14.03.2010

Brauchen wir Opfer?

Ostern ist nahe und damit die Zeit des Osterlamms, das manche zur Erinnerung an Christus, das Lamm Gottes, zu Ostern verspeisen. Das Lamm, traditionell ein beliebtes Opfertier der HirtInnenvölker, symbolisiert dabei sowohl die Unschuld Christi (“Unschuldslamm”) als auch seinen Opfertod (“Opferlamm”).

An Opfer denken wir alle angesichts der nicht abreißenden Enthüllungen der Missbrauchs-Opfer mehr als uns lieb ist. - Allerdings ist “Opfer” ein kompliziertes, vieldeutiges Wort, wie der Vergleich mit anderen Sprachen klarmacht:
Das “Musikalische Opfer” von Johann Sebastian Bach heißt auf Englisch “The Musical Offering”, auf Französisch “L’Offrande Musical” und auf Italienisch “L’Offerta Musicale” - nicht etwa “The Musical Victim”, “La victime Musical” oder “La vittima musicale”.

Sicher gibt es zahllose “musikalische Opfer” im Sinne Wilhelm Buschs, der feststellte: “Musik wird störend oft empfunden, dieweil sie mit Geräusch verbunden” -  aber das lassen wir jetzt mal beiseite. Was mich interessiert, ist zum einen die Doppelbödigkeit des Wortes “Opfer”, zum anderen die denkwürdige Tatsache, dass die lateinische Bezeichnung für “unfreiwilliges Opfer” mitsamt ihren romanischen Abkömmlingen ein Femininum ist: victima / la victime / la vittima / la victima / la vítima.

Das Duden-Synonymenwörterbuch gliedert die Bedeutungen von “Opfer” wie folgt:

1. a) Opferung.
    b) Opfergabe.
2. Einsatz, Hingabe, Preisgabe, Verzicht; (gehoben): Aufopferung, Darangabe.
3. Geschädigter, Geschädigte, Leidtragender, Leidtragende, Toter, Tote; (gehoben): Beute.

Als feministische Linguistin stelle ich mit Befriedigung fest, dass neben den Maskulina der Bedeutung (3) (“Geschädigter” usw.) immer auch das Femininum genannt wird, wenngleich an zweiter Stelle, was der alphabetischen Anordnung - und wohl auch der faktischen Besetzung der Opferrolle - widerspricht.

Das Schillern des Opferbegriffs liegt daran, dass auch Menschen zur “Opfergabe” werden können, freiwillig oder gegen ihren Willen.

Wir ehren das freiwillige Opfer: es ist in der christlichen Ethik einer der höchsten Begriffe: Christus, der Schuldlose, opferte sein Leben für uns, die Schuldigen, und wir sind aufgerufen, ihm nachzueifern, so gut es eben geht. Viele Nazi-Opfer opferten ihr Leben im Widerstand, auch im christlichen, und gehören deshalb zu unseren NationalheldInnen, wie etwa die Geschwister Scholl.
Wir trauern um die unfreiwilligen Opfer (victims) - von Erdbeben, Unfällen, von Gewalttaten, um die Opfer von Kriegen, Krankheiten, Todesopfer ganz allgemein. Die meisten Nazi-Opfer wurden einfach kollektiv abgeschlachtet oder vergast, für sie gibt es keine Denkmäler, sondern Mahnmale.
Wir verabscheuen die Opfer, die zugleich Täter sind und als Selbstmordattentäter oder Amokläufer andere mit in den Tod reißen.

Die Frage ist natürlich, weshalb Opfer überhaupt notwendig sind. Am Ursprung der rituellen Opferungen steht ja die archaische Idee zorniger Götter, die durch Opfergaben besänftigt werden müssen, und wenn es der eigene Sohn ist, der dafür herhalten muss. Die Götter sind also sadistisch bis korrupt, der alttestamentarische etwa erfreute sich an der Angst Abrahams und Isaaks, die Götter der Maya verlangten Unmengen grausam gemordeter Menschen als Opfer, andere lassen sich durch Geschenke bestechen wie unsere korrupten Politiker.

Opfer müssen - wie jede Bestechung - kostbar sein, um zu wirken, und am kostbarsten sind Menschenleben. Bei Tieropfern sind natürlich die weiblichen Tiere in der Regel kostbarer als die männlichen:  “Unter zwei huntert kalben soll man nicht uber zwei stierlein behalten”  heißt es im Grimmschen Wörterbuch.
Dieser Sachverhalt erklärt vielleicht die Weiblichkeit von lat. victima. Bevorzugt als Tieropfer - weil eben das größere Opfer - waren die weiblichen Exemplare der Gattung.

Der Opferbegriff spaltet sich auf ins Heroische auf der einen und Schreckliche auf der anderen Seite. Wenn ich mich selbst opfere, bin ich eine Heldin, wenn ich andere gegen ihren Willen opfere, mache ich mich schuldig, mache ich sie zum Opfer, viktimisiere ich sie.

Eine Möglichkeit, das eigene Leben zum Opfer zu bringen ist, es einem “höheren Zweck” zu weihen, z. B. der katholischen Kirche (“Priesterweihe”). Priester und Nonnen weihen ihr Leben der Kirche, sind Opfernde und Opfer zugleich, und während sie als Opfernde heroisch sein mögen, vergehen sie sich an sich selbst, indem sie sich einer überholten und moralisch fragwürdigen Institution “weihen”, d.h. ausliefern.

Die Wörter “Weihe” und “victima” gehen auf dieselbe indogermanische Wurzel *wig zurück. Von hier zu der bekannten verhängnisvollen Karriere des Opfers, das zum Täter wird, ist es nur ein kleiner Schritt. Die männlichen zu Tätern mutierten Opfer vergehen sich eher an anderen, die weiblichen eher an sich selbst. Aber auch Frauen sind zu allem fähig, wie die Geschichte der irischen Magdalen Asylums für “gefallene Mädchen”gezeigt hat, über die Peter Mullan den erschütternden Film “Die unbarmherzigen Schwestern” (2002) gedreht hat.

Aber schuld, so scheint mir, ist die schädliche Idee des Opfers selbst, insbesondere die Idee des heroischen Selbstopfers. Sie bedarf im Zeitalter der Selbstmordattentäter und Missbrauchspriester einer gründlichen Revision.

 

# | Luise F. Pusch am 14.03.2010 um 10:23 PM | Druckversion

(3) Comments • (0) TrackbacksPermalinkEmpfehlen

08.03.2010

Opfer und Täter

Zum Weltfrauentag am 8. März und zur Erinnerung an die Opfer von Tim K., Winnenden (11. März)

In letzter Zeit reden wieder alle vom “sexuellen Missbrauch”. Feministinnen kämpfen seit bald 40 Jahren gegen diese unsägliche Formulierung. Sie impliziert, dass es neben dem sexuellen Missbrauch auch noch einen richtigen/akzeptablen sexuellen Gebrauch von Mädchen und Knaben gebe, so wie es neben dem Alkohol- oder Tablettenmissbrauch auch einen korrekten Gebrauch von Tabletten oder Alkohol gibt. Unerträglich ist auch die Implikation, dass die Missbrauchsopfer ein Genussmittel seien, wie Alkohol oder Nikotin.

Trotzdem handelt es sich bei dem sogenannten sexuellen Missbrauch eindeutig um Missbrauch, und zwar um Macht- oder Amtsmissbrauch - bei den Priestern um beides. Wir sollten ab sofort sagen, die Kinder sind Opfer sexuellen Machtmissbrauchs.

Denn der Machtmissbrauch in unserer Gesellschaft ist ja das zutiefst Alarmierende an all den Missbrauchsfällen, die jetzt ruchbar werden - eine katholische oder sonstige sogenannte Eliteschule oder Elite-Institution nach der anderen. Das Schlimme ist, dass diejenigen, denen wir vertraut und Macht über andere anvertraut haben, diese Macht gegen die Anvertrauten und ihnen Ausgelieferten skrupellos missbrauchen, und das jahre- und jahrzehntelang.

Die Fundamente unserer Gesellschaftsordnung sind bei Machtmissbrauch bedroht. Wenn die Politik, die Polizei, das Heer oder die Justiz vom organisierten Verbrechen unterwandert sind, herrscht höchste Gefahr. Wenn die Familien und die Schulen vom sexuellen Machtmissbrauch der Väter und der Lehrer durchseucht sind, sind die “Keimzellen des Staates” befallen.
•••••••••••••••
In meiner letzten Glosse habe ich die Opfer der Missbrauchs-Priester mit Bedacht als Jugendliche bezeichnet und nicht von Jungen oder Knaben gesprochen. Meine Wortwahl geht zurück auf eine öffentliche Debatte in Boston vor etwa 10 Jahren, als dort die Skandale um die Missbrauchs-Priester und ihre Missbrauchs-Oberen, die sie jahrelang gedeckt hatten, aufbrachen.

Bostoner Feministinnen machten sich Gedanken darüber und beschwerten sich lautstark, dass mit einem Mal das Thema Missbrauch so viel Medien-Aufmerksamkeit bekam, weil jetzt die katholische Kirche involviert war, weil auch oder sogar vorwiegend Knaben die Opfer waren und es somit um das Thema Homosexualität ging - viel geiler als der stinknormale “Missbrauch von Mädchen”, das ist ja bloß zum Gähnen, lockt keinen mehr hinterm Ofen hervor. Aber das brisante Gemisch katholische Kirche, Knaben als Opfer und Schwulitäten war neu und trieb die Auflagenziffern und die Einschaltquoten in die Höhe.

Die Bostoner Feministinnen wehrten sich gegen die Einstellung, dass “Missbrauch von Mädchen” etwas Gewöhnliches und “Missbrauch von Knaben” etwas besonders Schändliches sei - etwas, was für Knaben sozusagen schlimmer ist als für Mädchen, denn Mädchen sind ja irgendwie dafür da, missbraucht zu werden, gell?

Aus diesem Grunde also sprach ich bewusst von Jugendlichen, um nicht die weiblichen Opfer des sexuellen Machtmissbrauchs der Priester als “business as usual, nichts weiter Besonderes” außen vor zu lassen.

Nun ermahnt mich der Leser Oliver:

Eine Frage ist, ob man hier betonen sollte, dass möglicherweise mehr Jungen als Mädchen zu den Opfern gehören. Wir sollten es auch betonen, wenn mehr Mädchen als Jungen missbraucht werden - oder getötet, etwa von einem Attentäter. Allerdings kenne ich keine Zahlen - und wäre an solchen interessiert.

Da klingt der Frauenmord des Tim K. in Winnenden an, dessen Stoßrichtung sprachlich fast überall zu einem Mord an “Schülern” verunklart wurde. Ja, an Zahlen wäre ich auch interessiert - aber da ist bekanntlich die Dunkelziffer. Leserin Anne hat recherchiert, dass von den Opfern sexuellen Machtmissbrauchs zwei Drittel weiblich sind - das wird bei dem von Priestern verübten sexuellen Machtmissbrauch nicht anders sein.

Es ist verständlich, dass Oliver sich als Mann für die Unterscheidung zwischen weiblichen und männlichen Opfern einsetzt. Für Frauen primär interessant ist allerdings nicht so sehr, was Männer Männern und Knaben antun, sondern was sie Frauen und Mädchen antun. Was Männer untereinander an Schandtaten anrichten, sollen sie vielleicht zunächst mal untereinander klären. Wir Frauen haben mehr als genug mit den Verbrechen der Männer gegen Frauen und Mädchen zu tun.

Womit ich bei der Überschrift ”Opfer und Täter” angekommen bin. Die Überschrift ist mehrdeutig - ohne Artikel wissen wir nicht, ob “Die Täter und die Opfer” gemeint sind oder “Das Opfer und der Täter”. Was aber klar ist, ist die Männlichkeit des Täters oder der Täter.

Frauen und Männer gemeinsam müssen sich um die Gewalttätigkeit der Männer und ihren Machtmissbrauch Sorgen machen. Auch und gerade im Gesamtbereich Pädagogik. Etwa so alt wie das Geschrei über den sexuellen Machtmissbrauch in der katholischen Kirche ist das Gewinsel der Männer über die männlichen Bildungsverlierer, die angeblichen Opfer der angeblichen weiblichen Übermacht in den Schulen.

Angesichts des sexuellen Machtmissbrauchs der Männer vor allem in Bildungseinrichtungen, der sich, wie jetzt zur allgemeinen Empörung bekanntgeworden, nicht nur gegen Mädchen richtet, wird das Gewinsel hoffentlich abebben. Die Opfer mögen beiderlei Geschlechts sein - die Täter aber sind männlich, von seltenen Ausnahmen abgesehen.

Frauen haben - ebenfalls schon seit Jahrzehnten - eine Männlichkeitssteuer gefordert, für den Opferschutz und die Prävention, vor allem aber für die Behebung der enormen von Männern angerichteten Schäden. Nun da das Bewusstsein, dass Männer auch Männern schaden, allmählich an Boden gewinnt, ist die Zeit reif, das Thema Männlichkeitssteuer wieder zur Diskussion zu stellen. Eine Kopfpauschale brauchen wir nicht, eine Männerpauschale schon eher.

# | Luise F. Pusch am 08.03.2010 um 08:29 AM | Druckversion

(21) Comments • (0) TrackbacksPermalinkEmpfehlen

28.02.2010

Die Kraft und die Herrlichkeit

Nun also soll Hannelore Kraft die Wahlen in NRW für die SPD gewinnen. Ich hoffe, es gelingt ihr. Die Trumpfkarte Frau, obwohl in der Regel von der versammelten Herrlichkeit zu spät aus dem Ärmel gezogen, hat ja schon oft Wunder gewirkt. Nehmen wir z.B. die Olympischen Winterspiele in Vancouver. Weil ich noch in Umzugswirren stecke und mit Hunderten von Bücherkartons jongliere, habe ich diesmal nicht sehr konzentriert hingeschaut, was unsere OlympionikInnen so trieben. Aber abends in den heute- oder ARD-Nachrichten kamen sie doch immer wieder und schließlich immer gewaltiger, die Frauen.

Nur: Es redete niemand über dieses eigentlich alles offizielle Wissen umstürzende Phänomen: das enorme Gefälle zwischen der weiblichen und der männlichen Leistung. Deshalb stelle ich hiermit fest:
Bei der diesjährigen Winter-Olympiade waren die deutschen Frauen viermal besser als die deutschen Männer.

Von Wikipedia erfahre ich: “Deutschland nimmt an den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver mit 153 Athleten, darunter 58 Frauen und 95 Männer, in allen 15 Sportarten teil.”

Und diese doppelt so vielen Männer haben nur etwa halb so viele Medaillen geholt wie die Frauen. Proportional sind die deutschen Athletinnen also, ich wiederhole es gerne, viermal so stark wie die deutschen Athleten.

Über dieses auffällig schwache Abschneiden der Männer - auch das kann nicht oft genug gesagt werden -  wird aber kein Wort verloren. Ich habe in den Quellen, denen ich zugehört oder -geschaut habe (ARD, ZDF, Deutschlandfunk), nichts dazu vernommen, obwohl ich immer ungeduldiger und ungläubiger darauf wartete.

Die logische Konsequenz des männlichen Versagens wäre, demnächst viermal so viele Frauen loszuschicken wie Männer.

Die Platzierung im Medaillenspiegel richtet sich nach der Anzahl der Goldmedaillen. Obwohl die USA derzeit mit insgesamt 36 Medaillen an der Spitze liegen, belegen sie doch im Medaillenspiegel nur den dritten Platz, nach Kanda (Platz 1) und Deutschland (Platz 2), denn sie haben nur 9 Goldmedaillen geholt, die Deutschen dagegen 10 und die KanadierInnen 13, die insgesamt “nur” 25 Medaillen geholt haben.

Goldmedaillen also - sie sind es, die alles entscheiden, ob wir das nun gut finden oder nicht.

Von den 10 deutschen Goldmedaillen stammen acht von Frauen. Mit den zwei Goldmedaillen der Männer läge Deutschland derzeit auf dem 12. Platz.

Dass die Medien weiterhin fest in Männerhand sind, merkt frau u.a. daran, dass die Kraft der Frauen und die Schwäche der Männer nicht benannt, nicht thematisiert, nicht betrommelt wird. Denn das würde unweigerlich zu besseren Bedingungen für Frauen und schlechteren Bedingungen für Männer in der gesamten Sportförderung führen und im Geschäft mit dem Sponsoring und den Werbegeldern.

Um wieder auf Hannelore Kraft zurückzukommen: Ich hoffe, es ergeht ihr nicht wie Andrea Ypsilanti, Hertha Däubler-Gmelin, Rita Süßmuth, Heide Simonis, Heide Pfarr, Ursula Schmidt, Petra Kelly und anderen großen Hoffnungen der Frauen, die gemobbt und/oder gestürzt wurden oder über Kleinigkeiten gestürzt sind, die Männer entweder gar nicht wahrgenommen oder stur ausgesessen hätten, wie Kohl,  Althaus, Möllemann, Rüttgers, Friedman und wie sie alle heißen.

Zweierlei Maß - das konnten wir in dieser Woche wieder deutlich sehen am Verhalten von Margot Käßmann im Vergleich zu männlichen Würdenträgern der katholischen Kirche.

Die Verbrechen katholischer Priester gegen Jugendliche, die ihnen anvertraut waren, stinken zum Himmel, sie sind systemisch. Ich bin jeweils die Hälfte des Jahres in Boston, dort fing es vor rund 10 Jahren an mit der Aufdeckung der Sexualverbrechen der Priester gegen Jugendliche - und hört gar nicht mehr auf. Genau wie in Deutschland wurden auch dort pädophile Priester von ihren Oberen gedeckt, in den Urlaub geschickt und dann an anderer Stelle wieder eingesetzt, wo sie weiter ihren verbrecherischen Neigungen nachgehen konnten und es auch taten. Viele Leben wurden dadurch unheilbar vergiftet, ja zerstört.

Eigentlich müsste der Papst zurücktreten ob der Schandtaten seiner Organisation. Aber er denkt nicht dran. Stattdessen verlangt sein Erzbischof Zollitsch von Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger, die endlich mal Tacheles geredet hat, eine offizielle Entschuldigung.

Ewig schade ist es um Margot Käßmann, die so viel frischen Wind, Hoffnung und weibliche Kompetenz in die evangelische Kirche gebracht hat. Immerhin hat sie durch ihren Rücktritt dem Papst und seinen Bischöfen und Priestern gezeigt, wie sie auf die Verfehlungen reagieren könnten und sollten. Aber das ist nur ein kleiner Trost angesichts des großen Verlusts, der noch ganz besonders schmerzt, weil vier Tage zuvor Johanna Dohnal im Alter von nur 71 Jahren starb, auf die wir auch noch lange nicht verzichten können - obwohl wir es nun müssen.

Hoffen wir also auf die Kraft. Die Herrlichkeit hat versagt, auf der ganzen Linie.

•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••

Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:

FrauenbildFrauenbild

# | Luise F. Pusch am 28.02.2010 um 09:47 AM | Druckversion

(35) Comments • (0) TrackbacksPermalinkEmpfehlen

07.02.2010

Zeugemutter und Jungfernzwinger in der Barocke

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Dreiundvierzigste Lektion.

Letzte Woche habe ich während der Hausarbeit und vor dem Einschlafen Egon Friedells Kulturgeschichte der Neuzeit (1927-31) in Auszügen gehört. Faszinierend! Hier gibt es die Hörfassung des kompletten Mammutwerks mitsamt Kommentar zum Runterladen.

Ich will heute nur zwei Dinge herausgreifen, die mich seither beschäftigen. Zum einen schreibt Friedell nicht “der” oder “das Barock”, wie wir das gewöhnt sind, sondern “die Barocke”:

S. 550: … ist die französische Barocke keine reine Barocke
S. 551: Alle dieser Varianten finden sich in der Barocke zu einem gewissen Grade vereinigt.
S. 561: … als ob die Barocke, die in Leibniz kulminiert, einfach die Tendenzen der Renaissance fortsetzen würde*

FrauenbildIch habe bis jetzt nicht herausbekommen, ob das eine Redeweise ist, die mit Nachdruck geächtet wurde, denn schließlich ist sie uns heute völlig ungewohnt - oder ein Austriazismus. Auf letztere Idee brachten mich meine Recherchen im Internet, wo ich einen Artikel von Alfred Polgar fand, der noch im Jahre 1950 folgendes von sich gibt: “Friedell war eine Figur der österreichischen Barocke, verpflanzt ins 20. Jahrhundert.**

Vielleicht können Leserinnen mir Auskunft geben, wie es zu “die Barocke” kommt und ob das irgendwo noch heute gesagt wird. Ich finde natürlich, dass wir den hübschen Ausdruck wiederbeleben sollten. Kann gar nicht genug Feminina geben. Und mit der Barocke werden ja sowieso überwiegend üppige ”barocke” Frauen assoziiert, wie Rubens, jener Inbegriff der Barocke, sie so gern malte.

Mein zweiter Friedell-Fund ist folgende Stelle:

Zur Reinigung der Sprache von den zahlreichen spanischen, italienischen und französischen Brocken wurden zwei große literarische Vereine gegründet: 1617 die Fruchtbringende Gesellschaft oder der Palmenorden, 1644 die Pegnitzschäfer oder der gekrönte Blumenorden […]. Aber der Purismus, den diese Reformer so eifrig betrieben, war nichts als gewendete Kauderwelscherei. Der rabiateste von ihnen, Philipp von Zesen, begnügte sich nicht damit, alle Fremdwörter zu exkommunizieren, sondern wollte auch den griechischen Göttern nicht ihre ehrlichen Namen lassen, indem er Pallas in Kluginne, Venus in Lustinne, Vulkan in Glutfang verdeutschte, und duldete nicht einmal gute deutsche Lehnwörter, indem er Fenster in Tageleuchter, Natur in Zeugemutter und sogar Kloster in Jungfernzwinger übersetzte: eine besonders grausame Maßregel, durch die die ohnehin schon durch ihre Lehnwortbenennung kompromittierten Mönche auf die Straße gesetzt werden. (S. 433f.)

FrauenbildAuch aus dieser Passage können wir einige nette Ausdücke in unsere Sprache übernehmen. Zeugemutter statt oder neben Natur finde ich apart, zumal ja heutzutage das Zeugen irreführenderweise meist dem Manne allein zugerechnet wird.

Von Kluginne und Lustinne können wir das Wortbildungsprinzip übernehmen: Wir hätten dann neben dem Wüstling, Schönling, Lüstling die Wüstinne, Lustinne, Schöninne - ob wir sie so dringend brauchen, ist eine andere Frage. Aber gut sowas für den Bedarfsfall in Reichweite zu halten.

Der eigentliche Grund aber, weshalb ich Friedell so ausführlich zitiert habe, ist sein Tadel für den “Kloster”-Ersatz “Jungfernzwinger”. Nicht dass da Jungfern in einem Zwinger gehalten werden, regt ihn auf, sondern dass die armen Mönche sprachlich übergangen, “auf die Straße gesetzt” wurden.

Werden nicht Frauen durch das sogenannte generische Maskulinum pausenlos auf die Straße gesetzt? Dafür hat natürlich auch ein Friedell keinerlei Bewusstsein, wie denn überhaupt in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit Frauen fast gar nicht vorkommen.

Ein faszinierendes Werk, wie gesagt. Aber nicht nur aus den Gründen, für die es berühmt ist.

Und der “rabiate” Philipp von Zesen? Das scheint ein einfallsreicher Herr gewesen zu sein, mit dem wir Feminaristinnen uns mal etwas gründlicher befassen sollten.

———————————-
Nachtrag am 28. Februar 2010:
Eben erhalte ich von Herbert Gnauer, dem Initiator und Leiter des Friedell-Hörprojekts, folgende Nachricht:

“Das Rätsel um ‘die Barocke’ wurde mittlerweile aufgeklärt. Heyse’s Fremdwörterbuch, 10. Aufl. 1872 schreibt unter dem Stichwort
barock:

fr., baroque, schief, schiefrund, unregelmäßig, verzerrt….
Barocke, f., der Barockstil

Es handelt sich also mitnichten um einen Austriazismus. Des weiteren wurden in einer Literaturdatenbank 75 Vorkommen der Wortkombination ‘die Barocke’ bis in die 50er Jahre des XX. Jhdts entdeckt. ‘Die Barocke’ dürfte zu Friedells Zeiten vermutlich etwas exotisch, aber jedenfalls nicht gaenzlich unerhört angemutet haben.”

——————————
*Zitiert nach Friedell, Egon. 1984 [1927-32]. Kulturgeschichte der Neuzeit: Die Krisis der europäischen Seele von der schwarzen Pest bis zum 1. Weltkrieg. Ungekürzte Sonderausgabe in einem Band. München. Beck.
**Aus “Der grosse Dilettant. Egon Friedell und seine Kulturgeschichte der Neuzeit - Der Mann und das Werk.” Der Monat 16/1950, S.410-419)

 

# | Luise F. Pusch am 07.02.2010 um 03:18 PM | Druckversion

(5) Comments • (0) TrackbacksPermalinkEmpfehlen

31.01.2010

Mao wollte zehn Millionen Chinesinnen loswerden

Als wir uns noch richtige Briefe schrieben statt Mails, konnten wir das Briefpapier für allerlei Zusatzbotschaften nutzen. Helke Sander schrieb ihre Briefe manchmal auf der Rückseite der Fotokopie eines Artikels über Mao und Kissinger: Alle sollten wissen, was diese beiden Herren über Frauen dachten, was Politiker über Frauen denken. Beim Aufräumen fiel mir so ein Brief wieder in die Hände.

Heute gibt es andere Methoden zur Verbreitung von Wissen, deshalb schreibe ich diese Glosse. Frau findet die Original-Artikel zwar leicht im Internet - aber welche von uns kommt schon darauf, die drei Suchworte “Mao”, “Kissinger” sowie “Frauen” bzw. “women” zu googeln? Ich tat es nun - und wurde sofort fündig:

Ekkehard Krippendorf beschrieb die unglaubliche Episode in seiner “Kritik der Außenpolitik” (2000), die “Welt” und die “Presse” berichteten acht Jahre später wieder darüber. Und das englischsprachige Internet ist sowieso voll davon. Ich zitiere jetzt aber aus dem Artikel aus der “Süddeutschen”, den Helke mir vor 10 Jahren schickte (das genaue Erscheinungsdatum konnte ich nicht eruieren):

Mao: Sie wissen, dass China ein sehr armes Land ist. Wir haben nicht viel. Was wir im Überfluss haben, sind Frauen. (Gelächter).
Kissinger: Auf die haben wir keine Quoten oder Zölle.
Mao: Also wenn Sie sie haben wollen, dann können wir Ihnen ein paar geben, ein paar Zig-Tausend.  (Gelächter).  […] Laßt sie zu Euch kommen. Sie werden Katastrophen anrichten. So könnt Ihr uns Lasten abnehmen. (Gelächter).
Mao: Wollt Ihr unsere chinesischen Frauen? Wir können Euch zehn Millionen geben.
Kissinger: Der Vorsitzende verbessert sein Angebot.
Mao: Wir können sie Euer Land mit Katastrophen überschwemmen lassen und so Euren Interessen schaden. Bei uns gibt es zu viele Frauen. Sie gebären Kinder, und wir haben doch zu viele Kinder.
Kissinger: Das ist ein neuartiger Vorschlag, und wir müssen ihn prüfen.
Mao: Ihr könntet ein Komitee einrichten, um diese Frage zu untersuchen. So löst Ihr Besuch in China die Bevölkerungsfrage.
Kissinger: Wir sind natürlich bereit, sie anzunehmen.

Mao und Kissinger einigen sich nach dem Gespräch, das Protokoll des Treffens zu veröffentlichen, aber “Das mit den Frauen wird gestrichen”.

Heute, 37 Jahre später, herrscht wegen gezielter Abtreibung weiblicher Föten in China ein verheerender Frauenmangel bzw. Männerüberschuss. Der Frauenhandel blüht, massenweise werden Frauen aus angrenzenden Ländern entführt.

Seit der bis dahin geheimgehaltene Text 1999 veröffentlicht wurde, haben viele Menschen ihn kommentiert. Kein einziges Wort habe ich aber über den auffälligsten Aspekt gelesen: Dass Maos Verachtung der eigenen weiblichen Bevölkerung auf einem fundamentalen Denkfehler beruht. Auch chinesische Frauen würden keine Kinder bekommen, wenn sie nicht zuvor geschwängert würden, von Männern, oft gewaltsam. Ein Mann kann endlos viele Kinder zeugen, eine Frau nur vergleichsweise wenige gebären.

Mao hätte den USA also nahezu die gesamte männliche Bevölkerung andienen müssen, sich selber eingeschlossen. Erst so wäre sichergestellt, dass in China weniger Kinder geboren werden.

Kissinger und Mao mögen entgegengesetzten politischen Systemen angehört haben, hinsichtlich ihrer Frauenverachtung aber unterschieden sie sich nur wenig. Eben waschechte Mitglieder des old boys’ network.

Manche schreiben, Kissinger habe Maos krudem Vorschlag nicht widersprochen, weil er Diplomat war. Ein Diplomat verhält sich diplomatisch und platzt nicht gleich mit der eigenen Meinung heraus.

Rund 40 Jahre vor diesem denkwürdigen Dialog bot ein anderer Diktator den USA Mitglieder einer anderen Bevölkerungsgruppe, darunter auch Heinrich Alfred Kissinger aus Fürth, zur massenweisen Übernahme an, weil er sie zu den Schädlingen zählte. Ob der mit 15 Jahren vor den Nazis geflohene Kissinger nicht doch widersprochen hätte, wenn Mao ihm 10 Millionen Juden angeboten hätte, weil die in seinem Land nur Schaden anrichteten?

Aber soweit wäre es wohl gar nicht erst gekommen, denn Mao hätte selbstverständlich auf die Gefühle seines hohen Gastes Rücksicht genommen. Mann ist ja kein Unmensch.

# | Luise F. Pusch am 31.01.2010 um 10:36 PM | Druckversion

(10) Comments • (0) TrackbacksPermalinkEmpfehlen

24.01.2010

Weibliche Formen schmerzlich vermisst

Während eines Umzugs fällt einer allerlei wieder in die Hände. Ich fand vorgestern eine Audio-Cassette wieder, einen Mitschnitt der schönen Sendereihe “Zwischentöne” vom September 2004, Sabine Küchler im Gespräch mit Maria Frisé, früher Feuilleton-Redakteurin bei der FAZ. Sie hatte gerade ihre Erinnerungen unter dem Titel “Meine schlesische Familie und ich” herausgebracht, und Küchler fragte sie:

Sie haben den Weg zurück in die eigene Kindheit schon einmal eingeschlagen,  in einem andern Buch. Vor 14 Jahren, glaube ich, erschien ein schmaler Band mit dem Titel “Eine schlesische Kindheit”, ein Buch, das damals in einer sehr deutlich literarischen Perspektive erzählt wurde, in der dritten Person, aus der Sicht eines kleinen, dann heranwachsenden Mädchens. Und hätte es in diesem Buch nicht Familienfotos gegeben und ein knappes Nachwort von Ihnen, so wäre man vielleicht gar nicht so sicher gewesen, dass diese schlesische Kindheit, von der dort erzählt wird, IHRE Kindheit ist. Wie war das jetzt, was hat Sie heute in die Lage versetzt, von diesem “er”, dem kleinen Mädchen damals, ja, so ungeschminkt heute “ich” sagen zu können? Was ist da passiert?

Maria Frisé:

Also das war ein Kunstgriff, dass ich in die Person meiner zehnjährigen oder zwölfjährigen Kindheit zurückschlüpfte. […] Aber dieses Kind war für mich schon ‘n bißchen fremd, und nur die Form, aus der kindlichen Perspektive etwas zu schreiben - in der Literatur gibt’s das ja sehr häufig - hat mich sehr gereizt, und ich hab ja auch für dieses Buch zwei Literaturpreise gekriegt.

Literaturpreise hin oder her - da reden zwei gestandene Literatur-Fachfrauen miteinander über Erzählformen und -perspektiven, und es fällt weder der einen noch der anderen etwas auf. “… von diesem er, dem kleinen Mädchen damals…”, da hätte doch der einen die Zunge verdorren müssen und der anderen das Gehör.

Aber sie benutzen lediglich brav - und anscheinend bewusstlos - die alten Fachbegriffe einer patriarchalen Literaturwissenschaft, die nur den Ich-Erzähler kennt und die Er-Form im Gegensatz zur Ich-Form. Ein Literatur-Kurs der Fern-Uni Hagen von heute belehrt uns:

Der Erzähler spricht entweder von sich oder von anderen. Dementsprechend wird das erste Verhältnis als Ich-Form, das zweite als Er-Form bezeichnet.

(Komplett nachzulesen (wenn Sie sich das antun wollen) in aller Mannhaftigkeit hier.)

Und wenn “der Erzähler” mal ausnahmsweise was über Frauen erzählen möchte? Ist ja sogar den Allergrößten durchaus schon mal unterlaufen, denken wir nur an Fontanes Effi Briest, Flauberts Madame Bovary oder Tolstojs Anna Karenina. Benutzen die vielleicht die Er-Form für ihre Heldinnen? Das wäre ja schon recht putzig, und sie ließen es denn auch.

Na und erst die Erzählerinnen, die in der Sie-Form über andere Frauen schreiben. Und die Erzählerinnen, die von sich in der dritten Person sprechen, z.B. Maria Frisé in “Eine schlesische Kindheit” oder Christa Wolf in “Kindheitsmuster”. Sie alle benutzen nicht “die Er-Form”, sondern sinnigerweise die Sie-Form.

Wir sehen hier Schillers alten Spruch von der “bösen Tat, die fortzeugend Böses muss gebären” wieder einmal bestätigt:
Hätte mann neben dem Erzähler, dem Ich-Erzähler etc. auch schon mal eine Erzählerin ins Auge gefasst, so wäre wohl der Klops mit der Er-Form nicht passiert. “Der Erzähler” - das kann mann einigen von uns noch immer als geschlechtsneutral verkaufen - aber nicht die Er-Form.

Denn einen solchen Romananfang werden Sie nicht finden: “Die Marquise ging um fünf Uhr aus; er war mit seiner Freundin zum Tee verabredet.”

# | Luise F. Pusch am 24.01.2010 um 02:17 PM | Druckversion

(20) Comments • (0) TrackbacksPermalinkEmpfehlen

16.01.2010

Singles und ihre Artikel

Nicht, was Sie jetzt wieder denken. Hier geht es ganz nüchtern um grammatische Artikel wie der, die, das.

Der, die, das - in dieser Reihenfolge werden bei uns die Artikel aufgezählt. Warum eigentlich? Warum sagen wir nicht die, das, der nach dem Titanic-Prinzip (“Frauen und Kinder zuerst”)? Oder alphabetisch das, der, die?
Wir sagen auch: er, sie, es
Oder: männlich, weiblich, sächlich
Oder: Maskulinum, Femininum, Neutrum

Die Reihenfolge bildet eine Rangfolge ab: Der Mann rangiert höher als die Frau, die Frau höher als ein Tier oder Ding. Unsere Grammatik stuft die Frau vom Rang her als Mittelding zwischen Mensch und Tier/Ding ein.

Immerhin! Wir wollen nicht undankbar sein oder maßlos. Aber das Tier auf derselben Stufe wie das Ding - da müsste doch der Tierschutz einschreiten!
An diese Ordnung der Dinge wurde ich wieder erinnert, als ich neulich eine Sendung mit dem Titel “Die Single” aus der interessanten Reihe über “Die Dinge des Lebens” sah.

Ich schaute übrigens nur aus feministisch-linguistischem Interesse zu, denn ich hatte mich, etwas naiv, gefragt, wieso “die Single” zu den “Dingen” des Lebens zählt. Bei “Single” dachte ich mehr an “alleinstehende Person”, an Sätze wie: “Sie ist eine überzeugte Single; ihr Bruder auch.”

Aber so läuft das ja nicht in der deutschen Männersprache. Im Duden erfahre ich, dass Single zu jenen seltenen Substantiven gehört, die im Deutschen mit allen drei Artikeln (bzw. Genera) verknüpfbar sind:

das Single “Einzelspiel (im Tennis o. ä.)”
die Single “kleine Schallplatte”
der Single ”alleinstehender Mensch”

Die Sendung handelte denn auch von der “kleinen Schallplatte”, einem inzwischen zum Kultobjekt aufgestiegenen “Ding des Lebens” aus den 50er und 60er Jahren, für das ich mich nie besonders interessiert habe.

Nun werdet Ihr sagen, was regt sie sich wieder auf, schließlich heißt es doch
der Mensch - ergo der Single,
die Schallplatte - ergo die Single
das Spiel - ergo das Single.

Es stimmt, die Artikel für aus dem Englischen übernommene Wörter richten sich oft nach dem Artikel sinnverwandter deutscher Wörter, anders wäre die Übernahme von the girl als das Girl statt die Girl kaum zu verstehen.

Aber mit demselben Recht hätte es heißen können:
die Person, ergo die Single: Udo ist eine alleinstehende Person, ergo eine Single.

Schluss jetzt mit dem langweiligen Grammatikunterricht. Was ich eigentlich sagen und hier nur mal wieder mit einem neuen Beispiel illustrieren wollte:
Lassen Sie sich nicht stören, wenn “die Single” schon für was anderes gebraucht und “besetzt” ist.

Es heißt:

Meine Freundin ist eine hochbezahlte Manager und überzeugte Single. Ihre Tochter, eine Teenager, ist eine begeisterte Fan von Dusty Springfield, Aretha Franklin und Melissa Etheridge, von denen sie jede Menge CDs besitzt und auch etliche Original-Singles.

# | Luise F. Pusch am 16.01.2010 um 09:25 PM | Druckversion

(18) Comments • (0) TrackbacksPermalinkEmpfehlen

10.01.2010

Zum Tod von Mary Daly

Das Jahr fing gar nicht gut an. Erst starb Freya von Moltke am 1. Januar, zwei Tage später dann Mary Daly. Die beiden wohnten nicht weit voneinander entfernt, die eine in Vermont, die andere in Massachusetts, Neuengland. Beide waren Widerstandskämpferinnen und hatten komplexe Beziehungen zu Deutschland. Moltke und ihr Mann gehörten zur Verschwörung des 20. Juli; Helmuth Graf von Moltke wurde von den Nazis hingerichtet. Daly widerstand dem Patriarchat in all seinen Erscheinungsformen, ganz besonders seiner Extremform, der katholischen Kirche. Sie hatte in der Schweiz studiert und gelehrt, und ihre treusten Anhängerinnen hatte sie vermutlich in Deutschland, nicht zuletzt dank der Vermittlung ihrer Übersetzerin, der feministischen Philosophin Erika Wisselinck.

Während Freya von Moltkes Tod hier breite Resonanz auslöste und sogar in der Tagesschau gemeldet wurde, hörten wir über Mary Dalys Tod zunächst kein offizielles Wort, es kursierten nur entsetzte Emails unter Feministinnen: “Hast du schon gehört?”, “Kannst du das bestätigen?” Da ich nirgends eine Bestätigung las - etwa eine Meldung im Boston Globe oder in der New York Times, schließlich war Mary Daly eine Denkerin von internationaler Statur - lebte ich noch 2 Tage in der Hoffnung, jemand, ein mieser Patriarch vielleicht, hätte sich einen üblen Scherz erlaubt. Aber dann kamen schließlich doch die Nachrufe, und ihr Tod wurde traurige Gewissheit.

Warum bekommt der Tod der einen Widerstandskämpferin so unmittelbare und große Aufmerksamkeit, der Tod der anderen aber nur so zögerliche und widerwillige?

Da gibt es eine ganz einfache Antwort: Das Regime, dem Daly zeitlebens heroischen Widerstand leistete, ist noch an der Macht. Es mochte und mag diese unbequeme, kämpferische Denkerin nicht und würde sie am liebsten ignorieren, auch die Tote noch totschweigen. Wären die Nazis noch an der Macht, gäbe es auch kein Aufhebens von Freya von Moltkes Tod. Daraus folgt im Umkehrschluss, dass eine Feministin, die von der herrschenden Kultur gefeiert wird, sich fragen muss, ob ihr Widerstand noch Biss hat. Und zweitens folgt daraus, dass die überlebenden Widerständigen im eigenen Interesse die Erinnerung an ihre lieben Verstorbenen wachhalten sollten, bis das Regime überwunden ist. Danach läuft die Sache mit dem gebührenden Gedenken an die einstmals so Unbeliebten ganz natürlich und reibungslos.

Mary Daly wird aber nicht nur in ihren Werken weiterleben, sondern wer weiß wo sonst noch. Vor knapp 5 Jahren erzählte sie fröhlich in einem Interview, sie hätte in letzter Zeit öfter Besuch von Matilda. Damit meinte sie Matilda Joslyn Gage, radikale Feministin und Autorin von Women, Church and State (1893). Wenn Mary Daly uns Matilda nicht 1978 in Gyn/Ecology wieder nahegebracht hätte, wäre sie heute ganz vergessen, denn mit ihr, die übrigens das Wort patriarchy geprägt hat, verfuhr das Patriarchat genau so wie mit Mary Daly. Ich stelle mir vor, dass Mary Matildas freundliche Besuche jetzt erwidert, was sie ja bisher nicht konnte, und dass die zwei gemeinsam Pläne schmieden, wie frau diese Welt endlich auf Vorderfrau bringen könnte. Denn, so Daly: “The world needs to become enGAGEd.”

Genau. Und dazu brauchen wir auch Our Daly Bread.

••••••••••
Zum 80. Geburtstag von Mary Daly am 16. Oktober 2008 habe ich eine FemBiographie geschrieben, in der ich ihr Leben und Werk würdige. Über ihre Wortspiele habe ich 1987 einen Aufsatz aus feministisch-linguistischer Sicht geschrieben (Quelle s. dort). 

# | Luise F. Pusch am 10.01.2010 um 05:07 PM | Druckversion

(5) Comments • (0) TrackbacksPermalinkEmpfehlen

02.01.2010

Alte Männer, neues Jahr: Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker

Jedes Jahr am Neujahrsmorgen spielen die Wiener Philharmoniker im Goldenen Saal des Musikvereins ihr Neujahrskonzert, überwiegend mit Wälzern und Polken der Strauß-Dynastie. Die Eintrittskarten sind sündhaft teuer und obendrein auf Jahre ausverkauft, aber auf dem Bildschirm gibt’s das Ganze kostenlos, und so schauen jedes Mal viele Millionen Menschen “aus aller Herren Ländern” zu, diesmal sollen es 72 Herrenländer gewesen sein.

Das Konzert wird auch überwiegend von Herren bestritten, aber heuer konnte Kulturmoderatorin Barbara Rett vom ORF melden: “Man sieht viele junge Gesichter, ein richtiger Generationswechsel hat da im Orchester stattgefunden. Auch einige Damen sind hinzugekommen, sehr erfreulich.”

Ich habe insgesamt zwei Damen ausgemacht, junge natürlich, vielleicht waren es auch drei.

Ab einem gewissen Alter feiern die Leute ihren Geburtstag nicht mehr so ausgiebig, sie lassen ihn lieber sang- und klanglos verstreichen - schon wieder ein Jahr älter. Nicht so bei Neujahr - das begrüßen wir alle, Alt und Jung, gerne mit Getöse. So auch die Wiener Philharmoniker. Ich ließ mich von der schwungvollen Musik und den schönen Blumen verzaubern, wie Millionen andere auch. In der Pause bekamen wir einen 15-minütigen Film namens “Inside” gezeigt, sozusagen ein “Making of” des Neujahrskonzerts. Da waren dann mehr Frauen zu sehen - wie sie den Musikvereinssaal reinigten, wie sie Tausende von Blumen anschleppten und hübsch arrangierten, und wie sie in den Schneiderinnenateliers nach den Vorgaben des “Modezars” Valentino die Kostüme für die Balletteinlagen fertigten. 250 Frauen-Arbeitsstunden hatte allein das Kostüm der Ballerina in “Valentino-Rot” gefordert! (Valentino, O-Ton: “Valentino is well known for red, of course I put the first ballerina in red.) Für sich selbst bevorzugt der Modezar dagegen klassisch-dezentes Grau, Beige und Weiß. FrauenbildEr und sein Lebensgefährte Giametti traten damit im Partnerlook auf, passend zu den im Privatjet mitgeführten fünf Möpsen und zu Giamettis weißem und Valentinos aschblondem Haar.

Wir bekamen also optisch und musikalisch was geboten, es war ein Fest für Auge und Ohr.

Zum Nachdenken bekamen wir auch was geboten. Warum, fragte ich mich, wird der rüstige Dirigent Prêtre dauernd für seine 85 Jahre gelobt, der ebenso rüstige Modeschöpfer Valentino aber überhaupt nicht? Immerhin wird er auch bald 85, sind nur noch 7 Jahre hin. Auch er macht weiterhin Furore in seinem Beruf, hat sich schön liften und bräunen lassen und schreitet jugendlich federnd dahin. Das wäre doch auch mal ein kleines Lob wert gewesen. Oder wenigstens eine Erwähnung. Aber nichts, rein gar nichts erfuhren wir über Valentinos vorgerücktes Alter.

Altern, so scheint es, ist in Valentinos Branche die Peinlichkeit schlechthin, am besten verliert man darüber kein Wort. Der Chef ist seiner eigenen Botschaft zum Opfer gefallen und macht mit in seinem eigenen Zirkus. Faltige Haut hat er an seine Möpse delegiert.
Frauenbild

Chronologie: Frauen bei den Wiener Philharmonikern 1997-2006 (dank an Anne Beck für den Hinweis)

# | Luise F. Pusch am 02.01.2010 um 08:06 PM | Druckversion

(3) Comments • (0) TrackbacksPermalinkEmpfehlen

29.12.2009

Leidige Väter

Als Anfang Dezember die Nachricht über die Gleichstellung lediger Väter mit verheirateten Vätern durch die Medien ging, wunderte ich mich vor allem über diesen Ausdruck “ledige Väter”. Früher gab es doch nur ledige Mütter, und die Väter dazu blieben sprachlich unsichtbar. Im Zuge der Frauenbewegung organisierten sich die damals noch brutal geächteten “ledigen Mütter”, nannten sich fortan “alleinerziehend” statt “ledig” und gründeten den Verband alleinerziehender Mütter. Bald begehrten auch Männer Einlass (ähnlich wie beim Hausfrauenbund) und schwupps hieß der Verband “Verband alleinerziehender Mütter und Väter”, VAMV. Das neue Wort betonte den Aspekt des Erziehens und Betreuens im Alleingang und vernachlässigte den Aspekt des “Zivilstands”. Alleinerziehend können Geschiedene, Verwitwete, Unverheiratete, Getrenntlebende, Sitzengelassene und auch Verheiratete sein.

Nun kommt das erledigte Wort “ledig” also wieder und verbindet sich mit “Vater” zu einer fragwürdigen neuen Einheit - wie kommt das? Auch früher schon gab es ja zu jeder “ledigen Mutter” auch einen Vater ihres “unehelichen” Kindes. Bloß war der Vater meist nicht ledig, sondern verheiratet und hielt es schon deshalb für wenig ratsam, lautstark irgendwelche väterlichen Rechte geltend zu machen. Er hatte mit der ledigen Mutter ein uneheliches oder außereheliches Kind gezeugt und sie dann “mit ihrem Kind sitzengelassen”.

Warum es sitzen- und nicht stehen- oder liegenlassen heißt, wäre auch mal interessant zu ergründen. Ich denke mir, weil das Kind, wie das Jesuskind bei der Jungfrau Maria, meist auf dem Schoß sitzend dargestellt wird, was eine runde, optisch ansprechende Anmutung von Zusammenhalt, Geborgenheit und Wärme ergibt. “Mutter und Kind” eben. Wenn Mutter steht oder geht oder liegt, ist es nichts mit dieser Art Schoß, den gibt es nur im Sitzen.

Das Jesuskind ist Gottes uneheliches und Marias außereheliches Kind. Das sind göttliche, übermenschliche Verhältnisse. Bei den Menschen ist es in der Regel genau umgekehrt. Ihr Kind ist unehelich, und dasselbe Kind ist, von ihm aus betrachtet, außerehelich. Seine außerehelichen Kinder wurden erst vor kurzem mit seinen ehelichen gleichgestellt, z.B. im Erbrecht. Für die Mutter aber macht diese Unterscheidung in Kinder erster und zweiter Klasse in der Regel keinen Sinn, schließlich verlangen alle ihre Kinder extremen körperlichen Einsatz (Schwangerschaft, Geburt, Stillen), bevor sie auch nur Piep sagen können. Mutter kann einem Kind zwar “das Leben schenken”, zu vererben hat sie aber meist nicht viel.

Wenn die Frau durch außerehelichen Geschlechtsverkehr ein Kind bekommt, ist das Kind weder “unehelich” noch “außerehelich”, sondern es gilt als ehelich, sofern die Mutter nichts anderes vermeldet. Gesteht die Mutter ihren “Fehltritt”, kann der “gehörnte Ehemann” das “Kuckuckskind” als seines anerkennen oder sich scheiden lassen. Interessant, diese Tiermetaphern. In Goethes Drama heißt die uneheliche oder außereheliche Tochter noch “natürliche Tochter”. Und in der Tat hat Mutter Natur keinen Bedarf für die Ehe - die “Fortpflanzung” funktioniert sogar ohne diese besonders gut.

Nun zum Vater des “Kuckuckskindes” - ist es sein uneheliches Kind? Nur wenn er ledig ist, sonst eher sein außereheliches Kind. Der Vater ist mal kurz aus seiner Ehe ausgetreten. Die Ehe ist ihm wie ein Gehege, und er geht schon mal gerne außerhalb etwas wildern.

Das war früher die Ordnung der Dinge, die Sorge für das Kind überließ mann gern der Mutter - und fairerweise dann auch das Sorgerecht.

Seit aber Frauen für ihren Unterhalt nicht mehr auf Ehemänner angewiesen sind und selbst über die Anzahl ihrer Kinder entscheiden können, werden sowohl Kinder als auch ehewillige Frauen immer seltener und daher kostbarer. Und deshalb beanspruchen die neuen “ledigen Väter” ihren fairen Anteil vom Mutter-Kuchen.

Mag der verheiratete Vater dem ledigen Vater gleichgestellt werden, das sollen die Männer unter sich ausmachen. Sie sollen auch die Frage klären, wie mit dem verheirateten Vater zweiter Klasse zu verfahren ist - dem, der verheiratet ist, aber nicht mit der Mutter seines Kindes. Wichtig ist, dass die Mutter ihre Vorrechte behält. Denn sie sitzt da mit dem Kind auf dem Schoß, aus dem es kam. Der Vater, ob ledig oder nicht, hat hingegen keinen Schoß, mit dem er gebären könnte, wohl aber einen, auf dem ein Kind sitzen kann. Nur hat er dort meist lieber seinen Laptop. Oder beim Lapdance ein “leichtes Mädchen”.

FrauenbildAuf die eigentliche sozialpolitische und rechtliche Problematik des Themas - Stichwort “Vaterrechtsbewegung” - bin ich hier gar nicht eingegangen, da gibt es viel kompetentere Frauen, z.B. meine Freundin Anita Heiliger. Sie kennt sich aus, und sie wird immer zorniger. Besorgen Sie sich ihre Bücher und/oder gehen Sie auf Heiligers Webseite zu den Downloads und lesen Sie ihre Analysen zum Sorge- und Umgangsrecht, z.B “In Nomine Patris. Die Interessen und Praxen der Vaterrechtsbewegung (2008)” und “Vater um jeden Preis? (2008)”

 

# | Luise F. Pusch am 29.12.2009 um 11:53 AM | Druckversion

(5) Comments • (0) TrackbacksPermalinkEmpfehlen

Seite 1 von 12  1 2 3 >  Letzte »

Seitenanfang

Hedwig Dohm