»Laut & Luise«
25.09.2009
Zum 525. Todestag von Papst Sixtus IV. gab es am 12. August eine Zeitzeichen-Sendung, zu der ich aber erst gestern gekommen bin. Ich vernahm Erstaunliches: Papst Sixtus ließ nicht nur die nach ihm benannte Sixtinische Kapelle bauen; berühmt und berüchtigt ist er vor allem wegen seines hemmungslosen Nepotismus. Kaum war er 1471 zum Papst gewählt worden, eilten 25 Neffen (lat. nepotes) von ihm nach Rom, um von seiner neuen Macht zu profitieren. In den 13 Jahren seines Wirkens (1471-84) ernannte Sixtus sechs von ihnen zu Kardinälen. Insgesamt kreierte er 34 Kardinäle, nach rein machtpolitischen, nicht etwa seelsorgerischen Gesichtspunkten.
Beim Anhören seiner Untaten, die schon Macchiavelli inspirierten, ging mir erstmals auf, warum die Unsitte, die eigenen Verwandten auf hohe Ämter zu hieven, für die sie meist keinerlei Eignung mitbringen, Nepotismus genannt wird, von lat. nepos “Neffe”. Eigene Söhne sollten katholische Geistliche ja tunlichst nicht zeugen, an ihrer Stelle dienen hier die Neffen dem Machtausbau und -erhalt. Mit ihrer Hilfe hat Sixtus seine ganz eigene, eben nepotische, Dynastie errichtet.
Nepotismus ist offiziell so verpönt wie er inoffiziell floriert, genau wie die Ämterpatronage, die Vetternwirtschaft und die Amigo- oder Amiciwirtschaft. Wie stimmig, dass die Bezeichungen für Amtsmißbrauch sich alle von Bezeichnungen für Männer herleiten.
Ein nahezu undurchdringlicher Männerfilz, mit dem wir Frauen es da zu tun haben. Und wir wundern uns noch über die gläserne Decke (glass ceiling)? Die Sache hat System, und einer der Begründer des Systems war Papst Sixtus. Zum Dank für seine großartige Förderung ließ sein Neffe, Papst Julius II., die Sixtinische Kapelle von Michelangelo und anderen Künstlern so schön ausmalen, dass sie bis heute der Ort des Konklave, der Papstwahl ist. Habemus papam!
Wie der männliche Name und die päpstliche Herkunft schon erkennen lassen, sind Frauen vom Aufstieg durch Nepotismus ausgeschlossen. Die Ämter, die da zu vergeben waren, standen ihnen sowieso nicht zu. Aber es kommt noch besser. Heutzutage werden Frauen gern von Ämtern ausgeschlossen, zu denen wir uns prinzipiell schon den Zugang erkämpft haben, die uns prinzipiell schon irgendwie offen stünden - wenn nicht der Kampf gegen den Nepotismus Vorrang hätte: Viele Wissenschaftlerinnen sind mit Wissenschaftlern verheiratet. Sie ziehen automatisch mit um, wenn ihr Mann einen Karrieresprung tut, geben oft gute Stellen auf, die ihnen als Frauen widerwillig genug gewährt wurden. An des Gatten neuer Universität gibt es für sie oft keine entsprechenden Stellen - das wäre ja Nepotismus!
Kann sein, dass die neusten Entwicklungen frauenfreundlicher sind, ich lasse mich gern belehren. Bis in die jüngere Vergangenheit verliefen weibliche Karrieren jedoch öfter wie folgt: Ich zitiere aus meiner FemBiografie über die Nobelpreisträgerin Maria Goeppert-Mayer:
1930 promovierte Maria Goeppert bei Max Born über Doppel-Photonen-Prozesse, einen quantenphysikalischen Effekt, heiratete Joe Mayer und ging mit ihm nach Baltimore, wo er eine Professur an der Johns-Hopkins-Universität bekam. Für die gleich qualifizierte Maria Goeppert-Mayer gab es wegen der Nepotismus-Beschränkung keine Stelle.
Und über die Nobelpreisträgerin Gerty Cori:
Seit 1931 leitete Carl Cori das Pharmakologie-Department der Washington-Universität in St. Louis, und Gerty bekam dort eine Forschungsstelle mit einem nur symbolischen Gehalt, denn es war verboten, dass zwei Mitglieder einer Familie an derselben Uni arbeiteten. Die Coris wechselten bald zur Biochemie-Abteilung. Eine Professur bekam Gerty Cori dort jedoch erst 1947 – in dem Jahr, in dem sie auch den Nobelpreis bekam!
***
Als ich im Grimmschen Wörterbuch unter “Neffe” nachschaute, erfuhr ich zu meinem Erstaunen, es bedeute “Blattlaus”. Allerdings war das die Bedeutung des mir bis dahin unbekannten Femininums “die Neffe”. Das trifft es doch irgendwie genau, gell? Zwischen die Neffe und der Neffe ist eben ein himmelweiter Unterschied. Und Nichten? Die sind überhaupt ganz nichtig.
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Zum Weiterlesen: Über Vetternwirtschaft im Gutachterwesen (dank an Anne Beck für den Link)
ZEIT-Artikel “Männer sind die Hüter der gläsernen Decke” vom 29..09 (dank an Joey Horsley und Brigitta Huhnke für den Link)
20.09.2009
Zum 75. Geburtstag von Kate Millett am 14. September wurde ich vom Schweizer Rundfunk DRS interviewt. Ich erging mich voller Begeisterung über den einsamen Rang dieser Vordenkerin. Sie sei das A und O der Neuen Frauenbewegung, habe ihr die Initialzündung gegeben und zugleich ihr theoretisches Fundament gelegt. Der Slogan “Das Private ist politisch”, den Helke Sander 1968 prägte, werde durch Milletts Hauptwerk Sexus und Herrschaft (Sexual Politics) von 1970 bestätigt und breit belegt.
“Gut”, sagte der Interviewer, “und wie denken heutige Feministinnen über Kate Millett?”
Darauf ich: “Wie meinen Sie das, ‘heutige Feministinnen’? Ich habe doch gerade ausgeführt, was ich als heutige Feministin über Kate Millett denke. Und alle Feministinnen, die ich kenne, denken genau so. Wir leben noch, genau wie Kate Millett.”
Dieser Passus wurde übrigens aus dem Interview herausgeschnitten.
Der Vorgang erinnerte mich an einen Briefwechsel, den ich vor zwei Jahren mit den Autorinnen der schönen Webseite In.put hatte. Ich hatte mich sehr erfreut über die Webseite geäußert, die im Rahmen von Judith Rauchs Lehrauftrag “Einführung in den Wissenschaftsjournalismus” an der Uni Tübingen entstanden war und mitgeteilt, ich würde sie gern auf FemBio verlinken, könne das aber erst tun, wenn die 12 Autorinnen die irreführende Selbstbezeichnung “Autoren” zu “Autorinnen” abgeändert hätten.
Die Webseite existiert noch, sie wird weiterhin von Autorinnen gemacht (inzwischen 18 an der Zahl) die sich weiterhin Autoren nennen. Hier meine Antwort auf ihre Begründung dafür, mit den relevanten Zitaten aus der Mail der “Autoren”.
Sehr geehrte Frau—-,
danke für Ihre Mail. Ihre Entscheidung finde ich sehr schade.
Wir sind uns der Bedeutung der Frauenbewegung der 1960er und 1970er bewusst und achten die Leistungen und Errungenschaften dieser Generation.
Die Frauenbewegung existiert übrigens noch, ich auch. Die Forschung, um die es hier geht, ist aktuell und stammt aus den letzten Jahren. Es handelt sich nicht um die Marotte einer einzelnen Femi-Oma, sondern um ein Anliegen (sprachliche Gerechtigkeit), für das sich zahllose politische Gremien einsetzen.
Trotzdem ziehen wir unsere Identität eher aus der Qualität und den Inhalten unserer Arbeit als aus einem Suffix an der Berufsbezeichnung. Wir sehen Gleichberechtigung als die Möglichkeit, Leistungen wirklich geschlechtsneutral zu bewerten. Die Bezeichnung “Autoren” ist Ausdruck dieser Haltung und bewusst gewählt.
Diese Bezeichnung ist nicht neutral, sondern nur pseudoneutral. Wenn der Oberbegriff (“Autoren”) mit einem seiner Unterbegriffe (“Autoren” vs. “Autorinnen”) identisch ist, kann er nicht neutral sein. Anders ausgedrückt: Nur wenn es “das Autor” hieße und wir neben “die Autorin” auch “der Autorich” hätten, wäre “Autor” neutral.
Darüber hinaus war das von Frau Rauch geleitete Seminar in diesem Semester - im Unterschied zum vergangenen - für Frauen und Männer konzipiert. Mit diesem Wissen haben wir das Seminar belegt und es war uns wichtig, eine Webpage zu gestalten, die Männer und Frauen gleichermaßen anspricht.
Sie ist in der Tat sehr ansprechend, Kompliment! Aber die Bezeichnung “Autoren” für eine Gruppe von Autorinnen erinnert mich an jenen alten Spruch auf dem Beipackzettel der Tampon-Packung: “Die Menstruation ist bei jedem ein bißchen anders”.
Deshalb lehnen wir eine Änderung des Begriffs in seine weibliche Form ab, da diese uns unnötig und als der Gleichberechtigung entgegengesetzt erscheint. Wir sind zwar dem Geschlecht nach Frauen, aber im Rahmen der Arbeit an der Website waren wir in erster Linie Journalisten.
Nicht einmal die Kanzlerin nennt sich Bundeskanzler.
Sollte diese Entscheidung einer Verlinkung von In.Put auf Ihrer Homepage entgegenstehen, bedauern wir das, nehmen es aber in Kauf.
Vielleicht können Sie ja diese interessante Streitfrage zum Gegenstand einer zukünftigen Recherche machen.
Freundliche Grüße,
Luise F. Pusch
Falls diese jungen Frauen und “Autoren” überhaupt Feministinnen sind (vielleicht eher Feministen?), sind sie jedenfalls keine heutigen, sondern von vorgestern. So wie sie argumentierten wir nicht einmal in präfeministischen Zeiten. 18 Autorinnen waren schon in den 50er und 60er Jahren 18 Autorinnen. Kam ein Autor hinzu - ja dann waren es plötzlich 19 Autoren. Bis Kate Millett auf den Plan trat und all die anderen.
Aber vielleicht sind sie auch morgige Feministinnen und benutzen schon das Schema “das Autor, die Autor, der Autor” (mein Vorschlag für eine sonnige Sprachzukunft aus dem Jahr 1980). Frauen sind zu allem fähig.
12.09.2009
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Vierzigste Lektion.
Eine Leserin meines Blogs schrieb mir am 1. September:
Liebe Luise F. Pusch,
als begeisterte Anhängerin Ihrer Feminare und des Frauenfußballs musste ich leider ein wahres MeistERwerk entdecken. Der offizielle Slogan der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2011 lautet: 20ELF VON SEINER SCHÖNSTEN SEITE!
Mir verschlägt es dabei leider die Sprache…
Konnte ich nur zu gut verstehen! Nach dem strahlenden Sieg der deutschen Fußballfrauen über die Engländerinnen in Helsinki äußerte auch Mister Tagesthemen Tom Buhrow Missfallen über den Slogan, allerdings nur leichtes - er fand ihn “nichtssagend”. Warum nicht stattdessen “Die Welt zu Gast bei Freundinnen”, meinte er und lächelte ich weiß nicht wie. Recht hat er, warum nicht?
Eine andere Leserin schickte mir mit dem lakonischen Vermerk “Buntes Kuddelmuddel in der Sprache” folgenden Text von Spiegel-online:
Frauenfußball-EM
Deutschland feiert Titelgewinn gegen England
Sechs Treffer bringen Titel Nummer sieben: Deutschlands Fußballfrauen sind Europameister. In einem großartigen Endspiel demontierten sie die Auswahl Englands. Doppeltorschützen waren Spielführerin Birgit Prinz und Stürmerin Inka Grings, die auch noch Torschützenkönigin des Turniers wurde.
Ja, die Sprache und die Sprachbeherrschung (auch so ein hässliches Wort) der Journalisten entwickeln sich offensichtlich nicht so rasant wie der Frauenfußball - (haben wir übrigens im Jahre 2006, als “Die Welt zu Gast bei Freunden” war, jemals das Wort Männerfußball gehört?) Aber Frauen nehmen die Verrenkungen inzwischen nicht mehr kommentarlos hin. Big Sister is watching you, Brother!
Über die Probleme, die die deutschen Fußballerinen (von Ballerina) wie auch die Kanzlerin und viele andere Frauen in ungewohnten Funktionen für unsere deutsche Männersprache aufwerfen, habe ich vor ziemlich genau zwei Jahren in der siebten Lektion des Feminars, “Wir sind Weltmeista” schon lang und breit geredet; große Fortschritte sind seither nicht zu vermelden.
Doch zurück zu dem offiziellen Slogan “20Elf von seiner schönsten Seite”. Das sperrige Maskulinum seiner ist gar kein Maskulinum, sondern ein Neutrum; es stammt von dem im Spruch weggelassenen “Das Jahr”:
Das Jahr 20Elf von seiner schönsten Seite.
Aber die Schreibweise 20Elf ist ja auch recht eigenwillig und soll auf die Elf, unsere Frauen-National-Elf verweisen. Noch nachdrücklicher hätte die FIFA auf sie verwiesen mit “20Elf von ihrer schönsten Seite”.
Also, liebe Sprach- und Fußballfreundinnen: Nutzen Sie die Gunst der Stunde, schreiben Sie an die FIFA, Sie hätten wesentliche Verbesserungsvorschläge zu machen, die FIFA könne sich mit Ihrer Hilfe von ihrer schönsten Seite zeigen.
08.09.2009
Am Samstag gerade frisch aus Boston zurück, ging ich zu Aldi, um meinen Kühlschrank wieder aufzufüllen. Ich kaufte, nachdem ich mir im Sommer wieder zu viele Gin & Tonics und Kartoffelchips gegönnt habe, allerlei Gesundes, Äpfel, Zwiebeln, Kartoffeln, Tomaten, Gurken und Zucchini.
Zum Schluss kam ich am Wühltisch mit Schwerverkäuflichem vorbei und blieb an einem kleinen würfelförmigen Pappkarton hängen. Er war schon ziemlich zerknautscht und abgegriffen, ein rosa Kleidungsstück hing heraus. Es handelte sich um eine “romantische Korsage”, erfuhr ich durch den Karton-Aufdruck. Neugierig geworden, las ich weiter:
Verspielte Korsage im trendigen Romantik-Look. 3-fach verstellbarer Haken-Ösen-Verschluß im Rückenteil.
Irgendwo habe ich neulich gelesen, dass die Leute die angeblichen Eigenschaften einer Sache, die ihnen suggeriert werden, auch zuverlässig an der Sache entdecken.
Einen “seidigen Schokoladenpudding” oder ein “saftiges Steak” fanden die Testpersonen eindeutig seidiger bzw. saftiger und wohlschmeckender als einen bloßen “Schokoladenpudding” oder ein schlichtes “Steak”, obwohl die Speisen identisch waren. Also passen Sie gut auf sich auf! Sonst kommen Sie am Ende demnächst von Aldi mit einer blöden Korsage nach Hause, nur weil Ihnen verspielt oder romantisch zumute war. Wirkliche Probleme könnten Sie kriegen, wenn Sie Ihre Liebste oder Ihren Liebsten bitten, verspielt an den Haken und Ösen herumzunesteln und Ihnen romantisch aus der Schnürbrust herauszuhelfen. Die werden sich ja kaum wieder einkriegen können.
Nachdem nun der Pornoschick schon bei Aldi angekommen ist und auch uns biedere Hausfrauen erfassen soll, ist es Zeit, sich über Sinn und Zweck solcher Damenoberbekleidung mal wieder Gedanken zu machen.
Mit Haken und Ösen im Rückenteil wurden ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Taillen der Damen der guten Gesellschaft eingeschnürt, ähnlich wie zur gleichen Zeit die Füße der Chinesinnen aus gutem Hause eingebunden wurden. Die Füße verfaulten dabei, die Frauen konnten nur noch mühsam humpeln. Und die westlichen Frauen mit den Wespentaillen konnten nicht mehr richtig atmen, wurden bleichsüchtig und fielen reihenweise in Ohnmacht. Ihre Organe verschoben sich und wurden widernatürlich nach oben oder nach unten gepresst. Manche starben, weil sich die eingeschnürten Rippen in ihre Lungen bohrten.
Die Frauenbewegung machte Schluss mit dem mörderischen Schnür-Unsinn und befreite in einem jahrzehntelangen Kampf die Frauen aus ihren Korsetten und Korsagen. Dafür handelte sie sich den Ruf ein, sie sei “lustfeindlich” und modemuffelig, um noch die freundlicheren Bezeichnungen zu wählen.
In einer Welt, die uns Wörter wie “Lustmord” beschert, ist “lustfeindlich” wohl ein Synonym für gesunden Frauenverstand.
Seit Madonnas SM-inspirierten öffentlichen Auftritten im BH und Korsett ist es Mode geworden, die Unterwäsche außen zu tragen. Die Grenzen zwischen Mode, Pornographie und Prostitution verwischen sich (mehr dazu bei Sheila Jeffreys, Beauty and Misogyny). Das geht bis hin zu Aldi, wer hätte das gedacht.
Aber die Frauen haben offenbar ihren gesunden Frauenverstand noch gut beisammen und machen nicht mit. Als ich heute, drei Tage später, wieder bei Aldi war, lag das Teil (ein Ladenhüter vom Juli) noch immer unverkäuflich da, zusammen mit fünf weiteren unverkäuflichen “romantischen Korsagen”.
29.08.2009
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Neununddreißigste Lektion
(Für alle, die sich über das Wort Meistawerk wundern, empfiehlt sich eine Wiederholung der dritten Lektion des Feminars, A und O).
Vor einer Woche haben wir uns Nora Ephrons “überaus köstlichen” Film “Julie and Julia” angesehen, mit Meryl Streep und Amy Adams. Am 3. September läuft er in Deutschland an - richtig was zum Fräuen in diesen finsteren Zeiten. Ein Film über Kochkunst von einer Frau, die mehr von Frauen versteht, als ihr vielleicht lieb ist, vgl. Ephrons meistahaftes Drehbuch zu Sodbrennen (Heartburn)), mit zwei wunderbaren Hauptdarstellerinnen. Dem Film liegen zwei Bestsellerinnen von Frauen zugrunde: Der Bericht Julie Powells über ihre leidenschaftliche, hingebungsvolle Kochbeziehung zu dem kulinarischen Urgestein Julia Child (1912-2004) und der Bericht Julia Childs über ihre Zeit in Frankreich, My Life in France.
Julia Child hat 1961 den USA die Bibel der französischen Kochkunst beschert, nach 8 Jahren lustvoller Schwerstarbeit in der Pariser Kochakademie Cordon Bleu und in ihrer Küche. Die Bibel heißt Mastering the Art of French Cooking (hier können Sie das Werk zwar nicht kaufen, aber wenigstens einen Blick hineinwerfen), als Co-Autorinnen sind Louisette Bertholle und Simone Beck aufgeführt (aber wie uns der Film belehrt, hatte Louisette eigentlich nicht viel damit zu tun, sie war meistens faul…)
Auf Deutsch gibt es die Bibel noch immer nicht, aber das wird sich hoffentlich ändern, wenn die Deutschen den Film gesehen haben und ein sehnsüchtiges Geschrei anstimmen. Julie Powells Hommage an Julia Child gibt es bereits (Link s.o.) - nach dem Film und ihrem sympathischen Blog zu urteilen, bestimmt sehr vergnüglich zu lesen. Und auch noch lehrreich!
Was habe ich da eben geschrieben? Eine Hommage? Das ist natürlich keine Hommage, sondern eine Femmage, denn:
Im Mittelalter verstand man unter „Hommage“ eine feierliche Zeremonie, … eine symbolische Bestätigung des Vasallenvertrages, der zwischen zwei freien Männern geschlossen worden war. Dabei versicherte der Vasall dem Lehnsherren, dessen „Mann“ (franz. homme) zu sein. (Wikipedia)
Wir haben uns die Femmage an Julia Child zu drei Frauen reingezogen, das Kino war bis auf den letzten Platz besetzt, das Publikum war quietschvergnügt, die paar Männer eingeschlossen.
Hommage, also wirklich! Wieder mal müssen wir unsere Wörter selber machen, und das hört hier bei Hommage > Femmage nicht auf. Denn das Kochbuch selber, neben der wunderbaren Julia Child der zweite Gegenstand der Femmage, trägt wie gesagt den unschönen Titel Mastering the Art of French Cooking.
Drei Frauen als Autorinnen, und Julias Muttersprache hat dafür nur “Mastering” anzubieten?
Schändlich, aber das müssen wir nicht tatenlos hinnehmen. Sheila Jeffreys, von der ich grade zwei meistahafte Bücher gleichzeitig lese, zeigt uns, wie es geht:
Women spend a great deal of time and money learning and practising to be beautiful. Especially if they feel they have mistressed this well, it may be difficult to accept that it was all for naught and the skills have no value. (Sheila Jeffreys. 2005. Beauty and Misogyny: Harmful Cultural Practices in the West, S. 174).
Also: Die nächste Auflage von Julias Meistawerk sollte heißen: Mistressing the Art of French Cooking.
Und auf Deutsch? Ich schlage vor: Französische Kochkunst - Eine Femmage. Bon Appétit!
22.08.2009
aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Achtunddreißigste Lektion.
Eine Freundin schrieb mir, ob ich nicht Lust hätte, im Oktober zur Verleihung des 1. Feministischen Pornofilmpreises nach Berlin zu fahren. Hinzugefügt war ein Link zu “www.poryes.de”. Über die Initiatorin von poryes (wie PorNo) teilte sie mit: “Laura Mérrit, kenne ich, ist ganz toll.”
Um die feministische Pornodebatte war es ja nach den 80er bis 90er Jahren wieder still geworden, wohl nicht zuletzt, weil eine der Hauptakteurinnen, Pat Califia, inzwischen ein Mann ist, sie heißt jetzt Patrick Califia.
Nun soll die alte Debatte also wiederbelebt werden. Brauchen wir feministische Pornos? Laura Mérrit wie Pat(rick) Califia verstehen darunter Pornos über einvernehmlichen Sex, in dem weibliche Lust im Mittelpunkt steht, Frauen als Produzentinnen und bei der Vermarktung kräftig beteiligt sind, statt des öden und stressigen Stoßverkehrs Sexualpraktiken aller Art gezeigt werden und Frauen aller Art auftreten, junge bis alte, schwarze bis weiße, dünne bis dicke, undsoweiter.
Klingt gut, aber brauchen tu ich sowas nicht. Vielleicht liegt das an meinem reifen Alter und reichlichen sexuellen Erfahrungen. Als ich noch jung und unerfahren war, fand ich pornografische Literatur manchmal anregend, aber schon bald fand ich meine eigene Phantasie interessanter und anregender als Fremdvorlagen.
Pornografie also für phantasiebehinderte und unerfahrene Menschen? Warum nicht? Allerdings besteht natürlich die Gefahr, dass die Vorstellungskraft durch Pornokonsum, auch feministischen, eingeschränkt wird und allmählich verkümmert. Dass also, ähnlich wie bei den Diäten, das angebliche Hilfsmittel den unerwünschten Zustand, den es zu bekämpfen vorgibt, erst herbeiführt oder verschlimmert. Und dass genau dadurch ein Teufelskreis entsteht, der für die Porno- oder Diätindustrie äußerst lukrativ ist, denn immer stärkere Mittel müssen her. Noch etwas: Mir würde jegliche Lust vergehen, wenn ich beim Sex gefilmt würde, und dementsprechend ist mir aus Empathie mit den DarstellerInnen auch das Zuschauen unangenehm bis widerlich.
Kurz und gut, ich bin eine bekennende Prüde. Vielleicht sollte ich auch eine Webseite - “www.prue.de” - für Gleichgesinnte einrichten, denen das aufdringliche sexuelle Überangebot unserer Kultur die empfindlichen Lustinstrumente verstimmt.
Übrigens hat das Wort prüde ganz zu Unrecht einen schlechten Ruf; es ist - wie Feministin oder emanzipierte Frau (“Emanze”) - das Opfer einer der vielen männlichen Verleumdungskampagnen gegen aufmüpfige Frauen und gehört endlich rehabilitiert und wiederbeansprucht (“reclaimed”). Das Grimmsche Wörterbuch gibt an, prüde komme aus dem Französischen und bedeute “übertrieben sittsam, spröde, geziert”. Substantiviert sei es in Gebrauch als die Prüde, als Beleg bekommen wir “Madame ist eine alberne Prüde” von Kotzebue. D e r Prüde fehlt - prüde Männer gibt es offenbar nicht.
Und das hat auch seinen guten Grund, wie weiteres Nachforschen ans Licht bringt. Im Duden Herkunftswörterbuch heißt es:
Das Adjektiv wurde im 18. Jh. aus gleichbed. frz. prude entlehnt, das seinerseits zu frz. preux (afrz. prod) ‘tüchtig, tapfer’ gehört und sich vermutlich aus einer Fügung *prudefemme (afrz. prode femme) ‘ehrbare Frau’ herausgelöst hat (beachte entsprechend frz. prud’- homme ‘Ehrenmann’.
Auch das englische proud “stolz” leitet sich aus jenem frz. prud ab, somit auch pride, wie in gay pride.
Wir haben uns ja schon immer gewundert, wo die Ehrenfrau, das fehlende Pendant zu Ehrenmann, abgeblieben ist. Endlich ist sie wiedergefunden - es ist jenes als “prüde” beschimpfte Ärgernis für den Lustmolch: die Prüde, vielleicht gar eine Prüde mit gay pride?
12.08.2009
“Alles muss raus” - so titelt Vera Lengsfeld ihren Blog über ihr aufregendes Wahlplakat, das derzeit die Gemüter bewegt und schon bei Ebay versteigert wird:

Was diese Meisterin des anzüglichen Sprachgebrauchs mit “alles muss raus” wohl wieder gemeint hat? Wir dürfen gespannt sein!
Als damals das Merkel-Foto mit dem großzügigen Dekolleté um die Welt ging, habe ich mich geärgert über diesen Überfall auf die Kanzlerin. Andererseits ist sie eine Profi und muss mit dergleichen rechnen. Also war es ihr wohl auch irgendwie recht, oder mindestens egal. Zu dem hämischen Gerede über das Foto hat sie klug geschwiegen.
Der Hinweis auf das Lengsfeld -Plakat wurde mir mit der Bemerkung zugeschickt: “Ein CDU-Plakat zum Oberweiten-Wahl-Wettkampf “.
Ich sah mir das Plakat an und musste lächeln. Zunächst ging ich davon aus, dass die Aktion mit Einverständnis der Kanzlerin geschehen sei und dachte: “Schlau von ihr, nach der gemeinen Kritik jetzt fröhlich noch eins draufzugeben.” Später las ich, dass es “eine Überraschung” für sie sein solle.
Wie dem auch sei - ich freue mich, dass die CDU auch mal was für Lesben und Frauen jenseits der 50 tut. Lengsfeld ist 57, die Kanzlerin 55 - die meisten Männer interessieren sich nicht für Dekolletés dieses Alters, Lesben hingegen schon. Denn mit zunehmenden Alter wird die Haut immer weicher und anschmiegsamer. Sportlich gestählt oder operativ gestrafft hingegen - wie hart und reizlos! Deshalb feiern wir auch regelmäßig den Lesbischen Herbst mit großem Getöse.
Für Männer gehört die Frau ab 30 zum alten Eisen, spätestens ab 40 wird sie gewechselt, Stichwort Abwrackprämie. Frauen finden einander hingegen von Jahr zu Jahr aufregender, nach dem beliebten Motto: Die ersten 50 Jahre waren nur die Aufwärmphase. Für den nächsten Lesbischen Herbst sollten wir unbedingt Merkel & Lengsfeld einladen. Denn auch wir haben viel zu bieten.
Ein schöneres Paar als Angela Merkel & Vera Lengsfeld haben wir wohl seit Anne Wills und Miriam Meckels denkwürdigem Coming Out nicht mehr gesehen. Dieses neckische Einvernehmen! Ich weiß, es ist nur eine Fotomontage, und dennoch: wie anheimelnd und aussagestark. Männer können da kaum mithalten. Sie versuchen es zwar seit Angelas Auftritt in Oslo, aber sehen Sie sich das doch an:

Obama und Putin oben ohne, darauf verzichten wir gerne, und obendrein: Was hat das noch mit Politik zu tun?!
Hingegen diese nahrhafte Anmutung - dem in der Krise darbenden Volk die mütterliche Brust zu bieten, das hat was.
08.08.2009
Rabatte für umweltfreundliches Konsumverhalten sind in. In Deutschland belebte die sogenannte Abwrackprämie das Geschäft, Monate später holen die USA nach mit “Cash for Clunkers” (natürlich viel flotter benannt als unsere Aktion, die niemand aussprechen kann).
Das Bordell “Maison d’Envie” (dt. Haus der Lust bzw. des Neids) in Berlin ist auch nicht von gestern und bietet seinen Kunden einen Ökorabatt. Er “gilt in Verbindung mit einem gültigen Fahrausweis/Umweltkarte (bitte vorzeigen) der öffentlichen Berliner Verkehrsmittel sowie für Gäste die uns mit dem Fahrrad besuchen.” 30 Minuten “Service” kosten bspw. 50 EUR, für den Öko-Freier hingegen nur 45 EUR. Prozentual noch günstiger kommt der Öko-Schnellficker weg, er spart bei 15 Minuten Service nicht nur ein Zehntel, sondern gleich ein Sechstel: 25 statt 30 EUR für “1 x Verkehr ohne Extras oder Handentspannung”.
Das mag uns alles sehr fragwürdig vorkommen, aber das Bordell will halt sein Image aufbessern und uns weismachen: “Wir sind keine x-beliebige Schmuddelbude, sondern eine Einrichtung, die sich aktiv für den Umweltschutz einsetzt.”
Über die seltsamen Prioritäten grüner Männer sagte Alice Schwarzer schon vor Jahrzehnten: “Was nützt uns ein ökologisch gesunder Wald, wenn wir darin vergewaltigt werden?”
Dass das Bordell durch die unanständige Verkoppelung eines “ehrenwerten Anliegens” mit der Ausbeutung armer Frauen mindestens die Hälfte der ökobewussten Menschen, die Frauen, verprellt, kann ihnen ja egal sein - Frauen gehören nicht zu ihrer Kundschaft.
Unerträglich aber wird es, wenn sich “ehrenwerte” Organisationen “dranhängen”. Die Tierschutzorganisation PETA fand die Idee so originell, dass sie dem Bordell nahelegte, auch Vegetariern einen Bonus einzuräumen. Sinngemäß: “Vegetarier zeigen ihr Herz für Tiere und schonen die Umwelt noch mehr als Radfahrer. Sie verdienen erst recht eine Belohnung.” Dass die Belohnung darin besteht, mehr arme Frauen benutzen und beschmutzen zu können - kein Thema!
Zu dieser Nachricht gab es viele Online-Kommentare. Die meisten gingen gegen den Vegetarismus, andere fanden es blöd, einen Bonus zu fordern für etwas, was sich sowieso nicht nachprüfen lasse. Nur eine Stimme entrüstete sich darüber, dass PETA die Tiere offenbar schützenswerter findet als die Frauen.
Auch Hitler war Vegetarier und Hundefreund.
Diese Männer mit ihren guten Taten. Sie erinnern an die Vergewaltigungsexzesse unserer “BeFreier” (Helke Sander) nach dem zweiten Weltkrieg und an die UN-“Friedens"soldaten im ehemaligen Jugoslawien, die den Frauenhandel dort gewaltig belebt haben.
Zum Trost eine Geschichte von einem Rabatt der anderen Art: Unsere italienischen Freundinnen besuchten uns in Boston und machten per Schiff einen Ausflug nach Provincetown auf Cape Cod, einer der drei Hochburgen der US-amerikanischen Lesben- und Schwulenbewegung. In einem winzigen Geschäft kauften sie bei einer alten Frau eine Kate-Clinton-DVD. Im Hinausgehen merkten sie, dass sie nicht den angegebenen Preis bezahlt hatten, sondern 3 Dollar weniger. Sie gingen zurück und wollten den Rest noch bezahlen. “No no”, sagte die Frau, “that’s the rebate for lesbians.”
(Dank an Anne Beck für die Hinweise auf die Bordellrabatte für Umwelt- und Tierschützer. Auf deren Seiten mag ich hier keine Links legen.)
01.08.2009
aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Siebenunddreißigste Lektion.
Männer singen “aus voller Brust”, “werfen sich in die Brust”, und reden “im Brustton der Überzeugung”, auch “brüsten” sie sich weit öfter als Frauen irgendwelcher Fähigkeiten. Trotz all der Brusttöne ist die männliche Brust aber derart unterentwickelt, dass die Männer uns nicht nur das Gebären, sondern auch noch das Stillen überlassen müssen.
Wozu haben Männer überhaupt Brustwarzen, wenn sie nicht einmal ihr Kind mit gesunder Vatermilch stillen können?
Vor vier Jahren stellte ich diese schlichte Frage der Redaktion des 3sat-Wissenschaftsmagazins nano. Bis heute kam keine Antwort. Entweder fanden sie die Frage abartig bzw. unwichtig, oder sie wissen es auch nicht.
Wenn es schon die “männliche Brust” gibt, hätten wir auch Verwendung für eine “männliche Scham”, komplett mit Schamstengel und Schambeutel. Es ist nicht einzusehen, dass bei den Männern das Schämen schon beim Schamhaar aufhören und nur wir Frauen uns schämen sollen.
Die merkwürdige Bezeichnung “Brustwarzen” kann sich nur auf die männlichen Kümmer-Exemplare der Gattung beziehen. Wir Frauen verdienen einen schöneren Namen für unsere Prachtstücke.
Die kleine Umfrage von neulich brachte nur spärliche Ergebnisse: Ellie und ihre Partnerin sagen “Brustbeeren”, andere wie gesagt “Brustknospen”. Auch “Tüttelchen” und “Tüpfel(chen)” habe ich gehört (wie in i-Tüpfel(chen)). Hm, ich weiß nicht. Besser als “Brustwarzen” aber natürlich allemal!
Aber irgendwie gefällt mir auch das Wort “Brust” nicht so recht, auch nicht im Plural, ganz im Gegensatz zu den zwei Hübschen selber. Neulich redeten wir zu vier Freundinnen über weibliche Sexualität; ich erzählte von Shere Hites Report on Women loving Women (2007), in dem sie argumentiert, dass weibliche Sexualität und Körperlichkeit ein angst- und schambesetztes Tabu zwischen Müttern und Töchtern sei, was letztlich jegliche Solidarität zwischen Frauen untergrabe. Wahrscheinlich gefällt mir das Wort “Brust” nicht, weil meine Mutter mich verprügelte, als ich ihr mit fünf Jahren stolz eine rudimentäre Zeichnung einer “weiblichen Brust” zeigte, zwei Halbkreise mit je einem Tüttelchen drin. Ich hatte diese Kunst wohl gerade im Kindergarten gelernt. Ein für alle Mal wollte sie mir solche Unsittlichkeit austreiben!
Joey, wie immer skeptisch, glaubte nicht an Shere Hites These und erzählte folgendes Erlebnis mit ihrer Mutter. Das kleine Schwesterchen war eben angekommen, und Joey sah ihrer Mutter beim Stillen zu. Auf die Frage, woran das Schwesterchen denn da nuckele, sagte die Mutter zärtlich und stolz: “Those are my pretties.”
Die beiden unterschiedlichen Geschichten gaben uns viel zu denken, und die “pretties” / Hübschen haben wir natürlich sogleich begeistert unserem Wortschatz einverleibt. Frau beachte das hübsche Wort “einverleibt” - es bezeichnet auch eine weibliche Tätigkeit, die Männer gern zu “Penetration” verfremden. Ja es bleibt viel auszubessern.
26.07.2009
aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Sechsunddreißigste Lektion.
Wir wissen schon lange, dass es nicht leicht ist, über Frauen zu schreiben, uns fehlen einfach die Worte.
Vieles haben wir bereits zurechtgerückt; wir haben die Ratsfrau, die Amtfrau und die PhysikerInnen; statt Wenn man sein Kind stillt sagen wir heute Wenn frau ihr Kind stillt, und das Pronomen frau steht sogar seit 2006 im Duden (30 Jahre hat’s gebraucht!).
Über die passenden Pendants zu Bauherr (Baufrau?) und Schirmherr (Schirmfrau?) wird noch diskutiert.
Kaum diskutiert wird der Mangel an “weiblichen Formen” in der deutschen Sprache, obwohl doch die weiblichen Formen angeblich so beliebt sind.
Nehmen wir die Überschriften in Partnerschaftsanzeigen: Er sucht sie, Sie sucht ihn, Sie sucht sie, Er sucht ihn. Nur wenn eine Frau eine Frau sucht, bleiben die Formen sich gleich (wie in diesem Satz, den Sie grade lesen). Nicht so, wenn ein Mann einen Mann sucht. Sie sucht sie heißt es, aber nicht Er sucht er.
Wird ein Femininum dekliniert, kommen wir auf ganze zwei Formen:
Die Frau, der Frau, der Frau, die Frau
Der Mann bekommt hingegen vier Formen, damit ist er für alle Ausdrucksprobleme gerüstet:
Der Mann, des Mannes, dem Manne, den Mann.
Nun werden manche gutmütigen Frauen wieder ausrufen: “Na und? Was soll daran schon schlimm sein?”
Schlimm wird der Mangel an Formen genau dann, wenn ich darüber reden möchte, wie Frauen miteinander umgehen, was sie miteinander alles unternehmen. Aber dieses schöne Thema ist nicht erwünscht; jedenfalls kommt es in der hohen und niedrigen Literatur offenbar so selten vor, dass es sich in Wörterbüchern, die ihre Belege aus dieser Literatur entnehmen, nicht niedergeschlagen hat:
Als ich 1983 das Duden-Bedeutungswörterbuch analysierte*, kam ich zu dem betrüblichen Schluss, dass die Grundregel dieses Werks lautet: Frauen kümmern sich um den Mann und die Kinder - mit Frauen haben sie nichts zu tun. Männer dagegen hatten in dem Werk wenig mit Frauen zu tun, hauptsächlich gingen sie mit Männern um, im Guten (er lieh ihm sein Fahrrad) wie im Bösen (er haute ihm ein Ohr ab). “Sie zeigte ihm Ansichtskarten von Berlin” lese ich da als Beispiel für den korrekten Gebrauch von Ansichtskarte. “Sie zeigte ihr Ansichtskarten” - sowas kommt auf 80 Seiten (Umfang des Buchstabens A) nicht vor. Überhaupt kommen niemals zwei Frauen in einem Satz vor, bis auf dieses Beispiel: Sie fuhr anstelle ihrer Schwester mit (Beispielsatz für das Wort anstelle). Die armen Schwestern kommen in dem Satz zwar gemeinsam vor, unternehmen aber wieder nichts zusammen!
Seit den siebziger Jahren aber gibt es sie, die Literatur von Frauen über Frauen, und der Mann ist immer noch eine beliebte, aber nicht wie ehedem notwendige Zutat.
Frauen, die über Frauen schreiben, stellen fest, dass die fehlenden weiblichen Formen das Schreiben erheblich behindern können. Joey Horsley und ich geben gerade Band 2 unserer (geplanten) Tri- oder Tetralogie Berühmte Frauenpaare heraus. Selten stößt frau auf so viele Sätze mit dem hässlichen diese wie bei dieser Thematik, nur damit die Beziehungen nicht im Kuddelmuddel enden.
Hatte Irma nach der Silvesterfeier noch Zweifel daran, ob ihre Gefühle für Gabi nicht einseitig wären, war sie sich jetzt deren Gefühle sicher. Diese stand zu ihrer Liebe und schien keine Probleme damit zu haben.
Sprachlich viel einfacher sind da Heterobeziehungen:
Hatte Jan nach der Silvesterfeier noch Zweifel daran, ob seine Gefühle für Gabi nicht einseitig wären, war er sich jetzt ihrer Gefühle sicher. Sie stand zu ihrer Liebe und schien keine Probleme damit zu haben.
Oder nehmen wir diese Idee:
Niemand kannte ihn so gut wie sie.
Niemand kannte er so gut wie sie.
Niemand kannte er so gut wie ihn.
Niemand kannte ihn so gut wie er.
Niemand kannte sie so gut wie ihn.
Niemand kannte sie so gut wie sie.
Nur beim letzten Beispiel bleibt es völlig im Dunkeln, welche der beiden “sie” die andere so gut kennt.
Ich könnte Bände erzählen über diese Problematik, die sich erst dann im vollen Maße auftut, wenn wir über Frauen schreiben wollen. Die deutsche Sprache stellt uns dafür zu wenig “weibliche Formen” bereit.
Matthias Behlert, der kühne Pionier für eine gerechte Sprache, hat das Problem meines Wissens als erster erkannt und auch gleich zu lösen versucht**:
Er meint, dass alle deutschen Substantive wie folgt dekliniert werden sollten:
Die Frau, der Frau, dem Frau, den Frau
Die Mann, der Mann, dem Mann, den Mann
Die Kind, der Kind, dem Kind, den Kind.
Tja. Durchschlagend, aber gewöhnungsbedürftig, ich gebe es zu.
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* Pusch, Luise F. 1984 [1983]. “‘Sie sah zu ihm auf wie zu einem Gott’. Das DUDEN-Bedeutungswörterbuch als Trivialroman”, in: Pusch, Luise F. 1984. Das Deutsche als Männersprache: Aufsätze und Glossen zur feministischen Linguistik. Frankfurt/M. edition suhrkamp 1217. S. 135-144.
** Behlert, Matthias. 1998. Die Häsis und die Igelin: 15 Grimmsche Märchen, überarbeitet und in entpatrifiziertes (gerechtes) Deutsch übertragen. Mit einer Erläuterung. Unveröff. Ms., Hier online als Pdf-Datei. style=“padding:5px;” width=“150” height=“244” />
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