“But Mom, the girls LOVE it!”

Vorgestern trafen wir uns mit sieben anderen Professorinnen unserer Bostoner WIG-Gruppe (Women in German) zum monatlichen Netzwerken. Wie üblich diskutierten wir erst über einen wissenschaftlichen Text, den eine von uns verfasst hatte, dann erzählten wir uns die neusten Geschichten aus unserem Leben. Sabine erzählte von ihrem 18jährigen Sohn und seiner Band AER. Neulich hätten sie im Gramercy Theater in New York ein Konzert gegeben, zu dem 600 Fans erschienen seien. 2 Millionen Hits hätte die Band schon bei YouTube, und bei iTunes machten sie mit ihren Songs ein Schweinegeld.

“Oh ja”, sagte ich, “du hattest doch neulich diese Band auch auf Deiner Facebook-Seite ‘geliked’, jetzt werde ich diesen Hinweisen endlich mal nachgehen.”

Sabine warnte, dass uns die Texte ihres Sohnes wahrscheinlich nicht gefallen würden, sie wären oft aggressiv und frauenfeindlich, wie bei Rappern eben so üblich. Und wenn sie ihren David ernsthaft daraufhin anspräche, käme er mit einem Argument, dem wenig entgegenzusetzen sei: „But Mom, the girls LOVE it“. Und sie hätte es selbst erlebt bei jenem Auftritt in New York. Die Girls außer Rand und Band vor Begeisterung, das übliche verzückte Kreischen - allerdings seien die meisten auch vom Alkohol und wer weiß was sonst noch schon ziemlich hinüber gewesen, das Komasaufen griffe ja immer mehr um sich an den High Schools und Colleges.

Wir kamen bald auf anderes zu sprechen. Erst nach dem Treffen fiel mir die Parallele ein zwischen Davids „But the girls LOVE it!“ und dem, was ich morgens in der Einleitung zu „The History of Woman Suffrage“ gelesen hatte, dem monumentalen Geschichtswerk über die erste Frauenbewegung in den USA, verfasst von den Hauptakteurinnen dieser Bewegung: Elizabeth Cady Stanton, Susan B. Anthony, Matilda Joslyn Gage und Ida Husted Harper. [Sie können sich alle 6 Bände bei Amazon/Kindle kostenlos herunterladen.]

Wie oft hören wir nicht dieses Argument, wenn wir irgendeinen patriarchalen Missstand kritisieren, sei es sexistische Sprache, sexistische Filme oder sonst irgendwas aus dem endlosen Vorrat der frauenfeindlichen Kulturproduktion. Nehmen wir das Wort „Fräulein“. Als die feministische Linguistik vor 40 Jahren das Wort als sexistisch ablehnte, hielt mann uns vor, erstens wären wir verbissen und zweitens sähen die meisten Frauen das nicht so verbissen. Überdies gefiele den meisten „Fräuleins“ diese Bezeichnung, und auf gar keinen Fall wollten sie durch die Anrede „Frau“ in der Blüte ihrer Jugend mit alten Frauen gleichgesetzt werden.

Nun, das ist inzwischen ausgestanden - die Anrede Fräulein ist weitgehend ausgestorben und keine weint ihr hinterher, nichtmal die Schweiz, wo sie sich am längsten gehalten hat.

Die besagte Einleitung zu „The History of Woman Suffrage“ nun zeigt uns, dass schon unsere feministischen Vormütter sich mit dem „Argument“ herumschlagen mussten, dass doch die meisten Frauen die Kritik und die Forderungen der Feministinnen ablehnten und ganz mit den Männern übereinstimmten, die den Kampf um Stimmrecht und Gleichberechtigung für Frauen völlig überflüssig fanden.

Es wird gesagt: „Die Frauen, die diese [frauenrechtlerischen] Forderungen stellen, sind nur wenige, und ihre Gefühle und Ansichten sind unnormal und haben kein Gewicht bei der Gesamtbeurteilung der Frage.“ Die Zahl ist größer als es scheint, denn die Angst vor öffentlichem Spott und dem Verlust privater Vergünstigungen seitens derer, die ihnen Unterkunft, Nahrung und Kleidung geben, hält viele davon zurück, ihre Meinung zu sagen und ihre Rechte einzufordern. Die Ignoranz und Gleichgültigkeit der Mehrheit der Frauen in Bezug auf ihren Status als Bürgerinnen einer Republik ist nicht verwunderlich, denn die Geschichte zeigt, dass die Massen aller unterdrückten Klassen, die in äußerstem Elend lebten, stumpf und apathisch blieben, bis die Zuversicht und Begeisterung einiger weniger durch Teilerfolge belohnt wurden.

Die Aufstände auf den Plantagen des Südens scheiterten immer an den Zweifeln und der Zwiespältigkeit der SklavInnen selbst. [...]. Die Apathie der Frau gegenüber dem Unrecht gegen ihr Geschlecht spricht nicht für den Verbleib in ihrer gegenwärtigen Lage, sondern ist das stärkste Argument dagegen. (Introduction S.17-18, übs. LFP)

Das Buch erschien 1881, und gestern, 131 Jahre später, fiel mir noch immer nicht die passende Antwort ein auf das uralte „But the girls love it!“

Wenn es mir, wie schon so oft geschehen, bei einer Veranstaltung wieder begegnet, werde ich wissen, was ich zu sagen habe:

Erstens: „Wahrscheinlich sind es in Wirklichkeit viel weniger, als Sie glauben.“
Zweitens: „Dass die Frauen so denken angesichts schreiender Ungerechtigkeit/Anpöbelungen/Demütigungen, ist nur der Beweis dafür, dass ihre Lage erbärmlich ist und sich ändern muss.”

Die Einleitung zu „The History of Woman Suffrage“ ist eine Punkt-für-Punkt-Anleitung für den schlagfertigen Umgang mit den üblichen Abfertigungen feministischer Kritik. Ich werde sie gleich weiter studieren, um sie immer parat zu haben.

Aber auch die erste deutsche Frauenbewegung wusste schon damals genau, was los war. Auguste Schmidt erkannte schon auf der ersten deutschen Frauenkonferenz im Jahre 1865: „Das Problem der Frauen liegt vor allem im Nichterkennen der eigenen Situation.“

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# | Luise F. Pusch am 01/24 um 10:33 PM

Ein Unrecht ist ein Unrecht, auch wenn die Betroffenen dem zugestimmt haben. Menschen sind soziale Wesen. Um anderen eine Freude zu bereiten, um vom anderen das Feedback zu bekommen: ich mag dich, du tust mir gut, würden sie alles tun. Sie würden selbst zu so einem Konzert gehen, sich beschimpfen lassen, und das alles gut finden für das bisschen Aufmerksamkeit, dass die Band den Fans zurückgibt. Fan-sein ist auch nur eine Art, Aufmerksamkeit und Freude zu schenken, denn mal ehrlich: was wäre eine Band ohne die Fans?

Es gibt Kinder, die machen ‘unmögliche’ Geschenke, die verschenken auf dem Schulhof ihr Taschengeld und ihr Spielzeug, dass sind meist die, die sonst von niemandem beachtet werden. Sie sind kurz vor dem sozialen Hungertod, und sind fürs Überleben angewiesen auf ein bisschen Aufmerksamkeit, eine kurze Rückmeldung: ‘ich weiss dass du da bist’ und ein kleines Quentchen Dankbarkeit ‘gut dass es dich gibt’, dafür würden sie alles geben was dem anderen wertvoll erscheint, auch wenn sie anfangs wohl noch instinktiv wissen, der Preis ist zu hoch, und auf die Dauer werden sie dabei draufgehen.

Für mich sind die girls, die auf solche Konzerte gehen, wie Ertrinkende. Sie brauchen eigentlich Hilfe, sie schreien nach Aufmerksamkeit, sie bekommen ein bisschen - jede Band bedankt sich doch mal bei ihren Fans ‘ohne euch wären wir nichts’, ein kleiner Moment des Triumphs, aber zu welchem Preis. Die Frauen lieben es? Sie lieben das Leben, und sie wollen leben, selbst wenn sie mit ihrem Leben dafür bezahlen müssen.
Und offensichtlich ist es sozial akzeptierter, auf solche Konzerte zu gehen, als z.B. zum Feministischen Stammtisch zu gehen (sonst wären das auch Mega-Events, die in umgebauten Sportstadien stattfinden würden).

undine  on  01/25  at  10:38 AM

Sehr interessant, einmal von der Mom eines Rappers zu hören! Ich dachte immer, selbige Gattung sei taubstumm und blind! Aber es fehlt das Kontern, und das ist so einfach nicht. Wenn die Girls das mögen, dann sind sie eben dumm; der Lärm verschluckt die Melodie und die Rede; das Kreischen ist ein Ausdruck von Wildheit, aber im Rahmen der Willfährigkeit, der Untertänigkeit der Massen. Das war so für Elvis, die Beatles, die Rolling Stones, nicht aber für Joan Baez, Barbra Streisand und Leonard Cohen…
Wenn die Girls die Sachen mögen, so weil die Boys ihre Hysterie - eine ausschlieBliche Männer-Krankheit laut neuerer Forschungen - auf sie loslassen. Dazu das Gefuchtel mit den Armen, ein peinliches Spektakel, wie in einer Sekte, wo der Verstand, auf ein Minimum heruntergeschraubt, nur noch religiöses Kreischen und Stöhnen hervorbringen kann.
FuBball und Rapp-Rock sind die groBen Messen unserer Zeit, und wie in den meisten Messen, predigen die Einen(männlich) auf die Anderen(weiblich) herunter.
Das individuelle Denken hat es schwer, gegen Massen-Strömungen anzugehen, zumal die Moms ja wollen, dass ihre Kids sich ausdrücken. Was sie tun könnten, diese Moms, wäre, sich die Texte geben zu lassen und allenfalls zu sagen: DAS singst du NICHT! und die Mädchen-Mütter könnten Zugang zu den Texten verlangen und ihre Töchter zu einer Texterklärung herausfordern. Vormals konnten wir noch denken, der Schweinkram geht vorbei, aber der Rapp ist ein gefräBiges Geschwür von erstaunlicher Beharrlichkeit.
SchlieBlich ist es in allen Sparten so: 90% der Künstler sind männlich und 99% des Publikums ist weiblich. Ob sich das jemals ändern kann? An den Boys wohl nicht, aber eine bessere Erziehung für Mädchen wäre angebracht: Kontern-Coaching durch Feministinnen für werdende Mütter… und Väter??? Denn sie wissen anscheinend nicht, was sie tun…

Lena Vandrey  on  01/25  at  11:56 AM

aggressive und misogyne texte der `rapper-banden`  geschehen also nur, weil angeblich das publikum diese wüsten beschimpfungen liebt? wären es antisemitische oder `lesbophobe/homophobe` texte, wäre der aufschrei sicherlich gewaltig? aber weibliche menschen in texten mit verachtung und mit aggressiven posen zu begegnen, ist heute in der szene hip? misogynie ist die älteste diskriminierung der welt. das argument des rapper-buben “but mom, the girls love it”  finde ich nicht argumentativ sondern frauenverachtend bzw. -herabwürdigend und ist durch nichts entschuldbar. warum verneigen sich manche mütter auch noch vor ihren söhnen (siehe bushido) und lassen sie gewähren?  letztendlich grassieren derartige texte in der öffentlichkeit, werden ins internet gestellt, und vielen (wohl den meisten frauen) gefällt das nicht - an die wird nicht gedacht? da heisst es nur, dann hör` doch nicht hin! das gemeine und abscheuliche ist in meinen augen , daß die verursachER frauenfeindl. texte in der sog. rapper-kultszene auch aus profitgier handeln; ob die rüpel-rapper bushido oder sido und viele andere ...wie das so üblich ist.   

“mehr stolz , ihr frauen, der stolze kann missfallen, aber man verachtet ihn nicht. nur auf den nacken, der sich beugt, tritt der fuß des vermeintlichen herrn - wie ist es nur möglich, daß ihr euch nicht aufbäumt gegen die verachtung, die euch noch immer trifft. auch heute noch? ja, auch heute noch…” - zitat von unserer großartigen feminist. mutter hedwig dohm - das gilt heute für die feministische frauenbewegung - lieber stolz und unbequem sein als den stiefel zu küssen, der mich/uns tritt…üblich ist ebenfalls, auf feministische oder patriarchatskritik beleidigt mit argumenten wie `männerfeindlichkeit` zu reagieren, um die frauenbewegung zu schwächen ...

danke, liebe luise - für deine wohltuenden und kritischen zeilen - auch das war endlich einmal nötig! wir haben so viele hervorragende weibliche kämpferinnen als vorbild !
http://wolfsmutter.com/artikel396

anne  on  01/25  at  12:29 PM

gefunden bei diestandard: ein us-rap-star hat genug von seiner früheren einstellung zu frauen und will sich ändern, was seine abfällige wortwahl über frauen betrifft. die beziehung zu seiner frau war jedenfalls nicht der auslöser! ob bei der geburt eines sohnes dieser wandel auch stattgefunden hätte, frage ich mich und wie lange hält der gute vorsatz?
http://diestandard.at/1326503604744/Maenner-Bekenntnisse-Jay-Z-will-nie-mehr-Bitch-sagen

anne  on  01/25  at  05:37 PM

@ lena vandrey - ja, fußball und die rapper-szene (hip hop)- auch zwei orte, wo traditionelle männlichkeit konstruiert wird. männlichkeit und rap, dazu lässt sich im internet einiges informatives einsehen. so schreibt ein blogger: “rap ist als männlich dominierte jugendkultur in vielfacher hinsicht interessant für eine betrachtung von männlichkeit. so findet die aneignung von männlichkeit während der adoleszenz in einer besonders auffälligen form statt. zudem ist rap wegen seiner männlichen dominanz ein ort, an dem die beteiligten männer grundlegende elemente von männlichkeit erlernen und sich diese gegenseitig beweisen und bestätigen….gewalt oder die ablehnung von weiblichkeit stellen grundlegende elemente dominanter männlichkeitsentwürfe im rap dar. außerdem sind problematische männlichkeitskonstruktionen in diesem bereich letztlich immer auch ein problem gesellschaftlich akzeptierter männlichkeit.”

daß gewalt und frauenabwertung in texten zu faszination von jungen menschen führt, kann ich einfach nicht verstehen. und wir sollten uns nicht damit abfinden zu sagen, daß es sich hier nur um aufmerksamkeitsdefizite handelt oder um fan-hysterie, wenn die begeisterung dafür hohe wellen schlägt.

ein auszug aus “missy magazine-das bild der frau im musikclip” - zitat: “mir wird als zusehender immer bewusster, welche grenzen kayne west mit seinen musikvideos (bewusst?) überschreitet. er macht von den sog. weibl. ausgrenzungs- und verfügbarkeitsvisualisierungen gebrauch und bedient damit bedürfnisse des adoleszenten, vorwiegend männl. zielpublikums. so lässt sich ja bekanntlich das meiste geld verdienen…das bild der frau entspricht dabei traditionell-geschlechtlichen rollenstereotypisierungen , den sich im kollektiven gedächtnis befindenden geschlechterverhältnissen und einem visuell-hierarchisierten, männl. blick (male gaze). die in musikclips allgemein benutzten dichotomen frauenbilder sind die heilige oder hure , melancholy victim, iron butch, krankenschwester oder nonne.” zitatende

doch von “kunst” spricht dieser rapper kayne west vor jahren zu seinem musikclip und song `monster`.  geköpft und erhängt oder als blutige zombies präsentierte er frauen in ekelhaften posen auf der bildfläche. frauenrechtlerinnen hatten mit ihren protesten erfolg - das video wurde auf mtv eingestellt. 

http://www.zeit.de/2008/19/Rapper

anne  on  01/25  at  07:39 PM

ich bin auch davon ausgegegangen, dass das unwort “fräulein” ausgestorben ist, bemerke aber in letzter zeit immer öfter in Spielfilmen, wie ältere männer etwas süffisant und jüngere männer scheinbar völlig selbstverständlich junge frauen als fräulein titulieren - und die frauen nehmen das ungerührt hin. sicher sind das nur filme, aber mich würde interessieren, ob diese tendenz auch im richtigen leben schon wieder um sich greift. immerhin finde ich es bedenkenswert ...

Gabi  on  01/26  at  04:39 PM

das unwort `fräulein` ist leider nicht ausgestorben.
die macher und die chefredaktion des magazins `fräulein` z.b. sind allesamt männl. geschlechts.  das magazin ist ausgerichtet an junge frauen; mode, styling, bla, bla, bla - unschuldig und sexy können fräulein heute sein, meinen die macher. das ist wichtig, damit die verkaufszahlen stimmen. für frauen, die noch mädchen sind, heisst die werbung der fräulein-macher.
“dabei schielen angeblich die macher nicht nur auf die junge weibliche zielgruppe, sondern auf dem cover kokettiert fräulein damit, `das frauenheft, das männer lieben` zu sein. (zitat aus dem tagesspiegel)
vielleicht sollten wir mal den spieß umdrehen und das andere geschlecht als fräulein bezeichnen `das fräulein steht ihm gut`.
aber auch die kontaktbörsen werben mit und suchen fräulein, ebenso der huren- und bordellführer.
ob die postangestellte, stenotypistin, sekretärin - die unverheirateten frauen (damals fräulein) verdienten z.b. vor 100 jahren wenig geld, denn manche befürchteten , mit einem eigenen gehalt könnten die frauen (fräulein) `aufmüpfig` werden. außerdem galt der mann als alleinversorger, was die (jungen) frauen in die abhängigkeit zwang/zwingt. vielleicht wünschen sich die fräulein-macher die alten zeiten zurück - immerhin haben sie sich schon mal eine junge zielgruppe ausgesucht…

http://www.bundesarchiv.de/tools/docview.html?file=/imperia/md/images/abteilungen/abtb/galerien/dasfraeuleinimamt/10_b_106_82880_interview_funcke_2_801x0_0_8.jpg

anne  on  01/26  at  11:06 PM

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Hedwig Dohm