Biographien ALL Arbeitskreis lesbischer Lehrerinnen
Biografie • Literatur & Quellen
Biografie
ALL Arbeitskreis lesbischer Lehrerinnen
Der Arbeitskreis lesbischer Lehrerinnen ist eine autonome, nach wie vor kämpferische Gruppe von sieben Frauen, die sich seit 40 Jahren regelmäßig trifft.
Warum wir uns zusammengefunden haben? Aus dem unerträglichen Gefühl heraus, nur halb vorzukommen in einer einlinig ausgerichteten Gesellschaft. Als Lehrerin/Lehrer ist man auch öffentliche Person und als solche ständig unter dem (ab-)wertenden Blick der anderen.
Die 1970er Jahre waren zwar eine Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche, aber lesbisch oder gar lesbische Lehrerin zu sein, war im allgemeinen (Un-)Bewusstsein immer noch ein Makel, bestenfalls „ach ja, interessant“, oder man gehörte in die Schmuddelecke irgendwelcher Phantasien. Wir aber wollten unverdruckst und frei unserer Arbeit und unseren Lebensentwürfen nachgehen. Die einzelnen Schritte auf dem Weg der Bewusstwerdung und des Heraustretens aus der als beklemmend, ja als skandalös und unwürdig empfundenen geistigen und sozialen Enge waren manchmal mühselig, auch angstbesetzt, auf jeden Fall arbeitsintensiv, erfüllten uns gleichzeitig oft mit Freude am Erkennen, Gestalten und an der eigenen Kraft.
Hat sich der Kampf gelohnt? Wir denken: ja. Hat sich etwas geändert? Oh ja!
Wir wollen uns gemeinsam erinnern, den Schatz des Erkämpften bewahren und dabei die Ängste und Mühen des Weges nicht vergessen. Und nicht zuletzt unsere vergangenen und kommenden Mitstreiterinnen und, last not least, uns selbst feiern.
1978 bei der „ Dritten Sommeruniversität von und für Frauen“ in Berlin wurde zum Thema „Sexismus in der Schule“ eine Untergruppe angeboten: Lesbische Lehrerinnen. Insgesamt kamen 25 Frauen zusammen, auch aus Westdeutschland, darunter sieben lesbische Lehrerinnen aus Berliner Schulen: Grundschule, Gymnasium, Zweiter Bildungsweg-Institution und Schulpsychologischer Dienst. Die Diskussion kreiste lange um die Ängste, die uns zusammengeführt hatten. Wir haben die Erfahrung gemacht , dass das Schulsystem auf uns Lesben zerstörerisch wirkt, deshalb wollten wir Handlunsstrategien entwickeln, um auf der Basis einer fundierten Theorie als lesbische Lehrerinnen tätig zu sein, denn wir müssen uns in heterosexuell bestimmten Strukturen durchsetzen und wollen unsere Identität nicht mehr verstecken. Wir haben begriffen, dass unsere Angst größer ist als die reale Bedrohung“. (GEW Zeitung 1980)
Es blieb jedoch das Versteckspiel zu verkraften und die absolute Trennung zwischen einem öffentlichen und einem privaten Dasein. Denn bis dahin gab es keinerlei Erfahrungen über ein Coming Out im Schulbereich.
Unsere eigene gesellschaftliche Situation war bestimmt durch den allgegenwärtigen Sexismus. Es war die Zeit des Aufbegehrens gegen die geächteten Abtreibungen und die rigiden Rollenzuweisungen von Frauen ins Haus, zu Heirat, zu Mutterschaft und zur ehrenamtlichen Helferin, all überall.
Lesbische Lehrerinnen wurden unter Homosexuelle subsumiert. Und auch sprachlich tabuisiert. Wir selbst waren unsicher, ob wir Lesbierin, Lesbe, lesbische Frau, Frauen liebende Frau als Bezeichnung wählen sollten. Im übrigen war Anpassung angesagt, und zu unseren Vergnügungen konnten wir ausweichen in den „Sub“. Keine von uns wusste, ob wir von Berufsverbot bedroht waren, wenn wir uns offen als Frauen, die Frauen lieben, in unseren Schulen offenbarten. Einige von uns hatten ihren Kampfesmut schon geschult im Frauenzentrum, in linken Zusammenhängen, verschiedenen Gruppen, die die gesellschaftliche Teilhabe als grundgesetz-garantiert für Frauen durchzusetzen versuchten.
1979
Unser erster Schritt als ALL in die Öffentlichkeit war eine Einladung an Berliner Lehrerinnen. Zum Treff mit mit Sketch und Buttons kamen 60 Besucherinnen. Es bildeten sich weitere Gruppen (zum Beispiel Referendarinnen). Mit dem Erscheinen in der Öffentlichkeit schmolz die Angst, verschwand die Vereinzelung, wuchs die Freude an der Aktion.
Im Mai 1979 hatten wir unser erstes öffentliches Auftreten auf der Zweiten Frauenkonferenz der traditionellen Frauenverbände und autonomen Frauengruppen. Die Forderungen unserer Gruppe wurden von den teilnehmenden Frauen angenommen und unterstützt.
1980
Wir gehen an die Öffentlichkeit: Teilnahme an Demonstrationen, Aktionen.
Als lesbische Lehrerinnen stellten wir uns der Frage: Die Jugendlichen von von heute sind die Erwachsenen von morgen - sollten sie dann genauso denken wie unsere Mütter und Väter, wie ihre Mütter und Väter?

Der zweite Schritt als ALL in die Öffentlichkeit , unser Gruppen-Coming Out, brachte den Durchbruch und machte uns in der Berliner Öffentlichkeit sichtbar.
Am 1. März 1980 veröffentlichten wir in der Berliner Lehrerzeitung der GEW eine sechsseitige lila Beilage mit Selbsterfahrungsberichten und Bemerkungen zur Geschichte der Gruppe. Neben der Entstehungsgeschichte der Gruppe und Selbsterfahrungsberichten stellten wir auch folgenden Thesen auf:
- Lesbische lehrerinnen und erzieherinnen, die nicht offen als lesbische frauen auftreten, arbeiten aktiv für die aufrechterhaltung der vorstellung, es gäbe nur heterosexuelle frauen. Dass diese vorstellung bloß eine annahme ist, kann nicht erkannt werden, da unsere lebensweise nicht als alternative ins allgemeine bewusstsein gelangen kann.
- Die wenigen informationen, die in der schule über lesbische frauen und ihre lebensweise verbreitet werden – meist unter der hand -, tragen mehr zur vertiefung des detailwissens über sog. „abnormalitäten“ und zur aufrechterhaltung von vorurteilen bei, als dass sie unwissen abbauen und ein entspannteres verhältnis zu weiblicher homosexualität ermöglichten. So blieb das existierende zerrbild von uns und unseren lebensweisen erhalten.
- Lesbische lehrerinnen und erzieherinnen, die ihr lesbischsein nicht offen leben, verzichten darauf, heranwachsenden frauen eine potentielle identifizierungsmöglichkeit zu sein, ihnen „modell“-vorstellungen und alternativen darzustellen, über die sie zu sich selbst finden können. Sie zwingen die heranwachsenden frauen dazu, die selbst durchlittene orientierungslosigkeit zu wiederholen und erst als erwachsene frau zu ihrer identität finden zu können. Wer will sich schon mit den existierenden klischeevostellungen über lesbische frauen identifizieren? Also müssen wir ein gegenbild zu den „männerhasserinnen“ oder „mannweibern“ sichtbar machen.
- Wenn die heranwachsenden frauen wie selbstverständlich annehmen, alle frauen seien heterosexuell, wie sollten sie die vorstellung überwinden, unbedingt einen mann zu brauchen, da sie sonst nur unmenschen und nicht lebensfähig seien?
- Wenn lesbische lehrerinnen und erzieherinnen nicht als solche sichtbar sind, werden die heranwachsneden frauen ihre erotischen/sexuellen gefühle frauen gegenüber gar nicht erst ernst nehmen oder sie verdrängen. Heterosexuelle beziehungen sind ja die einzig „normalen“, und wer will schon „un.normal“ sein?

Wir unterzeichneten unseren Artikel nur mit Vornamen, mit der den damaligen Stand unseres öffentlichen Auftretens darstellenden Begründung als Kompromiss, der das Ergebnis eines Gruppenprozesses darstellte. Es war und ist uns wichtig, Ängste einzelner Frauen ernst zu nehmen, im Zweifelsfall ernster als den Mut einzelner.
Die Berliner Presse reagierte sofort.
03.03.1980 titelt die Bildzeitung: Elf lesbische Lehrerinnen fordern Offene Frauenliebe an unseren Schulen

04.03.1980 Dagegen schreibt die TAZ:

05.03.1980 Auch die Schulbehörde reagiert; viele Pressestimmen.

Im dritten Schritt weiteten wir unsere Tätigkeiten über den Schulbereich hinaus aus. Es galt, ins Bewusstsein zu rücken, dass Generationen vor uns ihre Homosexualität mehr oder weniger offen und lustvoll gelebt hatten, dass es eine Homosexuelle Kultur gab, bevor 1933 mit der nationalsozialistischen Unkultur das große Schweigen einsetzte, das ja bis in die späten Sechziger/frühen Siebzigerjahre andauerte.
Wir machten uns auf die Spurensuche. Ab 1982-1984 belebten arbeitsIntensive Vorbereitungsarbeiten den Arbeitskreis in vielen kreativen Sitzungen für die Recherche und Gestaltung der Ausstellung “Eldorado – Homosexuelle Frauen und Männer in Berlin 1850-1950 Geschichte, Alltag und Kultur”. Auf Anregung von Ilse Kokula erarbeitete der ALL zunächst zusammen mit der Gruppe der Schwulen Männer die Gesamtkonzeption der Ausstellungsteilbereiche - Männer/Frauen. Dann stürzten wir uns in die Frauen/Lesbengeschichte und erforschten Biografien, Dokumente, Kunstwerke, Spuren lesbischen Lebens und Wirkens, die von der Frauenforschung damals noch vernachlässigt oder unaufgespürt waren.
Zu den Pionierarbeiten gehörten: ein Lesecafe für Frauenzeitschriften der 1920er Jahre, zwei Audio-Interviews von Zeitzeuginnen sowie eine Diashow über die Hosenrolle in der Frauen/Lesbengeschichte. Eine dramatisierte Rede von Anna Rüling, Film-Pakate und Fotos sowie Bücher, Bilder und Zeitdokumente bildeten schließlich einen Rundgang durch lesbische Lebenszeugnisse von Sappho bis Gertrude Sandmann.
1984
26.05.-08.07.1984 wurde die ELDORADo Ausstellung, als erste grössere Ausstellung zur “Homosexualität” so viel besucht, dass sie verlängert wurde bis 29.07.
Katalog: “Eldorado – Homosexuelle Frauen und Männer in Berlin 1850-1950 Geschichte, Alltag und Kultur”, Fröhlich und Kaufmann, Berlin, 1984.
Für den Katalog haben neben Beiträgen zu „Lesbisch leben in der Weimarer Republik „ „Die Freundin“, „Der Skorpion“, „Die Garconne“ und “Karin Boye“ fünf ALL-Frauen Beiträge geschrieben, die diese Themen beleuchten:
- “Die Frauenbewegung und ihre Bedeutung für lesbische Frauen (1850 -1920)“
- „Homosexelle Frauen, Tribaden, Freundinnen,Urninden“
- „Theater,Theater“
- „Lesbische Liebe im Film“
- „Gertrude Sandmann“ und die Tonbandprotokolle zum Interview mit Kitty Kuse (zu der auch später ein Film entstand.)
Ab August 1984
Ab August 1984 trafen wir uns sporadisch als Selbsterfahrungs- und Diskussionsgruppe, in der wir uns über ein angstfreieres Arbeits- und Privatleben austauschten.
2018 – 2021
April 2018 nahm die Museumsgruppe des ALL eine neue Herausforderung an mit der Mitgestaltung der Ausstellung im Schwulen Museum “Radikal – Lesbisch – Feministisch” vom 06.07.-06.11.2018

Die gesellschaftlichen Entwicklungen führten die Gruppe zu einer neuen Initiative. Aus den originalen Bild-Video-Ton-Aufnahmen beim Abbau der 1984er Ausstellung ELDORADO und mit der aufwändigen Beschaffung der Bildrechte erarbeiteten wir einen 38-minütigen Dokumentarfilm :
“Eldorado Revisited - Geschichte, Alltag und Kultur homosexueller Frauen und Männer in Berlin 1850 bis 1950”. Erstaufführung Bundesplatzkino Berlin am 23.9.2021

Ab 2021
Regelmäßiges Treffen der Gruppe mit unterschiedlichen Themen, z.B. Interview mit Merlin Bootsmann für ihre Dissertation und die Dokumentation der Geschichte unserer Gruppe ALL.

Verfasserin: Tille Ganz, Rosi Kreische-Lutterbeck, Christiane von Lengerke, Mecki Pieper, Jutta Poppinga, Margret Schäfer
Literatur & Quellen
- Beilage der Berliner Lehrerzeitung (GEW), Nr.3, 1.3.1980, “Lesben in der Schule” S.22 - 28
- Videodokumentation “Eldorado revisited”, 1984 - 2021
- Videodokumentation über die Ausstellung “RADIKAL - LESBISCH - FEMINISTISCH” im Schwulen Museu, 2018 (Bezug der Video-Dokumentationen über Tille Ganz http://www.das-filmportrait.de)
- Katalog: “Eldorado - Homosexuelle Frauen und Männer in Berlin 1850 - 1950, Geschichte, Alltag und Kultur”, Fröhlich und Kaufmann, Berlin, 1984
- Merlin Bootsmann, Dissertation Juli 2024, “Bildungsgeschichten geschlechtlicher und sexueller Vielfalt” , FU Berlin, S.132f
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