Seiltanz: Mit Krebs auf naturheilkundlichem Weg und in Beziehung leben

von Felicianna Rosenbusch und Kaie Haas.
Christel Göttert Verlag, 2009.
ISBN: 978-3-939623-15-1
Broschur, 203 Seiten, 17,- €

FrauenbildDas Buch sollte ursprünglich Seitan heißen, erfahre ich am Schluss. Zu Seiltanz wurde es dank eines Hörfehlers der Freundin Doli.

Vor der Lektüre dieses Buches hatte ich von den meisten Dingen, die darin ganz selbstverständlich verhandelt werden, keine oder fast keine Ahnung. Ich tauche ein in einen sehr fremden Alltag, bei dem sich vieles, ja fast alles, um die richtige Ernährung (z.B. mit Seitan) und die richtige feministische und achtsame Lebensweise dreht.

Felicianna, eine der beiden “Heldinnen”, die zugleich die Autorinnen sind, ist Mitte der neunziger Jahre mit etwa 55 Jahren an Krebs erkrankt. Sie hat zwei Knoten in der Brust, die plötzlich, nachdem sie jahrelang harmlos waren, bösartig geworden sind. Und nun geht der Kampf los, der Kampf gegen die Ärzte und Ärztinnen der Schulmedizin, der Kampf gegen die Krankheit und auch der Kampf um die Beziehung zwischen Felicianna und ihrer etwas jüngeren Geliebten Kaie, die auch nicht sehr gesund, aber nun extrem gefordert ist.

Die beiden schreiben ein gemeinsames Tagebuch, in dem wir Schritt für Schritt an der Entwicklung der Krankheit und an ihren Kämpfen, Niederlagen, Hoffnungen und Teilsiegen teilnehmen dürfen/müssen Die beiden sind sehr entschlossen - obwohl alle Welt Felicianna zu einer schulmedizinischen Behandlung mit Operation, Bestrahlung und Chemo rät, lehnt sie das alles ab und sucht eine naturheilkundliche Lösung, und ihre Lebensgefährtin Kaie unterstützt sie darin durch all die Jahre.

Ich habe das Buch auch wie einen Krimi gelesen und nicht hinten nachgeschlagen, wie das Drama ausgeht. Das führte schließlich dazu, dass ich mitten in der Nacht aufstand, um das Buch zu holen und es zu Ende zu lesen, weil mich das Schicksal und der Kampf der beiden so in seinen Bann gezogen hatte.
Der Rückentext lässt das Ende offen, und so will ich hier auch nichts verraten.

Es ist eine sehr fokussierte Geschichte, mit großer Konzentration geht es um wenig mehr als diesen Kampf mit seinen wechselnden Triumphen und Enttäuschungen, bohrenden, brennenden oder dumpfen Schmerzen und Glücksmomenten. Dies macht die Geschichte zwar etwas einseitig - sie hat fast nur dies eine Thema, das in allen Variationen durchgespielt wird (fast alle Freundinnen haben - entsetzlich - ebenfalls Krebs), aber es erzeugt auch einen Sog, dem die Leserin sich schwer entziehen kann.

Eine Leserin, die sich weder mit Krebs, noch mit alternativen Heilmethoden, Makrobiotik, veganer Ernährung, Tarot, QiGong etc. auskennt (wie ich), kann das Buch auch als Einführung in eine ganz fremde Welt lesen, die mitten unter uns, mitten in Berlin, mit großer Entschlossenheit offenbar von vielen Frauen gelebt wird. Fast wie ein anthropologisches Fachbuch über alternatives Leben und alternative Ernährung.

Vor allem ist es aber ein detaillierter Bericht darüber, wie eine Liebe zwischen zwei Frauen hier und heute in der alltäglichen Praxis gelebt wird, und wie sie selbst unter schwersten Belastungen Schönheit entstehen lässt: Feliciannas Haiku-Gedichte, die den einzelnen Kapiteln vorangestellt sind, sind eine schöne und tröstliche Begleitung durch die Hölle einer Krebskrankheit.

Luise F. Pusch am 23.09.2009

Frauen bewegen die Welt

Frauenbildvon Iris Berben und Nicole Maibaum

Droemer Sachbuch, 352 Seiten, gebunden, 19,95 Euro

 

 

Dieses Buch ist ein Kraftpaket zur rechten Zeit. Mit großer Sensibilität erzählen die Autorinnen die Lebensgeschichten von 24 zeitgenössischen Frauen auf der ganzen Welt. Herausgekommen ist ein Spektrum an Biographien, das weibliche Stärke, Willenskraft und Entschiedenheit dokumentiert.

Oft aus sehr ungünstigen oder sogar höchst schmerzlichen Lebensbedingungen heraus haben diese Frauen einen Weg gefunden, härteste Ungerechtigkeit zu bekämpfen und - oft unter Lebensgefahr - dem Patriarchat etwas entgegenzusetzen, das über ihre Existenz weit hinaus wirkt.

Spannend sind diese Geschichten und aufrüttelnd. Sie stimmen aber auch tröstlich, weil sie zeigen, dass Engagement nie sinnlos ist. Sie sind ein Weckruf, sich in dieser Welt, statt zu klagen oder zu verzweifeln, lieber zu engagieren und mit anderen zu vernetzen. Werte haben dann auch bei den herrschenden verheerenden Zuständen eine Überlebenschance.

Da ist zum Beispiel die italienische Camorra-Bekämpferin Silvana Fucito, die die Mafia-Mitglieder vor Gericht bringt und mehr und mehr Geschäftsleute dazu bewegt, sich zu wehren. Da ist die tibetische Nonne Phuntsok Nyidron, die der chinesischen Herrschaft ihr Leben entgegenstellte und Gefängnisse und Folter überlebte, um weiterhin für die Freiheit Tibets zu kämpfen - einLeben, dessen Tapferkeit kaum zu überbieten ist. Da ist die russische Journalistin Anna Politkowskaja, die die Autorinnen als Heldin bezeichnen: Sie hatte die Gräuel des Tschetschenienkrieges bekannt gemacht und selbst humanitäre Hilfe geleistet. Sie gewann das Vertrauen eines ganzen Volkes und bezahlte schließlich mit ihrem Leben.

Frauen, die niedergeschlagen sind oder eine Sinnkrise erleben, sollten dieses Buch unbedingt lesen, um aus den Beispielen neue Kraft zu schöpfen. Engagierten Frauen wird es Rückendeckung geben in Zeiten, die nach Misserfolg aussehen oder von allzu vielen Widerständen geprägt sind. Das Buch zeigt der Leserin aber auch, wie aus einem starken Wunsch nach Gerechtigkeit sogar internationale Bewegungen und Organisationen entstehen können, die vielen Menschen eine Orientierung geben. Die Veränderung unserer Welt ist möglich. Ein phantastisches Buch, das zur rechten Zeit kommt und das in keinem Bücherschrank fehlen sollte!

Evelyn Thriene

Luise F. Pusch am 01.05.2009

Maria Mies: Das Dorf und die Welt - Lebensgeschichten Zeitgeschichten, 2008

PapyRossa 2008, 307 S., Euro 19,90

Rezension von Renate Klein

Maria Mies. Ob frau sie kennt aus dem Kampf um das erste autonome Haus in Köln für geschlagene Frauen, von ihren berühmten Methodischen Postulaten für eine engagierte Frauenforschung, als Kritikerin an Gen- und Reproduktionstechnologien, als Mit-Initiatorin der Subsistenzperspektive, oder von den internationalen Anti-Globalisierungskampagnen, Maria Mies ist international bekannt als nimmermüde, couragierte Aktivistin und Intellektuelle, die in klaren Worten die Situation analysiert, zu Widerstand aufruft, und neue Wege vorgeht - in Theorie und Praxis.

FrauenbildIch habe ihre Lebens- und Zeitgeschichten Das Dorf und die Welt mit Begeisterung verschlungen und viel dabei gelernt. Und das, obwohl ich Maria Mies schon seit fast 30 Jahren kenne. Es ist ein spannendes Buch, dass uns nicht nur ihre Lebensgeschichte, sondern auch ein wichtiges Stück Zeit- und Frauengeschichte vermittelt. Ihre Erinnerungen sind nuanciert und reflexiv. Sie sind auch wunderschön geschrieben. Das Dorf und die Welt hat mich betroffen gemacht und zum Denken angeregt: was haben die vergangenen 60 Jahre uns Frauen gebracht?, wie hat sich der Feminismus gewandelt?, wie setzen wir uns mit Rückschlägen auseinander?, wie könnte die Zukunft aussehen? Vor allem aber zeight uns das Buch, dass eine einzige mutige Person, zusammen mit Gleichgesinnten, tatsächlich etwas bewegen kann, wenn es um die Beseitigung von Gewalt und Benachteiligung von Frauen und anderen Ausgebeuteten geht.

Ich hoffe sehr, dass junge Frauen ihr Buch lesen werden, dass sie Maria Mies’ Theorie und Praxis in Arbeitsgruppen heiss diskutieren werden, und dass sie das Gelesene zu neuen Wegen - und Taten! - inspiriert! (Für uns ältere Feministinnen ist es ein ‘must read’: es sind Erinnerungen an eine Zeit in der auch wir gekämpft/geliebt/gelacht/verloren/gewonnen haben.)

Das Dorf und die Welt ist ein ehrliches Buch. Maria Mies beschönigt nichts und verdeutlicht, dass wir uns durch unsere Kämpfe, Erfolge und Misserfolge verändern, wie auch die Welt sich verändert, manchmal zum Guten, oft zum Schlechten. Vor allem lehrt uns Maria, dass im ‘Dorf’ wie auch in der ‘Welt’ zu leben uns allen helfen kann über die Kleinkariertheit des Bekannten hinauszuwachsen: ‘Wer vom Aussen auf das Innere und vom Inneren auf das Äussere blicken kann, kann vieles nicht mehr so ernst nehmen.’ Worte einer weisen Frau die wir uns alle zu Herzen nehmen sollten in dieser Welt voll von Hass gegen ‘die Andern.’

Marias Mies wurde 1931 in einem kleinen Selbstversorgerbauerndorf in der Eifel geboren.  Als ‘Nummer sieben’ von zwölf Kindern (acht Brüder, vier Schwestern; sie war die Älteste in der Sechsergruppe der Kleinen) erlebte sie eine glückliche Jugend - eng verbunden mit der Natur. Liebevoll, und im Detail beschrieben, kommt die Vulkanlandschaft der Eifel vor unseren Augen zum Leben: das Tal, die Allmend, wo Holz gesammelt wurde, der ‘wilde Steffelberg’ (später zerstört und in einen sterilen ‘Vulkangarten für Touristen’ umgestaltet), der Gemüsegarten, das Haus, und die grosse Küche, wo sich das Leben der Familie abspielte, das Milchschaf Lottchen (Maria half mit beim Scheren und Kämmen der gesponnenen Wolle) und die Schweine, die gekochte Kartoffeln frassen. Die Eltern gaben den Kindern ein bodenständiges Selbstvertrauen: ‘Sie dachten nie, dass wir einmal etwas “Besseres” werden sollten.’ Der Vater war ‘ein stolzer Mann’, der wusste, dass er alles, was man zum Leben brauchte, selbst erwirtschaften konnte. ‘Ein jähzorniger Patriarch wie er im Buche steht,’ sagt Maria, aber auch ein Bauernphilosoph und ein guter Vater. Die Mutter war die Stärkere von Beiden, ‘… er war immer der erste, der Frieden machte, ich war stur.’ ‘Wer will, der kann’ war ihr Motto - und ihre Kraft und ihr Optimismus scheinen sich auf Maria übertragen zu haben, wie auch die Verbundenheit der Mutter mit allem Lebendigen: Tieren und Menschen. Trotz harter Arbeit und einem neuen Kind fast jedes Jahr, lebte sie ein glückliches Leben: auch das ein Lebensmotto für Maria. Die Familie hatte nie Geld, aber es gab immer etwas zu essen. Und ein Geschenk von der Mutter für jedes Kind zu Weihnachten. Diesen Lebensmut und die ‘Bodenhaftung’ wird Maria ihr ganzes Leben nicht verlieren; wie sie selbst sagt, sie ‘…bewahrte mich auch vor allzu luftiger Romantik und weltfremdem Idealismus. Ich weiss, dass die Nahrung nicht aus dem Supermarkt kommt, sondern aus der Erde.’ Erste Anfänge der Subsistenztheorie und -praxis als Zukunftsperspektive, die sie mit grossem Erfolg zusammen mit Claudia von Werlhof und Veronika Bennholdt-Thomsen Ende der 70-er Jahre entwickeln wird. Der liebevoll und detailliert beschriebene Rückblick auf ihre Kindheit, wo Maria oft die Geschichtenerzählerin war und originelle Theatervorführungen inszenierte (anstatt beim Abwaschen zu helfen!), ist für mich einer der Höhepunkte des Buches.

Maria war das erste Mädchen aus dem Dorf, das eine Höhere Schule besuchte und Abitur machte. Eine Serie von ‘glücklichen Zufällen’ - und eine Primarschullehrerin, die sie unter ihre Fittiche nahm - machten es möglich, dass sie eine ganze Reihe von Schulen besuchen konnte, die eigentlich nicht für arme Landmädchen offen waren. Mit 16 bestand sie die Aufnahmeprüfung in ein ‘Pädagogium’, das zum Abitur und Ausbildung als Volkshochschullehrerin führte. Sie hatte tolle LehrerInnen, die ihren Intellekt sowie Sprachen (Englisch und Französisch), Selbständigkeit und Kreativität förderten. ßßß Ihr war schon früh klar, dass sie weder als Dienstmädchen nach Köln gehen noch heiraten wollte: ‘Ich wusste sehr früh, wer ich war und was ich wollte. Von klein auf war mir klar, dass ich eine Künstlerin war.’ Den Künstlerinnentraum konnte Maria zwar letztendlich strikte genommen nicht erfüllen - obwohl man sie sicher eine Lebenskünstlerin nennen kann -  doch verbrachte sie eine glückliche Schulzeit, unterstützt und gefördert von LehrerInnen, die wohl ihre vielfältigen Talente früh erkannten. Ein reformpädagogischer Direktor regte zu Kooperation und gegenseitiger Hilfe statt individueller Leistung und Konkurrenz an. Ihre Politisierung begann mit dem Vorschlag für einen Schulboykott gegen den Beschluss der Bundesregierung, die Wiederbewaffnung einzuführen: “’Nie wieder Krieg!’: diesen Slogan hielten wir hoch.”

Männern nachzurennen war Maria zu dumm, obwohl auch sie wie ihre Schulfreundinnen für gewisse Lehrer und Lehrerinnen schwärmte. Die ‘Tanzereien’ bei denen frau warten musste, bis ein biertrinkender Mann sie zum Tanz aufforderte, fand sie demütigend (was mich schmunzelnd an meine eigene Jugend erinnerte, wo ich wie Maria als Mauerblümchen dasass, wartete - und mich ‘vor-feministisch’ ärgerte über dieses System!).  Lieber schlug sie sich mit ihrem Skizzenblock durch die Wälder.

Trotzdem war es ‘die grosse Liebe meines Lebens’, die die Neunzehnjährige ein Jahr vor dem Abitur auf ihrem Lebensweg vom Dorf in die Welt weiterbrachte. Zulfiquar war Moslem, stammte aus Ostpakistan (dem heutigen Bangladesh), und war Funker auf einem pakistanischen Schiff. Maria lernte ihn kennen vor dem Deutschen Museum in München, auf einer Rundreise durch Deutschland, die sie in einem Wettbewerb als ersten Preis für ein Plakat über die Geschichte des Verkehrs gewonnen hatte. Nach einem Jahr mit ‘Hunderten von hellblauen Briefen, die nach Teer und der weiten Welt rochen’, trafen sie sich wieder. Maria war bis über beide Ohren verliebt in den schönen dunklen Seemann, und Zulfiquar wollte sie heiraten. Doch die Warnsignale des katholischen Mädchens waren zu stark: einen Moslem heiraten? Unmöglich. Drei Tage lang trafen sie sich jeden Nachmittag in einer leeren Wirtsstube. Danach gab es lange Jahre einer Brieffreundschaft, die von der Schulzeit über das Studium zur Volksschullehrerin und die ersten Berufsjahre anhielt. Maria liest die Bibel, den Koran. Die Lösung, die sie sucht, findet sie nicht, dafür legt sie die Grundsteine ihrer späteren Patriarchatskritik: dass die Dominanz eines eifersüchtigen, monotheistischen Gottes zur Kontrolle der Frauen dient. Zudem, so überlegt Maria heute, war ihr Widerstand Zulfiquar zu heiraten vielleicht auch ein “…Teil einer unbewussten, feministischen Strategie, die mir zwar das Gefühl vermittelte, geliebt zu werden, gleichzeitig aber meine Freiheit nicht einschränkte.”

Diese romantische Liebe gab ihr die Einsicht, dass “… der Mensch nur da etwas versteht, wo er liebt”, dass man ohne Fühlen nichts versteht, und dass Heimweh und Fernweh miteinander verfliessen. Stark war der Drang, den Osten und Orient zu erkunden. Doch zuerst kamen Jahre als Volksschullehrerin und die Erfahrungen in Sommerarbeitscamps in Deutschland, Frankreich und im Libanon. Dann 1962 ein weiteres Examen mit Schwerpunkt Englisch und Deutsch als Realschullehrerin. Der Lebenstraum Künstlerin musste ad acta gelegt werden: die Ideen waren oft toll, aber immer wieder stiess Maria an “…die technischen Grenzen meines Könnens.”

Das Fernweh wurde drängender. Maria war jetzt Beamtin und ökonomisch abgesichert aber “… um mich herum war nichts, was mich inspiriert hätte. … Ich wollte etwas zur Veränderung der Welt beitragen.” 1962 bewarb sie sich erfolgreich um eine Lektorenstelle am Goethe-Institut in Pune in Indien: Der Aufbruch in die Welt hatte begonnen. In den nächsten fünf Jahren beginnt Maria, in das Leben und die Geschichte Indiens einzutauchen. Statt unter ‘Indienschock’ zu leiden, fühlt sie sich zu Hause; statt Romantik über Fernweh in ihrem Briefwechsel mit Zulfiquar lebt sie nun die Realität und fühlt sich wohl. Sie lernt Indien kennen und lieben als ihre zweite Heimat. Wieder beginnt ein Briefwechsel. Diesmal mit Saral Karkal aus Kalkutta, der am Goethe-Institut in Pune studiert hatte: Wo findet ein Atheist die Inspiration, wenn er die Welt verändern will, will Maria wissen? Aber sie ist vorsichtig, will den Briefwechsel nicht zu persönlich werden lassen. Sie will weder heiraten noch ihre Freiheit aufgeben. Sie ist eine von zwei Frauen, die das Goethe-Institut weltweit angestellt hat, und sie unterrichtet Inder und Inderinnen, die Deutsch lernen wollen. Dabei wird sie neugierig: Wieso wollen Frauen Deutsch studieren, wenn es doch klar zu sein scheint, dass für ihre Familien die Heirat das wichtigste Ziel ist? Unterstützt von einer imposanten indischen Anthropologin macht Maria ihre erste soziologische Umfrage - der Weg als feministische Soziologin hat begonnen! Mit grosser Ehrlichkeit macht Maria jedoch klar, dass sie zu dieser Zeit wenig Wissen über Kolonialismus oder patriarchalische Geschlechterverhältnisse hatte und - wieder ein Kernsatz für alle LeserInnen - wie wichtig es ist, ein politisches Bewusstsein zu haben, um bestehende Verhältnisse analysieren zu können. Wie sie sagt: ‘Dass Sehen und Verstehen nicht identisch sind, ging mir erst auf, als ich eine Feministin geworden war und mich an den Kämpfen um Frauenbewegung beteiligte.’ Die Zeit in Pune war der Anfang ihres feministischen ‘consciouness raising:’ Als ihr eine Bibliothekarin Betty Friedans Buch The Feminine Mystique (1963) zu lesen gibt, ergeben viele ihrer Beobachtungen in Deutschland und Indien einen Sinn. Ausserdem erinnert sie sich: “Mir wurde auch klar, dass die Frauenbefreiung mein zukünftiges Thema sein würde.”

Die fast fünf Jahre in Pune kamen im Dezember 1976 zu einem abrupten Ende als Maria Mies zu ihrer schwerkranken Mutter nach Deutschland zurückkehrte. Die Mutter überlebte, und Maria begann ihren nächsten Lebensabschnitt: ein Soziologiestudium in Köln bei einem Professor, der so begeistert war von ihren Erfahrungen in Indien, dass er ihr vorschlug, doch gleich über die komplexe Situation indischer Frauen in einer patriarchalischen Gesellschaft zu promovieren - wieder einer der ‘glücklichen Zufälle’ in Marias Leben.

Zurück in Deutschland fühlte sich Maria zunächst wie in einem fremden Land (auch das eine Erfahrung die all den LeserInnen bekannt sein wird, die je ihr Mutterland verlassen haben): In den fünf Jahren, die sie in Indien verbracht hatte, waren die Deutschen reich geworden durchs ‘Wirtschaftswunder.’ Ihre begeisterten Erzählungen aus dem “armen Indien” wurden nicht verstanden. Dieses Gefühl der Entfremdung änderte sich allerdings schnell, als Maria in der StudentInnen- und dann Frauenbewegung aktiv wurde, die sich seit 1968 international ausbreitete. Sie verschlang Marx, Engels, informierte sich über den Positivismusstreit und wurde Mitglied des Politischen Nachtgebets in Köln (gegründet von Dorothee Sölle), das nach dem Motto “Bloße Analyse und Kritik reicht nicht” politische Diskussionen in den Kirchenraum und Teilnahme an Demonstrationen in seine Aktionen integrierte. Maria nahm Teil an kritischen Veranstaltungen über Entwicklungs”hilfe”, Emanzipation der Frauen, und, 1972, zusammen mit Claudia von Werlhof, über die Zukunft von Ost-Pakistan, das seit 1971 ein eigener Staat, Bangladesh, ist. (Mit Claudia von Werlhof arbeitet Maria auch heute noch zusammen, und durch die Kritik an Gen-und Reproduktionstechnologien und FINRRAGE wird sie sich eng mit Farida Akhter aus Bangladesh verbinden.) Seit 1971 nennt sie sich eine Feministin. Die öffentliche feministische Kritik an den internationalen patriarchalischen Religionssystemen ermöglichten es Maria Mies 1973 aus der Kirche auszutreten; als Besiegelung schreibt sie das Gedicht ‘Wir Frauen sind Gott-los,’ in dem sie sich von dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs genau so verabschiedet wie von Allah, Shiva und Krishna (und 1984 bekam auch “die Göttin” noch eine Strophe: “Und die Uralt-Junge/Die immer schon da war…/Wieso nennen wir es Göttin”?).

Inzwischen arbeitete sie - selbstfinanziert - weiter an ihrer Doktorarbeit und kehrte nach Indien zurück. Promotion 1972. Ihre Dissertation, veröffentlich als Indische Frauen zwischen Unterdrückung und Befreiung (1973), erschien auch in Indien als Indian Women and Patriarchy - übersetzt von Saral Sarkal, den Maria 1976 geheiratet hatte. Obwohl beide eigentlich gegen Heirat waren, war die politische Situation in Indien in den siebziger Jahren für Linke wie Saral gefährlich geworden. Und Maria hätte als “unerwünschte Person” ausgewiesen werden und Saral gefährden können - also schien es besser, ihre Beziehung zu legalisieren. Allerdings hatte Maria nie im Sinn, ihre Stelle als Professorin für Soziologie an der Fachhochschule Köln aufzugeben. So blieb es bei einer “Besuchsehe” bis 1982, als Saral nach Köln übersiedelte, wo beide heute leben.

In den nächsten zwei Jahrzehnten wurde Maria Mies als engagierte Feministin in der Frauenforschung international berühmt. Als Dozentin in Köln entwickelt sie sieben Methodische Postulate, die sie aus ihrer engagierten Aktionsforschung mit Blick ‘von unten’ und zusammen mit den Forschungs”objekten” durch den Kampf für das erste autonome Haus für geschlagene Frauen in Köln erarbeitet (mein erster Kontakt mit Maria Mies kam durch diesen methodologischen Ansatz zustande, der meine eigene Forschung stark beinflusste). Auch ihre langjährige Zusammenarbeit mit Veronika Bennholdt-Thomsen und Claudia von Werlhof über den Subsistenzansatz, wie auch die spätere feministische Kritik an der neoliberalen Globalisierung sind weltweit bekannt. (Das Dorf und die Welt enthält eine ausgezeichete Zusammenfassung über Subsistenz als Zukunftsperspektive.)

Ihr Hauptwerk Patriarchy & Accumulation on a World Scale. Women in the International Division of Labour (1986), das für Frauen im Süden wie auch im Norden relevant ist, wurde zuerst auf Englisch veröffentlicht und macht sie zu einer der originellsten feministischen Theoretikerinnen: Sie verlor nie den Boden unter den Füssen und betonte wieder und wieder, dass erst durch eine engagierte Praxis eine Situation verstanden, verändert und theoretisiert werden kann. Und das gilt sowohl für die Situation von Frauen im Dorf wie auch der Welt. Weitere Untersuchungen in Indien mit Frauen in der Heimindustrie (The Lacemakers of Narsapur, 1982)und mit Landarbeiterinnen brachten ihr Konzept der ‘Hausfrauisierung’ (housewifization) an eine breite internationale ¨Oeffentlichkeit. Von 1979 bis 1981 entwickelte sie einen wichtigen Graduiertenkurs (MA) ‘Women and Development’, am Institute of Social Studies in Den Haagin den Niederlanden. Studentinnen aus dem Süden, aber auch einige aus den Niederlanden, studierten miteinander - wiederum inspiriert von Maria Mies’ leidenschaftlicher Theorie und Praxis in denen sie immer wieder betont dass “…gemeinsam erlittene Ausbeutung und Unterdrückung durch patriarchale, koloniale und kapitalistische Verhältnisse” viel wichtiger sind als Unterschiede von Frauen, bedingt durch Geografie, Sexualität, Rasse oder Religion.

Meine Zusammenarbeit mit Maria Mies begann in den 80-er Jahren, wo wir als Mitstreiterinnen im feministischen Netzwerk FINRRAGE (Feminist International Network of Resistance to Reproductive and Genetic Enginneering) manches Hoch und Tief des Wiederstandes Wider die Industrialisierung des Lebens (Mies 1992) teilten. Es geht weit über den Rahmen dieser Rezension hinaus auszuführen, wie wichtig Marias scharfsinninges Verständnis für die globalen sozio-politischen Zusammenhänge bei der Beurteilung der Gen- und Reproduktionstechnologien war - und ist. Maria Mies spielte eine zentrale Rolle auf FINRRAGE Konferenzen in Deutschland, Schweden, Spanien und Bangladesh. Ihre Aufsätze zum Thema ‘My Body, My Property,’ oder die Invasion dieser Technologien “… in die Natur, den weiblichen Körper, oder in eine fremde Gesellschaft …” machten klar, dass Gewalt “…notwendigerweise mit dieser ‘Wissenschaft’ gekoppelt’ ist. Diese Erkenntnisse brachten Maria - wie auch mich und viele andere FINRRAGE Mistreiterinnen - dazu, das Selbstbestimmungskonzept - ein Zentralkonzept der Frauenbewegung - kritisch unter die Lupe zu nehmen. In “Selbstbestimmung - Das Ende einer Utopie?” (Mies, 1989) zeigte Maria Mies erneut, dass sie sich nie scheut, alte (geliebte) Dogmen neu zu überdenken. Der Marxsche (und linke) Glauben an Technologie-als-Fortschritt hielt ihrer Kritik nicht stand, und wie oft in ihrem Leben, schrieb sie ein ironisches Lied für eine Strassenaktion in Köln ‘Lassen Sie sich patentieren! (Zu singen auf die Melodie: Freude, schöner Götterfunken).’ Auch das Copyright bringt zum Lachen: ‘Maria Mies, Köln 1996 © Common Intellectual Property of People with Resistance Genes (CIPPRG).’

Im letzen Drittel des Buches beschreibt sie Aktionen der Frauenfriedensbewegung; ihre Zusammenarbeit mit Vandana Shiva zum Thema Oekofeminismus; eine neue Bewegung “Diverse Women for Diversity”, Frauen und Nahrung, und schliesslich Kampagnen gegen Globalisierung, wie zum Beispiel gegen das MAI (Multilaterale Abkommen über Investitionen, 1998); GATS und Privatisierung (General Agreement on Trade in Services, 2003). Das Buch - wie die Welt - wird hektisch: der neoliberale “Raubtierkapitalismus” des “Mainstreams”,  mit einer Dosis Postmoderne vermischt, lähmt auch die Frauen. Kritische Feministinnen sind je länger je weniger gefragt.

Maria Mies ärgert sich, macht aber weiter, schreibt neue Bücher (Lizenz zum Plündern, 1998; Globalisierung von unten, 2001; Krieg ohne Grenzen, 2004). Ihr Buch offeriert wunderbare Anekdoten: eine Konferenz in den Niederlanden, 1993, wo der eingeladene Nobelpreisträger - ein Mann - einen Vortrag über die ungleiche Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern hält und von den jungen ZuhörerInnen begeistert beklatscht wird. Maria staunt: Es war klar, dass die feministischen Analysen der siebziger/achtziger Jahre zu Hausarbeit im Kapitalismus vergessen waren, und dass “…unsere eigenen Einsichten und Schlussfolgerungen erst dann von der Oeffentlichkeit - einschliesslich der Frauenöffentlichkeit - akzeptiert und gewürdigt werden, wenn sie von prominenten Männern vorgebracht wurden/werden.2 Eine ärgerliche Tatsache, die wir alle bestens kennen! Trotzdem, wie Maria schreibt, ist es “… eine schmerzliche Erkenntnis”,  dass viele unserer wichtigen Arbeiten heute in der Mottenkiste liegen…ein weiterer Grund Das Dorf und die Welt zu lesen!

Maria Mies eilt weiter von Kongress zu Demonstrationen und Globalen Foren, schreibt intensiv und gibt Vorträge: die WTO (World Trade Organisation) Jahrtausendrunde in Seattle (1999) endet mit einem Fiasko, der internationale Widerstand gegen die globale Freihandelspolitik wird gestärktund entwickelt sich zu einer “Globalisierung von unten.”  Sie bleibt inspiriert, nicht nur “…weil ich mit vielen Menschen aus der ganzen Welt in Verbindung stand, zusammen mit ihnen kämpfen und meine Kreativität entfalten konnte, sondern weil ich mit ihnen zusammen tatsächlich etwas bewegen konnte, weil wir Erfolg hatten.”

Trotz dieser Erfolge erkennt Maria Mies, dass die Neoliberale Politik des “Mainstreams”immer mehr zum Dogma wird: Hochschulen bieten keine kritischen Kurse mehr an, die Linke ist zerstritten, die Medien reaktionär. Und demonstriert wird auch nicht mehr. Beim ersten Grosskongress von ATTAC in Deutschland, in Berlin im Jahr 2000, wird der Zusammenhang von Frauen und Globalisierung nicht einmal erwähnt. Mit Gleichgesinnten wie Eva Quistorp gründet Maria Mies auf der Stelle ein Frauennetzwerk, das als eigene ATTAC Arbeitsgemeinschaft am Kongress angenommen wird. Ein Erfolg, aber wie Maria schreibt, hatte sie “…das schale Gefühl von déjà vu. … Wieso sahen die Männer immer noch keinen Zusammenhang zwischen der Geschlechterfrage und anderen sozialen Fragen?” Erinnerungen an den Tomatenwurf von Helke Sanders 1968 bei einer Versammlung des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund), der als Beginn der Frauenbewegung gilt!

Die Kritik an Gewalt gegen Frauen durch patriarchalische Manifestationen in der Familie, technologische “Fortschritte”,  Globalisierung und Krieg zieht sich wie ein roter Faden durch Marias Lebenswerk. Frauenhandel, Prostitution und Ausbeutung von Arbeiterinnen in der globalisierten Welt im Süden wie im Norden werden immer drastischer. Die Zusammenhänge werden oft nicht verstanden. Dass “eine andere Welt möglich ist” - ein Slogan der beim ersten Weltsozialforum (WSF) in 2001 in Porto Alegre (Brasilien) erfunden wurde - gibt neuen Mut, doch wird es immer schwieriger, die radikale Linie der Ablehnung der Globalisation zu verfolgen. ATTAC und andere progressive Organisation verstehen sich als “KritikerInnen” - nicht “GegnerInnen.” Sie meinen, dass Globalisierung “verbessert” werden kann. Wie naiv solche Ideen waren/sind, zeigt die gegenwärtige dramatische, weltweite Finanzkrise.

Maria beschliesst, in Zukunft nicht mehr in alle Welt zu reisen, um an solchen Massenveranstaltungen teilzunehmen. Sie setzt ihre Aufklärungsbemühungen auf der lokalen Ebene fort: zurück aus der ‘Welt’ ins ‘Dorf’ oder doch wenigstens in ihre Stadt Köln. Als Mitglied von Feminist ATTAC organisiert sie 2003 einen grossen, interationalen Kongress: “Frauen, GATS und Privatisierung.” Der Kongress ist ein grosser Erfolg. Frauen aus Indien, Bangladesh, England, Kanada, Oesterreich und Deutschland zeigen die drastische Verschlechterung der Situation von Frauen in Verbindung mit Gesundheit, Gewalt und Ausbeutung auf. Auch die gefährliche Privatisierung von Wasser und ihre Auswirkungen auf Frauen wird von Maude Barlow (Kanada) und Vandana Shiva (Indien) diskutiert. Wie der Frauenkongress gegen Gen- und Reproduktionstechnologien 1985, ist auch der “… Anti-GATS Frauenkongress 2003 der Auftakt für viele andere Veranstaltungen gegen die Privatisierung des Dienstleistungssektors: des Wassers, des Gesundheitwesens, der Bildung, der Energie, und gegen die Verwandlung des gesamten Lebens in Waren.”

Doch Maria Mies ist erschöpft: sie will nicht weiter solche grossen Veranstaltungen organisieren. Stattdessen schreibt sie ihr nächstes Buch Krieg ohne Grenzen (2004) und gibt Vorträge dazu landauf, landab. Das Thema geht nicht spurlos an ihr vorbei: ‘Das Thema “Globalisierung und Krieg” war mir buchstäblich unter die Haut gegangen.’ Auch die Suche nach einer neuen Vision ist nicht einfach. “Das Kapital als Religion” wird von vielen als pragmatische Realitität akzeptiert: TINA (There is No Alternative). Dagegen schreibt, spricht, demonstriert Maria weiter. Gartenarbeit in ihrem Dorf gibt ihr Mut und Kraft weiterzumachen. Mit und nicht gegen die Natur zu arbeiten, ist lebenswichtig. Momente des glücklichen Lebens, auch wenn die Weltsituation miserabel ist.

2006 wird Maria Mies krank und muss eine Pause einlegen. Doch sie gibt die Hoffnung nie auf: Kritisches Denken und Handeln sind lebensnotwendig, um Wege zur Veränderung zu finden, weil “eine andere Welt möglich ist und schon begonnen hat.” Das Dorf und die Welt ging im September 2008 in Druck, also vor dem dramatischen Zusammenbruch der Weltwirtschaft. Prophetisch klingen Marias Worte zum Credo des Neoliberalismus:
Ohne Wettbewerb keine Investition, ohne Investitionen keine Arbeitsplätze. Ohne Arbeitsplätze kein Wohlstand, keine Gleichheit, kein Frieden. Obwohl die tagtägliche Erfahrung uns zeigt, dass diese Behauptungen nicht stimmen, sollen wir daran glauben. Also: Credo quia absurdum (ich glaube weil es widersinning ist).

Sicher wird die englische Version des Buches (geplant für 2010) ein Nachwort zu diesem düsteren Kapitel haben. Ich kann nur hoffen, dass die Lebensgeschichte von Maria Mies mit all ihrem Mut, Humor, Intellekt und all ihrer Leidenschaft junge wie ältere Frauen inspirieren wird, so dass wir gemeinsam das nächste Kapitel des Feminismus beginnen können. ‘Failure’, wie die US amerikanische Feministin Susan B Anthony sagte, ‘is impossible.’  Wir müssen an ein glückliches Leben glauben. Im Dorf und in der Welt. Ich bin Maria Mies zutiefst dankbar für dieses wunderbare Buch.

Renate Klein, Biologin und Soziologin. Bis 2006 feministische Professorin für Frauenstudien in Australien. Mitbegründerin von FINRRAGE und Spinifex Press.

Luise F. Pusch am 20.02.2009

Paula Modersohn-Becker: Paris – Leben wie im Rausch

Renate Berger
Paula Modersohn-Becker: Paris – Leben wie im Rausch
Gustav Luebbe Verlag, 2007

rezensiert von Senta Trömel-Plötz


Frauenbild
Renate Bergers Bücher büßen erstaunlicherweise, so schnell sie auch eines nach dem anderen erscheinen, nichts von ihrer Brillanz ein. Mit Paula Modersohn-Becker: Paris – Leben wie im Rausch ist der Autorin wieder ein bemerkenswertes Buch gelungen.

Das Thema, die Paris-Aufenthalte von Modersohn-Becker und ihre Einbindung in einen größeren Kontext, nämlich das Leben und die Gedanken von europäischen Künstlerinnen, die alle zu dieser Zeit um ihrer Kunst willen nach Paris kamen, ist neu und spannend. Für Modersohn-Becker waren ihre Paris-Aufenthalte wesentlich für ihre Kreativität und ihr künstlerisches Selbstbewusstsein. In Paris fühlte sie sich befreit und frei: “Liebe Schwester, ich werde etwas – ich verlebe die intensiv glücklichste Zeit meines Lebens.” (Mai 1906) Dass es nur zeitlich begrenzte Aufenthalte waren und sie sich nicht wie andere Künstlerinnen, z.B. Breslau oder Cassatt, entschließen konnte zu bleiben, sogar nachdem sie sich schon für Paris und die Scheidung von Modersohn entschieden hatte, sollte ihr und ihrer Kunst zum tragischen Ende gereichen. Berger geht dem Grund, warum Modersohn-Becker nicht in Paris und in ihrem Glück verweilen konnte, eher indirekt nach. Frau oder auch man kann, je nach politischem Bewusstsein, etwas erschließen oder auch nicht, denn es wird nie explizit ausgesprochen, dass Modersohn immer wieder ein kreatives Hindernis für seine Frau war oder dass Hoetger, der Modersohn-Becker den unguten Rat gab, zu ihrem Mann zurückzukehren (den sie befolgte), nur ökonomische Gründe nannte (und diese aus seiner patriarchalen Sicht), ihre Gefühle aber missachtete.

Diesen Männern und nicht ihren eigenen Gefühlen folgte Modersohn-Becker: “Gib mich frei, Otto, ich mag Dich nicht zum Manne haben. Ich mag es nicht.” (3.9.1906) Berger schließt sich sogar dem männlichen Interpretationssystem an, wenn sie Modersohn-Beckers Dilemma als unausweichlich, “ohne private oder berufliche Alternativen” darstellt. Aus der Sicht der bürgerlich-patriarchalen konventionellen Männer um Modersohn-Becker herum, Rilke eingeschlossen, da er sich dem Gespräch mit Modersohn-Becker entzog, gab es nichts anderes für eine Frau als: zurück zum Ehemann. Dass Modersohn-Becker weibliche Unterstützung fehlte, dass ihr feministisches Gedankengut fehlte, dass ihr Künstlerinnen als Vorbilder fehlten, obwohl sie in Paris umgeben war von Künstlerinnen – sie hatte offensichtlich keine Kontakte zu erfolgreichen selbständigen Künstlerinnen, ihre Kurzaufenthalte mit ein Grund - , dass Modersohn-Becker sich nur an Männern orientierte, wird von Berger nicht thematisiert und nicht kritisch gesehen. Hier verweigert auch die Biographin noch einmal weibliche Unterstützung. Einzige Freundin Modersohn-Beckers, die sie verstand, war Clara Westhoff-Rilke, aber gerade sie, die als hochbegabte Künstlerin selbst so schwer kämpfen musste, die sich verausgabte, um mit ihrer Kunst sich und später sich und ihre Tochter zu ernähren, konnte keine Ermutigung sein zum autonomen Leben als Künstlerin, im Gegenteil. Und so ging Modersohn-Becker zu ihrem Mann zurück, der sie nicht verstand, in ihre Ehe zurück, in der die Leidenschaft erloschen war, zurück in das dunkle, “enge” Worpswede. Und starb bald darauf im Kindbett.

Bergers Biographie ist kein angriffiges, kein radikales Buch; es ist eher angepasst an den momentanen akademischen Ton, mit der Betonung des Männlichen, mit elegant angedeuteter oder unterlassener Kritik – Patriarchatskritik als Camouflage wenn überhaupt. Frau freut sich dann umso mehr, wenn ab und zu doch die Dinge beim Namen genannt werden. Es ist jedoch ein anspruchsvolles, unsentimentales und oft berührendes Buch, letzteres überhaupt der Grund für meine Rezension. Mich interessiert nur noch eine Biographie, die so tief wie möglich geht – aus Liebe zu der Person. Die Liebe, so verhalten sie sich darstellt, ist zu spüren bei Renate Berger: Dass sie die Monate und Wochen zählt, in denen Paula Modersohn-Becker frei und glücklich und kreativ war in Paris, dass sie ihr ihre Konventionalität verzeiht, dass sie einen Satz wie diesen über Modersohn-Becker sagt ohne jegliche Qualifizierung: “Sie ließ sich von niemandem einnehmen,” mehr Wunschvorstellung, wahr und auch das Gegenteil wahr, ihre wundersamen Bildbeschreibungen (S.171, S. 219) und vor allem das ganz zauberhafte Ende des Buches, wo die Freundin, Westhoff-Rilke, Früchte auf das Grab von Modersohn-Becker legt und Modersohn-Beckers Mutter ihr schreibt, dass Paula sie ”mehr liebte als einen anderen Menschen auf der Welt”. Wenn es nicht wahr wäre, hätte Renate Berger dieses Ende erfunden!

So hat die Autorin Renate Berger viel Kredit bei mir, schon wegen ihrer anderen Bücher, aber dieser Kredit hört bei Rilke auf. Ihre bizarre Rilkeverehrung beeinflusst ihre Fakten und noch schlimmer ihre Sprache:

Berger sieht Westhoff-Rilke und Rilke weitgehend als Paar, was den Fakten widerspricht (siehe Marina Sauers exquisite Dissertation und Biographie), sie idealisiert dieses Paar und seine anfänglichen Ziele und lässt unerwähnt, dass ihr Leben als Künstlerpaar misslang, dass ihre Ehe misslang, und vor allem ihr Leben als Paar mit Kind völlig misslang – Rilke verließ seine Frau mit Baby nach eineinhalb Jahren Ehe, weil “er sie nicht ernähren konnte.”

Berger behauptet, dass nur Rilke Modersohn-Becker verstand; ich bestreite dies aus vielen Gründen und behaupte, dass Westhoff-Rilke sie mit Sicherheit besser verstand und obendrein auch zu ihr stand, im Gegensatz zu Rilke.

Bergers Sprache, die eigentlich eine Leichtigkeit hat und manchmal eine Schärfe, mit der sie in ein paar Worten etwas präzise trifft, wird in Anlehung an Rilkes verbale Selbstgefälligkeit und verkitschte Pathetik oft selbst befremdend und bemüht: “das Drama des Werdens” S.11, “Biographie ihres Werdens” S.15, “ein Bild wie ein Gebet” S.205, “Gebärden zu Gott” S.260, “Rilke ein Gebender” S.273. Als Linguistin wehre ich mich gegen das Geschwafel vom “Werden” und die strukturelle Gleichsetzung mit Modersohn-Beckers “Ich werde etwas”. “Ich werde etwas” ist nicht gleich “ich werde” und “dass es etwas wird” ist nicht gleich “das Werden” von S.69. Modersohn-Becker wollte etwas ganz Bestimmtes, ganz Konkretes werden, nämlich eine Künstlerin; sie war kein “Wesen, das sich mit Haut und Haaren dem Werden anheimgegeben hatte” (sic! S.235) und “ihr Werden” von S.15 ist schlicht im heutigen Deutsch ihre Entwicklung als Künstlerin. Als Linguistin, die zum Sexismus im Deutschen publizierte, wundere ich mich über fehlende sprachliche Sensibilität, wenn ich auf der allerersten Seite des Buches eine Referenz auf Modersohn-Becker mit “ein Mensch, der – er – sein” finde. Keiner Lektorin eines renommierten US-Verlages wäre eine solche Falschbenennung entgangen.

Renate Berger entschädigt mich jedoch schon auf den nächsten Seiten mit feinen Formulierungen. Ich freue mich an den Asymmetrien, die sie aufzeigt, wenn sie Künstlerinnen und Künstler vergleicht, an den Umkehrungen (S.240, 245), die uns helfen etwas zu sehen, an ihrer impliziten Korrektur von Rilkes “Mädchen” oder “Frau eines berühmten Malers”, wenn er von Modersohn-Becker spricht. Ich freue mich an diesen Feinheiten ihrer Sprache.

Als Feministin wehre ich mich gegen die zahlreichen Männerzitate, insbesondere die Rilke-Zitate. Das Buch beginnt und endet mit Rilke. Dazwischen haben wir Rodin und Nietzsche und um das Maß voll zu machen nochmal Rilke. Obwohl das Buch einer Frau gewidmet ist, wird uns auf derselben Seite in totaler Diskrepanz, wenn nicht Geschmacklosigkeit ein unsäglich schwülstiges Rilke-Zitat zugemutet: “Heilig sind die, welche werden” (sic!) Besonders ärgerlich angesichts der Tatsachen ist Rilkes Sentenz “Man soll sich immer gefährden.” Soll das ein Ratschlag für eine Frau sein oder für einen Mann, von einem, der sich mit Gönnerinnen umgab und sich nie gefährdete, der jedoch seine Frau und seine Tochter auf unterschiedliche Weise ein Leben lang gefährdete. Jedenfalls haben die beiden Lesarten

man soll sich immer gefährden
frau soll sich immer gefährden

sehr unterschiedliche Bedeutungen und unterschiedliche Grade der Dummheit.

Diese Zitate sagen natürlich etwas aus über die Autorin und auf wessen Seite sie sich schlägt. Das finde ich besonders schade, weil Renate Berger hier Künstlerinnen, Dichterinnen, Schriftstellerinnen, Philosophinnen zum Schweigen brachte, obwohl sie die interessante These aufstellt, diese Frauen gewännen “eine zweite geheime Existenz” mit ihren autobiographischen Texten. (S.10) Da hätte es sich angeboten, eine von ihnen am Anfang jedes Kapitels sprechen zu lassen anstatt wieder und wieder Rilke mit seiner gänzlich obsoleten und semantisch leeren Sprache.
Modersohn-Becker durchschaute übrigens Rilkes Verbosität bei semantischer Leere: “Die eigentliche Nuss ist hohl.”

Im Text jedoch finden wir einen Schatz von Frauennamen, freuen uns am Wissen der Kunstwissenschaftlerin, am Reichtum ihrer Bibliographie, an der Behandlung von Künstlerinnen in der Literatur mit separater Bibliographie. Das alles ist eindrucksvoll, und ich frage mich, warum Berger, der es wirklich nicht an faszinierendem neuen Material mangelt, uns Rilke auftischt.

Spiegelt sich hier in der Biographin nochmal Modersohn-Beckers Ambivalenz zwischen dem Wunsch nach Akzeptanz in der Männerwelt und der Sehnsucht nach weiblicher Autonomie?

Hier sind wir wieder beim Thema des Buches: die Entwicklung Modersohn-Beckers auf die Situation von Künstlerinnen aus aller Welt zu beziehen. Wird das geleistet? Modersohn-Becker wird zwar in einen Kontext gestellt, wo wir über andere Künstlerinnen, ihr Leben, ihre Ideen und Schaffensbedingungen einiges erfahren, sie wird auch ausführlich mit Westhoff-Rilke kontrastiert, aber sie bleibt unter diesen Künstlerinnen eher die Ausnahme, bescheiden, brav, anonym, zurückgezogen, ohne Kontakte und - antifeministisch. Teilt sie wirklich Vorstellungen mit diesen Künstlerinnen wie Berger behauptet (S.9), kannte sie überhaupt bedeutende, international gefragte Malerinnen (S.11), welche Verbindungen gab es zu anderen Künstlerinnen – diese Fragen bleiben unbeantwortet, es sei denn Modersohn-Beckers Unwissen über ihre Vorgängerinnen, von denen sie profitierte (S.32) und von denen sie sich absetzte (S.45) ist eine intendierte Antwort.

Dohm zu lesen oder Breslau persönlich zu kennen wäre nützlicher für Modersohn-Becker gewesen als sich mit Modersohn, Rilke, Nietzsche, Hauptmann, Sombart, Hoetger abzumühen. (Fast erinnert sie an Ingeborg Bachmann, die sich auch mit Männern umgab). Diese Männer hatten negative Erwartungen an Frauen, vor allem ihre Ehefrauen - Rilke zerstörte geradezu Westhoff-Rilke als Künstlerin; von ihnen war nichts zu erwarten wie sie auch von ihrem eigenen Vater nichts zu erwarten hatte. Trotzdem hing sie an ihrer aller Worte. Modersohn unterstützte sie zeitweilig, machte sie aber auch abhängig von seinem Geld. Nach der anfänglichen gegenseitigen Hochschätzung und Inspiration folgte seine explizit negative Kritik sowohl ihrer Kunst wie auch ihres Charakters; erst als er sie zu verlieren drohte, kamen seine sexuelle Großzügigkeit und seine Treue zum Vorschein. Die Tatsache, dass Modersohn-Becker ihre Bilder praktisch vor allen versteckte, zeigt uns wie sehr sie sich schützen musste: eine Reaktion auf ihre ungeschützte, verletzbare, verwundbare Situation allein unter all den Männern, inklusive Vater und Bruder, und leider auch den Frauen ihrer Familie.

Es besteht eine Gefahr bei so viel Männerpräsenz und Betonung ihrer Sicht durch Zitate und Gedichte, einen negativen Raum zu schaffen, in dem wir Modersohn-Becker dann auch so sehen, wie die Männer sie sahen. Berger ist dieser Gefahr nicht immer entgangen.
Das größte Verdienst von Modersohn-Becker ist es, ihre Kunst nicht aufgegeben zu haben, entgegen den Negativprognosen ihres Vaters, der ihr eine Stufe über dem Mittelmaß vorhersagte, entgegen den Negativerwartungen der ganzen Gesellschaft, in der sie aufwuchs und in der sie eingebettet blieb - trotz ihrer Parisaufenthalte. Dass sie, obwohl sie im deutschen Patriarchat lebte und aufging, hartnäckig bei ihrer Kunst blieb, darin zeigt sich ihre Stärke als Künstlerin und auch als Frau.

 

Luise F. Pusch am 27.01.2009

Alles klar für Sansibar von Renate Rochner

ALLES KLAR FÜR SANSIBAR

und

DAS MÄDCHEN, DAS NICHT NIEDLICH WAR


zwei Kinderbücher von
RENATE ROCHNER

Rezension von Andrea Schweers

FrauenbildDie Bremer Grafikerin und Fotografin Renate Rochner, Jahrgang 1929, ist eine wunderbare Tante! Für ihre Nichten und Neffen, Großnichten und Großneffen hat sie jeweils ein persönliches Buch geschrieben bzw. gezeichnet. Zwei davon sind jetzt im Selbstverlag erschienen und auch für andere LeserInnen zugänglich.

Alles klar für Sansibar entstand nach einer Afrikareise, die die Autorin u.a. auf die Gewürzinsel vor der ostafrikanischen Küste führte. Die dort gesammelten Eindrücke haben sie inspiriert zu der Geschichte von Billy, dem hellrosa Schwein aus Hasenbüren an der Weser. Billy geht es gut im heimischen Stall bei Ricus und Rieke, wo sie wohlversorgt und geborgen ist. Aber andererseits träumt sie – angesichts der Schiffe, die sie auf der nahen Weser vorbeiziehen sieht – von unbekannten, fernen Ländern. FrauenbildUnd zudem sind ihr beunruhigende Gerüchte über Wurstmaschinen zu Ohren gekommen. So schleicht sich Billy eines nachts als blinde Passagierin auf das Schiff „Explorer“ und landet, nach einer langen Überfahrt, schließlich im tropischen Sansibar. Dort gibt es nicht nur einen herrlichen Strand, Sonne und Mangos im Überfluss und freundliche, braune Artgenossen, sondern auch die gute Nachricht, dass die Menschen kein Schweinefleisch essen. Ein echtes Schweineparadies!!!

FrauenbildRenate Rochner hat die liebenswerte kleine Geschichte mit wunderschönen farbigen Zeichnungen illustriert, die nicht nur Kinder, sondern auch erwachsene (Vor)leserinnen zum Träumen bringen.
Das Buch im DIN-A-5-Format kann auch in einer englischsprachigen Version unter dem Titel It’s so far to Zanzibar bestellt werden.

Renate Rochner
Alles klar für Sansibar
17 Seiten,  9 farbige Zeichnungen
Selbstverlag
18,- Euro + 3,- Euro Versandkosten
für Kinder ab 3 Jahren

Das Mädchen, das nicht niedlich war erzählt von Renate Rochners eigener Kindheit in Bremen, beginnend mit ihrer Geburt 1929 bis zum Kriegsausbruch und der Evakuierung der Familie aus der bombenbedrohten Stadt. Renate hatte ein Schielauge Frauenbild(das später operiert wurde), trug eine unvorteilhafte Brille, hasste Haarschleifen und prügelte sich mit Jungen – kurzum, sie war nicht niedlich, und das wusste sie damals schon. Aber sie war sich sicher, sie hatte etwas „Anderes“ – tollkühnen Mut zum Beispiel. Sie kletterte auf Bäume und Schuppendächer (von denen sie auch mal herunterfiel), sauste mit einer selbstgebauten Seifenkiste den Weserdeich hinunter (bis kurz vors Wasser), spielte unter dem Bauch der dicken Kutschpferde des nachbarschaftlichen Lumpensammlers (zum Schrecken ihrer Mutter).

Von all diesen Abenteuern erzählt Renate Rochner in einer einfachen, kindgerechten Frauenbild
Sprache, wobei wir nebenbei auch etwas über die schwierigen Lebensbedingungen der Familie in der Vorkriegszeit erfahren: ein arbeitsloser Vater, der manchmal Wutausbrüche bekommt; eine Mutter, die versucht, mit wenig Geld eine große Familie zu versorgen; lange Fußwege zum Jahrmarkt, weil die Straßenbahn zu teuer ist; das wöchentliche Bad in der Zinkbadewanne; das Leben im neuen Stadtteil Grolland (errichtet für arme, kinderreiche Familien), wo die Straßen 1937 noch aus Knüppeldämmen bestanden und die Häuser weder Strom noch Kanalanschluss hatten.

Illustriert ist der Text mit historischen Familienbildern aus Renate Rochners persönlichem Fotoalbum. Ein ernstes, witziges und informatives Kinderbuch, aber auch ein schönes Geschenk für Ältere, besonders natürlich aus Bremen, die mit ihrer Kindheit ähnliche Erinnerungen verbinden!


Renate Rochner
Das Mädchen, das nicht niedlich war – Eine Kindheit in Bremen
29 Seiten,  12 historische Schwarzweißfotografien
Taschenbuchformat
Selbstverlag
ab 6 Jahren
15,- Euro + 3,- Euro Versandkosten

beide Bücher zu bestellen bei:

Renate Rochner
Vehrels 47
28259 Bremen
Tel. 0421 51 32 44
email: .(Javascript muss aktiviert sein, um diese Mail-Adresse zu sehen)

Luise F. Pusch am 28.04.2007

“Ich habe mir geschworen, nicht zu schweigen.” Eva Bormanns Lebensgeschichte

‘Ich habe mir geschworen, nicht zu schweigen.’
Die Lebensgeschichte der Eva Bormann

hg. von Friedrich Grotjahn.
Lutherisches Verlagshaus GmbH.
Hannover 2006

Rezension von Birgit Rühe-Freist

Frauenbild“Eva Bormann ist ein Kind ihrer Zeit. Sie heiratet jung. Beide Eheleute sind fromme ChristInnen und werden zu überzeugten NationalsozialistInnen. Ihr Mann stirbt als Soldat im Zweiten Weltkrieg. 1943, mit dreißig Jahren beginnt sie Tagebuch zu schreiben. Über ihrer “Schreiberei”, wie sie es selbst nennt, beginnt ihr Wandel. In den Jahren 1943 bis 1958 führt sie so das Gespräch mit ihrem verstorbenen Mann. Sie wird in dieser Zeit zur engagierten, kämpferischen Pazifistin, die ihren Weg geradlinig durch die deutsche Nachkriegsgeschichte geht. Aktiv bis ins hohe Alter ist sie eine aufmerksame Beobachterin der politischen Szene.” (Klappentext)

Eva Bormann lebt in einem Senior/innenheim in Oelber am weißen Wege (ein Ortsteil der Gemeinde Baddeckenstedt im Landkreis Wolfenbüttel, Niedersachsen). In diesem Jahr wird sie fünfundneunzig. Ich lernte sie in den siebziger Jahren kennen, als sie in dem Dorf Heere, in dem auch ich lebe, das ‘Herrenhaus’ gekauft hatte. Das Haus war viele Jahre eine Zigarrenfabrik gewesen und so heruntergekommen, daß die Kirche das Erbe ausschlug. Eva ließ, rechtzeitig vor den Herbststürmen, das Dach neu decken und rettete so das Haus. Sie richtete darin ein Zentrum für Friedensarbeit ein. So wohnte z.B. der Amerikaner Eric Bachmann, erster Trainer für gewaltfreie Aktionen in Deutschland, sieben Jahre in Heere. 1994 erhielt Eva Bormann das Bundesverdienstkreuz für ihre Friedensarbeit. 1988 interviewte ich Eva Bormann und schrieb vieles aus ihrem Leben auf (unter dem Titel “Eva, eine Frau für den Frieden”). Nun hat der Theologe, Schriftsteller und Journalist Friedrich Grotjahn, mein Material einbeziehend, ein Buch über sie geschrieben. Er hat in akribischer Kleinarbeit ihre Tagebücher ausgewertet, ihre Gespräche mit ihrem toten Mann notiert. Friedrich Grotjahn hat in überzeugender und spannender Weise die Wurzeln freigelegt, die Eva Bormann zur Pazifistin machten. Erkennbar wird der Weg einer Mystikerin, die ihren eigenen Weg sucht und dann mutig geht. Immer auch ist es eine Auseinandersetzung mit dem männlichen Denken: (Tagebuchnotiz vom 12.Febr. 1956 an ihren Mann) “Christus leidet, aber fügt kein Leid zu. Jeder Krieg steht in krassestem Gegensatz zu dieser Liebe…; es ist ein weiter Weg, den wir noch gehen müssen.” Bis ins hohe Alter stickte Eva Bormann Teppiche: “Die Farben locken mich, die Linien laufen wie von selbst. Sie verdichten, verschlingen, durchkreuzen sich, werden zu einem Gebilde, das mich selbst überrascht. Ich nehme alles, auch unsympathische Farben, grelle, schreiende, tote, nichtssagende - so wie Menschengeflecht, menschliche Gesellschaft, so vielfältig, so unterschiedlich nebeneinander und durcheinander lebt und webt und zusammengehört.”

Viele Jahre stickte Eva Bormann an einem Teppich für Rußland. Sie schickte ihn - die Perestroika hatte kaum begonnen - nach Artemowsk bei Kiew, wo ihr Mann 1943 begraben wurde. Der Teppich schien verlorengegangen zu sein. Doch 1994 erfuhr sie durch Freunde, daß er in einer Mädchenschule seinen Platz gefunden hat. Auf diesem Teppich stehen, parallel angeordnet in deutscher und russischer Sprache, die Worte:

Es soll geschehen
Nicht
durch Heer oder Kraft
sondern
durch Liebe und Vertrauen
1943-1985

 

Luise F. Pusch am 22.01.2007

Helke Sander über Eva Herman: Das EVA-Prinzip

Vorbemerkung der Redaktion: Eigentlich wollen wir hier nur Bücher empfehlen. Das Eva-Prinzip können wir natürlich nicht empfehlen (deshalb fehlt auch ein Link), wohl aber Helke Sanders Rezension. Wie jeder Text von Helke Sander bietet er wichtigen Stoff zum Nachdenken.

Barbie sucht Ken

Das EVA-Prinzip, von Eva Herman, Pendo Verlag München 2006

Jede und jeder kann natürlich jeden Blödsinn in die Welt setzen, sofern sich jemand findet, den auch zu veröffentlichen. Insofern kann ich mich über Eva Herman nicht besonders aufregen. Was mich allerdings aufregt, ist die Tatsache, dass sie von der TAGESSCHAU kommt, dem „Flaggschiff des seriösen Journalismus“, wie gerne gesagt wird.

Wenn eine derartig geschulte und durch Seriosität geprägte Journalistin praktisch auf jeder der 260 Seiten über den unheilvollen Einfluss DER Frauenbewegung und DER Feministinnen auf die bundesdeutsche Gesellschaft schreiben kann, ohne dass ihr Verlag Genauigkeit verlangt hätte oder wenigstens eine Bibliographie und Anmerkungen zur Abstützung ihrer Behauptungen, dann finde ich das weitaus bemerkenswerter als ihre Thesen - auch vor dem Hintergrund, dass gleichzeitig die Zeitungen, Nachrichten, Gesprächsrunden im Fernsehen voll sind von Ermahnungen, nicht von DEN Moslems zu schreiben, die gewaltbereit seien oder DEN Türken, die ihre Töchter zwangsverheiraten). Bei DEN Feministinnen kommt’s offenbar nicht so darauf an.
Frau Herman entdeckt als späte Mutter, dass die Gesellschaft, in der sie mit ihrem Kind nun angekommen ist, weder ihr noch dem Kind gut tut. Sie blickt sich um und sieht Misstände. Darum ist nicht alles falsch, was in dem Buch steht, aber das Richtige ist nicht etwa neu oder eine Entdeckung von Herman.

Es ist vor allem ein lausig recherchiertes Buch, das unglaublich ärgerlich zu lesen ist für alle diejenigen, die sich seit langem mit der Nachkriegsgeschichte in beiden Deutschlands befasst haben und eine Ahnung haben von den Auseinandersetzungen über die Erreichung auch nur der kleinsten Ziele, um auch Frauen das Gefühl zu vermitteln, dass ein demokratischer Staat auch sie meint und die ausserdem wissen, welchen Schwankungen, Konflikten, Richtungsstreitigkeiten alle diejenigen ausgesetzt sind, die über eine politische Bewegung die Verhältnisse ändern wollen und welche Rolle der Vernebelung die grossen Medien dabei gespielt haben.

Der Text von Herman ist durch und durch mariniert im Widerwillen oder sogar Hass der Autorin gegen DIE Feministinnen. Sie wirft ihnen vor, Kinderlosigkeit und Männerfeindlichkeit propagiert zu haben. Zum Teil stimmt das sogar. Sie unterschlägt aber, dass diejenigen in der Frauenbewegung, die andere Richtungen verfolgten, von den offiziellen Medien, zu denen Frau Herman gehörte, nicht zur Kenntnis genommen wurden.

Frauen aus der Frauenbewegung, die die Kinderfrage zu ihrem Thema machten, waren für die Medien, zu denen Frau Herman bisher gehörte, nicht attraktiv. Diese Frauen boten keine einfachen Lösungen. Sie machten das Dilemma zum Thema, dass seit Jahrhunderten die Stabilität der Familie auf der Rechtlosigkeit der Frauen beruhte und dass natürlich die formelle Gleichberechtigung (die auch erstmal errungen werden musste und muss) diese Stabilität zerstört, ohne sofort bessere Alternativen anbieten zu können. Dass Frauen-und Kinderfrage zusammen gehören, war DAS Thema der beginnenden neuen Frauenbewegung und stiess auf absolutes Desinteresse aller führenden Medien. Es bot mehr Kick, wenn in den Zeitungen Mütter vorgestellt wurden, die aus der Tatsache, dass sie ihr Kind alleine haben wollten, eine Ideologie machten. Simone de Beauvoir und ihr männerähnliches Leben ohne Verantwortung für Kinder vorzustellen war attraktiver, als die Kritik daran, die ebenfalls aus der Frauenbewegung kam. Eine Kritik an der ganzen Gendertheorie, die durchaus existiert, findet nicht den Weg in die grossen Medien; es war nicht attraktiv für die Medien, über die Planung einer feministischen Partei mit Männern, in deren Mittelpunkt das Kind stand, nicht nur zu berichten, sondern dies in einen kontinuierlichen Diskussionszusammenhang zu stellen. Das von Herman erwähnte „Müttermanifest“ ist ein Beispiel unter vielen anderen vorangegangenen, über das zwar viel intern gestritten wurde, aber eben nicht in den allgemeinen Medien usw. usw.

In einer Art Wortdurchfall schildert die Autorin, dass der Feminismus den Frauen die Sehnsucht nach Kindern ausgetrieben habe. Anstatt ihre Kinder zu geniessen, würden sie sie zu schnell in Krippen und Kindergärten geben und so wesentlich zur Zerstörung der Familien beitragen und selber schuld am kommenden einsamen Alter sein und alles nur deswegen, weil sie sich selbst verwirklichen wollen. Sie ignoriert z.B. völlig die Anstrengungen, Kindergartenplätze für Migrantenkinder zu schaffen, damit sie frühzeitig Deutsch lernen und so später in der Schule und im Beruf reale Chancen haben.

Vielleicht bewirkt der Ärger über dieses Buch, das ja eine ungeheure Auflage und Medienpräsenz hat (und vielleicht genau deswegen mit dem Holzhammer arbeitet, weil es Auflage bringt), dass kompetentere und weniger vereinfachende Leute sich berufen fühlen, die angesprochenen Konflikte mit mehr Intelligenz und Recherche zu vertiefen.

© Helke Sander Sept. 06
————-
FrauenbildAnm. in eigener Sache: Von Richtungsstreitigkeiten in der Frauenbewegung über die Kinderfrage handelt mein eigener selbstproduzierter (weil sich keine Sendeanstalt für das Thema interessierte) Film „Mitten im Malestream“, zu beziehen als DVD über neuevisionen.de.

Anm. 2: Eins der informativsten und aufregendsten Bücher zur Frauen- und Familienpolitik seit der Nachkriegszeit ist Robert G. Moellers Geschützte Mütter, dtv München 1997.

Luise F. Pusch am 17.09.2006

Sibylle Plogstedt: Frauenbetriebe - Vom Kollektiv zur Einzelunternehmerin

Sibylle Plogstedt:
Frauenbetriebe - Vom Kollektiv zur Einzelunternehmerin.
Ulrike Helmer Verlag 2006

Rezension von Helke Sander

Das Sein verstimmt das Bewusstsein

Man kann Plogstedts Buch mindestens unter zwei Gesichtspunkten lesen.
Zum einen ist es das, was auch der Titel sagt: eine soziologische Untersuchung über verschiedene von Frauen geleitete Betriebe. Anders als der Titel vermuten lässt, meint Sibylle Plogstedt damit allerdings ausdrücklich nur solche Betriebe, die sich durch innerhalb der neuen Frauenbewegung entstandene Bedürfnisse gebildet haben und deren Gründerinnen sich als frauenbewegt verstanden. Sie meint nicht solche Unternehmen - durchaus aus den gleichen Branchen -  die schon immer von Frauen gegründet und erfolgreich geleitet wurden und werden, wie Verlage, Buchhandlungen, Kneipen, Hotels, alle möglichen Läden u.a. (durchaus auch von Feministinnen).

FrauenbildGenaue Zahlen liegen nicht vor, aber die mit oder durch die Frauenbewegung entstandenen Arbeitsplätze dürften nicht unter 10.000 liegen, manche vermuten höhere Zahlen. Allerdings erreichen sie nicht die Zahl der durch die Ökologiebewegung geschaffenen Arbeitsplätze, die entstanden sind aus Debatten über Naturschutz, Artenschutz, über die Endlichkeit der Ressourcen und daraus folgend die Notwendigkeit gesellschaftlicher Veränderung. Nicht dass ähnlich gewichtige Debatten nicht auch von Frauen angestossen worden wären. Sie finden aber praktisch keinen oder nur einen „privaten“ Niederschlag in diesen Betriebsgründungen. Dennoch waren diese Unternehmen in der Öffentlichkeit präsent, bildeten überregionale und bisweilen auch übernationale Netzwerke und fungierten zumindest eine zeitlang (wichtig: mit Einschränkungen! Siehe 2.Teil) als Multiplikatoren und Stützpunkte für andere aus der Frauenbewegung hervorgegangene Projekte.

Die seit Anfang der neuen Frauenbewegung aktive, ja diese sogar konstituierende Diskussion über „Das Private ist politisch“ bezog sich ursprünglich auf eine notwendige Veränderung der ganzen Gesellschaft, u.a. um Kinder und Beruf miteinander vereinbaren zu können und Frauen gesellschaftliche Definitionsmacht zu geben. Diese Überlegungen spielen aber weder bei Plogstedt noch bei den interviewten Unternehmerinnen eine Rolle. Viele, vielleicht sogar die meisten der geschilderten Betriebe entstanden nach Plogstedt spontan: lesbisches Paar + unklare Vorstellung von Kollektivarbeit und Ablehnung von Macht + mangelnde Professionalität + gleiche Bezahlung + Gleichheitsanspruch trotz unterschiedlicher Fähigkeiten +  Männerausschluss. Es ist klar, dass solche Einrichtungen bei so viel vorhersehbaren Konflikten und Realitätsferne nur von sehr jungen Frauen gegründet werden konnten, die mit viel Optimismus und wenig Sachkenntnis an die Verwirklichung herangehen konnten, weil die Frauenbewegung und später die Alternativbewegungen stark waren, viele Projekte öffentliche Zuschüsse erhielten und so zumindest eine Zeitlang die Grunddefizite der Gründungen überdecken konnten. Für eine gewisse Klientel bildeten diese Gründungen über etliche Jahre eine Bereicherung der gross- wie kleinstädtischen Infrastruktur, und manche Einrichtungen waren und sind auch für alle Frauen und nicht nur für den engsten ideologischen Kreis nutzbar und brauchbar.

Sibylle Plogstedt schildert ausführlich die sich aus den oben genannten Arbeitsvoraussetzungen ergebenden Konflikte, die in den meisten Fällen die ursprünglichen Kollektive sprengten. Das hatte zur Folge, dass viele der Gründerinnen in andere Berufe abwanderten und nicht mehr auftauchten. Diejenigen aber, die blieben und aus den Erfahrungen lernten, standen vor Zeiten harter Prüfungen und Umdenkprozesse. 

Interessant ist dabei, über wieviel Irrtümer und Neuanfänge wenige Frauen mit Visionen die in der Betriebsgründungsphase nur idealistische Idee einer gerechten, nicht hierarchischen und einigermassen gleich bezahlten Arbeitswelt zu retten versuchten, wie z.B. die Geschichte vom Handwerkerinnenhaus zeigt. Dass gewisse Vorstellungen von „Grundwerten“ nicht von allen aufgegeben wurden, sondern mit mehr Vernunft und Sachkenntnis heute weiter verfolgt werden, das beschreibt S. Plogstedt sehr ausführlich. Allerdings gehen von den Einzelunternehmerinnen kaum neue Impulse aus, wie denn im grossen Stil Arbeit veränderbar sei. Insofern stellt sich auch immer wieder die Frage, warum diese Betriebe überhaupt sowohl „feministisch“ wie „politisch“ genannt werden. Möglicherweise liegt das eben auch daran, dass die meisten Betriebsgründungen nach Plogstedt von kinderlosen Lesben gemacht wurden, deren Ausgangspunkt die Frauenbewegung war. Nur einmal taucht in einer Rede die Grundsituation von Frauen auf, dass die meisten Frauen nämlich Kinder kriegen. Eine „gewandelte“ Unternehmerin spricht davon, dass sie keine Frauen einstelle, „denn die werden schwanger“ und verursachen Betriebskosten. Man könnte auch sagen, Plogstedt zeigt, wie die Frauen die Entwicklung hin zur Unternehmerin im Kapitalismus mal mehr, mal weniger gut vollziehen. Plogstedt beschreibt aber auch den Mief, die Abschottung, die intellektuelle Bescheidenheit mancher dieser Betriebe, was deutlicher wurde, als die Frauen nicht mehr frisch und jung waren, die Matratzen in den Zentren nicht mehr neu und die Kundinnen mehr Service und Kompetenz verlangten. Es wird gewissermassen zwischen den Zeilen deutlich, wovon sich jüngere Frauen absetzten, wenn sie die Frauenbewegung ablehnten, denn sie trat ihnen oft nur noch extrem muffig, unattraktiv und dogmatisch entgegen.

Andererseits aber erzählt die Geschichte dieser Frauenbetriebe auch etwas über die schwierige Demokratisierung der Bundesrepublik, über die Geburtsschmerzen sich emanzipierender Frauen, mit Hass, Misserfolgen und Enttäuschungen, aber auch Freuden beim Selbständigwerden. Und das ist in dieser Ausführlichkeit, soweit ich weiss, noch nie geschehen.

Der zweite Gesichtspunkt, unter dem das Buch auch gelesen werden kann und der sich wie unbeabsichtigt als Subtext hindurchzieht, ist für mich eigentlich noch interessanter. Tatsächlich erzählt das Buch etwas über das Schicksal der Richtung der neuen Frauenbewegung, die sich öffentlich durchgesetzt hat und weitgehend unter dem Begriff “autonome Frauenbewegung” zuammengefasst wird. Andere Richtungen kommen nicht vor, und so verstärkt Plogstedt mit diesem Buch den sowieso schon herrschenden Eindruck, als habe es sie nicht gegeben.

Ich muss hierzu etwas genauer ausholen, weil es mir wichtig erscheint, will man eine soziale Bewegung, ihre Erfolge und Misserfolge und geistige Entwicklung,  begreifen.

Offenbar ist das allgemeine Harmoniestreben von Frauen so gross und eine Störung so bedrohlich, dass sie auf jeden Fall verleugnet werden muss.

Das hat dem Bewusstsein von der eigenen Geschichte schon beträchtlichen Schaden zugefügt , weil man sich so selber der Erkenntnis verschliesst, welche Mechanismen ablaufen, wenn sich Menschen zusammenfinden, um gemeinsam etwas gesellschaftlich zu verändern. In von Männern dominierten Bewegungen sind Abweichungen selbstverständlich, und sie werden benannt und je nach Zivilisationsgrad mit Argumenten oder mit Waffen bekämpft oder einverleibt. Im „Mainstream-Feminismus“ aber wird so getan, als sei „DIE“ Frauenbewegung eine einheitliche, starke, in die gleiche Richtung treibende Kraft gewesen, die nur ab und zu an nebensächlichen dogmatischen Verirrungen litt, über die Plogstedt auch durchaus schreibt - also Diskussionen darüber, wie jung männliche Kinder höchstens sein dürfen, um überhaupt in eine Fraueneinrichtung mitgenommen werden zu können u.ä. Sie erwähnt allerdings nicht, dass Ausschlüsse sich durch viele Projekte zogen und beispielsweise viele Zeitschriften, Bücher, Denkanstösse, an denen in irgendeiner Form auch Männer beteiligt waren, nicht Zugang zu den Frauenbuchläden und anderen Einrichtungen hatten. Das hatte gewaltige Konsequenzen für die ganze Bewegung, aber sie wurden lange nicht zur Kenntnis genommen. (*)

Leider arbeitet Plogstedt auch mit Pauschalisierungen, obwohl sie es besser wissen müsste, denn sie war sogar dabei, als in Frankfurt 1968 die zweite Phase der neuen Frauenbewegung mit der sogenannten Tomatenrede (**) begann. Wie falsch das alles wird, wenn es so wie bei Plogstedt zusammengefasst wird, soll hier an einem Beispiel demonstriert werden.

Sie schreibt: „Der erste Ausbruch des Frauenprotestes hatte die Versorgung der Kinder (Kinderläden) und die sexuelle Dominanz der Männer zum Thema“.

Das ist nicht nur vollkommen nichtssagend sondern auch falsch.

Eine Debatte über Kinderversorgung wie sie auch damals schon seit Jahrzehnten immer wieder geführt wurde, hätte die Frauen nicht zusammengetrieben und daraus eine Massenbewegung gemacht, auch keine Meckerei über Männer. Es ging den Frauen im ersten Aktionsrat Anfang 1968 sofort und für alle begreifbar um nichts anderes als um die Veränderung dieser Gesellschaft, d.h. um Macht und um die Wege dazu (wie naiv diese Vorstellungen auch gewesen sein mögen).

Die Kinderläden waren sozusagen ein Nebenprodukt dieses Wunsches, als Frau und Mutter aktiv gesellschaftlich tätig zu sein. Um diese Hauptsache zu verwirklichen, mussten sie sich selber helfen, weil von aussen keine Unterstützung zu erwarten war.

Was immer wieder vergessen wird: am Anfang waren im Aktionsrat junge intellektuelle Frauen -  nur sehr wenige aus dem SDS -  viele Mütter, deren grösster Wunsch es war, sich gemeinsam über bestimmte sich aufdrängende Fragen gedanklich zu verständigen. Sie wollten gemeinsam nachdenken. Es gab einen Hunger nach Sinn. Wenn man das nicht begreift, begreift man nicht den Anfang der neuen Frauenbewegung.

Warum haben Frauen keine Definitionsmacht? Was stört uns an den politischen Veranstaltungen der Linken, obwohl wir durch sie viel lernen? Wo gibt es Denkverbote? Warum sind Frauen oft reaktionär?

Die Kinderläden waren ein Ergebnis der Frage nach der Definitionsmacht: (Wir sollen zwar Kinder bekommen, haben aber keinen Einfluss auf die Gesellschaft, in die wir sie gebären). Das ist etwas anderes als der Schrei nach mehr Kindergärten. Die Frauen klinkten sich ein in die Diskussionen um eine veränderbare Gesellschaft und wollten daran mitwirken. Mit Zusammenschluss, mit MACHT, mit Witz, mit neuen Vorstellungen über eine Gesellschaft, die von Frauen mitdefiniert wird. Männer waren als Liebhaber gefragt, nicht aber mehr selbstverständlich als intellektuelle Vordenker. Selber denken war die neue und entscheidende Erfahrung.

Es ist für jede Bewegungsgeschichte falsch, wenn man nicht die Phasen sieht, in denen sie abläuft und in denen sich die Schwerpunkte vollkommen umkehren können. Die erste Phase war abgeschlossen mit der Tomatenrede. Die Gruppen, die sich daraufhin gründeten, waren links, standen dem SDS nahe oder kamen aus ihm, aber die Frauen waren nun jünger, kinderlos und hatten neue Interessen. Viele wollten z.B. den SDS „retten“, ihm eine neue Perspektive geben, in denen Frauen nicht als „Nebenwiderspruch“ vorkamen.

Nach wie vor wollten diese Frauen die Welt VERSTEHEN, hatten das Bedürfnis nach theoretischer Arbeit. Sie waren theoretisch anspruchsvoll, aber praktisch unterfordert. In Berlin gab es bald neben der „Mütterfraktion“  des Aktionsrats noch den Sozialistischen Frauenbund. Ausserdem bildeten sich bundesweit unzählige Gruppen mit verschiedenartigen Schwerpunkten in den Unis, die sich mit ihren vielfältigen Aktivitäten und Interessen z.T. auch gegenseitig lähmten. Die zweite Phase war zu Ende mit der 218-Kampagne, die 1971 begann und die dritte Phase einleitete.

Die 218-Kampagne gab der Frauenbewegung einen ungeheuren Schub, hatte sie doch ein praktisches, naheliegendes und begrenztes Ziel.

Der Widerstand gegen die geplante Gesetzgebung gab lange Kraft, die als gemeinsame zusammenbrach nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Diejenigen, die an den durch den 218 aufgeworfenen Fragen weiter arbeiteten, taten das als einzelne oder einzelne Gruppen, sie sprachen aber nicht mehr einheitlich für die „Bewegung“, die in vielfältige „autonome“Gruppen zerfiel und bis auf Ausnahmen einen höheren Organisationsgrad aus ideologischen Gründen ablehnte. Die stärkste Strömung ist normalerweise auch die faulste und die war gegen „Macht“, gegen „Strukturen“ – und akzeptierte damit gleichzeitig, ohne das allerdings zu thematisieren, dass man sich im Bestehenden als Frauenbewegung, als Subkultur, in Nischen einzurichten gedachte. (***)

In dieser vierten Phase der noch wachsenden Frauenbewegung, die nun schon in den einzelnen Projekten zusammenkam und für die die gemeinsamen Treffen in Frauenzentren immer weniger wichtig wurden, verliessen darum auch erhebliche Teile der „alten“ Frauengruppen die Bewegung leise aber unaufhörlich als ständiger Strom. Zunächst waren es hauptsächlich die Linken (trotz aller Kritik auch an linken Theorien und Organisationsformen). Das war bis gegen 1974 abgeschlossen und wird bis heute aus der Bewegungsgeschichte ausgeklammert.
 
Diejenigen, die gingen, gingen mit neuem Selbstbewusstsein, aber ohne feministische Konzepte sowohl in die neu entstehenden dogmatischen linken Parteien, in die Raf oder auch in die etablierten Parteien. Auf jeden Fall war das ein jeweils individueller Protest gegen die Strukturlosigkeit, zunehmende theoretische Enge und damit Perspektivlosigkeit der Frauenbewegung. Innerhalb der Frauenbewegung gab es über lange Jahre jedoch einige kontinuierlich arbeitende oder auch neu entstehende Gruppen, die sich – mit wieder eigenen Defiziten – gegen die Organisationsfeindlichkeit und Machtablehnung wehrten, (besonders das Frauenforum München), die sich aber langfristig nicht durchsetzen konnten, sondern einfach ausgeklammert wurden und heute normalerweise nicht einmal mehr erwähnt werden. Und wieder andere Frauen verliessen die ihnen diffus erscheinende Frauenbewegung, indem sie in ihren eigenen Berufen an speziellen Frauenfragen arbeiteten. Es ging ihnen nicht um Männer, es ging um patriarchale Politik und die Entwicklung des Widerstands dagegen mit unterschiedlichen Konzepten.

In den „autonomen“, die Bewegung immer noch nach Aussen repräsentierenden Resten breitete sich –Ausnahmen immer mitzudenken – eine zunehmende Theoriefeindlichkeit aus. So stimmt es z.B. nicht, dass, wie Plogstedt schreibt, „DIE“ Frauen mit heissen Ohren Beauvoir oder Firestone lasen. Es gab durchaus vehemente Kritik an beiden.

Die Theoriefeindlichkeit hatte z.B. das Ergebnis, dass schon zehn Jahre später die frauenbewegten Frauen ihre eigene kurze Geschichte nicht mehr kannten.

Als Christina Thürmer-Rohr mit ihrer Mittätertheorie wieder Bewegung in die Bewegung brachte, war weder ihr noch ihrem Publikum bewusst, dass sie damit an etwas anknüpfte, was schon im Aktionsrat und später im Sozialistischen Frauenbund ein wesentlicher Diskussionsstoff war: nämlich die Tendenz zu reaktionären Haltungen bei Frauen.

Diese lange Ausführung über die Selbstdarstellung der Frauenbewegung zeigt aber auch, dass dieses Buch eine Fundgrube ist für alle diejenigen, die jenseits akademischer Fragestellungen wissen wollen, mit welchen konkreten Visionen, Problemstellungen, Schwierigkeiten, Unzulänglichkeiten sich die neue Frauenbewegung herumschlug und noch schlägt, um auf vielen Umwegen sich doch immer wieder dem Ziel anzunähern, in dieser Welt gleichberechtigt den eigenen Ton zu finden. Wie verstimmt er sich auch bisweilen anhören mag. (****)

August 2006

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* Z.B. frauen und film wurde in vielen Frauenbuchläden nicht verkauft, weil die Zeitschrift – 1974 gegründet und immer noch existierend – bei Rotbuch erschien, also in einem „Männerverlag“. Der Zeitschrift Der Feminist, ging es ebenso, wegen des Namens, der Programm war, weil das Frauenforum München ausdrücklich eine feministische Politik propagierte, die auch Männer zu ihrer eigenen machen sollten. 

** Die Rede auf der 23. Delegiertentagung des SDS in Frankfurt/M.  Sept. 68 habe ich gehalten. Sie war die Auslöserin zur Gründung vieler Frauengruppen in allen Universitäts- und vielen anderen Städten.

*** So gab es z.B. keine unterstützenden Demonstrationen mehr für die von den Mullahs im Iran massenhaft verfolgten und hingerichteten Frauen 1978/79, die gegen ihre Entrechtung kämpften, es waren nur einzelne Frauen, wie z.B. Alice Schwarzer, die in der BRD den Protest aufrechterhielten.

**** Von Richtungskämpfen mit Konzentration auf die Kinderfrage handelt auch mein Film Mitten im Malestream – Richtungskämpfe in der neuen Frauenbewegung. www.neuevisionen.de

Luise F. Pusch am 27.08.2006

Linda Koldau: Frauen - Musik - Kultur: Ein Handbuch zum deutschen Sprachgebiet der Frühen Neuzeit

Koldau, Linda Maria.
Frauen - Musik - Kultur: Ein Handbuch zum deutschen Sprachgebiet der Frühen Neuzeit
Köln; Weimar; Wien 2005. Böhlau.
1188 Seiten, 110 EUR.

Rezension von Prof. Dr.Eva Rieger

FrauenbildLinda Koldau hat sich einem Forschungsbrachland angenähert und es nach allen Regeln der Wissenschaft gründlichst bearbeitet. In der musikwissenschaftlichen Frauenforschung bildeten aus verständlichen Gründen das 19. und 20. Jahrhundert einen Schwerpunkt der Untersuchungen; der Frühen Neuzeit näherte man sich nur zögerlich. Wie Koldau schreibt, schienen die Quellen anfangs kaum etwas herzugeben, so daß rasch der Eindruck entstand, es habe nur im engsten Rahmen – wenn überhaupt - eine Musizierpraxis von Frauen gegeben. (Dies bezieht sich auf den deutschen Sprachraum; in Italien sind beispielsweise im 17. Jahrhundert zahlreiche Musikerinnen nachweisbar.) In den 1980er Jahren gab es vereinzelte Veröffentlichungen, z.B. die von Anthony Newcomb über die allmähliche Anerkennung professioneller Musikerinnen in Italien (in Bowers/Tick 1986), sowie einige wenige Studien zu Sänge-rinnen und Instru-mentalistinnen in Italien und Frankreich, die seit der Mitte des 16. Jahrhunderts musikalisch aktiv waren, während Arbeiten zum deutschen Sprachraum kaum existieren. Mit dem verstärkten Interesse an der Aufführung, dem Studium und der Veröffentlichung auch früher Kompositionen von Frauen entstand 1994 eine erste Bibliographie (B. Garvey Jackson), die bei der Suche nach den Fundorten von Werken von Frauen Hilfe leisten konnte. Sie liefert aber noch keinen Hinweis auf die Musizierpraxis selbst.

Linda Koldau hat einen Perspektivwechsel vollzogen, der sich notwendigerweise aus der Arbeit ergab. Nach wie vor ist es allgemein üblich, der Betätigung von Frauen in der Musikkultur mit der Frage nach möglichen Komponistinnen nachzuforschen (um dann festzustellen, daß es nur wenige gab). Sie hat jedoch entdeckt, daß eine solche Frage wie eine „self-fulfilling prophecy“ wirkt und an der Struktur eines frauenspezifischen Musiklebens völlig vorbeigeht, weil Frauen eine professionelle Ausbildung, beispielsweise zum Kapellmeister damals nicht zugänglich war. Dafür waren Frauen auf dem Gebiet des Mäzenatentums und des Liebhabertums (im besten Sinne, bis hin zu professionellem Niveau) einflußreich und bedeutend. Dieser Perspektivwechsel, der die Opferperspektive verläßt und Frauen als aktive Subjekte thematisiert, trifft sich im übrigen mit entsprechenden Bemühungen auch seitens der Genderforschung.
Durch die Dreiteilung der umfangreichen Studie (Frauen an den Adelshöfen, im Bürgertum und Musik in Frauenklöstern) entsteht eine überzeugende Übersicht mit einer verzweigten Auffächerung einzelner Punkte. Die Dreiteilung ist deswegen sinnvoll, weil jeder der gesell-schaftlichen Bereiche seine beson-dere Problematik in der Entfaltung und Dokumentation der Musikausübung von Frauen aufweist.

Der erste große Block widmet sich den adeligen Frauen und der Musik an Adelshöfen, wobei sich das erste Kapitel chronologisch mit den Höfen der Habsburger befaßt, das zweite Kapitel weitere Fürstenhöfe des Hochadels behandelt, das dritte schließlich in das Lebensumfeld des niederen Adels wechselt und zudem die größtenteils vom Adel geprägten Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts berücksichtigt. Koldau weist zu Recht darauf hin, daß zwar in letzter Zeit zahlreiche Arbeiten zu den Frauen der Habsburger erschienen sind, diese jedoch darin auf ihre politischen Funktionen reduziert werden. Sie belegt dann mit großer Sorgfalt, daß und wie Frauen sich vielfältig und vielseitig musikalisch betätigten, Kontakte zu bedeutenden Komponisten pflegten (so Maria von Bayern zu Orlando di Lasso), aber auch als Mäzeninnen segensreich wirkten oder als Regentinnen Musikkapellen einrichteten. Die Überlappung deutscher und italienischer Einflüsse führte zu einem Kulturtransfer, der zu einem großen Teil Frauen zu verdanken ist (S. 63). Besonders reizvoll ist die Nachzeichnung des Weges, den die Einrichtung von Akademien nahm (S. 74ff.). Der letzte Abschnitt verdeutlicht wiederum mit wissenschaftlicher Akribie, wie allgegenwärtig die Integration der Fürstenfrauen und –töchter in das Musikleben der führenden deutschen Fürstenhöfe war, und zwar in verschiedenen Bereichen. 

Die Quellenlage ist für den zweiten großen Abschnitt der Studie, „Musik im Bürgertum“, ungünstiger als im Fall der Adelshöfe. Ein zunächst sparsames Mosaik verwandelt sich jedoch nach und nach in ein reichhaltiges und vielfältiges Bild des musikalischen Engagements. Koldau geht zunächst auf die schriftlichen Verbote und Ermahnungen ein, die den Frauen die Grenzen der erlaubten Tätigkeiten aufzeigten, um dann ihre Quellen zu nennen, die sie detailliert ausgewertet hat. Frauen sind Zielpublikum von Gesangbüchern und Musiklehren; in Widmungen wird ihre Musikausübung erwähnt, Clavierbücher zeugen von der Verbreitung des Tastenspiels unter den bürgerlichen Töchtern. Weltliche und geistliche Liedersammlungen von und für Frauen bzw. die Gesangspraxis in Gemeinde, Schule und Haushalt sind Schwerpunkte, die Koldau immer wieder mit interessanten und aufschlussreichen Ergebnissen auszuschmücken weiß. Der letzte Teil dieses Abschnitts ist den Frauen im Musikgewerbe gewidmet sowie den Spielfrauen und professionellen Musikerinnen, wobei die „Ausbeute“ zwar noch schmal ausfällt, aber dennoch eine beruflich-professionelle Tätigkeit einzelner Frauen nachgewiesen werden kann. Nach der Rolle der Frauen in Musikerfamilien ist bislang ebenso wenig gefragt worden wie nach der Arbeit und Bedeutung der Musikdruckerinnen und –verlegerinnen. Hier besteht noch ein großer Forschungsbedarf, und es ist Koldaus Verdienst, die ersten Grundlagen gelegt zu haben. (An dieser Stelle sei auf die bemerkenswerte Hypothese der Autorin verwiesen, wonach Erzherzog Ferdinand II. von Tirol möglicherweise in Nachahmung des Ferrareser Ensembles ein eigenes concerto delle dame an seinem Hof in Innsbruck eingerichtet habe. Sollte sich dieses bestätigen, stellte es eine musikhistorische Novität par excellence dar).

Auch der letzte große Abschnitt, der sich mit Musik in Frauenklöstern und religiösen Frauengemeinschaften befaßt, bedeutet für die Fragestellung nach der Rolle von Frauen im Musikleben der Frühen Neuzeit eine wissenschaftliche Herausforderung, weil bislang sowohl in der Musikwissenschaft als auch in der allgemeinen Kirchen- und Ordensgeschichte gezielte Studien zu den Frauenklöstern fehlen.  Da es zu keiner Zeit eine für alle Orden verbindliche Regelung des liturgischen Gesangs in den Frauenklöstern gab, war es schwierig, ein zusammenhängendes Bild der klösterlichen Musizierpraxis zu rekonstruieren, zumal die Zeugnisse so verstreut und versteckt sind. Koldau klärt Termini, gibt eine Einführung in die Geschichte des liturgischen Gesangs und geht dann auf einzelne Orden ein, deren Musikpflege sie rekonstruiert. Dadurch wird ein faszinierendes Panorama entfaltet; besonders hervorzuheben ist dabei die Beschreibung des Leinenschwingenfestes aus dem Klostertagebuch von 1491, das uns zum ersten Mal eine Vorstellung gibt, wie die Frauenliederbücher des 15. Jahrhunderts entstanden sein könnten, oder das scheinbar paradoxe Phänomen, daß ausgerechnet die verschärfte Klausurregelung im 17. Jahrhundert dazu führte, daß die Frauen in den Klöstern musikalisch eigenständig werden mußten, ganze Orchester gründeten und Kapellmeisterinnen und Komponistinnen wurden.

Linda Koldau listet niemals nur die Quellen auf, sondern zeigt stets den sozial- und kulturgeschichtlichen Rahmen der Musikbetätigung auf, was zu einem umfassenden Verständnis der damaligen Situation beiträgt. Das fachübergreifende Vorgehen erweist sich hier als besonders sinnvoll. Sie verweigert sich der herkömmlichen musikwissenschaftlichen Methode, Musikwerke mit den im musikalischen Kanon der Zeit enthaltenen Spitzenwerken zu vergleichen und Kleinmeister den großen Meistern zuzuordnen. Obwohl das Sammeln, Zusammentragen und Bewerten der verschiedenen Quellen einen der wichtigsten Pfeiler ihrer Arbeit bildet, achtet sie stets darauf, die musikalische Betätigung von Frauen in den Einstehungs-, Lebens- und Sozialkontext einzubetten und dadurch verständlich zu machen.  Sie folgt damit einer Maxime der Genderforschung, wonach eine neue Musikgeschichtsschreibung die Berücksichtigung sozialer Implikationen erfordert, und betreibt eine eher kulturgeschichtlich orientierte Forschung, die sich im Sinne des „Cultural Turn“ auf den Bezug zur Handlungspraxis umstellt. Insbesondere die angloamerikanische „New Musicology“ hat sich in den letzten Jahren unter der Ägide von WissenschaftlerInnen entwickelt, die das soziokulturelle Geschlecht (gender) als eine wichtige Analysekategorie anerkennen und anwenden: Musik existiert nicht unabhängig von soziokulturellen Kontexten, sie ist von zahlreichen Differenzen geprägt (Klasse, Ethnie, Geschlecht, sexuelle Präferenz, Religion, Ökonomie usw.) und sollte mit Blick auf die historisch variablen Diskurse erforscht werden. Das erkenntnisleitende Interesse achtet auf andere Schwerpunkte als bisher, beispielsweise auf die Funktion der jeweiligen Musik. Geschlechtsspezifische Konventionen herauszufinden wird sicherlich einer späteren Untersuchung überantwortet sein. Musik als „gendered discourse“ zu begreifen, bedeutet aber auch den erweiterten Blick auf die Musik als „gendered practice“.  Das könnte man beispielsweise bei einer intensiveren Untersuchung des Liedguts an Frauen- und Männerklöstern erkunden. So ist diese Arbeit nicht als Abschluß, sondern als Anfang aufzufassen, von der aus mannigfaltige Impulse ausgehen können.

Linda Koldau hat eine imponierende Studie vorgelegt, die höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Die Vielfalt der von ihr nachgewiesenen musikalischen Betätigungsfelder   ist   beeindruckend und auf eine fachübergreifende und minutiöse Forschungsarbeit zurückzuführen. Sie ist allen erdenklichen Spuren nachgegangen, und sie verbindet diese mit den Ergebnissen aus der Sekundärliteratur, die für sich gesehen schon sehr breit gefächert ist. Aufgrund des Umfangs des behandelten Zeitraums und der komplexen Quellenlage kann die Recherche als hervorragend bezeichnet werden, denn das Wissen um die Existenz und Verfügbarkeit historischer Quellen mußte erst geschaffen werden. Obwohl sie sich in dieser Studie nicht explizit mit den Ergebnissen der Genderforschung auseinandersetzt, hat Koldau in deren Sinne gearbeitet. Die Kategorie Geschlecht wird zwar weder theoretisch noch methodisch thematisiert, dafür aber auf der Ebene der Fragestellung. Damit ist eine Darstellung gelungen, von der mit größter Sicherheit behauptet werden kann, daß sie als musikgeschichtliches Standardwerk gelten wird.

Eva Rieger, Vaduz, 7. März 2005
(für FemBio leicht bearbeitet und gekürzt von Luise F. Pusch)

weitere Rezensionen:
Claudia Opitz, Universität Basel
Pressetext zur Verleihung des Cornelia-Goethe-Preises an Linda M. Koldau, 2005
Gerhard R. Koch, FAZ

Luise F. Pusch am 26.08.2006

Bettina Röhl: So macht Kommunismus Spass

FrauenbildSo macht Kommunismus Spass. Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret
von Bettiina Röhl.
Deutsche Verlagsanstalt 2006.
677 Seiten, EUR 29,90

Vorgeschichten und Mutationen

Rezension von Helke Sander

Wenn die Mutter Ulrike Meinhof hiess, der Vater Klaus Röhl ist, SIE lange Chefredakteurin, ER Herausgeber der Zeitschrift Konkret war, für die das Geld aus der DDR kam, wenn beide sowohl Mitglieder der Kommunistischen Partei (Meinhof bis zu ihrem Tod) als auch Teil der Hamburger Mediengesellschaft waren, bis die Mutter die Kinder zugunsten eines Lebens im Untergrund verliess und sich mit spätpubertierenden und grössenwahnsinnigen und in ihren Geschlechterrollen sehr verunsicherten jungen Männern und Frauen zusammentat, die den Umsturz der bundesrepublikanischen Gesellschaft planten, um sie besser zu machen und am Ende eine Spur von Leichen hinter sich liessen sowie verschärfte Gesetze für alle, wenn also eins der Kinder dieses Paares ein Buch schreibt über die eigenen Eltern, dann greift man mit einer gewissen Furcht danach. Weil man selber zur Elterngeneration gehört, ein paar Hintergründe und einige der Protagonisten des Buches kennt oder kannte. Wird die Tochter die Eltern verherrlichen oder verdammen, wird sie von Anekdote zu Anekdote eilen, wird nur das verletzte, sich endlich rächende Kind sprechen, will sie auch noch ihren Schnitt beim Thema RAF machen, wenn schon andere Spiel-und Dokumentarfilme darüber machen? Nichts war vorher ausgeschlossen, alles war zu befürchten und für alles wäre sogar Verständnis da gewesen.

Aber Bettina Röhl hat etwas Erstaunliches geleistet: Sie hat ein überaus materialreiches Buch über deutsche, hauptsächlich Hamburger Intellektuelle in den fünfziger und sechziger Jahren geschrieben, indem sie die Geschichte des Entstehens und Werdens der Zeitschrift KONKRET verfolgt, alte noch lebende Mitarbeiter aufsucht und befragt und dabei fast zwangsläufig DIE Intellektuellen dieser Zeit beschreibt. Dabei entsteht für mich ein noch gut erinnertes aber selten beschriebenes Nachkriegsbild. Bettina Röhl ist eine besessene Rechercheurin, mit vielleicht ein bisschen zuviel Hinwendung zum Hamburger Prominentenklüngel. Anderseits gehören diese Namen zum Inhalt des Buches. Ob sie nun Heinemann oder Enzensberger oder Rau oder Rühmkorf hiessen; Wenn sie berühmt waren, berühmt werden wollten, Männer waren, etwas zu sagen hatten oder dies von sich glaubten, dann sagten sie das seinerzeit in KONKRET oder sie wurden wenigstens dort das Objekt von Kritik. Die einzige Königin im Bau war Ulrike Meinhof und offenbar duldete sie auch keine andere Frau neben sich.

Das Buch beschreibt den Hintergrund zum späteren Vordergrund:

Die Familien Meinhof und Röhl, die Kindheiten der Eltern, beider Jugend und Engagement. Ulrike Meinhof erlebt ihre ersten Erfolge als Aktivistin bei den Ostermärschen, wo sie als kommende Rosa Luxemburg gefeiert wird bis hin zur Glanzzeit von Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl in der Hamburger Gesellschaft, zu der sich beide bald zählen durften mit Geld, Ruhm, Sylt-Urlauben an der richtigen Buhne (16), bei gleichzeitiger, heimlich genossener Wichtigkeit über ihre Untergrundarbeit, sich auf der richtigen Seite wissend, weil ausgehalten durch die DDR, das Schillernde, Anrüchige auch geniessend.

Die vielen Leute in Hamburg haben Namen, die später in Berlin wichtigen dann kaum mehr. Sie bleiben merkwürdig blass. Die Berliner setzten sich ganz anders zusammen: bis auf die späteren RAF-Leute waren es normale, nicht berühmte, eher arme, oft sehr junge WG-Mitglieder, Kinderladenleute, Politstudenten- und Studentinnen, (mit denen Meinhof bei Vorträgen z.B. die Kasse klaute), unter ihnen immerhin einige, die das Leben für die Meinhof-Kinder erträglich machten, als die Mutter schon im Untergrund war. Diese Leute sind offenbar nicht im Bewusstsein der Autorin, was ich nur feststelle und nicht bewerte. Das Fehlen dieser Namen schafft aber doch ein Problem, wie mir scheint. Nämlich das Problem, diese Zeit zu erfassen und jenseits der berechtigten Röhl-Kritik an der Anfälligkeit für den Maoismus beispielsweise und an allen Auswüchsen und Blödsinnigkeiten, die sich auch mit der Studentenbewegung verknüpfen lassen, die kurze Zeit zu begreifen, in der radikales Fragen erlaubt war und sich gegenseitig förderte. Die sektiererischen späteren fundamentalistischen Gruppen, seien sie nun RAF, KPD/AO, ML oder was immer, waren ja der unglückliche Versuch, die aufgebrochenen Fragen einzuschränken und zu einfachen Lösungen zu finden.

Auch heute noch haben die Zeitschrift und der Name Meinhof einen solchen Klang, dass es Bettina Röhl offenbar ohne Schwierigkeiten gelang, auf allen offiziellen Ebenen, sei es beim früheren Bundespräsidenten oder bei Kommunistenführern Zugang zu bekommen und lange Gespräche führen zu können. Dabei fällt dann auf, dass es über Leute wie Jan Carl Raspe, Holger Meins oder Horst Mahler, Männer also, die auch am Anfang der RAF standen, praktisch keine ernsthaften Bücher gibt, über Ulrike Meinhof, die ja schon ein Star war, als sie dazu stiess, aber massenhaft. Es ist hier offenbar noch etwas anderes am Werk, das Patty-Hearst-Syndrom, die Faszination der Prinzessin, die zum Aschenputtel wird, wobei sich Patty Hearst wieder rückverwandelt hat in die Prinzessin, die Dollar-Millionärin, während ihre Kampfgenossen z.T. noch heute im Gefängnis sitzen, wenn sie nicht schon dort gestorben sind. Das Drama von Ulrike Meinhof war, dass sie nicht mehr zurück konnte, es vielleicht nicht wagte, sich mit den Scherben ihres Lebens und ihres Irrtums zu konfrontieren.

Bettina Röhl interpretiert wenig, sie sammelt Fakten. Das ist sehr wohltuend und muss für die schreibende Tochter schwer gewesen sein, aber auch ein Anreiz. Sie hat eine Mutter, die sie nur als kleines Mädchen kannte, die aber gewissermassen bei jedem ihrer Gegenüber präsent ist. Das lässt sich fast nicht vermeiden und ist eine Bürde. Am Schluss bleibt jedenfalls die Erkenntnis, dass die Tochter ihren eigenen Ton singt und sich nicht mehr an der Mutter abstrampeln oder messen muss.  Sie ist für sich genommen einfach eine interessante Autorin.

© Helke Sander Juni 2006

Luise F. Pusch am 25.06.2006

Widerspenstige Rebellinnen Suffragetten

FrauenbildHannelore Schröder
Widerspenstige Rebellinnen Suffragetten
ein-Fach-verlag, Aachen 2001.


Gastkommentar von Birgit Rühe


Das Manuskript von Hannelore Schröders Widerspenstige Rebellinnen Suffragetten lag 20 Jahre in der Schublade, bis es im Jahr 2001 veröffentlicht wurde. Der schonungslose Text, der ursprünglich ein Projekt der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung gewesen war, fand wegen seiner frauenpolitischen Brisanz damals keine Veröffentlichung.

Hannelore Schröder, Philosophin und eine der ersten feministischen Politikwissenschaftlerinnen, gehört zu den Frauen, die Ende der siebziger Jahre an den Männerbünden der Universitäten (in ihrem Fall Göttingen) scheiterten.

Auch an der Universität Amsterdam, wo sie als erste Dozentin Frauenstudien-Sozialphilosophie lehrte, arbeitete sie unter so unzumutbaren Bedingungen, dass sie in Hungerstreik trat (Foto am Ende des Buches), um ihre Rechte einzuklagen.

Ihr scharfer analytischer Blick spiegelt auch die Verbitterung über das eigene wissenschaftliche Schicksal. Die Passagen über den Aufbruch der Frauen in England (1969 -1979) und in Deutschland (1970-1980) sind polemisch scharf formuliert.

Hannelore Schröder war selbst Aktivistin der Frauenbewegung. Sie hält es für tragisch, dass es nicht gelang, eine Frauenpartei als wirkungsvolle Gegenmacht aufzubauen, um Fraueninteressen durchzusetzen.

Durchweg spannend und informativ - und da werden die intellektuellen Möglichkeiten dieser Wissenschaftlerin deutlich - ist die Geschichte des Aufbruchs seit 1792 in England und seit 1843 in Deutschland. Die Pankhursts in England, Louise Otto in Deutschland… Damals waren selbst die Töchter von Göttinger Professoren Analphabetinnen. Und von Marianne Friederike Bürger (Tochter des Dichters) sagt ihre Freundin: “Ich glaube,...dass es Dein Hauptfehler ist, dass du zu viel Verstand hast.”

Wie wichtig ist es für Frauen, um ihre Wurzeln zu wissen!

Hier Inhaltsangabe und Auszüge

 

Luise F. Pusch am 13.06.2006

Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilli Jahn

FrauenbildMartin Doerry (Hg.):
Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilli Jahn 1900 -1944.
dtv. München 2004 (Erstausgabe 2002) EUR 10

Gastkommentar von Birgit Rühe

Von all den Veröffentlichungen zum Holocaust sind die Briefe zwischen Lilli Jahn und ihren Kindern wohl eines der ergreifendsten Zeitdokumente.
Lilli Schüchterer, aus wohlhabender jüdischer Familie stammend, wurde Ärztin. Sie heiratete ihre große Liebe, den protestantischen Studienkollegen Ernst Jahn und gründete mit ihm eine erfolgreiche Praxis in Immenhausen bei Kassel.
Mit dieser Lebensentscheidung legte sie den Grundstein für ihr tragisches Schicksal. Ihr Mann ließ sich 1942 von ihr scheiden und heiratete eine ‘arische’ Kollegin, obwohl das Paar fünf gemeinsame Kinder hatte. Lilli wurde am 30. August 1943 durch die Gestapo verhaftet und in das Arbeitserziehungslager Breitenau bei Kassel gebracht. Im Juni 1944 starb sie im Konzentrationslager Auschwitz.
Es waren die Kinder, vor allem ihre Töchter Ilse, Johanna und Eva, die in liebevollen, hilflosen, erschütternden Briefen den Kontakt zu ihrer Mutter aufrecht erhielten und ihr das Leben im Lager auf alle nur erdenkliche Weise zu erleichtern suchten.
Dagegen stand die Gleichgültigkeit der Erwachsenen.
Lilli Jahn gelang es, vor ihrer Deportation nach Auschwitz die Briefe aus dem Lager zu schmuggeln, wahrscheinlich durch eine Aufseherin, die ihr diesen letzten Gefallen tat.
1999 fanden sich die Briefe dann im Nachlaß ihres ältesten Sohnes Gerhard Jahn (Bundesjustizminister im Kabinett Willly Brandt). Er hatte zeitlebens eine Veröffentlichung der Briefe scharf angelehnt und auch unterbunden.
Martin Doerry, ein Enkel Lillis, (Sohn ihrer ältestenTochter Ilse, heute stellvertretender Chefredakteur beim ‘Spiegel’) hat das Leben der Lilli Jahn rekonstruiert und ihren Briefwechsel mit den Kindern aufgezeichnet: ‘Aber die Zeit scheint reif für eine Rekonstruktion dieser - nur auf den ersten Blick - privaten Katastrophe.’ (Martin Doerry).  Entstanden ist ein Dokument, das neben dem Tagebuch der Anne Frank seinen Platz hat.

Luise F. Pusch am 28.05.2006

Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilli Jahn (2 CDs)

FrauenbildMein verwundetes Herz: Das Leben der Lilli Jahn 1900-1944.
Hg. Martin Doerry. 2 CDs.
Gesprochen von Martin Doerry, Sunnyi Melles und Beate Jensen
Der Audio Verlag, Dav (2003).
EUR 19,95

Alle, die nicht genug Zeit (und vielleicht auch nicht die seelische Kraft) haben, die 350 Seiten des Buches Mein verwundetes Herz: Das Leben der Lilli Jahn 1900-1944 zu lesen, können es mittels dieser Hörfassung wenigstens kennenlernen. Und kennenlernen sollten es alle.

Die beiden Sprecherinnen Sunnyi Melles und Beate Jensen und der Sprecher (und Herausgeber und Enkel von Lilli Jahn) Martin Doerry leisten Außerordentliches. Doerry nimmt sich völlig zurück; er läßt die Fakten sprechen - wohl die einzig mögliche Art der Vermittlung bei so einem Stoff: Doerrys Großvater, der Arzt Ernst Jahn, lieferte Doerrys Großmutter, die Ärztin Lilli Jahn, den Nazis aus. Doerrys Mutter, die Tochter Ilse Jahn, ging daran fast zugrunde.

Sunnyi Melles als Lilli Jahn und Beate Jensen als ihre Tochter Ilse vermitteln die Angst, Verzweiflung und Zärtlichkeit dieser Briefdokumente mit beklemmender Intensität. Ich konnte mich nicht entziehen und habe beide CDs ohne Pause bis zum Ende angehört.

Es gibt inzwischen viele Erinnerungsbücher über die Nazizeit. Dokumente wie diese, die unmittelbar aus der Zeit des Terrors stammen, sind seltener. Wir haben das Tagebuch der Anne Frank, die Aufzeichnungen von Viktor Klemperer. Einen Briefwechsel wie diesen, der neben dem Leid Lilli Jahns auch das Leid ihrer Kinder zur Sprache bringt, die tödliche Angst um die Mutter haben und den Krieg ohne sie überstehen müssen, was wiederum die Mutter schier in den Wahnsinn treibt, kenne ich nicht.

Diese beiden CDs gehören zum Besten, was ich in den letzten Jahren gehört habe. Und ich höre sehr viele Hörbücher.

Luise F. Pusch am 28.05.2006

Frauen vom Hof der Welfen

Frauen vom Hof der Welfen
20 Biographien von Elisabeth E. Kwan und Anna E. Röhrig 
256 Seiten. Matrixmedia 2006. EUR 19,50

gelesen von Birgit Rühe

Die Schlösser und Parks beleben sich wieder. Ein immer gleiches Spiel aus Intrigen, Liebeshändeln, Skandalen, eine unterhaltsame Geschichtsstunde, die interessante Details aus der Vergessenheit zurückruft. Spürbar die Freude beider Autorinnen am Auffinden versteckter Kostbarkeiten aus dem Leben dieser priviligierten Frauen - einem oft tragisches Leben aus Abhängigkeiten und Schwangerschaften.

FrauenbildDa ist z.B. das Schicksal der Eva von Trott (1506 - 1567), Geliebte des Herzogs von Braunschweig-Wolfenbüttel, offiziell an der Pest gestorben, in Wirklichkeit versteckt auf immer anderen Schlössern. Sie gebar ihm acht Kinder und geisterte als Gerücht von der weißen Frau durch die Köpfe der Menschen.

Ganz anders handelte Herzog Rudolf von Braunschweig: er heiratete die bürgerliche Rosina Elisabeth Menthe (1668 - 1701), überließ die Regentschaft seinem Bruder und entschied : Eine rechte Liebe wolle auch eine rechte Hand haben (eine Anspielung auf “Ehen zur linken Hand”).

Da ist der “Krimi” um Sophie Dorothea (1666 - 1726), die es wagte, den Grafen Königsmarck zu ihrem Liebhaber zu machen und zur Strafe 32 Jahre lang, bis zu ihrem Tod, in der Verbannung in Ahlden leben mußte. Elisabeth Christine Ulrike von Braunschweig (1746 - 1840) hatte das gleiche Schicksal. Aber sie ging erstaunlich selbstbewußt mit ihrer Situation um. Ihre Verbannung nach Stettin nahm sie gelassen hin. Sie wurde 93 Jahre alt und war so beliebt, daß ihr zu Ehren bei ihrem Tod alle Glocken der Stadt läuteten. - Bei den “alten Kerls in Braunschweig” wollte sie nicht begraben sein und baute sich ein eigenes Mausoleum in ihrem geliebten Park.

Charlotte von Großbritannien (1796 - 1817), die sich in einen Kapitän verliebt hatte, wurde von ihrem Vater im düsteren Warwick House isoliert, und er gab die Anweisung: “Denken Sie daran,... daß Charlotte diese unsinnige Idee, einen eigenen Willen zu haben, ablegen muß.”

Geburten konnten zum Horror werden. Unter den Medizinern der führenden Schicht herrschten Eitelkeit, Neid und Unwissen. Auch Charlotte starb mit 22 Jahren im Kindbett.

Caroline Mathilde, die später zusammen mit dem Arzt Struensee in Dänemark Reformen durchzusetzen versuchte, wuchs als achtes Kind einer fast bürgerlich lebenden Familie in England auf. Ihre Mutter, Augusta von Sachsen-Coburg-Altenburg, legte den berühmt gewordenen botanischen Garten von Kew an.

Anna Amalia (1739 - 1807), Musenfürstin von Weimar, wird - eine gelungene Überraschung für Leserinnen und Leser - als Geliebte Goethes geoutet, Frau von Stein war nur die vorgeschobene “Strohfrau”, um die Beziehung zu tarnen. Goethe wollte mit Anna Amalia nach Amerika fliehen, um dort ein gemeinsames bürgerliches Leben zu führen. Die Gerüchteküche brodelte. Der Herzog, Anna Amalias Sohn, stellte Goethe zur Rede. Er gestand und “floh” von Karlsbad aus nach Italien.

Immer wieder spannend der feministische Blick der Autorinnen: “Die im sechsten Monat schwangere Sechzehnjährige mußte sich sagen lassen, Prinz Friedrich könne ihr gegenüber niemals Unrecht haben, denn Gott wolle, daß die Frau gehorche.” So ist hier ein Buch entstanden, daß Geschichte und Geschichten einmal anders erzählt, eben aus dem Blickwinkel der Frauen vom Hof der Welfen. 

Luise F. Pusch am 27.05.2006

Waris Dirie – Nomadentochter

FrauenbildWaris Dirie
Nomadentochter

Blanvalet Verlag München 2002, 287 Seiten, EUR 21,90

Gastkommentar von Birgit Rühe:

Nomadentochter ist das zweite Buch von Waris Dirie. Mit ihrem ersten Buch Wüstenblume schrieb sie einen Bestseller, rüttelte auf, faszinierte, erschütterte.
  Waris Dirie kommt aus Somalia, aus einer Nomadenfamilie vom Stamm der Darod. Die Familie zog mit ihren Tieren von Wasserstelle zu Wasserstelle; es war ein ständiger Kampf ums Überleben. Als Fünfjährige erlebte Waris Dirie ihre Geschlechtsverstümmelung als einschneidenden Lebensschock. Die Dreizehnjährige wollte ihr Vater an einen alten Mann verheiraten. Waris gelang die Flucht durch die Wüste. Sie schaffte es, nach London zu kommen, wurde als Model entdeckt, machte Karriere in New York. Inzwischen ist Waris Dirie Sonderbotschafterin der UNO zum Thema Genitalverstümmelung.
  Auch ihr zweites Buch will die Menschen für dieses Thema sensibilisieren. Waris Dirie erzählt, wie sie nach über zwanzig Jahren ihre Familie in Somalia besucht. Sie erlebt das eigene Zerrissensein zwischen den Kulturen, die skandalöse Unterdrückung der Frauen in dem von Krieg, Chaos und Fanatismus gebeutelten Somalia. Aber sie findet auch ihre Eltern und Geschwister wieder, erlebt familiäre Nähe und Wärme, entdeckt die Schönheit der Wüste neu. Es ist eine Rückkehr zu den Wurzeln, ein Versuch, das moderne, aufreibende Leben in New York zu relativieren (Waris Dirie hat dort einen acht Monate alten Sohn und einen Mann, von dem sie sich trennen will, trennen muss). Wie gern nähme sie ihre Mutter mit zurück nach New York, dass sie “meinem Sohn, meinem Leben Frieden brächte.” Aber die Mutter hat immer in dem kargen Land gelebt. Sie kennt nichts anderes und will nicht fort. Sie besitzt etwas, “das mehr wert ist als aller Reichtum des Westens. In ihrem Leben herrschen Gelassenheit und Frieden.” Doch der Weg der Tochter ist ein anderer. Sie fragte sich schon als Kind: Warum ist ein Kamel wichtiger als eine Tochter?

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Luise F. Pusch am 30.04.2006

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Hedwig Dohm