Empfehlungen Sabine Haupt: ANNA HAT BESUCH. Mit Bildern von Sonya Trolliet. Eine Rezension von Rolf Löchel.
Sabine Haupt: ANNA HAT BESUCH. Mit Bildern von Sonya Trolliet. Eine Rezension von Rolf Löchel.
Sabine Haupt: ANИA HAT BESUCH. Mit Bildern von Sonya Trolliet.
St. Gallenkappel (Schweiz): Edition Königstuhl. 44 S. 24 x 30 cm. ISBN 9783052634899. Euro 21.
Lesestufe 1+2; 5-7 Jahre
Eine Rezension von Rolf Löchel
Bislang ist Sabine Haupt vor allem mit Romanen und literaturwissenschaftlichen Fachbüchern hervorgetreten. Nun hat sie erstmals ein Kinderbuch geschrieben. Sonya Trolliet hat es mit ganz wunderbaren Aquarellen versehen, die jeweils über die gesamten Doppelseiten gehen.
Die erzählte Geschichte handelt von Anna, einem kleinen Mädchen, das wohl so um die sechs Jahre alt sein dürfte. Also genauso alt wie die Kinder, für die das Buch gedacht ist. Eines Abends muss Annas Mamma noch mal weg, bringt ihre Tochter vorher aber noch schnell ins Bett. Alles ist ganz normal und also gut, bis – Anna mitten in der Nacht aufwacht. Sie fragt sich, ob ihre Mamma wohl wieder zurück ist, und schaut in der Wohnung nach ihr. Denn sie beginnt sich langsam ein wenig zu sorgen. Da sieht Anna, dass Mamma in der Eile vergessen hat, das Licht im Aquarium zu löschen. Sie denkt sich, die Fische würden sicher hungrig sein, und füttert sie. Dabei überlegt sie, ob die Fische nicht mal Lust hätten, nicht immer nur im Aquarium im Kreis zu schwimmen, sondern überall frei herum zu huschen. In diesem Moment geht die Tür auf und eine fremde Frau tritt ein, die Anna aber doch irgendwie bekannt vorkommt. Und da wird die Geschichte ein kleines bisschen philosophisch. Denn die Frau versichert Anna „du bist nicht allein, Du hast ja dich.“ Beide schauen sich tief in die Augen, und plötzlich erkennt sie, dass sie ihr erwachsenes alter Ego vor sich hat. Die große Anna hat eine Idee und schlägt vor, gemeinsam fortzuschwimmen. Anna tupft mit dem Finger ins Wasser und schon sind sie beide bei den Fischen; aber nicht etwa im Aquarium, sondern frei im weiten, unendlichen Wasser der Meere, wo es „still und angenehm warm“ ist und Anna sich „leicht und frei“ fühlt.
Doch dann ändert sich die Geschichte unversehens. Oder ist es am Ende nicht sogar eine ganz neue, die nun erzählt wird? Denn immerhin müssen wir das Buch nun auf den Kopf stellen, um weiterlesen zu können. Außerdem erzählt Anna nun plötzlich davon, dass sie gerne in die Disco geht, wenn sie im Urlaub ist. Offenbar ist sie also schon älter, zumal sie sich daran erinnert, dass sie sich beim Tanzen ein bisschen so fühlt „wie früher, als wir noch Kinder waren“. Auf den Bildern ist denn auch zu sehen, dass es nun die erwachsene Anna ist, die vom Tanzen in der Disco erzählt. Doch mitten im schönsten Moment gibt es einen ohrenbetäubenden Knall und alles fliegt in die Luft. Irgendetwas ist explodiert! Was die Explosion auslöst, wird zwar nicht gesagt, aber es könnte sich um einen Bombenanschlag handeln. Die nächsten Bilder deuten allerdings darauf hin, dass Anna sich in einem Kriegsgebiet befindet, denn die eben noch fröhlich tanzenden Menschen rennen nach draußen und sehen, dass alle Häuser zerstört sind. Auch scheint die Geschichte nun irgendwo im Süden, vielleicht im arabischen Raum zu handeln. Denn die Menschen in den Ruinen haben zumeist eine dunklere Hautfarbe als Anna. Vielleicht, oder vielmehr sicher hat die Autorin auch an Afghanistan gedacht. Immerhin engagiert sie sich seit Längerem sehr für Menschen, die vor dem talibanischen Terrorregime flüchten müssen. Dieser implizite Hinweis auf Kriege und Anschläge in diesen Regionen gibt der Geschichte jedenfalls auch eine politische Komponente.
Anna entdeckt in den Ruinen ein verzweifelt weinendes Mädchen, das seine Mutter sucht, und erinnert sich an diese Nacht, als sie selbst noch ein kleines Kind war und auf ihre Mutter wartete. Gemeinsam suchen und finden die große Anna und das Mädchen dessen Mutter, und alle freuen sich.
Am Ende der Geschichte, liegt die kleine Anna wieder in ihrem Bett und ihre Mutter ist auch zurück. Seit dieser Nacht, weiß sie, dass sie sich „selbst beschützen kann, auch wenn alles kopfsteht“. Denn beide Geschichten sind mehrfach miteinander verschränkt.
Sind die Illustrationen der ersten Geschichte, insbesondere die unter Wasser, mit den vielen bunten Fischen leuchtend farbenfroh, so sind die der zweiten in gedeckten, fast ein wenig düsteren Brauntönen gehalten, in die allenfalls mal ein blasses Rot oder Gelb sowie ein tiefes, dunkles Blau hineinlugen. Nur Annas Kleid leuchtet noch immer ein wenig hervor, auch wenn es durch die Explosion stark verschmutzt ist.
Die verheerende Explosion kann nach der schönen, durch die Illustrationen geradezu idyllischen Geschichte des Mädchens Anna auch für Erwachsene, die das Buch in der Hand halten, ein kleiner Schock sein. Für Kinder in Annas Alter ist er möglicherweise sogar etwas größer. Doch auch wenn die Explosion verstören mag, so ist sie für die Botschaft, die Haupt ihrem kindliche Publikum mitteilen möchte, notwendig. Genauer gesagt, sind es gleich mehrere Botschaften, oder noch genauer: Ermutigungen. Denn das Buch handelt nicht nur, wie es im Klappentext heißt, von der „Kraft der Phantasie“ und vom „Glück, unerwartet Hilfe zu bekommen“, sondern zeigt auch, dass ein unvorhergesehenes und ganz plötzlich hereinbrechendes Unheil überwunden werden kann. Auch von einem Kind.
Das Aquarium hat die große Anna übrigens auch heute noch. Und gelegentlich stellt sie sich davor und träumt davon, dass sie gemeinsam mit den Fischen davonschwimmt.
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