Carola Neher

geboren am 2. November 1900 in München
gestorben am 26. Juni 1942 in Sol-Ilzek/Orel, Russland

deutsche Schauspielerin
70. Todestag am 26. Juni 2012


BiografieLiteratur & Quellen


Biografie

”...Ich lief die Schienen entlang. Da kam – o Engel vom Himmel – eine Straßenbahn! Ich sprang auf… und meine Mutter blieb, verzweifelt winkend, zurück ... Ich fuhr vom Bahnhof nach Baden-Baden. Dort konnte ich für einen kranken Schauspieler einspringen und spielte noch am gleichen Abend eine stumme Rolle. So kam ich zum Theater.” Es ist der Sprung in ein seit Kindertagen erträumtes Leben. Jetzt kann sie ihn endlich tun, die schweren Kriegsjahre sind vorbei, vorbei die ungeliebte Arbeit in einer Bank, vorbei die Angst vor dem jähzornigen Vater, der sich zu Tode getrunken hat, der die ungebärdige Tochter disziplinieren wollte mit Schlägen, mit dem Verbot des geliebten Klavierspiels.

Eine solide Ausbildung hat sie nicht, ein bißchen Schauspielunterricht, ein bißchen Tanzunterricht hat sie genommen, engagiert für das Baden-Badener Kurtheater wird die Zwanzigjährige eher ihres attraktiven Aussehens wegen. Lange Zeit – sie spielt in Darmstadt, in Nürnberg - ist ihr apartes Gesicht mit den intensiven dunklen Augen, ihr schlanker Körper mit den langen Beinen ihr einziges Kapital. Und sie scheut sich nicht, dieses Kapital sehr bewußt einzusetzen, sich als die männerverwirrende Mondäne zu geben, wenn es sie – neben harter Arbeit, versessenem Lernen – ihrem Ziel ein Stück näherbringen kann.

Ihr Ziel sind die Kammerspiele, in den zwanziger Jahren Münchens innovativstes Theater; neben den Klassikern werden hier fast alle Wedekind-Stücke gespielt, Brecht macht hier seine ersten Regie-Versuche. Wie gerne hätte Carola Neher hier Wedekinds Lulu gespielt, aber in Stückverträgen bekommt sie nur kleine Rollen. Anders wird das erst in Breslau. 1924 ist Breslau, gemessen an München oder gar Berlin, eine Provinzstadt, aber das Lobe-Theater hat einen guten Ruf. Es gilt als Talentschmiede, als Sprungbrett für die große Karriere. Carola Neher wird schnell zum Publikumsliebling, in den zwei Breslauer Jahren spielt sie von der Salondame bis zum Straßenkind, von der Heiligen Johanna bis zur Cleopatra Rollen, die sie endlich fordern.

Sie ist nicht allein nach Breslau gekommen, Klabund ist ihr aus München gefolgt. Sie steht am Anfang ihrer Karriere, der zehn Jahre Ältere hat bereits einen Namen als Lyriker mit seinen Liebesgedichten, seinen Bänkelliedern und Moritaten, seinen zeitkritischen satirischen Texten. Sie “pfeifen, brüllen, schreien und orgeln nach Musik” hat Tucholsky von ihnen gesagt. Klabunds poetisches Stück Der Kreidekreis wird einer der größten Bühnenerfolge der Weimarer Republik; in der Rolle des chinesischen Bauernmädchens feiert auch Carola Neher einen ihrer größten Erfolge.

Proben. Vorstellungen fast jeden Abend, fast jedes Wochenende, daran wird sich auch in Berlin nichts ändern. Berlin ist 1926 der brodelnde, elektrisierende, nie zur Ruhe kommende kulturelle Mittelpunkt und Carola Neher - schnell wird sie “die Neher”, eine von allen Bühnen Umworbene, die sich die Rollen aussuchen kann – kostet lebensgierig alles aus. Viel Zeit füreinander bleibt da nicht. Und sie wissen doch beide, daß ihr gemeinsames Leben – 1925 haben sie geheiratet - begrenzt sein wird. Klabund ist ein todkranker Mann, die Tuberkulose zerfrißt seine Lungen. Immer häufiger verbringt er lange Zeiten in Schweizer Sanatorien. 1928 stirbt er in Davos. Carola Neher ist gerade mitten in den Proben zu Brechts Dreigroschenoper – sie ist seine Wunschbesetzung für die Polly – aber die umjubelte Premiere muß ohne sie stattfinden.

Wie besessen stürzt sie sich nach Klabunds Tod in die Arbeit. Brecht schreibt für sie die Rollen der Heilsarmistin Lilian Holiday in Happy End und die Heilige Johanna der Schlachthöfe, sie feiert ihren größten Erfolg als Marianne in Horvaths Geschichten aus dem Wienerwald, singt und tanzt in der glanzvollen Revue Ich tanze um die Welt mit dir.

Aber der Glanz der “Goldenen Zwanziger Jahre” ist trügerisch. Das politische Klima der zu Ende gehenden Weimarer Republik verändert sich, Hitler greift nach der Macht, vielen Intellektuellen und Künstlern scheint unter dieser Bedrohung die Sowjetunion das Gelobte Land zu sein. Auch Carola Neher und ihr zweiter Ehemann Anatol Becker - sie hat den aus Bessarabien stammenden Ingenieur, der ihr in einer
FrauenbildArbeiterschule Russischunterricht gegeben hat, 1932 geheiratet nach einer Liaison mit dem Dirigenten Hermann Scherchen – kehren sie Deutschland den Rücken. Über Prag gehen sie nach Moskau, 1934 wird dort ihr Sohn Georg geboren. Die Lebensumstände sind erbärmlich, sie hausen in einem Zimmer,

Carola Neher bekommt nur selten Arbeit. Das Gelobte Land wird für beide zur Falle. Anatol Becker wird 1936 als trotzkistischer Verräter verhaftet, die Stalinschen “Säuberungsaktionen” kosten ihn das Leben. Carola Neher wird im Juli 1937 zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt. Fünf Gefängnisse unter entsetzlichen Haftbedingungen durchleidet sie, ihren kleinen Sohn sieht sie nie wieder. Am 26. Juni 1942 stirbt sie an Typhus, allein in einer erbärmlichen Krankenstube.

Brigitte Warkus

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Literatur & Quellen

FrauenbildGaehme, Tita. 1996. "Dem Traum folgen": Das Leben der Schauspielerin Carola Neher. Köln. Dittrich.

Kaulla, Guido von. 1984. "Und verbrenn in seinem Herzen": Die Schauspielerin Carola Neher und Klabund. Freiburg/Br. Herder.

Wegner, Matthias. 1996. Klabund und Carola Neher: Eine Geschichte von Liebe und Tod. Berlin. Rowohlt.

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Alle Frauenbiographien von Brigitte Warkus (1944-2005) sind versammelt in:

Duda, Sibylle & Luise F. Pusch. Hg. 2006. Von Christiane Goethe bis Audrey Hepburn. 21 Porträts von Brigitte Warkus. Rüsselsheim. Christel Göttert Verlag.

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Hedwig Dohm