Mary Daly

geboren am 16. Oktober 1928 in Schenectady, New York

amerikanische Feministin und Philosophin

80. Geburtstag am 16. Oktober 2008


Erst in den letzten Jahren ist es um Mary Daly etwas stiller geworden. Seit Beginn der neuen Frauenbewegung gehört die radikale und streitbare feministische Denkerin zu den umstrittensten public intellectuals der USA. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde sie hauptsächlich durch zwei Skandale, die die unbequeme und kompromisslose Professorin mit dem Boston College durchstand und umgekehrt.

Die beiden einflussreichsten Werke der dreifachen Doktorin, bedeutenden Philosophin und Kirchenkritikerin erschienen in den siebziger Jahren: In Beyond God the Father (1973) formuliert sie ihre fundamentale Kritik an der katholischen Kirche und fordert die Frauen auf, die Kirche zu verlassen. In Gyn/ecology (1978, deutsch Gyn/ökologie, 1981) benennt und analysiert sie die systematischen, sadistischen Verbrechen des Patriarchats (Daly sagt schlicht: der Männer) – an den Frauen:

Witwenverbrennung in Indien
Füßeeinbinden in China
Genitalverstümmelung in Afrika
Hexenverbrennung in Europa
Gynäkologie in den USA im Gefolge der Nazimedizin

Lange bevor die „unausprechlichen Greuel” (Daly) der weiblichen Genitalverstümmelungen durch Waris Diries Bestseller weltweit zum Thema wurden, hat Mary Daly eine gründlich recherchierte, flammende Anklage gegen sie veröffentlicht, die ihre LeserInnen nicht mehr zur Ruhe kommen ließ und schließlich die weltweiten Protestaktionen auslöste.

Mary Daly wurde 1928 in Schenectady im Staat New York als einziges Kind einer Arbeiterfamilie geboren und wuchs in der Zeit der Wirtschaftsdepression auf. Sie besuchte eine katholische High School und studierte am St. Mary’s College der Notre Dame University. 1954 bekam sie ihr erstes Doktorat in katholischer Religion. Danach unterrichtete sie 5 Jahre am Cardinal Cushing College in Brookline, MA. Von 1959 bis 1966 lehrte sie an der Universität Fribourg in der Schweiz katholische Theologie und Philosophie und erwarb gleichzeitig ihr zweites und drittes Doktorat in beiden Disziplinen.

So gerüstet, ging sie anschließend daran, das Lehrgebäude der christlichen Theologie als von Grund auf frauenfeindlich zu entlarven und leidenschaftlich anzuprangern. Der „Erfolg” bei ihrem Arbeitgeber, dem von Jesuiten geleiteten Boston College, blieb nicht aus. 1969 wollten sie ihr die „tenure” (Festanstellung) verweigern, mussten sie ihr dann aber wegen heftiger Proteste der Studierenden doch gewähren.

Gyn/ökologie, der Titel ihres Hauptwerks, ist eins der zahllosen Wortspiele Mary Dalys – das berühmteste ist wohl the-rapist, mit dem sie den Therapeuten als Vergewaltiger (rapist) identifiziert. Sie hat sich das Ziel gesetzt, eine Sprache für Frauen zu entwickeln, die Frauen hymnisch feiert und frei von Patriarchalismen ist. Diesem Projekt widmet sie sich seit 30 Jahren mit zunehmender Intensität, allerdings können und wollen viele ihrer Leserinnen ihr auf diesem Weg nicht mehr folgen. Eine Kostprobe aus Pure Lust (1984): „…sehen die Webfrauen Stamina als Selbstzweck. Hier ist denken zugleich danken. Die Wunderinnen weben Wunder”. (Kongenial übersetzt von der verstorbenen feministischen Philosophin Erika Wisselinck). „Erratic, Ecstatic, Eccentric“ – so die feministische Linguistin Julia Penelope über Dalys Wickedary von 1987 – ein Wortspiel aus wicked „boshaft” und dictionary. Das normal-patriarchalische dictionary heißt bei Daly nur dicktionary (von dick „Pimmel”).

Von der bedeutendsten feministischen Philosophin Amerikas gibt es keine Biographie, und ihre Autobiographie Outercourse von 1992 beschäftigt sich auch eher mit ihren Werken und deren Entstehung als mit ihrem „sonstigen” Leben. Der Fall erinnert an Deutschlands größte feministische Theoretikerin Hedwig Dohm (1831-1919). Sie wurde erst 50 Jahre nach ihrem Tod wiederentdeckt – und noch 20 Jahre später mit der ersten von bisher zwei Biografien gewürdigt.

Luise F. Pusch

Quellen
Daly, Mary. 1970 [1968]. Kirche, Frau und Sexus [=The Curch and the Second Sex]. Übs. aus d. Engl. Dietgard Erb. Olten; Freiburg, Br. Walter.

Daly, Mary. 1973. Beyond God the Father: Toward a Philosophy of Women’s Liberation. Boston. Beacon Press.

Daly, Mary. 1980 [1973]; 4. erw. Aufl. 1986. Jenseits von Gottvater Sohn & Co.: Aufbruch zu einer Philosophie der Frauenbefreiung [=Beyond God the Father: Toward a Philosophy of Women’s Liberation]. Übs. aus d. Engl. Marianne Reppekus, Barbara Henninges und Erika Wisselinck. München. Frauenoffensive.

Daly, Mary. 1978. Gyn/ecology: The Meta-Ethics of Radical Feminism. Boston. Beacon.

Daly, Mary. 1981 [1978]. Gyn/ökologie: Eine Meta-Ethik des radikalen Feminismus [= Gyn/ecology: The meta-ethics of radical feminism]. Aus dem am. Englisch von Erika Wisselinck. München. Frauenoffensive.

Daly, Mary. 1984. Pure Lust: Elemental Feminist Philosophy. Boston. Beacon Press.

Daly, Mary. 1986 [1984]. Reine Lust: Elementale Feministische Philosophie. Übs. Erika Wisselinck. München. Frauenoffensive.

Penelope, Julia. 1987. “Erratic, Ecstatic, Eccentric” (Mary Daly’s Wickedary), The Women’s Review of Books, December 1987, S. 5f.

Daly, Mary [in cahoots with Jane Caputi]. 1987. Websters’ First New Intergalactic Wickedary of the English Language. Boston. Beacon Press.

Pusch, Luise F. 1990. “Mary, please don’t punish us anymore! - Mary Daly, die Sprache und die deutschsprachige Leserin”, in: Pusch, Luise F. 1990. Alle Menschen werden Schwestern: Feministische Sprachkritik. Frankfurt/M. edition suhrkamp 1565. S. 104-111

Fembiografie empfehlen       Druckversion

Seitenanfang

Hedwig Dohm