(Alix Cecil Dobkin)
geboren am 16. August 1940 in New York City, NY
gestorben am 19. Mai 2021 in Woodstock, NY
US-amerikanische Singer-Songwriterin und lesbisch-feministische Aktivistin
5. Todestag am 19. Mai 2026
Biografie • Zitate • Literatur & Quellen
Biografie
Ihre Folk Musik-Karriere dauerte etwa ein Jahrzehnt, die in der Frauenmusik, als deren Gründerin sie gilt, doppelt so lange. Während der ersten spielte sie mit MusikerInnen wie Bonnie Raitt und Bob Dylan, in der zweiten mit Musikerinnen wie Melissa Etheridge, Holly Near, den Topp Twins, Judy Small und zahlreichen anderen.
Kindheit und Jugend
Alix Dobkin war die älteste Tocher einer jüdisch-kommunistischen Familie. Benannt wurde sie nach ihrem Onkel, dem Bruder ihrer Mutter, der im Spanischen Bürgerkrieg im Kampf gegen Franco umkam. Ihre Mutter Martha war Amateur-Musikerin, ihr Vater William arbeitete als Fundraiser für jüdische Universitäten und Organisationen. Ihr Bruder Carl war sechs Jahre, ihre Schwester Julie neun Jahre jünger.
Auch wenn die Familie nicht in die Synagoge ging und keine religiösen Feste feierte, wurde Alix dennoch bereits in ihren ersten Lebensjahren sowohl mit Antisemitismus konfrontiert als auch mit Rassismus.
Musik war immer wichtig in der Familie, es wurde viel gesungen, entweder lief das Radio oder der Plattenspieler, die Musik war sehr unterschiedlich und reichte von Bach bis zu Boogie-Woogie. Wichtige frühe musikalische Einflüsse kamen von Pete Seeger und Peggy Seeger.
Bei einem Besuch auf dem Land schrieb sie ihr erstes Lied, als sie unter einem Baum saß und zum ersten Mal Vögel singen hörte. Und fand „Songwriting is easy“.
In einer kommunistischen Familie aufzuwachsen, bedeutete zu dieser Zeit, Gefahr zu laufen, als „unamerikanisch“ zu gelten, was Kündigungen und Verhaftungen nach sich ziehen konnte. Sie fühlte sich daher in Gefahr, da sie verstand, dass „progressive Politik“ – auch wenn sie sie als gerecht ansah – ein Euphemismus für Einstellungen war, die weit von der üblichen Norm entfernt waren. Für sie gab es zwei Welten, und nur in einer konnte sie offen sprechen. Aber sie war auch stolz auf den ungewöhnlichen Status ihrer Familie – zumindest privat -, denn Ungerechtigkeit ergab keinen Sinn für sie. Sie wusste genug, um Autoritäten zu hinterfragen und der Regierung zu misstrauen.
Als sie mit 12 Jahren an einem linken jüdischen Sommercamp teilnahm, fühlte sie sich gleich wie zu Hause, da sie dort offen mit den anderen sprechen konnte. Auch lernte sie dort viel über jüdische Geschichte und Kultur, wie auch jüdische Lieder. Bei ihren späteren Auftritten sang sie immer auch ein Jiddisches Lied, wie beispielsweise “Ot azoy neyt a shnayder” (auch zu finden auf ihrer CD Yahoo Australia!)
Sechs Jahre lang war sie Mitglied der kommunistischen Partei, bis sie während ihrer Zeit in der New Yorker Folk Szene merkte, dass ihr Leben eine andere Richtung nahm.
Von der Malerei zur Musik
An der Tyler School of Fine Arts/Temple University in Philadelphia studierte Alix Dobkin Malerei, bevor sie sich anschließend doch ganz der Musik widmete. Mit ihrer Gitarre trat sie in Folk Clubs in Philadelphia und New York auf, wo zu dieser Zeit viele heute bekannte MusikerInnen am Anfang ihrer Karriere standen, wie beispielsweise Bonnie Raitt, Bill Cosby und Bob Dylan, der sie seine „favorite female singer“ nannte.
Im New Yorker Folk Club The Gaslight Café lernte Alix Dobkin Sam Hood kennen, der den Club zusammen mit seinem Vater leitete. Sie heirateten 1965 und zogen nach Miami, wo sie den Folk Club The Gaslight South eröffneten, der jedoch nicht der erhoffte Erfolg wurde. Daher zogen sie drei Jahre später zurück nach New York, wo ihre Tochter Adrian 1970 geboren wurde. Alix' Musik trat in den Hintergrund; sie kümmerte sich in erster Linie um Adrian und den Haushalt. Ein Jahr später trennte sie sich von Sam Hood, da sie erkannte, dass sie ein anderes Leben wollte.
Die Welt der Frauen und vor allem Lesben
Nachdem sie im Radio im feministischen Programm Electra Rewired ein Interview mit der australischen Autorin Germaine Greer gehört hatte, deren Buch Der weibliche Eunuch gerade erschienen war, war sie zutiefst beeindruckt. Greer machte ihr deutlich, dass Veränderungen möglich sind, und Dobkin schloss sich einer Selbsterfahrungsgruppe an. Sie entdeckte den Feminismus für sich, der ihr die Welt und ihr eigenes Leben erklärte. Grundlegend war für sie, die Welt aus einer bewussten Frauenperspektive zu sehen. Sie begann wieder neue Lieder zu schreiben, auch wenn sie die Club-Szene nicht mehr interessierte und sie den Eindruck hatte, dass ihre Musik dort nicht hinpassen würde.
Einige Zeit später beklagte sich die Moderatorin Liza Cowan, ebenfalls in der Sendung “Electra Rewired” darüber, dass sie nur Lieder höre, die von Männern geschrieben und gesungen würden. Als Reaktion darauf rief sie weibliche Singer-Songwriters auf, sich bei ihr zu melden. Nach einigen Monaten trat Alix Dobkin dann mit eigenen Werken in Electra Rewired auf. Unüblicherweise hatte Liza Cowan vorher nichts von ihr gehört, aber sie war begeistert und sagte, dass dies die ersten Lieder seien, von denen sie wusste, dass sie speziell von, für und über Frauen geschrieben wurden. Aber nicht nur die Musik gefiel, die beiden Frauen verliebten sich auf den ersten Blick ineinander. Und zogen kurz danach zusammen, gemeinsam mit der elf Monate alten Adrian.
Ab da war für Alix Dobkin deutlich, dass sie mit ihrer Musik nur noch vor Frauen auftreten wollte. Anfangs spielte sie noch mit Kay Gardner zusammen, mit der sie die Gruppe Lavender Jane gründete. Ihr erstes Konzert fand im Frauenzentrum in Manhattan statt.
Aber es gab keine Plattengesellschaft, die bereit war, Aufnahmen von ihnen zu machen, da sie nur für Frauen spielen wollten. Daher gründete Alix Dobkin ihre eigene Produktionsfirma namens Women’s Wax Music. Das erste dort ausschließlich von Lesben veröffentlichte Album war Lavender Jane Loves Women, von Alix Dobkin zusammen mit Kay Gardner und Jody Vogel sowie einigen anderen Frauen. Sie bestand beharrlich darauf, das Wort lesbian (Lesbe, lesbisch) zu singen und zu feiern.
Vertrieben wurden die LPs (später CDs) 45 Jahre lang ab 1976 von Ladyslipper Music, ebenfalls ein Frauenprojekt.
Im Laufe der Jahre nahm sie weitere Langspielplatten, später CDs auf, die von ihren weltweiten Konzerten zeugen, wie beispielsweise Yahoo Australia!.
Sie trat nicht nur in den USA auf, wie etwa beim weltberühmten Michigan Womyn’s Music Festival, sondern gilt als erste US-amerikanische lesbisch-feministische Musikerin, die in Europa auftrat, so unter vielem anderen 1979 beim Frauenfestival im Melkweg in Amsterdam (zusammen mit Monika Jaeckel, die früher bei den Flying Lesbians war). Aber es gab auch zahlreiche weitere Auftritte weltweit, wie auf dem Lesbian Festival 1990 in Melbourne.
Ein inzwischen ikonisches Foto von Liza Cowan zeigt Alix Dobkin, die das Original-T-Shirt mit der Aufschrift „THE FUTURE IS FEMALE“ trägt - inzwischen ein weltweiter Slogan von Feministinnen.
Bereits 1977 wurde sie Unterstützerin der gemeinnützigen Organisation WIFP Women’s Institute for Freedom of the Press. Ebenso gehörte sie der OLOC, der Old Lesbians Organizing for Change an.
Von der Musik zum Schreiben
Alix Dobkins Memoiren erschienen 2009 unter dem Titel My Red Blood: A Memoir of Growing Up Communist, Coming Onto the Greenwich Village Folk Scene, and Coming Out in the Feminist Movement. Dafür konnte sie unter anderem von ihrem Dossier beim FBI, der sie jahrelang überwacht hatte, Gebrauch machen. 2010 wurden sie bei den Lambda Literary Awards nominiert. Sie hatte das Memoir geschrieben, um aufzuzeigen, wie schwierig das Leben während der Zeit des Antikommunismus in den USA war, „bevor der gesunde Menschenverstand siegte und Frieden, Liebe und Folk Musik“. Um ihr Leben als „professionelle Lesbe“ geht es darin nicht. Aber sie wollte die zündende Begeisterung vermitteln, die ihre Generation zur Frauenbewegung brachte (was allerdings wenig Raum im Buch einnimmt). Weiterhin schrieb sie auch zahlreiche Beiträge für lesbisch-feministische Anthologien wie auch Kolumnen in Zeitschriften wie off our backs, Lesbian News, Windy City Times/Outlines und Rain and Thunder.
Alix Dobkin starb nach einem Schlaganfall und einem Aneurysma im Alter von 80 Jahren am 19. Mai 2021 in ihrem Zuhause, umgeben von ihrer Familie und engen Freundinnen.
(Text von 2026)
Verfasserin: Doris Hermanns
Zitate
Musikjournalist Jens Balzer hat Dobkins „wunderbare Stimme“ in Erinnerung. Prägend sei Dobkin vor allem durch ihre politischen Botschaften und ihren offenen Umgang mit ihrem Lesbischsein gewesen: „Ihr Debütalbum, das 1973 erschien, hieß ‚Lavender Jane Loves Women‘, und es war tatsächlich das erste Folk- und Pop-Album überhaupt in der Geschichte einer offen lesbisch lebenden Frau, das sich in vielen Songs mit der lesbischen Liebe befasste und mit der lesbischen Emanzipation.“ (Jens Balzer)
„Das heißt, sie war auch die Mitbegründerin einer kulturellen Infrastruktur, die völlig autonom war von den patriarchalen Strukturen der sonstigen Kulturindustrie. Heute würde man sagen, da entstanden ‚safe spaces‘.“ (Jens Balzer)
„Sie war eine wahre Pionierin, was politische lesbisch-feministische Musik betrifft, und eine gute Songschreiberin.“ Rosemary Schoenfeld von der britischen radikal-feministischen Band OVA)
Literatur & Quellen
Literatur von Alix Dobkin (Auswahl):
(Not Just a Songbook). New York, Tomato Publications, 1978
Alix Dobkin’s Adventures in Women’s Music. New York, Tomato Publications, 1979
Why Be Separatist? Exploring Women-Only Energy. In: Sarah Lucia Hogaland and Julia Penelope (ed.): For Lesbians Only: A Separatist Anthology. London, Onlywomen Press, 1988, S. 286-290
Finding the Lesbians is Good for Us and Good for Women. In: Julia Penelope and Sarah Valentine (ed): Finding the Lesbians: Personal Accounts From Around the World. Freedom, Crossing Press,1990. S. 1-5
Lesbian Code. In: Julia Penelope and Sarah Valentine (ed): Finding the Lesbians: Personal Accounts From Around the World. Freedom, Crossing Press,1990. S. 15f
“We didn´t get it easy, but we got it.” Alix Dobkin and Julie Dobkin. In: Lee Fleming (ed.): To Sappho, My Sister: Lesbian Sisters Write About Their Lives. North Melbourne, Spinifex Press, 1995. S. 17-32
A mother-daughter conversation: Alix Dobkin and Adrian Hood. In: Katherine Arnup (ed:): Lesbian Parenting: Living with Pride and Prejudice. Charlotte Town, Gynergy, 1995
My Red Blood: A Memoir of Growing Up Communist, Coming onto the Greenwich Village Folk Scene, and Coming Out in the Feminist Movement. New York, Alison Books, 2009
Über Alix Dobkin:
Balzer, Jens im Gespräch mit Mathias Mauersberger: Folksängerin Alix Dobkin gestorben. Symbolfigur weiblicher Selbstbestimmung. In: Deutschlandfunk Kultur am 2.6.2021
Cowan, Liza: Alix Dobkin, head lesbian. In: Feminist Current vom 19. Mai 2021
Fleming, Lee (ed.): Hot Licks: Lesbian Musicians of Note. 1996
N. N.: Lesbian Music in Concert. 1980. Alix Dobkin, Monika Jaeckel, Barbara Bauermeister
Schonfeld, Rosemary: Mein virtuelles LFT2021-Erlebnis. In: Barbara Guth und Susanne Bischoff (Hg.): OutSisters Insisters Lesben. Lesbisch-feministisches Begehren und Autonomie. Reader zum Lesbenfrühlingstreffen 2021 Bremen: „Lesbenfrühling – rising to the roots“. Hamburg, tredition, 2022, S. 42-44
Diskographie
Lavender Jane Loves Women (1973)
Living with Lesbians (1976)
XXALIX (1980)
These Women/Never Been Beter (1986)
Yahoo Australia (1990)
Love & Politics (1992)
Living with Lavender Jane (1997)
Alix Dobkin’s Adventures in Women’s Music (More Than a Songbook) (1979)
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