(Rita Miljo, geb. Neumann)
geboren am 18. Februar 1931 in Heilsberg, Ostpreußen
gestorben am 27. Juli 2012 in Phalaborwa, Südafrika
deutsche Primatenforscherin, Tierrechtsaktivistin
Biografie • Zitate • Weblinks • Literatur & Quellen
Biografie
„Mama Imfene“ heißt sie in Afrika, was übersetzt „Mutter der Paviane“ bedeutet. Die New York Times nannte sie die „Mutter Teresa“ der Paviane: Rita Miljo, geborene Neumann, war die vierte bedeutende Primatenforscherin neben Dian Fossey (1932 – 1985), Jane Goodall (1934 - 2025) und Biruté Galdikas (1946 - 2026). Ihr Engagement galt den verfolgten, zum Abschuss freigegebenen Chacma-Pavianen Südafrikas, den verlassenen und/oder misshandelten Jungtieren, die sie aufzog und in Gruppen nach Jahren auswilderte – was die Wissenschaft bis dahin für undurchführbar gehalten hatte.
Sie gründete 1989 die bis heute bestehende Tierschutzorganisation C.A.R.E. – Centre for Animal Rehabilitation and Education -, die auf Pavianschutz spezialisiert ist, sich aber auch der Rettung und Erhaltung anderer Tierarten widmet.
Rita Miljo wurde in eine gutbürgerliche, mittelständische Familie im damaligen Ostpreußen hineingeboren. Von Kindheit an war es ihr Traum, Tierärztin zu werden, bestärkt vom Vater in ihrer beider „angeborenen Liebe zu Tieren“ (Rita Miljo, Zum Affen werden, S. 39; im Folgenden abgekürzt mit RM). Ihre Heimat, das kleine Dorf Heilsberg in der Nähe von Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, blieb in ihrer Erinnerung immer „ein wunderschönes Zauberland“ (ebd). Mit acht Jahren, zu Kriegsbeginn, trat sie dem BDM bei (Bund Deutscher Mädel, der weibliche Zweig der Hitlerjungend), für Rita eine attraktive Möglichkeit, der strengen und gleichzeitig überfürsorglichen Mutter zu entkommen: „...ich konnte Sachen machen, die mir normalerweise nie erlaubt gewesen wären, weil ich die einzige Tochter einer übervorsichtigen Mutter war“ (RM S.40). Rita liebte die von den Nazis organisierten Sportwettkämpfe, bereits nach einem Jahr ihrer Mitgliedschaft wurde sie die jüngste Gruppenleiterin der Provinz. Während ihre Mutter stets distanziert und ablehnend der Nazi-Ideologie gegenüber blieb, war der Vater zunächst ein Anhänger der Nationalsozialisten. Er wurde noch kurz vor Kriegsbeginn zum Militär eingezogen, als er jedoch nach der Eroberung Polens und dem Anblick des Warschauer Ghettos zurück nach Hause kam, hatte er sich vollständig von den Nazis abgewandt. Auch Rita beendete nun ihre Aktivitäten beim BDM. „Erst im Rückblick verstand ich den totalen Wahnsinn, dem wir ausgeliefert waren“, sagte sie 2008 in einem Interview mit dem Washington Post Magazine (Only today, in hindsight, do I understand the total madness we were subjected to).
Nach dem Krieg zog die Familie zunächst nach Bayern, bald aber nach Hamburg, wo der Vater eine Stelle im Staatsdienst fand und Rita ein renommiertes Mädchengymnasium, die Klosterschule, besuchen konnte. „Das war die Zeit, die meinen Geist und meine Seele am tiefsten geprägt hat.. ich schulde mein ganzes Wesen den Lehrern, die ich hatte“, schreibt Miljo in ihren Erinnerungen. Missbraucht von der vorherigen Gehirnwäsche durch die Hitler-Diktatur, eröffnete sich ihr nun eine neue Welt „Ich entdeckte, dass es Shakespeare gab. Jedes bisschen Wissen und intellektuelle Erkenntnis, die Adolf Nazi mir vorenthalten hatte…tat sich mir nun auf“. Als über 80jährige erinnerte sich Miljo besonders an ihre jüdische Schuldirektorin: „Sie war für mich… mein Idol, mein Kraft- und Weisheitsquell – ich saß ihr gegenüber als die ehemals jüngste Mädelführerin der HJ (Hiltlerjugend) Ostpreußens!“ (RM, S. 47f.).
1949 schrieb sich Miljo in der Hoffnung auf einen Studienplatz für Veterinärmedizin an der Universität Hamburg ein. Da jedoch Kriegsveteranen vorrangig angenommen wurden, kam für Miljo nur ein Psychologiestudium in Frage. „Das ödete mich schon bald unglaublich an“, schreibt sie (ebd.). Sie verließ die Uni und widmete sich der Pflege ihrer an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankten Mutter und ihres 17 Jahre jüngeren Bruder Peter. Er war erst drei Jahre alt, als die Mutter 1951 starb. Um sich und Peter durchzubringen, arbeitete Rita in einer Fabrik, auf den mittlerweile alkoholabhängigen und zu Exzessen neigenden Vater war kein Verlass mehr. Nach eigenen Worten gelang es ihr, eine gute Stiefmutter für Peter zu finden und sie zu überreden, den Vater zu heiraten (RM S.49). Damit hatte sie endlich ihre Selbstständigkeit zurückgewonnen, kündigte in der Fabrik und konnte sich endlich ihrer Leidenschaft, den Tieren, widmen: sie bekam eine Stelle im Hamburger Zoo Hagenbeck zur Betreuung der Abteilung für die Neuweltaffen, eine zukunftsweisende Aufgabe, die sie vorbildlich erledigte.
Bereits 1949 hatte sie ihren Freund, den Bergbaustudenten Lothar Simon kennengelernt, der nach seinem Examen ein Stellenangebot auf den südafrikanischen Goldfeldern annahm. „Mein Herz schlug höher – Afrika, das Land meiner Träume!“ war Miljos Reaktion auf seine Entscheidung. 1953 folgte sie ihm nach Johannesburg, 1954 heiratete das Paar, 1955 wurde als einziges Kind die Tochter Karin geboren. Miljo nahm vorübergehend eine Bürotätigkeit an, die Wochenenden verbrachte sie mit der Beobachtung von Tieren im Krüger-Nationalpark und lernte dort den älteren Ornithologen Dr. Kleynhans kennen. Ihm assistierte sie bei seinen Vogelforschungen, er brachte ihr die Flora, Fauna und Geschichte Südafrikas nahe. Mit ihm unternahm sie mehrere Forschungsreisen ins heutige Simbabwe und Sambia.
Innerhalb kürzester Zeit wurde Rita Miljos Partner zu einem sehr erfolgreichen und wohlhabenden Mann, der seiner Frau ein luxuriöses Leben ermöglichte – was Miljo gar nicht behagte. „Da stand ich nun und war mit einem zu reichen Mann gesegnet, der rasch seinen Verstand verlor. Zu viel, zu schnell und zu jung, um richtig damit umgehen zu können…Ich glaubte… „das Problem lasse sich dadurch lösen, dass ich das Geld schneller ausgab, als er es verdienen konnte“ (RM S.74f.). Als vorläufige Lösung für dieses Problem wurde ein Kleinflugzeug gekauft, beide Eheleute lernten fliegen, Rita Miljo brachte sich per Handbuch zusätzlich das Kunstfliegen selbst bei – es fand sich kein Fluglehrer, der bereit war, eine Frau weiter zu unterrichten, die schon ihren Mann übertroffen hatte. Fliegen ermöglichte ihr die Entdeckung großer Gebiete des südlichen Afrika, „es war für mich wirklich eine märchenhaft schöne Zeit mit der Freiheit, zu tun, was ich wollte“, aber „...wie immer wurde es mir mit der Zeit langweilig, alles zu haben und alles so machen zu können, wie es mir passte (RM S.77). 1963 kaufte sie ein 50 Hektar großes Bushveld am Ufer des Olifants River in der Provinz Limpopo innerhalb des Greater Krüger Nationalparks und errichtete zunächst eine Einzimmerhütte, die sie bald durch ein selbstgebautes Steinhaus ersetzte - in der Zeit der Trauer hatte sie eine Maurerlehre absolviert. Immer öfter nahm sie dort in Begleitung ihrer Tochter Karin Zuflucht „statt Geld zu verprassen und mit Freunden zu feiern“ (ebd.). Das heute weltbekannte Pavian-Zentrum erwuchs aus diesen Anfängen…
Zur Tragödie ihres Lebens kam es 1972, als Miljos Ehemann und die 17jährige Karin bei einem Flugzeugunfall ums Leben kamen – ihr Mann hatte das Kleinflugzeug selbst gesteuert. Die Katastrophe wurde zum Maßstab für alle später auftauchenden Probleme in ihrem Leben – die größten Schwierigkeiten und Hindernisse wogen alle nichts, da sie bereits „den schlimmsten Tag ihres Lebens überlebt“ habe.
1980, acht Jahre nach dieser persönlichen Katastrophe, Miljo führte eine kurze Ehe mit dem Südafrikaner Piet Miljo, entdeckte sie auf einer Reise durch Angola ein junges, misshandeltes und unterernährtes Chacma-Pavianmädchen am Straßenrand. Das Kleine berührte ihr Herz, allen Vorschriften zum Trotz nahm sie es auf und schmuggelte es über Umwege und Landesgrenzen nach Hause. Zur damaligen Zeit, während des Apartheids-Regimes, fielen Paviane in Südafrika trotz ihrer hohen Intelligenz und ihrer enormen sozialen Fähigkeiten unter das sog, Schädlingsgesetz, ebenso wie Buschschweine, Karakale, Schakale und Grüne Meerkatzen. Weil sie in landwirtschaftlich genutzte Flächen eindrangen, durften sie wahllos abgeschossen werden; für die Tötung eines Pavians gab es sogar Kopfgeld. Das „Schädlingsgesetz“ blieb bis 2007 in allen Provinzen außer dreien in Südafrika gültig. Der Schutzstatus für Paviane ist nicht eindeutig, ihr Bestand gilt laut CITES als nicht gefährdet, bis heute dürfen sie unter bestimmten Umständen abgeschossen werden. Miljo nannte die kleine Pavianin „Bobby“ - eine Abkürzung für Bobbejan, die Bezeichnung für Paviane auf Afrikaans. Die Aufnahme Bobbys führte zu einer radikalen Veränderung in Miljos Leben. Sie hatte bereits Warzen- und Stachelschweine, Reptilien und Vögel gerettet, um sie alle später wieder auszuwildern, doch nun rückten die Pavianwaisen in ihre Aufmerksamkeit.
Manche fand sie in Müllkippen neben ihren verwesenden Müttern, andere befreite sie aus Gefangenschaft, wo ihre Fäkalien für die Medizin der Ureinwohner gesammelt wurden, manche waren für medizinische Experimente gebraucht oder als Maskottchen in Militärlagern vernachlässigt worden, viele waren Opfer von Konflikten mit den Bauern oder lagen nach Verkehrsunfällen verletzt am Straßenrand. Wilderei, Auslegen von Gift, illegaler Tierhandel taten ein Übriges. Miljo nannte Paviane „die ungewollten kleinen Leute der Natur“. Auf die Frage, warum sie sich ausgerechnet um Paviane kümmere, antwortete sie einmal schlicht: „Weil sie mich brauchen“ (Because they need me). Und die Paviane brauchten wirklich eine Beschützerin. Sie sind nach heutigem südafrikanischen Gesetz zwar eine zu schonende Art, aber sie haben einen zweifelhaften Ruf. Ihre aggressive, wenn auch überaus intelligente und kreative Suche nach allem Essbaren, die Überfälle ihrer Horden auf Farmen, Touristen, Autos und Restaurants sind gefährlich und machen sie unbeliebt, zudem erinnert ihre Schnauze mit den furchteinflößenden Eckzähnen an einen angriffsbereiten, zähnefletschenden Hund. In einem Gerichtsprozess gegen Miljo reagierte sie unbeeindruckt auf die Frage, warum sie ihre Zeit mit solch problematischen Tieren verschwende, mit der Gegenfrage: „Wer sind Sie, dass Sie Gott vorschreiben, er hätte Paviane nicht erschaffen sollen?“ (who are you to tell God that he should not have created baboons?).
Im Laufe der 1980er Jahre zog Miljo mit Bobby und ihren weiteren tierischen Schützlingen auf ihre Farm am Olifants River, was sich bald herumsprach. Bis dahin gab es trotz National- und Wildparks keine einzige Rehabilitationseinrichtung im Land, und so brachten die Menschen verletzte und verwaiste Tiere zu Rita Miljo.
1989 wurde ihre Farm offiziell als Zentrum für Rehabilitation, Aufzucht und Ausbildung unter der Bezeichnung C.A.R.E.“ (Center for Rehabilitation & Education) eingeweiht. Miljo konzentrierte sich auf den Pavianschutz, nahm aber weiterhin vernachlässigte und misshandelte Tiere auf. Sie orientierte sich an den Schutzkonzepten von Jane Goodall, Dian Fossey und Birute Galdikas, aber anders als diese begann Miljo ihre Arbeit nicht als Wissenschaftlerin, sondern aus rein humanitärem Engagement. Shirley McGreal (1934 – 2021), die Gründerin der Internationalen Primatenschutzliga (International Primate Protection League) sagte über Miljos Motivation: „Genau wie Mutter Teresa sich um die verschmähten Menschen in Indien kümmerte, so kümmerte sich Rita um die ausgestoßenen Primaten Afrikas.“ (Just as Mother Teresa cared for the most persecuted human beings in India, Rita cared fort he pariah primates of Africa).
Rita Miljo baute mit C.A.R.E. ein weltweit einzigartiges Zentrum auf, das nicht nur zur Rettungsinsel gequälter Tiere wurde, sondern sowohl wissenschaftliche Erkenntnisse hervorbrachte als auch Methoden entwickelte, die bis dahin für aussichtslos gehalten wurden. Sie bewies, dass funktionsfähige, von Hand aufgezogene Paviangruppen wieder in die Wildnis zurückgeführt werden können. Weder Misserfolge noch Rückschläge bei den Auswilderungsprojekten – nicht alle Tiere überlebten in der Wildnis - hielten Miljo von ihrer Mission ab.
Beispielhaft wurde ihr Pavianaufzuchtprogramm, bei dem das Pavianbaby zunächst für mehrere Monate von einer Ersatzmutter in einem Wickeltuch 24 Stunden täglich am Körper getragen wird. Danach kommt es mit Gleichaltrigen und deren „Müttern“ in eine Art Kindergarten, lernt die selbstständige Nahrungssuche und -aufnahme und die Grundregeln des Pavian-Sozialverhaltens, bis im Alter von etwa 4 Jahren der gemeinsame Auswilderungsprozess beginnt.
Es gelang Miljo,1994 die erste Gruppe von zehn Tieren unter der Beobachtung von skeptischen Primatologen erfolgreich auszuwildern, eine zweite Gruppe von achtzehn Tieren folgte bereits 1996 im Mosdene Naturreservat, wo zur damaligen Zeit überhaupt keine Pavianpopulation mehr existierte.
Immer wieder stieß Miljo auf der Suche nach geeigneten Orten für Auswilderungen auf heftigen Widerstand sowohl der Behörden als auch der Farmer. Zeitweise bildeten letztere regelrechte Klubs, um selbst auf Miljos Reservat Paviane zu schießen. Miljo wurde verpflichtet, den Farmern die Kugeln zu ersetzen, mit denen die Tiere abgeschossen worden waren. Wiederholt wurde sie beschuldigt, Tiere ohne Genehmigung transportiert zu haben - was häufig der Wahrheit entsprach – und musste sich vor Gericht rechtfertigen. Konnte sie nachweisen, dass sie im Sinne des Naturschutzes und nicht aus humanitären Gründen Paviane gerettet hatte, kam sie straffrei davon. Nichts jedoch nahm ihr je ihre Furchtlosigkeit und Stärke bei der Verfolgung ihres Engagements. Der Charakter der Paviane waren ihr Vorbild und Beispiel: sie seien eben nicht wie Menschen, denn diese „können täuschen, betrügen, während Paviane das noch nicht gelernt haben“...selbst Schimpansen hätten „schon gelernt, kleine Ausreden für ihre Verhaltensweisen zu finden – sie schmeicheln, passen sich an…Deshalb ist das, was man von den Pavianen lernt, die Wahrheit über sich selbst“ (RM S.13f).
2002 wurde eine Gruppe Paviane aus Strahlentests des französischen Militärs gerettet und zur Auswilderung vorbereitet. Bei ihrer Freilassung im Vredefort Dome Naturschutzgebiet war Nelson Mandela zugegen, um demonstrativ die Initiative Rita Miljos zu unterstützen. Im selben Gebiet wurden 2006 weitere fünfundzwanzig Tiere freigelassen.
In den beinahe 20 Jahren ihres Schaffens wurde über 250 Paviane ausgewildert, Tiere, die nicht in die Freiheit entlassen werden konnten, verblieben im C.A.R.E. Zentrum. 2012, im Jahr von Miljos, Tod, lebten dort 500 Paviane, darunter immer noch Bobby, die Miljo einst als ersten Pavian gerettet hatte.
Zwei der Innovationen, die Miljo und ihre MitarbeiterInnen bei C.A.R.E, eingeführt haben, sind vor allem
- „das gezielte Zusammenstellen kohärenter Gruppen, die ausgewildert werden können, sowie
- die Entdeckung, dass wilde und in Gefangenschaft lebende Pavian-Gruppen in der Lage sind, grundsätzlich als eine einzige, wenn auch nicht immer einheitliche Gruppe zu funktionieren” (RM S.14f).
Bis dahin galt die Annahme, dass die Gruppenbildung bei Pavianen eine Art natürlicher, matrilinear verlaufender Prozess sei, wobei die Weibchen lebenslang beieinanderblieben und sich dominante Männchen zeitweise der Gruppe anschließen würden. Miljo jedoch wies nach, dass ihre in Gefangenschaft gebildeten Gruppen in der Wildnis überlebensfähig waren. Zudem entdeckte sie, dass sich die wilden und die ausgewilderten Gruppen ein gemeinsames Territorium teilen und miteinander interagieren können. Dabei lernen die jüngeren Ausgewilderten von den älteren, wilden Pavianen Nahrungssuche, Spielen, Kämpfen und Paarungsverhalten.
Beinahe Hundert Jahre zuvor, von 1907 – 1910, hatte sich der südafrikanische Jurist, Biologe und Poet Eugène Marais (1871 – 1936) in die Wildnis der Waterberg-Region zurückgezogen und eine wilde Chacma-Pavianherde intensiv beobachtet. Seine bahnbrechende Arbeit war eine der ersten Langzeitstudien über Primaten in freier Wildbahn und wegbereitend für die damals junge Wissenschaft der Verhaltensforschung. Er beschrieb als einer der Ersten das hochkomplexe Sozialverhalten von Pavianen, beschrieb ihre psychologische Tiefe, ihre Fähigkeit zu Glück, Trauer und Schwermut und ihre allgemeine emotionale Ähnlichkeit mit dem Menschen. Ihrer Fähigkeit, Verhalten nicht nur instinktiv, sondern aufgrund ihres kausalen Gedächtnisses zu steuern, widmete er besondere Aufmerksamkeit.
Er fand heraus, dass Paviane fast ohne ein vorgegebenes Verhaltensprogramm geboren werden, d.h. wie Menschen müssen auch Paviane fast alles durch Beobachtung, Nachahmung und Ausprobieren lernen.
Rita Miljos zunächst aus rein empathischer Motivation gestartetes Schutzprogramm bestätigte und ergänzte nicht nur diese frühen Forschungen. Ihre empirische, zuweilen experimentelle Vorgehensweise, die sie unverzagt und unerschütterlich mit größter Empathie betrieb, führte zu Einblicken und Einsichten in Geist und Seele von Pavianen, wie sie der Wissenschaft bis dahin nicht vorstellbar waren.
Miljos Leben in Afrika war dem Kampf für die Paviane gewidmet, dem Kampf gegen Vorurteile und Unrecht einer ganzen Art gegenüber. Ihr Ruf war der einer feurigen, leidenschaftlichen, einzigartigen Frau, die inzwischen als „Heldin der Paviane“ gilt. Der amerikanische Schriftsteller und Poet Michael C. Blumenthal vergleicht in seinem Porträt Miljos deren „Ausstrahlung eines eisernen Willens verbunden mit einer grimmigen Entschlossenheit und Furchtlosigkeit“ mit dem „Sabra“ genannten Wüstenkaktus: „außen hart und dornig, innen süß und saftig. Irgendwo unter diesem ruppigen und einschüchternden Äußeren…lag eine gewisse Süße“ (RM S. 8).
Eine Frau, gleichermaßen sanft und herb.
In der Nacht des 25. Juli 2012 brach in Miljos Wohnung über der Tierklinik ein Feuer aus, dessen Ursache bis heute nicht geklärt ist. Für Miljo, Bobby und drei weitere Paviane kam jede Hilfe zu spät, den MitarbeiterInnen von C.A.R.E. gelang es aber, alle 34 Patienten der Klinik und die jüngsten Paviane aus dem Erdgeschoss zu retten.
Miljo hatte ihr Lebenswerk bereits ihrem Geschäftsführer Stephen Munro anvertraut, der ihr Vermächtnis weiterhin unter dem Namen „Conservation Animal Rehabilitation & Education“ - C.A.R.E. - in die Zukunft führt.
Rita Miljo und Bobby wurden zusammen im selben Grab auf dem Gelände von C.A.R.E. beigesetzt.
(Text von 2026)
Verfasserin: Christa Matenaar
Zitate
Müssen wir warten, bis eine Art kurz vor dem Aussterben steht, bevor wir handeln?
(Must we wait until a species is on the brink of extinction bevor we wake up?).
Es kommt die Zeit im Leben eines jeden von uns, die so nah mit Wildtieren zusammengearbeitet haben, in der wir im Innersten berührt werden und unser Leben sich für immer verändert… Tiefes Vertrauen und große Nähe wurden mir durch ihn (der junge Pavian Freddy, Anm. der Verfasserin) zuteil, einem völlig wilden Tier, das den ersten Schritt machte und mir seine Liebe offenbarte. Es war eine Zeit vollkommenen Glücks und großer Nähe.
Sie sind alle Geschöpfe Gottes. Wer sind wir, dass wir eine Hierarchie unter ihnen einführen können?
Links
YouTube (2026): Living Among 500 Baboons | FULL DOCUMENTARY | Lady Baboon | @UltimateNatureDocs.
Online verfügbar unter https://www.youtube.com/watch?v=lMIzuIQb43A, zuletzt geprüft am 27.06.2026.
Primate C.A.R.E. - Rescue, Rehabilitation, Release, Wildlife Sanctuary (2026).
Online verfügbar unter https://www.primatecare.org/, zuletzt geprüft am 27.06.2026.
YouTube (2026): Affen-Mafia in Kapstadt: Paviane übernehmen die Stadt.
Online verfügbar unter https://www.youtube.com/watch?v=cTgTHog64oo&t=59s, zuletzt geprüft am 27.06.2026.
Literatur & Quellen
Blumenthal, Michael; Miljo, Rita (2016): “Because they needed me”. Rita Miljo and the orphaned baboons of South Africa. New York. An aequitas book from Pleasure Boat Studio : a literary press. ISBN 9780912887388.
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Gerber, Attie (2004): Baboons. Tales, Traits and Troubles. Pretoria. Lapa Publishers. ISBN 9780799333190.
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Marais, Eugène N. (1969): The soul of the Ape & My friends the baboons. Introduction by Robert Ardrey. A Distant Mirror. 2019. ISBN 9780980770674.
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Miljo, Rita (2012): Zum Affen werden. Der Kampf um die Paviane Südafrikas. Übersetzung: Christine Maier-Rezic. Unter Mitarbeit von Michael Blumenthal. Mainz. Thiele. ISBN 9783940884800.
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Rüter, Lara (2026): Affenliebe. 1. Auflage. München. Hanser. ISBN 9783446284531.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)
Strum, Shirley C. (1990): Leben unter Pavianen. Fünfzehn Jahre in Kenia. (=Almost human
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