FemBio-Special: Berühmte Malerinnen

Marianne Werefkin

(Marianne von Werefkin; Марианна Владимировна Верёвкина; Marianna Wladimirowna Werjowkina; Marianna Vladimirovna Verëvkina [wissenschaftliche Transliteration])

also available in English

geboren am 11. September 1860 in Tula, Russland
gestorben am 6. Februar 1938 in Ascona, Schweiz

russische Malerin, Kunsttheoretikerin und Mäzenin
75. Todestag am 6. Februar 2013


BiografieZitateWeblinksLiteratur & QuellenBildquellen


Biografie

Das kühne Selbstporträt der 50jährigen Marianne Werefkin mit den leidenschaftlich rotglühenden Augen, dem stolzen Blick, den »nicht naturgetreuen Farben … und wirbelnden Pinselstrichen« wird gern als Titelbild für Sammelbände über Malerinnen ausgewählt. Erst spät haben Malerinnen sich die Zulassung zu ihrem Beruf erkämpfen können, und die Revolutionärin Werefkin verkörpert und gestaltet diesen Durchbruch so triumphal und überzeugend wie kaum eine andere. Das Porträt entspricht »dem persönlichen dramatischen Selbstbild der Werefkin« (Manigold) und so gar nicht dem, was sich damals für eine Dame schickte. Werefkin war nicht nur als Malerin und Kunsttheoretikerin ihrer Zeit weit voraus, sondern auch als Frau – aber erst, nachdem sie die »weibliche« Entsagung und Aufopferung auf eine uns heute kaum nachvollziehbare Spitze getrieben – und überwunden hatte.

Marianne Werefkin

Werefkin wuchs in einer gebildeten und begüterten Adelsfamilie auf; ihre Mutter war Malerin, ihr Vater General – für seine Verdienste im Krimkrieg schenkte ihm Zar Alexander II. das Gut Blagodat in Litauen, beliebte Sommerfrische der Familie. Werefkin hatte dort ihr eigenes Atelierhaus. Nachdem die Eltern 1874 das außergewöhnliche Talent ihrer Tochter entdeckt hatten, bekam sie sofort professionellen Zeichenunterricht. 1880 wird Ilja Repin, der bedeutendste Maler des russische Realismus, ihr Privatlehrer.

1888 hatte Werefkin einen Jagdunfall und durchschoss ihre rechte, die Malhand. Werefkin wäre nicht Werefkin gewesen, wenn ein fehlender Mittelfinger sie bei der Verfolgung ihrer Ziele behindert hätte. Weit hinderlicher wurde ihre 27 Jahre währende Beziehung zu Jawlensky. 1892 lernte sie den vier Jahre jüngeren, mittellosen Offizier kennen, der gerade mit dem Malen begonnen hat, während sie bereits durch Ausstellungen als »russischer Rembrandt« anerkannt war. Werefkin wusste, dass Jawlensky ein Schürzenjäger war: »Die Liebe ist eine gefährliche Sache, besonders in den Händen Jawlenskys«. Sie lehnte eine Heirat ab, nicht zuletzt wegen der großzügigen Rente des Zaren, die sie als verheiratete Frau verloren hätte. Aber sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, ihn als Künstler in jeder Hinsicht zu fördern. Er sollte an ihrer Stelle künstlerisch all das erreichen und verwirklichen, was einem »schwachen Weibe« ja ohnehin verwehrt war.

»Drei Jahre vergingen in unermüdlicher Pflege seines Verstandes und seines Herzens. Alles, alles, was er von mir erhielt, gab ich vor zu nehmen – alles, was ich in ihn hineinlegte, gab ich vor, als Geschenk zu empfangen … damit er nicht als Künstler eifersüchtig sein sollte, verbarg ich vor ihm meine Kunst.« (Werefkin, zitiert nach Fäthke 1980:17)

Werke von Marianne Werefkin

Jawlensky dankte es ihr, indem er sich an der neunjährigen Helene Nesnakomoff verging, der Gehilfin von Werefkins Zofe, mit der er schon ein Verhältnis hatte. 1902 gebar Helene einen Sohn. Im selben Jahr begann Werefkin mit ihrem Tagebuch »Lettres à un Inconnu«. Jawlensky hatte mit seinem Hang zum Küchenpersonal als Partner dermaßen versagt, dass sie sich einen »Unbekannten« als Gesprächspartner erfand. 20 Jahre später geruhte Jawlensky, die Mutter seines Sohnes zu heiraten, als es ihm passend schien, sich gänzlich von der inzwischen verarmten Werefkin zu distanzieren.

1896, nach dem Tod des Vaters, war Werefkin mit ihrer Entourage nach München-Schwabing gezogen, wo sie bald einen berühmten Salon unterhielt, in dem sich die Kunstwelt traf und die neusten Entwicklungen diskutierte. Werefkin war die große Theoretikerin und Anregerin. 1906 hatte sie ihre zehnjährige Jawlensky-Krise überwunden, griff wieder selbst zum Pinsel und schuf in der Zeit bis zum Beginn des ersten Weltkriegs bahnbrechende, weit in die Zukunft weisende Werke, so auch ihr berühmtes Selbstporträt.

Werke von Marianne Werefkin

Im Sommer 1908 wurde Murnau zur Geburtsstätte der abstrakten Malerei, als die Paare Münter und Kandinsky sowie Werefkin und Jawlensky dort miteinander lebten, malten und debattierten. Als führender theoretischer Kopf des Quartetts gilt Kandinsky mit seiner Schrift Über das Geistige in der Kunst (1911/12). Dass er viele seiner Ideen von Werefkin übernahm (ohne die Urheberin zu erwähnen), konnte inzwischen nachgewiesen werden. (Fäthke 1 und 2) 1909 wurde die Neue Künstlervereinigung München (N.K.V.M) gegründet. Nach einer unschönen Intrige, initiiert von Kandinsky, Marc und Macke, spaltete sich 1911/12 von der N.K.V.M der »Blaue Reiter« ab. Werefkin verließ 1912 ebenfalls die N.K.V.M. und wurde zu »des blauen Reiterreiterin«, wie ihre Freundin Else Lasker-Schüler sie nannte.

Mit Ausbruch des ersten Weltkriegs ging Werefkin mit Jawlensky in die neutrale Schweiz. Durch die russische Revolution verlor sie ihre zaristische Rente. Völlig verarmt, aber ungebrochen schöpferisch und unterstützt von guten FreundInnen und BewunderInnen ihres Werks, verbrachte sie das letzte Viertel ihres langen Lebens in Ascona. Sie schenkte der Stadt, die heute den reichsten Bestand an Werefkin-Werken besitzt, viele ihrer Bilder. Sie sind zu bewundern im Museo comunale di Ascona, dem Sitz der Fondazione Marianne Werefkin.

 

Luise F. Pusch

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Zitate

Die Werekfina hatte eine sonderbare Art zu sprechen: sie zeigte dabei ihre breiten gelben Zähne, die gar nicht in den schmalen Mund passen wollten, der fein gezeichnet war, wenn sie ihn geschlossen hielt. Ihr Lachen war angenehm versöhnlich und durchaus kameradschaftlich. Wie alt mochte sie wohl sein? Es war schwer zu sagen. Zeitlos sah sie aus und geschlechtslos. »La Signora« hiess sie bei den Fischer- und Winzerfrauen, die gern vor ihr ihr Leid ausbreiteten. Und stets ward ihnen einfacher Trost zuteil: Die Malerin streichelte die Kinder, und die armen Frauen machten große Hofknickse und küssten die braunen Hände der großen Frau mit dem bunten Kopftuch, welche die Tracht des Landes trug und die Sprache des Landes sprach, so, als sei das Tessin ihre Heimat und nicht das ferne Land der Skythen.

(Friedrich Glauser, gefunden hier)

Werke von Marianne Werefkin

Je einfacher das Element des Gefühls wiedergegeben wird, um so mehr wird es eins mit der Form seines Ausdrucks.

(Marianne Werefkin, gefunden hier)

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Links

3sat.Mediathek 2009 – Marianne von Werefkin3sat.Mediathek (2009): Marianne von Werefkin – Ich lebe nur durch das Auge. Dokumentarfilm von Stella Tinbergen (1h 23min)
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Archiv Verein der Berliner KünstlerinnenArchiv Verein der Berliner Künstlerinnen 1867 e.V. Der Verein schreibt seit 1990 den Marianne-Werefkin-Preis aus (5.000,- € aus privatem Sponsoring), der in zweijährigem Turnus an eine Künstlerin verliehen wird.
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Artcyclopedia – Marianne von Werefkin OnlineArtcyclopedia: Marianne von Werefkin Online. Linksammlung.
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Die Künstlergruppe Der Große BärDie Künstlergruppe Der Große Bär. Mit einem Zeitschriftenausschnitt.
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Fondazione Marianna von WerefkinFondazione Marianna von Werefkin, Ascona. Informationen über die Stiftung, die den Nachlass von Werefkin verwaltet (Stiftung hat offenbar keine eigene Webseite).
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Internet Movie Database – Marianne von WerefkinInternet Movie Database: Marianne von Werefkin - Ich lebe nur durch das Auge (2009) (TV)
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Katalog der Deutschen Nationalbibliothek – Werefkin, Marianne vonKatalog der Deutschen Nationalbibliothek: Werefkin, Marianne von, 1860-1938
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kunstaspekte – Marianne von Werefkinkunstaspekte: Marianne von Werefkin. Ausstellungen, Sammlungen, Galerien.
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Künstlerort Murnau – Marianne von WerefkinKünstlerort Murnau: Marianne von Werefkin. Umfangreicher tabellarischer Lebenslauf und Kurzbiografie von Brigitte Salmen.
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Museum WiesbadenMuseum Wiesbaden. Das Museum beherbergt Werke von Marianne Werefkin.
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Schlossmuseum MurnauSchlossmuseum Murnau. Dauerausstellung und Sonderausstellungen zu Werefkin, dem »Blauen Reiter« und der »Neuen Künstlervereinigung München«.
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Städtische Galerie im LenbachhausStädtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München. Mit Sammlung »Blauer Reiter« (Generalsanierung bis 2012).
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ticinARTE – Marianne von WerefkinticinARTE: Marianne von Werefkin, Kunstmalerin. Über Werefkins Zeit in Ascona, mit einem Text von Gisela Fehrlin.
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Weiss 2008 – Ein historischer SommerWeiss, Hermann (2008): Ein historischer Sommer. In: Welt online, 6. Juli 2008.
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Wikipedia – Fondazione Marianne WerefkinWikipedia: Fondazione Marianne Werefkin
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Wikipedia 16.12.2009 – Marianne von WerefkinWikipedia: Marianne von Werefkin
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Literatur & Quellen

Hinweis: Dies sind keine Literaturempfehlungen, sondern die zum Thema erschienenen Titel – ohne Wertung unsererseits.

Behling, Manigold 2009 – Die Malweiber

Berger 1986 – Malerinnen auf dem Weg ins

Fäthke 1988 – Marianne Werefkin

Behling, Katja; Manigold, Anke (2009): Die Malweiber. Unerschrockene Künstlerinnen um 1900. München. Sandmann. ISBN 978-3-938045-37-4.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Behr, Shulamith (Hg.) (1988): Künstlerinnen des Expressionismus.
Aus dem Englischen von Anne Steeb und Bernd Müller Oxford. Phaidon. ISBN 0-7148-9005-7.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Brögmann, Nicole (1996): Marianne von Werefkin. Oeuvres peintes 1907 – 1936.
Textes de Madeleine Strobel Neumann … Gingins. Bibliothèque des Arts. ISBN 2-88453-023-1.
(Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Fäthke, Bernd (1988): Marianne Werefkin. Leben und Werk, 1860-1938.
Ausstellungskatalog München. Prestel. ISBN 3-7913-0886-6.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Fäthke 2001 – Marianne Werefkin

Fäthke 2004 – Jawlensky und seine Weggefährten

Gagel 2008 – So viel Energie

Fäthke, Bernd (2001): Marianne Werefkin. München. Hirmer. ISBN 3-7774-9040-7.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Fäthke, Bernd (2004): Jawlensky und seine Weggefährten in neuem Licht. München. Hirmer. ISBN 3-7774-2455-2.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Gagel, Hanna (2008): So viel Energie. Künstlerinnen in der dritten Lebensphase. Berlin , Grambin. AvivA. ISBN 978-3-932338-24-3.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Hahl-Koch, Jelena (1965): Marianne Werefkin und der russische Symbolismus. Studien zur Ästhetik und Kunsttheorie.
Dissertation Heidelberg. Universität

Krause 1998 – Der blaue Vogel auf meiner

Möller 2007 – Malerinnen und Musen des Blauen

Roßbeck (Hg.) erscheint 2010 – Marianne von Werefkin

Krause, Barbara (1998): Der blaue Vogel auf meiner Hand. Marianne Werefkin und Alexej Jawlensky. Romanbiographie. Freiburg im Breisgau. Herder. (Herder-Spektrum, 4677) ISBN 3-451-04677-6.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Merges-Knoth, Annekathrin (2004): Marianne Werefkins russische Wurzeln [Elektronische Ressource]. Neuansätze zur Interpretation ihres künstlerischen Werkes.
Dissertation Trier. Universität

Möller, Hildegard (2007): Malerinnen und Musen des »Blauen Reiters«. München. Piper. ISBN 978-3-492-05017-3.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Roßbeck, Brigitte (Hg.) (erscheint 2010): Marianne von Werefkin. Die Russin aus dem Kreis des Blauen Reiters. München. Siedler. ISBN 978-3-88680-913-4.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Russ, Sigrid (1980): Marianne Werefkin. Gemälde und Skizzen. Herausgegeben von Museum Wiesbaden. Wiesbaden. Magistrat, Presse- u. Informationsamt.
(WorldCat-Suche)

Salmen, Brigitte (2002): Marianne von Werefkin in Murnau. Kunst und Theorie, Vorbilder und Künstlerfreunde.
Ausstellungskatalog Murnau. Schloßmuseum. ISBN 3-932276-14-0.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Salmen, Brigitte (2008): 1908 – 2008, vor 100 Jahren. Kandinsky, Münter, Jawlensky, Werefkin in Murnau.
Mit Beiträgen von Bernd Fäthke, Annegret Hoberg und Brigitte Salmen Murnau. Schloßmuseum. ISBN 978-3-932276-29-3.
(WorldCat-Suche)

Weidle, Barbara (1999): Marianne Werefkin. Die Farbe beißt mich ans Herz. Bonn. Verein August-Macke-Haus; August Macke Haus. (Schriftenreihe des Vereins August-Macke-Haus e.V., Nr. 31) ISBN 3-929607-30-1.
(WorldCat-Suche)

Werefkin, Marianne (1960): Briefe an einen Unbekannten. 1901 – 1905. (=Lettres à un inconnu)
Herausgegeben von Clemens Weiler. Köln. Du Mont Schauberg.
(WorldCat-Suche)

Werefkin, Marianne (1999): Lettres à un inconnu.
Présentation par Gabrielle Dufour-Kowalska Paris. Klincksieck. (L’esprit et les formes) ISBN 2252032855.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

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Bildquellen

Blog von Nina Kouletaki
Kunst für alle
Wikimedia Commons
jawlwnsky.ch
ErnstFrick.ch
George Eastman House
Lituanus. Lithuanian quarterly journal of arts and sciences
Kunstkopie.de
ETH Zürich
Русские художники Литвы. Марианна Веревкина
Schlossmuseum Murnau
ticinARTE

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Hedwig Dohm