Empfehlungen Gunna Wendt. 2026. Frauen von morgen. Die Schwestern Richthofen im Kreise der Bohème. Rezension von Regina Burkhardt
Gunna Wendt. 2026. Frauen von morgen. Die Schwestern Richthofen im Kreise der Bohème. Rezension von Regina Burkhardt
„Inspirierend, spannend und kenntnisreich“
Gunna Wendt. 2026. Frauen von morgen. Die Schwestern Richthofen im Kreise der Bohème: Die Geschichte zweier Schwestern in einer Zeit des Umbruchs. Reclam.
Rezension von Regina Burkhardt
Mit psychologischem Gespür und sorgsam recherchiertem zeithistorischen Hintergrund zeichnet Gunna Wendt die spektakulären Lebenswege der Schwestern Else und Frieda von Richthofen nach. Entscheidend für den Aufbruch der beiden in ein selbstbestimmtes Leben ist die Schwabinger Bohème mit der Ikone Franziska zu Reventlow, die das uneingeschränkte Selbstbestimmungsrecht der Frau einfordert. Ebenso wirkmächtig für den Weg ihrer Befreiung wird der (drogensüchtige) Psychoanalytiker Otto Gross. Gross (zeitweise der Liebhaber der beiden Schwestern), der die Freudsche Analyse mit Gesellschaftskritik verbindet, ist der Ehemann von Frieda G., der Geliebten und besten Freundin Elses.
Else von Richthofen promoviert als erste Frau bei Max Weber und wird – auch aufgrund seiner Empfehlung - die erste akademische Fabrikinspektorin Deutschlands. Sie muss eine außerordentlich große Anziehungskraft auf Männer und Frauen ausgeübt haben. Gunna Wendts Verdienst ist es auch, auf die erotische Dimension ihrer Frauenfreundschaften hinzuweisen.
Wenn bei Else im Sinn von Gilles Deleuze Bildung der Motor ihrer Selbstbefreiung war, ist es bei ihrer Schwester Frieda die Liebe. Ihren Atavismus, das Verbundensein mit allen Lebewesen, setzt Wendt in Beziehung zu heutigen ökologischen Ansätzen wie z.B. dem Konzept Donna Haraways. Frieda von Richthofen wird die Frau des englischen Literaturwissenschaftlers Ernest Weekley und bekommt drei Kinder. Bei einem Münchenbesuch gerät sie in den Bann der Schwabinger Bohème und wird die Geliebte von Otto Gross, der in ihr das „Weib der Zukunft“ sieht. Für Frieda wird diese Liebe eine Art Wiedergeburt und ein Erweckungserlebnis, das sie in ihrer Absage an Konventionen bestärkt und ihr die Möglichkeit eröffnet, später aus ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter auszusteigen. Für ihre große Liebe D.H. Lawrence, mit dem sie „das Paradies und Glückseligkeit“ erlebt, verlässt sie später ihren Mann und die Kinder.
Gunna Wendt rahmt den Prozess der Selbst- und Neuschöpfung dieser Frauen, sorgsam recherchiert aus Briefen, Tagebüchern und autobiographischen Skizzen, stimmig mit den Texten von Franziska zu Reventlow und Lou Andreas Salomé. Das Doppelporträt der Richthofenschwestern ist gegliedert von szenisch und filmisch anmutenden Kapitelüberschriften (z.B. „einsam in Nottingham“). Damit entsteht ein Bild, das ganz gegenwärtig ist.
Was mir gut gefällt, ist Gunna Wendts kritischer Blick auf ihre Protagonistinnen und damit ihr Sinn für Ambivalenzen: Sie idealisiert Else nicht als Lichtgestalt der Frauenbewegung, sondern erkennt in ihrem Jonglieren mit zeitweise drei Liebhabern (darunter Max Weber und Alfred Weber) auch ein Vermeidungsverhalten, das biographisch in der belasteten Beziehung zu ihrem Vater wurzelt. Und sie nimmt in Elses durchaus beeindruckendem sozialen und politischen Engagement egozentrische Züge wahr.
Dass Else von Richthofen ihre Berufstätigkeit mit ihrer Heirat sofort aufgibt, obwohl sie ihr Mann Edgar Jaffé ermuntert, trotz Familie weiterhin berufstätig zu sein (und das zu Beginn des 20. Jahrhunderts!) ist schwer nachzuvollziehen. Edgar Jaffé, der aufgrund seines Reichtums großzügigerweise Elses verarmte Familie und Freunde finanziell unterstützt und sich rührend um Peter, Otto Gross’ Sohn, kümmert, erfährt die von ihm jahrelang schmerzhaft ersehnte Anerkennung seiner Frau Else erst als Finanzminister im Kabinett Eisner.
Gunna Wendt beschreibt mit psychologischem Scharfblick Muster und Wechselwirkungen der jeweiligen Familienkonstellationen in einer guten Balance von Außenperspektive und einfühlsamem Verstehen. Die Aktualität dieser Lebensbeschreibungen aus dem weiblichen Blickwinkel ist überzeugend. Die Akteurinnen Else und Frieda, atemberaubend in ihrer schließlich erkämpften inneren Unabhängigkeit, sind tatsächlich Frauen von morgen.
Vorheriger Eintrag: ELISABETH BRONFEN: Shakespeare und seine seriellen Motive. 2025. REZENSION VON ROLF LÖCHEL.

