Swetlana Alexijewitsch

geboren am 31. Mai 1948 in Iwano-Frankowsk, Ukraine

belarussische (weißrussische) Schriftstellerin
60. Geburtstag am 31. Mai 2008


BiografieWeblinksLiteratur & Quellen


Biografie

Swetlana Alexijewitsch ist heute die bedeutendste und konsequenteste Vertreterin der Protokoll-Literatur, die in Deutschland mit Erika Runges Bottroper Protokollen (1968) ihren Anfang nahm und von Sarah Kirsch (Die Pantherfrau, 1974) und Maxie Wander (Guten Morgen, du Schöne, 1977) erfolgreich fortgesetzt wurde. Alexijewitsch selbst nennt als ihre Vorläufer und Vorbilder nicht diese Autorinnen, sondern Daniil Granin und den Weißrussen Ales Adamowitsch und ihr Blockadebuch (1977-80) über die Belagerung Leningrads.

Weltbekannt wurde Alexijewitsch durch ihr bisher letztes Buch (1997), in dem sie ihre Technik des intensiven Zuhörens und Fragens und der anschließenden Destillierung endlosen Tonbandmaterials zu einem vielstimmigen Roman auf ein Thema anwandte, das uns alle unmittelbar angeht: Die Katastrophe von Tschernobyl und ihre Auswirkungen auf die Menschen, die sie erlebt und bisher überlebt haben. “Man meint, daß wir nach all den Jahren alles über Tschernobyl wüßten, daß ... niemand mehr etwas darüber hören möchte. Tatsächlich aber ist Tschernobyl nicht nur nicht vergessen – es wurde nie richtig verstanden.”

Wenn der abgegriffene Spruch “Life is stranger than fiction” irgendwo zutrifft, dann auf die Geschichten, die Alexijewitsch zusammengetragen hat. Die meisten von uns wissen z.B. nicht, daß in der Todeszone um Tschernobyl, kurz Zone genannt, sogenannte Liquidatoren (die verseuchte) Erde in der Erde begraben haben, zusammen mit den Häusern und den Möbeln darin…
Eine Mutter erzählt, daß die Ärzte ihr rieten, ihren verstrahlten sterbenden Mann nicht zu streicheln, sie würde damit nicht nur sich selbst, sondern auch dem Kind, das sie erwartete, schweren Schaden zufügen.

***

Die Tochter einer Ukrainerin und eines Weißrussen studierte in Minsk Journalistik und arbeitete dann für Zeitungen und Zeitschriften. Über ihre halbdokumentarische Methode und gegen deren Trivialisierung schreibt die Schriftstellerin: „Das Leben bietet so viele Versionen und Interpretationen für ein und dasselbe Ereignis - Fiktion oder Dokumentation allein reichen nicht aus, um die ganze Bandbreite zu erfassen. Ich mußte eine andere narrative Strategie finden. ... Für Außenstehende mag es wie ein simpler Vorgang aussehen: Die Leute haben mir eben ihre Geschichten erzählt. Aber es ist nicht ganz so einfach. Es ist wichtig, was du fragst und wie du es fragst und was du wahrnimmst und was du aus dem Interview auswählst.“

Ihr erstes Buch, Der Krieg hat kein weibliches Gesicht (1985, dt. 1987) läßt erstmals russische Soldatinnen des zweiten Weltkriegs zu Wort kommen: „Oft bleibt nach einem langen Tag voller Worte und Fakten nur ein einziger Satz zurück (aber was für einer!): ‚Ich war noch so klein, als ich an die Front ging, daß ich im Krieg sogar noch gewachsen bin.’ Diesen Satz halte ich dann in meinem Notizbuch fest, obgleich ich Dutzende Meter Tonbandaufzeichnungen besitze, vier, fünf Kassetten voll.“
“… Auf der Erde [sind] schon über dreitausend Kriege geführt worden. Und Bücher darüber gibt es noch mehr. Doch alles, was wir über den Krieg wissen, haben uns Männer erzählt. … Frauen schweigen. Nur .. im Kreis ihrer Frontfreundinnen weinen sie und erzählen … von einem Krieg, der das Herz stocken läßt. In den Erzählungen der Frauen finden wir nie…was wir sonst ohne Ende hören: Wie die einen heroisch die anderen töteten und siegten. [Es] kommen keine Helden und keine ihrer unglaublichen Taten vor, sondern einfach Menschen, die eine unmenschliche menschliche Arbeit tun.
… Eine ganze Welt blieb uns verborgen. Ein separater weiblicher Kontinent. Aber was hindert uns, dorthin vorzudringen? … Einerseits die undurchdringliche Mauer männlichen Widerstands, ich würde es sogar männliche Verschwörung nennen, und andererseits … unsere fehlende Neugier, die vielleicht daher rührt, daß niemand dort irgendwelche Entdeckungen erwartet.”

In Alexijewitschs zweitem Buch, Die letzten Zeugen (1985, dt. 1989) erzählen RussInnen der Jahrgänge um 1930-1940, was sie als Kinder im Krieg erlebt haben: “Dinge, die niemand, am allerwenigsten Kinder, sehen und erleiden dürften”. (Klappentext).

Das dritte Buch, Zinkjungen. Afghanistan und die Folgen (1989, dt. 1992) erhielt seinen Titel von den jungen Soldaten, die ahnungslos in den Krieg geschickt wurden und in Zinksärgen zurückkamen.

Das vierte Buch, Im Banne des Todes ((neuer Titel Seht mal, wie ihr lebt), 1993, dt. 1994) handelt von Menschen, die mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht fertigwurden und Selbstmord begingen oder begehen wollten.

In all ihren Büchern geht es um Krieg, Tod, Töten, Sterben, grausames Leid und seine Auswirkungen auf die “kleinen Leute”, nicht die da oben. Nach dem vierten Buch wollte sie endlich ein positives Thema behandeln und ein Buch über die Liebe schreiben – da kam ihr die ultimative Katastrophe dazwischen… Sie arbeitete zehn Jahre lang an Tschernobyl: Eine Chronik der Zukunft.

1998 erhielt Alexijewitsch dafür den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung. Ihr Stück über Tschernobyl Gespräche mit Lebenden und Toten wurde 1999 Hörspiel des Jahres.


Heute lebt Swetlana Alexijewitsch in Paris im Exil. Seit der Diktator Lukaschenko an der Macht ist (1994), ist in Weißrußland kein Buch mehr von ihr erschienen.

Ich finde, wenn eine den Literatur-Nobelpreis verdient hat, dann Swetlana Alexijewitsch.

Luise F. Pusch

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Links

Alexijewitschs Homepage (englisch und russisch)

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Literatur & Quellen

Alexijewitsch, Swetlana. 1987. Der Krieg hat kein weibliches Gesicht. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Baumgardt. Berlin. Berliner Taschenbuch Verlags GmbH

Alexijewitsch, Swetlana. 1989. Die letzten Zeugen: Kinder im zweiten Weltkrieg. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Baumgardt. Berlin. Aufbau Taschenbuch Verlag.

Alexijewitsch, Swetlana. 1992. Zinkjungen. Afghanistan und die Folgen. Aus dem Russischen von Ingeborg Kolinko. Berlin. Aufbau Taschenbuch Verlag.

Alexijewitsch, Swetlana. 1992. Seht mal, wie ihr lebt: Russische Schicksale nach dem Umbruch. Aus dem Russischen von Ingeborg Kolinko. Berlin. Aufbau Taschenbuch Verlag.

Alexijewitsch, Swetlana. 1997. Tschernobyl: Eine Chronik der Zukunft. Aus dem Russischen von Ingeborg Kolinko. Berlin. Berliner Taschenbuch Verlags GmbH

Alexijewitsch, Swetlana, Ilse Strambowski, Peter Gavajda, Frank Werner. Hg. 2000. Gespräche mit Lebenden und Toten. München. dhv Verlag. Audiobook.

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Hedwig Dohm