Samstag, Mai 27, 2006

Frauen vom Hof der Welfen

Frauen vom Hof der Welfen
20 Biographien von Elisabeth E. Kwan und Anna E. Röhrig 
256 Seiten. Matrixmedia 2006. EUR 19,50

gelesen von Birgit Rühe

Die Schlösser und Parks beleben sich wieder. Ein immer gleiches Spiel aus Intrigen, Liebeshändeln, Skandalen, eine unterhaltsame Geschichtsstunde, die interessante Details aus der Vergessenheit zurückruft. Spürbar die Freude beider Autorinnen am Auffinden versteckter Kostbarkeiten aus dem Leben dieser priviligierten Frauen - einem oft tragisches Leben aus Abhängigkeiten und Schwangerschaften.

FrauenbildDa ist z.B. das Schicksal der Eva von Trott (1506 - 1567), Geliebte des Herzogs von Braunschweig-Wolfenbüttel, offiziell an der Pest gestorben, in Wirklichkeit versteckt auf immer anderen Schlössern. Sie gebar ihm acht Kinder und geisterte als Gerücht von der weißen Frau durch die Köpfe der Menschen.

Ganz anders handelte Herzog Rudolf von Braunschweig: er heiratete die bürgerliche Rosina Elisabeth Menthe (1668 - 1701), überließ die Regentschaft seinem Bruder und entschied : Eine rechte Liebe wolle auch eine rechte Hand haben (eine Anspielung auf “Ehen zur linken Hand”).

Da ist der “Krimi” um Sophie Dorothea (1666 - 1726), die es wagte, den Grafen Königsmarck zu ihrem Liebhaber zu machen und zur Strafe 32 Jahre lang, bis zu ihrem Tod, in der Verbannung in Ahlden leben mußte. Elisabeth Christine Ulrike von Braunschweig (1746 - 1840) hatte das gleiche Schicksal. Aber sie ging erstaunlich selbstbewußt mit ihrer Situation um. Ihre Verbannung nach Stettin nahm sie gelassen hin. Sie wurde 93 Jahre alt und war so beliebt, daß ihr zu Ehren bei ihrem Tod alle Glocken der Stadt läuteten. - Bei den “alten Kerls in Braunschweig” wollte sie nicht begraben sein und baute sich ein eigenes Mausoleum in ihrem geliebten Park.

Charlotte von Großbritannien (1796 - 1817), die sich in einen Kapitän verliebt hatte, wurde von ihrem Vater im düsteren Warwick House isoliert, und er gab die Anweisung: “Denken Sie daran,... daß Charlotte diese unsinnige Idee, einen eigenen Willen zu haben, ablegen muß.”

Geburten konnten zum Horror werden. Unter den Medizinern der führenden Schicht herrschten Eitelkeit, Neid und Unwissen. Auch Charlotte starb mit 22 Jahren im Kindbett.

Caroline Mathilde, die später zusammen mit dem Arzt Struensee in Dänemark Reformen durchzusetzen versuchte, wuchs als achtes Kind einer fast bürgerlich lebenden Familie in England auf. Ihre Mutter, Augusta von Sachsen-Coburg-Altenburg, legte den berühmt gewordenen botanischen Garten von Kew an.

Anna Amalia (1739 - 1807), Musenfürstin von Weimar, wird - eine gelungene Überraschung für Leserinnen und Leser - als Geliebte Goethes geoutet, Frau von Stein war nur die vorgeschobene “Strohfrau”, um die Beziehung zu tarnen. Goethe wollte mit Anna Amalia nach Amerika fliehen, um dort ein gemeinsames bürgerliches Leben zu führen. Die Gerüchteküche brodelte. Der Herzog, Anna Amalias Sohn, stellte Goethe zur Rede. Er gestand und “floh” von Karlsbad aus nach Italien.

Immer wieder spannend der feministische Blick der Autorinnen: “Die im sechsten Monat schwangere Sechzehnjährige mußte sich sagen lassen, Prinz Friedrich könne ihr gegenüber niemals Unrecht haben, denn Gott wolle, daß die Frau gehorche.” So ist hier ein Buch entstanden, daß Geschichte und Geschichten einmal anders erzählt, eben aus dem Blickwinkel der Frauen vom Hof der Welfen. 


Seite 1 von 1

Seitenanfang

Hedwig Dohm