Martha Mödl

geboren am 22. März 1912 in Nürnberg
gestorben am 17. Dezember 2001 in Stuttgart

deutsche Sängerin


60 Jahre Bühnenpräsenz im wahrsten Sinne des Wortes, und welch ein Werdegang! Berühmt als große Frauengestalterin vor allem in Opern von Wagner (Kundry, alle drei Brünnhilden, Isolde, Waltraute, etc.) und Richard Strauss (Klytemnästra, Herodias, Amme ...), war und bleibt Martha Mödl bewundert für ihre unvergleichliche, natürlich ausdrucksstarke und nie kalkulierte oder gar primadonnenhaften Darstellungskraft, verehrt als bescheidene, integre Persönlichkeit.

Eine “ganz miese” Kindheit, wenige Schuljahre, Jobs in Büros und als Verkäuferin, und nebenbei lediglich wenige Monate Gesangs- bzw. Klavierunterricht, jedoch beschenkt mit einer großen, ruhig-warmen Naturstimme findet sie erst spät ihren Lebensort, die Bühne: Mitten in Kriegswirren und Bombenangriffen beginnt ihre Sängerinnenlaufbahn 1942 in Remscheid als Azucena - einer für eine (30jährige!) Anfängerin, die noch nie mit einem Orchester gearbeitet hatte, fordernden Verdi-Partie. Sie steigt - mit einer längeren “Arbeitspause” in einer Munitionsfabrik - in die Repertoirearbeit ein, dann zusätzlich als Mezzo und von 1945 bis 1949 ganz an der Düsseldorfer Oper, dann in Hamburg. Nun singt sie unter den berühmtesten Dirigenten Partien auch bald des dramatischen Sopranfachs u.a. in Berlin, Düsseldorf, München, Salzburg, Stuttgart und Wien, an der Scala, der Met. Und, seit Wolfgang Wagner sie als Kundry für den Parsifal zur Neueröffnung der Festspiele 1951 einlud, in Bayreuth. Die jahrelange Zusammenarbeit mit der Abwendung vom “Firlefanz” der Ausstattungsoper zur Reduzierung auf die Darstellung von persönlichen Schicksalen in “kargen” Szenen als “Bilder der Verinnerlichung” intensivierte ihren animalischen Bühneninstinkt: individueller Körperausdruck statt Kostüm.

Gleichgesinntheit auch mit dem alten Wilhelm Furtwängler, der sie mit seinem Dirigieren darin bestärkte, ganz aus ihrem Anheimgeben an die Musik eine Rolle zu gestalten. Für sie heißt das, “Ich weiß ... nicht, was ich auf der Bühne mache” und daß man “ein wenig dumm” sein müsse, um (auch) die Zuschauer zu ergreifen und etwas glückhaft empfinden zu lassen, “von dem sie keine Ahnung haben, was es eigentlich ist”.

Schlimm war für Mödl, der ein “Singen als stimmliche Kunstfertigkeit” nie genügte - die auch nicht benennen konnte, wie sie es mache, das Singen - das beängstigt wahrgenommene allmähliche Versagen ihrer sängerischen Möglichkeiten, die sie rücksichtslos und ja ohne die Basis einer pflegenden Technik im Dienst ihrer Kunst verbrauchte. “Das Theater ist mein Leben. Ich habe sonst nichts… “. Sie wußte, was sie sagte. Und nun?

Ein bewußter, faszinierter und beeindruckender Übergang ins Charakterfach, zu modernen Werken (von 1971 bis 1995 etwa 20 Ur- und Erstaufführungen) und vermehrt zu oft speziell für sie gestalteten Sprechrollen mit oder ohne Gesang (Werke von Britten, Einem, Henze, Klebe, Menotti, Cerha, B.A. und Walter Zimmermann, Yun, aber auch Sartre und Euripedes), zu Dichterlesungen bis ins letzte Lebensjahr. Noch 1999 verkörperte sie souverän “ihre” Gräfin in Pique Dame, gestaltete 2000 in Berlin noch einmal beklemmend die Mumie in Reimanns Gespenstersonate und wurde dort im April 2001 zum letzten Mal als Amme im Boris Godunov gefeiert. Ihre Autobiographie heißt “So war mein Weg”.

Swantje Koch–Kanz

“Ist der ‘Ring’ ein feministisches Stück? Aus einer Diskussion mit Ingrid Bjoner, Martha Mödl, Sabine Zurmühl, Sabine Sonntag und Thomas Voigt”, in: Opernwelt 36.6 Opernfrauen-Frauenoper (1995: 16-17).

Laugwitz, Burkhard. Ein langes Bühnenleben. Gespräch mit der Sängerin Martha Mödl.

“Martha Mödl. Erinnerungen an ihre Opernkunst von Janice Baird, Brigitte Fassbaender, Hans Werner Henze, Grace Hoffmann, Sabrina Hölzer, Hans-Peter Lehmann, Birgit Nilsson, Hetty Plümacher, Aribert Reimann, Anja Silja, Astrid Varnay”, in: Opernwelt 43.2 (2002).

Mauro, Helmut. 1994. “Let’s talk about sex. Hat Musik ein Geschlecht? - eine Diskussion in der Black Box”, in: Süddeutsche Zeitung 1. März 1994.

Mödl, Martha. 1998. So war mein Weg: Gespräche mit Thomas Voigt. Berlin. Parthas.

Schulz, Klaus. 1997. Bayreuther Primadonnen; Martha Mödl, Birgit Nilsson und Astrid Varnay im Gespräch mit Klaus Schultz. Bayerisches Fernsehen. 20. April 1997. Englisches Transkript:

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Hedwig Dohm