Wer donnert denn da?
Gestern und vorgestern hatten wir “granny duty”, zu Deutsch “Enkelsitten”: Unsere lebhaften 6jährigen Zwillings-Engelkinder waren zu Besuch, damit die gestressten Eltern sich ein bißchen von ihnen erholen konnten.
Gegen Mittag gab es ein heftiges Gewitter, und während Aeryn auf dem Sofa unbeeindruckt weiter in ihrem Buch las, flüchtete Elizabeth zu uns in die Küche. Ob wir einen Blitzableiter hätten, wollte sie wissen. „Nein, in der Straße sind so viele höhere Häuser und noch viel höhere alte Bäume, die werden zuerst getroffen“, versicherten wir.
Die Auskunft beruhigte sie nicht sehr, deshalb versuchte sie es mit einem Scherz: “Ich habe gehört, wenn es so regnet, das bedeutet, Gott ist auf dem Klo.”
“Oder Gott weint”, meinte Joey, der die Gleichung Regen=Pipi zu prosaisch war.
“Und wenn es donnert, das bedeutet, daß Gott böse ist”, erklärte Elizabeth weiter. Und nach einer Pause: Ihre Mutter (Joeys Tochter Kate ist Lehrerin) hätte erzählt, die Jungens glaubten, Gott wäre ein Er, aber die Mädchen glaubten, Gott wäre eine Sie.
“Und was glaubst du?” fragten wir.
Sie dachte längere Zeit nach. “I think God is a boy”, bemerkte sie schließlich. Sie dachte also auch mehr an ihresgleichen, aber eher generationsmäßig.
Während draußen der Regen immer heftiger rauschte, die Blitze in immer schnellerer Folge blitzten und der Donner furchterregend grollte, entspann sich ein tiefschürfendes Gespräch unter Frauen.
“Ich denke”, sagte ich, “das ist nicht Gott, der Pipi macht und böse ist, sondern Mutter Natur, die ein wenig sauber macht. Etwas geräuschvoll, gebe ich zu.”
“Ich glaube”, sagte Elizabeth, “Mutter Natur ist die Frau von Gott”.
“Wieso?” fragten wir.
“Weil wenn Gott der Vater ist und wir Gottes Kinder, braucht man auch eine Mutter. Mutter Natur. Und Jesus war ihr Lieblingskind.”
“Ja, er hatte ein paar ganz gute Ideen”, gaben wir zu. “Aber wenn Gott nun eine Sie ist?”
“Dann sind die Eltern eben zwei Frauen, so wie bei euch. Everybody knows that girls can marry girls."
Damit waren wir sehr einverstanden.
Aeryn hatte inzwischen ihr Buch ausbuchstabiert und gesellte sich zu uns. Sie las es uns noch einmal vor. Dann mußte auch ich noch ein Bilderbuch vorlesen. Es hieß Arthur’s First Kiss, von Marc Brown. Joey hatte das Buch gestern, nichts Böses ahnend, extra für den Engelbesuch aus der Leihbibliothek geholt.
Pfui, rief ich aus, als ich das Buch zu Ende vorgelesen hatte. "Das Buch sagt, es ist es für einen Jungen besser, von einem Hund abgeschleckt als von einem Mädchen geküßt zu werden."
„Gar nicht pfui!“ widersprach Aeryn zornig. Und es donnerte wieder ein wenig. Ob das nun Gottvater war, den meine Bemerkung erbost hatte, oder Mutter Natur, die sich herzhaft eins furzte - wer kann das wissen.
3 Kommentare
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07.07.2008 um 14:53 Uhr Jacqueline
...ach liebe Luise, kam mir gerade so vor, als ob ich neben euch in der Küche stand und alles mitanhörte;o)
was ihr so alles macht! schön jedenfalls, das eure Engel so viel von euch mitbekommen, da wächst was gutes heran;o)
Hoffe es geht euch gut?! liebste Grüße Jacqueline
30.06.2008 um 11:31 Uhr Silke Gyadu
Hinsichtlich des Gewitters möchte ich an die römische Göttin JUNO erinnern, nach der der Monat Juni benannt ist und die auf die viel ältere etruskische Göttin UNI zurückgeht. Als “Königin des Himmels” schleuderte UNI Blitze (und donnerte vermutlich auch), wenn sie wütend war.
So einfach konnte in früherer Zeit die Erklärung von Naturphänomenen sein ...
Herzliche Grüße
Silke Gyadu
http://www.sonnengoettinnen.de
29.06.2008 um 17:20 Uhr Brigitte Menne
so schön unpädagogisch, so wahr und bezaubernd, was Ihre enkelinnen sagen. (ich erlebe ähnliches,z.B. sagt meine bereits mit zweieinhalb: die sonja ist NICHT dein schatzi, ich bin dein schatzi!) danke, liebe frau PUSCH!