Empfehlungen MARIA LAZAR: Gedankenstrahlen. 2025. REZENSION VON ROLF LÖCHEL.
MARIA LAZAR: Gedankenstrahlen. 2025. REZENSION VON ROLF LÖCHEL.
Der dvb-Verlag hat sich auf die Fahnen geschrieben, Werke vergessener AutorInnen zu verlegen; das Namenskürzel steht für "Das vergessene Buch". So sind ihm seit seiner Gründung im Jahr 2014 etliche (Neu-)Entdeckungen zu verdanken. Zu nennen wäre nicht zuletzt Else Jerusalems bedeutender Bordell-Roman Der heilige Skarabäus. Ganz besonders verdient gemacht hat er sich allerdings um eine andere Autorin: Maria Lazar. Sein Engagement für die ebenso brillante wie (bis vor wenigen Jahren so gut wie) unbekannte Autorin, hat nicht nur dazu geführt, dass sie wieder gelesen wird; ihre Theaterstücke werden seither zudem auf einer ganzen Reihe von Bühnen im deutschsprachigen Raum aufgeführt; und zwar nicht selten überhaupt zum ersten Mal. So etwa jüngst Zwei Soldaten, das derzeit am Wiesbadener Staatstheater zu sehen ist. Ihr Roman Die Eingeborenen von Maria Blut wurde gar vom Wiener Burg-Theater für die Bühne adaptiert und die Produktion darauf hin zum Theatertreffen 2023 eingeladen.
Inzwischen hat der dvb-Verlag nicht weniger als sieben Bücher Lazars im Programm. Als bislang letzter kam 2025 der Band Gedankenstrahlen hinzu. Er versammelt gut dreißig Erzählungen und Short Stories sowie eine Novelle aus den Jahren 1937 bis 1942 der zu dieser Zeit exilierten Österreicherin, die sie unter dem Pseudonym Esther Grenen publizierte. Etliche konnten damals in ihren beiden Exilländern Schweiz und Dänemark erscheinen. Die "dänischen" liegen nun erstmals im deutschen Original vor. Andere gelangen mit ihrer Veröffentlichung in dem Sammelband überhaupt zum ersten Mal an die Öffentlichkeit. Es sind dies diejenigen, die am politischsten sind. Selbstverständlich beziehen sie – wenn auch nicht immer ganz ausdrücklich – gegen den Nationalsozialismus Stellung. Ganz explizit politisch, gar mit einer Erwähnung Hitlers ist nur eine der Geschichten, in der sich ein harmloser Mensch nach der Machtergreifung der Nazis sogleich eine Hakenkreuzfahne „beschafft“, sie fortan „an den vielen Staatsfeiertagen [flaggt]“ und auch sonst ganz auf Linie ist. Doch auch in Lazars anderen Stories sind (Vor-)Kriegszeit, Nationalsozialismus und Antisemitismus allgegenwärtig, wenn auch meist eher subkutan. So hat die Autorin etwa immer mal wieder ganz beiläufig eine implizite Kritik am Nationalsozialismus eingeflochten. Ähnlich wie in Irmgard Keuns Kind aller Länder wird auch in Lazars Zu Gast auf dieser Welt das Exilantendasein aus der Sicht eines Kindes geschildert. Allerdings ist hier nicht das Kind selbst im Exil, sondern eine offenbar jüdische Exilantin zu Gast in dessen Familie. Der Titel Das Mädchendorf wiederum erinnert an Clara Viebigs Novelle Das Weiberdorf. Anders als Viebigs Weiber sind Lazars Mädchen jedoch nicht Männer, haben dafür aber das Sagen im Ort. Solange jedenfalls, bis sie von einem Mann in die abgründige Mutterschaft gestürzt werden.
Die Genres der Geschichten sind ebenso vielfältig wie ihre Themen. Dabei folgt Lazar nie ausgetretenen Pfaden, sondern wartet stets mit einer überraschenden Wendung oder gar einem Bruch der Genrekonventionen auf. So finden sich durchaus auch einige Detektivgeschichten, in denen zwar das eine oder andere Verbrechen begangen wird, doch machen weder sie noch deren Aufklärung den eigentlichen Reiz der Stories aus. Eine andere spielt in einem Haus „voll von Mördern“, „von denen keiner die Tat in Wirklichkeit begangen hatte“. Nicht weniger kurios ist die Idee eines Sanatoriums, in das nur Rekonvaleszente eingelassen werden. In einer weiteren weckt eine vermeintlich harmlose Wette die Macht des Gerüchts und der üblen Nachrede. Wieder andere Kurzgeschichten handeln von „schwere[r] Krankheit“ und „Todesgefahr“ oder haben einen phantastischen, gar unheimlichen Einschlag, der jedoch immer realistisch geerdet wird, und das scheinbar Übernatürliche erklärt sich durch von Angst getriebene vermeintliche Wahrnehmungen und irrtümlich gezogene Schlussfolgerungen. Die revolutionären „Methoden“ der titelstiftenden Geschichte Gedankenstrahlen „entsprechen den Forschungen der modernen Metapsychologie“ und ihre unbekannt bleibenden ErfinderInnen rühmen sich, es sei ihnen mit ihrer Hilfe möglich „durch intensive Gedankenstrahlen zu töten“, „ohne sich der groben Materie bedienen zu müssen“. Fraglich bleibt allerdings, ob es diese merkwürdigen wie mörderischen Stahlen überhaupt gibt. Wird es einmal – fast – märchenhaft, so wird ein modernes Dornröschen nicht etwa vom Prinzen wachgeküsst, sondern erwacht nach Jahr und Tag von ganz alleine. Der Prinz hat sich da allerdings längst einer anderen zugewandt. Andere von Lazars Figuren leiden an übermäßiger Religiosität, die sich darin äußert, dass ihnen die Stimme Gottes so Manches zuraunt; womöglich gar, stets die Wahrheit zu sagen und alle Sünden zu bekennen. Dabei stellt sich heraus, dass es ganz und gar nicht „schön und angenehm ist, in einem Haus mit geläuterten Seelen zu leben. Geduld und Güte auf Schritt und Tritt, liebevolle Fürsorge, zartes Verständnis. Ja freilich, um das auszuhalten muss man selber ein Engel sein“.
Oft erzählt Lazar schwarzhumorig, ohne allerdings je gallig zu werden. Manchmal ist ihr Humor allerdings auch ganz harmlos, scheinbar zumindest. So etwa wenn ein „geselliger Verein“ den Namen „Einsame Herzen“ trägt; und Ehrlich währt nicht stets am längsten ist eine amüsante Geschichte über einen Hochstapler wider Willen, die den Unterschied zwischen Sein und Schein thematisiert. Dann und wann erlaubt sich Lazar auch augenzwinkernde Reflexionen über das Verhältnis von AutorInnen zu ihren Figuren wie etwa in Es spukt im Hotel. Oder sie stellt eine kurze Betrachtung über den Zusammenhang zwischen der Qualität eines literarischen Werkes und seinem Veröffentlichungsort an. So wird ausgerechnet in einer Geschichte, die ursprünglich in der Sonntagsbeilage der Basler National-Zeitung erschien, bezweifelt, dass es „im Leben Geschichten wie in Sonntagsmagazinen“ gibt. Dass überhaupt keine Literatur geschrieben werden sollte, begründet eine ihrer Figuren lakonisch mit der rhetorischen Frage „Es gibt Menschen genug auf der Welt, was braucht man da noch welche zu erfinden?“ Voller Ernsthaftigkeit ist hingegen Das Erwachen des Dr. W.
Lazars Handlungsorte sind nicht selten Hotels und Gaststätten etwa in südlichen Landen oder eine „verwunschene Pension“, aber auch schon mal englische Herrenhäuser. Selbst wenn einmal eine Baronin vorkommt, handelt es sich stets um alltägliche Geschichten gewöhnlicher Leute mit leichten Absonderlichkeiten, die einmal etwas nicht ganz so Gewöhnliches erleben. Lazar gelingt es dabei, mit wenigen Strichen genaue Charakterisierungen ihrer Figuren zu zeichnen. Gelegentlich benötigt sie dazu nicht mehr als eine einzige, beiläufig erscheinende Bemerkung. Die Männer ihrer Geschichten schneiden dabei oft nicht sonderlich gut ab. Weder jener, der zu einem Zusammentreffen „ohne hysterische Weiber“, sondern mit „lauter vernünftige[n] Mannsbilder[n]“ einlädt, noch ein anderer, der „anerkennen musste“, dass seine Ehefrau „ihre häusliche Tätigkeit lautlos und unbemerkbar auszuüben verstand“, ansonsten aber „nicht sehr viel“ von ihr weiß. Er vernachlässigt seine Frau so selbstverständlich, dass er es nicht einmal bemerkt. Und was alte Männer betrifft, so sind sie sogar „noch schlimmer als ein kleines Kind“.
Die den Band beschließende Novelle Der Walzer im Hof handelt von einer Hausgemeinschaft und ist multiperspektivisch – teils in Form innerer Dialoge – aus der jeweiligen Sicht der recht unterschiedlichen, aber ausnahmslos einfachen BewohnerInnen eines größeren Mietshauses erzählt, wobei „an sich unbeträchtlich“ ist, „was jeder Einzelne“ in der nur einen Tag und eine Nacht umfassenden Handlungszeit „tat oder dachte“.
Die Liebe der Sorglosen scheint zwar vielleicht nur „eine wunderbare und geheimnisvolle und seltene Erscheinung“ zu sein. Tatsächlich eine solche aber ist der vorliegende Band selbst, in dem die Lesenden auch erfahren können, wie Liebe wirklich ausschaut. Nicht nur darum ist er wärmstens zu empfehlen. Bedauerlich ist allein, dass Albert C. Eibl, der Verlagsinhaber und Herausgeber der Gedankenstrahlen, nur eine „repräsentative Auswahl der Kurzgeschichten und Short Stories“ von Maria Lazar getroffen hat, statt ausnahmslos alle erhaltenen in den Band aufzunehmen.
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