat keine anderen Familienoberhäupter neben sich. Und es ist grammatisch neutral, die lästige Doppelung für die männliche 10-Prozent-Minderheit entfällt also, und die paar Männer können sich trotzdem wiederfinden. Außerdem erzieht das Familienoberhaupt nicht nur, sondern es sorgt und macht und tut von früh bis spät und trägt die Verantwortung für die Familie. Das verdient Respekt, der mit der anspruchsvollen Selbstbezeichnung „Familienoberhaupt“ auch deutlich eingefordert wird. Frauenbild

Ich erzählte Joey von meiner Idee. Sie kam gerade von einem sechsstündigen schweißtreibenden Babysitting bei unserem Enkelkind. „Familienoberhaupt?“ rief sie aus. „Familienoberhaupt ist das Kind, das steht mal fest.“
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# | Luise F. Pusch am 05.04.2014 um 05:58 PM • 6 KommentarePermalink

30.03.2014

Bläblä

Zwei ganze Seiten (124-5) widmet der Spiegel dieser Woche (13/2014) dem Thema geschlechtergerechte Sprache. Am Schluss werde ich als „Grande Dame der feministischen Linguistik“ vorgestellt, die angeblich folgendes Programm verfolgt:

Erst will sie die Männer mit dem generischen Femininum („Herr Ärztin“) so lange nerven, bis die ein Bewusstsein fürs Problem bekommen. Im nächsten Schritt soll die weibliche Endung -in ganz abgeschafft, und alle Personen sollen ins Neutrum gesetzt werden. Es hieße dann für alle: das Kanzler, das Professor.
Was für Aussichten. Endlich wäre über allen Gender-Gipfeln Ruh. Es gäbe kein männlich mehr und kein weiblich. Nur noch das Sams. Und endlose Langeweile.

Langeweile und fast so etwas wie Resignation erzeugen bei mir die endlosen Falschmeldungen, die die Männerpresse sich zu dem Thema aus den Fingern saugt.

Erstens: Die Anrede „Herr Ärztin“ bzw. „Herr Professorin“ hat sich der Spiegel im Juli 2013 ausgedacht, als Reiz-Titel für seinen Bericht über das generische Femininum an der Uni Leipzig. Sie erinnern sich: In der Grundordnung der Uni Leipzig wurde das bisher übliche generische Maskulinum durch ein generisches Femininum ersetzt. Wir finden in dieser Grundordnung wohlklingende Sätze wie

§3 (6): Inhaberinnen einer Funktion … sind verpflichtet, nach Ablauf ihrer Amtszeit ihre Funktion … verantwortungsvoll weiterzuführen, bis eine Nachfolgerin bestellt oder gewählt ist, wenn keine Stellvertreterin oder Ersatzvertreterin bestimmt ist.

Von “Herr Professorin” ist nirgends die Rede. Vielmehr heißt es in der Grundordnung ausdrücklich: „Männer können die Amts- und Funktionsbezeichnungen dieser Ordnung in grammatisch maskuliner Form führen.“

Zweitens: Ich habe zwar vorgeschlagen, das -in irgendwann einmal abzuschaffen, da es im Kern diskriminierend ist und wir Frauen „die Stämme besetzen“ sollten, wie ich das genannt habe. Wir sagen „die Angestellte“ und „der Angestellte“ - die Endung „-in“ ist nirgends zu sehen und offenbar nicht nötig, um die Geschlechter auseinanderzuhalten. Also könnten wir auch „die Arzt“ und „der Arzt“ sagen. „Das Arzt“ benutzen wir nur für „hypothetische Personen“, wenn keines der beiden Geschlechter bevorzugt werden soll, also typischerweise in Stellenanzeigen oder bei dem bekannten Spruch „Fragen Sie ihr Arzt oder Apotheker“.

Die Neigung des Spiegel zu oberflächlicher Recherche und gezielten Falschmeldungen brachte mir dann eine Anfrage des Guardian ein - eine Zeitung, die ich sehr schätze. Hoffnungsvoll wurde ich gefragt, ob nun die elenden deutschen Genera endlich abgeschafft würden, das fänden in England sicher alle ganz wunderbar, die sich mit der deutschen Grammatik und der, die, das abplagten. Ich musste den Interviewer leider enttäuschen. Den ganzen Artikel können Sie hier nachlesen.

Der Spiegel-Artikel steht nicht online, und das ist auch gut so. Es ist ein sorgfältig zusammengerührter Kübel von Häme, der da über die „Gender-Riege“, die „schmallippigen Kriegerinnen“ und „Säuberungs-Kommandos“ ausgegossen wird, die mit ihren „schrulligen Plänen“ angeblich „Östrogen ins semantische Grundwasser kippen“.

Wir sehen, der Verfasser ist erregt und schlägt verbal um sich. Lassen wir ihn toben - die Karawane (weiblich!) zieht weiter. Nur einen kurzen Kommentar noch zu dem Schimpfwort „Blähdeutsch“, das er für „geschlechtergerechtes Deutsch“ gefunden hat. Genauer gesagt, er hat den Ausdruck nicht erfunden, sondern nur seine Bedeutung ausgedehnt. Mit „Blähdeutsch“ wird üblicherweise der Gebrauch langer Ausdrücke anstelle von kurzen getadelt. Also etwa „Räumlichkeiten“ statt „Räume“, „zur Anwendung bringen“ statt „anwenden“.

Ich könnte mir vorstellen, dass „Blähdeutsch“ als Schmähwort gegen gegendertes Deutsch um sich greift. Für diesen Fall sollten wir eine Antwort parat haben. Z.B. folgendes: „Sie vergleichen Frauen mit Blähungen? Geht’s noch?“

Eine Antwort nutze ich schon lange, wenn wieder mal die „unerträgliche Schwerfälligkeit der Doppelformen“ beklagt wird: „Ja, Sie haben völlig recht - es ist zu lästig, die Männer immer mitzuerwähnen!“
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# | Luise F. Pusch am 30.03.2014 um 01:03 PM • Feministische SprachkritikLaut & LuiseGenderMänner!8 KommentarePermalink

21.03.2014

22 oder 28 Prozent Unterschied? Der richtige Equal Pay Day ist der 15. April

Am heutigen 21. März wird bundesweit der Equal Pay Day begangen. Bis zum 21. März musste die Frau angeblich arbeiten, um denselben Lohn zu verdienen, den der Mann bereits zum 31. Dezember 2013 eingesackt hatte.  Quellen: Hier und hier.

In Wirklichkeit muss sie allerdings noch viel länger arbeiten, genau gesagt noch 17 Tage lang, bis zum 15. April.

Laut offizieller Verlautbarung des Statistischen Bundesamts hat sich der Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern leider nur unerheblich verringert, er beträgt noch immer 22 Prozent, also ein gutes Fünftel.

Ich behaupte schon seit 2011, der Unterschied sei wesentlich höher; in diesem Jahr beträgt er nicht 22, sondern 28 Prozent - also weit über ein Viertel. Dieser „kleine Unterschied“ ist ja nicht grade unerheblich. Bezogen auf 22 Prozent wären 28 Prozent ein knappes Drittel mehr Differenz!

Des Rätsels Lösung: Es kommt auf die Bezugsgröße an - welchen Wert setze ich an als 100 Prozent? Den Männerlohn oder den Frauenlohn? In meinen Seminaren behandle ich solche Fragen unter der Überschrift „Frauenzentriertes Denken“. Das fällt uns Frauen noch schwerer als Mathematik ;-). Es ist keine Fertigkeit, sondern eine Kunst, aber sie lässt sich lernen.

Sagen wir mal, die Männer verdienen pro Stunde im Schnitt 20 EUR und die Frauen 15. Dann verdienen die Frauen ein Viertel oder 25 Prozent weniger als die Männer; der Lohnunterschied beträgt 25 Prozent. Genau so wahr ist aber, dass die Männer ein ganzes Drittel, also 33 Prozent mehr verdienen als die Frauen, der Lohnunterschied beträgt also satte 33 Prozent. Und damit die Frau dasselbe bekommt wie der Mann in einer Stunde, muss sie nicht nur eine Viertelstunde, sondern 20 Minuten länger arbeiten. Für das Jahr gilt entsprechend: Nicht nur ein Vierteljahr, sondern 4 Monate länger!

Ich rechne mal vor, wie die unterschiedlichen Zahlen für das Jahr 2013 zustande kommen:

Statistisches Bundesamt:
15,56 (Frauenlohn) + 4,28 = 19,84 (Männerlohn)
15,56 : 19,84% = 78,42. M.a.W.: 15,56 (Frauenlohn) sind 78,42 Prozent von 19,84 (Männerlohn)
100%-78,42% = 21,58% Differenz: Frauen verdienen im Schnitt rund 22 Prozent weniger als Männer.

Frauenzentrierte Rechnung von Luise F. Pusch:
19,84: 15,56% = 127,50 . M.a.W. 19,84 EUR Männerlohn sind 127,5 Prozent von 15,56 EUR Frauenlohn
127,5%-100% = 27,50% Differenz: Männer verdienen im Schnitt rund 28 Prozent mehr als Frauen.

Setzen wir unseren Lohn als Vergleichsgröße von 100 Prozent an (denken wir frauenzentriert!), so ergibt sich der stattliche Lohnunterschied von weit mehr als einem Viertel: 27,5 Prozent!

Auf Wikipedia ist zu lesen:

Der erste Equal Pay Day in Deutschland fand am 15. April 2008 auf Initiative des BPW statt. Das Berufs-Frauennetzwerk übernahm damit zunächst das in Amerika festgelegte Datum für den Aktionstag. 2009 entschied man sich dafür, den Tag anhand der aktuellen Zahlen zum Entgeltunterschied von Frauen und Männern zu errechnen. In Deutschland errechnet sich das Datum des Equal Pay Day seit 2009 nach folgender Formel: 52 Wochen/Jahr mal 5 Arbeitstage/Woche = 260 Arbeitstage/Jahr mal statistisch aktuell ermitteltem Entgeltunterschied in Prozent.. 2009 fand der Equal Pay Day am 20. März, 2010 am 26. März, 2011 am 25. März und 2012 am 23. März statt. 2013 fiel der Termin auf den 21. März, auch im Jahr 2014 wird der Equal Pay Day wieder am 21. März begangen.

Ich fasse zusammen: Der Entgeltunterschied zwischen den Geschlechtern, kurz Gender Pay Gap, mag dies Jahr mit 22 oder 28 Prozent beziffert werden. Beide Zahlen sind korrekt: Aus Männerperspektive verdienen Frauen 22 Prozent weniger als Männer, und aus Frauenperspektive verdienen Männer 28 Prozent mehr als Frauen.

Aber warum sollten wir Frauen ausgerechnet in so einer wichtigen Frage die Männerperspektive einnehmen, die uns das Statistische Bundesamt vorgibt?

Was aber definitiv nicht stimmt, ist das Datum des 21. März. Um so viel wie der Mann zu bekommen, muss die Frau 28 Prozent länger arbeiten als er, also bis zum 15. April (falls der 21. März richtig errechnet wurde; ich habe auch da meine Zweifel).
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# | Luise F. Pusch am 21.03.2014 um 02:35 PM • 1 KommentarePermalink

09.03.2014

Jeder Dritte ein Frauenquäler oder Die Europaschänder

Diese Woche, passend zum internationalen Tag der Frau, stellte die EU-Agentur für Grundrechte (FRA) die Ergebnisse einer großangelegten Untersuchung zur Gewalt gegen Frauen vor. „Jede dritte Frau in Europa ist Opfer von Gewalt“ titelte darauf die Süddeutsche, und sie beschloss ihren Bericht mit der Feststellung: „Der vielleicht beklemmendste Befund freilich war, dass zwölf Prozent der Befragten erklärten, als Kinder Opfer sexueller Gewalt gewesen zu sein. In 97 Prozent dieser Fälle waren die Täter Männer.“ (Quelle: hier).

Dass Mädchen und Frauen Opfer von Männergewalt sind, wissen wir, wir können es nicht mehr hören. Neu war allerdings die Erkenntnis, dass gerade in „emanzipierteren“ Ländern, wie Dänemark oder Finnland, die Zahlen der Opfer am höchsten sind. Das könne daran liegen, wird in dem Bericht gemutmaßt, dass es in diesen Ländern nicht mehr ganz so verpönt ist, über Gewalterfahrungen durch Männer überhaupt zu reden, es kommt offener zur Sprache.

Das christliche Abendland - eine Hort von Frauenquälern, auf einer Stufe mit den Taliban oder gar schlimmer? Eine Schande!

Aber so wird uns das niederschmetternde Ergebnis nicht vermittelt. Nicht die hohe Anzahl der Täter steht im Mittelpunkt der Berichterstattung in den Medien, sondern die hohe Anzahl der Opfer. Dabei ist das doch wohl so ziemlich dasselbe, und mit Fug und Recht können wir Frauen schließen: Jeder dritte Europäer ein Frauenquäler. Wenn Männer jetzt „Milchmädchenrechnung“ schreien und darauf hinweisen, dass ja ein Täter durchaus zehn Frauen gequält haben könnte und so die Anzahl der Täter drastisch zusammenschrumpfe, entgegnen wir: “Aber die Dunkelziffer, meine Herren!” Wenn wir die in Betracht ziehen, kommen wir vielleicht auf noch schlimmere Zahlen: Jeder zweite Europäer ein Frauenquäler. Und die Mehrheit der nicht frauenquälenden Europäer sind Möglichmacher (enabler). Sie tun nichts gegen die Untaten ihrer Geschlechtsgenossen. Sie gehen auf die Straße gegen Neonazis, gegen Umweltzerstörung, Klimakatastrophe und Atomkraft, sogar gegen Homophobie in Russland und Afrika - aber gegen Gewalt gegen Frauen demonstrieren fast immer nur Frauen.

Die Zeitungen reden nur von den Opfern und zeigen sich erschüttert. „Erschüttert“ reagieren wir auf unverschuldetes Unglück großen Ausmaßes, etwa durch Naturgewalten.

Als aber die PISA-Studie das peinliche Ausmaß der deutschen Bildungsmisere bloßlegte, haben wir uns geschämt und große Anstrengungen unternommen, um so schnell wie möglich auf der Leistungsskala weiter oben zu landen, wie es sich gehört für das „Land der Dichter und Denker“. Und nun Europa, der frauenquälende Kontinent! Habe ich irgendwo was von Scham und Schande gelesen? Von Sühne und Wiedergutmachung und großen Anstrengungen für eine Besserung? Von großzügiger finanzieller Unterstützung der Frauennotrufe? Einführung einer Männersteuer zur Reparatur der schlimmsten Schäden, nach dem Verursacherprinzip? Nein, nur Erschütterung. Ziemlich billig, aber wir kennen das. Der Elefant im Raum, der männliche Täter, bleibt ausgespart und unbehelligt.

Wie ich schon in meiner Glosse „Scham und Schande“ vor über 30 Jahren schrieb: „Wenn die Sittenstrolche uns ‚missbrauchten‘, dann waren wir geschändet, nicht sie.“ Noch heute finden wir überall die absurden Ausdrücke „Kinderschänder“ und „Frauenschänder“. Die Männer bringen demnach nicht Schande über sich selbst mit ihren Untaten, sondern über ihre Opfer! Diese erleiden, zusätzlich zu allen körperlichen und seelischen Qualen, auch noch das Stigma einer buchstäblich unsäglichen Schande. Einer Schande, die ihnen das Anzeigen der Täter extrem erschwert, ja oft unmöglich macht.

Und was ist, so frage ich mich seit Jahrzehnten, mit den Frauen als Möglichmacherinnen? Warum rennen sie massenweise in ihr Unglück? Statt Männer zu meiden, schwärmen sie für sie, lieben und heiraten sie sie, bis dann das dicke Ende kommt: Die Gewalt gegen Frauen im sogenannten Nahbereich. Das Problem der Frauen, das erkannte schon die Frauenbewegung im 19. Jahrhundert, ist das Nichterkennen der eigenen Situation. Und damit gefährden sie nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Kinder.

Auch die zweite Frauenbewegung hat klar erkannt und benannt, was Sache ist:
„Der Faschismus ist das erste in der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau….” (Ingeborg Bachmann)
Die Macht der Männer ist die Geduld der Frauen. (Film von Cristina Perincioli, 1978)
Der Beginn aller Schrecken ist Liebe. (Film von Helke Sander, 1984)

Aber bei der „breiten Masse“ der Frauen sind diese Erkenntnisse noch nicht angekommen. Oder besser: Die Frauen lassen sich durch raffinierte Propaganda der Männer immer wieder von den Tatsachen ablenken und einseifen.

Jeder Mensch, der in die USA einreist, gilt als Terrorist oder Terroristin bis zum Beweis des Gegenteils durch endlose Überprüfungs- und Bespitzelungsmaßnahmen. Ich habe keine Ahnung, wie viele der USA-Reisenden verhinderte TerroristInnen sind. Großzügig geschätzt, vielleicht eineR auf Zehntausend. Aber nicht jeder Dritte.

Im Vergleich zu den Sicherheitsmaßnahmen der USA zeugen die nicht vorhandenen Sicherheitsmaßnahmen der Frauen von sträflichem Leichtsinn. Zum Glück ist es für Frauen inzwischen wirtschaftlich weniger desaströs als früher, einen Irrtum mittels Scheidung zu korrigieren. Von hundert Ehen werden 53 geschieden. Meistens reicht die Frau die Scheidung ein. Eine Stuttgarter Scheidungsrichterin berichtet, „dass in den vergangenen Jahren vermehrt Frauen wegen Alkohol- und Drogenproblemen ihres Partners aufgeben. Das geht oftmals zusammen mit Gewalterfahrungen.”
(Quelle: hier)

Mein Wunsch zum Internationalen Tag der Frau:
Frauen sollten den Männern - sowohl den Frauenquälern als auch den Möglichmachern – endlich zeigen, dass Verbrechen gegen Frauen Konsequenzen haben. Sie sollten nur noch solche Männer in „ihren Nahbereich“ lassen, die sich überzeugend gegen Männergewalt engagieren. Besser noch wäre es, sich gleich mit Frauen zusammenzutun. Ich habe damit die allerbesten Erfahrungen gemacht.
———————-
Zum Weiterlesen eine kleine Auswahl von Links, geschickt von Joey Horsley:

Prozess gegen einen US-General und Frauenquäler

Frauen und Männer demonstrieren im Libanon für ein Gesetz gegen “häusliche Gewalt”

Ein paar Männer organisieren sich gegen sexuelle Gewalt im Kongo


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# | Luise F. Pusch am 09.03.2014 um 11:37 AM • Permalink

01.03.2014

Nackter Mann im Frauencollege - was soll das?

Am Montag bin ich nach zwei Monaten Boston wieder im heimatlichen Hannover gelandet und genieße nun das milde Klima und den beginnenden Frühling, während Joey weiter mit den Schneemassen in Neuengland zu kämpfen hat.

FrauenbildAnfang Februar wurde auf dem Campus des Wellesley College nahe Boston ein fast nackter Mann mitten in den Schnee gestellt. Kein echter, nur eine Statue, die aber täuschend lebensecht gestaltet ist. Der „Sleepwalker“ steht noch heute da in Eis und Schnee und macht jede vor Mitleid frösteln, die ihn sieht. Erbärmlich und erbarmenswürdig soll er da ausharren bis zum Juli.

Wellesley ist ein reines Frauen-College, wobei das Wort “rein” besonders sinnig ist. Zu seinen Alumnae zählen Ikonen wie Hillary Clinton und Madeleine Albright. Ganz rein ist das College heute nicht mehr; es unterrichten dort auch Männer. Dennoch: Was hat dieser schlafwandelnde Jammerlappen dort im Schnee zu suchen?

Das Kunstwerk des New Yorker Bildhauers Tony Matelli hat ein enormes Medienecho ausgelöst, nachdem einige Studentinnen bei Change.org eine Petition gestartet hatten mit dem Ziel, die Statue aus dem Außenbereich in die zugehörige Ausstellung zu verfrachten, wo sie weniger Anstoß errege und jede selbst entscheiden könne, ob sie sich den Anblick zumuten wolle.

Der Künstler zeigte sich völlig verblüfft ob der negativen Reaktion der Studentinnen und meinte, sie hätten da in seinen „Sleepwalker“,  Inbild der Hilf- und Schutzlosigkeit, etwas hineingelesen, was mehr mit ihren eigenen Vorstellungen als mit seinem Werk zu tun habe. Sie sollten mal ihre Gefühle „durcharbeiten“, um sie besser zu verstehen. M.a.W.: Er riet ihnen zu einer Therapie.

Inzwischen haben fast tausend Personen die Petition unterschrieben, auch ich eben, als Neunhundertvierundsiebzigste. Brauchen die alle therapeutischen Beistand, um die unangenehmen Assoziationen zu verkraften, die der schlafwandelnde, frierende und so verletzlich wirkende weiße Mann in der Unterhose bei ihnen auslöst? Vielleicht.

Eine Frau in derselben Pose und Aufmachung, sagte der Künstler noch, habe er extra nicht ausstellen wollen, weil das wahrscheinlich als sexistisch angeprangert worden wäre.

Was ist los mit einer Kultur, in der eine fast nackte, schutzlos wirkende weibliche Figur automatisch als Opfer gesehen wird, dieselbe Figur als Mann aber Angst und Beunruhigung auslöst?

Die Protestierenden benutzen in ihren Begründungen immer wieder den Ausdruck „Trigger“ (Auslöser). In der klinischen Psychologie und Traumaforschung hat der Ausdruck folgende Bedeutung:

Unter „Trigger“ (englisch für „Abzug, Auslöser“) versteht man Sinneseindrücke, die Erinnerungen an alte Erfahrungen in einer Art wecken, als ob sie noch einmal aufs Neue gemacht würden. Diese Erinnerung erfolgt meist plötzlich und mit großer Wucht. Die damaligen Gefühle werden unmittelbar erlebt (Flashback). Die reale aktuelle Situation kann dann vom Betroffenen [sic] oft nicht mehr wahrgenommen werden. Er [sic] reagiert oft so, als würde er sich in der alten, erinnerten Situation befinden.
Als Trigger können auch ganz schwache Signale wirken, beispielsweise ein Jahrestag, ein Geruch, eine Geste, ein Geräusch. Sie stehen meist im Zusammenhang mit schweren seelischen oder körperlichen Verletzungen (posttraumatische Belastungsstörung). (Wikipedia)

Ich nehme an, zu viele der protestierenden jungen Frauen sind als Mädchen von scheinbar „schlafwandelnden“, „hilflosen“, „verletzlichen“ Männern mit Bauchansatz und Halbglatze heimgesucht und vergewaltigt worden, wieder und wieder. Die Pose der Hilflosigkeit („Mama darf das nicht wissen, sie wird sonst schrecklich böse auf uns“) und des Schutzsuchens („mir ist so kalt, läßt du mich in dein Bett?“) war nur der Schafspelz, der dem Wolf den Zugang erleichtern und die Willfährigkeit des Opfers gewährleisten sollte.

Der Künstler, die Museumsleiterin und die Kuratorin der Ausstellung zeigten sich begeistert über die Kontroverse und das Medienecho, das der „Sleepwalker“ ausgelöst hatten. So solle es sein, Kunst solle provozieren und zum Nachdenken anregen, sonst sei es keine, frohlockten sie. Auf der Strecke blieben viele junge Frauen, die keine lebhafte Kunstdebatte auslösen, sondern „nur“ von dem unheimlichen und Angst auslösenden Bild eines herumtastenden Mannes in Unterhose verschont bleiben wollten.

Inzwischen ist die Auseinandersetzung handgreiflich geworden; die Studentinnen „verarbeiten ihre Gefühle“, indem sie den Sleepwalker wie eine Anziehpuppe ausstaffieren, seine Pose nachahmen oder ihn in ihre Mitte nehmen und sich mit ihm ablichten lassen. Sleepwalker hat auch seinen eigenen Twitter-Account bekommen, auf dem Sie all das in Wort und Bild mitverfolgen können: https://twitter.com/WCSleepwalker

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# | Luise F. Pusch am 01.03.2014 um 04:43 PM • Permalink

09.02.2014

Wikipedia oder Wikiblödia?

Wie ich aus der Emma erfuhr, wollen deutsche Wikipedia-Mitarbeiter mittels einer Mitgliederbefragung, die noch bis zum 14. Februar läuft, den Gebrauch des generischen Maskulinums endgültig festschreiben (nachzulesen hier. Vgl. auch den Kommentar von Anatol Stefanowitsch).

Die Begründungen für diesen Mannipulationsversuch sind so hanebüchen, dass ich hier nicht mehr darauf eingehen möchte. Ich habe mir gegen dieselbe verbissene Unbelehrbarkeit in den vergangenen 35 Jahren die Finger schon mehr als wundgeschrieben. Für diejenigen, die sich in das Thema einlesen wollen, empfehle ich meine linguistischen Bücher (alle im Buchhandel oder bei Amazon, eine Liste gibt es hier), meine unten abgebildeten 5 Glossenbücher, meinen Blog „Laut und Luise“ oder diese nützliche Zusammenfassung von Anatol Stefanowitsch.

Es handelt sich bei dem Wikipedia-Mannöver um einen bedauerlichen Fall von typisch deutscher und typisch männlicher Verbohrtheit. Die Autoren des Antrags behaupten allen Ernstes:

Das generische Maskulinum ist nicht diskriminierend, es ist geschlechtsneutral. Es verwendet lediglich ein maskulines Genus, ist jedoch in Bezug auf den Sexus (das biologische Geschlecht) indifferent. Eine Diskriminierung liegt nicht vor, da eine Gleichsetzung von Genus und Sexus aus sprachtheoretischer Sicht nicht zulässig ist.[17] Der gedankliche Einschluss von Frauen erfolgt beim generischen Maskulinum so selbstverständlich und automatisch, dass von einer durch Sprache generierten oder gar perpetuierten Diskriminierung oder Nachordnung von Frauen nicht die Rede sein kann.

Mehr Ungereimtheiten dieser Art, wie gesagt, in dem Meinungsbild bei Wikipedia.

Und wie hält es die Mutter von Wikipedia Deutschland, die englischsprachige Wikipedia? Die haben und hatten ja auch ein Problem mit dem generischen Maskulinum. Früher hieß es, das maskuline Pronomen he schließe - bei Verallgemeinerungen - das weibliche Pronomen she ein. Frauen, die sich dagegen auflehnten, nur “mitgemeint” zu sein oder präziser: untergebuttert zu werden, wurde höhnisch „pronoun envy“ (Pronomen-Neid) vorgeworfen - eine Anspielung auf den „Penisneid“, an dem, wie es bis vor kurzem hieß, alle Frauen leiden, die einen Beruf ausüben und selber Geld verdienen wollen. Im aktuellen Heft der Zeitschrift „The New Yorker“ ist zu dem Thema ein langes, wütendes und erhellendes Gedicht der kanadischen Lyrikerin Anne Carson abgedruckt. Eins jedenfalls ist gewiss: Das Thema “Frauen, Sprache und Gerechtigkeit”, das es vor 40 Jahren noch gar nicht gab, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und bewegt allenthalben die Gemüter.

Sehen wir uns also mal in der englischen Wikipedia um, wie dort mit dem generischen Maskulinum verfahren wird. Was finde ich im Eintrag für “President of the European Parliament”: “He or she (m.H.) also represents the Parliament within the EU and internationally.”

Auf Deutsch finde ich hingegen unter dem Stichwort: “Präsident des Europäischen Parlamentes”: “Der Präsident des Europäischen Parlaments leitet die Aktivitäten des Europäischen Parlaments und die dem Parlament unterstellten Institutionen. Als Parlamentspräsident hat er den Vorsitz bei den Plenarsitzungen.”

Typisches Wikiblödia-Deutsch! Und diese Männersprache soll uns nun auf ewig erhalten bleiben, finden die Antragsteller und Initiatoren des Meinungsbildes.

Geben Sie mal bei Wikipedia-Englisch „he or she“ ein oder klicken Sie gleich auf diesen Link:

http://en.wikipedia.org/w/index.php?search=he+or+she&button=&title=Special%3ASearch.

Sie bekommen folgendes Ergebnis: Die gendersensible bzw. geschlechtergerechte Formulierung „he or she“ kommt insgesamt 145.257 mal vor.

Ich habe mich eben ein wenig auf der Seite des Meinungsbildes umgesehen. Es ist alles sehr unübersichtlich, aber wenn ich richtig verstehe, was da abgeht, ist die Mehrheit gegen oberlehrermäßige Bevormundung und für eine geschlechtersensible Sprache oder mindestens für ein zivilisiertes Laissez-faire.

Na also. Geht doch. Mal abwarten. Vielleicht besinnt sich Wikiblödia in letzter Minute doch noch auf schlichte, international verbindliche Gepflogenheiten sprachlicher Höflichkeit.
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# | Luise F. Pusch am 09.02.2014 um 01:33 AM • Feministische SprachkritikLaut & LuiseGenderMänner!mannhaftPermalink

02.02.2014

Wurm im Herzen: Die Winterreise

Die Ostküste der USA bis hinunter nach Georgia und der Mittlere Westen sind in Schnee und Eis erstarrt. Passend dazu gab man im Goethe-Institut Boston Schuberts Winterreise; obwohl „überzeitlich“, macht sie sich doch im tiefen Winter besser als im Sommer.

Dem Bariton Georg Lehner und Victor Rosenbaum am Klavier gelang eine wunderbare, ergreifende Darbietung; das trotz der klirrenden Kälte zahlreich erschienene Publikum war erschüttert, und begeistert.

Schubert ist mein Lieblingskomponist; die „Winterreise“ habe ich schon so oft gehört, dass ich sie fast auswendig kann. Trotzdem las ich im Halbdunkel den an der Kasse ausgehändigten Text mit. Und machte mir so meine feministischen Gedanken.

Die Musik ist über jede Kritik erhaben - „one of the greatest song cycles of all time“, hieß es auf dem Programmzettel, und das ist noch stark untertrieben. Die „Winterreise“ ist ein einsamer Gipfel der Musikgeschichte, Punkt. Sogar dem selbstkritischen Komponisten gefielen „diese Lieder mehr als alle und sie werden euch auch noch gefallen“ (Schubert nach der gemischten Reaktion der Freunde bei der Erstaufführung).

Die Musik machte auch den Dichter Wilhelm Müller (1794-1827) unsterblich - ob er allerdings von Schuberts Vertonungen je erfuhr, ist nicht bekannt. Urbild der „schönen Müllerin“, jenes Gedichtzyklus über den liebeskranken Müllerburschen, der der „Winterreise“ voranging, war die Dichterin Luise Hensel (Schwägerin von Fanny Mendelssohn-Hensel). Luise lehnte die Werbung des Dichters ab, weil der junge Mann ihr nicht ernst genug schien. Ähnlich wie Goethe mit seinem Werther und der Marienbader Elegie verarbeitete Müller seinen Liebeskummer in todtraurigen Texten - und tröstete sich schließlich mit einer anderen. Das Paar bekam zwei Kinder. Eine biedermeierliche Idylle, nichts blieb übrig vom todessüchtigen Liebesschmerz der „schönen Müllerin“ und der „Winterreise“. Allerdings starb der Dichter früh, mit 32 Jahren, an einem Herzinfarkt. In der „Winterreise“ ist das pochende Herz, dessen „Wurm mit heißem Stich sich regt“ ein zentrales Motiv.

Was dem feministisch geschulten Blick an der „Winterreise“ vor allem auffällt, ist das Missverhältnis zwischen dem Raum, den der Dichter seinem Leid widmet und dem, den er der verlorenen Geliebten gönnt. Das „Liebchen“ war anscheinend treulos und zog einen reicheren Bewerber vor. Dabei wissen wir doch, dass es in der frauenfeindlichen Wirklichkeit jener Tage meistens genau umgekehrt ablief: Sie wurde sitzengelassen (meist mit einem Kind) und ging ins Wasser, er ging auf Wanderschaft. Eine Option, die die Frau nie hatte.

Hier aber erfahren wir überaus genau, bis in die verborgensten Verästelungen der Seele, wie „tödlich schwer verletzt“ er ist, aber fast nichts über sein „fein Liebchen“. Das erweckt den Eindruck, als sei sie ihm im Grunde egal. Grob gesprochen: Er suhlt sich in seinem Elend und trieft vor Selbstmitleid.

Wirklich „schwer verletzt“, nämlich zu Tode erkrankt an der Syphilis und tatsächlich zeit seines Lebens ohne „ein treues Frauenbild“ war der Komponist der Winterreise. Goethen, Müller, Heine etc. gab ein Gott zu sagen, was sie litten, und so konnten sie sich des Liebeskummers mannhaft entledigen. Müllers Wanderbursche tut uns leid, aber er übertreibt ein bißchen. Immerhin aber gab der Dichter dem „tödlich schwer verletzten“ Komponisten eine Textvorlage, die ihn zu einem Liederzyklus anregte, der als Ausdruck der tödlichen Verlassenheit, des Schmerzes und der Verzweiflung in der Musik einzigartig ist und uns zutiefst erschüttert.
———
2011 erschien Elfriede Jelineks „Winterreise. Ein Theaterstück“. Bei Wikipedia heiß es dazu: „Auf Anregung der Münchner Kammerspiele entstanden, nimmt das Stück schon im Titel Bezug auf den gleichnamigen Liederzyklus von Franz Schubert, Jelineks erklärtem Lieblingskomponisten, den die Autorin als den ‘Künstler, den ich am meisten bewundere, das größte Genie, das je gelebt hat’ bezeichnet. […] Schuberts Liederzyklus wie die diesem zugrunde liegenden Gedichte Müllers nennt Jelinek ‘eine lebenslange Inspirationsquelle’“. (Quelle: hier)

Was Schubert betrifft, stimme ich Jelineks starken Worten sofort zu. Wilhelm Müllers Gedichte allerdings kämen mir als „lebenslange Inspirationsquelle“ nicht in den Sinn. Wie kommt es, dass Jelinek, eine erklärte Feministin, sich nicht an der lieblosen Gestaltung und machohaften Konzeption des „treulosen Liebchens“ stört?

Ich glaube, da ist die Pianistin, Musikexpertin und -liebhaberin mit ihr durchgegangen. Die Musik ist so überwältigend, schmerzhaft und dabei so schön, dass wir darüber die Schwächen des Textes vergessen. Und es gibt ja auch viele großartige Gedichte in dem Zyklus, z.B. „Die Krähe“, „Der Wegweiser“, „Der Leiermann“. Durch Schuberts Vertonung wird die bisweilen ärgerliche Wehleidigkeit der Vorlage erhoben nicht nur zu einer „überzeitlichen“, sondern auch „überpersönlichen“ Aussage, die somit auch den Geschlechterkonflikt transzendiert. Mit der Musik kann sich jeder und jede identifizieren, die am Abgrund steht oder schon mal gestanden hat, sei es wegen Liebes- oder Todeskrankheit.
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# | Luise F. Pusch am 02.02.2014 um 06:49 PM • Laut & LuiseFZD - Frauenzentriertes DenkenJahreszeitenMänner!MusikWetterPermalink

26.01.2014

Du sollst Babys weder essen noch abtreiben

In Boston esse ich immer reichlich „Babynahrung“: baby spinach, baby carrots, baby peas und seit kurzem auch baby corn in Form von Arepa de choclo, einem leckeren kolumbianischen Mais-Pfannkuchen. Auf Deutsch: junges Gemüse wie jungen Spinat, Jungmais (Maiskölbchen), junge Karotten, junge Erbsen. Prinzessbohnen gehören wohl auch noch in diese Gruppe.

Junge Junge! Wenn ich nicht in letzter Zeit so viel über das Wortfeld Abtreibung / abortion nachgedacht hätte, wäre mir die eigentümliche Baby-Metaphorik um das junge Gemüse wohl gar nicht aufgefallen. Da kämpfen einerseits die Abtreibungsgegner mit allen und nicht zuletzt sprachlichen Mitteln gegen das, was sie als „systematischen Massenmord an Babys“ bezeichnen, andererseits findet offenbar niemand etwas dabei, die „Gemüsebabys“ en masse zu verspeisen. Wenn die „Lebensschützer“ das befruchtete Ei, den Embryo und den Fötus konsequent zum „Baby“ hochstilisieren und ihm sogar „personhood“ zusprechen, stellt sich die Frage, ob der Gebrauch des Wortes „baby“ für junge Möhren auch politisch motiviert ist und die Leute vom Verzehr abhalten soll.

Vielleicht handelt es sich auch um pure Gedankenlosigkeit? Oder will uns die Agrarwirtschaft mit ihrer Babysprache ganz im Gegenteil zum Kauf verführen? Haben wir Babys nicht „zum Fressen gern“? Sogar die Tiere im Wald wissen, dass die jungen Triebe der Bäume am besten schmecken - was dem Wald gar nicht gut bekommt.

Viele Menschen sind hinsichtlich ihrer Nahrung sehr zartfühlend, trinken Milch nur von glücklichen Kühen und essen Eier nur von freilaufenden glücklichen Hühnern. Jedenfalls nichts aus Massentierhaltung. Am besten gleich vegan: Keine Milchprodukte, keine Eier, keinen Honig. Den Tieren nichts klauen, was sie für sich selbst herstellen.

Viele FleischesserInnen schrecken vor dem Verzehr von Kalb- und Lammfleisch zurück, auch Spanferkel würden sie nicht essen. Sie haben vielleicht den Film über das niedliche Schweinchen „Babe“ gesehen, und nun ist ihnen auch der Verzehr von ausgewachsenen Schweinen suspekt. Wer möchte auch so ein süßes, um sein Leben bangendes „Babe“ verspeisen!

Aber was ist nun mit den Gemüse-„Babes“, dem baby spinach und baby corn etc.? Kein Mitleid mit dem jungen Gemüse?

Wir verteilen unser Mitgefühl sehr selektiv: Jungtiere wollen wir lieber verschonen, junges Gemüse aber nicht. Sollte allerdings unsere Sensibilisierung in Sachen Nahrungsaufnahme weiter fortschreiten, werden wir bald auch keine Pflanzen mehr essen wollen, schon gar nicht Pflanzenbabys.

Aber wir wollen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Oder the baby with the bathwater.

Wichtig scheint mir, dass es sich weder im Falle der Abtreibung noch im Falle der Gemüseabteilung um „echte Babys“ handelt. Ist alles nur metaphorisch. Lassen Sie sich Ihren Babyspinat schmecken. Und reden Sie den Frauen nicht rein, die abtreiben wollen.
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# | Luise F. Pusch am 26.01.2014 um 11:39 PM • Laut & LuiseFlora & FaunaKomische WörterPermalink

12.01.2014

Können Schwule auch lesbisch sein?

Vorgestern veröffentlichte die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS), die uns auch regelmäßig das „Wort des Jahres“ beschert, eine Pressemitteilung, betitelt: „Das Wort schwul”. Untertitel: „Schon lange kein Tabu mehr, aber noch nicht vollständig wertfrei“. Quelle: hier.

Wie schön für die Schwulen - aber was ist mit den Wörtern lesbisch und Lesbe? Dürfen auch Lesben hoffen? Um Lesben geht es der Gesellschaft für deutsche Sprache nicht vordringlich. Wir sind aber „irgendwie mitgemeint“, werden in dem Papier hin und wieder erwähnt. Wir kennen das: Die Lesbe als nachträglicher Einfall bei der Diskussion um Homosexuelle, genau wie die Frau beim Thema Menschen und die Sängerin beim Thema Sänger dem einen oder anderen bisweilen auch noch einfällt. Die eigentlichen Menschen/Sänger sind aber die Männer, die eigentlichen Homosexuellen sind die Schwulen.

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In der neuen EMMA gibt es zu meinem 70. Geburtstag ein Porträt über mich, geschrieben von Chantal Louis. Es musste so eilig fertigwerden, dass ich es nicht, wie ursprünglich versprochen, gegenlesen konnte. Das Porträt gefällt mir, nur werde ich gleich im Anrisstext als „Homosexuelle“ bezeichnet:

Sie wird am 14. Januar 70 und ist eine Pionierin: als Sprachwissenschaftlerin, als Feministin, als Homosexuelle.

Als ich Chantal fragte, wieso sie mich „Homosexuelle“ nennt, schrieb sie: „…spätestens seit dem Kampf ums Homo-Mahnmal haben wir uns angewöhnt, auch Lesben als (weibliche) Homosexuelle zu bezeichnen, weil darunter gemeinhin nur Schwule verstanden werden und das aufhören muss.”

Ich schrieb zurück:

danke für Deine Gedanken zum Thema, alles sehr relevant. Für mich das wichtigste Argument gegen “Homosexuelle” für Lesben ist, dass “Lesben” mit Sicherheit eine Selbstbezeichnung ist und “Homosexuelle” eine Fremdbezeichnung. 
Wir wir grade drüber reden, fiel mir wieder ein, dass ich ja auch darüber schon vor Urzeiten einen längeren Text geschrieben habe: 

“Ein Streit um Worte? Eine Lesbe macht Skandal im Deutschen Bundestag”, in: Pusch, Luise F. 1999. Die Frau ist nicht der Rede wert: Aufsätze, Reden und Glossen. Frankfurt/M. Suhrkamp TB 2921. S. 37-67.  (Urfassung 1995). 

Damals ging es darum, dass die Wörter “Lesben” und “Schwule” als sog. “Wörter aus der Gosse” im Bundestag nicht benutzt werden durften. Stattdessen sollten die Lesben und Schwulen das Wort “Homosexuelle” benutzen. 

Definitiv, da ist mal eine Glosse fällig. 

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Diese fällige Glosse schreibe ich gerade; die Pressemitteilung der GfdS brachte mir das liegengebliebene Vorhaben wieder ins Gedächtnis. Übrigens bekam ich wegen des EMMA-Anrisstexts unflätige Schelte von einer meiner Leserinnen, die wohl annahm, ich hätte mir die Bezeichnung “Homosexuelle” selbst ausgesucht.
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Ich fasse zusammen:

• Mit „schwul“ und „homosexuell“ werden bisweilen auch Lesben „mitgemeint“, aber nur, wenn es unbedingt sein muss. Die meisten verstehen unter „Schwulen“ und „Homosexuellen“ nur Männer.

• Die EMMA entwickelte gegen das Übergangenwerden und Höchstens-mal-Mitgemeintsein die Taktik, Lesben entgegen ihrem eigenen Sprachgebrauch als „Homosexuelle“ zu bezeichnen.

• Die Taktik scheint mir verfehlt, weil sie Lesben ihre Selbstbezeichnung verweigert und sie mit einer überholten, klinischen Fremdbezeichnung irritiert.

• Besser wäre es, immer wenn von Schwulen die Rede ist und die Ausdrücke mal abgewechselt werden sollen, nicht einfach „Homosexuelle“, sondern penetrant und korrekt „männliche Homosexuelle“ zu sagen.

• Hilfreich wäre es auch, die sexuelle Orientierung der Hetero-, Bi- und Asexuellen ebenfalls getreulich zu vermerken. Die stillschweigende Voraussetzung, dass alle Menschen heterosexuell sind und ihre sexuelle Orientierung infolgedessen nicht erwähnenswert, muss aufgeweicht werden.

• Und schließlich könnten wir mit Lesbe und lesbisch gelegentlich auch Schwule mitmeinen und somit das generische Femininum mal gänzlich andersrum einsetzen: „Meine Tante ist lesbisch, mein Onkel auch!“

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Dank an Doris Hermanns für den Hinweis auf die Pressemitteilung der GfdS.
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# | Luise F. Pusch am 12.01.2014 um 10:46 PM • Permalink

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Hedwig Dohm