Empfehlungen ELISABETH BRONFEN: Shakespeare und seine seriellen Motive. 2025. REZENSION VON ROLF LÖCHEL.
ELISABETH BRONFEN: Shakespeare und seine seriellen Motive. 2025. REZENSION VON ROLF LÖCHEL.
Elisabeth Bronfen: Shakespeare und seine seriellen Motive.
Frankfurt am Main: Fischer Verlag 2025, 398 S., ISBN 9783103974348, Euro 29.
Die Werke William Shakespeares zählen vermutlich zu den am besten erforschten überhaupt. Nun hat Elisabeth Bronfen der langen Reihe einschlägiger Untersuchungen eine weitere hinzugefügt. Und tatsächlich gelingt es ihr, einen ebenso originellen wie erkenntnisstiftenden Beitrag zur Shakespeare-Forschung zu leisten, denn sie geht erstmals der Serialität (nicht nur) von Motiven in Theaterstücken des Autors nach und hat damit einen ganz neuen Zweig der Shakespeare-Forschung eröffnet.
Für ihre Untersuchung zieht sie die englischen Originaltexte heran. Wie sinnvoll das ist, macht etwa folgende Passage aus The Winter’s Tale deutlich: „Knowing from Paulina that the oracle gave hope thou wast in being, have preserved myself to see the issue“ (zitiert nach S.116). Die Mehrdeutigkeit des von Bronfen näher besprochenen Begriffs issue geht in Übersetzungen leicht verloren. Das zeigt etwa diejenige von Dorothea Tieck: „Ich – durch Paulina hörend, das Orakel/ Gab Hoffnung, daß du lebst – verbarg mich hier,/ Den Schluß erwartend“ (1)
Shakespeare Stücke „seriell zu betrachten“, heißt der Autorin zufolge, sie „zu zerlegen und in einer Reihenfolge neu zusammenzusetzen“ (S.10). Daher behandelt Bronfen sie nicht durch einzelne Abschnitte von einander geschieden für sich, sondern „konzentriert sich“ in den einzelnen Kapiteln ihres Buches jeweils „auf die Szenen, Wortbilder und Handlungsabfolgen, die die ihnen gemeinsame Problematik betreffen“ (ebd.), in verschiedenen Stücken. Das ist zwar sinnvoll, führt allerdings zu einigen Redundanzen in wiederholten Abrissen einzelner Handlungsmomente oder -stränge.
„Entscheidend für die serielle Lektüre“, so die Autorin weiter, sei, dass die jeweils „isolierten Denkformen und deren dramatische Gestaltungen im Sinne einer Sequenz aufeinanderfolgen“ (S.15). Ihre von Bronfen ausgemachte „Beziehung“ zu einander „läuft zwar über die Ähnlichkeit, das Gleichartige, aber wird fortgeführt, entwickelt und transformiert“ (ebd.). Denn „es gibt keine Wiederholung ohne Differenz“ (S.18).
Seriell sind jedoch nicht nur die Motive der Handlungen und die in ihnen verhandelten Probleme, sondern auch „Figurenkonstellationen, dramatische Formen und Sinnbilder“, die allesamt in jedem der Stücke variiert werden, und zwar ohne dass am Ende der dramatischen Werke, in denen ähnliche oder gleiche Konflikte auf verschiedene Weise „durchgespielt“ (S.9) und „verschiedene Auflösungsmöglichkeiten der dramaturgischen Spannung angeboten werden“ (S.10 ), „nachhaltige Lösungen gefunden worden wäre[n]“ (S.9). Überdies macht Bronfen serielle Beziehungen nicht nur „zwischen einzelnen Stücken“ aus, sondern auch „innerhalb eines Stückes“ (S.15) selbst. Doch auch damit nicht genug. „Die in Shakespeares Œuvre angelegte Serialität“ werde durch das „serielle Verfahren“ ihrer Untersuchung „nochmals gespiegelt“ (S.17), und selbst noch die Rezeption der Stücke sei seriell, da nie abgeschlossen.
Bronfens Untersuchungskorpus umfasst zwar mehr als dreißig Stücke, jedoch scheint sie nicht in jedem der dramatischen Werke fündig geworden zu sein. Jedenfalls werden The Life of Tymon of Athens und The Taming of the Shrew nicht und andere wie The Two Noble Kingsmen nur am Rande erwähnt. Als besonders ergiebig erweisen sich hingegen etwa A Midsummer Night’s Dream, All’s Well That Ends Well, Twelfth Night or What You Will und The Tragedy of Hamlet, Prince of Denmark.
Untersucht werden etwa die Serialität der „mit erotischer Lust besetzt[en]“ (S.72) Kryptomanie, die der „Hartnäckigkeit, mit der sich persönliche Macht auf Geheimnisse abstützt“ (S.94), die der „Traumwelten und Geistererscheinungen“ (S.29), die, wie Bronfen nicht zuletzt an A Midsummer Night’s Dream und The Tempest zeigt, wiederholt „seriell als Knackpunkt dien[en]“ (S.40). Dabei macht sie zugleich deutlich, dass Oberon noch „viel totalitärer“ ist als der „herrische[.]“ (S.42) Prospero.
The Tragedy of Romeo and Juliet stellt hingegen die „fatale Seite der Liebe als Geheimnis aus“, während „Cymbeline[, King of Britain] ein Recycling“ des Motivs bietet, „welches zugleich der Heldin jenen Überlebenswillen zuspielt, der in Twelfth Night Viola erlaubt, das Schicksal zu ihren Gunsten zu wenden“ (S.106). Die den Werken innewohnende „Typologie der Herrscherin“ (S.21) wiederum offenbart ein „facettenreiches Gesamtporträt“ (S.22) der Figur, von der sich allerdings etliche „als verhängnisvolle Kriegerin hervortun“ (S.202) und/oder von Männern besiegt werden wie etwa die Amazonenkönigin Hippolyta in A Midsummer Night’s Dream. Überhaupt finden sich in Shakespeares Œuvre zahlreiche Varianten der „Auslöschung der Frau“ (S.125).
Gelingt es Bronfen auch, anhand zahlreicher Beispiele die Serialität der Motive innerhalb und zwischen Shakespeares Stücken überzeugend nachzuweisen, so ist ihre Übertragung auf die Rezeption doch weit weniger überzeugend. Offen bleibt auch, ob es sich bei dieser Art Serialität um eine Eigentümlichkeit oder gar ein Alleinstellungsmerkmal von Shakespeares dramatischen Werken handelt oder ob sie nicht vielmehr auf die Œuvre der meisten, wenn nicht gar aller oder doch wenigsten einiger Literaturschaffender zutrifft. Vermutlich eher letzteres. Jedenfalls lädt diese offene Frage zu weiteren Forschungen ein.
Abschließend noch zwei kritische Anmerkungen zu Bronfens Zitierweise. Zum ersten sind ihre Quellenangaben nicht immer ganz richtig. Hier nur ein Beispiel aus The Tragedy of Macbeth: „‚Unsex me here, and fill me from the crown to the toe, top-full of direst cruelty. Make thick my blood, stop up th’access and passage to remorse’ (5.1.41-44)“ (S.57). Tatsächlich stehen diese Zeilen nicht, wie Bronfen angibt, im ersten Aufzug des fünften Akts, sondern bereits im fünften Aufzug des ersten Akts. Die zweite kritische Anmerkung betrifft The Tragedy of Othello the Moor of Venice. Das Stück wurde erstmals einige Jahre nach Shakespeares Tod (1616) gedruckt und zwar in zwei verschiedenen Fassungen. Die erste erschien 1622, die zweite im Folgejahr. Die Handlung beider Varianten ist zwar gleich, ihre Texte weichen jedoch in einer überaus großen Anzahl voneinander ab. Auch ist der Text von 1623 „im Ganzen vollständiger“, dennoch sei auch die frühere Fassung „für die Herstellung des ursprünglichen Ausdruckes von großem Werth“ , wie schon Alexander Schmidt vor mehr als anderthalb Jahrhunderten anmerkte. (2) Bronfen informiert die Lesenden hingegen nicht über diesen Sachverhalt. Folglich auch nicht darüber, welche Fassung sie gewählt und warum sie sich für diese entschieden hat, oder ob sie zu einer Kompilation beider gegriffen hat und, falls sie das getan hat, zu welcher.
Rolf Löchel (Herzogenrath)
(Eine stark gekürzte Fassung der Besprechung erschien in der Zeitschrift MEDIENwissenschaft Heft 2 2026. S.191-192)
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(1) William Shakespeare: Ein Wintermärchen. In: William Shakespeare: Sämtliche Werke, Bd.1. (Die Zweitausendeins Klassiker Bibliothek [Hrsg. v. Achim Apell]) Frankfurt a.M.: Zweitausendeins, o.J. [Lizenzausgabe der Ausgabe des Wunderkammer Verlags 2010] S.885-960. Zitat, S. 960.
(2) A. Schmidt [Einleitung]. In: Deutsche Shakespeare-Gesellschaft [Hrsg]: Shakespeare's dramatische Werke. Zwölfter Band. Berlin: Verlag von Georg Reimer, 1871, S.3-14. Zitat S.3
(Text von 2026.)
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