Biographien Christine de Pizan
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geboren um 1364 in Venedig
gestorben um 1430, vermutlich in Poissy bei Paris
französische Autorin, Philosophin, Verlegerin, Feministin
Biografie • Zitate • Literatur & Quellen
Biografie
Was gibt es Schöneres als Wissen? Und was ist hässlicher als Dummheit, die sich für einen Menschen nicht schickt? So wie ich einmal einem Mann – der meinen Wissensdurst missbilligte und behauptete, es gehöre sich für eine Frau nicht, Wissen zu haben, was selten der Fall sei – erwiderte, noch weniger schicke es sich für einen Mann, unwissend zu sein, wie es so oft der Fall sei. (Christine de Pizan)
Christine de Pizan stammt sowohl mütterlicher- als auch väterlicherseits von Akademikern aus Norditalien ab. Ihr Vater, Tommaso de Pizan, ist Astrologe und Arzt, der Name ihrer Mutter ist nicht bekannt. Beide Eltern dürften den Status von Landadligen gehabt haben. Der Vater möchte einen dritten Sohn, aber die Mutter will ein Mädchen und setzt sich durch, wie Christine De Pizan in ihrem Buch von der launischen Fortuna schreibt. Das Wunschmädchen wird von der Mutter persönlich gestillt, auch der Vater liebt seine Tochter sehr und erkennt ihre hohe Begabung. Später beklagt sich De Pizan, dass ihr als Mädchen der Zugang zu den Wissensschätzen verwehrt blieb: die Bestimmung der Frau sei eben eine andere. Immerhin verheiratet ihr Vater sie als Fünfzehnjährige (das damals übliche Heiratsalter) mit einem jungen Pariser Hofbeamten, mit dem sie eine glückliche Ehe führt.
Ihre ersten Lebensjahre verbringt De Pizan in Bologna. Um 1365 wird ihr Vater vom französischen König an den Pariser Hof berufen, drei Jahre später lässt er auch seine Familie nach Paris kommen und ändert seinen Namen von De Pizzano in De Pizan um. Karl V. (der Weise) herrscht mit großem Geschick und beschert Frankreich viele Jahre des Friedens und Wohlstandes. Er liest viel, umgibt sich mit Intellektuellen. Künste und Wissenschaften werden von ihm gefördert. Seine Bibliothek umfasst gegen Ende seines Lebens etwa 1200 Handschriften. Vermutlich entdeckt De Pizan hier zum ersten Mal ihre Liebe für die Herstellung kostbarer Bücher, versehen mit künstlerisch hochwertigen Illustrationen. Sie verlebt glückliche Jahre der Kindheit und Jugend in Paris, der Familie fehlt es an nichts. Später erfüllt sie als Ehefrau und Mutter von zwei Söhnen und einer Tochter, was man von ihr erwartet. Ihren Ehemann beschreibt sie als sanft und zärtlich, wohlwissend, dass er einer Minderheit angehört. „Ach, teure Freundin“, schreibt sie 1404/05 in ihrem Buch von der Stadt der Frauen, „du weißt selbst, wie viele Frauen es gibt, die aufgrund ihrer hartherzigen Ehemänner ein jämmerliches Leben unter dem Joch der Ehe fristen und die dabei mehr leiden als wenn sie Sklavinnen bei den Sarazenen wären! […] Und all die Frauen, die vor Hunger und Armut, umgeben von einer großen Kinderschar, sterben, während sich ihre Männer in zweifelhaften Lokalitäten herumtreiben […]; kommen diese Männer nach Hause, dann werden ihre Frauen auch noch geschlagen, und das ist ihr einziges Abendessen.“
Kurz nach De Pizans Heirat stirbt der französische König, womit sich die Situation ihrer Familie radikal ändert. Keine Privilegien, keine Förderung, keine finanziellen Zuwendungen! Stattdessen Neider und Feinde – und eine leere Haushaltskasse. Vater De Pizan ist alles andere als geschäftstüchtig. Um 1385, nur fünf Jahre nach dem Tod des Königs, stirbt auch er. De Pizans Ehemann folgt ihm vier Jahre später, vermutlich stirbt er während einer Reise an der Pest. Ihre beiden Brüder wissen sich nicht anders zu helfen als zurück nach Italien zu ihren Ländereien zu flüchten. Sie lassen ihre Schwester mit der Mutter, den drei Kindern und anderen Verwandten allein zurück. Die politische Lage in Frankreich ist desaströs, da der Thronfolger noch zu jung ist und seine rivalisierenden Onkel das Land in Unsicherheit und Chaos stürzen. Hier, am Tiefpunkt ihres Lebens, in ständiger Angst vor gesellschaftlichem Abstieg und drohender Armut, beschließt De Pizan, sich von ihrem Status als gehorsame Frau und machtlose Witwe zu lösen und endlich das zu tun, wovon sie schon immer geträumt hatte: sich dem Lernen und Studieren zu widmen, und zwar nicht als zurückgezogene Intellektuelle, sondern als geschäftstüchtige Frau, die mit dem Kopieren, Schreiben, Gestalten und Verlegen von Büchern ihre Familie ernährt. Dafür ist, wie sie 1403 in Das Buch von den Wechselfällen des Schicksals schreibt, eines unerlässlich: ihre Verwandlung in einen Mann. Nur indem sie sich aus ihrer weiblichen Rolle befreit, sich selbst behauptet und Verantwortung übernimmt, wird sie sich und ihre Familie retten können. „Ich fühlte mich sehr viel leichter und spürte, dass mein Gesicht sich verändert und an Festigkeit gewonnen hatte, meine Stimme viel lauter, der Körper widerstandsfähiger und behänder geworden war. […] Dann erhob ich mich ohne jede Mühe, denn nichts hielt mich mehr in jener Trägheit des Weinens, die meine Verzweiflung nur gemehrt hatte. Ich spürte mein starkes und kühnes Herz, staunte darüber und merkte, dass ich wahrhaftig ein Mann geworden war.“
Zunächst arbeitet De Pizan als Kopistin fremder Werke. Später veröffentlicht sie ihre eigenen Bücher. Sie schreibt Gedichte. In ihren Prosatexten setzt sie sich mit den Problemen ihrer Zeit auseinander und wird nicht müde, die desolate Situation der Frauen zu beschreiben. Als eine der ersten Feministinnen verweist sie auf die Verunglimpfung, Beschimpfung und Unterdrückung der Frauen durch die Männer. Dank ihrer Verbindungen zum französischen Adel, vor allem zur Königin Isabeau de Bavière, findet sie Gönnerinnen und Gönner, die ihre kostbaren Bände kaufen und verbreiten. Eine schreibende Intellektuelle ist etwas dermaßen Außergewöhnliches und Schillerndes, dass sich kaum jemand der Faszination dieser bizarren Neuheit entziehen kann. De Pizan hilft es, ihre Familie zu ernähren. Als Verlegerin wacht sie darüber, dass ihre Werke von den Besten der Besten gestaltet, gebunden und illustriert werden. 1413 stellt sie für die Königin eine kostbare Sammelhandschrift ihrer wichtigsten Werke zusammen, versehen mit 130 Miniaturen und einem Huldigungsgedicht. Auf der Frontispizminiatur ist die Überreichungsszene dargestellt: die Autorin im schlichten blauen Gewand und in weißer Witwenhaube, knieend vor der Königin, der sie ein dickes rotes Buch entgegenhält. Heute befindet sich dieser Band in der British Library, eines der kostbarsten Stücke der Bibliothek.
Die Initialzündung für De Pizans feministisches Schreiben geschah vermutlich durch die Auseinandersetzung mit dem Rosenroman, einer Sammlung von frauenfeindlichen Zitaten und Geschichten, äußerst beliebt im Mittelalter, mit Äußerungen wie „Frauen sind mit Seidentüchern oder Blumen bedeckte Misthaufen“ oder „Ihr seid, werdet oder wart alle Huren, durch die Tat oder den bloßen Willen“. Zitiert werden u.a. Autoren wie Ovid, Aristoteles oder Cicero. Christine de Pizan ist dermaßen empört und angewidert, dass sie eine Literaturdebatte vom Zaun bricht. Sie wird von allen Seiten attackiert, sucht Unterstützung bei der Königin, bleibt hartnäckig - und lässt sich nicht unterkriegen. 1404/05 erscheint ihr Bestseller Das Buch von der Stadt der Frauen, eine Antwort auf den Rosenroman. Sie beschreibt darin den Bau eines Schutzraumes, eines Zufluchtsortes für Frauen, angeleitet und unterstützt von drei Damen: der Vernunft, der Rechtschaffenheit und der Gerechtigkeit. Unermüdlich weist De Pizan in ihrem Buch darauf hin, dass Frauen den Männern in nichts nachstehen, seien sie Kriegerinnen, Regentinnen oder Gelehrte. Sie fragt, warum Mädchen schon kurz nach der Geburt unbeliebt sind, sie betont, dass Bildung den Frauen keinesfalls schadet, sie negiert vehement, dass Frauen vergewaltigt werden wollen. Dennoch ist De Pizan auch Kind ihrer Zeit und fordert Demut und Tugendhaftigkeit von den Frauen. Als Vorbild führt sie den Märtyrertod von Christinnen an, die ihrem Glauben nicht abschwören und sich dafür die Brüste ausreißen oder sogar ihre Kinder foltern lassen.
Um 1405, nach nur zehn Jahren Autorinnenschaft, kann De Pizan auf ein reiches Oeuvre blicken: 15 dicke Bände und 70 großformatige Hefte. Vermutlich unterhält sie einen Kleinbetrieb mit Kopistinnen. In den folgenden Jahren widmet sie sich überwiegend politischen Schriften. Seit 1397 tobt der der Krieg, der einmal der Hundertjährige genannt werden wird. Auch der erbitterte Kampf zwischen den Häusern Orléans und Burgund zieht Frankreich immer mehr in den Abgrund. In ihrem 1405 veröffentlichten Buch von den drei Tugenden akzeptiert sie zwar die gottgegebene Vorrangstellung des Hochadels, fordert jedoch zugleich eine Legitimierung seiner Herrschaft durch ein moralisch unanfechtbares Verhalten, also eine „Ethik der Macht“. Das Buch ist vor allem ein praktischer Leitfaden für Frauen, die dazu angehalten werden, ein selbstbestimmtes Leben zu führen – allerdings immer im Rahmen ihres Standes. Adlige Frauen ruft sie dazu auf, Genusssucht und Nichtstun abzustreifen und etwas Sinnvolles zu tun, z.B. im sozialen Bereich oder indem sie ihre Gatten davon abbringen, Krieg zu führen, oder indem sie sich an der Verwaltung ihrer Finanzen und Güter beteiligen. Den Prostituierten predigt sie nicht, sondern ruft sie zur Umkehr auf und appelliert an ihr Selbstwertgefühl.
1406/07 erscheint ihr Buch vom Körper des Gemeinwesens, 1412/13 Das Buch vom Frieden. Unerschrocken und in vollem Bewusstsein, ihre GeldgeberInnen damit zu brüskieren, klagt sie den Adel an, seine Pflichten zu vernachlässigen: „welche Schande für dieses Königreich, wenn die Armen, die all ihre Habe verloren haben, vom Hunger dazu getrieben werden, in fremden Provinzen den Bettelstab zu ergreifen und dabei zu erzählen, dass diejenigen, die sie beschützen sollten, sie in den Abgrund getrieben haben!“
De Pizan entwickelt das Bild einer idealen verantwortungsvollen Regentschaft und mahnt an das friedliche Zusammenleben der Stände. Eine Herrschaft von unten ist für sie unvorstellbar. Ihre Friedensappelle verhallen ungehört. Sie muss vorsichtig sein. Frankreich gerät zunehmend unter die Herrschaft der Engländer. Die Königin wird aus Paris vertrieben, Ausschreitungen und Massaker sind dort an der Tagesordnung. 1418 bricht in Paris eine Blatternepidemie aus. Christine de Pizan macht sich auf den Weg. Vermutlich wird sie bis 1429 bei ihrer Tochter im Dominikanerinnenkloster Saint-Louis de Poissy in der Nähe von Paris bleiben. Dort entsteht um 1425 ihr letztes Prosawerk: Meditationen über das Leiden unseres Herrn. Beide Söhne hat sie inzwischen verloren. Der erbitterte Kampf um Frankreich will kein Ende nehmen, etwa die Hälfte des Landes gehört bereits den Engländern. Doch dann kommt endlich die Erlöserin: Ein 16jähriges Bauernmädchen eilt dem französischen König zu Hilfe und führt ihn nach Reims zur Krönung. De Pizan widmet der Jungfrau von Orléans eine 61-strophige Hymne, vermutlich ihr letztes Werk. Es ist das erste für Jeanne d´Arc geschriebene Gedicht. Ein leidenschaftlicher Versuch, die Heldin für immer in das Gedächtnis der Franzosen und Französinnen einzubrennen.
Für Frankreich beginnt nun eine neue Ära, für De Pizan kündigt sich das Ende eines bewegten Lebens an. Wir wissen nicht, wann und wo genau sie gestorben ist. Ihre Spuren verlieren sich um 1430, ihre Werke und ihr Wirken leben bis heute fort.
Verfasserin: Uta Ruscher
Zitate
Das Andenken dieser im 14. und 15. Jahrhundert so berühmten Frau verdient es vor vielen anderen, die in der Geschichte fortdauern, lebendig erhalten zu werden, da sie durch ihren Charakter, ihre Schicksale und den Einfluss ihres Geistes auf ihre Zeit noch immer so interessant ist, als sie es einst durch ihre persönlichen Eigenschaften und ihre Werke für ihre Zeitgenossen war. (Christoph Martin Wieland, o.J.)
Die Dame de Pizan wusste viel zu erzählen über die Plagen, die das Volk heimsuchten; zu oft hatte sie gesehen, welch großes Elend durch Hunger, Kälte, Krankheit und grausame, ungerechte Herrscher entstehen kann. Ihre Worte machten Charles wieder bewusst, dass er handeln musste. (Hella S. Haasse, 1946)
Christine de Pizan ist die erste Frau, die zur Verteidigung ihres Geschlechts die Feder ergriff. (Simone de Beauvoir, 1949)
Christine de Pizan ist eine der außergewöhnlichsten literarischen Stimmen des späten Mittelalters. (Peter Dronke, 1984)
Es gibt bei Christine de Pizan einen lebhaften und durchdringenden Blick auf die Armen und auf die epochenspezifischen Formen der Armut, die Bettelarmut und die arbeitende Armut. Es gibt eine differenzierte Reflexion, die ebenso die ethische wie die politische und die soziale Ebene umfasst, die die Ursachen der Armut und die Stufen der Verarmung sehr gut zu erkennen vermag. (Otto Gerhard Oexle, 1994)
Literatur & Quellen
Beyreuther, Gerald, Barbara Pätzold & Erika Uitz. Hg. 1993. Fürstinnen und Städterinnen: Frauen im Mittelalter. Freiburg; Basel; Wien. Herder.
Rullmann, Marit und Trawöger, Irene. Hg. 2016. WELT WEISE FRAUEN Philosophinnen von der Antike bis zur Neuzeit in Wort und Bild porträtiert. Rüsselsheim. Göttert.
Schad, Martha. 2007. Die berühmtesten Frauen der Weltgeschichte: Von der Antike bis zum 17. Jahrhundert. Wiesbaden. Marix.
Margarete Zimmermann, Christine de Pizan, Reinbek bei Hamburg 2002
Margerete Zimmermann, Ich, Christine, Berlin 2024
Régine Pernoud, Christine de Pizan, München 1990
Christine de Pizan, Das Buch von der Stadt der Frauen, Berlin 1986
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