25.01.2015

„Sexualisierte“ oder „sexuelle Gewalt“?

Ich weiß schon gar nicht mehr, wann mir andere Feministinnen beibrachten, den Ausdruck „sexuelle Gewalt“ nicht mehr zu benutzen. Er sei irreführend, denn die sog. sexuelle Gewalt hätte in der Regel mit Sexualität wenig bis gar nichts zu tun. Es handle sich vielmehr um Gewalt, die sich der Sexualität nur als Mittel bediene. Das eigentliche Ziel der sexualisierten Gewalt sei die Herstellung oder Aufrechterhaltung männlicher Macht und weiblicher Ohnmacht.

Ich widme diese Glosse Susan Brownmiller zu ihrem 80. Geburtstag am 15. Februar. Sie hat das feministische Denken über Vergewaltigung mit ihrem Standardwerk „Against Our Will“ [Gegen unseren Willen] von 1975 geprägt wie keine andere. 5 Jahre lang studierte sie in den Archiven, vor allem Berichte über „atrocities“ (Gräueltaten) in Zeiten des Kriegs, der Sklaverei und der Unterwerfung fremder Völker. In der Regel handelte es sich bei den „Gräueltaten“ um Vergewaltigungen. Vergewaltigung wurde systematisch eingesetzt, um die Gegenseite, nicht zuletzt die männliche, zu demütigen, zu demoralisieren und gefügig zu machen. Diese Erkenntnis führte dann zu der neuen feministischen Sprachregelung. Brownmiller erkannte aber noch etwas anderes: „Rape is a conscious process of intimidation by which all men keep all women in a state of fear.“ (Vergewaltigung ist ein bewusster Prozess der Einschüchterung, mit dem alle Männer alle Frauen in einem Zustand der Angst halten.) Vollzug ist oft gar nicht nötig, es genügt die Androhung sexueller Gewalt.

Hätte ich im letzten Satz auch sagen können: „Es genügt die Androhung sexualisierter Gewalt“? Nein. Womit gedroht werden muss, wenn das Ziel erreicht werden soll, ist sexuelle Gewalt. Ohne Wenn und Aber.

Brauchen wir demnach beide Ausdrücke?

Bewusste Feministinnen wie die Frauen von Terre des Femmes reden von „sexualisierter Gewalt“, das unaufgeklärte Volk kümmert sich nicht um feministische Begrifflichkeit; es kennt nur „sexuelle Gewalt“:
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Die blaue Linie zeigt die Häufigkeit von “sexuelle Gewalt”, die rote die Häufigkeit von “sexualisierte Gewalt” im Google NGram Viewer. Sie können dem NGram Viewer hier ihre eigenen Fragen stellen.

Es gibt aber auch Feministinnen, die sich dem volkstümlichen Sprachgebrauch bewusst oder auch weniger bewusst anschließen: Das feministische Online-Magazin querelles.net bspw. spricht hier nur von sexueller Gewalt.

Bewusst problematisiert Rolf Löchel, wohl der beste Kenner feministischer Literatur in deutscher Sprache, den herrschenden feministischen Sprachgebrauch:

[Über den Ausdruck „Sexualisierte Gewalt“: Eine] Sprachregelung, die zwar in einigen feministischen Kreisen bevorzugt wird, jedoch zumeist irreführend und verharmlosend ist, da das sexuelle Moment dieser Form von Gewalt … in aller Regel wesentlich ist. Und zwar sowohl auf Seiten des Vergewaltigers wie auf derjenigen der Vergewaltigten. Denn die Angriffsziele des sexuellen Gewaltaktes einer Vergewaltigung sind die Sexualität der Frau, ihre Libido und ihre sexuelle Identität. Letzteres wird bei den berüchtigten ‚korrigierenden Vergewaltigungen‘ von Lesben etwa in Südafrika besonders deutlich. Denn die lesbischen Frauen sollen durch die Vergewaltigung wieder ‚auf den rechten Weg der Heterosexualität gebracht’ werden.
Auch die Absicht von Vergewaltigern, sich ihre Befriedigung gewaltsam zu erzwingen, ist genuin sexuell. Dass einige der Täter ihre sexuelle Befriedigung erlangen, indem sie die Frau durch die Vergewaltigung und während der Vergewaltigung erniedrigen, demütigen und Macht über sie ausüben (ein Argument, das auch von Wizorek angeführt wird, um zu begründen, dass es sich hierbei eben nicht um sexuelle, sondern um sexualisierte Gewalt handelt) mag durchaus sein, steht dem Fakt, dass es dabei zentral um Sexualität geht und es sich somit um sexuelle Gewalt handelt, aber keineswegs entgegen. Quelle: hier.

Und nun? Was sollen wir sagen?

Vielleicht können ein paar linguistische Überlegungen weiterhelfen.

Die Endung „-isieren“ macht aus einem Adjektiv ein kausatives Verb, das einen Vorgang beschreibt, der den Zustand herbeiführt, den das Adjektiv bezeichnet. Dazu ein paar Beispiele:

trivialisieren = trivial machen
banalisieren = banal machen
homogenisieren = homogen machen
privatisieren = privat machen
digitalisieren = digital machen
sexualisieren = sexuell machen

„Sexualisierte Gewalt“ bedeutet also, wenn wir das Wort so verstehen wie andere Wörter auf „-isieren“: sexuell gemachte Gewalt. Und sexuell gemachte Gewalt ist dasselbe wie sexuelle Gewalt - oder? „Sexualisierte Gewalt“ bedeutet lediglich, dass die Gewalt zunächst nicht sexuell war, durch „Sexualisierung“ aber schließlich doch sexuell wurde. Denn etwas, was bereits sexuell ist, kann nicht sexualisiert werden, genau wie homogenisierte Milch nicht mehr homogenisiert werden kann.

Die wichtige Erkenntnis Brownmillers und anderer feministischer Gewaltforscherinnen, dass sexuelle Gewalt dem Mann nicht nur zum Lustgewinn dient, vielleicht nicht einmal vordringlich der sexuellen Lust, sondern der Unterwerfung und Demütigung - wird also in dem doch recht streng vorgeschriebenen Ausdruck „sexualisierte Gewalt“ nicht besonders klar zum Ausdruck gebracht. Besser wäre es m.E., von Sexualterror zu sprechen. Terror wird ausgeübt, um die Gegenseite in einem Zustand der Angst zu halten. Klingt das nicht fast genau so wie die oben zitierte Haupterkenntnis von Susan Brownmiller: “Vergewaltigung ist ein Mittel, mit dem alle Männer alle Frauen in einem Zustand der Angst halten”?

Von „Sexualterror“ zu sprechen statt von „sexualisierter Gewalt“ hätte noch einen weiteren Vorteil: Beim Kampf gegen den Terror stehen die Täter, ihre Festnahme und Verfolgung im Zentrum der Debatte, außerdem umfassende Verfolgungs- und Vergeltungsmaßnahmen gegen sie. Nicht so beim alltäglichen Terror des Mannes gegen die Frau (bekannt unter den irreführenden Bezeichnungen „häusliche Gewalt“, „sexueller Missbrauch“ und „sexuelle Gewalt“), bei dem die Medien sich lieber auf die Opfer konzentrieren.

Es wird Zeit, den sexuellen Terror beim Namen zu nennen und die Sexualterroristen unerschrocken ins Visier zu nehmen.

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# | Luise F. Pusch am 25.01.2015 um 10:06 PM • 9 KommentarePermalink

11.01.2015

Über “Meinungsfreiheit”, “free speech” und “liberté d’expression”

Nach den islamistischen Mordattacken in Paris treten Menschen und Medien weltweit für „liberté d’expression“, „freedom of expression“ / „free speech“ und „Meinungsfreiheit“ ein.

In Boston höre und lese ich pausenlos von „freedom of expression“ und „free speech“. Wie kommt es, frage ich mich, dass nur die Deutschen von „Meinungsfreiheit“ reden, wo alle anderen die freie Äußerung/Expression, den freien Ausdruck (der Meinung), die freie Rede betonen.

Hat es vielleicht mit deutscher Obrigkeitshörigkeit und deutschem Duckmäusertum zu tun? Eine bestimmte, auch abweichende Meinung zu haben, ist schließlich kein Problem. Erst wenn wir abweichende Meinungen äußern, kann es brenzlig werden.

Meinungsfreiheit - geschenkt. Wir alle können die geächtetsten oder gesellschaftschädlichsten Meinungen hegen, so lange wir sie nicht ausagieren, ist alles in Ordnung. Da gehen also die Deutschen massenhaft auf die Straße für ein Recht, das eigentlich keines ist? Das Recht, eine eigene Meinung zu haben, ist wie das Recht, zu atmen. Es muss nicht im Grundgesetz verankert werden, denn die eigene Meinung als solche ist privat und nicht kontrollierbar. Erst wenn sie geäußert wird, kann es u.U. Ärger geben. Die Meinung, dass Hitler ein Verbrecher war, hatten zu seinen Lebzeiten viele Deutsche. Aber nur diejenigen, die diese Meinung äußerten, kamen in Lebensgefahr.

Schauen wir uns das Gesetz über unsere „Meinungsfreiheit“ mal genauer an: Artikel 5 (1) unseres Grundgesetzes lautet: 

Jeder [sic] hat das Recht, seine [sic] Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

Wir sehen, Artikel 5,1 des Grundgesetzes behandelt das “Recht auf freie Meinungsäußerung”. Anders ausgedrückt, das “Recht auf Meinungsäußerungsfreiheit”, abgekürzt zu “Recht auf Meinungsfreiheit”.

„Meinungsäußerungsfreiheit“ ist eines dieser langen zusammengesetzten Wörter des Deutschen, die Anderssprachige in der Regel unaussprechbar, unlesbar und unmöglich finden. Deswegen, um diesen KritikerInnen und uns selbst einen Gefallen zu tun, haben wir es gekürzt zu „Meinungsfreiheit“. Die Sprachwissenschaft spricht hier von „Ellipse“.

Warum haben wir es nicht zu „Äußerungsfreiheit“ oder „Ausdrucksfreiheit“ gekürzt, wie das Englische und Französische? In diesen Sprachen fehlt ja auch ein Teil, nur ein anderer als im Deutschen. Es fehlt dort die Bezeichnung dessen, was frei geäußert werden darf: freedom of expression [of opinion], liberté d’expression [de l’opinion]. Auch ziemlich lange Ausdrücke, und auch sie wurden gekürzt, halt nur anders.

Es scheint zunächst, dass das Deutsche auf den wichtigeren Teil verzichtet hat. Nicht das Haben einer Meinung ist gefährlich, sondern das Äußern kann gefährlich werden. Und deshalb muss das Recht darauf vom Staat gewährleistet werden.

Andererseits scheint mir die deutsche Lösung präziser, wenn ich z.B. an Edward Snowden denke. Hätte er nur eine Meinung geäußert, wäre ja alles in Butter gewesen. Wen - außer fundamentalistische AnhängerInnen patriarchaler Religionen wie Christentum, Islam oder Judentum - kratzt schon eine bloße Meinung? Ein dickes Fell angesichts der abstoßendsten Meinungen über uns mussten besonders wir Frauen uns zulegen. Aber was Snowden öffentlich gemacht hat, waren Staatsgeheimnisse, also Tatsachen, die sein Staat lieber geheimhalten wollte. Und schon war Schluss mit „freedom of expression“ oder „free speech“. Es dürfen eben nur Meinungen frei geäußert werden. Und das teilt nur der deutsche Ausdruck mit, während das Englische und Französische hier nicht nur elliptisch, sondern irreführend sind.
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# | Luise F. Pusch am 11.01.2015 um 10:49 PM • 4 KommentarePermalink

05.01.2015

Auf der Suche nach Ingeborg Wurster- Eine Femmage

Am 14. Dezember hörte ich eine Zeitzeichen-Sendung über den Chemiker Carl Wurster. Anlass war sein 40. Todestag. Carl Wurster, Jahrgang 1900, war von 1953 bis 1965 Vorstandsvorsitzender der BASF, danach bis zu seinem Tod 1974 Aufsichtsratsvorsitzender. Zu seinem 60. Geburtstag meldete die ZEIT ehrfurchtsvoll:

Die Naturwissenschaftlich-Mathematische Fakultät der Universität Heidelberg ernannte Dr. Wurster 1952 zum Honorar-Professor. Dieser akademischen Ehrung folgte kurz darauf die Ehrendoktorwürde der Universität Tübingen und die Würde eines Dr.-Ing. e. h. der TH München. Prof. Wurster ist Ehrensenator der Universitäten Mainz, Heidelberg und der TH Karlsruhe. Dem Präsidium des Verbandes der chemischen Industrie gehört Professor Wurster seit Jahren an.

Weniger ehrfurchtsvoll ging allerdings die Zeitzeichensendung mit dem Vielgeehrten um, denn Wurster war auch in der Nazi-Zeit ein hohes Tier bei IG Farben: 1938-1945 Vorstandsmitglied der IG, Direktor der BASF und Aufsichtsratsmitglied der deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung (Degesch), die das Zyklon B herstellte, das zum Massenmord in den Gaskammern der Vernichtungslager benutzt wurde.

Wurster will nichts davon gewusst haben und wurde in dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess 1947-1948 freigesprochen. Der Fortsetzung seiner bis dahin schon steilen Karriere in immer schwindelndere Höhen stand nichts mehr im Wege.
———
Ich hatte bei dem ja nicht so häufigen Namen „Wurster“ aufgemerkt, weil er mich an Ingeborg Wurster (1931-1999) erinnerte, die erste weibliche Moderatorin des heute-Journals (1979-84). Damals eines der ganz wenigen weiblichen Gesichter im deutschen Fernseh-Journalismus. Eine einsame Pionierin. Zuvor war sie seit 1966 für das ZDF als Auslandskorrespondentin in Washington, New York und Brüssel gewesen. Für Feministinnen war sie jahrzehntelang der einzige Lichtblick im deutschen Fernsehen.

Aber es wird nicht viel über sie geredet. Es gibt keine Biografie über diese Pionierin. Und anders als andere Pionierinnen des deutschen Fernsehens, etwa ihre Zeitgenossinnen Fides Krause-Brewer, Carola Stern, Wibke Bruhns und Dagmar Berghoff, hat sie auch keine Autobiografie verfasst, die sie weithin bekannt gemacht hätte.

Hatte Ingeborg Wurster vielleicht irgend etwas mit dem äußerst tüchtigen Ehrenmann und mutmaßlichen Monster Carl Wurster zu tun? Zeitlich und örtlich käme es hin, Ingeborg Wurster wurde 1931 in Heidelberg geboren - 20 km von Ludwigshafen entfernt.

Aber bei Wikipedia und auch bei Munzinger heißt es lakonisch oder geheimniskrämerisch, sie sei “Tochter eines Werkmeisters“.

Ein gewisser Rainer H. Thierfelder schreibt 2008 in seinen Memoiren Zeit meines Lebens: Menschen, Ereignisse und Gedanken zur eigenen Biographie:

Erst mit dem Wechsel in die Obertertia erhielt ich altersdadäquate Gesellschaft durch die gereiften Söhne zweier damals prominenter Wirtschaftsmanager, die gerade wieder „kleben geblieben“ waren: Karl Wurster - sein Vater war Vorstandsvorsitzender oder - wie man damals sagte - „Generaldirektor“ der BASF in dem gegenüberliegenden Ludwigshafen, seine Schwester die später sehr bekannt gewordene Fernsehjournalistin Ingeborg Wurster - und Karl Lortz, Sohn des späteren Vorstandsvorsitzenden von Volkswagen […]. Gefunden hier.

Demnach war Ingeborg Wurster also nicht „Tochter eines Werkmeisters“, sondern ihr Vater war Generaldirektor des größten Chemie-Unternehmens der Welt. Und dass sie das wegen des Massenmords mit Zyklon B nicht an die große Glocke hängen mochte, ist verständlich.

Aber wie vertrauenswürdig ist Rainer H. Thierfelder? Seine Schulzeit liegt Jahrzehnte zurück - vielleicht erinnert er sich gar nicht mehr richtig? In den Internet-Auskünften über Carl Wurster ist jedenfalls immer nur von zwei Töchtern die Rede, nie von einem Sohn.

FrauenbildEs wird Zeit, dass mal eine gründlich recherchiert und eine Biografie über Ingeborg Wurster schreibt, die interessanteste und wichtigste weibliche Fernsehschaffende in der BRD der sechziger bis achtziger Jahre. Im Vergleich zu ihrer Leistung, neben der die Leistungen „der ersten deutschen Nachrichtensprecherin (1971)“ (Wibke Bruhns) und der „ersten Tagesschausprecherin (1976)“ (Dagmar Berghoff) eher mäßig wirken, ist sie erstaunlich unbekannt und unterbewertet. Sie tat wenig für ihre Publicity, und das mag an der Gefahr gelegen haben, mit diesem Vater assoziiert zu werden. Außerdem war sie vermutlich Feministin - immerhin drehte sie schon 1971 für das ZDF den 30-Min-Beitrag „Schwestern, auf zum Streite - Frauenbewegung in Amerika“. Überdies hatte sie eine eher intellektuelle, sportlich-herbe Ausstrahlung und war unverheiratet. Sie erinnerte ein wenig an Erika Mann. Kurz, für Lesben, die damals alle im Versteck ausharren mussten, hatte sie eindeutig die Anmutung einer „Schwester“.

Wenn meine Mutmaßungen zutreffen, war sie eine von jenen, die weit „unter Wert verkauft werden“, weil sie sich selbst „nicht verkaufen konnten“: es war einfach zu gefährlich, über das rein Professionelle hinaus noch irgendetwas „rauszulassen“. Aber wir Heutigen sollten die Camouflage durchschauen und unsere Heldinnen in ihrer „Hall of Fame“ tüchtig feiern. Wir brauchen sie.

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# | Luise F. Pusch am 05.01.2015 um 03:03 AM • 3 KommentarePermalink

21.12.2014

Lieber Plusfahrer als Überfahrer

Letzten Donnerstag erklärte mir ein gesprächiger Taxifahrer, er sei übrigens Plusfahrer. Was das denn sei, wollte ich wissen. „Na wenn Damen gefahren werden, dann benehmen sich nicht alle Fahrer richtig. Besonders wenn es jüngere Damen sind. Da gibt es manchmal so Jungspunde, wissen Sie…“ Ich nickte wissend. Ja solche Fahrer kenne ich zur Genüge. Aber mit alten Damen benehmen sie sich keineswegs besser. Ein Fahrer in Dresden, der uns vom Bahnhof ins Hotel bringen sollte, meinte dazu launig: „Ach ich dachte, Sie wollten zu Betreutes Wohnen.“ Während ich mich missmutig an weitere Zumutungen erinnerte, fuhr der Fahrer fort: „Und deshalb gibt es die Plusfahrer, die sind besonders qualifiziert, dass sie mit den Damen richtig umgehen, höflich und respektvoll und nicht unverschämt oder zudringlich oder so.“

Ich war völlig platt. Von Plusfahrern hatte ich noch nie gehört. Ich erzählte dem Fahrer, mit den meisten Taxifahrern hätte ich ja gute Erfahrungen gemacht, aber für längere Fahrten, über Land zum Beispiel, würde ich doch immer explizit nach einer Fahrerin verlangen. Und nun bewies mein Fahrer, dass er tatsächlich ein Plusfahrer war. Er brauste nicht auf, wie ich es von Männern gewohnt bin, mit einer Bemerkung wie „Es gibt aber auch unausstehliche Taxifahrerinnen!“, sondern meinte nur: „Ja, aber gerade nachts, wenn es vielleicht für Frauen am gefährlichsten ist, arbeiten nicht viele Taxifahrerinnen. Da können Sie dann, wenn grade keine Frau parat ist, einen Plusfahrer bestellen.“ Mach ich, versicherte ich ihm. Wir waren angekommen, ich gab ihm ein Plus-Trinkgeld und stieg aus.

Am nächsten Morgen, bei nüchternem Tageslicht besehen, konnte ich noch immer nicht glauben, was ich gehört hatte. Plusfahrer, tatsächlich? Brauchen Männer eine Zusatzqualifikation, um sich gegenüber Damen richtig zu benehmen? Nicht, dass ich die Notwendigkeit nicht 100prozentig bestätigen könnte. Aber dass ein Taxiunternehmen diese Notwendigkeit einsieht und tatsächlich etwas tut, um dem Übel abzuhelfen, das kam mir vor wie im Märchen. Ich suchte im Internet nach „Plusfahrer“ - Fehlanzeige. Ich sah auf der Quittung nach. Sie war ausgestellt von Hallo Taxi 3811, Hannovers größtem Taxiunternehmen. Ich rief an und erkundigte mich nach ihren “Plusfahrern”. Doch ja, die gäbe es. Schon seit 4, 5 Jahren. Nein, sie wären nicht teurer als normale Fahrer. Ich müsste das nur bei der Bestellung dazu sagen. Ich fragte noch, wer denn die Sache mit den Plusfahrern beschlossen hätte und ob das eine bundesweite Einrichtung sei. Das hätte die Geschäftsleitung so beschlossen, sagte der Mann in der Zentrale. Bundesweit? Nicht dass er wüsste.

Da bietet Hallo Taxi 3811 also einen Superservice an - aber sie halten ihn verschämt geheim. Niemand weiß davon. Wenn sie es an die große Glocke hängen würden, würden sie damit ja zugeben, dass ihre normalen Taxifahrer Machos und Sexisten sind. Heikle Sache. Der normale Mann als Minusmann und Marketingproblem. Auch sprachlich musste die erstaunliche Firma enorme Findigkeit aufbieten. Bei Nietzsche wäre der Plusfahrer ein “Überfahrer” geworden, aber dass das ein Eigentor wäre, haben sie sicher sofort gemerkt. Und außerdem klänge da auch noch die verhasste Konkurrenz “Uber” an.

Also, liebe privilegierte Taxikundinnen aus dem Großraum Hannover: Beim nächsten Mal einen Plusfahrer bestellen. Aber nur, wenn keine Fahrerin frei ist. Denn bei Frauen ist das Plus schon eingebaut, wie wir wissen.

„Plus“ bedeutet in der Sprache von „Hallo Taxi 3811“ also „nicht sexistisch“. Eigentlich eine praktische Lösung. Sprechen wir also demnächst nicht mehr von “nicht-sexistischer Sprache”, “geschechtergerechtem” bzw. “gendersensiblem Deutsch” oder so - Plusdeutsch ist kürzer. Das deutsche Gesundheitswesen braucht dringend mehr Plusärzte und Pluspfleger. Pluskellner, Plusschaffner, Plusverkäufer und Pluspriester wären auch ein Segen. Sicher fallen Ihnen noch jede Menge andere Bedarfsfelder für Plus ein.

Bleibt mir nur noch, Ihnen und uns ein ordentliches Plusweihnachten zu wünschen. Und danach ein Plusjahr, wir haben es verdient!
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# | Luise F. Pusch am 21.12.2014 um 02:01 PM • 5 KommentarePermalink

08.12.2014

Feministische Anmerkungen zur „Schönen Magelone“

Neulich hörte ich Tiecks Novelle „Die schöne Magelone“ in einer Rundfunkaufnahme, die ich per Phonostar mitgeschnitten hatte. Ich hatte gehofft, damit wunderbar einschlafen zu können. Wirklich ist die Novelle, zumindest bis zur Hälfte, schön einschläfernd: blumig, gefühlvoll und undramatisch. Aber ich hatte Halsschmerzen, und so hörte ich denn gepeinigt das ganze Märchen am Stück - und fing danach mit dem nächsten Hörbuch an.

Tieck entnahm den Stoff, der der Sagentradition der Provence entstammt und letztlich auf Tausendundeine Nacht zurückgeht, einer deutschen Übersetzung aus dem 16. Jahrhundert. Der 24-Jährige versuchte 1797 „eine Wiederbelebung … des alten Stoffes aus dem Geiste der Romantik“ (Kindlers Literatur-Lexikon)

Mit vollem Titel heißt die Novelle „(Wundersame) Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence“. Wir lernen: Sie ist schön, und er ist von Adel - wie es sich für ein Märchen gehört.

Sie wird an erster Stelle genannt, allerdings nur mit ihrem Vornamen, er steht an letzter Stelle, dafür mit Titel und ganzem Namen. Das Prinzip „Ladies first“ wird also auch hier befolgt, allerdings kostet es Magelone den Titel und vollen Namen. Ja hat Magelone denn überhaupt einen Titel? Und ob - sie ist sogar die Ranghöhere, eine Prinzessin, Tochter des Königs Magelon von Neapel (und sicher auch seiner Ehefrau, aber von der ist nie die Rede).

Zum Inhalt: Peter und Magelone verlieben sich ineinander, er schenkt ihr drei Ringe, die seine Mutter ihm für seine Zukünftige mitgab, Magelone birgt diese an ihrem schönen Busen. Als sie einen anderen heiraten soll, flieht das Paar. In einem Wald ruhen sie sich aus, sie legt das Lockenköpfchen in seinen Schoß und schläft ein. Er öffnet ihr das Mieder, ist entzückt von ihrem Busen und findet das rote „Zindel“ (ein Stück Stoff) mit den 3 Ringen. Ein Rabe stiehlt das Zindel und fliegt damit fort. Peter hinterher, er wirft Steine nach dem Raben, trifft ihn aber nicht. Der Rabe fliegt aufs Meer hinaus, Peter steigt in einen Kahn und folgt ihm. Die Strömung trägt ihn weit hinaus, er findet nicht zurück, wird von einem „mit Heiden und Mohren besetzten Schiff“ gerettet und einem Sultan geschenkt. Die Tochter des Sultans verliebt sich in ihn, aber er denkt nur an Magelonen (die schöne Deklination der Namen übernehme ich von Tieck) und flieht mit einem Kahn über das Meer. Diesmal greift ihn ein Christenschiff auf, und nach langem Umherirren findet er schließlich Magelonen wieder, und ihr Glück kennt keine Grenzen mehr.

FrauenbildIn meiner Jugend legte ich mir den Brahmsschen Liederzyklus „Die schöne Magelone“ zu, in der vielgepriesenen Aufnahme mit Fischer-Dieskau und Richter. Der Zyklus gefiel mir nicht besonders; ich habe ihn mir nicht oft angehört. Bei Brahms ist Graf Peter völlig aus dem Titel verschwunden, der Zyklus heißt nur noch „Die schöne Magelone“. Und diese Kurzform wird inzwischen auch für Tiecks Novelle benutzt.

So gekürzt wird allerdings der Titel vollends zum Etikettenschwindel. Denn die Novelle wie auch der Liederzyklus handeln fast ausschließlich von Petern. Die Novelle enthält inklusive „Vorbericht“ 18 Gedichte, meist Lieder bzw. Romanzen, die Peter zur Laute singt. Auch Magelone singt zwei Lieder, und eines singt Salima, die Tochter des Sultans. Hat also bereits Tieck der schönen Magelone vergleichsweise wenige Worte zugestanden, so wird die weibliche Stimme („the female voice“ der modernen Gendertheorie) bei Brahms vollständig eliminiert. Lieber lässt er den Sänger tapfer singen „Geliebter, wo zaudert dein irrender Fuß?“ - als dass er dieses Lied Magelonens einer Frau überließe.

Weshalb die Geschichte „Die schöne Magelone“ und nicht „Der schöne Peter“ heißt, ist also nicht recht einzusehen.

Bei Tieck ist Magelone zwar kein Sexobjekt, aber Objekt ist sie zweifellos, eine Art Übungsgerät. Sie dient Petern zu Training und Entfaltung seiner „männlichen“ Anteile wie Entschluß- und Kampfkraft und seiner „weiblichen Anteile“ wie Empfindungsfähigkeit und Seelentiefe, Voraussetzungen seiner Dicht- und Gesangskunst. Der romantische Jüngling und edle Ritter Peter ist nämlich ein androgyner „Kugelmensch“ im Platonschen Sinne. Er braucht keine „weibliche Ergänzung“; er ist selber weiblich - und männlich zugleich. Wir erfahren es gleich im ersten Satz:

In der Provence herrschte vor langer Zeit ein Graf, der einen überaus schönen und herrlichen Sohn hatte, welcher als die Freude des Vaters und der Mutter erwuchs. Er war groß und stark, und glänzende blonde Haare flossen um seinen Nacken und beschatteten sein zartes jugendliches Gesicht; dabei war er in aller Waffenübung wohlerfahren, keiner führte im Lande und auch außerhalb die Lanze und das Schwert so wie er, so daß ihn Jung und Alt, Groß und Klein, Adel und Unadel bewunderte.

Peter ist nicht nur schön und blondgelockt, sondern auch stark und mutig. Im Turnier ist er unschlagbar, zugleich aber ist er schüchtern und weint viel, und wenn Sehnsucht und/oder Liebe ihn übermannen, greift er frisch zur Laute und singt. Wenn alle Männer so wären, brauchte es keine Frauenbewegung mehr. Es brauchte nicht einmal Frauen.

Ich glaube, die Geschichte heißt „Die schöne Magelone“, damit wir nicht merken, dass sie eigentlich nur von Petern handelt. Auch der Minnesang, den Tieck mit seiner Novelle wohl auch „wiederbeleben“ will, diente nur scheinbar der Anbetung edler und unerreichbarer Frauen. Die realen Frauen interessierten nicht, sie waren nur ein Vorwand für kulturellen Wettstreit unter Männern. Aufgabe der Frau ist es, sich besingen zu lassen - und nicht, selbst zu singen. Sänge sie selbst, käme der Minnesänger aus dem Konzept, müsste ihr zuhören und sich mit ihr auseinandersetzen, statt von ihr zu träumen und seine Gedanken über sie in das Kunstwerk zu ergießen, mit dem er dann unter seinesgleichen Eindruck schinden kann. Eine selbst singende Frau wäre für den Minnesänger nur eines: zeitraubend.

Hätte ich das alles schon in meiner Jugend durchschaut, hätte ich mir die Brahms-Magelone, die ganz schön teuer war, gar nicht erst gekauft. Besser selber singen, als den (in)brünstigen Gesängen der Männer über uns andächtig zu lauschen.
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# | Luise F. Pusch am 08.12.2014 um 08:58 PM • 5 KommentarePermalink

09.11.2014

Männerfreie Zone (fast): Die neue Regierung von Rheinland-Pfalz

Am Mittwochabend berichtete das heute-Journal, Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, habe ihr Kabinett umgebildet. Um Schadensbegrenzung in Sachen Nürburgring-Skandal bemüht, habe sie vier Minister ausgewechselt. Ich war schon fast im Halbschlaf, da weckte mich die muntere, nicht enden wollende Prozession von Frauen wieder auf, die da den Bildschirm füllte: offenbar das neue Kabinett Dreyer. Ein Kabinett nur aus Frauen - sowas hatte es doch noch nie gegeben. Die Moderatorin verlor über diese Ungeheuerlichkeit allerdings kein Wort. Sie tat, als sei das völlig normal.

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Am nächsten Tag hatte ich das unbesungene Wunder fast schon wieder vergessen, aber am Freitag fiel es mir wieder ein, und ich beschloss, der Sache nachzugehen und googelte „Kabinettsumbildung Dreyer“. Ja, hieß es jeweils dröge, sie habe ihr Kabinett umgebildet, wegen des Skandals um den Nürburgring. Der andere Skandal, dass sie die Stirn gehabt hatte, ihren Landeskindern ein Kabinett aus 8 Frauen und 2 Männern zuzumuten, blieb hingegen weitgehend unkommentiert.

Früher benutzte man für Kabinettsumbildungen gern den frz. Ausdruck „Revirement“. Da es dabei IMMER um die Ablösung von Männern durch andere Männer ging, war ich bis heute davon überzeugt, das „vir“ in dem Wort „Revirement“ sei das lateinische vir „Mann“, und es handle sich bei einem Revirement folglich um eine „Umbemannung“. Nun aber belehrt mich der Duden online wie folgt:

Revirement:
Umbesetzung von Ämtern, besonders Staatsämtern
Beispiele
• im Außenministerium hat ein Revirement stattgefunden
• ein Revirement vornehmen
Herkunft
französisch revirement = Umschwung, zu: virer = wenden, über das Vulgärlateinische zu lateinisch vibrare “vibrieren”

Sollen wir dem Duden das glauben? Mich hat er nicht überzeugt.

Bleiben wir noch einen Moment bei „vir“. Es steckt auch in viril „männlich“, und - für unser Thema aufschlußreicher - in Triumvirat „Dreimännerkollegium“, das wir aus der römischen Geschichte kennen. Rund zweitausend Jahre später erschien das erste „Feminat“ auf der Bildfläche, eine Analogiebildung zu „Triumvirat“. Im April 1984 wählten die Grünen im Bundestag einen Fraktionsvorstand, der nur aus Frauen bestand und in den Medien umgehend als „Feminat“ bezeichnet wurde, um nicht zu sagen, verschrien war. Fünf Jahre später gab es das zweite Feminat: „Mit acht Senatorinnen und fünf Senatoren sowie dem Regierenden Bürgermeister war der [Berliner] Senat Momper die erste deutsche Landesregierung mit Frauenmehrheit.“

Ich erinnere mich noch gut an die Häme und den Aufruhr in den Medien um diese beiden „Feminate“. Was also ist davon zu halten, dass das neue Feminat Malu Dreyers so gar niemanden hinter dem Ofen hervorlockt und niemand mehr das Schimpfwort „Feminat“ dagegen bemüht? Liegt es vielleicht daran, dass die rheinland-pfälzische Regierung auch schon vor der Kabinettsumbildung ziemlich frauenlastig war mit sechs Frauen und vier Männern? Aber jetzt sind es acht Frauen und nur noch zwei Männer, und wenn das so weiter geht, sind die Männer bald ganz verschwunden. Wieso machen sie dagegen nicht mobil wie ehedem?

Malu Dreyers neues Kabinett ist eine große Errungenschaft für Frauen. Weibliche Erfolge werden von Männern - die in unseren Medien weiterhin das Sagen haben - üblicherweise nicht gefeiert, sondern entweder bekämpft oder ignoriert. Das Ignorieren wird immer dann gewählt, wenn das Bekämpfen aussichtslos scheint. Als feministische Linguistin erlebe ich beide Reaktionsweisen seit 35 Jahren. Zuerst wurden unsere sprachkritischen Forderungen mit allen Mitteln bekämpft. Sowie wir trotzdem Erfolge verzeichnen konnten, hieß es, wir rennten mit unserer Kritik offene Türen ein, das „Gendern“ sei doch inzwischen selbstverständlich.

Aus diesen Erfahrungen schließe ich, dass mann Aufregung über Malu Dreyers Frauenkabinett nicht für opportun hält. Mann ergibt sich in sein Schicksal, in Rheinland-Pfalz von Frauen regiert zu werden - welche Schande! Und eine Schande wird am besten totgeschwiegen.

Wir Frauen haben allerdings keinen Grund, diese Strategie nachzumachen und ebenfalls zu schweigen. Wir sollten Malu Dreyers Coup als Vorbild für weitere hübsche Kabinettsbereinigungen ordentlich feiern und die frohe Kunde überall herumposaunen.
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# | Luise F. Pusch am 09.11.2014 um 07:43 PM • 13 KommentarePermalink

26.10.2014

Social freezing: Was ist sozial am Eier-Einfrieren?

„Laut und Luise“ ist ein feministischer Blog mit linguistischem Einschlag - und umgekehrt. Seit etwa zehn Tagen geistert ein neuer Ausdruck durch die deutschen Medien und bewegt die Gemüter: Social freezing. Er verdient sowohl feministische als auch linguistische Beachtung und eignet sich deshalb für meinen Blog wie selten etwas.

„Social freezing“ sagt die deutsche Wikipedia, „bezeichnet das vorsorgliche Einfrieren von unbefruchteten Eizellen ohne medizinischen Grund.“ Facebook und demnächst auch Apple wollen ihren weiblichen Mitarbeiterinnen das Einfrieren ihrer noch jugendfrischen Eier finanzieren, damit sie sich nicht mit vorzeitigem Kinderkriegen die Karriere verderben und Schwangerschaften bis zu einem Zeitpunkt ihrer Wahl hinausschieben können.

Die langwierige und unangenehme Prozedur kostet rund 20.000 Dollar. Ob auch die Facebook- und Apple-Putzfrauen in den Genuss dieser Großzügigkeit kommen oder nur das hochqualifizierte „kreative“ weibliche Tech-Personal, konnte ich nicht herausfinden. Aber es darf bezweifelt werden, denn Facebook und Apple interessieren sich fürs Geschäft, nicht für Wohltätigkeit. Mit sozialem Wohnungsbau und anderen Sozialmaßnahmen hat social freezing nichts zu tun, im Gegenteil.

Die deutschen Stellungnahmen zum „social freezing“ waren geteilt. Die einen begrüßten, dass Frauen jetzt eine Option mehr für das Timing ihres Kinderwunschs haben, die anderen - zu denen auch ich mich zähle - fanden, es gäbe bessere und dringlichere Methoden der Frauenkarriereförderung, z.B. ausreichende Kinderbetreuung in den Betrieben, finanzielle und sonstige Anreize für Väter, sich an der Kinderbetreuung paritätisch zu beteiligen. Etwa so: „Facebook und Apple stellen nur solche Männer ein, die als Väter die Hälfte der Kinderbetreuung übernehmen.“

Oder so ähnlich. Die norwegische Schriftstellerin Gerd Brantenberg hat es bereits in den 70-er Jahren des vorigen Jahrhunderts vorgedacht. Ihre klassische Satire „Die Töchter Egalias“ beginnt mit dem bemerkenswerten Satz: „Schließlich sind es noch immer die Männer, die die Kinder bekommen“. Und zwar bekommen sie sie zur Aufzucht, denn im strengen Matriarchat Egalias hat die Frau mit Schwangerschaft und Gebären schon genug für das Wohl und den Fortbestand der Gesellschaft geleistet. Die Väter sind durch die Kinder ans Haus gebunden und müssen es trotzdem irgendwie schaffen, die Säuglinge den Müttern, die sich um die Staats- und Geldgeschäfte kümmern, rechtzeitig zu den Stillzeiten an die Brust zu legen. Kein Wunder, dass die Söhne Egalias ständig am Rande des Nervenzusammenbruchs sind.

Kommen wir nun von der Sache zum Wort. Es war weniger die öffentliche Debatte als vielmehr der seltsame Ausdruck „social freezing“, der mich stutzig machte. Er wirkt wie ein Oxymoron, ein Widerspruch in sich, denn „sozial“ assoziieren wir mit „warm, fürsorglich“ und „gefrieren“ mit „kalt, abweisend“.

Um dem Ausdruck auf den Grund zu gehen, recherchierte ich eine halbe Stunde lang im Internet nach „social freezing“. Auf anglo-amerikanischen Seiten fand ich den Ausdruck bis heute nicht. Dort heißt es vielmehr durchgehend „egg freezing for social reasons“, also „Einfrieren von Eiern aus sozialen (im Gegensatz zu medizinischen) Gründen”. Manchmal wird es verkürzt zu „social egg freezing“ aber niemals zu „social freezing“. Dieser merkwürdige Ausdruck findet sich nur in den deutschen Medien, und zwar völlig unhinterfragt.  Wer ihn - möglicherweise versehentlich - in die Welt gesetzt hat, konnte ich nicht eruieren. Ziemlich wahrscheinlich aber ist, dass in der Folge alle anderen von ihm, ihr oder voneinander abgeschrieben haben, so dass sich der sonderbare Ausdruck in Windeseile verbreiten konnte. Ein gutes Beispiel dafür, wie dubiose Nachrichten sich heute als verbindliche Norm durchsetzen können.

Wenn egg-freezing zu freezing verkürzt wird, so folgt man damit einem Abkürzungs- und Verschleierungstrieb, der auf dem Gebiet der weiblichen Fortpflanzung besonders aktiv ist. Aus „Abtreibung der Leibesfrucht /des Fötus“ wird „Abtreibung“, aus „Abbruch der Schwangerschaft“ wird „Abbruch“. Zum Vergleich: „Abbruch des Studiums“ ist nicht einfach „Abbruch“. „Social freezing“ geht aber noch einen Schritt weiter. Es ist, wie wenn die Medien plötzlich von „sozialer Abtreibung“ oder „ethischer Abtreibung“ reden würden statt von „Abtreibung aus sozialen bzw. ethischen Gründen“.

Bleibt abschließend nur noch eine Frage zu klären: Wenn das Einfrieren der Eier so sozial ist - warum werden Männer dann davon ausgeschlossen? Vielleicht bringt „natural freezing“ einen Ausgleich. Manchmal nämlich lässt Mutter Natur es so kalt werden, dass die Männer sich die Eier abfrieren. Der Winter naht - bald ist es wieder so weit.

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# | Luise F. Pusch am 26.10.2014 um 11:41 AM • 8 KommentarePermalink

05.10.2014

Was fehlte beim Festakt und in der Merkelrede zum Nationalfeiertag?

Der Festakt zum Tag der deutschen Einheit fand diesmal in Hannover statt. Im Kuppelsaal der Stadthalle, nicht weit von meiner Wohnung, hatte sich die gesamte deutsche Politprominenz versammelt. Als Hannover-Fan habe ich mir die Sache im TV angeschaut - so hoher Besuch in unserer Stadt kommt ja nicht oft vor.

Die männliche Politprominenz erschien überwiegend komplett mit Gattin: Schröder und Schröder-Köpf, Voßkuhle und Gattin, Bouffier und Gattin, Weil und Kerkow-Weil, Schäuble und Gattin, Genscher und Gattin. Gaucks und Daniela Schadts Händchenhalten begeisterte offenbar die Kameraleute und Bildregie so sehr, dass es uns dauernd in Großaufnahme gezeigt wurde. Inniges Einverständnis zwischen dem Ossi und der Wessi als optische Versinnbildlichung der deutschen Einheit.

Merkel, von der Leyen, Schwesig, Lieberknecht und Süßmuth saßen da ohne Gatten. Wie sollen wir dieses Strukturgesetz - keine der Politikerinnen mit Gatten, die meisten der Politiker mit Gattin -  interpretieren? Überließen die ritterlichen Gatten wichtigeren Persönlichkeiten ihre Plätze? Immerhin möchten viele einen Platz in der ersten Reihe, und die Zahl der Plätze ist begrenzt. Oder wollen die eher unwichtigen Gatten prominenter Frauen in der Öffentlichkeit nicht als männliche Anhängsel erkannt werden? Ich vermute Letzteres. Die weiblichen Anhängsel der prominenten Gatten sind hingegen gewohnt, das Bild des Gatten in der Öffentlichkeit zu komplettieren. Einer wie Christian Wulff, dem seine Gattin abhanden kam, gilt doch als eher traurige Figur. In unserer Herrenkultur wird eine Frau “an seiner Seite“ erhöht. Für den Anhängsel-Mann gilt das Gegenteil, er fühlt sich erniedrigt neben seiner ranghöheren Gattin, deshalb macht er sich dünne.

Nicht dass die Gatten der Politikerinnen groß vermisst worden wären. Alles war schön festlich und fröhlich. Wir Deutschen durften mal stolz sein. Eine friedliche Revolution, das ist doch was! Fast so gut wie die Fußballweltmeisterschaft, auf die wir auch verhalten stolz sein dürfen.

Was ist sonst noch zu vermerkeln?

Ach ja, die Rede von Merkel. Sie war 25 Minuten lang und eindeutig das Hauptstück der Veranstaltung. Joey und mir hat sie sehr gut gefallen (Schröder offenbar weniger, er sah mäkelig drein und findet anscheinend noch immer, dass „die das ja gar nicht kann“). Die „mächtigste Frau der Welt“ (Forbes Magazine) war klug, liebenswürdig, bescheiden und überzeugend. Joey, die uns um Merkel beneidet, meinte, im Vergleich mit Obama mache sie eindeutig die bessere Figur. Aber er wird allseits als brillanter Rhetoriker gepriesen.

In einem Punkt aber hat die Kanzlerin uns wieder, wie schon so oft, gründlich enttäuscht. Sie verurteilte mit klaren Worten Extremismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, die die Menschen in unserem Land bedrohen. Mit keiner Silbe erwähnte sie die Frauenfeindlichkeit in Deutschland, in Europa und in aller Welt, die um ein Vielfaches bedrohlicher ist als Extremismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit zusammengenommen. In England sterben täglich drei Frauen durch ihre Partner, in Spanien sollen es täglich sieben sein. In Deutschland waren es im Jahre 2011 drei pro Woche. Quelle: hier.

Der NSU ermordete in 6 Jahren zehn Personen. Deutsche Partnerinnenmörder sind da effektiver; sie schaffen dieselbe Anzahl in 3 Wochen. Trotzdem findet die Kanzlerin dafür nicht ein einziges Wort des Abscheus, der Sorge, des Trostes und der Entschlossenheit, der Dauer-Katastrophe mit allen Mitteln entgegenzutreten.

Von daher vermute ich, dass ihre schöne Rede von einem Mann verfasst wurde. Aber sie hatte ja die Möglichkeit, seinen Entwurf um das Wesentliche zu ergänzen - und hat es nicht getan.

Was haben die Politikerinnengatten und die Partnerinnenmörder miteinander gemeinsam? Ihr eklatantes Fehlen beim Festakt bzw. in der Merkelrede ist kein Thema in den Medien und fällt niemandem auf - außer vielleicht ein paar Feministinnen. Das Fehlen und das Schweigen zeigen, dass das Patriarchat sich keine Sorgen zu machen braucht, seine Gesetze werden befolgt: Die Frau hat an seiner Seite zu sein und nicht umgekehrt. Wird sie berühmt, mag er sich mit dieser Schmach jedenfalls nicht sehen lassen. Gehorcht die Frau nicht, erschlägt er sie schon mal, aber das ist nicht der Rede wert, selbst wenn es massenhaft geschieht. 
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# | Luise F. Pusch am 05.10.2014 um 05:01 PM • 3 KommentarePermalink

29.09.2014

Die Sprache der Eroberinnen: Ganz neue Erkenntnisse zur deutschen Sprachgeschichte

FrauenbildAm vergangenen Wochenende war ich auf Vortragsreise und verbrachte deshalb sieben Stunden im Zug. Die lange Fahrzeit verkürzte ich mir mit einem sehr anregenden und vergnüglichen Buch: Kristin Kopfs „Das kleine Etymologicum: Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Sprache“, soeben erschienen bei Klett-Cotta zum Preis von 19.95 EUR.

„Kristin Kopf, geboren 1984“, verrät uns der Klappentext, „forscht und lehrt an der Universität Mainz im Bereich historische Sprachwissenschaft.“

Ach Mainz — dort musste ich im Januar 1972 die Hauptprüfung für mein Rigorosum bei Professor Broder Carstensen (Anglistik) überstehen. Sie verlief gnädig, Carstensens Assistentin, Marlis Hellinger, war mir eine freundliche Stütze. Hellinger, eine Pionierin der feministischen Linguistik, wurde bald darauf Professorin und dann Dekanin der Philosophischen Fakultät der Uni Hannover. In dieser Funktion versuchte sie einen neuen Briefkopf für ihr offizielles Briefpapier durchzusetzen. Sie fand, dort sollte statt „Der Dekan der philosophischen Fakultät“ doch besser „Die Dekanin …“ stehen. Die Bitte wurde mit der Begründung abgewiesen, es handle sich bei „Dekan“ um eine Organbezeichnung. Haben wir gelacht über dieses wichtige Organ! Wir nannten es in der Folge nur noch “der Dekan”.

Ihr Doktorvater, eben Broder Carstensen, hatte ihr zuvor schon mitgeteilt, er werde sie weiterhin mit „Fräulein“ anreden - Professorin und Dekanin hin oder her, wie er sie anrede, das entscheide immer noch er!

Was lese ich nun zu der Anrede „Fräulein“ bei Kristin Kopf: „Bis vor wenigen Jahrzehnten war das deutsche Anredesystem von einer skurrilen Asymmetrie geprägt. Männer wurden immer als Herr angesprochen, bei Frauen aber unterschied man zwischen dem unverheirateten Fräulein und der verheirateten Frau. … Heute ist der Bedeutungswandel abgeschlossen, und das Wort [Fräulein] findet fast nur noch scherzhafte Verwendung.“ (S. 206)

Cool! „Skurril“, „scherzhafte Verwendung“ sind wahrhaftig die passenden Ausdrücke für diesen Problembereich, aber unser guter Doktorvater hatte für solche Erkenntnisse so gar kein Organ…

„Sie ist Mitbetreiberin von http://www.sprachlog.de, dem erfolgreichsten deutschen Sprachblog….“, lese ich weiter über Kristin Kopf.

Den Sprachlog habe ich seit einigen Monaten abonniert und kann ihn wärmstens empfehlen. Durch ihn erfuhr ich schon im Frühsommer vom baldigen Erscheinen des Buchs und habe es gleich in meiner Buchhandlung vorbestellt, weil mir Kopfs Beiträge im Blog, kenntnisreich und mit Charme serviert, gut gefielen.

„Geboren 1984“ - Kristin Kopf erschien also im selben Jahr wie mein Buch „Das Deutsche als Männersprache“, und es hat mich sehr gefreut festzustellen, wie souverän Kopf heute mit der deutschen Männersprache kurzen Prozess macht.

Zwar vermisste ich in dem Buch die neusten Erkenntnisse zur Geschichte der Movierung (Ableitung femininer Personenbezeichnungen aus Maskulina) im Deutschen, das kommt vielleicht in einem zweiten Band. Dafür hat aber die Autorin sich eine originelle Lösung ausgedacht, wie der sprachlichen Unsichtbarkeit der Frauen praktisch abzuhelfen sei. Diese Lösung machte für mich die Lektüre ihres Buchs zu einem besonderen Vergnügen. Kopf kündigt sie gleich auf S. 11 folgendermaßen an:

Bei generischer Verwendung von Personenbezeichnungen (wenn keine konkreten Individuen gemeint sind) wird in diesem Buch die weibliche oder die männliche Form gebraucht. Die Zuweisung erfolgt per Zufall, über eine randomisierte Liste. Gemeint sind aber immer alle Menschen, egal, welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlen (oder ob sie das überhaupt tun). Auch die Fälle, in denen unklar war, ob beide Geschlechter gemeint sind, wurden großzügig den generischen Bezeichnungen zugeschlagen. Sie werden im folgenden also auf Vorfahrinnen, Griechinnen, Lexikografinnen… stoßen, die alle Nicht-Frauen mitmeinen und auf Ahnen, Goten und Sprachwissenschaftler, die die Nicht-Männer einschließen.

Ich grüble noch, welches Genus Kristin Kopf für ihre Neuschöpfungen Nicht-Frau und Nicht-Mann vorgesehen haben mag (der Nicht-Frau oder die Nicht-Frau??).

Während wir uns also von Kopfs klugen und leicht verständlichen Erläuterungen auch sehr komplexer sprachgeschichtlicher und grammatischer Sachverhalte fesseln und fortbilden lassen, überrascht sie uns immer wieder mit gänzlich ungewohnten Mitteilungen über Frauen und mitgemeinte Nicht-Frauen wie diese:

Zur Zeit der Völkerwanderung … siedelten germanische Völker im Römischen Reich. Im späteren Italien waren das die Langobardinnen, … in Südengland die Angeln und die Sächsinnen, … und in der Gegend um Worms ließen sich die Burgunderinnen nieder … (S. 99)
Die Vandalinnen zogen weiter, die Fränkinnen blieben und drückten dem Land … seinen späteren Namen auf: Frankreich … (S. 99f)
… Die Langobardinnen gaben ihre Sprache zunehmend zugunsten des Italienischen auf. (S.177)
Im Deutschen bezeichnet Guerilla heute einzelne Partisaninnen oder Partisanengruppen. (S.186)
Allerdings sprechen nicht alle Inderinnen Hindi… (S. 231)
Die Keltinnen kennen wir aus Geschichtsbüchern oder Asterixbänden … (S. 233) (Anmerkung: Nein: Aus Geschichtsbüchern oder Asterixbänden kennen wir natürlich nur die Kelten. Umso schöner, den Keltinnen hier endlich auch mal zu begegnen.)
Schließlich kamen die Römerinnen mit ihrer Expansionspolitik. (S. 234)
Die keltischen Dialekte … kamen in engen Kontakt mit der Sprache der Eroberinnen. (S. 235)
Von Beginn an sprachen es [das Afrikaans] nicht nur die europäischen Kolonialistinnen … (S. 237)

Zum Schluß sei noch der trockene Humor der Autorin gewürdigt, der das ganze Buch durchwärmt und der für linguistische Prosa nicht eben typisch ist. Eine Kostprobe: „Von der engen Beziehung zwischen den „Liquiden“ l und r zeugen die (nicht miteinander verwandten) Sprachen Chinesisch, Koreanisch und Japanisch, die nur einen der beiden Laute zu besitzen scheinen - die Witze darüber sind Region.“

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# | Luise F. Pusch am 29.09.2014 um 04:13 PM • 6 KommentarePermalink

14.09.2014

Der Familienauslöscher

Die Woman’s Hour der BBC ist eine feministische Radioserie, die täglich ab 10 Uhr morgens 45 Minuten lang den BritInnen die neusten Nachrichten aus der Sicht von Frauen liefert. Ja, so etwas gibt es - und das schon seit bald 70 Jahren (1947)! Inzwischen wird die Perle auch als Podcast angeboten, und eine Frau, die Englisch kann und sie nicht regelmäßig hört, ist selber schuld.

Am 5. September brachte Woman’s Hour einen Beitrag über „family annihilators“, also Menschen, die ihre ganze Familie umbringen. Meistens sind es Familienväter, die ihre Frau und ihre Kinder umbringen und zum Schluss (oft) sich selbst.

Ich hatte die Bezeichnung „family annihilator“ noch nie gehört. Früher wurden die „family annihilators“ meist als Amokläufer bezeichnet; sie bildeten keine eigene Kategorie. Nun aber hat sich die Kriminologie dieser Spezies angenommen und festgestellt, dass es sich um einen Typus eigener Art handelt, der entsprechend einer eigenen Bezeichnung bedarf. Der Hauptunterschied ist wohl der, dass der Amokläufer ausrastet, während der „Familienannihilator“ planvoll versucht, seine Familie wieder unter Kontrolle zu bekommen, indem er sie ausradiert.

„What else is new?“ fragte ich mich verdrossen, während ich mir das anhörte und überlegte, wie der Ausdruck wohl ins Deutsche zu übersetzen wäre. Denn wir Deutschen verdanken unserer elenden Vergangenheit ein besonders reichhaltiges Vokabular in Sachen Menschenvernichtung und haben die Qual der Wahl. „Annihilator“ gehört allerdings nicht zu den Optionen, und „Terminator“ würde wohl als zu verspielt abgelehnt. Aber „Vernichter“ könnte gehen. Oder besser Vertilger? Ausrotter? Auslöscher?

Vielleicht hatte sich bereits jemand des Problems angenommen? Ich googelte “Familienvernichter” und bekam nur Alternativvorschläge: „Familienversichert“ und “Familienversicherung”. Mit der Eingabe „Familienvernichtung“ wurde ich dann fündig, aber ganz anders, als ich gedacht hatte. Unter „Familienvernichtung“ versteht die rechte Szene - ns-rastatt.net oder wgvdl.com (=Wieviel „Gleichberechtigung“ verträgt das Land?) - Aufklärung über Homosexualität: „Fächerübergreifende Familienvernichtung in Berliner Schulen - Homoförderung schon für die Kleinsten“. Oder Befürwortung der Gleichberechtigung: „Familienvernichtung die Nächste: … Frauen in die Karriere, Kinder auf die Deponien“.

Ich suchte also weiter.
„Familie ausgerottet” brachte 9.190 Funde.
„Familie vernichtet” brachte 6.090 Funde.
„Familie ausgelöscht“ brachte 52.400 Funde.

“Familienauslöscher” scheint die akzeptierte Übersetzung. „Ausrotten“, „vernichten“ und „vertilgen“ sind Ausdrücke, die für Unkraut, Ungeziefer, lästige Haustiere wie Mäuse und Ratten verwendet werden, weshalb die Nazis sie auch gegen die jüdische Bevölkeung einsetzten, die sie auf diese Weise mit „Ungeziefer“ gleichsetzten, von dem der „Volkskörper“ natürlich „befreit“ werden musste.

Wohl um heute derartige Anklänge zu vermeiden, wählte man die Übersetzung „Familienauslöscher“. Dazu dieser deutsche Bericht über die britische Studie, auf die die „Woman’s Hour“ sich bezog. Und hier die Studie selbst. Für alle, die ganz genau wissen wollen, wie der Familienauslöscher tickt.

Den ausgelöschten Frauen und Kindern dürfte es egal sein, ob sie ausgelöscht, vernichtet, vertilgt oder ausgerottet wurden. Wichtiger als das nachträgliche sprachliche Zartgefühl ist wohl die Vorbeugung. Und da hilft vor allem die Erkenntnis, dass der Familienauslöschung oft die sogenannte „Gewalt in der Familie“ vorangeht. Diese findet meist im Verborgenen statt, weil absurderweise nicht der Gewalttäter sich ihrer schämt, sondern die Frau. Viele Frauen-Notrufe kämpfen seit Jahrzehnten gegen diese ungehemmte und ungestrafte familiäre Männergewalt. Auf ziemlich verlorenem Posten, denn die Öffentlichkeit interessiert sich kaum für das Thema. Das könnte sich gerade ändern, nachdem wieder mal ein Promi zugeschlagen hat und dabei gefilmt wurde. Die Brutalität des gefeierten US-amerikanischen Football-Stars Ray Rice gegen seine Verlobte (inzwischen: seine Frau) löste in den USA massive Proteste aus. Und jetzt weltweiten Protest gegen familiäre Männergewalt in den Twitterkampagnen #WhyIstayed und #WhyIleft, in denen Frauen endlich öffentlich machen, was angehende Familienauslöscher ihnen zu Kontrollzwecken schon mal antun, bevor sie zum terminalen Schlag ausholen. Mehr dazu hier.
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# | Luise F. Pusch am 14.09.2014 um 03:50 PM • 5 KommentarePermalink

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Hedwig Dohm