Ruth Bader Ginsburg

geboren am 15. März 1933 in Brooklyn, New York

US-amerikanische Juristin, seit 1993 Richterin und derzeit einzige Frau am Obersten Gerichtshof (Supreme Court) der USA
75. Geburtstag am 15. März 2008


Ruth Bader Ginsburg, 1993 von Präsident Clinton als zweite Frau in den Obersten Gerichtshof berufen, war schon lange zuvor eine höchst erfolgreiche Kämpferin für Frauenrechte. Seit dem Rücktritt von Sandra Day O’Connor im Jahr 2006 ist sie die einzige Frau in dem neunköpfigen Gremium. Sie gehört dem “liberalen” oder linken Flügel des Gerichts an, der - seit George W. Bush zwei neue Richter einsetzen konnte - meist in der Minderheit ist. Die ehemalige Professorin und Anwältin hat am Supreme Court wegweisende Stellungnahmen vorgetragen, wie ihr abweichendes Votum in Gore v. Bush (2000) oder ihren stringenten und vehement vertretenen Dissens gegen den konservativen Mehrheitsbeschluß in Gonzales v. Carhart (2007), der das seit 1973 in den USA verbürgte Recht der Frau auf Abtreibung beschneidet. Ihr Argument: Die juristische Begründung des Abtreibungsrechts gründe “auf der Autonomie der Frau und ihrem Recht, ihr Leben selbst zu bestimmen und dadurch als Staatsbürgerin den gleichen Status zu genießen wie der Mann.”

Joan Ruth Bader wuchs in einem Brooklyner Arbeiterviertel auf, wo arme jüdische, italienische und irische Immigrantenfamilien lebten. Ihre Eltern waren jüdisch-amerikanisch, ihre Familien aus Europa immigriert. Vater Nathan Bader war mit 13 Jahren aus Odessa in Russland gekommen, während Mutter Celia Amster in Amerika geboren wurde, vier Monate nachdem ihre Eltern aus Österreich emigriert waren. Ruths ältere Schwester Marilyn starb mit acht Jahren. Der Vater betrieb einige kleine Konfektionsgeschäfte. Ihre Mutter spornte Ruth zu fleißigem Lernen und unabhängigem Denken an. Sie starb, einen Tag vor Ruths High-School-Abschluß, an Krebs. Ruth befolgte den Rat ihrer Mutter: Die angesehene Cornell Universität verließ sie als Beste ihres Jahrgangs. Sie heiratete ihren Kommilitonen Martin Ginsburg, und als sie 1956 ihr Jurastudium an der Harvard Universität begann, war ihre Tochter 14 Monate alt; später gebar sie auch einen Sohn.

Trotz der Frauenfeindlichkeit ihrer Professoren und Mitstudenten – sie war eine von nur neun Studentinnen an der Harvard Law School – zeichnete sich Ruth Ginsburg aus und bekam als Studentin eine begehrte Stelle an der Harvard Law Review. Als die Familie nach New York zog, studierte Ruth an der Columbia Universität weiter. Wieder war sie Jahrgangserste (diesmal teilte sie die Ehre mit einem Studenten) und wieder Mitarbeiterin an der Law Review. Damit war sie der erste Mensch, der diese Ehre an zwei Elite-Universitäten erreichte.

Trotz ihrer Glanzleistungen wurde die junge Frau von keiner der 12 Anwaltsfirmen eingestellt, bei denen sie sich bewarb. Sie bekam schließlich eine Stelle bei Richter Palmieri am US-Bezirksgericht für den Süden des Staates New York (1959-61). Danach arbeitete sie an einem internationalen Projekt der Columbia Law School über juristische Verfahren und lernte Schwedisch für ihr Buch über das schwedische Rechtsystem; auch übersetzte sie das schwedische Gesetzbuch ins Englische. 

Ginsburg blieb bei der akademischen Laufbahn, ging 1963 an die Rutgers Universität, wo sie zusammen mit Kolleginnen gegen Lohndiskriminierung kämpfen mußte, und dann an die Columbia-Universität, deren erste festangestellte Jura-Professorin sie wurde. Sie war auch Mitautorin des ersten juristischen Lehrbuchs über die Geschlechterdiskriminierung.

In den 70er Jahren engagierte sich Ginsburg tatkräftig als Mitgründerin und Direktorin des Frauenrechtsprojekts der American Civil Liberties Union (ACLU) – seit 1920 setzt sich diese nichtstaatliche Organisation in den USA für bürgerliche Grundrechte ein. Ginsburg vertrat die ACLU vor dem Supreme Court in entscheidenden Fällen von Geschlechterdiskriminierung und bekämpfte, Fall für Fall, die diskriminierenden Gesetze erfolgreich. Dabei ging sie oft strategisch vor und wählte auch Fälle von Männerbenachteiligung aus. Seither wurden – auch dank ihrer Mitarbeit – im ganzen Land Gesetze zugunsten der Gleichberechtigung geändert.

Präsident Carter ernannte Ginsburg 1980 zur Richterin am Bundesappellationsgericht für Washington, DC, wo sie bis zu ihrer Berufung zum Supreme Court tätig war. Außer für die Gleichberechtigung setzte sie sich besonders für die Konsultation ausländischen Rechts bei US-amerikanischen Rechtsfragen ein. Hierin unterscheidet sie sich scharf von Antonin Scalia, ihrem Kollegen am Supreme Court, der so eine Inbetrachtziehung für überflüssig hält.

Im Ganzen ist die politisch liberale Richterin juristisch eher vorsichtig/moderat und befürwortet enger gefaßte Beschlüsse, um die größeren Fragen der Gesetzgebung zu überlassen. Ihre Vorbehalte Roe v. Wade gegenüber wurden in den 90er Jahren von Feministinnen kritisiert; nach Ginsburg wäre sogar in der Abtreibungsfrage ein weniger weitreichender Gerichtsbescheid auch weniger kontrovers und provokant und daher auf die Dauer sicherer und erfolgreicher gewesen.

1999 erkrankte Ginsburg an Darmkrebs und wurde erfolgreich behandelt.

Die Oberste Richterin ist passionierte Opernliebhaberin - einmal trat sie sogar (zusammen mit ihrem Richterkollegen und Freund Scalia) kostümiert und mit Perücke als Statistin auf einer Washingtoner Opernbühne auf.

Joey Horsley

Literatur:

Ginsburg, Ruth Bader. 2006. “Advocating the Elimination of Gender-Based Discrimination: The 1970s New Look at the Equality Principle.” Lecture, University of Cape Town, South Africa. 10 Februar 2006.

Ginsburg, Ruth Bader. 2005. “‘A decent Respect to the Opinions of [Human]kind’: The Value of a Comparative Perspective in Constitutional Adjudication.” (Address) The American Society of International Law Annual Meeting. 1 April 2005.

Ginsburg, Ruth Bader. Speeches and Lectures 2000-2007.

Interview with Ruth Bader Ginsburg. “Voices on Anti-Semitism”. United States Holocaust Memorial Museum. 9 November 2006.

“Ruth Bader Ginsburg.” Oyez Project. U. S. Supreme Court Media. Northwestern University.

“Ruth Bader Ginsburg.” Legal Information Institute. Supreme Court Collection. Cornell Law School.

“Ruth Bader Ginsburg” The Supreme Court Historical Society.

“Ruth Bader Ginsburg.” FindLaw: For Legal Professionals.

“Ruth Bader Ginsburg.” Wikipedia (Englisch).

“Tribute: The Legacy of Ruth Bader Ginsburg and WRP Staff.” 2006. American Civil Liberties Union. Women’s Rights Project. (3/7/2006).

Lewis, Neil A. “Rejected as a Clerk, Chosen as a Justice.” 1993.  The New York Times. June 15, 1993.

“In Her Own Words: Ruth Bader Ginsburg.” The New York Times on the Web. June 15, 1993.

Rosen, Jeffrey. “The New Look of Liberalism on the Court.” New York Times Magazine: Ruth Bader Ginsburg. October 5, 1997.

“Ginsburg, Ruth Bader.” Encyclopædia Britannica.  2007.  Encyclopædia Britannica Online.



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