Empfehlungen RUTH MAIER: „ES WARTET DOCH NOCH SO VIEL AUF MICH“. 2025. REZENSION VON ROLF LÖCHEL
RUTH MAIER: „ES WARTET DOCH NOCH SO VIEL AUF MICH“. 2025. REZENSION VON ROLF LÖCHEL
Sechs Millionen Juden und Jüdinnen wurden in der Shoa vom Vernichtungsantisemitismus des nationalsozialistischen Terrorregimes bestialisch ermordet. Das sind sechs Millionen zerstörte Pläne, Hoffnungen, Lieben und Träume. Sichtbar werden sie durch diese schier überwältigende Zahl jedoch nicht. Um auch nur einigermaßen verstehen zu können, was das sechsmillionenfache Morden bedeutet, wäre es notwendig, jedes einzelne dieser sechs Millionen Leben kennen zu lernen. Das ist natürlich unmöglich. Möglich ist nur, Einblicke in einige wenige dieser vernichteten Leben zu gewinnen. Etwa durch autobiographische Dokumente, die über die Zeit des nationalsozialistischen Terror- und Vernichtungsregimes hinweggerettet werden konnten. Die Tagebücher Anne Franks sind ein solches Dokument. Ebenso diejenigen der weniger bekannten österreichischen Jüdin Ruth Maier. Dabei haben ihre Aufzeichnungen nicht weniger Aufmerksamkeit verdient als die Anne Franks.
Ruth Maiers Tagebücher führen das normale Leben von Juden und Jüdinnen vor dem nationalsozialistischen Terror wie auch ihr unermessliche Leid während der Shoa vor Augen. Denn die 1920 in Wien geborene Verfasserin begann ihre Tagebucheintragungen bereits 1932 als zwölfjähriges Mädchen und führte sie bis ins Jahr 1942, wenige Wochen bevor sie aus ihrem norwegischen Exil nach Ausschwitz verschleppt und dort sogleich auf unbekannte Weise zu Tod gebracht wurde, fort. Zwar sind einige Hefte ihrer in Notizbüchern geschriebenen Aufzeichnungen verloren gegangen, doch wird die größte so entstandene Lücke durch Maiers Briefe an ihre Familie (die jüngere Schwester, ihre Mutter und ihre Großmutter) überbrückt.
Wie der Herausgeber Jan Eric Vold im Vorwort informiert, hat er aus den über eintausend Tagebuch- und mehr als 300 Briefseiten ein Auswahl zur Veröffentlichung zusammengestellt. Ausgelassen hat er einige Passagen der Tagebucheintragungen des jungen Mädchens in Wien sowie verschiedene Gedichte und längere Abschnitte aus Prosawerken anderer, die Maier in ihr Tagebuch einzufügen pflegte. Aus den Briefen ließ er einige allzu private Informationen über Maiers Schwester unveröffentlicht, während „die Tagebuchaufzeichnungen aus Norwegen […] so vollständig wie möglich wiedergegeben“ wurden. Aus dem letzten Heft sind einige Seiten nicht überliefert, da sie von unbekannter Hand herausgerissen wurden. Dankenswerter Weise enthält der vorliegende Band zahlreiche Illustrationen, u.a. Fotografien aus Maiers Fotobuch und einige ihrer Zeichnungen und Aquarelle. Leider sind auch letztere nicht farbig abgedruckt.
Wie aus den zunächst kindlichen und später reflektierenden und politischeren Tagebüchern hervorgeht, wuchs Ruth Maier wohlbehütet in einem gebildeten, aber patriarchalen Elternhaus auf. Zu ihrem Vater hatte das Mädchen eine enge, vielleicht gar innig zu nennende Beziehung. Sie erst dreizehn Jahre alt, als er einer schweren Erkrankung erlag, und hat sie ihm stets eine liebevolle Erinnerung bewahrt. Auch ihre anderthalb Jahre jüngere Schwester stand ihr zeitlebens nah, während das Verhältnis zu ihrer Mutter ambivalent gewesen zu sein scheint.
„Papa hat ein so schönes Leben gehabt“, erinnert sie sich die 17-Jährige im Mai 1937, er „ist in vielen fremden Ländern herumgefahren, und Mama hat zuhause gewartet“. Kritisch ist das allerdings nicht gemeint. So schreibt sie ihrer Schwester im Mai 1939 fast bewundernd: „Ein Mann im Haus! Du, das ist gar nicht zu unterschätzen. Wenn er kommt, hat alles gleich ein anderes Aussehen. Alles dreht sich um ihn.“
Dreizehn-, vierzehn-, fünfzehnjährig hängt die Tagebuchschreiberin Zukunftsträumen und -wünschen wie wohl viele junge Mädchen ihres Alters zu dieser Zeit nach. So notiert die Vierzehnjährige im ersten Eintrag des ältesten erhaltenen Tagebuchs, dass sie gerne Dichterin oder Schauspielerin werden möchte, aber keinesfalls einen Beruf ergreifen will, „bei dem man nichts Großes werden kann“, und fügt sogleich selbstkritisch an. „Ich glaub’, ich bin größenwahnsinnig“. Jedenfalls möchte sie „etwas hinterlassen, ein Dokument, dass ich da war. Ein großes, schönes Werk.“ Jahre später, 1942 schreibt Ruth Maier, die schon in jungen Jahren begonnen hat zu zeichnen und Aquarelle zu malen, in einem ihrer Tagebucheinträge bescheidener, dass sie Malerin werden und damit ihren Lebensunterhalt verdienen will, ohne allerdings zu glauben, sie würde auf diesem Gebiet Herausragendes leisten können. Aber sie werde sicher „genauso gut […] zeichnen wie Tausende andere, die vom Verkauf ihrer Bilder leben“.
Ruth Maier erweist sich schon früh als kritische Leserin: „Ich spüre manchmal“, schreibt sie im Januar 1936, „wenn ich ein Gedicht oder einen Schundroman lese, wie ein guter Gedanke, etwas, was aus dem Menschen heraus will, aber so schlecht ausgedrückt ist.“ Im Jahr darauf klagt die nunmehr Siebzehnjährige, sie „fühle, wie mich das Fade, Gewöhnliche, Alltägliche abstumpft“. Doch will sie „dagegen kämpfen“. Thomas Manns „schöne Novelle“ Enttäuschung scheint ihr dabei als Stütze so geeignet, dass sie beginnt, sie abzuschreiben. Doch bricht sie die Niederschrift kurz vor deren Ende ab, denn sie ist „während des Schreibens […] darauf gekommen, dass das gar nicht richtig ist, was hier steht“. Denn „man muss im Leben das Schöne, Gute suchen. Man darf nicht warten, bis es zu einem kommt“. Überhaupt ist sie eine fleißige Leserin. Insbesondere die Klassiker haben es ihr angetan. So zählen etwa Heinrich Heine und der „gemütvolle[] Dichter“ Novalis zu ihren Lieblingsdichtern. Gelegentlich lässt sie auch Bemerkungen zu ihren Lektüren einfließen. So merkt sie etwa im Frühjahr 1941 an: „Es ist übrigens egal, was Gorki wollte. [Seine Figur, RL] Foma ist unsterblich, weil er einen Menschen zeigt, der leidet“. Eine Figur, mit der sie sich offenbar identifizieren konnte. Schreibt sie doch – nicht nur, aber auch – ihr eigenes Leid in ihr Tagebuch.
Kritisch ist Ruth Maier nicht nur ihren Lektüren gegenüber, sondern ebenso sehr in Hinblick ihren eigenen Niederschriften. So reflektiert sie immer einmal wieder über das Tagebuchschreiben. 1936 unterscheidet sie etwa zwischen
„zwei Arten von Leuten die Tagebücher schreiben. Die einen schreiben wirklich aus einer inneren Stimmung heraus. Die anderen in der heimlichen Hoffnung, dass ihr Tagebuch einmal von einem unbekannten Mäzen entdeckt wird und als ein Muster von was weiß ich für jungfräuliche und schamhafte Empfindungen Sensation machen wird. Manchmal gehöre ich zu den einen, dann zu den anderen.“
Und fünf Jahre später im April 42, nun schon längst in Norwegen: „Ich schreibe nicht Tagebuch, um ‚Reflexionen’ niederzuschreiben, geistreiche Gedanken zu verewigen. Ich schreibe, um Gefühle auszulösen, die mich sonst ersticken würden.“ Wieder einige Monate darauf stellt sie infrage, ob sie ihre Tagebücher überhaupt weiter führen möchte:
„Manchmal glaube ich, mit dem Tagebuch fertig zu sein. Ich denke, ich bin darüber hinausgewachsen, ich bin älter geworden. Das, was zu sagen war, hab’ ich gesagt. […] Wozu diese Blätter noch dienen können, weiß ich nicht. Es ist vielmehr Gewohnheit, dass ich noch schreibe.“
Überhaupt hält sie nicht nur ihr alltägliches Leben fest, sondern lässt immer wieder Reflexionen und Überlegungen einfließen. So notiert sich die Siebzehnjährige, sie müsse sich noch „über vieles klar werden. 1.) Was will ich erreichen? 2.) Wozu lebe ich? 3. Was ist überhaupt?“ Das erinnert fast ein wenig an Kants berühmte Fragen-Quadriga, die in der nach der Identität des Menschen gipfelt.
Auch dachte Ruth Maier im gleichen Jahr 1937 über Geschlechterfragen nach: „Warum gibt es keine männlichen Backfische? Ich glaube weil die Buben doch den Mädchen nicht so gefallen wollen wie die Mädchen den Buben“. Im Sommer 1939, sie ist nun 18 Jahre alt, seufzt sie: „Wenn man nur ein Mann wär’!“. Sie wünscht sich nun zwar ein Kind, zeigt sich jedoch skeptisch gegenüber dem „Geheule“ nach der „großen Liebe“, das „ein Mangel an Selbstbewusstsein, an Selbständigkeit“ sei. „Pfui, wie grauenhaft“ führt sie ihre „Liebestheorie“ im gleichen Brief an ihre jüngere Schwester weiter aus, „diese schmachtvollen Frauenzimmer, die innen halb sind und glauben, daß ER sie von ihrer angeborenen Blödheit und Wesensschwäche erlösen wird“. Nein, man müsse auch als Frau „an sich selbst arbeiten […] und selbst Klarheit bekommen und sich durchkämpfen“. Was sie betrifft, so möchte sie „ein männliches Wesen treffen, mit einem gesunden, möglichst ästhetischen Körper, mit dem ich möglichst rasch ein Kind bekommen kann. Wenn nicht Kind bekommen, so doch die verschiedenen Bedürfnisse erledigen, alles andere ist mir Schnuppe.“ Auch über die Ehe macht sie sich keine Illusionen:
„Ist das nicht eine allgemeine Eigenschaft glücklicher Ehen, dass sie 50% unter seinem Niveau steht? Oder kannst Du Dir vorstellen, dass sich eine Frau zufrieden fühlt, wenn sie nicht zu ihm heraufschauen kann? Na, kurz und gut, wenn ich noch mal auf die Welt komm’, möcht’ ich alles, nur kein Mädchen sein. Und doch, nicht einmal ich wünsch’ mir, dass mein Mann zu mir hinaufschaut. Na ... am besten ist ... gleich zu gleich“.
Doch zurück ins Jahr 1937. Als der kommende Krieg schon dunkel am Horizont dräut, hat sie angesichts eines im Kinderwagen liegenden Kleinkindes düstere Gedanken:
„Dieses Kind mit dem flachen, glückseligen, unschuldigen Gesicht ist dazu geboren, andere Menschen, seine Brüder (wie es so schön heißt), totzuschießen. Dieses Kind mit dem weichen, faltenlosen Gesicht werden sie hineinhetzen in Mord und Blut. Und dieses Kind wird von einer Granate getötet werden, und wenn es stirbt, wird es nach seiner Mutter rufen.“
Auch denkt sie oft an den eigenen Tod, das eigene Sterben. So bekennt sie, wiederum 1937, selbstkritisch, sie hätte „nicht den Mut für eine schöne Sache zu sterben. […] Es ist schrecklich, dass ich nicht sterben will.“ Wenige Monate später, scheint ihr hingegen das „Beste“ zu sein, „Selbstmord [zu begehen]“. Doch relativiert sie sogleich, das seien „vorübergehende Gedanken“. Dennoch „denk[t]“ sie „oft: Jetzt bin ich 17. Soll ich nicht sterben, bevor ich noch angepatzt vom ekligen Leben, solange ich noch ein bisschen an alles Schöne glaube.“ Dass sie „so oft an den Tod denk[t]“ erklärt sie sich damit, dass sie „fürchte[t], dass ich nichts getan haben werde.“ Das alles klingt nach dem verbreiteten Weltschmerz und dem Selbstzweifel junger Heranwachsender der sensibleren Art.
Um diese Zeit schreibt sie auch erste eigene kurze literarische Texte ins Tagebuch. So etwa den Prosatext Aus dem Tagebuch eines Krüppels und eine dialogisch verfasste Kritik des Schulunterrichts und seiner Inhalte. „Was für Schweinerein, Unanständigkeiten, Zweifel usw. könnten verhindert werden, wenn man schon in der dritten Klasse die Geschlechtsvorgänge ganz genau durchginge“, klagt eine der Figuren, „Wir, die Jugend wollen eine Schule, die uns aus Unklarheit heraushilft. Nicht eine Schule, die uns Formeln und Regeln serviert, sondern uns mit der Gegenwart verbindet, eine Schule, die wenigstens uns zu tüchtigen, brauchbaren Menschen macht.“
1938, nach der Eingliederung Österreichs ins Deutsche Reich werden Ruth Maiers Tagebucheinträge politischer und der Ton ein anderer, was nicht nur daran liegt, dass sie älter und reifer wird, sondern auch, vielleicht sogar in erster Linie an den geänderten politischen Verhältnissen.
„Als Hitler Österreich im März annektierte“, schreibt sie im September des Jahres, „jubelten [sämtliche Österreicher] und taumelten vor Begeisterung. Fahnen wurden gehisst, man fiel sich gegenseitig vor Freude in die Arme und küsste sich“. Für die jüdische Bevölkerung Österreichs war dies allerdings alles andere als ein Grund zur Freude und zum Jubeln. Denn der eh schon längst virulente Antisemitismus schwoll in dem Alpenland in allerkürzester Zeit noch weit stärker an und „die Juden wurden von ihrer bis dahin wenn auch nicht gleichberechtigten, so doch menschenmöglichen Stellung zu Unmenschen, Schweinen etc. degradiert“. Ruth Maier wird von ebenso dunklen wie berechtigten Vorahnungen geplagt: „Vielleicht bilde ich mir das ein, dass wir vor einem großen Wendepunkt in der Geschichte stehen. Vor einem blutigen grausigen Schauspiel, ja, auf jeden Fall.“
Nun, da der antisemitisch aufgepeitschte nationalsozialistische Mob beginnt, die Schaufenster, Synagogen zu zerstört, jüdische Frauen wie Männer auf offener Straße zu demütigen und zu verprügeln, ermahnt sie sich im Oktober 1938, also wenige Wochen vor den Novemberpogromen: „Ruth, merk Dir das!“ und fügt an: „Ich werde zur bewussten Jüdin, ich spüre das.“ Zugleich klagt sie: „Erst war meine Gemeinschaft die Menschheit, nun auf einmal soll mir das Judentum die Menschheit ersetzen.“ Zugleich könnte sie „weinen um die Juden, um meine kindlichen Träume von der Menschheit und von ihrer Erlösung. Ich glaube nicht mehr daran. Nein, wirklich, ich habe meinen Glauben verloren.“ Am 8. November, dem ersten Tag der Pogrome schreibt sie ebenso verzweifelt wie stark und sich dieser Stärke gewiss: „Und wenn wir alle den gelben Fleck tragen müssen: Sittlich, im Inneren, unsere Welt, die wir mit uns tragen, die können sie uns nicht nehmen. Und darum lassen sie ihre Wut an Fensterscheiben aus, schlagen sie ein und schreien: ‚Juda verrecke!’“ Weitere vier Tage darauf hört sie einen Juden im Nachbarhaus Geige spielen „Süß, nur manchmal falsch ... Trotz alledem also, trotz Pogromen, Prügel etc. wird der Jude nebenan Geige spielen, werd’ ich mir mit Herzklopfen Bilder von Michelangelo anschauen“. Es sind Momente wie diese, die ein wenig fühlbar machen, was die Nazis sechs Millionen Mal ermordet und vernichtet haben.
Ruth Maier wird sich zwar in diesen Monaten ihres Jüdischseins bewusst und ist, zumindest vorübergehend, überzeugt, dass das jüdische Volk nur in Palästina wird leben können. Doch ist sie nicht religiös, sondern versteht sich als Sozialistin. „Zuhause“ schreibt sie „sind wir Juden doch nur in Palästina. Ich möchte dazu sagen: ‚heute’. Denn morgen, morgen kommt der Sozialismus. Dann ist unser zu Hause die Menschheit, die Welt, dann werden wir wie Menschen unter Menschen leben dürfen.“ Nachdem sie Trotzkis Autobiografie und seine Bücher über die russische Revolution gelesen hat, neigt sie, wohl ebenfalls vorübergehend, dem Trotzkismus zu. Ausschlaggebend dafür dürfte auch ihre strikte Ablehnung des Stalinismus gewesen sein.
Um den Jahreswechsel 1938/39 flieht Ruth Maier mit einem zunächst auf drei Monate befristeten Visum ins norwegische Exil, während ihre nächsten Verwandten nach England gehen. Dort, in Norwegen kommt sie bei in Lillestrøm bei dem Ehepaar Strøm und deren achtjähriger Tochter unter, mit denen sie sich zunächst gut versteht. Das ändert sich aber schon bald, nachdem der wesentlich ältere Familienvater versucht hat, sie zu küssen. Überdies erweist er sich als penetranter Mansplainer, der glaubt, es gebe nichts, was er nicht wisse. Zumindest tut er so und „trägt mit Breitheit seine verschiedenen Kenntnisse vor. […] Jeden Moment macht er philosophische Bemerkungen“, die Ruth Maier als „schrecklich flach“ erkennt. Vor allem aber „sonnt [er] sich in seinen eigenen Meinungen“. Diese lästige Angewohnheit pflegt er auch im Frühjahr 1941 noch und Maiers Abneigung gegen ihre GastgeberInnen wächst: „Die ehrenwerte Familie Strøm hängt mir gelinde gesagt zu Hals heraus!“ und wenige Tage darauf: „Mir sind diese Menschen ein Graus“.
Nicht zuletzt leidet sie unter der finanziellen Abhängigkeit von den Strøms und darunter, nicht arbeiten zu können. So überlegt sie einige Zeit hin und her, ob es besser wäre, nach England weiterzureisen, obwohl dort schon die Bomben der Deutschen auf die Menschen niedergehen, sie aber bei ihrer Familie wäre, oder ob sie doch lieber in Norwegen bleiben soll. Später bemüht sie sich um ein Visum nach England sowie um ein Affidavit für die USA. Auf dem amerikanischen Konsulat wird ihr im April 1941 gesagt, eine Einreise werde ihr allenfalls nach Ende des Krieges bewilligt.
Egal wohin, sie will jedenfalls weg von den Strøms und angesichts der zunehmenden Gefahr auch weg aus Norwegen. Dort Zuflucht gesucht zu haben, notiert sie Anfang 1939, „war die größte Idiotie des ... Jahrhunderts“. Denn auch in der Schule, die sie seit Anfang 1940 besuchen, fühlt sie sich wie „eine Art Paria“. Außerdem macht sie in Norwegen auch schon vor der Besetzung durch die Deutschen antisemitische Erfahrungen. Und zwar sowohl in der Schule wie auch auf der Straße, wo sie zudem grob sexuell belästigt wird.
Ihr Lebensgefühl wird sich allerdings zumindest zeitweise wieder etwas bessern, nachdem sie nicht mehr bei der Familie Strøm lebt, und vor allen Dingen, nachdem sie in Gunvor Hofmo eine enge Freundin gefunden hat, die ihr zu dem „lichte[n] Punkt“ wird, dem „ich entgegenlebe“.
Nach dem Überfall der Deutschen auf Norwegen am 9. April 1940 und der anschließenden Besetzung war es Maier kaum noch möglich, mit ihrer Familie in England zu korrespondieren. So dauert es etwa bis Ende April 41 bis sie ein im Dezember des vorhergehenden Jahres abgesandter Brief ihrer Familie erreicht. Verständlicherweise hasst sie die Deutschen aus ganzem Herzen. Doch sie will nicht wie Herr Strøm sagen: „Dieses Volk soll ausgerottet werden.“ Denn die Deutschen, schreibt sie, seien zwar „dumm […], böse heute, sie brüllen heute wie die Tiere ihrem Führer entgegen ... später ... später wird wieder ein Goethe unter ihnen aufstehen“. An Heiligabend 1941, der von den Deutschen losgebrochene Krieg tobt nun schon seit über zwei Jahren, stellt sie im norwegischen Exil längere Überlegungen über die Deutschen, über Gewalt und Unrecht an. Ihr Eintrag endet mit den Worten: „Das höchste Ziel ist doch: nicht leiden zu machen. Ja! Eher mit den Leidenden zu leiden, als andere leiden machen.“
Bereits zuvor, im Februar 1941 ertrug Ruth Maier ihre Situation nicht mehr und bat nach einem Nervenzusammenbruch in die psychiatrische Abteilung des Osloer Ullevål-Krankenhauses aufgenommen zu werden, wo sie sechs Wochen verbringen wird, was sie ihrer Familie allerdings verschweigt.
Nach ihrer Entlassung arbeitet sie in einem sogenannten Arbeitslager, wo sie „nette Mädels“ kennenlernt, und an verschiedenen anderen Orten wie etwa im Herbst 41 einem Blumenladen, wo sie „einen Haufen Geld“ verdient, nämlich 70 Schilling in der Woche. Aus einer Arbeitsstelle wurden sie und ihre Freundin Gunvor Hofmo davongejagt, weil sie Jüdin ist und Hofmo sie gegen antisemitische Angriffe verteidigte. Zeitweise wohnt sie nun mit Gunvor Hofmo zusammen und ist ganz verzweifelt, als diese im Mai 41 verhaftet wird. Doch wird sie nach wenigen Tage wieder freigelassen. Später stand Ruth Maier dann regelmäßig Modell unter anderem für den Maler Aasmund Esval und dem wohl bekanntesten norwegischen Bildhauer Gustav Vigeland. Auch besucht sie nun wieder eine Schule. Ihr Leben bewegt sich nun „ ganz ruhig zwischen der ‚Schule’, dem Modellstehen und Gunvor“.
Vom Frühjahr 1942 an werden Ruth Maiers Tagebucheinträge zwar seltener, doch hat sie auch ihr letztes Heft bis auf die allerletzte Seite vollgeschrieben. Sollte sie noch ein weiteres begonnen haben, hat sie es wohl mit nach Auschwitz genommen. Jedenfalls ist kein weiteres überliefert.
Am 25. Oktober 1942 verschleppten die deutschen Besatzer alle in Norwegen auffindbaren jüdischen Männer nach Auschwitz.
„Sie verhaften Juden. Alle männlichen Juden von 16 bis 72. Jüdische Geschäfte sind geschlossen. Das wundert mich nicht. Mir wird schlecht. […] Man straft nicht, man schlägt keine Menschen, weil sie sind, was sie sind. Weil sie jüdische Großeltern haben. Das ist etwas Geistesschwaches, etwas Idiotisches. Es ist zum Verrücktwerden. Das ist wider die Vernunft. […] Uns quält man, weil wir Juden sind. Ich möchte die Grenze sprengen, die Juden zu Juden macht. Ich möchte Juden sehen, ohne Wunden. Ganz. Sie sollen nicht mehr weinen. Sie sollen aufrecht gehen.“
Bald darauf, am 26. November wurde alle Jüdinnen, deren die Deutschen in Oslo habhaft werden konnten, ebenfalls nach Auschwitz verschleppt. Unter ihnen auch Ruth Maier. Zunächst wurden sie auf das Schiff Donau verbracht. Ob ihre Freundin Gunvor Hofmo zugegen war, als sie an Bord ging, ist ungewiss. Hofmos eigenen Erinnerungen zufolge schon, andere Zeitzeugen berichten anderes.
Ruth Maier schrieb ihren letzten Tagebucheintrag im November 1942 ohne genau Datumsangabe, aber vor dem 12. des Monats. Sie hat dazu die französische Sprache gewählt, denn sie wollte nun „üben, auf Französisch zu schreiben“. In diesem Eintrag erwähnt sie, dass sie am Abend in eine Theateraufführung von Ibsens Die Wildente gehen wird. Ihm folgen am 12. November noch vier jeweils wenige Zeilen umfassende literarische Prosatexte, die sie „aus einem Einfall dichterischer ‚Inspiration’“ verfasst hat und deren letzter den Titel „An Mama“ trägt. Mit ihnen enden die Tagebücher.
Von dem Transportschiff Donau gelang es Ruth Maier noch, einen Brief an Gunvor Hofmo zu schmuggeln, aus dem diese 1947 in einem Brief an Maiers Schwester Judith zitiert: „Ich glaube, dass es gut so ist, wie es gekommen ist. Warum sollten wir nicht leiden, wenn so viel Leid ist? Sorg Dich nicht um mich. Ich möchte vielleicht nicht mit Dir tauschen.“
Bücher, wie der vorliegende Tagebuchband sind darum so überaus wichtig, weil sie zeigen, das mit jedem der sechs Millionen ermordeten jüdischen Menschen ein Leben voller Hoffnungen, Ängsten und Liebe und natürlich auch voller Alltagssorgen und -freuden ausgelöscht wurde. Sie machen es den Lesenden weit leichter, sich zumindest ein wenig in das Leben der Ermordeten während und, nicht weniger wichtig, noch vor dem Naziterror einzufühlen; weit mehr jedenfalls als dies noch dem besten Sach- oder Fachbuch zur Shoa je möglich sein wird.
Eine stark gekürzte Fassung des Textes erschien auf literaturkritik.de.
Ausführliche FemBiografie über Ruth Maier von Doris Hermanns.
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Jan Eric Vold.