10.05.2008

Jubilate Deo

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Achtzehnte Lektion

Bei jenem Seminar mit Frauen der feministisch-matriarchalen Akademie Alma Mater, von dem ich hier neulich schon berichtet habe, habe ich außer fräuen noch ein anderes schönes Wort gelernt.

Während der Vorstellungsrunde erzählten die Teilnehmerinnen von ihren Berufen und Tätigkeiten. Eine sagte: “Ich bin Jubilate”. Merkwürdig, dachte ich, aber da die Runde das anscheinend ganz selbstverständlich fand, wollte ich nicht unterbrechen und beschloß, die Jubilate im Anschluß zu fragen, was das denn sei, eine Jubilate.

Ich kannte Jubilate nur aus dem Lateinunterricht ("jubelt, jauchzt, frohlockt"), als komplizierten Kanon, den wir drei Kinder mit unserer Mutter beim Spülen und Abtrocknen sangen und als Bezeichnung für den dritten Sonntag nach Ostern, benannt nach dem Beginn des 66. Psalms, Jubilate Deo = Lobet den Herrn oder Jauchzet dem Herrn oder Jauchzet Gott (in allen Landen). Ja, im christlichen Kulturgut wurde ich gründlich unterwiesen. Das Seminar fand übrigens direkt nach dem Sonntag Jubilate statt.

Weiter ging es mit der Vorstellungsrunde, und alsbald erklärte eine zweite Frau: “Ich bin auch Jubilate”. Jetzt konnte ich meine Neugier nicht mehr bezähmen und fragte: “Und was heißt das?”

Das heißt “Rentnerin”, erklärten sie mir, und Jubilate gefiele ihnen viel besser als das olle Rentnerin.

Klar, Rentnerin klingt kaum nach Jubel.

Die Idee käme von Erni Kutter, sagten sie, und es sei ein Import aus dem Spanischen. Dort heißt die Rentnerin jubilada und der Rentner jubilado.

Zu Hause dachte ich weiter über die Jubilaten nach. Mir fiel ein, daß eine Freundin sich Freifrau nannte, als sie „in Rente ging“ - aber dieses Wort benutzen auch schon geschiedene und sonstwie befreite Frauen. Statt “Ich bin geschieden/Witwe/ledig/kinderlos” oder “die Kinder sind aus dem Haus” heißt es einfach “Ich bin Freifrau”.

Damit nun die Anzahl der Freifrauen nicht ins Uferlose wächst, nennen wir die Rentnerinnen Jubilaten. Sehr erfräulich!

Und was ist nun mit Jubilate Deo? Das ist ein besonders hautfreundliches Deo für die Jubilate.

# | Luise F. Pusch am 10.05.2008 um 04:27 PM | Druckversion

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02.05.2008

“Eigenartige Personen” - Lesbos hat Probleme mit dem L-Wort

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Siebzehnte Lektion

Ende April meldeten diverse Zeitungen Erregung aus Richtung Lesbos: Dimitris Lambrou, Chefredakteur der konservativen Zeitschrift “O Davlou” und zwei Einwohnerinnen der Insel Lesbos wollen einer griechischen Organisation von Lesben und Schwulen verbieten, das Wort lesbisch zu benutzen: “Wir wenden uns gegen die willkürliche Nutzung des Namens unserer Heimat von Personen, die eigenartig sind”, heißt es unter anderem in der Klageschrift. “Sie empfänden es als ‘beschämend’, den Namen ihres Geburtsortes zu nennen, da er weltweit mittlerweile etwas völlig anderes bedeute. Der Antrag soll in Athen am 10. Juni behandelt werden.” (HAZ, 30.4.2008)

Wenn ihnen das Gericht in Athen Recht gibt, wollen sie weiter gegen die “eigenartigen Personen” prozessieren, erst EU-weit und dann mit Hilfe der EU weltweit.

Ich denke, bald wird Sparta nachziehen und den Gebrauch des Wortes spartanisch im Sinne von “dürftig” verbieten. Spanien wird die spanische Grippe verbieten, England die englische Krankheit (Syphilis), Frankreich die französische Krankheit (Syphilis) und Paris den Pariser.

Und dann die Berliner - höchste Zeit, daß sie den Bäckereien verbieten, ihre Schmalzkrapfen Berliner zu nennen. Ein US-Amerikaner fragte mich einmal, ob Kennedy damals tatsächlich (sinngemäß) verkündet hätte “Ich bin ein Schmalzkrapfen”. Ich konnte ihn beruhigen, das Wort Berliner hätte zwei Bedeutungen, und sein Präsident wäre schon richtig verstanden worden!

Hier haben Berlinerinnen definitiv einen Vorteil, genau wie Amerikanerinnen, die mit dem Zuckergußgebäck namens Amerikaner nicht verwechselbar sind. Auch die Frankfurterinnen, Wienerinnen und Pariserinnen können frohlocken, weil sie nicht an Frankfurter oder Wiener (Würstchen) oder gar an Kondome erinnern. Und wie Helke Sander hier schon früher bündig festgestellt hat, ist auch die Hamburgerin im Gegensatz zum Hamburger keine Bulette oder Frikadelle!

Seit French fries (= Pommes frites) wegen des französischen Widerstands gegen den Irakkrieg in den Kantinen US-amerikanischer Regierungsgebäude zu freedom fries wurden, habe ich nicht mehr eine so groteske Geschichte gehört wie die, die uns da aus Lesbos erreicht.

Frau darf gespannt sein, wie der Streit entschieden wird. Für den Fall, daß wir uns bald umbenennen müssen, haben deutsche Lesben ja schon lange vorgesorgt:  BürgerInnen der Insel Lesbos heißen auf Deutsch Lesbier und Lesbierinnen, nicht etwa Lesben.

Wenn das nicht genügt, können wir die raffinierte Praxis von Daphne du Maurier aufgreifen und erstmal venezianisch statt lesbisch sagen. Klingt auch viel schöner.

Frauenbild
Wenn dann Venedig protestiert, sagen wir einfach urnisch, Urninge und Urninden, wie einst die Grünen, denen der Bundestag noch im Jahre 1988 den Gebrauch der “Gossenausdrücke” Lesben und Schwule untersagte! (1)

Das Eigentor aus Lesbos zeigt, daß dort einige nicht klar denken können. Gefühle der Scham werden nicht durch Verbote neutralisiert, sondern durch offizielle Anerkennung und Aufwertung. Lesben sind nicht eigenartig, sondern großartig. Wirtschaftlich unvernünftig ist der Vorstoß allemal, denn viele zahlungskräftige Lesben zieht es nach Lesbos einzig wegen des Namens und der großartigen Tradition. Lesbos täte gut daran, die rückständige Clique um Lambrou zur Ordnung zu rufen und die von Sappho begründete Tradition stolz zu feiern statt sie zu schmähen. Zum Beispiel mit einem Sappho-Preis für lesbische Literatur oder für die Lesbe des Jahres.

Sonst könnten Lesben und Schwule sich auf andere Traditionen besinnen und sich griechisch oder katholisch nennen. Dann wird es erstmal lustig!

•••••••••••••••
(1) Vgl. Luise F. Pusch. 1999 (1995). “Ein Streit um Worte? Eine Lesbe macht Skandal im Deutschen Bundestag”, in: Pusch, Luise F. 1999. Die Frau ist nicht der Rede wert: Aufsätze, Reden und Glossen. Frankfurt/M. Suhrkamp TB 2921. S. 37-67

# | Luise F. Pusch am 02.05.2008 um 07:46 PM | Druckversion

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20.04.2008

Fräude, schöner Göttin Funken

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Sechzehnte Lektion

Am 18. April war ich in dem schönen FrauenBildungshaus Altenbücken an der Weser für ein Seminar mit Frauen der feministisch-matriarchalen Akademie Alma Mater. Im Vorfeld hatte mir Astrid Wehmeyer geschrieben “Ich fräue mich”, und fräudig schrieb ich zurück, “ich fräue mich auch”. Schließlich sind Fräude, erfräulich und fräuen für die Silbe fräu ein viel hübscheres Ambiente als Fräulein!

Im Laufe des Seminars erkundigte ich mich dann nach dieser Wortschöpfung und erfuhr, daß Dagmar Margotsdotter Fricke sie hervorgebracht hat, um daran zu erinnern, daß Freude von Frau kommt, was ja in der modernen Schreibweise gar nicht mehr zu erkennen und daher völlig in Vergessenheit geraten sei.

Die meisten Teilnehmerinnen des Studiengangs benutzten die neue Schreibweise selbst eifrig und fräuten sich über Dagmars Erfindung. Andere lehnten sie ab, Fräude erinnere sie zu sehr an Räude. Ich sagte, mich erinnere diese Schreibweise auch an Räude, aber mir leuchte der Bezug von Frau zu Fräude unmittelbar ein, die Assoziation an Räude fände ich dagegen eher abwegig, etwa wie die von Frau an rau.

Ich gestand dann, von einer etymologischen Verwandtschaft zwischen Frau und Freude hätte ich allerdings noch nie etwas gehört. Wieder zu Hause, las ich in einigen etymologischen Wörterbüchern nach - auch sie wollen nichts davon wissen, sondern meinen, Freude und das verwandte froh gingen eher auf Frosch zurück, wegen des Hüpfens! Also wirklich.

Erfräulicher ist da wie immer das Grimmsche Wörterbuch; die famosen Brüder geben zu, “dies freuen gehört zu froh, fravi und frauja“ - verraten allerdings nicht, daß frauja und fraujo “hochgestellte Persönlichkeit” bedeuten, frauja die männliche und fraujo die weibliche. Wundert uns nicht, daß hochgestellte Persönlichkeiten auch hochgestimmt sind und sich fräuen! Fraujo wurde später zu Frau abgekürzt; für den hochgestellten Mann setzte sich Herr durch.

Ich fand auch sonst noch viel Hübsches unter dem Stichwort freuen im Grimmschen Wörterbuch, aber darüber mehr in einer späteren Lektion. Einstweilen wollen wir uns einfach fräuen und mit Schillern die Ode an die Fräude singen, seit 1985 auch offizielle Europahymne:

Fräude, schöner Göttin Funken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligthum.

Nebenbei liefern diese vier Zeilen auch ein brauchbares Argument gegen das angeblich geschlechtsneutrale “generische Maskulinum”. In der Ode an die Fräude redet Schiller die Fräude als “Tochter” an und preist sie als “Himmlische”. Obwohl Fräude ein Abstraktum ist, denkt der Dichter, weil es ein Femininum ist, nur an holde Weiblichkeit. Von uns, Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher, aber erwartet mann, daß wir bei maskulinen Personenbezeichnungen wie jedermann oder König Kunde an Frauen denken. Unsinnig und sehr unerfräulich!

# | Luise F. Pusch am 20.04.2008 um 10:39 AM | Druckversion

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12.04.2008

Schluß mit der Duldungsstarre

Berit, Angelika, Juanita und ich saßen kürzlich mal wieder gemütlich im Restaurant bei Flammkuchen und Bier; diesmal feierten wir das Erscheinen von Die Eier des Staatsoberhaupts. Berit hatte mir Stoff für die nächste Glosse mitgebracht - ein verrücktes Wort, das sie eben erst kennengelernt hätte: Duldungsstarre.

Uns schwante nichts Gutes, wir konnten uns schon allerlei Unschönes denken. Frau ist ja nicht weltfremd. Wir alle kennen den Rat “Augen zu und an England denken”, den viktorianische Mütter ihren Töchtern für die Hochzeitsnacht mitgaben.

Berit zog einen Zettel aus der Tasche und las vor: “Die Duldungsstarre bezeichnet einen Zustand vor allem weiblicher Säugetiere ... während der Begattung durch das Männchen. Dabei verharrt das Weibchen in einer für die Penetration günstigen Stellung, bis der Geschlechtsakt vollzogen ist. Beim Schwein wird die völlige Apathie durch ein Duftdrüsen-Sekret des Ebers ausgelöst.” (aus Wikipedia)

Das erinnerte uns fatal an sogenannte “Date Rape Drugs” - “Drogen, mit denen die Opfer hilflos bzw. willenlos gemacht werden, sodass sie nicht imstande sind, sich einem Geschlechtsverkehr zu widersetzen. Oftmals können sie sich nicht mehr erinnern, was geschah. Die Drogen sind normalerweise farblos, ohne Geruch oder Geschmack und können somit leicht ohne das Wissen des Opfers in Getränke gemischt werden.“ (zitiert nach www.drogen-wissen.de)

Also von den Ebern haben die Unholde sich das abgeschaut.

Ich hatte auch ein neu gelerntes Wort beizusteuern, Gattenekel, geprägt von Thomas Mann und quasi das Pendant zur Duldungsstarre. Manns Schwester Julia war morphiumsüchtig, und sie brauchte die Droge anscheinend, um ihren Gattenekel zu überwinden und ihre Duldungsstarre selbst herbeizuführen. Als auch das nicht mehr half, brachte sie sich um. Dazu Thomas Manns Sohn Golo in seinen Erinnerungen: “Wenn [in dem Roman ‘Lotte in Weimar’] ... im inneren Monolog Goethes die Schwester Cornelia an ‘Gattenekel’ leidet, so litt Julia auch daran, und wer den Hofrat Löhr kannte, mag es begreifen. Ihre Neigung zum Morphium ... kam von daher; was der Bankier nur zu oft von ihr wollte, konnte sie ohne das erlösende Gift nicht prästieren.”

Deutliche Worte, wie wir Frauen sie aus Männermund höchst selten vernehmen. Wahrscheinlich waren Mann Vater & Sohn nur deshalb dazu fähig, weil sie als Schwule die „ehelichen Pflichten/Freuden“ selber skeptisch sahen.

Arme Julia. Armes Schwein. Aber Julia noch mehr - anders als die arme Sau nahm sie dem Ekelgatten sogar noch die Arbeit der Narkotisierung ab.

Also Mädels: Schluß mit der Duldungsstarre. Augen auf, und an uns selber denken! Und gegen Gattenekel hilft zuverlässig eine Scheidung.

# | Luise F. Pusch am 12.04.2008 um 07:36 PM | Druckversion

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05.04.2008

Geburtstag

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Fünfzehnte Lektion

Vorgestern hatte Kate Geburtstag. Ich habe ihr gratuliert, aber nicht Joey, ihrer Mutter. Das fiel mir erst nachträglich ein. Als meine Mutter noch lebte, habe ich zu meinem Geburtstag immer ihr gratuliert. Wohl ist es ein Grund zum Feiern, daß ich vor Jahrzehnten mal “das Licht der Welt erblickte”, aber gratuliert wird doch meist zu einer Leistung, einer bestandenen Prüfung, einer überstandenen Operation. Sicher ist eine Geburt anstrengend auch für das Baby, aber die Mutter erlebt die Anstrengung bewußt und hat vorher monatelang Zeit, sich darauf gefaßt zu machen. Eine besonders ehrliche junge Mutter, Anke Sieber, gestand mir einmal: “Alle sagen immer, eine Geburt ist das Größte, was du erleben kannst. Wenn mir vorher jemand verraten hätte, wie grauenvoll das in Wirklichkeit ist, hätte ich mich nie darauf eingelassen. Aber dann steckst du fest und musst da durch, du kannst nicht mehr zurück.”

Das Überleben einer solchen Tortur verdient jedes Jahr ein rauschendes Fest - für Mutter und Kind.

“Ich bin in Gütersloh geboren.” Dieser Satz klingt ganz normal, dabei ist er grammatisch seltsam. Ich wurde in Gütersloh geboren, liebevoll erzogen, einige Male operiert, dann wurde ich eingeschult, später konfirmiert. Aber nie würde ich sagen: “Ich bin in Gütersloh erzogen, operiert, eingeschult und konfirmiert.”

“Ich bin in Gütersloh geboren” ist dagegen gängige Redeweise. Daß ich geboren wurde, von meiner Mutter unter großen Schmerzen und nach beschwerlicher Schwangerschaft - von dieser unwesentlichen Kleinigkeit ist in dem Satz nichts mehr übriggeblieben. Das so genannte Zustandspassiv wird mit sein statt werden gebaut und ergibt üblicherweise Sätze wie “Sie ist frisch operiert, gut versorgt und bestens untergebracht.” “Ich bin geboren”, paßt nicht in die Reihe. Geborensein ist, anders als Versorgtsein, kein Zustand. Nein, hier (und nur hier) dient die Konstruktion dem totalen Ausblenden der Mutter.

Die Feministin Marianne Wex schrieb in ihrer Selbstdarstellung für das Buch Feminismus: Inspektion der Herrenkultur, das ich 1983 herausgab: “Meine Mutter Ingeborg Magdalena gebar mich 1937 in Hamburg am 13. Juli. Sie lebte in großem Elend, in einer Situation, die Familie genannt wurde.” Ja, so kühn und eigenwillig formulierte frau damals noch.

Marianne Wex lenkt die Aufmerksamkeit von sich weg auf ihre Mutter, die sie gebar. Das ist eine sehr bewußte feministische Korrektur der allgemeinen Sehweise, die die Mutter eliminiert.

Als Herausgeberin von Frauenbiographien bekomme ich täglich Sätze wie “Sie wurde in Bebra als Tochter eines Bierkutschers geboren” auf den Tisch, auch von frauenbewußten Frauen. Sie folgen einfach gedankenlos der Tradition, nach der nur der Beruf des Vaters aussagekräftig ist. Die Mutter - war ja eh bloß Muttertier, völlig vorhersagbar. Feministinnen wie Marianne Wex sehen das anders. Vorhersagbar oder nicht - es geht einfach darum, weibliche Leistungen zu würdigen.

Und was sollen wir von der Redeweise halten, daß meine Mutter mich am Tag meiner Geburt “zur Welt brachte”? Auf der Welt, nämlich im Bauch meiner Mutter, war ich da doch schon neun Monate lang gewesen. Oder gehörte meine Mutter während der Schwangerschaft etwa nicht zur Welt?

Am Tag der Geburt ist das Kind zwar schon monatelang “auf der Welt”, aber erst an diesem Tag “erblickt es das Licht der Welt” - falls es Lust hat, die Augen zu öffnen.

Wie all diese Beispiele zeigen, wird die Geburt eher aus der Sicht des Kindes gesehen. Ich nehme an, das liegt daran, daß Männer nicht gebären können - für die meisten eine fremde Welt, die praktisch nicht existiert. Für die Abtreibungsproblematik gilt dasselbe - wenn Männer sich auch mit der Mutter identifizieren könnten, gäbe es vermutlich viel weniger Streit. Aber sie können sich auf der kreatürlichen Ebene nur mit dem Kind identifizieren, deshalb sind die meisten instinktiv schon mal gegen die Abtreibung: Sehr beunruhigende Vorstellung, daß ausgerechnet das schwache Geschlecht am Hebel sitzt und dem Herrn der Schöpfung nicht nur “das Leben schenken”, sondern auch nehmen kann.

Ist schon recht, wenn wir dem Geburtstagskind zu seiner Überlebensleistung gratulieren. Aber nicht die Mutter vergessen, die ihr “das Leben schenkte”. Etwas blumig, der Ausdruck, und ähnlich problematisch wie “zur Welt bringen”. Bleiben wir beim guten alten “gebären”. Paßt auch am besten zu Geburtstag.

# | Luise F. Pusch am 05.04.2008 um 11:27 AM | Druckversion

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31.03.2008

“Die fröhliche Landfrau” von Robert Schumann

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Vierzehnte Lektion

Über die neue Dating-Show der ARD “Ich weiß wer gut für dich ist” schreibt die HörZu: “Junges und Frisches genießt Priorität im Ersten, wie Ilka, einer von elf Singles ….

“Ilka der Single” - klingt schon komisch.

“Fragen Sie den Coach”, heißt eine Kolumne in der FAZ zum Wochenende, und der Coach heißt Sonja Streit.

Diese Übernahmen aus dem Englischen sind im Original alle geschlechtsneutral, werden im Deutschen aber automatisch männlich, egal wie unsinnig das sein mag. Der Babysitter z.B. - ist fast immer ein Mädchen oder eine Frau. Dito der Teenager - daß Teenager Mädchen sind, ist so selbstverständlich, daß die weibliche Form “Teenagerin” nicht mal existiert, anders als etwa bei der Managerin. Auch der Vamp kommt mir eher weiblich vor, über den Freak und den Nobody ließe sich diskutieren…

Aus einem Podcast über Mikomoto, den japanischen Erfinder der Perlenzucht, erfuhr ich, daß “Perlentaucher” fast immer Perlentaucherinnen sind - offenbar können Frauen unter Wasser viel länger die Luft anhalten.

Frauen werden durch Vermännlichung unsichtbar gemacht, unsere Tätigkeiten, Leistungen und Fähigkeiten werden den Männern zugeschrieben und durch Metaphorisierung (wie im Falle des populären Web-Portals “Perlentaucher”) wird die feindliche Übernahme fortgesetzt: Männer produzieren einen Haufen Feuilletons, darunter gibt es sogar ein paar Perlen, und die bringt uns “der Perlentaucher” zuverlässig nach oben, zur Kenntnis. - Natürlich kennen wir das alles schon bis zum Abwinken; dennoch ist es wichtig, sich die Einzelfälle klar zu machen und dies und das parat zu haben, wenn wieder die alte Frage kommt “Habt Ihr nichts Wichtigeres zu tun als ewig an der Sprache rumzukritteln?!”

Praktischer als kritisieren und diskutieren ist jedoch zügig feminisieren: Wenn wir die/der Abgeordnete haben, ist die/der Coach, die/der Teenager, die/der Babysitter, die/der Single nur logisch und eindeutig die bessere Entsprechung des Originals.

Zum Abschluß eine schöne Anekdote von dieser Spielwiese. Bei einem unsere letzten Telefonate erzählte Joey, sie habe jetzt den Cellopart in einem Klaviertrio übernommen, und da sie alle sehr aus der Übung seien, spielten sie zum Aufwärmen erstmal “The Happy Farmer”. “Und was ist das?” fragte ich - dann dämmerte es mir: Sie spielen den “Fröhlichen Landmann” von Schumann (welche Klavierschülerin kennt nicht diesen Ohrwurm) in einer Bearbeitung für Klaviertrio.

Ich prustete los, verstand erst gar nicht wieso - aber irgendwie fand ich “The Happy Farmer” für den ehrwürdig-biederen “Fröhlichen Landmann” aus meinen Kindertagen unwiderstehlich komisch.

“The Happy Farmer” ist aber nicht nur komisch, sondern vor allem schön englisch neutral, genau wie coach, babysitter, single, teenager, pearl diver.

Gut möglich, daß englischsprachige Kinder sich eine fröhliche Landfrau vorstellen, wenn sie “The Happy Farmer” klimpern. 

# | Luise F. Pusch am 31.03.2008 um 12:23 PM | Druckversion

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23.03.2008

Großmama packt aus, Großpapa kann einpacken

Während der letzten beiden Wochen habe ich mir bei der Hausarbeit und vor dem Schlafengehen zwei schöne Bücher vorlesen lassen: Erst Zeitlupe (Slow Man) von J.M. Coetzee (Sprecher: Christian Brückner), danach Großmama packt aus von Irene Dische, gelesen von Hannelore Hoger.

Diese beiden Bücher aus dem Jahre 2005 waren gerade in der Stadtbibliothek vorrätig - daß ich sie fast gleichzeitig kennenlernte, ist also reiner Zufall. Umso erstaunlicher, wie viele Parallelen die Bücher aufweisen. Beide AutorInnen singen - wenn auch in modern unterkühltem Ton - unbeirrt das Hohelied der Frau: Frauen schmeißen den Laden, behalten die Nerven, ohne sie geht alles schief. Kein Wunder, daß die Bücher mir gefielen. So viel entschlossenes Frauenlob sind wir bei “großer Literatur” gar nicht mehr gewöhnt.

FrauenbildVon Großmama packt aus hatte ich schon viel Gutes gehört, Zeitlupe hingegen war mir gänzlich unbekannt. Ich lieh mir das Hörbuch aus, weil mich Coetzees Schande (Disgrace) so tief beeindruckt hatte.

In Zeitlupe nun begegnete ich demselben mürrischen, desillusionierten Ich-Erzähler wie in Schande; er heißt zwar anders, aber eigentlich ist es derselbe Typ: Ein lakonischer älterer Mann von schmerzhafter Ehrlichkeit und Intensität. Humor ist nicht seine Stärke. Er hat ein Problem mit Frauen - er braucht sie, aber er ist auch schwierig und bindungsscheu. Deshalb kauft er sich manchmal Sex oder läßt sich von Frauen sexuell bedienen, an denen ihm eigentlich nichts liegt. Er findet das nicht gut, aber er läßt es sich durchgehen.

Ich mag diesen selbstkritischen, illusionslosen, “zersetzenden” Coetzee-Sound, besonders in Zeiten betäubenden Festtagsrummels wie jetzt um Ostern. Da es in beiden Büchern, Schande wie Zeitlupe, exakt derselbe Sound ist, nehme ich an, daß wir hier den Autor selbst vernehmen.

Auch Großmama erzählt in der Ich-Form, auch sie hat einen bald mürrischen, bald barschen Ton, ist lakonisch und unsentimental (diesen Ton trifft Hannelore Hoger perfekt). Das Grauen, das beiden ProtagonIstinnen zustößt, wird ohne Selbstmitleid abgehandelt. Coetzees Held hat durch einen Unfall ein Bein verloren; Disches Heldin mußte mit ihrer Familie vor den Nazis fliehen und sich in New York mühevoll eine neue Existenz aufbauen. Auch in Coetzees Buch spielt eine Emigrantin eine zentrale Rolle: Die Kroatin Marijana Jokic, Pflegerin des Helden, deren Familie nach der Auflösung Jugoslawiens ihr Glück in Australien sucht.

Beide AutorInnen machen Ausflüge ins Magische; Coetzee gibt seinem Helden ein “übersinnliches” alter Ego namens Elizabeth Costello bei; Disches Großmama bringt noch aus dem Grab heraus ihre Familiengeschichte auf den letzten Stand.

Soweit die Parallelen, nun einige Unterschiede:
FrauenbildCoetzees Held Paul Rayment ist Atheist und voller Selbstkritik und Selbstzweifel, Großmama Elisabeth Rother dagegen ist gläubige Katholikin und herausfordernd selbstgerecht; sie sieht lieber andere kritisch als sich selbst, was viele komische Effekte ergibt. Während Rayment sein Leid stoisch erträgt und die Zähne zusammenbeißt, ist Großmama auf strategische Weise hypochondrisch und kündigt jedes Jahr aufs neue an, dies Jahr werde ihr letztes sein. Sie wird aber über neunzig und plaudert wie gesagt auch noch aus dem Grabe munter weiter. Rayment ist ein dünnlippiger Miesepeter; Großmama dagegen ist voller Saft und Kraft und sinnlichen Genüssen zugetan, die sexuellen ausgenommen. Denen zieht sie entschieden ihre Plätzchen vor.

“Das Unaussprechliche”, wie sie es nennt, wollen die Männer, und frau gibt eher widerwillig nach. Für Rayment ist Sex das zentrale Thema; all seine Gedanken kreisen darum, wie er die viel jüngere und zudem katholische und verheiratete Marijana rumkriegen kann. Das geht selbst einer geduldigen und wohlmeinenden Hörerin bisweilen auf die Nerven, obwohl der Held sich diesmal ausnahmsweise seines hinderlichen Altersvorsprungs schmerzlich bewußt ist.

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Plötzlich nistet sich Elizabeth Costello bei Rayment ein; sie ist ihm lästig, läßt sich aber nicht so leicht vertreiben. Sie scheint allwissend zu sein und drängt den mißmutigen, zögerlichen Rayment zu mehr Entschlossenheit und jugendfrischer Action. Ähnlich drängt auch Großmama ihren jüdischen Ehemann, Nazi-Deutschland frühzeitig zu verlassen, aber er bleibt unbeweglich, bis es fast zu spät ist. Ohne Großmamas Tatkraft und Flexibilität hätte die Familie nicht überlebt, auch nicht in der Emigration. Die Kroatin Marijana, nach der ihr Patient sich verzehrt, spielt für ihre Familie dieselbe Rolle - ohne sie ginge es in der Fremde keinen Schritt weiter.

Elizabeth Costello (vor Slow Man widmete Coetzee ihr schon ein ganzes Buch), ist erkennbar das alter ego des Verfassers, sein “besseres” oder “ideales Selbst”. Daß er sein ideales Selbst als weiblich imaginiert, sagt viel über Coetzees einsame Klasse.

Coetzees Helden können ohne Frauen nicht leben; die Frauen hingegen kommen gut ohne Mann aus. Dieselbe Botschaft schallt uns auch aus dem autobiographischen Familienroman von Irene Dische entgegen: die Männer - hochintelligent, aber oft selbstbezogen, fast autistisch - sind allein kaum lebensfähig. Sie ähneln Rayment, der ohne seinen Plagegeist Elizabeth Costello “nicht aus sich herauskann”. Bei Dische kommt hinzu, daß auch die Frauen nicht ohne Frauen auskommen - deshalb macht ihr Roman auch viel mehr Spaß als Coetzees.

Insofern gute Literatur eine hellsichtige Diagnose ihrer Zeit ist - was lernen wir aus diesen Büchern? Ohne Frauen geht die Welt zugrunde (der Mann, eher ein Klotz am Bein, wird gutmütig, bisweilen sogar zärtlich, mitgeschleift). Das wußten wir zwar schon, aber es tut gut, es nicht nur zu denken, sondern auch mal aus berufenem und öffentlich belobigtem Munde zu hören.

Oder, um es mit der triumphalen Erkenntnis Großmamas zu sagen, mit der sie ihre Familiensaga beschließt:  “Wirklich - es geht nichts über eine Tochter.”

# | Luise F. Pusch am 23.03.2008 um 11:37 AM | Druckversion

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15.03.2008

Ein liebendes Pferd

Martin Walsers neuer Roman, Ein liebendes Pferd, bildet - nach Ein springender Mann und Ein fliehender Brunnen - den Abschluß seiner Partizipialtrilogie. Möglich, daß ich die Titel nicht ganz genau auf die Reihe gekriegt habe. Vielleicht baut er die Serie noch zu einer Heptalogie aus, um mit Grass’ Tierleben gleichzuziehen (Katz und Maus, Hundejahre, Aus dem Tagebuch einer Schnecke, Der Butt, Die Rättin, Unkenrufe und Im Krebsgang) - aber die Zeit wird knapp.

Es geht in dem Roman um die Liebe des 73jährigen Goethe zu der 19jährigen Ulrike von Levetzow. Sie lehnt seinen Heiratsantrag ab, und er ergießt seinen Schmerz in die Marienbader Elegie, ein Kleinod deutscher Dichtkunst.

Viele Rezensenten und besonders Rezensentinnen fühlen sich von der derzeit grassierenden Thematik “Alter Mann mit junger Frau” zunehmend belästigt und sprechen von Altersgeilheit:

Diese alten Männer. Weit jenseits der siebzig, müssen sie sich wohl alle in junge Mädchen verlieben. Warum muss das sein? Das weiß man nicht. Aber die alten Männer der Literatur schwelgen darin. Nach Martin Walser, dessen Thema ermüdender- und langweiligerweise in den letzten vier Romanen die “Altersgeilheit” ist, hat sich nun auch der 75-jährige Nobelpreiskandidat Philip Roth darauf besonnen. Und leider, wie bei Walsers Romanen, ist auch dieses Werk eher misslungen.

(Georg Patzer in literaturkritik.de)

Ich finde, die alten Männer haben schon ein Recht darauf, dem Lesevolk von ihrem Altmännerleid, von Gebrechlichkeit, Impotenz und Inkontinenz zu künden - wir müssen es ja nicht lesen.

Es ist ein ernstes und erzählenswertes Thema, wenn der Körper nicht mehr will. Was mich aber schon immer genervt hat, ist die Selbstverständlichkeit, die die Kombi “Alter Mann, junge Frau” für diese alten Herren hat, die sonst so sensibel alles und jedes problematisieren.

Es fiel mir zuerst an der autobiographischen Erzählung Montauk (1975) von Max Frisch auf. Er ist über 60 und hat eine Affäre mit einer 30jährigen Frau. Über alles mögliche denkt er differenziert nach, aber nicht darüber, daß die umgekehrte Konstellation - alte Frau mit jungem Mann - skandalös und lachhaft wäre. Nein, lachhaft kommt er sich keinen Moment vor.

Es ging mir wohl auch deshalb so auf den Geist, weil ich, als Montauk rauskam und ähnlich wie derzeit Walsers liebender Mann überall diskutiert wurde, von einem 30 Jahre älteren Schriftsteller umworben wurde. Es war mir besonders peinlich, in der Öffentlichkeit von ihm so verliebt umgurrt und gegen meinen Willen als “seine Trophäe” präsentiert zu werden, die ihn wiederum zum “tollen Hecht” machte. Auf die Idee, daß mir das peinlich sein könnte, wäre auch dieser im übrigen hochsensible Mann nie gekommen. Er verschenkte seine Gunst schließlich nicht an jede und gewährte mir damit eine Auszeichnung, auf die ich stolz zu sein hatte. Zartere Zeichen meines Unmuts prallten an seiner Selbstgewißheit ab; schließlich mußte ich richtig grob werden.

Der Rezensent fragt: “Diese alten Männer.  ... Warum muss das sein? Das weiß man nicht.”

Mann will es wohl nicht wissen, denn mit nur wenig Nachdenken ließe sich das “Rätsel” schon lösen.

Der Schlüssel liegt genau in der obszönen Asymmetrie:

Alter Mann & junge Frau - ok.
Alte Frau & junger Mann - skandalös.


Auf eine ältere Frau lassen sich nur “sozial benachteiligte” jüngere Männer ein, wie uns Männer mit Filmen wie Angst essen Seele auf (Faßbinder) oder Die Mutter (nach Kureishi) gerne einschärfen. Ein „richtiger“ Mann ist sich dafür nämlich zu schade. Lieben Sie Brahms ist eine absolute Ausnahme, und nicht zufällig stammt der Plot von einer Frau, Françoise Sagan.

Dieselbe Asymmetrie herrscht in der Prostitution. Der Mann kann sich eine Frau kaufen, wenn ihm der Sinn nach Sex steht; die Frau kann das nicht; sie will es wohl auch nicht. - Die Welt durfte es ja gerade wieder mit Eliot Spitzer erleben, dem Governor des Staates New York, der jetzt zurücktreten mußte, nachdem seine Beziehung zu einem Call-Girl-Ring aufgeflogen war. Zwar haben wir immer mehr Frauen auch in höchsten politischen Ämtern - aber die müssen auf andere Weise Entspannung suchen.

Die Chicago Herald Tribune hatte eine bedrückende Fotogalerie der bekanntesten Sexskandale zusammengestellt, in die „liebende Männer“ sich hineingeritten hatten (leider schon wieder aus dem Netz verschwunden). Ihre Ehefrauen sahen arg mitgenommen aus, die “Liebe” ihrer Männer ist ihnen nicht bekommen. Und den Prostituierten auch nicht, wie Melissa Farley uns wütend und glasklar auseinandersetzt.

Wäre Ulrike von Levetzow, nach der sich der alte Goethe so verzehrte, eine Kammerzofe statt einer behüteten jungen Adligen gewesen - Goethe hätte sie sich einfach “genommen” und ihr womöglich trotz Altersschwäche “ein Kind gemacht”, wie es anderen Geistesriesen seiner Zeit beliebte, z.B. Schopenhauer, Hegel, Raimund.

Auch Ulrikes Einwilligung sollte mit Geld gekauft werden: Goethes Freund und Gönner Carl August von Sachsen-Weimar stellte eine großzügige Witwenrente in Aussicht - Ulrike würde nicht unversorgt sein.

Die alten Männer, die sich in junge Frauen vergucken, tun nichts Rätselhaftes. Sie fahren vielmehr einfach fort zu tun, was sie schon immer getan haben: Sie kaufen sich eine Frau, möglichst eine frische bitte, oder sie ködern sich eine mit ihrem Status. Das Alter des Käufers ist irrelevant. Nur wenn die Frau genug eigene Ressourcen hat, wie Ulrike von Levetzow, bekommt der alte Herr ein Problem. Dann reichen nicht mehr sein Ansehen und sein Geld, um ihn attraktiv erscheinen zu lassen.

Meist treten aber solche ungünstigen Umstände nicht ein. Schließlich besitzen Männer die Macht und 99% des Weltvermögens.

# | Luise F. Pusch am 15.03.2008 um 10:04 PM | Druckversion

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09.03.2008

Frauinnen, Stierinnen und Patriarchinnen

Früher war ich Steinbock, meine Schwester Wassermann und mein Bruder Jungfrau.

Heute bin ich Steinziege, meine Schwester Wasserfrau und mein Bruder noch immer Jungfrau. Die Männer sind in ihrer maskulistischen Sprachkritik etwas zurückgeblieben.

Eine meiner Freundinnen ist Stier. Kuh - nein, das will sie nicht sein. Lieber Stierin. Jedesmal, wenn sie stolz verkündet, sie sei Stierin, brüllen wir vor Lachen, wie die Stierinnen.

Zum internationalen Tag der Frau war ich zu einer Tagung über Frauen, Sprache und Politik nach Magdeburg eingeladen. Das Ankündigungsplakat zierte ein Cartoon von Hogli (Amelie Glienke), auf dem ein Herr seine Zuhörerinnen anredet mit “Liebe Frauinnen”. Anscheinend braucht er noch etwas Nachhilfe in Sachen Frauensprache.

Aber wie ist es mit Matriarchin - ist das ein sinnvolles Wort oder nicht? So wird meist die Leitkuh einer Elefantinnenherde genannt. Auf Englisch wäre das matriarch, ganz ok. Aber Matriarchin - ist das nicht in etwa so blöd wie Frauin?

Zum Tag der Frau brachte arte das Porträt “Suna - Die türkische Patriarchin” von Kadriye Acar (Wiederholungen am 16. und am 23. März). Der Film über die Politikerin, Clanchefin und Feudalherrin aus Südostanatolien ist sehr sehenswert und aufschlußreich. Suna Kepolu aus der Region Diyarbakar, letzte Überlebende der Herrscherfamilie, übernahm mit 23 Jahren sämtliche Funktionen eines “Aga” (Feudalherren). Würde sie allerdings heiraten, fiele das gesamte von ihr beherrschte Gebiet an den Ehemann.

Der wesentliche Unterschied zwischen einem Patriarchen und einer “Patriarchin” ist also dieser: Ein Patriarch kann keinen Mann heiraten und muß daher auch nicht automatisch sämtliche Rechte an einen Ehemann abtreten.

Dies ist ein Schulbeispiel dafür, inwiefern der Ehemann die Frau “zur Frau macht” (vgl. Beauvoir “wir werden dazu gemacht”): Nur solange sie unverheiratet ist, ist sie “herrenlos” = frei und wird von ihren UntertanInnen als “Patriarch”, quasi als Mann, angesehen und anerkannt.

Mich interessiert hier aber vor allem das Wort Patriarchin. Eigentlich ein Widerspruch in sich, ähnlich wie Stierin und Steinböckin. Oder auch Männin, Herrin und ihre Ableitungen:

Amtmännin
Staatsmännin
Landsmännin
Bauherrin
Hausherrin
Ratsherrin
Schirmherrin
Feudalherrin

Für die meisten dieser lachhaften Ausstülpungen unserer Männersprache Deutsch haben wir inzwischen neue Wörter gefunden und durchgesetzt:

Da ist die Amtfrau, die Staatsfrau, die Landsfrau, die Ratsfrau und die Matrone (früher: Schirmherrin, vgl. meine Glosse über das Matronat von Angela Merkel). Dem Obmann wurde direkt die Obfrau beigesellt, ohne Umweg über eine “Obmännin”. Bei “Baufrau” fremdeln die meisten noch, auch sind Hausfrau und Hausdame keine Pendants für Hausherrin. Das braucht also noch ein wenig Tüftelei am Wortschätzchen.

Und was tun wir nun mit der “Patriarchin”?

Ich schlage vor, daß wir Patriarchin hier als Fehlübersetzung einordnen. Clanchefin, sogar Feudalherrin sind sinnvollere Entsprechungen für das türkische “aga”. 

Suna Kepolu ist schließlich keine Eva Herman, die sich Ehrentitel wie Patriarchin oder auch Mackerin redlich verdient hat. Rein bildlich gesprochen natürlich, wie bei meinem Bruder, der immer noch Jungfrau ist.

# | Luise F. Pusch am 09.03.2008 um 07:49 PM | Druckversion

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01.03.2008

Die Wohlgesinnten, die Ausgebufften und andere seltsame Titel

Am 22. Februar, dem Vorabend des Erscheinens der Wohlgesinnten, brachte “3sat Kulturzeit” einen längeren Beitrag über den Schocker von John Littell. Ich hatte von dem Buch bis dahin nichts gehört, erfuhr nun aber, daß das französische Original ein rasender Bestseller sei und zudem den Prix Goncourt bekommen hätte.

Den Titel fand ich für die fiktiven Bekenntnisse eines Nazischergen etwas verschroben, dachte aber nicht weiter darüber nach. Es ging in dem Bericht auch hauptsächlich um die literarische Kontroverse, die das Buch in Deutschland schon vor seinem Erscheinen ausgelöst hatte: Haben wir es mit einem genialen Jahrhundertwerk oder mit einem mönströs mißlungenen Machwerk zu tun? Interessanterweise vertreten Männer überwiegend die These vom Geniestreich (Cohn-Bendit, Schirrmacher, Lanzmann, Semprun), Frauen wie z.B. Deutschlands bekannteste Literaturkritikerinnen Sigrid Löffler und Iris Radisch hingegen finden das Buch total mißlungen.

Ich kann zu der Debatte nichts beitragen, denn ich habe das Buch nicht gelesen, und wie ich mich kenne, werde ich es auch nicht lesen (wollen). Da vertraue ich gern dem Urteil der Expertinnen (“Landser-Kitsch”, “häufig ekelerregende, noch häufiger einfach langweilige Lektüre”). Und überhaupt: Es gibt so viele Bücher von Frauen, die ich noch nicht gelesen habe, Hedwig Dohm, Annette Pehnt, Julia Franck, Naomi Klein, Alice Rühle-Gerstel, Judith Thurman, Doris Lessing, Shere Hite - um nur acht von hunderten zu nennen.

Mir geht es heute um meine Erlebnisse mit dem seltsamen Titel des Littell-Buchs. Die Wohlgesinnten, dachte ich zunächst, das ist eine bitter ironische Bezeichnung für die Nazimörder, die den “deutschen Volkskörper” wohlmeinend oder eben “wohlgesinnt” vom “jüdischen Ungeziefer” ein für alle Mal “befreien wollten”. Vage erinnerte mich der Titel auch an Goldhagens Buch Hitlers willige Vollstrecker (Hitler’s Willing Executioners).

Im Original hieße das Buch Les Bienveillantes, erfuhr ich dann und mußte meine Assoziationen revidieren, denn Bienveillantes ist ein Femininum. Ein weiblicher Titel für diese Nazi-Männer-Saga? Was mochte das bedeuten?

Ich las mich durch die entsprechenden Internetseiten und erfuhr, daß Die Wohlgesinnten auf den dritten Teil der Orestie des Aischylos anspielt, der bei uns Die Eumeniden heißt, auf Französisch Les Euménides, auf Englisch The Eumenides.

Warum also John Littell sein Buch Les Bienveillantes statt Les Euménides genannt hat, bleibt sein Geheimnis. Ich habe Latein und Griechisch studiert - mit Die Eumeniden hätte ich etwas anfangen können, Die Wohlgesinnten aber führte mich erstmal gründlich in die Irre. Vielleicht war das Absicht.

Littell gibt seinen ÜbersetzerInnen Ratschläge, wie sie den Titel am besten in all die Sprachen übersetzen sollten, in die sein Werk voraussichtlich übersetzt werden wird, wenn sich der Hype fortsetzt: Direkt aus dem Griechischen.

Die Eumeniden, zu deutsch “Die Wohlmeinenden, Wohlgesinnten, Gnädiggestimmten” sind in der griechischen Mythologie ursprünglich Rachegöttinnen, Erinnyen oder Erinyen. Auf Lateinisch furiae, die Furien.

Im dritten Teil der Orestie werden die Erinnyen, die zuvor Orest wegen des Mordes an seiner Mutter Klytaimestra bis zum Wahnsinn verfolgten, von Göttin Athene umgestimmt; sie werden quasi domestiziert (hier könnten sich lange feministische Auslegungen der Mythologie anschließen). Die Umgestimmten und Umgepolten heißen nunmehr “Eumeniden” - aber wir durchschauen solche Augenwischerei und verstehen gemeinhin unter “Eumeniden” - Erinnyen, Rachegöttinnen, Furien.

In ihrem Verriß in der Zeit findet Iris Radisch kraftvolle Worte für die antike Verbrämung des Littell-Wälzers:

Veredelt wird der Edelnazi auch durch das intertextuelle Spiel des Romans mit der Orestie des Aischylos, das noch viele Doktorarbeiten alimentieren wird. Aue [so heißt der “Held” des Romans] als Orest, die beiden Polizisten, die Aue als Muttermörder überführen, in der Rolle der Erinnyen (auf Deutsch der “Wohlgesinnten”) … all dies sind hochkulturelle Köder, nach denen die Interpreten schnappen wie der Fisch nach dem Wurm an der Angel.
… Den Täter … intellektuell und mythologisch aufzurüschen und gleichzeitig für unschuldig - im antiken Sinn schuldunfähig - zu erklären, das ist Legendenbildung.

An dieser Legendenbildung will ich mich nun nicht länger beteiligen, auch nicht länger nach den “hochkulturellen Ködern schnappen”.

Kommen wir zu ganz was Anderem und doch Einschlägigem. Ich dachte noch intensiv über französische Feminina nach, die grammatisch neutral ins Deutsche kommen und als männlich verstanden werden - da las ich über den Film Die Ausgebufften von Bertrand Blier aus dem Jahre 1974, mit Gérard Dépardieu, Patrick Dewaere, Miou-Miou und Jeanne Moreau - ein Roadmovie über zwei Gammler, die sich klauend herumtreiben und dabei möglichst viele Frauen “aufreißen”.

Im Original heißt der Film “Les valseuses” - wieder eindeutig ein Femininum, zu Deutsch “Die Walzertänzerinnen”. Ist es möglich, fragte ich mich, daß eigentlich die beiden Frauen die Hauptfiguren des Films sind - zwei Frauen auf der Walz, sozusagen?

Wieder ging ich der Sache im Internet nach und erfuhr schließlich: ”les valseuses (the waltz dancers) ... is slang and a metaphor for the movement of the testicles...“

Das bringt mich zu einer Ankündigung in eigener Sache: In den nächsten Tagen erscheint meine neue Sammlung mit Glossen aus den Jahren 1999 bis 2007, Titel: Die Eier des Staatsoberhaupts (Wallstein Verlag, 9,90 EUR).

Auch dieser Titel bedeutet ganz was anderes als Sie sich vielleicht gedacht haben ...

# | Luise F. Pusch am 01.03.2008 um 04:50 PM | Druckversion

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Hedwig Dohm