Maria von Mörl

(Maria Theresia von Mörl)

also available in English also available in Italian

geboren am 15. Oktober 1812 in Kaltern, Südtirol/Italien
gestorben am 11. Januar 1868 in Kaltern, Südtirol/Italien

Südtiroler Stigmatisierte (seit 1834 Trägerin der Wundmale Christi)
145. Todestag am 11. Januar 2013


BiografieZitateWeblinksLiteratur & Quellen


Biografie

40.000 Menschen kamen ihretwegen binnen eines einzigen Sommers nach Kaltern, einem kleinen Weindorf südlich von Bozen. Die Wege waren schlecht, Unterkunft und Verpflegung gab es für die PilgerInnen nur spärlich, aber alle wollten sie sehen, die junge Adelige, die mit gen Himmel gerichteten Augen und zarten gefalteten Händen über dem Bette schwebte. In einer Zeit, als Protestantismus und Modernismus das heilige Land Tirol zu erschüttern drohten, war sie willkommene Galionsfigur zur Verteidigung alter katholischer Werte. In einer Zeit, die auf Kriegswirren und Aufklärung folgte, wollte man sich zu gerne an der ekstatischen Jungfrau erbauen.

Es ist wohl kein Zufall, dass in denselben Jahren sieben weitere ekstatische, stigmatisierte Jungfrauen in Tirol von sich reden machten – kurze Zeit zuvor hätte man sie kaum beachtet, da man sie nicht brauchte.
Keine der Stigmatisierten im Lande Tirol wurde aber so bekannt wie Maria von Mörl, keine erhielt so illustren Besuch. Der Publizist Josef Görres widmete ihr in seinem Alterswerk Über christliche Mystik 30 Seiten, Clemens von Brentano zählte zu ihren großen Bewunderern und besuchte sie mehrmals, zahlreiche Vertreter des österreichischen Kaiser- und italienischen Königshauses machten ihr ihre Aufwartung. Der Papst sandte seinen Sekretär, unzählige Bischöfe kamen, aus Europa, aus England, aus den USA.

***

Maria von Mörl wurde im Oktober 1812 geboren, als zweite Tochter der Maria Katharina Sölva und des Joseph Ignaz von Mörl von Pfalzen zu Mühlen und Sichelburg. Wohl keine Liebesheirat, die Mutter war 17 gewesen, der Vater Anfang 20, sie aus bürgerlichem Geschlecht, er aus altem Tiroler Adel. Als Maria mit 10 Jahren erstmals zur heiligen Kommunion zugelassen wurde, »erschien sie mit den Gefühlen so hohen Glaubens und so inniger Liebe, dass sie, sobald sie die heilige Hostie empfangen hatte, ohnmächtig zusammensank« – so ihre erste Biographin Maria von Buol in dem Büchlein Herrgottskind.

Marias Mutter gebar fast jedes Jahr ein Kind; nach der Geburt des 11. Kindes starb sie im Wochenbett, Maria war 13 Jahre alt. Da sie die älteste Tochter war, oblag es ihr, sich um die Geschwister und um den Haushalt zu kümmern – der Vater ging lieber auf die Jagd.

Drei Geschwister starben im Kindesalter, drei sollten später ins Kloster eintreten. Bis auf einen Bruder, der das Erbe übernahm und heiratete, blieben alle anderen unverheiratet – und lebenslang pflegebedürftig. Maria von Mörl war selbst seit früher Kindheit kränklich; mehrere Biographen berichten, dass der Vater sie nachts – wenn er in angetrunkenem Zustande nach Hause kam – grundlos aus dem Bette warf und sie schlug. Sie versichern auch, sie habe es ihm nie verübelt.

Maria von Mörl

Mit 17 Jahren schon erhielt Maria von Mörl einen eigenen Beichtvater, der sich fast nur um sie kümmerte. Pater Johannes Kapistran Soyers (nicht unumstrittener) Seelenführung vertraute sie sich an bis zu seinem Tode im Jahre 1865.

Er war lange Zeit der Einzige, der sie in Ekstase schicken und aus der Ekstase holen konnte, er trug ihr auf, sich zu geißeln und geißelte sie selbst, bis das Blut an die Wände spritzte: Da es sich bei ihren Zuständen auch um dämonische Plagen zu handeln schien, machte diese Marter – so die Theologin Nicole Priesching – im Kontext der damaligen Mystikkonzeption durchaus Sinn: Das Geißeln, die Marter, um im Leiden mit Christus eins zu werden, aber auch um zu büßen für den Vater, für die Vergehen anderer allgemein.

Mehrmals wurden auch Teufelsaustreibungen bei ihr vorgenommen, nachdem sie Rosshaare, Nägel und Nadeln von sich gegeben hatte und sich aus dem Fenster stürzen wollte. Der Teufel als Handlanger des Heilsplanes: Er stellt die Menschen zwar auf harte Proben, doch bestehen sie sie, sind sie dem Heile um vieles näher.

»Nach der Stärkung mit der heiligen Kommunion wurde sie sehr gequält und gemartert von diesem Empfang, wegen eines Verbrechens das in derselben Nacht begangen wurde. Der Wunsch zu leiden wurde in ihr stärker, es wurde ihr aufs neue eingeschärft, mir Gehorsam zu leisten, damit ich fortfahren soll sie zu martern, was geschehen wird ohne Verletzung der Keuschheit, was ihr Gott in der Krone versicherte«, schreibt der Beichtvater am 10. November 1833 in sein Tagebuch.

Die Leiden der Maria von Mörl sind zweifelsohne eine Untersuchung wert. Die körperliche Misshandlung durch den Vater könnte eine sexuelle gewesen sein, und ihre ekstatischen (hysterischen) Anfälle die Folge sexueller Unterdrückung und sexualisierter Gewalt (sog. »sexuellen Missbrauchs«), ganz im Sinne der Thesen Janets und Freuds zur Entstehung der Hysterie.

In diesem Zusammenhang ist es auch nicht uninteressant, dass 90 Prozent der weltweit rund 600 Stigmatisierten Frauen sind.

Maria von Mörl ist erst nach dem Tode des Vaters ins Kloster gezogen, obwohl sie bereits seit Jahren Mitglied des Dritten, also des weltlichen Ordens war. Das Tertiarkloster in Kaltern verließ sie kaum einmal, mit den BesucherInnen, die man nur mehr gezielt vorließ, sprach sie nie.

Sie starb am 11. Januar 1868 im 56. Lebensjahr und im 36. Jahr »ihres ekstatischen Betrachtens« – wie es in der Chronik der Tertiarschwestern heißt.

Stets hatte sie gebetet, dass ihre Wundmale im Tode nicht mehr zu sehen sein sollten: Am 8. Januar, drei Tage vor ihrem Tod, hatte sie nur mehr Narben an der feinen weichen Haut. Im Tode waren auch jene verschwunden.

Die Frage bleibt offen und muss vielleicht auch gar nicht beantwortet werden: Wann ist etwas Hysterie und wann ist es Mystik? Kann eine Hysterikerin nicht mystisch sein und eine Mystikerin nicht hysterisch?

Astrid Kofler

Seitenanfang



Zitate

Maria v. Mörl, zu Kalter n in Tyrol, hat seit mehr als zwanzig Jahren »die Wundmale des Herrn« in wunderbarer Weise empfangen und trägt sie an ihrem Leibe. Die Handwunden verbirgt sie gewöhnlich. Ein Ungenannter, der sie besuchte, dem sie in dem Augenblick, als er ihre Hand küssen wollte, auf die Hand schlug, sah sie sehr deutlich. Nach dessen Angabe sind sie an der äußeren Fläche der Hand nicht größer als der Kopf eines starken Nagels und wie mit einer Kruste von getrocknetem Blute überzogen. Die Wunden brechen jeden Freitag auf und bluten. Freitag Nachmittag betrachtet sie allwöchentlich den Todeskampf des Herrn am Kreuze in einer Weise, daß sie selber mit ihrem gekreuzigten Meister körperlich leidet. Kniend in ihrem Bette, die Hände gefaltet, die Arme straff am Leibe hinabgestreckt, das Haar aufgelöst, hört man nichts als schweres Athemholen und zugleich ein tiefes Stöhnen. Das trockene Schlucken hallt in ihr weder, als ob es in einen hohlen, zerrissenen Körper gefallen wäre, wie es oft bei Sterbenden vorkommt. Dann athmet sie wieder einige Minuten tief weiter, zieht die Arme noch straffer an, und alle Glieder krachen, als ob sie gewaltsam verrenkt worden. Nach heftigem Stöhnen neigt sie das Haupt, breitet die Arme aus, als ob sie am Kreuze hinge, und sinkt dann langsam auf das Kissen zurück. Maria ist sogar leidend und, wie alle sagen, kränkelt sie hoffnungslos. Der Zulauf ist außerordentlich. Wer sie sieht, soll aber auch einen Schleier weniger vor den Augen haben, der zwischen Diesseits und Jenseits gezogen ist! Wer sie zu sehen wünscht, hat sich an ihren Beichtvater, Pater Kapistran, zu wenden.

(Aus: Das Leben und die Lehre des Mohammad von Aloys Sprenger, erschienen 1861, Nicolai’sche Verlagsbuchhandlung, S. 230)



Maria von Mörl ist die Tochter eines armen, etwas durch Tölpelei und Ungeschick bekannten, adelichen Weingutbesitzers, der verwittwet ist und viele Kinder hat. – Maria war immer als ein gutes, barmherziges, aber einfältiges, frommes Kind gehalten. Vor Allem zeichnete sie ihre große Liebe und Verehrung vor dem heiligen Sakrament aus. Ihr Zustand begann mit exstatischem, langem Gebet vor dem Allerheiligsten. Man mußte sie oft mit Gewalt erwecken und nach Haus nöthigen. Dann kam sie in die steten Erstasen und die Periode der Anfechtungen, durch welche alle solche, den ernsten, reinen Weg der Läuterung zur Vereinigung mit dem Herrn wandelnden Seelen hindurch müssen. Gott ließ es zu, daß der Feind ihr thue, wie dem Hiob, dem Einsiedler Antonius, der Magdalena a Pazzis, Angela von Fuligno u. s. w. – Sie litt unsäglich durch Erscheinungen, Mißhandlungen, und darunter Dinge, die das Unglaubliche benähern und die ich nicht mittheile. Als sie durch dieses Reinigungsfeuer gegangen, kam sie in ihren exstatisch anbetenden und fürbittenden Zustand. Dann vor anderthalb Jahren in die Stigmatisation. Da man noch nichts von ihr wußte, rührte sie der vernachlässigte Zustand ihrer Geschwister. Sie empfahl sie immer Gott, und da in einem adelichen weltlichen Damenstift eine Pfründe erledigt war, sagte sie, man solle für sie darum suppliciren, daß sie für die Geschwister sorgen könne. Die darum gebetenen Freunde erwiederten, es seien so viele empfohlene, angesehene Fräulein vorgemerkt, daß für ein so armes, unbekanntes Mädchen, als sie, gar keine Hoffnung sei. Sie aber bestand darauf und sagte, sie werde die Pfründe wohl bekommen. – So geschah es auch. Sie erhielt die Pfründe von vier hundert Gulden jährlich unerwartet schnell, zu allgemeinem Erstaunen, und da sie selbst nichts braucht, erhält sie davon ihre Geschwister in Schulen und Klosterpensionen und sorgt für dieselben, wie die gewissenhafteste Mutter von ihrem Lager aus, ohne ein Wort zu sprechen, außer das durchaus Nothwendige mit dem Beichtvater.

(Aus: Clemens Brentanos gesammelte Schriften, erschienen 1855 bei J. D. Sauerländer, S. 330-331)


Maria von Mörl



Maria von Mörl (11. Januar). Am 11. Jan. 1868 starb zu Kaltern in Tyrol die schon im Leben vielfach wie eine Heilige gepriesene Jungfrau Maria von Mörl, von welcher es nach einer gütigen Zuschrift ihres Seelsorgers, des derzeitigen Pfarrers und Decans Herrn A. Mairhofer, an welchen wir uns größerer Sicherheit halber gewendet haben, außer Zweifel steht, »daß sie wirklich eine von Gott begnadigte ekstatische Jungfrau gewesen«. Es wird, wie wir aus derselben Quelle wissen, eben jetzt an einer Biographie aus autentischen Quellen gearbeitet. Wir können leider deren Erscheinen nicht abwarten, und geben im Folgenden mit allem Vorbehalt einen kurzen Ueberblick dessen, was uns sonst über sie bekannt ist.
Sie war am 16. October 1812 als die Tochter des Edlen Joseph von Mörl von Mühlen und Sichelburg und der Maria Wald zu Kaltern geboren. Ihre Mutter erzog sie mit großer Sorgfalt und Klugheit bis zu ihrem 14. Lebensjahre in ihrem Hause. Das heranwachsende Mädchen weckte gute Hoffnungen. Besonders zeigten sich schon frühe die Anzeichen außerordentlicher Frömmigkeit. Sie durfte deßhalb in ihrem zehnten Lebensjahre zum ersten Mal die hl. Communion empfangen. Eine zärtliche Liebe widmete sie schon in diesem Alter wie in spätern Jahren den Armen und Kranken, welche sie nach Kräften unterstützte und tröstete.
Beiläufig 14 Jahre alt, wurde sie behufs weiterer Ausbildung in der italienischen Sprache nach Cles (Ecclesia) im Nonthale geschickt und blieb daselbst ungefähr ein Jahr. Hier überraschte sie die schmerzliche Nachricht von dem plötzlich erfolgten Tode ihrer lieben Mutter. Sie eilte nach Hause, um am Vater und an den Geschwisterten deren Stelle zu vertreten. Letztere waren mit Ausnahme eines Bruders, welcher in den Augustinerorden trat, sämmtlich jünger als sie. Zugleich mit der Führung des Hauswesens übernahm Maria so manche schwere Sorge, da die Familie schon zu Lebzeiten ihrer Mutter nahe daran war, gänzlich zu verarmen.
Wenn sie wegen mancherlei Dingen bei den Uebungen der Frömmigkeit, welche Vater und Geschwisterte für Sonderbarkeiten hielten, Widerspruch erfuhr, wurde sie öfter muthlos und ungeduldig. Daß jedoch ihr inneres Streben schon von Kindheit an besser war, als ihre Umgebung nach ihrem äußern Thun schließen zu dürfen glaubte, zeigte sie dadurch, daß sie den Kampf mit sich selbst muthig aufnahm und durch Gebet, Abtödtungen und Bußwerke, strenges Fasten und Abbruch im Schlafe, den sie öfter auf dem harten Boden genoß, allmählig zum Siege fortzuführen sich Mühe gab. Man fand sie zu jener Zeit schon vor Eröffnung der Kirchenthüre auf der Schwelle des Gotteshauses knieend und inbrünstig betend.
Der gewöhnliche Gegenstand ihrer Betrachtungen war während ihres ganzen Lebens das Leiden und Sterben Jesu Christi und die wunderbare unblutige Fortsetzung seines ein für alle Mal am Kreuze gebrachten blutigen Opfers im hl. Abendmahle. So oft sie daran dachte, wurde sie geistig gestärkt und gehoben, empfing sie ein größeres Maß himmlischer Erleuchtung und inneren Trostes, weßhalb die Briefe, welche sie schrieb, und die Gespräche, welche sie führte, die Funken der göttlichen Liebe sprühten, wovon ihr Herz erfüllt war.
Die zu erwartende ausführliche Lebensbeschreibung wird ohne Zweifel auch aus ihren eigenen Aufschreibungen schöpfen und sichere Belege hiefür liefern. Dabei vergaß sie keineswegs die ihr obliegenden häuslichen Sorgen, obwohl sie seit ihrem fünften Lebensjahre fast immer etwas leidend war. Sie litt an Brustbeklemmungen, Blutauswurf und Seitenstechen; auch hatte sie öftere Anfälle von Ohnmachten, was auf Nervenschwäche zu deuten schien. Diese Uebel mußten über sie kommen, um sie zur gänzlichen Abschälung aller irdischen Hoffnungen zu bewegen, indem sie aus eigener Erfahrung erkannte, wie eitel und nichtig dieses Erdenleben sei.
In ihrem 18. Jahre erkrankte sie so schlimm, daß die heftigsten Krämpfe aller Art ihren Körper durchzuckten; Schleim- und Blutbrechen trat so gewaltig auf, daß sie dem Ersticken nahe kam; der Hals schwoll hoch an und die Zunge wurde weit herausgetrieben. Nur mit Mühe konnte sie etwas Limonade genießen. Die Schmerzen überwältigten sie dergestalt, daß sie, sich krümmend wie ein Wurm, laut aufschrie. Der Mund zog sich krampfhaft zusammen, die Augen sanken tief in ihre Höhlen zurück, und den Kopf schlug sie so heftig gegen die Wand, daß man ernstliche Besorgnisse für ihr Leben hegte, weßhalb sie von mehreren Personen bewacht wurde. Der Arzt verordnete die bei solchen Anfällen üblichen Linderungsmittel, es trat zwar allmählige Besserung ein, aber eine Heilung war nicht zu hoffen. Daher entließ sie eines Tages den Arzt, welcher ihr »Linderung« versprochen hatte, offenbar etwas gereizt, mit den Worten: »Nun, wenn keine Heilung zu erwarten, so bedarf ich auch keiner Linderung«. Seitdem zeigte sie sich aber heldenmüthig ergeben.
Am Morgen des 2. Febr. 1832 (Maria Lichtmeß) gerieth sie zum Erstaunen aller Anwesenden das erste Mal für längere Zeit in Verzuckung. Bald nach der hl. Communion faltete sie nämlich die Hände, erhob ihre Augen zum Himmel, und war ganz ohne äußere Empfindung, nur das Angesicht zeigte die Kennzeichen tiefster Andacht. Als man nach zwölf Stunden, während welcher dieser Zustand ununterbrochen fortgedauert hatte, den Beichtvater rief, und dieser sie beim Namen nannte, blickte sie ihn freundlich an und war festen Glaubens, sie habe erst vor ein paar Minuten die hl. Communion empfangen.
Seit dem Monat Juni dieses Jahres wiederholten sich diese Zustände täglich. Am 23. des nächsten Monats begannen heftige Versuchungen. Sie gab eine unnatürliche Lustigkeit zu erkennen, welche mit Ausnahme der Communiontage fast ununterbrochen bis Mitte September fortdauerte. Zu gleicher Zeit bemerkte man in ihrem Munde Stecknadeln und andere Dinge, die sie nur nach langem Bemühen von sich gab. Dieselben Gegenstände fanden sich auch in ihrem Bett vor. Auf und unter dem Betttuch, der Matratze, dem Strohsack lagen Nägel, Haare, Glasscherben und Holzstückchen verstreut. Sie glaubte Männer um ihr Bett zu sehen, die ihr Leckereien, Kastanien und Confect vorhielten, die ihr, sobald sie davon genommen, schmerzliches Stechen und Schneiden verursachten, bis das Zeug wieder aus dem Körper entfernt war. Am 24. Oct. 1833 soll der damalige Ortspfarrer Eberl, welcher diese Dinge lange mißtrauisch ansah, sich in einem Schreiben an den Bischofsitz zu Trient für überwunden bekannt und erklärt haben: »Ich sehe den Finger Gottes«.
Allmählig erlöste sie Gott auf ihr Gebet von diesen Leiden, aber der ekstatische Zustand dauerte fort, weßhalb gerade in diesem Jahre der Volkszulauf am größten war. Man brachte sie, um demselben Einhalt zu thun, in das Kloster der Tertiarerinnen (daß sie selbst diesem Orden angehört habe, ist nirgends angegeben, auch nicht wahrscheinlich), und die Regierung ernannte sie um die nämliche Zeit zur Stiftsdame in Hall, womit eine jährliche Pension von 400 Gulden verbunden war.
Wie sie von dieser Zeit angefangen sich den Besuchern zeigte, und wir sie selbst gesehen haben, fanden wir in folgender Schilderung eben so schön als wahr dargestellt: Ihre ordentliche und gewöhnliche Stellung ist auf dem Bette (das sie wegen Fußverrenkungen nicht verlassen konnte) knieend, und sie legt sich nur nieder, wenn der Gehorsam, oder heftiger Schmerz und Müdigkeit sie zwingt. Sie hat die Sprache und redet nichts, hat das Gesicht und steht nichts; sie lebt und fühlt nichts; man ruft sie an und sie antwortet nichts. Aber sie hört und ist mittheilsam und freundlich mit Allen, die bei ihr sind, sobald der Beichtvater sie ruft und ihr die sie Besuchenden vorstellt.
Die über sie gedruckten Berichte versichern sämmtlich, Maria von Mörl sei stigmatisirt gewesen, und zwar sei am 4. Febr. 1834 die Stigmatisation eingetreten und namentlich an Donnerstagen Abends bei der Oelbergbetrachtung und Freitags bei der Betrachtung des bittern Leidens Jesu sei das Blut durch die Wundmale getreten. Ob dieß wirklich der Fall gewesen ist, können wir nicht sagen. Nach ihrem Tode bemerkte man davon kaum eine Spur.
Die hist.-pol. Bl. (LXI. 466) bemerken, daß ihre Geschichte sich in zwei Worte fassen lasse: »sie leidet und betet – eine Passionsblume, die das Kreuz umrankt«, und setzen hinzu: »In ekstatischer Betrachtung der Geheimnisse des Lebens und Leidens Christi, im Gebet für allgemeine und besondere Anliegen, für ihr theures Vaterland und das Kaiserhaus, im Wohlthun gegen zahllose Arme verbrachte sie die Tage und vollendete sie ihre vom irdischen Glück wahrlich wenig besonnte Lebensbahn«.
Gegen den Herbst des Jahres 1867 fing ihr körperliches Befinden sichtlich an sich zu verschlimmern; vom 17. Sept. angefangen kam sie in einen unerklärlichen Zustand von Angst und Traurigkeit, der bis Mitte October dauerte. Vom 23. October an konnte sie aber wieder regelmäßig die hl. Communion empfangen und ihre gewöhnliche Ruhe und Heiterkeit kehrte wieder zurück. Seit dieser Prüfung äußerte sie öfter, daß sie diesen Winter sterben werde. Von Weihnachten angefangen hatte sie noch unsägliche Schmerzen zu leiden, bisdie Auflösung eintrat. Sie litt bis an ihr Ende mit großer Geduld und und kindlicher Liebenswürdigkeit. Noch am Feste der hhl. drei Könige, fünf Tage vor ihrem Tode, zeigte sie sich in der alten gewohnten Weise gegen Besuchende. Am Abend des 6. Jan. 1868 wurde sie mit den Sterbsakramenten versehen, am 11. starb sie. Ihre Leiche wurde auf ein Paradebett gelegt und in der Klosterkirche zwei Tage lang ausgesetzt.
Ergreifend war der Act der Einsargung und Bestattung. Sie wurde vom Katafalk herabgenommen und unter sichtbarer Rührung und mit großer Ehrfurcht in einen Sarg von Zink gelegt, der dann, nachdem man eine von mehreren Personen unterschriebene Urkunde in einer Kapsel beigelegt hatte, verlöthet und versiegelt, und von einem zweiten hölzernen Sarge umschlossen wurde, ein Umstand, welcher nach unserm unmaßgeblichen Dafürhalten den Schluß zuläßt, daß man eine kirchliche Untersuchung der Leiche behufs Einleitung eines kanonischen Processes wegen ihres außerordentlich frommen und begnadigten Lebens als möglich und wünschenswerth erachte. Am 13. Januar Nachmittags 3 Uhr wurde sie in ihrer Familiengruft auf dem Kirchhofe zu Kaltern bestattet. Ob ihr Grab in irgend einer Weise von den Gläubigen besonders geehrt und vertrauensvoll besucht werde, ob die vorgesetzte kirchliche Stelle die erzählten wunderbaren Erscheinungen bestätigt hat und ob sie wirklich bis ans Ende ihres Lebens fortgedauert haben ist uns nicht mitgetheilt worden.

[Heiligen-Lexikon: Maria von Mörl (94). Vollständiges Heiligen-Lexikon, S. 25900
(vgl. HL Bd. 4, S. 189 ff.) http://www.digitale-bibliothek.de/band106.htm ]

Seitenanfang

 

Seitenanfang


Links

Fleckenstein – Nicole Priesching


Fleckenstein, Gisela: Nicole Priesching – Maria von Mörl (1812 – 1868). Rezension. In: sehepunkte 5 (2005), Nr. 2 vom 15.02.2005.

Google Buchsuche – Maria von Mörl


Google Buchsuche: Maria von Mörl.

Lechner – Maria von Mörl


Lechner, Rainer: Maria von Mörl – Die ekstatische Christusmystikerin von Kaltern (1812 – 1868). etika.com.

Priesching – Mörl, Maria von


Priesching, Nicole: Mörl, Maria von. Kurzbiografie und Sekundärliteratur. Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon.

Schullern – Mörl von Thalegg


Schullern, Ulrich: Mörl von Thalegg. Mit Biografie der Maria von Mörl. AustroArchiv.com.

Wikipedia – Maria von Mörl


Wikipedia: Maria von Mörl.



Letzte Linkprüfung durchgeführt am 24.06.2008 09:09:20 (AN)

Seitenanfang


Literatur & Quellen


Buchfelner, Simon (Hg.) (1841): Die Wundenmale Jesu an den zwei noch lebenden Jungfrauen Dominika Lazari und Maria von Mörl im südlichen Tyrol. Mit kurzer Lebensgeschichte derselben und einem Vorworte über die stellvertretende Genugthuung Christi. Auch ein Christenlehrgeschenk für Feiertagsschüler. Rohrschach. Huber-Righetti.


Buol, Maria von ((1927)): Ein Herrgottskind. Lebensbild der ekstatischen Jungfrau Maria von Mörl aus dem Drittten Orden des heiligen Franziskus. Nach authentischen Quellen dargestellt. Innsbruck. Vereinsbuchhandlung.


Deschner, Karlheinz (1986): Das Kreuz mit der Kirche. Eine Sexualgeschichte des Christentums. München. Heyne (Heyne-Bücher, 7032).


Die Stigmatisirten des neunzehnten Jahrhunderts. Anna Katharina Emmerich, Maria von Mörl, Domenica Lazzari, Juliana Weiskircher, Josepha Kümi, Bertina Bonquisson, Bernarda vom Krenze, Maria Rosa Adriani, Maria Cherubina, Clara vom heiligen Franziskus, Louise Lateau, Hesena von Rosawatta, Margaretha Bays und Esperanza von Jesu. Mit dem Bildnis der Maria von Mörl nach authentischen Quellen herausgegeben (1877). Regensburg. Manz.


F. Th. C. (1848): Maria von Mörl in Kaltern und Dominica Lazzari in Capriana. Einsiedeln.


Felsecker, Franz Joseph (1847): Reise nach Rom mit Berührung der Orte Loreto und Assisi in Italien und den Besuchen der beiden Jungfrauen Maria von Mörl zu Kaltern und Domenica Lazzari zu Capriana in Tirol. Sulzbach. Seidel.

Freytag, Sawicki (Hg.) 2006 – Wunderwelten

Görres 2007 – Hinter der Welt ist Magie

Priesching 2004 – Maria von Mörl


Freimark, Hans (1909): Okkultismus und Sexualität. Beiträge zur Kulturgeschichte der Vergangenheit und Gegenwart. Sinzheim. AAGW, 2003.


Freytag, Nils; Sawicki, Diethard (Hg.) (2006): Wunderwelten. Religiöse Ekstase und Magie in der Moderne. Darin: Katholische Führungspersönlichkeiten zu Besuch bei der Ekstatikerin Maria von Mörl von Nicole Priesching. S. 115–142. München. Fink.


Görres, Joseph (1931): Hinter der Welt ist Magie. Himmlische und dämonische Formen der Magie. Geschehnisse von Heiligen und Sehern, Zauberern und Dämonen. Darin: Maria von Mörl. Leipzig. Bohmeier, 2007.


Grandi, Ignaz (1977): Maria von Mörl. Die Stigmatisierte aus Kaltern in Südtirol. Ein Lebensbild nach geschichtlichen Quellen dargestellt. Hauteville. Parvis.


Griesinger, Carl Theodor (1868): Die heilige Maria von Mörl oder das glaubenstreue Tyrol. Ein Beitrag zur Kenntnis des jesuitisch-pfäffischen Theaterapparats. Stuttgart. Vogler und Beinhauer.


Priesching, Nicole (2004): Maria von Mörl. (1812 – 1868). Leben und Bedeutung einer »stigmatisierten Jungfrau« aus Tirol im Kontext ultramontaner Frömmigkeit. Brixen. Weger.


Priesching, Nicole (2007): Unter der Geissel Gottes. Das Leiden der stigmatisierten Maria von Mörl (1812 – 1868) im Urteil ihres Beichtvaters. Brixen. Weger.


Riccardi, Antonio (1843): Geschichte der durch die Wundmale Christi wunderbar begnadigten, annoch lebenden zwei tyroler Jungfrauen : Maria von Mörl, von Kaltern, und M. Dominica Lazzari, von Capriana. Augsburg. Kollmann.

Seitenanfang

Sollten Sie RechteinhaberIn eines Bildes und mit der Verwendung auf dieser Seite nicht einverstanden sein, setzen Sie sich bitte mit Fembio in Verbindung.

Share Tweet Mail Druck

Seitenanfang

Hedwig Dohm