»Laut & Luise«
24.04.2011
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Vierundfünfzigste Lektion.
Unsere Freundin Berit „ist ein Alt“, wie es hierzulande ungalant heißt, aber sie kann auch gerne ein bisschen tiefer, und so singt sie denn Tenor in ihrem Kirchenchor, denn männliche Tenöre sind rar. Männer beherrschen die Rap- und die Rockmusik, aber gepflegten Chorgesang schätzen sie weniger, wahrscheinlich weil Ruhm und Ehre dort nur kollektiv zu haben sind. Und so gibt es denn in fast allen Chören viel mehr Frauen als Männer, und Frauen helfen sogar im Tenorfach aus.
In Berits Chor wird die Frage diskutiert, wie eine Frau, die Tenor singt, denn zu bezeichnen wäre. Ist sie eine Tenorin? Oder eher eine Tenörin? Oder gar eine Teneuse? Letztere erinnert an die Kommisseuse und die Regisseuse, frühe Spottbezeichnungen für Kommissarinnen und Regisseurinnen, die den so Benannten schon mal klarmachen sollten, dass sie in ihrem Beruf nichts zu suchen hätten.
Betrachten wir das Problem mal grundsätzlicher, so ist die eigentliche Frage ja, weshalb sämtliche Stimmlagen Maskulina sind. „Der Bass“ und „der Tenor“ ist ja einleuchtend - aber warum heißt es „der Alt“ und „der Sopran“, obwohl das ja weibliche Stimmlagen sind? Was ist denn überhaupt seltsam an dem Satz „Sie ist (ein) Tenor“, wenn wir auch sonst zu Sätzen wie „Sie ist ein Sopran“ und „Sie ist ein Alt“ gezwungen werden?
Das ganze Dilemma verdanken wir der herrischen Anweisung des Apostels Paulus: Mulier taceat in ecclesia, “Das Weib schweige in der Gemeinde”. Das Weib sollte nicht mitreden, keine Stimme haben, den Mund halten. Das eigentlich machtpolitisch gemeinte Verbot hatte Auswirkungen bis in die Musik, und so mussten denn in der Kirchenmusik hohe Knabenstimmen den dumpfen Männergesang aufhellen und -hübschen. Da die Frau auch nicht auf der Opernbühne singen durfte, ihre Rollen aber von Knaben nicht überzeugend dargestellt werden konnten, schnitt mann sich sogar ins eigene Fleisch und kastrierte wehrlose Jungen in der Hoffnung, dass sie einmal hochbezahlte Kastraten werden könnten. Die meisten “Entmannten” schafften es nicht.
Da nun also offiziell und professionell nur Männer und Knaben sangen, passte mann die femininen Bezeichnungen für ihre Stimmlagen ihrem Geschlecht an: Aus vox/voce bassa “tiefe Stimme” wurde il basso “der Bass”, aus vox/voce alta “hohe Stimme” wurde l’alto und aus vox/voce soprana “höchste Stimme” wurde il soprano. Auf Deutsch: der Sopran, der Alt, undsoweiter. Mit der Stimmlage, die Tenor (haltende Stimme) genannt wird, hat es seine eigene, musikhistorisch komplexe Bewandtnis, die zu erörtern hier zu weit führen würde.
Durch die Aufklärung verloren die kirchlichen Wahnideen an Einfluss, und Frauenstimmen eroberten sich die Öffentlichkeit mehr und mehr, die weltliche alsbald, die kirchliche erst später: Reine Knabenchöre halten sich immer noch (als Hannoveranerin bin ich stolz auf unseren weltberühmten Mädchenchor - einen der wenigen seiner Art).
Wurde nun aber die Sprache der fraulichen Erweiterung angepasst, gab es ein Zurück zu den Ursprüngen? Mitnichten! Ein männlicher Alt wird gerne Altus genannt, damit auch ja keine Verwechslung mit einer Frau aufkommt, die ja ebenfalls „der Alt“ heißt. Während die Sprache den Identitäts-Bedürfnissen des Mannes üblicherweise umgehend angepasst wird, war solcher sprachlicher Aufwand für die Frau noch niemals Usus. Die Frau hat sich der Sprache anzupassen - nicht umgekehrt. Alles andere wäre nämlich Sprachverhunzung bzw. sprachliche Willkür! Die Frau macht eine kaufmännische Lehre, wird Amtmann, oder Ratsherr. Dass die Sprache nicht passt, macht doch nix. Die Frau ist ein Sopran oder ein Alt, keine Soprana oder Alta, noch nicht einmal eine Sopran oder eine Alt.
Das muss aber natürlich nicht so bleiben, wie wir in den letzten 35 Jahren gezeigt haben. Und nun wird es Zeit, dass wir auch musikalisch unser Stimmrecht bekommen. Die Sopran und die Alt sind Frauenstimmen. Die Alt kann auch von besonders dazu trainierten Männern gesungen werden, genau wie der Tenor oder die Tenor bei Bedarf ohne weiteres von Frauen gesungen wird. Eine Alt (oder Alta), die auch Tenor singen kann, könnte sich Altenor oder Altanor nennen - ganz was Feines!
17.04.2011
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Dreiundfünfzigste Lektion.
Für Donnerstag war ich wieder mal von den Frauen der feministisch-matriarchalen Akademie Alma Mater zu einer Lesung eingeladen. Die anschließende Diskussion war lebhaft wie immer mit diesen leidenschaftlichen Wortschöpferinnen. Nehmen wir gleich das Wort Schöpferin. Gertrudis gefiel es nicht; sie bestand darauf, sie habe ihre Kinder nicht geschöpft, sondern geboren.
„Schöpferin“ gehört aber zu „schaffen“, nicht zu „schöpfen“. Zwar sagen viele, sie hätten ein Werk geschöpft - es sollte aber heißen, sie hätten es geschaffen. Das Duden Herkunftswörterbuch klärt uns knapp und kategorisch auf:
schöpfen
„Flüssigkeit entnehmen“: Das schwache Verb mhd. schepfen, scheffen, ahd. scephen ist kaum mit dem ehemals gleich lautenden starken Verb für „erschaffen“ (schaffen) identisch, sondern gehört wohl als alte Ableitung zu Schaff in seiner Bedeutung „Schöpfgefäß“. Dazu das nur übertragen gebrauchte erschöpfen „vollständig verbrauchen, aufbrauchen; ermatten, völlig ermüden (mhd. erschepfen „ausschöpfen, leeren“) mit dem 2. Partizip erschöpft „verbraucht, ermattet“ und dem Substantiv Erschöpfung „das Erschöpfen; völlige Ermüdung“ sowie dem Adjektiv unerschöpflich „nicht versiegend, nicht aufbrauchbar“ (16. Jh.).
Die in unserem Wortschatz fehlenden Bezeichnungen „Erschafferin“ und „Erschaffer“ werden halt vertreten durch „Schöpferin” und “Schöpfer“.
Auf ähnlich gehobener Ebene ging die Diskussion weiter; als Nächstes kam mal wieder die Herrin dran. Eine sehr fragwürdige Gestalt, wie wir wissen: Die „Herrin“ macht aus einem Mann durch Anhängung von -in eine Frau - eine Praxis, der wir gar nichts abgewinnen können, weshalb wir schon zu Beginn der feministischen Sprachkritik aus der Ratsherrin die Ratsfrau gemacht haben.
Aber wie ist es mit der Hausherrin und der Bauherrin? Hausfrau bedeutet ja was anderes, weshalb wir uns stattdessen angewöhnt haben, von der „Dame des Hauses“ zu sprechen.
Und statt Bauherrin sagen wir Baufrau, analog zu Ratsfrau. Ganz klarer Fall.
Oder doch nicht? Die Alma-Mater-Frauen wandten ein, es sei erstens irgendwie schade um die Herrin, zweitens hülfe die Baufrau wenig, weil das heutzutage eher “Bauarbeiterin” bedeute. Also nicht so weit oben wie der Bauherr. Es bräuchte ein weibliches Wort mit hohem Status.
Da hatte eine den rettenden, genialen Einfall: Hera statt Herrin: Die BauHera, RatsHera, HausHera.
Wir adoptierten das Wort sofort; es erfräute sich im weiteren Verlauf der Tagung wachsender Beliebtheit. Der Name der obersten Göttin des Olymp ist verwandt mit dem Wort Heros, dieses soll verwandt sein mit dem Wort Herr (sicher ist es nicht, aber sinnig). Wir hätten damit nicht nur die BauHera und ihre Verwandten gewonnen, sondern auch das lange fehlende Wort für heroische weibliche Taten. Solche Taten heißen ab sofort heraisch.
Die englische Wikipedia meldet, Hera sei nach Auffassung etlicher ForscherInnen ursprünglich die Göttin einer matriarchalen Gesellschaft gewesen, die vor den HellenInnen in GriechInnenland lebten. Das wird ja immer besser. Es erklärt auch die vielen Verleumdungen, die Hera in der patriarchalen Kulturgeschichte erdulden musste. Aus einer Alma Mater machten patriarchale Männer eine ewig keifende Gattin, die ihrem ewig untreuen Gatten Zeus durch “kleinliche Eifersucht” das Götterleben schwer machte.
Zeit für Dein Großes Comeback, Hera! Und so schließt sich der Kreis von der matriarchalen Göttin Hera über die Wortschöpferinnen der feministisch-matriarchalen Akademie Alma Mater bis zur BauHera.
Möge die mächtige Hera dafür sorgen, dass ihre Verwandten BauHera, RatsHera, HausHera und alle, die noch kommen mögen, Fuß fassen, sich vermehren und sprunghaft ausbreiten.
10.04.2011

In der letzten Woche habe ich Marion Tauschwitzs Hilde-Domin-Biographie gelesen, die den vielsagenden Untertitel trägt: „Dass ich sein kann, wie ich bin“.
Das Buch ist inkl. Anhang über 600 Seiten stark - dass ich es trotzdem fast in einem Zug durchlas, liegt einerseits an der Kunst der Biographin, andererseits an dem aufwühlenden Stoff: dem „Jahrhundertleben“ der Hilde Domin von 1909 bis 2006. Die Langlebigkeit war auch nötig, möchte frau - nur scheinbar unsinnigerweise - hinzufügen, denn Domin wurde von ihrem tyrannischen Gatten, dem Kunsthistoriker und verhinderten Dichter Erwin Walter Palm, dermaßen ausgebeutet und aktiv behindert, dass sie ihren ersten Gedichtband erst 1959, mit fünfzig Jahren, veröffentlichen konnte. In dem Alter hatten andere große deutsche Dichterinnen - Bachmann, Droste, Kolmar - ihr Lebenswerk bereits vollbracht. Sie hatten nicht geheiratet.
Domins Verleger fand, es sei marketingtechnisch ungünstig, ein Erstlingswerk als Fünfzigjährige herauszubringen, deshalb machte mann die Dichterin kurzerhand drei Jahre jünger. Sie wurde dann ja allmählich doch noch berühmt und im Alter immer berühmter, so dass die gewaltigen Ehrungen zu ihren runden Geburtstagen immer einer Frau galten, die in Wirklichkeit schon drei Jahre älter war. Der Irrtum wurde erst zu ihrem 90. Geburtstag aufgeklärt.
Was die Lektüre der Tauschwitz-Biographie so faszinierend, aber auch schwer erträglich macht, ist die Geschichte der 56jährigen Ehe zwischen Hilde Domin und Erwin Walter Palm, der der Meinung war, seine Ehefrau habe nicht zu dichten, sondern ihm zu dienen, nicht nur als Bettgefährtin und Haushälterin, sondern auch als wissenschaftliche Assistentin und Agentin. Zeit seines Lebens setzte sie sich für ihn ein, aber als sie einmal ihn brauchte, nach dem Tod ihrer geliebten Mutter, blieb er lieber auf Reisen. In der Situation, als Jüdin im Exil, vom Mann im Stich gelassen, entdeckte sie endlich ihre wahre Heimat, das Wort.
Als Erwin Walter Palm ihre Gedichte erstmals sah, war er klug genug, deren Rang zu erkennen, auch zu erkennen, dass seine Frau ihm überlegen war - und dafür musste sie bestraft werden.
Der erbitterte Kampf darum, wer in dieser Ehe schöpferisch tätig und erfolgreich sein durfte und wer zu dienen hatte, prägte die Zeit von 1950 bis zu Palms Tod 1988: „Erwin Walter Palm ertrug es nicht, dass seine Frau Gedichte schrieb - ‚als ob die Katze auf einmal Eier legte.‘ Wollte sie schreiben, so sollte sie das in einer ‚Menstruationshütte‘ tun; ihr Wunsch zu schreiben, galt ihm als ‚unrein‘, die Dichtkunst sollte Männerdomäne bleiben.“ (S. 221)
Die Frage, warum Hilde Domin sich das alles und obendrein die zahlreichen Seitensprünge und Bordellbesuche ihres Gatten bieten ließ, beschäftigt die Leserin beständig, wird aber nicht zufriedenstellend beantwortet. Vielleicht kann sie nicht beantwortet werden. Oft genug wollte Erwin Walter Palm aus der Ehe aussteigen, oft genug blieb er monatelang auf sogenannten Forschungsreisen. Aber Hilde Domin ließ ihn nicht los; sie klammerte. Einmal heißt es: „‚Erwin ist einer der zehn gebildetsten Menschen auf der Welt‘, pflegte Hilde Domin zu sagen, ‘das Leben mit ihm war nie langweilig.‘ Und das schätzte sie.“ Ein andermal erfahren wir: „Die Schlüsselerkenntnis hatte sie bereits 1952 formuliert - und sie schien weiterhin Bestand zu haben: ‚Die Crux besteht darin, zum Teil, dass wir aus dem Quälen und Gequältwerden Gefühle beziehen, die zwar terribel, aber erotisch ergiebig sind. Die Angst, die wir voreinander haben, ist eine wahre Plage, aber irgendwo deliziös.‘“ (S. 408)
Hilde Palms Pseudonym Domin wird meist auf ihr Exilland, die Dominikanische Republik, und deren Hauptstadt Santo Domingo zurückgeführt. Tauschwitz vermutet überdies eine Anspielung an den Schauspieler Friedrich Domin, den Hilde Domin in München, wo sie längere Zeit lebte, kennengelernt haben dürfte. Nicht erwähnt wird die in die Augen springende Identität mit dem lateinischen Wortstamm domin-, wie in domina, dominus und dominare (dominieren).
„Pauvre petit [armer Kleiner]“, so beginnt eine der erschütterndsten Notizen Hilde Domins an ihren Mann, „bitte, bitte: Die Frage ist doch verkehrt. Es gibt doch keine Wahl zwischen meinem Werk und Dir. Mein Werk, alles was ich tun muss, das bin doch ich. Du sagst doch auch nicht: ‚Komm zum Frühstück ohne Arme. Entscheide Dich zwischen mir und Deinen Armen.‘ Du weißt doch, dass dies so ist. Sei nicht traurig, es gibt ja keine Wahl. Jeder ist, der er ist. Ein Dichter zu sein ist nichts Schlechtes. Du weißt es doch. H.“ (S. 375f)
Er wird ihr zugestimmt haben, dass ein Dichter zu sein nichts Schlechtes ist. Aber sie ist eine Dichterin! Als sie einmal Lust äußert, ein Theaterstück zu schreiben, sagt er: „Dann werf ich dich endgültig raus.“ Sie hat keins geschrieben.
Die Unterwürfige mag sich unterwerfen so viel sie will, sie ist die Stärkere, sie dominiert trotzdem, nicht nur ihren schwächlichen Tyrannen, sondern am Ende sogar die extrem frauenfeindliche, intrigante bundesdeutsche Literaturszene.
Es sollte einmal eine Geschichte der Ehefrauen im Exil geschrieben werden, die ihre Männer, monströse Bremsklötze, durchfütterten, ja buchstäblich am Leben erhielten und dafür ihre eigenen Projekte aufgaben oder hintanstellten. Sie nahmen jegliche Art von Arbeit an, um dem Göttergatten seine intellektuelle Arbeit weiter zu ermöglichen, da er sich für alles andere zu schade war. Für Erwin Walter Palm waren sogar Umzugsarbeiten unter seiner Würde. Er zog jeweils ins Hotel, bis seine zierliche Frau alles zu seiner Zufriedenheit erledigt hatte!
In so einer Sammlung über Frauen im Exil, die den Laden schmissen, und ihre Männer, die einfach nur schmissen, dürften z.B. die Gatten von Katia Mann, Mascha Kaleko, Helene Weigel und Karola Bloch nicht fehlen. Aber die Palme hat sich eindeutig Erwin Walter Palm verdient.
Marion Tauschwitz. 2010. Hilde Domin. Dass ich sein kann, wie ich bin. Biografie. Mainz. VAT Verlag André Thiele.
03.04.2011
Der März hatte es in sich in Sachen Frauenpolitik. Wir feierten 100 Jahre internationaler Tag der Frau, begingen den „Equal Pay Day “, und zum Schluss gab es noch das Spitzengespräch zur Frauenquote zwischen den Ministerinnen von der Leyen, Schröder und Leutheusser-Schnarrenberger auf der einen und Vertretern der DAX-Unternehmen auf der anderen Seite.
Bei allen drei Events, die uns an und für sich ja hoffen lassen, gab es die üblichen weiblichen Probleme mit der Mathematik - gut, dass wir jetzt die Förderpläne für die MINT-Fächer entwickeln (MINT = Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik).
Hundert Jahre Tag der Frau hatten wir schon letztes Jahr gefeiert - was stimmt denn nun?
Bei der Debatte zur Frauenquote tönte Ministerin Schröder, sie wolle eine Verdreifachung des Frauenanteils in den Führungsgremien bis 2013. Das klingt ja enorm. Was sie in dem Zusammenhang weniger breittrat, war die Tatsache, dass wir nach Erreichung des schwindelerregenden Zuwachses grade mal bei 6 Prozent angekommen sind, denn derzeit gibt es 2 Prozent (in Worten: zwei!) Frauen in den Führungsetagen. Das klingt ja nun echt mickrig. Nennen wir es doch lieber „Verdreifachung!“
Am interessantesten aber ist der Equal Pay Day. Da geht es nämlich um die Frage, ob der Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern nun 23 Prozent oder 30 Prozent beträgt. Ist ja nicht grade unerheblich. Bezogen auf 23 Prozent wären 30 Prozent über ein Drittel mehr Differenz.
Des Rätsels Lösung: Es kommt auf die Bezugsgröße an - welchen Wert setze ich an als 100 Prozent? Den Männerlohn oder den Frauenlohn? In meinen Seminaren behandle ich solche Fragen unter der Überschrift „Frauenzentriertes Denken“. Das fällt uns Frauen noch schwerer als Mathematik ;-). Es ist keine Fertigkeit, sondern eine Kunst, aber sie lässt sich lernen.
Sagen wir mal, die Männer verdienen pro Stunde im Schnitt 20 EUR und die Frauen 15. Dann verdienen die Frauen ein Viertel oder 25 Prozent weniger als die Männer; der Lohnunterschied beträgt 25 Prozent.
Genau so wahr ist aber, dass die Männer ein ganzes Drittel, also 33 Prozent mehr verdienen als die Frauen, der Lohnunterschied beträgt also satte 33 Prozent.
Und damit die Frau dasselbe bekommt wie der Mann in einer Stunde, muss sie nicht nur eine Viertelstunde, sondern 20 Minuten länger arbeiten. Für das Jahr gilt entsprechend: Nicht nur ein Vierteljahr, sondern 4 Monate länger!
Auf der Seite http://www.equalpayday.de der BPW (Business and Professional Women) lese ich:
Nach der Veröffentlichung des Statistischen Bundesamtes (Destatis) vom 12. November 2009 „haben Frauen in Deutschland im Jahr 2008 mit durchschnittlich 14,51 Euro pro Stunde 4,39 Euro weniger als ihre männlichen Kollegen verdient. Damit lag der Gender Pay Gap, das heißt der prozentuale Unterschied im durchschnittlichen Bruttostundenverdienst von Frauen und Männern, wie bereits in den Vorjahren konstant bei 23%.
Ich nehme mal an, dass im Statistischen Bundesamt überwiegend Männer wirken. Sie fanden es sicher optisch hübscher, den Lohnunterschied mit 23 Prozent zu beziffern als mit 30 Prozent. Geschickte Wortkosmetik, wie bei Kristina Schröders “Verdreifachung”.
Ich rechne mal vor, wie die unterschiedlichen Zahlen zustande kommen:
14,51 (Frauenlohn) + 4,39 = 18,90 (Männerlohn)
14,51: 18,9% = 76,77 (14,51 (Frauenlohn) sind 76,77 Prozent von 18,9 (Männerlohn))
100%-76,77% = 23,23% Differenz
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18,9: 14,51% = 130,25 (18,9 (Männerlohn) sind 130,25 Prozent von 14,51 (Frauenlohn) )
130,25%-100% = 30,25% Differenz
Setzen wir unseren Lohn als Vergleichsgröße von 100 Prozent an (denken wir frauenzentriert!), so ergibt sich der stattliche Lohnunterschied von fast einem Drittel: 30,25 Prozent!
Auf der http://www.equalpayday.de Seite lese ich weiter:
Der Aktionstag „Equal Pay Day“ findet jährlich statt und markiert den Entgeltunterschied zwischen den Geschlechtern in Deutschland als den Zeitraum, den Frauen über den Jahreswechsel hinaus arbeiten müssten, um auf das durchschnittliche Vorjahresgehalt von Männern zu kommen.
Das Datum des Aktionstages „Equal Pay Day“ errechnet sich in Deutschland nach der Formel: 52 Wochen/Jahr x 5 Arbeitstage/Woche = 260 Arbeitstage/Jahr x statistisch aktuell ermittelter Entgeltunterschied in Prozent.
Dies Jahr war der Equal Pay Day am 25. März: 60 Tage länger musste die Frau angeblich arbeiten, um auf den Lohn des Mannes zu kommen.
Tatsächlich muss sie aber 78 Tage länger arbeiten, nämlich bis zum 20. April. Dann hat sie die 30 Prozent aufgeholt, die der Mann im letzten Jahr mehr verdient hat als sie.
Also liebe Frauen, begehen wir auch den Equal Pay Day gleich noch mal. Doppelt hält besser, das sahen wir ja schon bei der der zweiten 100-Jahr-Feier des Internationalen Tags der Frau.
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