Fembio-Specials Fembiografien von Sibylle Duda (1940-2026)
Fembio-Special: Fembiografien von Sibylle Duda (1940-2026)
Über Sibylle Duda und unsere Clique
von Luise F. Pusch
Jetzt sind wir nur noch drei, früher waren wir sechs und nannten uns „Die Clique“ - vielleicht nach dem berühmten Roman von Mary McCarthy (im Original: The Group, 1963)? Die Clique, das waren drei miteinander befreundete Lesbenpaare, die Mitte der 1980er Jahre in Hannover wohnten und arbeiteten und sich gegenseitig Halt gaben in dem damals noch immer frauenfeindlichen und homophoben Universitäts-Biotop: Eva Rieger und Hiltrud Schroeder, Sibylle Duda und Brigitte Warkus, Joey Horsley und ich (Luise F. Pusch). Eine US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin (Joey), eine Buchhändlerin (Brigitte), eine österreichische Erziehungswissenschaftlerin und Psychologin (Sibylle), eine Soziologin (Hiltrud), eine Musikwissenschaftlerin (Eva) und eine Linguistin (ich), alle geboren zwischen 1937 und 1944, trafen wir uns seit 1986 in unseren Wohnungen oder in Restaurants zum Essen und zum Aushecken feministischer Projekte, außerdem feierten wir viele Geburtstage, Buch-Vernissagen und andere berufliche Erfolge miteinander und machten gemeinsame Reisen, die erste nach Schweden, dann ging es nach Österreich in Sibylles Heimat, später in die Schweiz. Im Jahre 2011, als wir schon in alle Himmelsrichtungen zerstreut waren, lud Eva uns alle nach Dresden ein. Wieder gab uns die Gruppe gegenseitigen Halt; wir konnten über alles sprechen, sogar über Beziehungsstörungen, Arbeitsprobleme u.a. und bekamen Trost und Vorschläge, witzigen und ernsten Rat. Frauenbeziehungen waren noch immer nicht gesellschaftlich anerkannt, und wir hielten zusammen.

(Unsere Clique im Jahre 1987: Von links nach rechts: Joey, Eva, Brigitte, Sibylle, Hiltrud, Luise)
Das erste feministische Projekt war der Kalender „Berühmte Frauen“ (früher Suhrkamp, jetzt Reclam), der noch immer läuft und im nächsten Jahr sein 40jähriges Jubiläum feiert. Sibylle lieferte für „Berühmte Frauen 1989“ ihre ersten drei Beiträge über Österreicherinnen: Adelheid Popp, Marianne Hainisch und Helene Thimig. Auch in den späteren Kalendern blieb sie zuständig für die Frauen der Habsburgermonarchie und Österreichs, s.u. (Elise Richter, Charlotte von Mexiko, Katharina Schratt, Elisabeth von Österreich (genannt Sisi), Marie von Ebner-Eschenbach, Bertha von Suttner, Anna Freud, Minna Lachs, Lina Loos, Therese Krones und und und). Zweitens „übernahm“ sie Psychologinnen und Analytikerinnen: Andreas-Salomé, Bühler, Deutsch, Freud, Horney, Muchow, Thompson. Ihr dritter Schwerpunkt waren berühmte Lesben: Lagerlöf, Mead, Tiburtius, Maillart...
Sibylle war von uns allen die temperamentvollste; sie besaß einen schnellen, oft anarchisch-subversiven Witz, mit dem sie uns immer wieder zum Lachen brachte.
Und sie hatte ein großes, mitfühlendes Herz und konnte sich über Sadismus und Ungerechtigkeit empören wie keine andere. Was einer Elise Richter, Martha Muchow, Milada Horáková oder Elfriede Lohse-Wächtler angetan wurde, erzürnte sie maßlos und brachte sie zum Weinen. „Die Tragik des Lebens dieser großen Künstlerin ist kaum vorstellbar.“ - Mit diesem Satz beginnt ihr Text über Lohse-Wächtler aus dem Jahre 1998, da war diese von den Nazis ermordete Künstlerin den meisten noch kein Begriff.
Aus Sibylles entschiedenem Engagement gegen die Unterdrückung der Frauen, die häufig in den Wahnsinn führt, entstand schließlich unser gemeinsames Projekt über „Wahnsinnsfrauen“ der 1990er Jahre, drei Sammelbände mit ausführlichen Biografien hochbegabter Frauen, die wie die von Virginia Woolf imaginierte Schwester Shakespeares gerade wegen ihrer Begabung im Patriarchat zum Scheitern verurteilt waren. Der erste Band traf den Nerv der Zeit, viele Frauen erkannten sich in diesen Lebensläufen wieder, das Buch verkaufte sich über hunderttausendmal in kurzer Zeit. Sofort wollte der Verlag einen zweiten Band und dann einen dritten.
Und so hätte alles weitergehen sollen, noch ein Kalender und noch ein Buch und noch ein Projekt - aber es kam anders. Brigitte Warkus erkrankte und starb 2005 an Lungenkrebs, Sibylle zog sich nach ihrer Pensionierung nach Österreich zurück, der Kalender wurde 2010 „verschlankt“, d.h. er sollte nun nur noch ein biographisches Porträt pro Monat enthalten statt eins pro Woche wie bis dahin üblich.
Um diese 12 Biographien bewarben sich viele Interessentinnen, und Sibylle, inzwischen 70 Jahre alt und krank, wollte lieber kürzertreten.
Als 2016 bei Sibylle Lungenkrebs diagnostiziert wurde, hatte er bereits metastasiert. Dank des medizinischen Fortschritts überlebte Sibylle - wenn auch kümmerlich - weitere 10 Jahre, während Brigitte innerhalb eines Jahres gestorben war. Im Jahre 2005 gab es noch keine Immuntherapie.
Im Oktober 2025 wollten wir damals noch überlebenden Vier der alten Clique uns in Wien treffen. Aber Sibylle fühlte sich schon zu schwach für einen Besuch, und sei er noch so schonend und kurz. Unser letztes Treffen war in Berlin Ende 2017, zu Hiltruds Beerdigung. Für Sibylle war es selbstverständlich, trotz Lungenkrebs in fortgeschrittenem Stadium, von Wien nach Berlin zu fliegen, um an der Beerdigung ihrer alten Freundin teilzunehmen.
Auf Sibylles Todesanzeige steht als Beruf: Schriftstellerin. So sah sie sich also, nicht als Psychologin oder Erziehungswissenschaftlerin. Ihre Leistungen auf diesen Gebieten, von denen ihre Studentinnen noch heute begeistert erzählen, fand sie anscheinend weniger wichtig als ihre Texte, die sie als Mitglied unserer feministischen Clique schrieb.
Sibylles Biografien aus den Kalendern 1989 bis 2011 sind alle unten versammelt. Es lohnt sich, sie zu lesen!
(Text von 2026)
Sibylle Duda (5. Juni 1940 bis 25. August 2026)

































