19.05.2013

“Homo-Ehe”, “Verpartnerung” und andere Unwörter

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Neunundfünfzigste Lektion.

Vorbemerkung: Das Unwort “Homo-Ehe” geistert in letzter Zeit derart häufig unwidersprochen durch alle medialen Kanäle, dass mir die Ohren wehtun. Ich plädiere dafür, es als Unwort des Jahrzehnts zu brandmarken. Würden die Medien plötzlich das alte Wort “Mischehe” für Ehen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Menschen oder zwischen Schwarzen und Weißen wieder aufwärmen - der Aufschrei “Unwort” würde auf dem Fuße folgen, zu Recht.

Alternativen zu “Homo-Ehe” habe ich vor bald 12 Jahren in meiner Glosse “Verpartnerung” vorgeschlagen und diskutiert. Damals schien das Wort “Homo-Ehe” durch die “kleine Lösung” der “Verpartnerung” überholt und abgeschafft. Nun aber wird die “Verpartnerung” überholt und abgeschafft, und die “Homo-Ehe” steht uns ganz offiziell ins Haus. Dagegen sollten wir uns verwahren. Ich bringe im folgenden meine alte Glosse von 2001 in ihrer ursprünglichen Form und schließe dann noch einen aktuellen Vorschlag an.
——-
Am 3. August 2001 besuchten wir unseren schwulen Freund Jürgen in Altona. Er war noch ganz erfüllt von den vielen lesbischwulen Eheschließungen bzw. Registrierungen, die am 1. August im Rathaus Altona unter reichlichem Aufgebot an Prominenz stattgefunden hatten. Als wir ankamen, saß er grade da und ordnete triumphierend seine Zeitungsausschnitte; die Regenbogenfahne an seinem Dachfenster flatterte fröhlich im Winde.

“Ja, es war ein historisches Datum”, sagten wir, etwas schwunglos.
“Und ihr, was habt ihr am 1. August gemacht?”
“Nix weiter. Irgendwie ist das historische Datum an uns vorübergegangen. Wir haben aber auch soo viel zu tun mit dem Band Berühmte Frauenpaare, den wir herausgeben, weißt du.”
“Das ist keine Entschuldigung”, fand er. Zu Recht.
“Wenigstens musst du dann eine Glosse schreiben.” Ich versprach es reumütig - aber nichts inspirierte mich so richtig, bis ich im Deutschlandradio diese Sendung über das neue Lebenspartnerschaftgesetz anhörte. Da redeten doch diese juristischen Experten dauernd wie selbstverständlich von der “Verpartnerung” der Lesben und Schwulen.
“Also der Zivilstand ist dann nicht mehr ledig, sondern verpartnert?” erkundigte sich der (wohl eher heterosexuelle) Moderator nochmal ungläubig.
“Ja, ganz recht.” Der Jurist blieb völlig ungerührt.

Seither geht mir das Unwort im Kopf herum. “Wir schließen heute den heiligen Bund der Verpartnerung” - wie hört sich denn das an?!

Ich hatte, bevor die Juristen das Problem sprachlich erledigt hatten, selbst schon mal herumgebastelt. Frau soll ja nicht immer nur meckern, sondern auch mal Positives zur Debatte beitragen. Damals kämpfte ich noch gegen das andere Unwort, “Homo-Ehe”, auf das der Volksmund sich geeinigt zu haben scheint.

Da ich viel in den USA bin, wo sie alles abkürzen, versuchte ich es mit dieser Methode und kam schließlich auf Ho-Ehe, oder, ganz kurz, Höhe:

• Wir schließen heute den heiligen Bund der Höhe.
• Die Höheleute Emilie Butter und Ottilie Kuchen
• Höhescheidungen sind viel seltener als Ehescheidungen.
• Die frische Höhenluft tut gut!

Funktioniert prima und hat auch gewissermaßen noch was Gehobenes, was uns Lesben und Schwulen ja gewöhnlich komplett abgeht.

Aber das ist Schnee von gestern, wenn auch niedlicher. Mit der Verpartnerung werden wir wohl erstmal leben müssen. Die meisten scheinen sich schnell daran gewöhnt zu haben. Auch “beim Institut für deutsche Sprache in Mannheim stößt das Kunstwort auf Sympathie. Sein Direktor, Professor Gerhard Stickel, kann sich mit dem Begriff anfreunden, plädiert aber dafür, die homosexuellen Paare auf ihren Sprachgebrauch hin zu befragen”, meldete der Mannheimer Morgen einen Tag vor der Großen Verpartnerung am 1. August.

Stickel möchte vielleicht politisch korrekt sein (“Lasst die Betroffenen selbst zu Wort kommen!”), aber seine Empfehlung ist nur eine leere Floskel. Wie sollen homosexuelle Paare bitte einen Sprachgebrauch entwickelt haben für eine soeben erst geschaffene Institution? Auch weiß der Direktor des Instituts für deutsche Sprache natürlich sehr gut, dass die Vorsilbe ver- es in sich hat und bei Lesben und Schwulen Unbehagen auslösen MUSS, das die meisten allerdings nicht recht benennen und begründen können.

Sehen wir uns deshalb mal ein paar Wörter mit ver- an:

• Diese versoffene, versiffte und verkommene Person hat mein ganzes Geld verspielt.
• Er verrechnet, verspricht, verhört und verschreibt sich dauernd.
• Die Gäste sind verspätet, der Gastgeber vergreist, die Dienerschaft verblödet, die Suppe versalzen, die Brötchen verschimmelt und der Wein vergiftet.

Die Vorsilbe ver- hat eine Reihe von Bedeutungen, aber die produktivste ist “einen Fehler machen” wie bei

sich verlaufen, verkalkulieren,
etwas verlegen, verkramen

Das Wort verklingeln steht nicht im Wörterbuch, aber man versteht sofort, wenn eine sagt, “Entschuldigung, ich habe mich verklingelt.”

Natürlich gibt es auch verliebt, verlobt, verheiratet, die Vereinigung und die Verbrüderung, und daran werden die wortschöpfenden JuristInnen vermutlich gedacht haben, vielleicht sogar arglos. Aber ich bin sehr skeptisch. Außerdem sind Lesben weder Brüder noch Partner - aber Verpartnerinnung bringt’s wohl auch nicht.

Was die Heteras und -ros wohl dazu sagen würden, wenn sie demnächst miteinander vergattet würden? “Nach der Vergattung schritten die frischgebackenen Gatten zur Begattung.”
Sie würden es sich verbitten. Aber sie haben’s ja nicht nötig.

Kurz, mit dem Wort Verpartnerung sind wir schön verhohnepipelt, verarscht und vergackeiert worden.
———
Soweit mein sprachpflegerisches Votum im Jahre 2001. Heute bin ich ein Stück weiter und finde, für die Ehe zwischen Frauen oder zwischen Männern brauchen wir keine besondere Bezeichnung. Das Wort “Ehe” reicht doch - hat es doch auch das Unwort “Mischehe” ersetzt, als die Gesetze gegen “Rassenschande” abgeschafft waren. Solange die “gleichgeschlechtliche Ehe” aber gesellschaftlich noch diskutiert wird, braucht es dafür ein griffigeres Wort, und wir können sie “gay marriage” nennen. Oder “neue Ehe” im Gegensatz zur “alten Ehe”.
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# | Luise F. Pusch am 19.05.2013 um 01:16 PM • 2 KommentarePermalink

13.05.2013

Die Epigone oder: Frauen in der Kunst

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Achtundfünfzigste Lektion.

In ihrer Kurzbiografie zum 150. Geburtstag von Camille Claudel für den Kalender „Berühmte Frauen 2014“ schreibt Andrea Schweers:

Den lobenden Kunstkritikern galt sie als begabte Schülerin des großen Bildhauers, den Gegnern Rodins als nicht ernst zu nehmende Epigone.

Ich stutzte. „Die Epigone“ - das gefiel mir, ich fand es natürlich sehr passend, aber so richtig korrektes Deutsch war es wohl nicht? Sagen wir nicht ausschließlich „der Epigone“?

Der Duden bestätigt diese Vermutung mit folgendem Eintrag:

Epigone
Wortart: Substantiv, maskulin
Gebrauch: bildungssprachlich
Bedeutung: jemand, der in seinen Werken schon vorhandene Vorbilder verwendet oder im Stil nachahmt, ohne selbst schöpferisch, stilbildend zu sein
Herkunft: griechisch epígonos = Nachgeborener

Für weibliche Personen, die in ihren „Werken schon vorhandene Vorbilder verwenden“, sieht der Duden die abgeleitete Form „Epigonin“ vor.

Soll ich - als Herausgeberin des Kalenders - Andrea Schweers’ schöne Eingebung korrigieren und aus ihrer „Epigone“ eine „Epigonin“ machen?

Nicht doch!
Wenn griech. epigonos “Nachgeborener” bedeutet, dann bedeutet epigone “Nachgeborene” - so viel weiß ich noch von meinem Graecum, das ich vor rund 50 Jahren ablegen musste. Weibliche Nachgeborene soll es ja auch geben. Epigonin wäre also etwa so sinnvoll wie „Nachgeborenin“.

Es ist überraschend, dass es im Deutschen statt „die Epigone“ für die Vorstellung der bloß nachahmenden, nicht selbst schöpferischen Künstlerin nur ein aus dem Maskulinum abgeleitetes Wort gibt. Wo doch der männliche Kunstbetrieb traditionell davon ausgeht, dass eine künstlerisch tätige Frau genau das typischerweise ist: Epigonal.

Aber noch vor dieser misogynen Vorstellung rangiert die Idee, dass eine Frau in der Kunst gar nichts zu suchen hat und auch nicht vorkommt bzw. vorzukommen hat. Nicht einmal als „bloß Nachahmende“. Dass - ob für Nachahmer oder Originalgenies - die Kunst ein rein männlicher Spielplatz ist.

Welche Abgründe an Erkenntnissen sich doch auftun, wenn wir unseren Wörtern, die wir dauernd arglos benutzen, auch nur mal ein kleines bisschen auf den Grund gehen…
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# | Luise F. Pusch am 13.05.2013 um 09:55 AM • Laut & LuiseEtymologieKunst4 KommentarePermalink

29.04.2013

Washington entmannt das Englische

Der Titel meiner Glosse ist irreführend, aber nur aus didaktischen Gründen. Unter „Washington“ verstehen die meisten von uns die Hauptstadt der USA, den Regierungssitz - oder gleich die Regierung. Wir lesen/verstehen also den Titel vermutlich etwa so: „Die Obama-Administration gendert die englische Sprache“. So weit sind wir leider noch nicht.

Das Wort „Washington“ ist mehrdeutig. Mit „Washington“ ist hier „nur“ der Bundesstaat Washington im äußersten Nordwesten der USA gemeint. Washington State beschloss soeben eine Radikalkur für alle seine Gesetze: Sie sind strikt geschlechtsneutral zu formulieren. Mehr dazu hier.

Auch das Wort „chairman“ ist mehrdeutig. Es hat eine Hauptbedeutung, nämlich „männlicher Vorsitzender“, und eine künstlich erzeugte und am Leben erhaltene Nebenbedeutung, nämlich „Person, die den Vorsitz führt“. Ähnlich wie „chairman“ sind viele englische Personenbezeichnungen gebaut. Deren Hauptbedeutung sollte es nun an den Kragen gehen, sie wurde nicht mehr geduldet. Das „man“ wurde getilgt, und so wurde aus dem lange als „geschlechtsneutral“ verkauften „chairman“ schlicht: „chair“ und aus „ombudsman“ schlicht „ombud“. 

Insgesamt mussten rund 3000 Änderungen vorgenommen werden, um die Gesetze in eine geschlechtsneutrale Form zu bringen. Es brauchten nur relativ wenige Wörter geändert zu werden (bekanntlich ist das Englische schon per se beneidenswert geschlechtsneutral), dies dafür aber immer wieder, für jedes Vorkommen. So wurde „ombudsman“ sicher fast hundert Mal zu „ombud“ verkürzt, aus “freshman” wurde rund dreißig Mal „first year student“, undsofort.

Ich habe mir die Mühe - und das Vergnügen - gemacht, die rund 500 Seiten der zur Geschlechtsneutralität korrigierten Gesetze durchzusehen. Wenn Sie sich auch dafür interessieren, können Sie sich das Konvolut als PDF-Datei hier ansehen. Hier die Liste der entsorgten man-Wörter mit ihren Ersetzungen:

brakeman > brake operator
chairman > chair
chairmanship > position of chair
dairyman > dairy farmer
draughtsmen > drafters
fireman > fire tender, fire fighter
fisherman > fisher
flagman > flagger
freshman > first year student
gripman > grip operator
journeyman > journey level electrician
longshoremen > longshore workers
man’s past > humankind’s past
materialman > material supplier
motorman > motor operator
nurseryman > nursery dealer
ombudsman > ombud
patrol man > patroller
penmanship > handwriting
policemen > police
ranchman > rancher
sportsmanlike conduct > sporting conduct
sportsmen > sports enthusiasts

Und hier die 3 Fälle, wo „man“ nicht ersetzt oder gestrichen, sondern stattdessen die Doppelform gewählt wurde:

horsemen > horsemen or horsewomen
seaman > seaman or seawoman
servicemen > servicemen or servicewomen

Die Pronomina he, his und him wurden durchweg durch he or she, his or her und him or her ersetzt. Das „Splitting“, wie ich es vor über 30 Jahren genannt habe, machte sicher etwa die Hälfte der 3000 Korrekturen aus. Ich zeige Ihnen, wie methodisch, ja geradezu unerbittlich der Staat dabei vorging: 

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„Sprachliche Eleganz“ war offenbar kein Thema. Geschlechtsneutralität war/ist das höhere Gut; ihm hat die „Eleganz“ sich unterzuordnen. Wer wird auch von juristischer Sprache unbedingt Eleganz erwarten?!

Und was können wir für unsere deutsche Männersprache daraus lernen? Bei uns reicht es nicht, aus einem „Müllmann“ beispielsweise einen „Müllentsorger“ zu machen, denn der ist immer noch maskulin. Also Splitting? „Müllmänner und -frauen“? Wird das nicht auf die Dauer zu lästig, wie unsere Männer immer sagen? Ja!

Es ist zu lästig, die Männer immer mitzuerwähnen. Deshalb haben wir zur Therapierung des Deutschen schon vor bald 30 Jahren das umfassende Femininum vorgeschlagen: Aus “Müllmännern” oder “Geschäftsführern” werden “Müllfrauen” bzw. “Geschäftsführerinnen”, wobei die Männer natürlich immer herzlich mitgemeint sind. Diese Lösung des Problems könnte, wenn wir das Rotationsprinzip anwenden, einige hundert Jahre gelten.

Da aber unsere Männer die Feminisierung partout nicht aushalten können, weshalb wir Frauen weiterhin die Maskulinisierung erdulden sollen - wird es irgendwann zu einer grundsätzlichen Änderung der deutschen Grammatik für diesen Problembereich kommen müssen. Mein Vorschlag, auch dies seit Jahrzehnten: Abschaffung des -in und zusätzlich einige flankierende Maßnahmen, deren Erörterung hier zu weit führen würde: Es heißt „die Freund“ und „der Freund“, genau wie „die Angestellte“ und „der Angestellte“. Dann brauchen wir auch nicht mehr „freundinlich“ und „Freundinnenschaft“ zu sagen. Um es feministisch-linguistisch auszudrücken: Auch Frauen haben ein Recht auf die Wortstämme! Wir müssen die Stämme besetzen, für uns reklamieren.
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Dank an Alison Brown für den Hinweis auf die vorbildlichen Sprach-Fortschritte im Bundesstaat Washington.
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# | Luise F. Pusch am 29.04.2013 um 05:59 PM • 8 Kommentare2 TrackbacksPermalink

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21.04.2013

Männer sind wie Schnellkochtöpfe

Hier eine Liste der Dinge, die in der letzten Woche hinzugekommen sind. Zu der Liste der Dinge, die mir Angst machen:

• Rucksäcke: Wer weiß, ob darin nicht ein Schnellkochtopf herumgeschleppt wird!
• Schnellkochtöpfe: Ich hielt sie schon immer für gefährlich und habe meinen schon vor langer Zeit entsorgt. Aber WIE gefährlich sie sind, habe ich erst in der letzten Woche gelernt.
• Boston Marathon: Habe ich mir auch früher höchstens im Fernsehen angesehen. Aber seit Montag werden sicher auch andere ängstliche Menschen den Boston Marathon meiden für alle Zeit. Und alle anderen Marathons auch. Und überhaupt Großereignisse und Menschenansammlungen aller Art.
• Boston: Diese Stadt hat erst vor einiger Zeit die feste Assoziation mit dem „Würger von Boston“ verloren. Dann starteten von dort die Selbstmordattentäter von 9/11. Jetzt hat sie eine neue Schreckensassoziation und -dimension hinzubekommen, ähnlich wie Newtown, Aurora, Utoya, Winnenden, Erfurt, Columbine.

Schon lange auf meiner Liste sind die folgenden Punkte. Aber sie sind durch die Ereignisse der letzten Woche in der Rangordnung weiter nach oben gerückt:

• USA: In den Irak, nach Syrien oder in andere „Brennpunkte“ und „Krisenherde“ würde ich freiwillig nicht reisen, aber die waffenstarrenden USA sind auch lebensgefährlich. Jeden Tag sterben in den USA 82 Menschen durch Schusswaffen. Die Selbstmorde sind mitgezählt - aber tröstlich oder beruhigend ist das auch nicht. Trotzdem hat es der demokratisch dominierte Senat diese Woche nicht fertiggebracht, das Waffengesetz zu verschärfen.

• Islamisten. Sie machen mir Angst, genau wie gewaltbereite Evangelikale, Rechtsextremisten und Linksextremisten. Nur sind letztere in der letzten Woche nicht ins Rampenlicht geraten.

Bis hierhin werden mir viele noch folgen können. Vor ImmigrantInnen und MuslimInnen habe ich keine Angst, aber in den USA sieht das derzeit ganz anders aus. Dort haben jetzt viele MuslimInnen berechtigte Angst vor einem Backlash. Und die Liberalisierung der Immigrationsgesetzgebung stand kurz vor einem Erfolg, der jetzt sehr in Frage gestellt ist, denn die Attentäter waren Immigranten. Immer diese schrecklichen Verallgemeinerungen!

Apropos Verallgemeinerungen. Ganz oben auf meiner Liste stehen natürlich Männer.
Dass die größte Gefahr von Männern ausgeht, wissen alle, aber es darf nicht laut gesagt werden, sonst heißt es sofort „unzulässige Verallgemeinerung“, „Männerhass“.

Das bringt mich wieder zum Anfang, auf die Schnellkochtöpfe. Schnellkochtöpfe sind ja nicht per se gefährlich, sondern meist nützlich und entfalten nur, wenn sie missbraucht werden, ihr tödliches Potenzial, ähnlich wie andere Küchenhelfer, z.B. Messer oder Pfannen. Genau so verhält es sich mit den Männern. Oft sind sie sogar hilf- bis segensreich. Auch in Boston sind ganz viele Männer, genau wie die Frauen, unter Lebensgefahr den Verletzten zu Hilfe geeilt. Und erst die Hatz auf die mutmaßlichen Terroristen: Überwiegend Männersache, und gefährlich.

Aber: Wie kommt es, dass Terrorakte und Massenmorde, wie überhaupt Gewalttaten, fast ausschließlich von Männern begangen werden? Vor allem aber: Wie kommt es, dass diese auf der Hand liegende Frage so selten gestellt wird? Wenn wir diese Frage nicht einmal stellen dürfen, kommen wir nicht weiter und müssen uns wegen außer Kontrolle geratener 19jähriger Bürschchen vielleicht alle auf permanenten Hausarrest gefasst machen, wie ihn letzte Woche die EinwohnerInnen von Boston zähneknirschend durchgestanden haben. Aber nicht einmal von ihnen vernehme ich die naheliegende Frage: Was können wir gegen die männliche Gewaltbereitschaft tun?

Apropos Hausarrest: Als zwischen 1975 und 1980 der Yorkshire Ripper umging, riet die Polizei den Frauen Yorkshires, abends und nachts zu Hause zu bleiben zu ihrer eigenen Sicherheit. “Wieso wir?” sagten die Frauen. “Sollen doch die Männer zu Hause bleiben, dann sind wir draußen sicher.”

Aber nicht drinnen, muß frau heute leider hinzufügen. Auch und vor allem drinnen richten die Schnellkochtöpfe verheerende Schäden an.
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# | Luise F. Pusch am 21.04.2013 um 03:55 PM • 7 Kommentare3 TrackbacksPermalink

14.04.2013

Das Gendern ist des Müllers Lust

Letzte Woche führte ich in Linz an der Donau mit GewerkschafterInnen (genauer: Mitgliedern der FSG OÖ = Fraktion der sozialdemokratischen GewerkschafterInnen in Oberösterreich) einen Workshop durch, zum Thema „Frauen besser ansprechen“. Es ging aber nicht um Anmache, wie mir im Vorfeld versichert wurde, sondern um (geschlechter)gerechte Sprache. Von den 13 Teilnehmenden waren etwa ein Drittel Männer, ein ungewöhnlich hoher Prozentsatz, der für die Aufgeschlossenheit der Gewerkschaft spricht.

Die Einstellung zur - in der Gewerkschaft immerhin vorgeschriebenen - gerechten Sprache war gemischt, erwartungsgemäß bei den Männern aber kritischer als bei den Frauen. Einer fand die „Genderei“ lästig, um nicht zu sagen überflüssig, und eine junge Genossin schloss sich ihm vorbehaltlos an.

Das Wort „Genderei“ anstelle von „Anwendung (geschlechter)gerechter Sprache“ war mir neu, bis dahin kannte ich nur „gendern“, substantiviert als „das Gendern“. Aber „die Genderei“, wenngleich es ein abfälliger Ausdruck ist, hat einen Vorteil: Es ist ein Femininum!

Der Ausdruck „gendern“ stammt m.W. auch aus Österreich, zumindest hörte ich ihn vor etwa drei Jahren zum ersten Mal von meiner Freundin Anna aus Wien. Inzwischen hat es das Gendern bis in den Duden geschafft. Auf duden.de lesen wir:

gen­dern
Wortart: schwaches Verb
Gebrauch: Politikjargon
Bedeutung: “das Gender-Mainstreaming (auf etwas) anwenden”
Beispiel: “die Behörde wurde gegendert”
Grammatik: schwaches Verb; Perfektbildung mit “hat”

(Quelle: hier)

Da hat also die feministische Sprachkritik einen kurzen, griffigen Ausdruck hervorgebracht, der uns nicht nur von dem Ungetüm „Gender Mainstreaming“ selbst befreit, sondern der auch flexibel als Verb und als Substantiv eingesetzt werden kann. Aus „Gender Mainstreaming ist eine Querschnittaufgabe“ wird schlicht: „ALLES muss gegendert werden“:

Die Sprache muss gegendert werden: Frauen müssen sprachlich sichtbar sein.
Die Politik muss gegendert werden: Frauen müssen in den Parlamenten und Regierungen zu 50-52 Prozent vertreten sein.
Die Wirtschaft muss gegendert werden: Frauen und Männer müssen für die gleiche Arbeit denselben Lohn bekommen. In den Vorständen und Aufsichtsräten müssen 50-52 Prozent Frauen sein.
Die Parteien: Die Grünen und die Linke sind seit ihren Anfängen bis in die Partei-Doppelspitze gegendert, die anderen Parteien ziehen langsam und widerwillig nach.
Keine schlechte Idee, auch die höchsten Staatsämter zu gendern. Nach dem Rotationsprinzip müssten nach den 56 Männerkanzlerjahren (1949-2005) also noch 48 Kanzlerinnenjahre abgearbeitet werden, außerdem natürlich 64 Bundespräsidentinnenjahre.

Undsosweiter ad libitum.

Ich stelle befriedigt fest: Die Sprache hat einen ungeheuren und sichtbaren Einfluss auf die Geschlechterpolitik. Das Wort „gender“ (Genus) selbst ist ein linguistischer Fachterminus; er bezeichnet im Englischen ursprünglich das „grammatische Geschlecht“. Von dort wurde seine Bedeutung ausgeweitet zu „soziales Geschlecht“ als Gegensatz zu sex „biologisches Geschlecht“. Bald fand „gender“ im „Gender-Mainstreaming-Konzept“ Eingang in die offizielle Gleichstellungspolitik der EU.

Und nun hat der österreichische Genius oder Schlendrian uns diese handliche Abkürzung beschert, die das Reden über das Gender Mainstreaming so nett vereinfacht und damit die Chancen der „Genderei“ deutlich erhöht.

Ob auch die Literatur gegendert werden muß, ist derzeit noch umstritten. Immerhin wurde das Buch der Bücher bereits erfolgreich gegendert zur „Bibel in gerechter Sprache“. Zwar wurden rassistische Bezeichnungen wie Astrid Lindgrens „Negerkönig“ zu „Südseekönig“ verändert. Aber die extrem sexistischen Figuren der Hexe und der bösen Stiefmutter wurden noch nicht aus Grimms Märchen entfernt oder in fiese Hexer und böse Stiefväter verwandelt. Berühmte Gesangszyklen wie „Die schöne Müllerin“ von Schubert oder „Frauenliebe und -leben“ von Schumann wurden noch nicht gegendert und auch nur selten vom „anderen Geschlecht“ gesungen: Lotte Lehmann und Brigitte Faßbaender sangen „Die schöne Müllerin“, aber ich kenne keinen Sänger, der sich an „Frauenliebe und -leben“ getraut hätte. Da kommt noch einiges auf uns zu.

Nachtrag: Meine Freundin Swantje Koch-Kanz informiert mich, dass Matthias Goerne den Zyklus “Frauenliebe und -leben” singt. Bravo!

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# | Luise F. Pusch am 14.04.2013 um 05:12 PM • Laut & LuiseGender11 Kommentare1 TrackbacksPermalink

01.04.2013

Geschlechtsverkehr

Gestern Nacht, nach dem Annika-Bengtzon-Krimi, sah ich mir noch die Tagesthemen an. Und da hörte ich zum ersten Mal von dem großen Wunder, das sich schon vor drei Wochen in aller Stille vollzogen hat: Die Neufassung der Straßenverkehrsordnung in geschlechtergerechtem Deutsch, kurz: die gegenderte StVO!

Diese Neufassung (vom 12. März 2013) sieht vor, dass alle Geschlechter am Verkehr teilnehmen dürfen, nicht nur Männer. War früher nur von Radfahrern, Mofafahrern und Fußgängern die Rede, heißt es jetzt „Rad Fahrende“, „Mofa Fahrende“ und „zu Fuß Gehende“. Wer es nicht glaubt, kann sich das epochemachende Dokument hier herunterladen. Genaueres Studium ergibt, dass sich das Verkehrsministerium ernstlich um geschlechtergerechte Sprache bemüht hat, wenn auch noch etliche Patzer und Inkonsistenzen zu beanstanden sind. Beim nächsten Durchgang empfiehlt sich Hinzuziehung einer feministischen Linguistin. Noch einfacher wäre eine Korrektur nach dem Rotationsprinzip: Alles im Femininum; Männer sind herzlich mitgemeint.

Wie kommt es nun, dass die Tagesthemen erst gestern auf die Zeitenwende eingingen? Weil die Neuregelungen erst zum 1. April in Kraft treten. Und weil die Tagesthemenredaktion wohl meinte, die gegenderte StVO eigne sich gut als Ersatz für einen zünftigen Aprilscherz, den sie sich als seriöse Nachrichtenredaktion ja in echt nicht leisten können. „Zu Fuß Gehende“ - nein, kein Aprilscherz, versicherte Caren Miosga mit freundlichem Grinsen, es war kurz vor Mitternacht, in wenigen Minuten brach der 1. April an.

Ich recherchierte danach ein wenig im Internet und fand heraus, dass die meisten von gerechter Sprache nichts wissen wollen und es wieder mal nicht fassen konnten, „wozu unsere Steuergelder missbraucht werden.“

Am 28.3. titelte ein Spiegel-Kolumnist im gewohnten sexistischen Spiegelsound: “Geschlechtsneutrale StVO: Dummdeutsch im Straßenverkehr”

Erstaunliches passiert auf der Webseite des ACE (Autoclub Europa). Dort findet sich eine Pressemitteilung, die die Bemühungen Ramsauers um eine geschlechtergerechte Sprache mit Hohn und Spott begießt. Ich zitiere in einiger Ausführlichkeit, weil dabei weitere geschlechtergerechte Lösungen zur Sprache kommen:

Volker Lempp, Leiter Verkehrsrecht beim ACE, dachte erst April, April, dann rieb er sich beim weiteren Lesen verwundert die Augen. Dem Juristen kommt es so vor, als habe der Verkehrsminister „kurzerhand einen Studienabbrecher im Fach Germanistik“ engagiert und mit dem Auftrag betraut, die bisherigen Formulierungen in der Verordnung auf die Erfordernisse der Gleichbehandlung von Frauen und Männern zu trimmen. Was dabei herauskam, entbehrt nicht der unfreiwilligen Komik. Kostproben gefällig?

In § 17 Abs. 2a StVO hieß es bisher bündig aber sprachlich unscharf: Krafträder müssen auch am Tag mit Abblendlicht fahren. Künftig ist klar: Nicht das Kraftrad, sondern eine Person, die dieses steuert ist in der Pflicht. Die neue Formulierung „Wer ein Kraftrad führt…“ schließt jedes Missverständnis aus. Folgerichtig wird aus dem Fußgänger (alt) in § 25 StVO ein jemand, „ der zu Fuß geht“ (neu) und in § 26 werden Fahrzeuge angehalten „den zu Fuß Gehenden…das Überqueren der Fahrbahn zu ermöglichen“ Aber auch vor dem Autofahrer macht das sprachliche Großreinemachen nicht halt: Fahrzeugführer war mal, jetzt bitte nur noch „Fahrzeugführende“ beziehungsweise „wer ein Fahrzeug führt“ (§ 23 StVO). Geradezu mit Erleichterung nehmen Verkehrsjuristen des ACE zur Kenntnis, dass in § 28 StVO auch die notorischen Reiter, Treiber und Führer (!) von Tieren, Pferden und Vieh verschwunden sind und – den Schriftgelehrten des Ministeriums sei Dank – Personen Platz gemacht haben, die „reiten, treiben und führen“.

Polizistinnen unter die Räder geraten – ACE ruft nach Alice Schwarzer
[…] wird es dort weiterhin nur Mannsbilder als Polizeibeamte (§ 36) geben. Der Anordnung einer Polizistin muss man(n) demnach also nicht Folge leisten, oder doch? Verzweifelter Aufruf des ACE: Alice Schwarzer, übernehmen Sie! (Quelle: hier)

So weit, so schlecht und altbekannt. Was mir aber gänzlich ungewohnt war, waren die wütenden Kommentare, die die Häme dann auf sich zog:

„Man kann gegenderte Sprache aus verschiedenen Gründen mögen oder ablehnen. Aber mit einem Text wie diesen disqualifizieren Sie sich selbst. Sie begeben sich mit Ihren Vergleichen (Studienabrecher Germanist und den populistischen Ruf nach Alice Schwarzer) in die Ecke von unseriösen Vereinen wie z.B. Manndat.“ (Frank)

“Uij, da fühlt sich ein ein älterer, heterosexueller, weißer Mann mal wieder diskriminiert, weil er nicht bevorteilt wird. Das ist asozial, aber in diesem Land ja alltäglicher Rassismus!” (Mensch)

“Der zotige Charakter der Pressemitteilung legt den Schluss nahe, dass der ACE geschlechtergerechte Sprache für zu vernachlässigenden Quatsch hält.” (Gendalus)

Ich fasse zusammen:

Die feministische Sprachkritik hat einen erstaunlichen und gänzlich unerwarteten Sieg errungen. Und ihre AnhängerInnen melden sich lautstark zu Wort.
Hohn und Spott der Androzentriker reizen die bis dato schweigende Mehrheit erstmals zu wortgewaltigem Widerspruch - und die Spötter rudern prompt zurück: „Möglicherweise ist der ironisch-humoristische Unterton in unserer Pressemitteilung nicht so wie beabsichtigt rübergekommen. Sorry.“

Nein, kein Aprilscherz!
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# | Luise F. Pusch am 01.04.2013 um 07:09 PM • 7 Kommentare0 TrackbacksPermalink

24.03.2013

Von Muttis, Mamas und Muttermilsch

„Mutti ist die Bestie“ ist der wenig originelle Titel eines wenig originellen Buchs, das Tina Mendelsohn am Donnerstag in der „Kulturzeit“ vorstellte. Geschlagene sieben Minuten unterhielt sie sich mit dem 67jährigen Autor „Dr. med. Torsten Milsch“ - so lässt er sich auf dem Cover nennen, damit wir nicht glauben, irgendein Pfuscher hätte da ein paar Ideen zusammengeschmiert. Allerdings hat der Ruf des Doktortitels ja in letzter Zeit stark gelitten, und Mutter-Milsch trägt zur Aufbesserung auch nichts bei. Der Neun-Minuten-Beitrag in der Kulturzeit ist eine überflüssige Aufwertung seiner altväterlichen Thesen. Um nicht denselben Fehler zu begehen, werde ich mich kurz fassen.

Wie wir alle wissen, ist eigentlich Vati die Bestie, besonders in der katholischen Variante, als Missbrauchs-Pater, vom VatiKan (Uta Ranke-Heinemann) zu schweigen. Aber der Pater familias, das männliche Familienoberhaupt, ist auch nicht ohne. Generationen von Forschern und (nazi)vatergeschädigten Autoren orteten ihn als Quelle allen Übels. Und nun soll alles ganz anders sein? Mutti ist die Bestie?

Bekanntlich wird Merkel im Volksmund, durchaus liebevoll, „Mutti“ genannt. Ihre Beliebtheitswerte sind weiterhin Spitze und werden von keinem männlichen Politiker erreicht. Bestie? Das hätten sie wohl gern, aber das Volk sieht das anders. Da kann es im Jahr der Bundestagswahl nicht schaden, ihr auch gleich eins auszuwischen, das gibt der provokanten These „Mutti ist die Bestie“ doch viel mehr Resonanz. Der Autor versichert uns, neben den bestialischen Muttis gebe es ganze Muttisysteme, und Merkel sei im Zentrum eines solchen Muttisystems, das alle anderen abwürgt. In einem Muttisystem gebe es nur zwei Hierarchiestufen: Mutti - und darunter alle anderen. Auf Xing verrät der Autor, dass auch der Feminismus ein Muttisystem ist. Hatten wir uns fast schon gedacht.

Aber nicht alle Muttis sind Bestien, räumt der Autor ein; es gebe auch gute Mütter. Er nennt sie Mamas. Warum, bleibt sein Geheimnis. Und auch Männer könnten zwecks Machterhalt wie Muttis agieren.

Immer mehr stellt sich heraus, es ist wie bei Morgenstern. Warum sitzt das Wiesel auf dem Kiesel inmitten Bachgeriesel? „Das raffinierte Tier tat’s um des Reimes willen“, dichtet Morgenstern. Und Dr. med. Torsten Milsch tat’s um des Wortspiels willen, und das ist noch nichtmal ein eigener Einfall, sondern abgeschrieben bei dem Spiegel-Autor Daniel Haas, der seinen Verriß des Films „Das Schwiegermonster“ vor Jahren ironisch mit „Mutti ist die Bestie“ betitelte.

Zwar gibt es neben dem Lobspruch „Mutti ist die Beste“ auch „Vati ist der Beste” - aber aus „Vati ist der Beste“ läßt sich kein zugkräftig-provokanter Titel basteln. „Vati ist der Bestie“ - das läuft im Deutschen nicht.

Eins ist sicher: Ein Buch mit dem Titel „Mutti ist die Bestie“ brauche ich nicht und lese ich nicht. Deshalb konnte ich hier auch nur über Tina Mendelsohns Interview mit dem Autor berichten sowie über einige Infos, die Mutter-Milsch über sich im Internet verbreitet. Dort nennt er sich nach zwei gescheiterten Ehen überraschenderweise „Der Beziehungs-Doc“.

Wenn ich etwas über tyrannische Mütter lernen will, nehme ich Germaine Greers „Der weibliche Eunuch“ von 1970 (!) aus dem Regal und lese nach, was sie über die fehlgeleitete Energie von Frauen zu sagen hat. Wenn ich Psychoanalytiker beim Motherblaming beobachten will, gehe ich „zu den Vätern“ und lese Freud. Einen xten Aufguß dieser ab- und ausgestandenen Ideen von vorgestern brauche ich nicht.

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# | Luise F. Pusch am 24.03.2013 um 05:44 PM • 4 Kommentare0 TrackbacksPermalink

10.03.2013

Die ZEIT findet, Frauen sind schlechter als ihr Ruf

Am 2. März flog ich nach sieben Wochen USA von Boston nach München und von dort weiter nach Hannover. In München lagen Freiexemplare der neuen ZEIT aus, Nr. 10 - an jenem Mittwoch schon fast eine Woche alt. Titelthema des inliegenden ZEIT-Magazins: „Schlechter als ihr Ruf: Frauen“.

Ach nee, dachte ich. Da hatten beide Häuser des US-amerikanischen Kongresses gerade mit gewaltigem Medienecho den Violence against Women-Act von 1994 reautorisiert und verabschiedet, Obama hatte ihn unterzeichnet - und die ZEIT titelt gleichzeitig über die „schlechten Frauen“? Wie seltsam! Sind die denn hier mal wieder total „out of touch“?

Wikipedia listet auf, was allgemein unter “Violence against Women” verstanden wird:

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Zu Deutsch: Mit Säure verätzen, Brustbügeln, Brautverbrennung, Mißbrauch beim Dating, häusliche Gewalt, Mitgiftmorde, Ehrenmord, Genitalverstümmelung (Gishiri cutting, Infibulation), Füßeeinbinden, Zwangsabtreibung, Zwangsschwangerschaft, Zwangsprostitution, Frauenhandel, Vergewaltigung in der Ehe, Schwangerenmord, Vergewaltigung, Schwangerschaft durch Vergewaltigung, Witwenverbrennung, sexuelle Sklaverei, sexuelle Gewalt, Gewalt gegen Prostituierte.

Als Autorin gewann die ZEIT für ihr anachronistisches Projekt des Blaming the victim eine Frau, natürlich, denn es wirkt immer überzeugender, wenn eine Frau diese schmutzige Arbeit übernimmt. Autorin des Pamphlets ist Elisabeth Raether, die vor fünf Jahren mit Neue deutsche Mädchen (geschrieben zusammen mit Jana Hensel) einen großen Wirbel um einen angeblich „moderneren, weniger altbackenen“ Feminismus auslöste. Ich habe das Werk, das Alice Schwarzer als „Wellness-Feminismus“ einordnete, nicht gelesen. Der Titel „Neue deutsche Mädchen“ ließ nichts Gutes erwarten: immerhin waren die „Mädchen“, als sie es veröffentlichten, um die 30.

In dem Aufsatz von Elisabeth Raether geht es, wieder mal, um die Zerstörung des Mythos von der „Friedfertigkeit der Frau“. Mit vielen Beispielen versucht Raether zu beweisen, dass die Frau dem Mann - mal ganz grundsätzlich gesprochen - an Bosheit, Gemeinheit und Niedertracht nicht nachsteht. Im Umkehrschluß führt das zu einem Freispruch der Männer in der Sache “Violence against women”: Im Prinzip sind auch sie lieb und stehen der Frau an „weiblichen Eigenschaften“ wie Empathie, Friedfertigkeit und Fürsorglichkeit nicht nach. Mal ganz grundsätzlich gesprochen bestreitet das auch keine Feministin. Aber wie wir ja schon anderweitig mühsam lernen mussten, gibt es da den Sozialismus einerseits und den „real existierenden Sozialismus“ andererseits, den (friedliebenden) Mann einerseits und den real existierenden Mann andererseits.

Ich nehme mal an, dass Elisabeth Raether, wenn sie abends allein durch einen dunklen Tunnel geht und bemerkt, wie ein Mann ihr folgt, auch unwillkürlich, wie jede Frau, in Angst gerät, was ihr nicht einfallen würde, wenn eine Frau ihr folgte. Obwohl doch - im Prinzip - die Frau genau so gewalttätig ist wie der Mann.

Zentraler Satz des Artikels ist: „Weibliche und männliche Eigenschaften gibt es wahrscheinlich gar nicht. Wohl aber gibt es eine Idee von Weiblichkeit und eine Idee von Männlichkeit, und diese Ideen ändern sich über die Epochen.“

Das Dumme ist nur, daß sich die männliche Idee „Er soll ihr Herr sein“ bzw. „Frauen sind Menschen zweiter Klasse, wenn nicht gar der letzte Dreck“ seit Jahrtausenden nicht ändert.

Ein brandaktuelles aus dem stetig fließenden Strom von Beispielen: Täglich werden 39.000 Mädchen zwangsverheiratet.

Angesichts dieser Tatsachen fragt frau sich, was dieser ZEIT-Artikel soll. Die ganze Welt erbost sich über die Massenvergewaltigungen im Kongo, die öffentlichen Vergewaltigungen auf dem Tahrirplatz, die Gruppenvergewaltigungen in Indien, und DIE ZEIT und Elisabeth Raether haben nichts besseres zu tun, als zu beteuern, „Frauen sind genau so wie Männer zu extremer Gewalt fähig“.

Variieren wir mal diesen Satz: „Schwarze sind genau so wie Weiße zu extremer Gewalt fähig“, „Juden sind genau so wie Nazis zu extremer Gewalt fähig“.

Diese Sätze sind wahr, insofern sie menschliche Möglichkeiten beschreiben. Möglich ist schließlich fast alles. Die Sätze sind allerdings perfide in einer politischen Situation, in der Schwarze von Weißen unterdrückt und Juden von Nazis ausgerottet werden.

„Niedertracht ist keine männliche, sondern eine menschliche Eigenschaft“, schreibt Elisabeth Raether. Das hat sie mit ihrem Aufsatz „schlagend“ bewiesen.

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# | Luise F. Pusch am 10.03.2013 um 08:17 PM • 8 Kommentare8 TrackbacksPermalink

23.02.2013

Auch wir wollen nicht mehr Papst sein!

Als vor bald acht Jahren mit Ratzinger alias Benedikt XVI. der erste deutsche Papst gewählt wurde, titelte die BILD-Zeitung euphorisch: „Wir sind Papst!“ Damit meinte BILD vermutlich „Wir Deutschen“, ähnlich wie wenn sie schreien „Wir sind Weltmeister!“ Aber mehr als die Hälfte der Deutschen, nämlich wir Frauen, gehören nicht zu diesem „Wir“, genau so wenig wie alle Nichtkatholiken.

Dass Frauen vom Papst- und vom Priesteramt ausgeschlossen sind, begründet die katholische Kirche bekanntlich damit, dass Jesus ein Mann war und deshalb nur männliche Stellvertreter haben könne. Jesus war aber auch ein Jude und starb mit 33. Nach dieser Logik dürften nur Juden unter 34 Papst oder Priester werden. Ein echter Stellvertreter müsste sich ans Kreuz nageln lassen, undsoweiter.

Jesus hat auch nicht gesagt: „Meine Aufgabe wird mir zu schwer; ich trete ab und verzichte auf den Tod am Kreuz. Der Nächste bitte!“ Deswegen hat die Kirche mit dem jetzigen Stellvertreter ganz schön zu knacksen. Die Stellvertreter-Doktrin wird angesägt, noch dazu vom Papst selber!

Außer seiner Männlichkeit hatte Jesus noch viele andere Eigenschaften. Z.B. war er ein Mensch. Hätte die Kath. Kirche sich diese Eigenschaft als definierend für das Priesteramt ausgesucht, wäre alles in Butter.

Da die Kath. Kirche sich hinsichtlich der Frage, wer Priester und Papst werden kann, auf die Männlichkeit versteift hat statt auf irgendeine der oben angeführten ebenso plausiblen oder unplausiblen Eigenschaften wie „jüdisch“ oder „jugendlich“ - müssen wir betrübt erkennen, dass sie vor allem anderen eine Institution zur Durchsetzung und Verteidigung der Männerherrschaft ist.

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Vor kurzem wurde in Emily Rooneys TV-Sendung „Greater Boston“ über den nächsten Papst diskutiert. Die Diskutierenden waren sichtlich infiziert vom „Wir-sind-Papst!“-Virus und machten sich Hoffnungen, dass es diesmal vielleicht ein US-Amerikaner werden könnte, der Allererste! Und vielleicht sogar einer aus Boston, nämlich Kardinal O’Malley. Man höre seinen Namen aus „informierten Kreisen“ in dieser Sache immer öfter.

Dann wurde O’Malleys Lob gesungen: Er sei einer, dem in Sachen Missbrauchsskandale, die gerade die Diözese Boston in schwersten Misskredit gebracht haben, partout nichts anzulasten sei. Mutig habe er sich für Buße, Offenlegung und Aufarbeitung innerhalb der Kirche eingesetzt. Oder so ähnlich; ich kann diese Geschichten nicht mehr hören.

Aufgemerkt habe ich allerdings dann bei folgender Anekdote über den tapferen Gottesmann O’Malley: Er habe ja zunächst abgelehnt, dass die Priester am Gründonnerstag die Fußwaschung auch an Frauen vornähmen. Als eine Frau sich aber beschwerte und auch vom Priester die Füße gewaschen haben wollte, habe er sie nicht barsch zurückgewiesen, sondern versprochen, er werde sich beim Heiligen Stuhl erkundigen, ob das erlaubt sei. Und siehe da, der Heilige Stuhl erlaubte es gnädiger- und ausnahmsweise, und so bekam denn auch diese Fußwaschungsbedürftige ihre Füße gewaschen.

Die Frau, die in Emily Rooneys Sendung strahlend davon erzählte, folgerte daraus, dass O’Malley für den Posten des Papstes wie geschaffen sei, denn er habe ein offenes Ohr, setze sich ein für seine Schäfchen und sei ein Mann des Fortschritts.

Ich konnte nicht glauben, was ich da alles zu hören bekam. Bis dahin dachte ich immer, die katholische Kirche ist zwar ein exklusiver Männerclub, aber zwischen weiblichen und männlichen Gläubigen machen sie keine Unterschiede (z.B. sind beide Geschlechter zum Abendmahl eingeladen). Wäre ja auch dumm von ihnen, denn ohne gläubige Katholikinnen wären die Kirchen fast leer.

Und von diesem Fußwaschungsritus am Gründonnerstag hatte ich sowieso noch nie was gehört. Ich bin evangelisch aufgewachsen, und in den Gottesdiensten meiner Kindheit wusch der Pastor niemandem die Füße.

Ich las dann in einigen katholischen Foren herum und stellte fest, dass es seit Jahren heftige Diskussionen darüber gibt, ob die Priester am Gründonnerstag auch Frauen die Füße waschen dürfen. Jesus wusch nach dem letzten Abendmahl seinen Jüngern die Füße zum Zeichen dessen, dass er zwar ihr Herr, aber zum Dienen gekommen sei. Und da er nur Männern die Füße gewaschen habe, dürften seine heutigen Stellvertreter auch nur Männern die Füße waschen. Wie die Kirche herausgefunden hat, dass Frauen beim Abendmahl eine Hostie bekommen dürfen, aber keine Fußwaschung, bleibt ihr Geheimnis.

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All diese Priester sind von Frauen geboren worden. Frauen haben ihnen den Hintern abgeputzt, sie gewindelt und ihre Scheiße entsorgt. Und jetzt wollen diese Schnösel uns nicht einmal die Füße waschen? - Ich finde, Frauen, die für Priester, Bischöfe und Kardinäle Reinigungsarbeiten erledigen, sollten diese Arbeiten ab sofort Männern überlassen.

Sollen sie doch alleine stubenrein und selig werden. Es gibt ja Frauen, die sich katholische Priesterinnen oder eine Frau auf dem Heiligen Stuhl wünschen. Die kleine Geschichte über den „fortschrittlichen“ Frauenfußwascher O’Malley sollte uns restlos klargemacht haben, dass Frauen für derartigen Stuhldrang keinen Grund haben.

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# | Luise F. Pusch am 23.02.2013 um 09:55 PM • Laut & LuiseKirche10 TrackbacksPermalink

10.02.2013

Die dominante Kuh macht MU

Im März erscheint, passend zum Internationalen Frauentag, im Wallstein Verlag Göttingen mein neues Buch “Die dominante Kuh: Neue Glossen”. Was es mit dem Titel auf sich hat, erfahren Sie hier:

FrauenbildAls ich Jennifer Rödl, Mitarbeiterin von gendup, dem Zentrum für Gender Studies und Frauenförderung der Universität Salzburg, den Titel meines neuen Buchs verriet, schrieb sie zurück: „Ich freue mich schon auf Ihr nächstes Werk, da wird wohl dann auch das MU seinen Platz bekommen :-).“

Wenige Monate zuvor hatte ich auf Einladung des gendup ein Seminar zum Thema „Sprache und Sexismus“ durchgeführt, und die Übungen zum MU hatten allen Teilnehmerinnen viel Spaß gemacht.

Was ist denn das MU, werden Sie mit Recht fragen.

„MU“ ist eine Abkürzung für „Männliches Universum“ - ein Begriff, den ich Anfang der 80er Jahre zur Beschreibung einer weitverbreiteten Eigenart sexistischer Texte geprägt habe. Dazu ein Zitat aus meinen Seminarunterlagen:

Vom Männlichen Universum (MU) zum Frauenzentrierten Denken

Definition MU: Das männliche Universum (MU) manifestiert sich in Texten, die angeblich von Menschen allgemein handeln oder von Angehörigen bestimmter Gruppen ganz allgemein, deren Geschlecht scheinbar irrelevant ist. Es stellt sich jedoch bei näherem Hinsehen heraus, dass tatsächlich nur Männer gemeint sein können. Hin und wieder haben diese Männer noch weibliches Zubehör ...
Die weite Verbreitung der MU–Sprache, die den meisten nicht einmal auffällt, gab den Anstoß für die Kritik der Frauen an der Männersprache. MU-Beispiele beweisen, dass die “Geschlechtsneutralität maskuliner Personenbezeichnungen” ein Mythos ist.

Textbeispiele für das Männliche Universum (MU)
• Frauen haben die Mongolen eine oder mehrere. (Chronisten der engl. Benediktinerklöster Burton und St. Albans)
• Briefe von berühmten Menschen an ihre Ehefrauen oder Geliebten sind so eine Sache. (Georg Patzer, 2013)
• Wer mit Katzen lebt, ist ihnen niemals Herrchen, wie man das dem Hund ist. (Die Zeit)
• Jede Sprache entwickelt sich ... nicht anders als jeder Mensch sich vom Kind zum Jüngling, vom Jüngling zum Mann und zum Greis entwickelt. (Emil Staiger 1968
)

Beim sprachlichen Sexismus unterscheide ich zwischen gewöhnlichem und grobem Sexismus. Das MU ist und bleibt eine der perfidesten Erscheinungen des gewöhnlichen Sexismus. Aber eine dominante Kuh weiß sich zu wehren. Sie macht laut und unmissverständlich MU - und fertig.

Und was macht die dominante Kuh sonst noch? Der Bulle macht bekanntlich Bullshit, während die brave Kuh Milch gibt. Nicht so die dominante Kuh. Sie hat Besseres zu tun (nachzulesen in meiner Glosse „Büffelmilch oder Die dominante Kuh“ — besonders erhellend dazu, wie immer, die große Charlotte Perkins Gilman).

Der Titel meiner neuen Glossensammlung soll aber auch an grobe sprachliche Sexismen erinnern, nämlich an zwei der beliebtesten Schimpfwörter für Frauen. Wenn wir nicht gerade als „dumme Kuh“ beschimpft werden, dann als „dominante Zicke“. „Dominante Kuh“ wird uns hingegen selten bis nie entgegengeschleudert - in der Herrenkultur passen diese beiden Begriffe einfach nicht zusammen. Und deshalb lachen alle über den Titel - und damit über die Herrenkultur.

Besser kann ich den Sinn und Zweck meiner Glossen, die ich seit über 30 Jahren produziere, nicht umreißen.


# | Luise F. Pusch am 10.02.2013 um 10:16 PM • 0 TrackbacksPermalink

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Hedwig Dohm