geboren am 1. Juni 1922 in Siegburg
gestorben am 29. Januar 2016 in Trostberg
deutsche Schriftstellerin, Sängerin, Stenotypistin, Pressereferentin, Journalistin und Bibliothekarin
10. Todestag am 29. Januar 2026
Biografie • Zitate • Weblinks • Literatur & Quellen
Biografie
Es war ein Leben in der Spannung zwischen zwei Polen, wie Ruth Rehmann festhielt: zwischen Mathematik und Literatur während ihrer Schulzeit, anschließend zwischen Kunstgeschichte und Musik während des Studiums, danach zwischen Büro und Chansons und schließlich zwischen Musik und Literatur.
Aufgewachsen in einem rheinischen Pfarrhaus, begann sie bereits als Kind mit dem Schreiben – damals waren es noch Schloss- und Gespenstergeschichten – wie auch mit dem Geigespielen. Nach ihrem Abitur und einer Ausbildung als Fremdsprachenkorrespondentin studierte sie Kunstgeschichte, Archäologie und Germanistik in Bonn und Marburg, sowie Musik mit dem Hauptfach Geige in Köln und Berlin, wo sie während des Krieges oft fünf bis sieben Stunden täglich Geige übte.
Nachdem die Musikhochschule in Berlin im Herbst 1944 schloss, wurde sie beim Oberkommando des deutschen Heeres in eine Schreibstube dienstverpflichtet. „Es gab gar nichts mehr zu tun, weil der Krieg ja praktisch schon aus war. (…) So war ich völlig nutzlos beschäftigt.“ In den letzten Kriegstagen wurde sie nach Oberbayern evakuiert, wo es ihr ausgesprochen gut gefiel und wohin sie immer wieder zurückgekehrte.
Im Oktober 1945 wollte sie zurück nach Hause, strandete aber in Marburg, wo sie Kunstgeschichte studiert hatte. Dort wurde sie als Sängerin einer Band engagiert, die monatelang in einem Offiziersclub in der Nähe von Marburg auftrat. Diese Band wurde mitgenommen, als die Einheit nach Heidelberg verlegt wurde, wo sie im Europäischen Hof spielten. Dort erkrankte Ruth Rehmann an Gelbsucht und wurde daraufhin von einem der Offiziere zu ihrem Bruder ins Rheinland gebracht, „wo inzwischen auch ihre Mutter und ihre Schwester angekommen waren“.
Während ihrer Rekonvaleszenz lernte sie US-amerikanische Short Stories kennen; vor allem von die von Sherwood Anderson begeisterten sie. So wollte sie auch schreiben! Bis dahin hatte sie bereits Feuilletons für Zeitungen geschrieben, aber erst jetzt wurden es richtige Kurzgeschichten. Ihre erste wurde 1950 unter dem Titel “Vagabund im Nebel” in der Literaturzeitschrift story des Rowohlt Verlags veröffentlicht.
Nachdem die Familie 1947 ihre Wohnung in Bonn zurückbekommen hatte, nahm Ruth Rehmann ihr Musikstudium in Düsseldorf wieder auf, das sie 1951 mit der Konzertreife abschloss. Jedoch versagte sie bei ihrem ersten Solokonzert, bei dem sie die Noten vergessen hatte und nicht mehr weiterspielen konnte. Später verlegte sie sich daher auf Kammermusik. Zu dieser Zeit ging sie davon aus, dass sie sich zwischen Podium und Schreiben entscheiden müsse – und wählte das Schreiben.
Nach der Geburt ihres ersten Kindes 1953, dem noch zwei weitere folgen sollten, musste sie jedoch erst einmal Geld verdienen. Sie fand eine Anstellung als Journalistin beim Amerika-Dienst der amerikanischen GIGH-Commission, wo sie Texte für die deutsche Presse erstellte, sowie US-amerikanische Propagandafilme übersetzte. Sie kündigte während der McCarthy-Zeit, die in den USA von der Angst vor Kommunisten bestimmt war, und während der sie kein Material für ihre Arbeit mehr bekam.
Ruth Rehmann ging zurück nach Bonn, wo sie für die Indische Botschaft arbeitete. Dort war sie Pressereferentin und verfasste die deutschsprachigen Veröffentlichungen, das Monats-Bulletin sowie die zweiwöchentlichen Nachrichten und redigierte das indische Jahrbuch. Sie wollte dort jedoch nur so lange bleiben, bis sie 3.000 Mark zusammen hätte, dann wollte sie ein Buch schreiben. Auch wenn sie von ihren Kollegen wegen dieses Plans ausgelacht wurde, setzte sie ihn dennoch um. Als sie genug Geld zusammen hatte, zog sie nach Oberbayern, wo sie die letzten Kriegstage verbracht und bereits eine kleine Dreizimmerwohnung mitfinanziert hatte. „Da habe ich das Buch geschrieben und war Schriftstellerin.“
In Bayern bekam sie zwei weitere Kinder, nach dem Sohn nun zwei Töchter. Verheiratet war sie später mit dem Lektor, Literaturwissenschaftler und -kritiker Franz Schonauer. Beide nahmen nachweislich mindestens an einem Treffen der Gruppe 47 teil, dem im Mai 1960 in Ulm.
Durch die Vermittlung von Hans Werner Richter und der Gruppe 47 ergab sich Ende der 1950er Jahre die Möglichkeit, in der renommierten Literaturzeitschrift Akzente zu publizieren. Dort erschien 1957 ihre Kurzgeschichte „Suche nach Jessika“, ein Jahr später ein Vorabdruck des Kapitels „Das erste Kleid“ aus Illusionen.
Dieses Kapitel aus ihrem zu diesem Zeitpunkt noch nicht fertiggestellten Roman trug sie auch bei einem Treffen der Gruppe 47 vor, an dem sie 1958 erstmalig teilnahm. Es fand durchaus Anklang, aber der Preis ging in dem Jahr an Günter Grass.
Am 1. Juli 1959 beendete sie Illusionen. Noch im gleichen Jahr erschien der Roman im Suhrkamp Verlag und wurde in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften positiv besprochen. Es folgten Übersetzungen ins Finnische (1960), 1961 ins Englische und Niederländische, 1962 ins Spanische und 1963 ins Portugiesische.
Für diesen Roman, der sich mit den Erlebnissen von vier Angestellten eines Großraumbüros an einem Wochenende während der „Wirtschaftswunderzeit“ beschäftigt, konnte sie auf eigene Erfahrungen mit Büroarbeit zurückgreifen. Dies war auch bei ihrem Roman Abschied von der Meisterklasse der Fall, der sich mit dem Leben einer gefeierten Geigenvirtuosin beschäftigt, deren Karriere im „Dritten Reich“ begann, wie auch bei Der Mann auf der Kanzel, in dem es um ihren Vater geht.
Neben dem Schreiben des Romans beschäftigte sich Ruth Rehmann mit Franziska von Reventlow, die sie bewunderte. Auch wenn sie sich mit ihr verglich, war sie abgestoßen von deren Lebensweise in der Bohème. Über sie sollte sie verschiedene Texte veröffentlichen: den kleinen Essay „Franziska von Reventlow und Lou Andreas-Salomé“ (veröffentlicht im Magazin für Literatur und Kultur Juni, Nr. 23, 1995) sowie ein umfangreiches Feature unter dem Titel „Der Preis der Emanzipation – Schriftstellerinnen – die Droste, Bettina, Franziska von Reventlow, Lou Andreas-Salomé von einer Schriftstellerin gesehen: Ruth Rehmann“, das am 21.12.1971 vom Hessischen Rundfunk gesendet wurde.
Neben ihren Romanen und Erzählungen verfasste sie zwischen 1960 und 1985 eine Reihe von Features, eine Funkerzählung (Alte Männer, 1962) einen Funkmonolog (Nachsaison, 1972) und neun Hörspiele, die von unterschiedlichen Sendern ausgesendet wurden.
Wie Ruth Rehmann in einem Interview mit Ulrike Leuschner festhielt, hatte sie zwar ein politisches Bewusstsein, aber für Widerstand während der Zeit des Nationalsozialismus reichte es nicht, da sei sie noch zu sehr in der Atmosphäre ihres Elternhauses eingebunden gewesen, „da blieb man einfach beiseite, machte man nicht mit“. Erst später sollte sie sich übelnehmen, dass sie so getan hatte, als ginge sie das nicht wirklich an.
Als Erwachsene engagierte sie sich in der Friedensbewegung, wie beispielsweise bei den Demonstrationen gegen die Wiederbewaffnung in den 1950er Jahren, gegen Wackersdorf und bei Attac. „Reden habe ich gehalten, das kann ich gut. Aber meine Auseinandersetzungen liefen meistens am Rande entlang, waren nie das zentrale Thema meiner Literatur.“
Sie erhielt verschiedene Literaturpreisen und wurde 2001 vom Bayerischen Staat für ihre schriftstellerischen Leistungen und für ihr Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Auszeichnungen
1962: Förderpreis der Stadt Hannover
1974: Georg-Mackensen-Literaturpreis (zusammen mit Dieter Kühn)
1989: Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im Bundesverband der Deutschen Industrie
2001: Bundesverdienstkreuz am Bande
2004: Oberbayrischer Kulturpreis
2010: Auszeichnung Pro meritis scientiae et litterarum des Freistaats Bayern
2010: Rosenheimer Literaturpreis
Verfasserin: Doris Hermanns
Zitate
„Mein Schreiben war immer darauf gerichtet, Kompliziertes einfach zu machen, durchsichtig, klar, überschaubar, mitteilbar. Keine literarischen Experimente! Ich ziehe behutsam an einem einzigen Fädchen, nichts im Sinne, als seinem Lauf nachzugehen. Aber dabei bleibt es nie. Knoten tauchen auf, Verästelungen, Verknüpfungen, Quer- und Rückverbindungen, ein vielschichtiges, im Trüben sich verlierendes Netz, das ganze Klumpen unverstandenen Rohstoffs heraufzieht.“ (aus: Ruth Rehmann: Unterwegs in fremden Träumen)
„Vom Literaturbetrieb der fünfziger Jahre habe ich nur wenig gemerkt. Der Literaturbetrieb war für mich die Gruppe 47.“
„Ich habe auch später Bücher nur angefangen, wenn ich wirklich eine Idee hatte, wenn auch der Formeinfall schon da war. Das finde ich wahnsinnig wichtig, dass man auch weiß, wie man es schreiben will, nicht nur das Thema, sondern wirklich, wie das gefasst werden soll. Vorher fange ich nicht an.“
„Ich habe mich immer als Gegenmensch verstanden. Ich weiß nicht, wie viel ich es war, aber meinungsmäßig war ich es meistens. Diese Sachen – Wirtschaftswunder und Raffen und Aufbauen, das habe ich nie mitgemacht.“
(alle Zitate, wenn nicht anders angegeben, aus: Ulrike Leuschner: „Und dann habe ich das aufgeschrieben.“
Links
Kahmen, Astrid: Great Women # 58: Ruth Rehmann
https://grokipedia.com/page/ruth_rehmann
Literatur & Quellen
Literatur über Ruth Rehmann:
Jung, Werner: »Gehörbildung« - zu den Hörspielen von Ruth Rehmann. In: Ruth Rehmann: Drei Gespräche über einen Mann und andere Hörspiele. Hg. und mit einem Nachwort von Werner Jung Berlin, AvivA, 2022
Jung, Werner: Illusionen am Ende? – Zur Neuausgabe von Ruth Rehmanns »Illusionen«. Vom Rheinland in den Chiemgau. In: Ruth Rehmann: Illusionen. Roman. Hg. und mit einem Nachwort von Werner Jung Berlin, AvivA, 2022
Leuschner, Ulrike: „Und dann habe ich das aufgeschrieben.“ Ruth Rehmann gibt Auskunft. Ein Gesprächsprotokoll von Ulrike Leuschner. In: treibhaus Band 5. Jahrbuch für die Literatur der fünfziger Jahre, 2009: Das Jahr 1959 in der deutschsprachigen Literatur, S. 15-23
Rehmann, Ruth: „Was ist das für ein Verein?“ In: Jürgen Schutte, Elisabeth Unger und Irmtraud Gemballa (Hg.): Dichter und Richter. Die Gruppe 47 und die deutsche Nachkriegsliteratur. Ausstellungskatalog der Akademie der Künste, Berlin, 1988, S. 48-51
Rehmann, Ruth: Schriftsteller arbeiten ziemlich einsam. Ein Gespräch mit Wilfried Ihrig und Wolfgang Rath. In: Walter Höllerer und Norbert Müller (Hg.): Sprache im technischen Zeitalter, Band 26, Jg. 106, Berlin, 1988, S. 115-131
Seifert, Nicole: „einige Herren sagten etwas dazu“. Die Autorinnen der Gruppe 47. Köln, Kiepenheuer & Witsch, 2024
Werke von Ruth Rehmann:
Ruth Rehmann in der Deutschen National Bibliothek
Illusionen. Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1959. Neuauflagen: München, dtv, 1989. Hg. und mit einem Nachwort von Werner Jung. Berlin, AvivA, 2022
Die Leute im Tal. Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1968. Neuauflagen: München, Erenwirth, 1979; München, dtv, 1989
Paare. Erzählungen. München, Ehrenwirth, 1978; Neuauflage: München, dtv, 1983
Der Mann auf der Kanzel: Fragen an einen Vater. München, Wien, Hanser, 1979. Neuauflagen: München, dtv, 1981, 1983, 1988, 1995 und Berlin, Evangelische Verlagsanstalt, 1982 und 1987
Abschied von der Meisterklasse. Roman. München, Wien, Hanser, 1985. Neuauflage: München, dtv, 1987
Die Schwaigerin. Roman. München, Wien, Hanser, 1987. Neuauflagen: München, dtv, 1989, 1993, 2005
Der Abstieg. Stuttgart, Radius, 1987
Unterwegs in fremden Träumen: Begegnungen mit dem anderen Deutschland. München, Wien, Hanser, 1993. Neuauflage: München, dtv, 1996
Der Oberst begegnet Herrn Schmidt: Geschichten zwischen Krieg und Frieden. Stuttgart, Radius, 1995
Bootsfahrt mit Damen. Erzählungen. München, dtv, 1995
Fremd in Cambridge. Roman. München, Wien, Hanser, 1999. Neuauflage: München, dtv, 2004
Ferne Schwester. Roman. München, Wien, Hanser, 2009. Neuauflage: München, dtv, 2012
Drei Gespräche über einen Mann und andere Hörspiele. Hg. und mit einem Nachwort von Werner Jung. Berlin, AvivA, 2016
Flussaufwärts: letzte Geschichten. Stuttgart, Radius, 2017
Sollten Sie RechteinhaberIn eines Bildes und mit der Verwendung auf dieser Seite nicht einverstanden sein, setzen Sie sich bitte mit Fembio in Verbindung.


